Category Archives: Literatur

Hakan Nesser – Himmel über London

Die Wolken ballen sich und kulminieren gewaltig über London: verschiedene Personen versammeln sich zu einem letzten Geburtstag, die Menschen haben völlig unterschiedliche Schicksale, die Motive sind unklar und dann schleicht auch noch ein Serienmörder durch die wolkenverhangene englische Metropole. Alles andere als auf den ersten Blick durchschaubar ist das Handlungsgerüst, das Himmel über London zugrunde liegt – und dann springt Nesser auch noch in der Zeit und in den Erzählebenen herum – dies verlangt dem Leser schon Einiges ab.

Wohlweislich prangt das Signet Roman auf dem Cover, denn wer sich vom Namen Hakan Nesser zur Annahme verleiten lässt, dass es sich hierbei um einen Krimi handelt, dürfte sich enttäuscht sehen. Zwar geht es auch noch peripher um einen Serienmörder, der bei seinen Opfern eine kaputte Uhr hinterlässt, dies ist aber der wohl nichtigste Erzählstrang.

Stattdessen ist Himmel über London die Studie eines todkranken Mannes inklusive dessen Familie, ein Spionageroman und eine Verneigung vor der titelgebenden Stadt London. Jeder der einzelnen Gäste, die Leonard Vermin auf seiner letzten Geburtstagsfeier begrüßt, hat einen eigenen Erzählstrang und über das ganze Buch hinweg schafft es Nesser, den Leser im Ungewissen zu halten, was diese Personen im Innersten zusammenhält.

Wer an den Romanen von Ian McEwan oder William Boyd seine Freude findet, der dürfte auch mit Himmel über London gut beraten sein.
Mit seinem neuesten Roman gelingt Hakan Nesser eine andere Tonlage als sie sonst in seinen Van-Veeteren- und Barbarotti-Krimis herrscht. Wer sich von Erwartungen losmacht, überraschen lässt und genügend Konzentration mitbringt, der erhält mit Himmel über London einen eigenwilligen und vielschichtigen Roman aus der Feder eines der besten skandinavischen Autoren!

Daniel Clay – Die Bewohner von Drummond Square

Die Asozialen

Wehe dem, der solche Nachbarn hat. Gegen die Oswalds, die eine tragende Rolle in Daniel Clays Debütroman Die Bewohner von Drummond Square verblassen alle Nachbarschaftstreite, die vorzugsweise im Privatfernsehen ausgetragen werden.

Daniel Clay wirft einen Blick in den Mikrokosmos des Drummond Square, einer trostlosen englischen Vorstadt in Southhampton. Dort leben die Oswalds, eine typische Familie der Gattung White Trash. Die Familie besteht aus dem kriminellen Vater Bob Oswald und seinen fünf Töchter, die von der Sozialhilfe leben und ihr Umwelt terrorisieren. Die anderen Kinder und deren Eltern fürchten die asozialen Nachbarn, aber niemand wagt es gegen die verhassten Nachbarn aufzubegehren. Das Recht des Stärkeren regiert und was mit Schlägen gegen ein Kind durch Bob Oswald beginnt wird am Ende des Buches in einer großen Katastrophe enden.

Vorab: Der Originaltitel „Broken“ wäre deutlich besser als der in der deutschen Übersetzung gewählte Titel „Die Bewohner von Drummond Square“. „Broken“ ist nicht nur der Name eines Charakters, dem große Bedeutung zukommt, sondern zeigt auch den Verlust von Stabilität und Verlässlichkeit.

Dysfunktionale Familien, Gewalt und keine Hoffnung

Mag das Cover auch noch relative Ordnung symbolisieren, im Buch ist nichts mehr davon übrig. Tristesse dominiert und manchmal erwischte ich mich als ich das selbe Ohnmachtsgefühl während der Lektüre verspürte, wie es die Akteure in „Die Bewohner von Drummond Square“ verspüren. Es ist kein Buch, das gute Laune macht oder dem Leser eine gute Zeit beschert – dafür ist es zu realistisch und schon nahezu naturalistisch.

Insgesamt ein Debüt, das noch Ecken und Kanten und offenbart und Steigerungspotential aufweist. Für einen ersten Wurf allerdings schon erstaunlich weit und mit einem Willen zum Realismus, den man nur bewundern kann. Ins Deutsche übertragen wurde dieses Buch von Rudolf Hermstein.

Reginald Hill – Rache verjährt nicht

Wolf ha(c)kt die Sache ab

Es ist einer der menschlichen Grundtriebe und das Grundthema dieses großartigen Romans: Rache.

Ähnlich wie im weltberühmten Roman Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas – auf den auch Reginald Hill anspielt – wurde auch in Rache verjährt nicht ein Mann hereingelegt und um seinen Ruf gebracht.

Wilfred Hadda, genannt Wolf, stieg mit seiner Firma Woodcutter Enterprises in die höchsten finanziellen Sphären auf, um anschließend tief zu fallen. Nach einer Razzia auf seinem Grundstück wird er mit einem ungeheuerlichen Vorwurf konfrontiert: er soll der Konsument von Kinderpornographie sein. Der anschließende Leidensweg des Mann hätte von Kafka nicht besser ersonnen werden können. Verurteilt und nach einer vergeblichen Flucht körperlich entstellt harrt Hadda seiner Entlassung um anschließend Rache zu nehmen.

Ein Mann will Rache

Was sich nach der Beschreibung des Klappentextes wie ein unbarmherziger und blutiger Rachefeldzug anliest, ist in Wahrheit etwas anders. Der elegante Stilist Reginald Hill erzählt eine aus mehreren Teilen bestehende Geschichte. Diese ist die Biographie eines gefallenen Mannes , eine Ode an Hills Heimat Cumbria im Norden Englands und eine Studie über Rache.

Wer ein Metzelmassaker mit der Axt im Stile eines Charles-Bronson-Films erwartet, dürfte sich schnell enttäuscht sehen. Anstelle von Gewalt dominiert die Auseinandersetzung zwischen dem einsitzenden Wolf und seiner Psychiaterin Alva Ozigbo. Dies mag nicht spektakulär sein, doch packend ist es auf jeden Fall.

Reginald Hill - Rache verjährt nicht (Cover)

Die Geschichte ist voller Esprit, witzig, mit sensationell ausbalancierten Dialogen und Bonmots versehen und nicht zuletzt auch gut ins Deutsche übertragen (übersetzt von Ulrike Wassel und Klaus Timmermann). Das macht aus Rache verjährt nicht ein besonderes Buch, das britisch im besten Sinne ist und zugleich über die ganze beachtliche Länge von knapp 700 Seiten. Ein geistreicher Roman bei dem ich sehr darüber geärgert habe, Reginald Hill erst jetzt entdeckt zu haben, obwohl er wahrlich schon einige Bücher veröffentlicht hat.

Über die ganze Lektüre hinweg hatte ich nur einen traurigen Gedanken im Hinterkopf. Dieser großartige Roman wird der letzte von Reginald Hill gewesen sein. Leider verstarb Hill im Jahr 2012. Ich hätte mir noch zahlreiche weitere Bücher von diesem eleganten Romancier gewünscht!


  • Reginald Hill – Rache verjährt nicht
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN: 978-3-518-46473-1 (Suhrkamp)
  • 683 Seiten, Preis: 9,99 €

Marisha Pessl – Die amerikanische Nacht

Gefangen im Dunkel der Nacht

Zugegeben – vor diesem phantastischen Roman war mir der Begriff Marisha Pessl noch nicht untergekommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat sich der Name der jungen Autorin aber nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt.

Mit Die amerikanische Nacht ist ihr ein vielschichtiger, spannender und unheimlicher Roman gelungen, der den Leser erst nach über 780 Seiten freigibt und ihn stellenweise an seinem eigenen Verstand zweifeln lässt. Geschickt vermengt die Autorin fiktionale Dokumente, die sie in den Text einbaut, mit einer Handlung, die sich liest, als hätten sich Hitchcock, Luis Bunuel, Jorge Luis Borges und E.T.A. Hoffmann zusammengetan, um Pessls Ich-Erzähler, den Reporter Scott McGrath, in den Wahnsinn zu treiben.
Dieser war einst ein gefeierter Reporter mit einem legendären Gespür, ehe er über einen Bericht über den legendären Filmemacher Stanislas Cordova stolperte und nach einem Prozess seine Reputation verlor. Offenbar wurde er damals auf eine falsche Fährte gelockt, damit er nicht weiter im Umfeld des geheimnisumwitterten Starregisseurs schnüffeln konnte.
Doch als Cordovas junge Tochter Ashley tot im Aufzugsschacht eines verlassenen Gebäudes gefunden wird, erwacht der Spürsinn des Reporters erneut. Diesmal will er sich nicht von seinen Nachforschungen über Ashley und ihren berühmten Vater abbringen lassen und beginnt den Spuren des Cordova-Clans nachzuspüren. Doch McGraths Suche wird zu einem Trip, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen und an deren Ende nicht nur McGrath an seinem Verstand zweifeln wird.

Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so in seinen Bann gezogen und förmlich in die Geschichte hineinstürzen lassen. Wer einen simplen Krimi erwartet, in dem der Tod der jungen Tochter Cordovas aufgeklärt wird, sieht sich schon bald heillos überfordert. Blogeinträge, erfundene Filme, diverse Metaebenen und noch viel mehr mixt Marisha Pessl zu einem Cocktail in den düstersten Farben. Wie der Titel des Originals Night Films bereits suggeriert, widmet sich der Roman mit Vorliebe dem düsteren Schaffen des legendären (und sehr überzeugend erfundenen) Stanislas Cordova und schafft es, ein wild wucherndes Referenzgeflecht zu kreieren, in dem man sich heillos verfangen kann. Was stimmt nun, was ist Einbildung?
Für mich liegt genau darin die große Stärke des Romans, da man am Ende nicht definitiv sagen kann, was nun erträumt und was real gewesen ist. Pessl zieht den Leser in einen Strudel des Ungewissen, der zumindest mich auch noch über das Ende der Lektüre hinaus beschäftigte.

Auf jeden Fall eines der stärksten, faszinierendsten und dunkelsten Bücher dieses Jahres – wenn nicht das Beste 2013!

Nickolas Butler – Shotgun Lovesongs

Notizen aus der Provinz

Beth, Henry, Kip, Lee und Ronny sind Freunde – Freunde fürs Leben direkt aus der tiefsten amerikanischen Provinz, nämlich aus Wisconsin.

So unterschiedlich wie die fünf Freunde sind, so unterschiedlich sind auch ihre Lebensentwürfe. Während Lee als gefeierter Sänger weltweiten Erfolg hat, knabbern Beth und ihr Mann Henry mit ihrer Farm am Hungertuch. Kip hingegen hatte Geld und Macht und verlor beides – und Ronny, Ex-Rodeoreiter, ist seit seinem Unfall zum Alkoholiker verkommen.

Diese Pentagon mit all seinen Beziehungen steht im Mittelpunkt des Romans „Shotgun Loversongs“ von Nickolas Butler – und jeder der fünf Freund darf abwechselnd aus seiner Perspektive über die Beziehungen und Geschehnisse in der Provinz berichten.
Wenn man dem Roman etwas vorwerfen könnte, dann vielleicht die Tatsache, dass Butlers sprachliche Mittel limitiert sind und er den verschiedenen Charakteren zu wenig persönliche Facetten abtrotzen kann – und das bei einer überschaubaren Handlung.
Dennoch fasziniert der Roman gerade aufgrund seines kargen Settings und es macht Spaß, den Fünf beim Heiraten, bei all ihren Hochs und Tiefs zuzusehen. Ähnlich wie der englische Film 4 Hochzeiten und ein Todesfall besteht auch Shotgun Lovesongs aus mehreren Hochzeiten, die dem Buch Rhythmus und Struktur verleihen.

Immer wieder trifft Amors Pfeil einen der 5 Freunde und verschiebt damit das Gefüge der Freunde und wirbelt alles durcheinander. Spitze Zungen könnte es als eine Art literarischer Dokusoap bezeichnen, ich finde aber, dass das Buch mehr als das ist.

Shotgun Lovesongs ist das feinfühlige Porträt einer Clique von Freunden um die 30 aus der amerikanischen Provinz, die sinnbildlich für ein ganzes Land im Umbruch und mit Zukunftsängsten steht!