Leserückblick Monat Juli

Juli 2015: Rückblick

Viel geschafft hab ich im Juli mal wieder: Durch einige Tage am See oder am Wochende konnte ich die Anzahl meiner gelesenen Bücher auf 16 Stück hochschrauben. Was war bei den Titeln alles dabei?

Tops & Flops

Enttäuschende Bücher hatte ich diesen Monat gottseidank keine auf dem Lesestapel – und nach dem langen Poststreik lief nun auch die Versorgung mit dem Lesestoff wieder langsam an. 
Einige Durchschnitts-Titel waren dabei, von diesen am ehesten enttäuscht wenn man so will hat mich der Titel Lauras letzte Party von J. K. Johansson. Hier erwartete ich einen Broadchurch-David-Lynch-Verschnitt, heraus kam aber nur Dutzendware ohne viel Spannungsmomente, die auch in einer mittelmäßigen Fernsehserie als Drehbuch hätte fungieren können. Dennoch immer noch lesbar und ein typisches Buch für den Strand oder einen faulen Tag.

Ansonsten waren die Tops wirklich sehr gut vertreten in diesem heißen Monat, ob Thriller in der Gluthitze von Texas (Michael Robothams Standalone Um Leben und Tod) oder anspruchsvoller Gesellschaftsroman (Amy Waldmans Der amerikanische Architekt). Zwischen Fantastik und Fiktion schwankende Roadmovies (Um Mitternacht von Augusto Cruz) oder schonungslose Biografie (Karl-Ove Knausgards Sterben) – so bunt wie mein Lesemonat war, so stagnierte er fast ohne einzigen Hänger auf sehr hohem Niveau. Besonders gut gefiel mir die Mischung aus Spannungsromanen, „hoher“ Literatur und Autobiographischem, zeigte es mir doch einmal mehr, wie langweilig Schubladendenken doch eigentlich ist. Die Mischung machts, und bei mir machte sie das sehr gut!

Das Highlight des Monats

Obwohl Im Frühling sterben von Ralf Rothmann ein exzellentes, weil außergewöhnlich gut geschriebenes berührendes Buch ist, gibt es da ein Buch mit einer ähnlich Thematik, das mich noch eine Idee mehr berührte und das mein Highlight des Monats, wenn nicht jetzt schon des Jahres ist: Anthony Doerr hat es geschrieben und es trägt den Titel Alles Licht das wir nicht sehen. Die Erzählweise und die Sprache macht dieses Buch in meinen Augen zu etwas ganz Besonderem.

Die zwei Schicksale der Jugendlichen, die im bombenumtosten Saint Malo aufeinandertreffen sind so gut ausgearbeitet und sprachlich fein ziseliert, dass es mir eine Freude war, diesen Titel in meine Hand nehmen zu dürfen. Diesem Buch wünsche ich sehr viele Leser, da es mir mal wieder gezeigt hat, was Literatur alles kann.


Was muss man gelesen haben? Was sind eure Empfehlungen, die auf jeden Bücherstapel gehören? Ich freue mich über jede Menge Anregungen!



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Jenny Rogneby – Leona – Die Würfel sind gefallen

Widdewiddewitt – ich überfall‘ ne Bank wie es mir gefällt!

Blutüberströmt betritt ein kleines Kind eine Bankfiliale. Auf einem vom Kind mitgeführten CD-Spieler wird die Herausgabe aller Barrerserven verlangt, ansonsten stürbe das Kind. Die Lösegeldübergabe geschieht auch und das kleine Kind verschwindet anschließend ohne Spur und scheint vom Erdboden verschluckt worden zu sein.
Der Vorfall erregt natürlich breites Interesse. Auf die Lösung des Falls wird die Ermittlerin Leona angesetzt, eine ebenso unkonventionelle wie streitbare Polizistin. Ständig eckt sie mit ihren Vorgesetzten an – und – es handelt sich beim Buch ja um einen Schwedenkrimi – hat auch privat mehr als ein Problem. Ihre Ehe ist nur als desaströs zu bezeichnen: ihre Tochter akzeptiert nur den Vater als Familienoberhaupt, ihr Sohn hat Morbus Crohn, Leonas Familie selbst ist versnobt und hält ihr ihre Berufswahl als Polizistin vor. Und Leona selbst ist hochgradig spielsüchtig. Doch nicht nur dieses Geheimnis versucht sie vor anderen zu verbergen. Ein anderes Geheimnis, das Leona in sich trägt, könnte der Schlüssel für die Lösung des Banküberfalls sein …
Man kann über Leona – Die Würfel sind gefallen kaum reden, ohne viel von der Handlung zu verraten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass bereits nach 100 Seiten ein wichtiger Wendepunkt  auftaucht. Dieser gibt dem ganzen Buch eine ganz neue Wendung und ließ mich zumindest an einigen Stellen eher den Kopf schütteln als atemlos vor Spannung durch die Seiten hetzen.
Auch ohne diesen Twist, der das Distinktionsmerkmal von anderen Schwedenkrimis sein sollte, muss man doch konstatieren, dass die Fantasie mit Jenny Rogneby manchmal etwas durchgegangen ist.
Allein schon die Banküberfälle scheinen mir ein bisschen an den Haaren herbeigezogen: Ein einzelnes kleines Kind, das sieben Millionen Kronen erbeutet, und das ohne Waffe, nur weil es Blut am Körper und einen CD-Player trägt? Knapp 740.00 Euro in bar soll das Kind einfach zur Tür herausschleppen? Aber gut, Schweden hat auch Pippi Langstrumpf hervorgebracht, da ist einiges möglich. 
Leider hat der ganze Roman derartige Logiklöcher, dass diese die Erzählstruktur nachhaltig stören. 
Realistisch ist an Leona – Die Würfel sind gefallen kaum etwas, Auch wenn es sich um ein Werk der Fiktion handelt, habe ich bei diesem Buch, das von einer Polizei-Insiderin geschrieben wurde, etwas mehr erwartet.
Erinnert hat mich das Ganze etwas an eine Mischung aus Jo Nesbos Thriller „Headhunter“ und einem an Jim Thompson geschulten Noir-Versuch, dem allerdings schon nach kurzer Zeit die Luft ausgeht. Leider keine wirkliche Empfehlung – statt eines schnellen Schweden-Thrillers gibt es ein hanebüchenes, überkonstruierter und fernab jeglicher Logik mäanderndes Buch. Kein unbedingter Lektüretipp.

Daniel Woodrell – In Almas Augen

Erinnerungssplitter

Er ist einer der großen Unbekannten der amerikanischen Literatur, die in Deutschland meiner Meinung nach sträflich vernachlässigt werden – die Rede ist von Daniel Woodrell. Daniel Wer? In Deutschland wird dieser Autor erst langsam bekannter, obwohl er schon einige formidable Erfolge vorweisen kann. Am bekanntesten dürfte wahrscheinlich sein Buch Winters Knochen sein, das unter dem Originaltitel Winter’s Bone mit Jennifer Lawrence verfilmt wurde. Ein wüster und dreckiger Neo-Country noir, der ins Hinterland von Amerika führt.

Nach einigen Veröffentlichungen liegt nun sein neuestes Werk im Taschenbuch vor, das den Titel In Almas Augen trägt. Dieses Buch hat es bis auf Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste geschafft, ein beachtlicher Erfolg für den Autor, dem der große Durchbruch noch immer nicht beschieden ist.

In Almas Augen erzählt geschickt montiert die Geschichte eines großen Unglücks, das 1929 eine Kleinstadt in Missouri heimsuchte. Bei einer Ballveranstaltung flog das gesamte Gebäude in die Luft, Augenzeugen berichteten von 30 bis 90 Meter hohen Lohen, die in den Nachthimmel aufstiegen. Zahlreiche Tote waren das Ergebnis des Unglücks – die Erinnerung an die Geschehnisse von damals ist noch höchst lebendig. Doch handelte es sich wirklich um ein Unglück – oder was ist damals wirklich passiert?

40 Jahre nach der Explosion meldet sich die Erinnerung und das Gewissen von Alma, einer alten Haushälterin die damals schon im Ort wohnte, zu Wort. In kleinen Splittern setzt sich langsam ein Bild der damaligen Ereignisse zusammen. In den Erzählungen von Alma bildet sich sukzezzisve ein Mikrokosmos des damaligen Leben, bestehend aus Korruption, Wegschauen und Begehren. Immer wieder werden kleine Miniaturen der Ballbesucher in den Text geschnitten und man betrachtet das Alltagsleben durch die Augen Almas und sieht, wer wen betrog und welche Geheimnisse die Bürger hüteten.

Erst auf den letzten Seiten löst Woodrell die Hintergründe zu der Explosion auf und zeigt dem Leser durch Almas Augen, wie es zu dem Ereignis kam. Bis dahin wurde man mit einer klug gestrickten Erzählung bestens unterhalten. Wem In Almas Augen gefallen hat, der sollte dann auch mal einen Blick zum weiteren Schaffen Woodrells wagen – ich empfehle neben dem eingangs schon erwähnten Winters Knochen auch Der Tod von Sweet Mister, einem eindringlichen Porträt eines Jungen, die wider Willen in kriminelle Umtriebe hineingezogen wird.

Stuart MacBride – Das Knochenband

Nach all den ernsten und literarisch eher anspruchsvollen Titel in letzter Zeit komme ich heute mal wieder mit einem Buchtipp daher, der allen Spannungsfans gute und simple Unterhaltung bietet (dies im Sinne dass der Krimi nicht viel mehr will als gut unterhalten – keine Nabelschau der Probleme der Welt, etc.): Das Knochenband des schottischen Autors Stuart MacBride ist der achte Band der Reihe um den Dective Inspector Logan MacRae.

Die Flipperkugel von Aberdeen

Man möchte wirklich nicht in Logan MacRaes Haut stecken. Als Interims-DI darf er sich mit den gehobenen Problemen der schottischen Bürokratie herumärgern und nebenbei an diversen Fronten kämpfen. Einige Obdachlose sind verschwunden, asiatischen Migranten werden die Knie zertrümmert – über die Identität ihrer Peiniger schweigen sie sich jedoch aus, und ein Teenagerpärchen wird vermisst. Darüberhinaus wurde ein anonymes Opfer auf einem abgelegenen Parkplatz per Necklacing getötet, erwürgt und erstochen. Viel zu tun also für Logan MacRae, der von seiner Vorgesetzten DI Steel permanent unter Druck gesetzt und herumgescheucht wird.
Neben diesen ganzen Problemen erleichtert es MacRae nicht gerade, dass die Aberdeener Unterweltgröße Wee Hamish Mowat per Testament Logan zu seinem Nachfolger auserkoren hat.
Und woher kommen die Knochenbündel, die sich immer wieder an Logans Wohnungstür finden?
Logan MacRae ist wirklich die Flipperkugel von Aberdeen. An zahlreichen Fronten muss er kämpfen, seine Vorgesetzte DI Steel, die Interne Dienstaufsicht, die Unterwelt und auch ehemalige Vorgesetzte – alle wollen etwas von Logan. Dieser muss sich meist beide Beine ausreißen, um irgendetwas gebacken zu bekommen.
Das große übergeordnete Thema dieses Buchs ist die Verfilmung des Buchs Witchfire, das Harry-Potter-ähnliche Erfolge nach Aberdeen bringen soll. Die meisten der Verbrechen, die dem Leser in Das Knochenband begegnen drehen sich um die Dreharbeitenvon Witchfire, wenngleich Stuart MacBride erst im letzten Viertel des Buchs die wahren Beweggründe für einige Verbrechen offenbart.

Krimi und Komik

Bis dahin ist man mit Logan MacRae durch ein kaltes Aberdeen gehetzt und wurde köstlich unterhalten. MacBride ist nämlich einer der wenigen Autoren, dem eine passable Mischung aus düsterem und harten Thriller mit jeder Menge Komik gelingt. Die Figuren, die seine Bücher bevölkern, sind oftmals bewusst wandelnde Klischees und ihre Dialoge und Aktionen kann man manchmal wirklich nicht ernst nehmen. Dennoch gelingt es dem Schotten, die Balance zwischen seinem Krimi und dem Spaß im Buch zu bewahren.
Auch wenn sich nicht alles komplett logisch auflöst und ein, zwei Logiklöcher den Plot durchziehen ist das Buch doch eine prima Unterhaltung für alle Krimifreunde, die auch zwischen den Seiten einmal lachen können oder wollen.

Schwankendes Veröffentlichungsformat

Schade nur das schon wieder geänderte Design der Buchreihe, die auch in ihren Veröffentlichungsformaten zwischen Hardcover, Paperback und Taschenbuch springt. Hier würde ich mir einmal mehr Kontinuität wünschen, dies bleibt wohl aber nur Wunschdenken.

Karl-Ove Knausgård – Sterben

Die Kämpfe eines Lebens

Also die Existenz dieses Blogger-Portals von Random House ist schon etwas sehr Feines: man wünscht sich einfach Titel und bekommt sie meistens rasch zugesandt, um dann nach der Lektüre Besprechungen zu erstellen. So bin ich schon auf einige Titel gestoßen, die mir sonst nicht so schnell vor die Flinte gelaufen wären. Ein weiterer dieser Glücksgriffe ist nun mein Buch, das heute besprochen werden soll: Karl-Ove Knausgårds Bestseller Sterben:

Dieses Buch ist das erste eines sechsbändigen autobiographischen Romanzyklus, der im Schwedischen unter dem Titel Min Kamp, also Mein Kampf publiziert wurde. Für die deutsche Klientel hat man auf diese historisch schwierige Bezeichnung verzichtet und stattdessen sprechende Titel gewählt, die die Bücher gut subsumieren. Nach Sterben folgt Lieben, Spielen, Leben und bald auf Deutsch Träumen. Der finale Band steht auf Deutsch noch aus.

Alle Bände (insgesamt knapp 3600 Seiten) kreisen um Karl-Ove Knausgård und seine Kämpfe mit dem täglichen Leben. Im ersten Band nimmt er uns mit in seine norwegische Kindheit und den Abschied von seinem Vater. Dieser stirbt einsam als Trinker im Haus seiner Großmutter – und an Karl-Ove und seinem Bruder Yngve liegt es nun, die Beerdigung und den Nachlass zu regeln. Dabei müssen sie das völlig heruntergewohnte Haus ihrer Großmutter mitsamt seiner Bewohnerin wieder auf Vordermann bringen und kommen sich dabei auch als Brüder wieder näher. In Exkursen erzählt Knausgard von Erlebnissen als Musiker und als Journalist und seinem neuen Leben als Vater.

Sterben ist ein pralles Buch bei dem man das Gefühl hat, einem echten Menschen über die Schulter zu sehen.
Knausgård lässt keine Rückschläge und Niederlagen aus. Wo andere eine sauber ausgeleuchtete und behutsam inszenierte Biographie vorlegen, geht Knausgård dahin, wo es wehtut. Er zeigt dass Niederlagen ebenso essenziell für ein Leben sind wie Glück und Triumphe.

Diese schonungslose Ehrlichkeit und sein schriftstellerisches Talent machen aus dem Auftaktband seiner Memoiren einen Amuse-Gueule, das mehr als Appetit für die kommenden Bände macht. Ich werde mich ihrer in den kommenden Monaten annehmen!