Robert Löhr – Erika Mustermann

Bereitmachen zum Kentern

So schnell gehen sie, die Hypes unserer Zeit: Als die Piratenpartei im Herbst 2011 den sensationellen Einstand im Abgeordneten-Haus der Stadt Berlin schaffte begann ein triumphaler Siegeszug mit vielen gewonnen Sitzen in Landtagswahlen, ehe der Motor langsam zu stottern begann. Heute, eineinhalb Jahre später – die Bundestagswahl steht bevor – dümpelt die Partei unter der 5%-Hürde vor sich her und ist eher mit der eigenen Zerfleischung als mit einer Kampagne für den Bundestagswahlkampf beschäftigt.
Das Phänomen der Politik-Quereinsteiger 2.0 faszinierte die Medien und die Bevölkerung wie wenige politische Phänomene der letzten Jahre. Davon zeugt nun auch „Erika Mustermann“ von Robert Löhr – ein Roman, der sich auf literarischer Ebene diesem rätselhaften Trupp nähert.
Ausgangslage ist der Wut der Lehrerin Friederike Wolf, die schon bald eine ihrer auf einem Blog veröffentlichten Idee erfolgreich von einem Berliner Piratenabgeordneten abgekupfert entdecken muss. Als stramme Grüne beschließt sie, den Feind von innen heraus zu zersetzen und kommt schon bald einem Piraten gefährlich nahe …
Bei aller Freude über ein aktuelles Buch, das sich der Politik mit einem Augenzwinkern nähert: „Erika Mustermann“ weiß leider nicht so richtig, wo sie hinwill. Eine Liebesgeschichte, ein Porträt der Politik 2.0 oder eine Satire auf die Piratenpartei respektive die Berliner Abgeordneten?
Robert Löhr mixt verschiedenste Ansätze in sein 272-Seiten starkes Buch hinein, vergisst aber leider, die Zutaten aufeinander abzuschmecken.
Viele der Ereignisse aus der Piraten-Geschichte finden sich nahezu kaum verfremdet im Buch wieder (Abmahnungen von Julia Schramm, Claus-Gerwald Brunner alias Faxe, einen kecken Redner aka Christopher Lauer, etc.) und zeigen das Bild einer Partei, die alles anders machen wollte und doch an sich selbst zu scheitern droht. Darüber hinaus gibt es Liebesszenen, Rollenspielbeschreibungen, Fachchinesisch und noch viel mehr, dass bei mir zumindest leider eher einen konfusen Eindruck hinterließ.
Das Gerüst, auf dem das Buch aufbaut, ist äußert dünn und dürftig und vermag nicht so richtig zu überzeugen: Hasserin der Piratenpartei avanciert zu einer Piraten und geht den Weg wieder zurück. Leider verbindet sich die Handlung mit äußerst flach gezeichneten Figuren, denen die Plastizität abgeht. Auch leistet sich Löhr leider einige sprachliche Schnitzer, die zwar nicht sehr ins Gewicht fallen, den Lesegenuss von „Erika Mustermann“ etwas mindern.
Dennoch kann das Buch auch aufgrund seiner Sprache punkten, denn der Autor bedient sich für seine Erzählung eines Stilmixes aus Wikipediaartikeln, IT-Sprache und längeren normal gehaltenen Passagen. Diese bunte Mischung macht in meinen Augen den Reiz dieses Buches aus und lässt den computeraffinen Leser an einigen Stellen schmunzeln.
So würde ich das Buch als ein willkommenes Geschenk an alle Computerfreunde und Piraten-Sympathisanten oder wahlweise auch Gegner bezeichnen, der große literarische Wurf ist „Erika Mustermann“ leider nicht geworden – dazu fehlt einfach eine ausgewogene Mischung der verschiedenen Faktoren.

Joe R. Lansdale – Gluthitze

Der Stich ins Wespennest

Derb, brutal und spannend – das sind die Adjektive, die das Buch Gluthitze von Joe R. Lansdale wohl am besten beschreiben.

Bereits 2010 unter dem Titel Gauklersommer im Golkonda-Verlag erschienen hat sich der Suhrkamp-Verlag die Rechte für das Taschenbuch gesichert und dieses nun unter einem weniger aussagekräftigen Titel publiziert.  

Wie schon bei Kahlschlag, dem ersten von Lansdale im Suhrkamp-Verlag erschienen Roman, stellt sich wieder ein einzelner Protagonist einem ganzen System entgegen, um für Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen.

Diese Verbindung kommt nicht von Ungefähr, schließlich ist Cason Statler der Urenkel der in Kahlschlag agierenden Sunset Jones, die schon vor Generation im texanischen Kaff Camp Rapture ein Verbrechen aufdeckte. In Gluthitze ist es nun an Cason, die Familientradition zu wahren und dem Bösen den Kampf anzusagen.

Die Heimkehr des Cason Statler

Cason kehrt aus dem Irak-Krieg zurück und findet bei der örtlichen Dorfgazette eine Anstellung als Kolumnist, wo er schnell seinen Riecher beweist. Statler, früher einmal für den Pulitzer-Preis nominiert, klemmt sich hinter die Geschichte der verschwundenen Caroline, über deren Verbleib sich das Dorf ausschweigt. Schon bald pflastern Gewalt und Leichen den Weg zur Wahrheit, den Cason unbeirrt beschreitet..  

Gluthitze ist ein typischer Lansdale: Wie immer in Texas angesiedelt erzählt der amerikanische Autor von einer bigotten Gesellschaft und skrupellosen Morden, charakterisiert einen gescheiterten Reporter und blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft.

Leider zählt die Geschichte nicht zu den stärksten Romanen, die Lansdale vorgelegt hat. Der Plot ist zumindest in den ersten Teilen reichlich übersichtlich und lässt einiges an Finesse vermissen, ehe er im letzten Drittel noch einmal aufdreht. Auch kann die Sprache und die Zeichnung der Charaktere von Gluthitze nicht immer überzeugen – zu derb und brutal sind manche Passagen und Protagonisten geraten.

Dennoch ist es für mich unerklärlich, warum ein fantasievoller und sprachmächtiger Autor wie Lansdale nach wie vor eher den Krimikennern als der breiten Masse ein Begriff ist. In seinen Werken beweist er – mal stärker, mal eher weniger – wie bunt und aufregend Kriminalliteratur sein kann.

Zwar mag Gluthitze nicht Lansdales Meisterwerk sein, spannend und originell ist das Buch doch zumeist und passt nicht nur vom Titel her hervorragend zum Sommer und sorgt für einige spannenden Stunden in der Hitze!

Peter Heller – Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Big Hig ist Legende

Hätten sich Daniel Dafoe und Cormac McCarthy zusammengeschlossen, um eine Dystopie zu schreiben, wäre wohl so etwas wie „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ von Peter Heller dabei herausgekommen.

Das Setting des Romans ist in den Grundzügen schon wohlbekannt und erinnert ein wenig an „Ich bin eine Legende“ von Richard Matheson. Nach einer Epedemie in den Vereinigten Staaten ist die Bevölkerung dezimiert worden und das Land liegt brach. Big Hig lebt zusammen mit dem Hund Jasper und seinem Nachbarn, dem Waffennarren Bangley, auf einem verlassenen Flughafengelände.
Seine Tage verbringt Big Hig mit dem Anpflanzen von Gemüse, Angeln und überwiegend mit Patrouillenflügen mit seiner alten Cessna. Dabei leistet ihm der betagte Hund Jasper Gesellschaft.

Aus diesem dystopischen Grundsetting baut Peter Heller eine Geschichte, die die Erwartungen des Covers ins Leere laufen lässt. Statt schöner Bilder zeigt der Survivalexperte ein ungeschöntes Bild vom Leben und Sterben und vom Kampf um die eigene Existenz. Der Tod ist ein festes Element in „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ und kommt brutal und plötzlich daher. Trotzdem gelingt es Peter Heller auch einfühlsame Momente zu schildern, die den Glauben an das Gute im Menschen wahren. So gerät der Roman zu einem versöhnlichen Stück Literatur, das den Blick immer nach vorne richtet und Optimismus verstrahlt.

Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Diese Dinge geschehen nicht einfach so ist das Debüt der Amerikanerin Taiye Selasi in der literarischen Disziplin des Romans. Bisher ist sie eher mit Aufsätzen und Erzählungen in Erscheinung getreten, um jetzt mit ihrem Romanerstling die Kritik auf sich aufmerksam zu machen.

Der Roman erzählt von der wahrlich kosmopolitischen Familie, die der Bostoner Chirurg Kwaku und seine Frau Fola gegründet haben. Ausgehend vom Tod des Familienoberhaupts erzählt Selasi von seinen Söhnen und Töchtern und seiner Frau Fola, die auf allen Erdteilen verstreut leben. Erst der Tod Kwakus führt die Familie wieder zusammen und es wird klar, was sie im Innersten zusammenhält.

Ebenso bunt wie das Cover kommt auch die Handlung und Familie von Diese Dinge geschehen nicht einfach so daher. Taiye Selasi schert sich nicht um Konventionen und erzählt ihren Roman sprunghaft und in Episodenform, wild durcheinander geschnitten. Leser, die einen linearen Aufbau nach altbekanntem Muster erwarten, dürften von diesem im S. Fischer-Verlag erschienen Buch enttäuscht werden. Selasi erweitert mit ihrem Sprachsensorium die Grenzen des für mein Empfinden oftmals recht altbacken daherkommenden Familienroman gewaltig.

Mühelos gelingt ihr der Spagat zwischen den verschiedenen Personen, dem Beziehungsgeflecht und den höchst unterschiedlichen Viten, die, obwohl der Roman insgesamt nur 400 Seiten zählt, allesamt hervorragend verknüpft sind. Themen wie die Suche nach Identität und das Verbindende von Familien sind das Hauptmotiv in diesem Roman, der diese elegant einkreist und in den Mittelpunkt stellt.

Wer das Schicksal einer etwas anderen Familie beobachten möchte und Literatur sucht, die abseits ausgetretener Pfade wandelt, dürfte mit Diese Dinge geschehen nicht einfach so richtig beraten sein!

Matthias Sachau – Hauptsache, es knallt

Schlimmer als im Auftaktkapitel zu „Hauptsache, es knallt“ von Matthias Sachau kann es kaum kommen. Jeder der schon einmal auf einer Hochzeit war oder wenigstens halbwegs die Vorstellung einer Hochzeit in Weiß bewahrt hat, wird die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen angesichts des geballten Chaos in Sachaus neuem Buch.
Doch wie es zu diesem Hochzeitsdesaster kam, klärt der Autor erst langsam und lässt den Wahnsinn, der über die Hochzeitsgesellschaft rund im Janina (Traumfrau Typ Eiche) und Markus hereinbricht, langsam beginnen. Doch das Desaster nimmt unaufhörlich seinen Lauf und im Stile der 24-Serie droht der schönste Tag im Leben der beiden zu einer Tour de Force zu geraten, die man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht.
Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive von Tim, der als enger Freund des Brautpaares versucht, den schönsten Tag der beiden auch mit höchstem körperlichen Einsatz noch halbwegs glimpflich zu gestalten. Doch dass das nix wird weiß der Leser schon seit den ersten Seiten – und amüsiert sich köstlich dabei.
Sachau lässt sich nicht lumpen und fährt ein Monstrositätenkabinett der Hochzeitsgäste auf: Vom Hobbyrennfahrer im Rollstuhl, genannt Turbo-Erich, bis hin zum ekelhaft jovalen kölschen Füllkrug. Wer solche Gäste auf seiner Gästeliste hat sollte sich das mit dem Trauen noch einmal überlegen.
Ein großer Spaß mit vielen Pointen, den man zukünftigen Brautpaaren erst besser nach der Hochzeit schenken sollte …