Annika Büsing – Nordstadt

Liest man insbesondere Coming of-Age Romane, egal ob von Ewald Arenz, Una Mannion oder Peter Richter, so gibt es unweigerlich immer eine Szene, in der die jugendlichen Protagonist*innen nächstens in das örtliche Schwimmbad einsteigen und zumeist mit billigem Alkohol munitioniert in den Becken planschen, ehe gerne Polizei oder Bademeister auftauchen, um dem Treiben ein Ende zu machen. Als Motiv mittlerweile ziemlich überstrapaziert scheint es für Autor*innen aktuell eine magische Anziehungskraft des Schwimmbads zu geben. Auch in Annika Büsings Roman kommt dem Schwimmbad eine tragende Rolle zu, allerdings in etwas anderer Rolle als bei oben genannten Autor*innen.

Wo bei anderen Schreibenden das Schwimmbecken ein Ort des domestizierten Nervenkitzels, der Gefahr und der Erotik ist, da liegt bei Annika Büsing der Fall anders. Sie erzählt in ihrem Debüt Nordstadt eine Liebesgeschichte, die sich im Schwimmbad entspinnt, geht aber deutlich weiter, als es bei allen braven Adoleszenz-Erinnerungen anderer Autor*innen der Fall ist. Wenn jene Bücher den Nichtschwimmerbereich markieren, dann ist Annika Büsings Roman der Schwimmerbereich. Verlockend, manchmal etwas trügerisch und mit deutlich mehr Tiefe als so manch anderer Roman. Und das, obwohl das Buch doch eigentlich nur gute 120 Seiten umfasst.

Ein Leben in der Nordstadt

Ich will erzählen, wie ich ihn getroffen habe. Ich habe ihn im Schwimmbad getroffen. Bei meiner Arbeit. Ich bin Bademeisterin in einem Schwimmbad. Das Schwimmbad liegt am Stadtrand, an dem Rand, der nicht so schön ist, das ist in meiner Stadt im Norden. Ich habe mal gelesen, dass in vielen Städten der soziale Brennpunkt im Norden liegt und nicht im Süden. Woran das liegt, stand nicht dabei.

Annika Büsing – Nordstadt, S. 6

Ihn, das ist Boris. Er kommt eines Tages in das Schwimmbad, in dem Nene als Bademeisterin arbeitet. Sie leiht Boris ein Schwimmbrett, das er sich von ihr erbittet. Andere Bademeister sind deutlich strikter, was den Verleih der Bretter angeht, Nene lässt jedoch mit sich reden. Boris leidet an Kinderlähmung und versucht im Wasser seine missgebildeten Beine zu trainieren. Zwischen den beiden Figuren entspannt sich eine Liebesgeschichte, die so unkonventionell ist wie die Filme, die sie sich für ihre Kinodates aussuchen (John Wick, Fast & Furious 7, American Sniper etc.).

Man sollte sich dabei allerdings nicht von dem Label der Liebesgeschichte blenden lassen. Denn Nordstadt ist keine Liebesgeschichte. Und doch ist es eine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte, die von Vernachlässigung, Missbrauch, Armut, Gewalt und sozialer Ausgrenzung erzählt, aber eben auch von Liebe, die hier Nene und Boris zusammenbringt.

Eine widerständige Romanze

Annika Büsing - Nordstadt (Cover)

Dieses Zusammenbringen gestaltet sich aber schwierig. Denn weder Nene noch Boris haben eigentlich die Absicht, jemanden in ihr Leben zu lassen. Nene, Anfang zwanzig, hat mit ihrem Vater gebrochen. Lediglich zu ihrer Halbschwester Alma hält sie den Kontakt. Der Job im Schwimmbad gibt ihr Halt und Stabilität. Und Boris ist das Gegenteil von Stabilität. Er lügt, will keine fremde Hilfe annehmen, leidet unter den Auswirkungen der Entscheidung seiner Mutter, einer Impfgegnerin, ihr Kind nicht gegen die Kinderlähmung impfen zu lassen. Und so etwas wie ein Job ist eh nicht in Aussicht.

Sie sind beide nicht auf der Suche, und doch fassen sie Zutrauen zueinander. Der Ausleihe des Schwimmbretts folgen dann Kinodates – und langsam lassen sie beide den anderen etwas an ihrer Seelenlage teilhaben. Eine widerständige Romanze nimmt ihren Beginn, die aus dem Schwimmbad bis in die Straßen der Nordstadt führt.

Eine Liebes- aber auch Leidensgeschichte

Neben der anschaulichen Schilderung des prekären sozialen Milieus berührt vor allem die Leidensgeschichte von Nene. Dem Buch ist eine Triggerwarnung vorangestellt, die vor den enthaltenen Schilderungen von körperlicher und sexualisierter Gewalt warnt- und tatsächlich ergibt die Warnung hier Sinn. Denn Annika Büsing schildert in einem expliziten Sound die Leiden von Nene, die die Ich-Erzählerin erfuhr. Ein prügelnder Vater, Blutergüsse am Körper, Jugendamt und Wohngruppe und dann wieder zurück zum Vater. Eine Vergewaltigung im Alter von 17 Jahren folgt und traumatisiert die junge Frau weiter – kein Wunder, dass sie sich nur langsam auf Boris einlassen kann und ihn an ihrem Leben teilhaben lässt. Die Leidensgeschichte ist hier ebenso präsent wie die Liebesgeschichte.

Ungeschönt und explizit in der Sprache, das zeichnet Nordstadt aus. Weder in sozialen Fragen noch in der Schilderung von Traumatisierung hält sich Annika Büsing zurück. Auch der Tod spielt eine Rolle, der immer wieder auch unerwartet in Nenes Lebens einbricht, etwa wenn eine betagte Schwimmerin plötzlich tot an Nenes Arbeitsplatz zusammenbricht.

Und doch gelingt es der Debütantin, ein zartes Buch zu kreieren, das neben vielem Schlimmen auch von der Liebe erzählt, die sich unerwartet offenbart und die manchmal die Rettung sein kann. Sie scheut sich nicht, Begehren in Worte zu fassen und entwickelt für ihre Heldin einen unangepassten, manchmal rotzigen und bisweilen sehr dem Mündlichen abgelauschten Ton. Auch ist Nordstadt voll von literarischen Stilmitteln und Kunstgriffen wie scheinbar endlosen, durch „und“ verbundene Satzgebilde, Reihungen oder Rhythmisierungen. Ebenso unkonventionell wie die Romanze ist auch die Struktur des Textes selbst, da Nene immer wieder in ihren Erinnerungen und Gedanken hin- und herspringt und sich erst allmählich ein umfassendes Bild der beiden Figuren zeigt.

Durchaus auch Schullektüre-würdig

Deutschlehrer*innen, die beständig mit ihren höheren Schulklassen noch immer Benjamin Leberts Crazy lesen, halten hier eine frische Stimme und absolute Empfehlung in Händen, die der Lektüre, Interpretation und Analyse verdient und die viele Diskussionen eröffnen kann.

Liebe und Leiden, Nähe und Distanz, Lügen und Wahrheit, sie kennzeichnen das Buch der im Ruhrgebiet tätigen Lehrerin, die hier ein beachtliches und literarisch spannendes Debüt vorlegt. Hier ist dem Steidlverlag eine wirkliche Entdeckung gelungen!


  • Annika Büsing – Nordstadt
  • ISBN 978-3-96999-064-3 (Steidl)
  • 123 Seiten. Preis: 20,00 €

Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht

Ein Vater mit seinem Sohn auf der Flucht durch Argentinien. Ihnen auf der Spur: die Geister der Vergangenheit und Geister der Gegenwart. Mariana Enriquez hat mit Unser Teil der Nacht ein wuchtiges, dunkles, bisweilen verstörendes Mammutwerk vorgelegt, das zwischen verschiedenen Genres und Stilen oszilliert und sich einer genauen Zuordnung entzieht.


Um ihren Roman zu erzählen, wählt Mariana Enriquez den Erzählansatz verschiedener Stimmen, die mal aus auktorialer oder Ich-Perspektive erzählen. All diese Episoden spielen zu verschiedenen Zeiten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ergeben erst langsam ein großes Ganzes. Die Hauptgeschichte entspinnt sich Mitte der 70er Jahren in Argentinien. Es herrscht die Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla, Oppositionelle werden gefoltert und verschwinden spurlos.

Ein Vater und sein Sohn auf der Flucht

In dieser Zeit lernen wir Juan und seinen Sohn Gaspar kennen. Sie befinden sich auf dem Weg zum Landgut Puerto Reyes, wo sie erwartet werden. Schon auf dem Weg der beiden zeigt sich, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Juan ist ständig erschöpft, will seinen Sohn schützen – und dieser sieht in Hotelzimmern Gestalten und Geister, die nicht von dieser Welt stammen.

Mariana Enriquez - Unser Teil der Nacht (Cover)

Schnell stellt sich heraus, dass sowohl Juan als auch Gaspar so etwas wie ein zweites Gesicht haben. Sie können Geister und dunkle Kräfte sehen oder sogar heraufbeschwören. Diese Fähigkeit der Kontaktaufnahme mit der einer dunklen Welt jenseits der unseren macht vor allem Juan für einen zunächst nicht näher definierten Orden höchst interessant. Aber auch Gaspar ist für den Orden von Interesse – schließlich könnten sich die Mediumsfähigkeiten seines Vater ebenfalls auf ihn übertragen haben. Ein mögliches Schicksal, vor dem Juan seinen Sohn um jeden Preis beschützen möchte.

Und während die beiden in Richtung des Landguts Puerto Reyes reisen, treibt Juan eine weitere Sorge um. Seine Frau Rosario ist verschwunden. Ob tot oder nur verschollen, das ist noch fraglich. Um mehr über ihr Verschwinden herauszufinden, beschwört er Geister herauf, um zu klären, was es mit dem Schicksal seiner Frau auf sich hat. Doch die Beschwörungen haben ihren Preis…

Über andere Erzählerinnen und Erzähler in anderen Zeiten klären sich langsam die Rollen von Juan, Gaspar und Rosario. Aber auch in späteren Zeiten, in denen Gaspar dann schon größer ist, ist die Dunkelheit nicht fern. So verliert Gaspar beim Spielen mit Freund*innen in Buenos Aires dann eine Freundin beim Erkunden eines verlassenen Hauses an die Dunkelheit. Denn egal ob in den 70er Jahren oder bis hinein in die 90er Jahre – die Dunkelheit ist nie fern, wofür auch der geheimnisvolle Orden sorgt, der an Gaspar so großes Interesse hat.

Eine wilde Mischung mit hohen Dunkelanteil

Es ist eine völlig wilde Mischung, die Mariana Enriquez hier anrührt. Bislang ist sie mit Kurzgeschichten in Erscheinung getreten (etwa Was wir im Feuer verloren, 2017 bei Ullstein erschienen), nun legt sie ein über 830 Seiten starkes Werk vor, das alle Genrezuordnungen sprengt.

Viele der Geschichten wirken zunächst einmal reichlich unverbunden, die Anknüpfungspunkte zum bisher Gelesenen erschließen sich manchmal erst spät. So gibt es Passagen, die stark an Serien wie Stranger Things und Abenteuerbücher wie die Drei ??? erinnern, dann gibt es Horrorelemente, Beschreibung größter körperlicher Pein und Folter, bei denen die Militärdiktatur manchmal ein guter Deckmantel ist, mit dem man die eigentlichen, unsäglichen Verbrechen des Ordens kaschieren kann. Es gibt explizite Liebesszenen, Fantasy- oder eher Horrorszenen (besonders in den Ritualen, in denen die Dunkelheit beschworen wird). Wir haben es mit einer Familiensaga zu tun, genauso gibt es Okkultes neben Profanen, Orgien und erste Liebe – und die Lyrik ist sowieso immer von Bedeutung.

Stellenweise wirkt Unser Teil der Nacht wie der dunkle Gegenpart zu Carlos Ruiz Zafons Der Schatten des Windes. In Zeiten von Verbrechen und Gräuel suchen ein Vater und ein Sohn nach den Hintergründen des Verschwindens der Frau oder Mutter und erleben dabei Fantastisches, das außerhalb unserer Vorstellungs- und Erfahrungswelt liegt. Wo bei Zafon alles wie in Sepia getaucht wirkt, ist die Welt von Mariana Enriquez bedeutend dunkler. Der Tod und die Geister sind stets präsent, auf dem Landgut Puerto Reyes spielt sich Unsägliches ab. Juan versucht seinen Sohn davor zu schützen, aber die Schatten reichen weit. Und die Toten reisen schnell.

Fazit

Das zeigt Mariana Enriquez eindrücklich, der mit Unser Teil der Nacht ein dunkles, bisweilen schwer erträgliches Buch mit einem hohen Horror-Anteil gelingt. Die Militärdiktatur, ein grausamer Orden, ein Vater, der seinen Sohn vor dem Schicksal bewahren will. Das sind Teile dieser großen, dunklen Saga, die die zweite Hälfte des vergangen Jahrhunderts aus argentinischer Perspektive noch einmal aufleben lässt. Wuchtig, verstörend, dunkel- thematisch wohl eines der ungewöhnlichsten Bücher in diesem Frühjahr, das von Inka Marter und Silke Kleemann ins Deutsche übertragen wurde.


  • Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht
  • Aus dem Spanischen von Inka Marter und Silke Kleemann
  • ISBN 978-3-608-50161-2 (Klett-Cotta)
  • 832 Seiten. Preis: 28,00 €

Greg Buchanan – Sechzehn Pferde

Ist es ein Krimi? Ist es eine Erzählung übers Verschwinden? Ist es ein gelungenes Buch? Ich bin mir bei all diesen Fragen nicht sicher – was ich aber weiß: Sechzehn Pferde von Greg Buchanan ist ein außergewöhnliches Roman, der sich Erwartungen widersetzt und mit vielen Brüchen aufwartet.


Es ist ein grausam-skurriler Anblick, der sich dem Polizeibeamten Alec auf dem morgendlichen Acker eines Bauern in der englischen Einöde bietet. Sechzehn Pferdeköpfe wurden halb in der Erde verbuddelt, sodass eine Auge der Tiere noch in den Himmel blickt, der Rest der Köpfe aber verdeckt ist. Auch die entsprechenden Pferdeschweife finden sich in der Nähe – vom Rest der Körper fehlt allerdings jede Spur. Der Bauer, dem der Acker gehört, hatte noch nie Pferde und wundert sich, wie diese auf seinen Grund gelangt sind und kann Alec nicht weiterhelfen.

Um das Rätsel der Pferdeköpfe zu lösen, wird die Veterinärforensiker Cooper Allen hinzugezogen, die für die überforderte Polizei Licht ins Dunkel bringen soll. Wer hat die Pferdeköpfe vergraben, woher stammen die Tiere und was soll die skurrile Drappierung der Schädel bewirken? Alec und Cooper beginnen im kleinen Städtchen Ilmarsh zu ermitteln, einem von Verfall gekennzeichneten Küstenstädtchen, bei dem die täglichen Bingorunden noch das Spannendste zu sein scheinen.

Irgendwas ist faul im Städtchen Ilmarsh

Schnell stellt sich heraus, dass irgendwas faul im Städtchen Ilmarsh ist. Die Besitzerin einer Pferderanch hütet Geheimnisse, die das Hotel der Stadt gammelt vor sich hin, ein Landstreicher berichtet von zwei Personen, die er am Tatort gesehen hat, eine scheint geweint zu haben. Man findet Kisten mit verwesten Tieren, die verschiedene Buchstaben tragen. Der Fall wird zunehmend verworren und unübersichtlich.

„Nichts passt zusammen“, sagte Cooper und wandte sich dem Meer zu. „Jeder, der uns helfen könnte, ist tot oder lügt oder hat sich aus dem Staub gemacht. Dieser Fall ist vertrackt.“

Greg Buchanan – Sechzehn Pferde, S. 354

Und dann bricht der erste Teil des Buchs auch noch mit einem Paukenschlag ab. Alec hat einen schweren Unfall, sein Sohn verschwindet, alle Beamten, die am Tatort waren, erkranken plötzlich schwer. Die Pferdeschädel waren offenbar mit einer toxischen Anthrax-Variante verseucht, die eine – mehr Aktualität geht nicht – Quarantäne der Bewohner des Städtchens notwendig macht.

In der Folge liegt die Hauptlast der Ermittlungen auf den Schultern von Cooper, die nun alleingestellt das Rätsel dder Pferdeschädel und aller damit verbundenen Ereignisse zu lösen versucht.

Alles andere als konventionell

Greg Buchanan - Sechzehn Pferde (Cover)

Was bis hierhin vielleicht nach einem konventionellen Krimi geklungen hat, entpuppt sich in der Realität als alles andere als das. Oftmals beschlich mich beim Lesen der Eindruck, ich würde hier einem besonders experimentellen Dominik-Graf-Krimi beiwohnen. Das Buch wirkt durch zahlreiche Sprünge in der Betrachtung, eingeschobene Dialogfetzen, kurze Szenen, Chats und unklare Bezüge wie ein wild geschnittener und alles andere als konziser Film, bei dem Leerstellen und unterlassene Erklärungen zum erzählerischen Konzept gehören.

Auch wenn alle Zutaten für einen klassischen Krimi vorhanden sind (das Rätsel der Pferdeschädel, Ermittlerfiguren, eine Auflösung ganz am Ende) – so muss ich sagen, dass das, was Greg Buchanan daraus macht, alles andere als klassisch und nicht einmal zwingend ein Krimi ist.

Denn wo andere Autor*innen ihre Leserschaft an die Hand nehmen, die Figuren, ihre Hintergründe und aktuelle Entwicklungen ausbreiten, wählt Greg Buchanan den Ansatz der Verrätselung. Nichts wird auserzählt, vielmehr reißt er in unzähligen Szenen Dinge an, die ihn für seine Geschichte dann gar nicht weiter interessieren. Die Quarantäne der Stadtbewohner, die biografischen Hintergründe der Figuren, die einzelnen Sprünge nach vorne oder nach hinten werde teilweise nur en passant eingeflochten, nicht aber auserzählt. So etwas wie tiefenscharfe Figuren gibt es nicht, alle Charaktere stehen in Sechzehn Pferde nur lose nebeneinander, ohne große Verbindungen oder Beziehungen.

Schneisen im erzählerischen Dickicht

Zwar gibt es Schneisen in diesem erzählerischen Dickicht, aber diese verlieren sich auch gerne wieder oder enden im Nichts. So serviert uns Greg Buchanan kurz vor Schluss einen Täter und ein Motiv (womit wir wieder beim Krimi sind), schlüssig hergeleitet ist das eher weniger und wird sehr unvermittelt eingeführt. Auch die ganze Umgebung mit ihren Figuren bleibt seltsam nebulös. Es gibt Erpressungen, eine nahegelegene Insel, die mit ihrer Geschichte etwas an die Ostseeinsel Riems erinnert, die Anthrax-Vergiftungen, tote Tiere und verschwundene Menschen und Pferde – es bleibt aber zumindest für meinen Geschmack zu viel im Vagen.

Ich muss gestehen, dass ich mit den Sechzehn Pferden nicht wirklich warm wurde, auch wenn ich die erzählerischen Ansätze und die Weiterentwicklung eines konventionellen Krimis hier durchaus goutiere. Im Ganzen waren es mir dann aber doch einfach zu viele Brüche, Fragen und skizzenhafte Erzählelemente, die unaufgelöst blieben und keinen tieferen Sinn ergaben.

Wer einen Roman irgendwo zwischen Mystery, Krimi und Landschaftsschilderung sucht, der sollte definitiv einen Blick auf Buchanans Debüt werfen. Mich erinnerte das Buch in seinen erzählerischen Ansätzen und meinen eigenen falschen Leseerwartungen an Jon McGregors Buch Speicher 13, das für mich einige Berührungspunkte zu Sechzehn Pferde aufweist. Aber auch an Jon Bassofs Factory Town erinnerte mich das Debüt von Greg Buchanan des Öfteren.

Fazit

Ein mitreißender, linearer und spannender englische Krimi nach klassischer Machart ist das nicht. Vielmehr spielt Greg Buchanan mit Erwartungen, Verschwinden, Chronologie und Einsamkeit und schafft dadurch ein Werk, das in seiner Unangepasstheit und seiner schroffen Schnitt- und Erzähltechnik durchaus bemerkenswert ist. Für Begeisterungsstürme bei mir hat es leider nicht gereicht, obwohl ich mich eigentlich als passende Zielgruppe für Greg Buchanans Buch begreife.


  • Greg Buchanan – Sechzehn Pferde
  • Aus dem Englischen von Henning Ahrens
  • ISBN 978-3-10-397488-1 (S. Fischer)
  • 448 Seiten. Preis: 22,00 €

Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns

Zwei Strände an der Küste San Franciscos, getrennt durch vorspringende Klippen. Zwei unterschiedliche Mädchen, die diese geschickt überwinden. Und zwei ganz verschiedene Leben zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Realität. Sie stehen im Mittelpunkt des Romans Die Gezeiten gehören uns der amerikanischen Autorin Vendela Vida.


Vendela Vida wurde 1971 geboren und hat bislang sechs Romane veröffentlicht, darunter zuletzt den 2016 im Aufbau-Verlag erschienen Flucht- und Identitätsroman Des Tauchers leere Kleider. Mit Die Gezeiten gehören uns liegt nun der erste Roman im Hanser Berlin-Verlag vor, der von Monika Baark ins Deutsche übertragen wurde.

Während Vida bei uns noch keine allzu große Bekanntheit erlangt hat, ist es bislang eher der Name ihres Mannes, der aufhorchen lässt. Vida ist die Partnerin von Dave Eggers, der spätestens seit seinem Bestseller Der Circle auch hierzulande zu den großen amerikanischen Autorennamen zählt. Doch sollte man nicht den Fehler machen, Vida als schreibendes Anhängsel von Eggers zu betrachten. Denn Vida schreibt eine ganz eigenständige Prosa, die deutlich nuancierter und tiefgreifender ist, als die doch oftmals etwas unterkomplexen und auf Effekt zielenden Romane ihres Mannes.

Familien in Sea Cliff

Vendela Vida - Die Zeiten gehören uns (Cover)

Zusammen mit ihm und den Kindern lebt Vendela Vida in der San Francisco Bay Area, in der auch ihr neuer Roman angesiedelt ist, genauer gesamt im Stadtviertel Sea Cliff. Dort geht die Erzählerin Eulabee zusammen mit anderen aus wohlbehüteten und privilegierten Haushalten stammenden Mädchen auf die Privatschule Spragg. Ihre beste Freundin ist Maria Fabiola, die Eulabee bewundert und mit der sie sich am nahegelegenen China Beach in der Kunst des Klippenrennens übt.

Denn die beiden Mädchen sind Meisterin in dieser Kunst. Genau abgestimmt mit den Gezeiten und gefährlichen Wellen überwinden sie die rutschigen Klippen, um von einem Strand an den nächsten zu wechseln, ohne Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Maria Fabiola und Eulabee sind genau aufeinander abgestimmt und ergänzen sich so gut miteinander, dass sie sogar all den Nachbar*innen in Sea View weismachen, dass Maria Fabiola ein neues Familienmitglied von Eulabee ist.

Doch die Freundschaft und Harmonie erleidet schon bald tiefe Risse. Denn als Maria Fabiola und weitere Spragg-Schülerinnen behaupten, von einem Exhibitionisten angesprochen worden zu sein, stützt Eulabee diese These nicht, da sich ihre Wahrnehmung von der ihrer Freundin unterscheidet. Es setzen die typischen sozialen Ausgrenzungen in Schule und Freizeit ein, die man seit den 80ern, in denen das Buch angesiedelt ist, bis heute kennt. Kleine Botschaften im Spind, Ausladungen bei Feten – so weit, so bekannt.

Dieses hinlänglich bekannte Teenagerdrama steigert sich allerdings, nachdem Maria Fabiola dann tatsächlich verschwindet und eine öffentliche Suche einsetzt. Zwar taucht sie nach ein paar Tagen wieder auf, sie erzählt aber von einer Entführung, die sie durchlebt habe. Eulabee will ihr so recht nicht glauben, findet sich dann aber auch bald in einer ähnlichen Situation wieder.

Freundschaften und Neid, Lügen und Inszenierungen

Die Zeiten gehören uns ist ein Buch, das von einer Teenagerfreundschaft am Rande zum Erwachsenenwerden erzählt, angesiedelt in den 80er Jahren. Der typische Coming of Age-Stoff wird bei Vendela Vida aber dankenswerterweise um weitere Fragen und Themen ergänzt. So spielt ihr Buch immer wieder mit der Dualität und Dichotomien. Maria Fabiola mit ihrer reichen Herkunft und ihrem Willen zum Drama, Eulabee mit ihrer Mittelschichtfamilie und dem Neid auf Maria. Die kleinen und großen Lügen, die offenen und verdeckten Kämpfe um Gunst und Anerkennung, sie werden von Vida immer wieder durchdekliniert und tauchen in verschiedenen Abwandlungen auf, sogar auf dem abstrakt gehaltenen Cover, das die zwei getrennten Strände zeigt.

Models inszenieren sich in der Öffentlichkeit, Eulabees Vater, ein Auktionator hat Zweifel an der Echtheit eines seiner im Laden ausgestellten Gemälde, Eulabee versucht ihrem nachbarschaftlichen Umfeld falsche Aussagen über Maria unterzujubeln. Und wenn vom familieneigenen Haus die Golden Gate Bridge immer wieder im Nebel verschwunden zu sein scheint, ehe der Nebel dann später wieder aufreißt und ihren Anblick preisgibt, dann ist das nur eine Vorausdeutung des gesamten Erzählkonzeptes dieses Buchs. Es geht in Die Gezeiten gehören uns um Schein und Sein, um Lüge und Wahrheit, Inszenierung des Ichs und Glaubwürdigkeit. Das wird spätestens dann im Epilog klar, der im Jahr 2019 spielt und in dem Maria und Eulabee als erwachsene Frauen ein letztes Mal aufeinandertreffen.

Fazit

In kurzen Kapiteln nimmt schildert Vendela Vida diese Beziehung komplex und ambivalent, nimmt uns mit nach Sea Cliff und und an den Strand von China Beach, lässt uns Lügen lauschen und die Kämpfe der Pubertät noch einmal nacherleben. Sie stellt eine humorbegabte, originelle junge Erzählerin in den Mittelpunkt ihres Buch und beweist mit diesem Buch, dass sie mehr ist als Die Frau von und dass sie über eine genuin eigene Erzählstimme verfügt. Eine Buch voller Nostalgie, das die Jugend und ein heute gar nicht mehr existentes San Francisco heraufbeschwört, fernab von Social Media-Beschleunigung und Tech-Gentrifizierung.

Ein Buch, das aber auch trotz des rückblickenden Settings zeitgemäß und aktuell ist. Da verzeiht man dem Buch und dem Verlag auch die Tatsache, dass Die Gezeiten gehören uns als Titel bei Weitem nicht so stark ist wie das Original: We run the tides.


  • Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns
  • Aus dem Englischen von Monika Baark
  • ISBN 978-3-446-27226-2 (Hanser Berlin)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €

Julia Schoch – Das Vorkommnis

Biografie einer Frau

Zu meinen für das Literaturjahr 2022 geäußerten Wünschen zählte auch der, dass es mit dem autofiktionalen Schreiben ein Ende haben möge. Alle Verlage warfen in letzter Zeit immer Bücher dieser Machart auf den Markt: fiktionalisierte Autobiographien, Memoirs, Autofioktionales, nach wahren oder doch nicht so wahren Begebenheiten Erzähltes. Die Nachfrage war und ist groß. Bei mir allerdings nicht mehr. Denn ich bin eindeutig übersättigt.

Nach dem Knausgard’schen tausendseitigen Mammutzyklus, Eshkol Nevos Selbstinterview, Krachts Schweizerkundung, Alem Grabovacs Kindheit, Julia Francks Welten auseinander, Jan Wilms Schneebuch sowie dutzend anderer Bücher, etwa von Christian Dittloff, Edgar Selge, Helen McDonald, Monika Helfer, Annie Ernaux, Joachim Meyerhoff, Helga Schubert oder Tove Ditlevsen, hoffte ich, dass der Trend des autofiktionalen Schreibens passé sei.

Das Erzählen von Familiengeschichte oder Teilen der (vermeintlich) eigenen Biografie, das Spiel mit Wahrheit und Fiktion, das Hineinschreiben des Alter Egos der Autor*innen in die Texte, all das wirkte in seinem Kreisen um die eigene Befindlichkeit auf mich zunehmend manieriert und kalkuliert. Obschon viele der obigen Autor*innen tolle Geschichten zu erzählen haben und einige Vitae in ihrer literarischen Form zu überzeugen wussen, litt ich einfach an Übersättigung, aus der heraus sich auch mein Wunsch nach einem Ende dieses Trends speiste.

Es geht weiter in Sachen Autofiktion

Julia Schoch - Das Vorkommnis (Cover)

Dass mein Wunsch nach einem Ende des Booms so schnell noch nicht in Erfüllung geht, das zeigt sich nun mit Julia Schochs neuem Buch Das Vorkommnis. Wieder ist es eine Schriftstellerin namens Julia, die aus der Ich-Perspektive ein Erlebnis schildert, das in ihr eine Erschütterung auslöst und zu viel Reflektieren und Nachdenken führt, woran uns Schoch in ihrem Buch ausführlich teilhaben lässt.

So stellt sich der Autorin nach der Lesung beim Signieren eine Frau vor, die sich ihr als Halbschwester offenbart. Die Autorin umarmt die Schwester in einer Übersprungshandlung, die wahren Schockwellen entstehen dann erst aber langsam danach.

Zusammen mit ihren Kindern und ihrer Mutter fliegt die Schriftstellerin in die USA, wo sie in Bowling Green in einem Studentenwohnheim wohnt und Vorlesungen hält. Während ihr Vater daheim mit dem Tod ringt, versucht sie in der Ferne ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Vater, ihrer Schwester und ihrer eigenen Familie zu klären und hinterfragt die eigenen Erinnerungen an ihre Beziehungen und ihre Rolle als Mutter.

Das Kreisen um das eigene Ich

In kurzen Kapiteln (72 Stück auf gut 190 Seiten) durchmisst die Erzählerin die eigenen Gedanken und kreist viel um das eigene Ich, während in Sachen äußerer Handlung nur wenig passiert. Was definiert uns als Familienmenschen? Was macht Beziehungen aus? Das sind die Fragen, die Schoch in ihrem Roman umtreiben. So kommt es auch innerhalb des Romans zu einem Nachdenken über das Wesen der Fiktion, die Schoch im Bezug auf Familie hier so beantwortet:

Familie ist Fiktion.

Daran ist nichts Schlimmes. Fiktionen sind keine Täuschungen. Fiktion bedeutet dem Wort nach das Erdenken und Hervorbringen einer neuen Welt. Sie ist eine Möglichkeit, über einen kleinen Umweg in die Wirklichkeit zu gelangen“

Julia Schoch – Das Vorkommnis

Während der Lektüre beschlich mich öfter der Gedanke, dass ich hier eher dem Niederschreiben persönlicher Gedanken und einer Wirklichkeitsfindung als einem wirklich erzählerischen Werk im Sinne eines klar strukturierten und zielgerichteten Text beiwohne. Zwar fliegt die Autorin in die USA und erlebt auf dem Campus Begebenheiten, der Fokus des Buchs liegt für mich aber im assoziativen Aufrufen von Vergangenem und Erinnertem.

Auch ist für mich die Genrezuordnung als Roman wenig treffend, wenngleich dieser Begriff natürlich ein weites Feld ist und verschiedenste Ausformungen erlaubt. Mit meiner Definition des Begriffs des Romans im Sinne eines erzählenden Buchs hat Ein Vorkommnis wenig gemein (und erinnerte mich in manchen Passagen stark an das Buch von Helga Schubert).

Es interessiert mich nur wenig

Und jetzt kommt der Luxus, zu dem mich dieses höchst subjektive Blog befähigt (und in gewisser Weise auch die subjektive Erzählweise von Schochs Buch): insgesamt gesehen interessiert mich das alles allerhöchstens peripher und wusste mich nicht zu überzeugen, obwohl ich dem Buch wirklich eine Chance gab.

Gefühlt schon unzählige Male las oder sah ich Erzählungen, in denen plötzlich ein unbekanntes Familienmitglied auftaucht und in der Folge Fragen darüber entstehen, was man über seine nächsten Mitmenschen eigentlich weiß und zu wissen glaubt (etwa zuletzt bei Michael Robothams Die andere Frau).

Wahrscheinlich bin ich als auf Erzählen und literarische Finesse gepolter Leser einfach die falsche Zielgruppe für dieses Buchs. Aber die recht belanglosen Gedanken, das (für meine Begriffe) überzogene Drama, das aus der Begegnung erwächst, das beständige schriftliche Nachdenken in Verbindung mit einer recht durchschnittlichen Sprache war mir für einen überzeugenden Roman zu wenig. Ich konnte mich – vielleicht auch Mangels völlig anderer Lebenswelt und Erfahrung – in den Kosmos der Ich-Erzählerin einfach nicht einfühlen und betrachtete alles aus einer großen Distanz. Die Erzählerin, die Welt, das Erlebte, es war mir fremd und blieb es das ganze Buch über.

Gewiss, sicher kann man das Nachdenken des Romans als facettierte Darstellung der Gedankenwelt der Protagonistin rühmen, man kann die Biographie einer Frau gelungen finden, man kann Schochs Prosa als genau und reflektiert preisen. Die Spiegelung der eigenen Vita und der brüchigen Familienkonstellation grandios, das Hinterfragen dessen, was man weiß gekonnt und überzeugend ausgeführt. Ein großer Wurf, eine zeitgemäße Reflektion der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft.

Alles das wird sicherlich bald in den professionellen Kritiken und Feuilletons zu diesem Buch zu lesen sein, womöglich auch zu Recht und ich war unfähig, das alles aus dem Text zu lesen [Ein kleiner Nachtrag: quod erat demonstrandum]. Aber ich kann es leider wirklich nicht – und es tut mir für das Schochs Buch leid. Aber das ehrliche und persönliche Urteil soll auf diesem Blog stets oberstes Ziel sein.

Fazit

Schochs Vorkommnis hätte ich in Form dieser Verarbeitung nicht lesen müssen. Es lässt mich kalt, löst in mir nichts aus, ist nach dem Zuklappen bei mir schnell in den Hintergrund geraten. Für meinen Geschmack zu banal, literarisch zu uninteressant und erneut ein Beweis, dass es mit mir und dem autofiktionalen Erzählen nichts mehr werden wird. Und so bleibt in Bezug auf diese Art des autofiktionalen Schreibens für mich nur ein Wunsch bestehen, den ich paraphrasiert aus Schochs Text übernehmen möchte:

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, gleichzeit wusste ich: Es gibt keine andere Wahrheit als das, was ich sehen und fühlen kann. Und was ich fühlte, war: Es ist vorbei.

Julia Schoch – Das Vorkommnis, S. 134

  • Julia Schoch – Das Vorkommnis
  • ISBN 978-3-423-29021-0 (dtv)
  • 192 Seiten. Preis: 20,00 €