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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Wie viele Ergebnisse gibt es für den Wurf einer Münze? Zwei, möchte man sagen: Kopf oder Zahl. Ganz Gewiefte mögen jetzt noch einwenden, dass tatsächlich eine dritte Möglichkeit existiert, nämlich die, dass die Münze auf ihrem Rand stehen bleibt. Aber gibt es tatsächlich eine vierte Möglichkeit? Ja, die gibt es, wie Hervé Le Tellier in seinem Roman Die Anomalie beweist. Er verdoppelt ein Flugzeug samt Insassen und betrachtet das Chaos, das dieses Ereignis auslöst.


Alle ruhigen Flüge sind einander ähnlich. Jeder turbulente Flug ist es auf seine Weise. Es ist 16h 13, als sich vor dem Flug AF006 Paris-New York südlich von Neuschottland die wattige Barriere eines immensen Cumulonimbus aufbaut. Die Wolkenfront steigt, und das wirklich sehr rasch. Sie ist noch fünfzehn Flugminuten entfernt, aber sie breitet sich im Norden und im Süden wie ein Kreisbogen über mehrere hundert Kilometer aus und erreicht bereits eine Höhe von 45 000 Fuß. Die Boeing 787, die schon zum Landeanflug auf New York ansetzte, fliegt auf 39 000 Fuß und wird ihr nicht mehr ausweichen können, im Cockpit wird es auf einen Schlag hektisch.

Hervé Le Tellier – Die Anomalie, S. 50

Als wäre Dostojewski an Bord gewesen, schüttelt uns Hervé Le Tellier in dieser Passage seines Romans kräftig durch. Eigentlich ist der Linienflug an jenem 10. März 2021 von Paris nach New York ja wirklich einer wie jeder andere. Doch dann gerät das Flugzeug in das eben beschriebene Unwetter und wird mehr als nur gehörig durchgerüttelt. Die Piloten verhindern Schlimmeres und die Maschine entgeht dem Unglück. Doch die wirkliche Überraschung folgt dann erst 110 Tage später.

Die doppelte Boeing 787

Hervé Le Tellier - Die Anomalie (Cover)

Denn auf dem Weg von Paris nach New York erbittet eine Boeing 787 die Landeerlaubnis für den Flughafen in New York, der ihr nicht erteilt wird. Stattdessen steigen Abfangjäger auf, die das Flugzeug in Richtung Boston dirigieren. Vor Ort erwartet die Flugzeugbesatzung ein großes Aufgebot aus Sicherheitsbeamten und Spezialisten. Der Grund: es handelt sich genau um jenen Flug, der am 10. März schon einmal in New York gelandet war. Das Flugzeug: dasselbe und nicht das gleiche. Die Personen an Bord: dieselben und nicht die gleichen vom 10.03.2021. Offensichtlich hat sich das Flugzeug mitsamt seiner Besatzung einfach verdoppelt. Und da ist sie plötzlich, Die Anomalie.

Das, was nicht vorgesehen ist und allen Naturgesetzen widerspricht, es ereignet sich eben doch, genauso wie der Fall der Münze, die eben nicht auf eine Seite fällt oder auf ihrem Rand landet, sondern plötzlich wider alle Regeln in der Luft stehen bleibt. Wie man damit umgeht, das beleuchtet Hervé Le Tellier in ganz verschiedenen Facetten.

Von Killern und Musikern

Dafür wählt Le Tellier einen multipersonalen Erzählansatz. Er beginnt seinen Roman mit der Einführung von ganz verschiedenen Personen, die sich später an Bord der Boeing 787 begeben werden. Da ist ein Killer mit Doppelleben, eine ambitionierte Anwältin, ein afrikanischer Musiker. Sie alle stellt uns Hervé Le Tellier vor, ehe sie sich an Bord begeben und in New York landen.

Mit dem Auftauchen des zweiten Flugzeugs ändert sich dann alles. Le Tellier erzählt von Experten, die mit dem Unvorstellbaren konfrontiert sind. Er fügt immer gleiche Verhörprotokolle an und beobachtet die hilflose Antwort der Sicherheitsbehörden auf das Auftreten der Anomalie. Im letzten Teil des Romans erzählt er dann von den Auswirkungen, vor denen die Flugzeugpassagier*innen stehen, die sich plötzlich ihren Wiedergängern gegenübersehen.

Dabei bedient sich der französische Autor verschiedener Stilelemente, um seine Erzählung rund um das verdoppelte Flugzeug zu erzählen. So schildert er das Leben des Auftragskillers im Stile eines Thrillers, wählt mal einen nüchternen Erzählton, greift dann wieder zum Mittel der Satire, etwa wenn er den amerikanischen Präsidenten auftreten lässt, der sich alle Sachverhalte und Menschen mit TV-Serienvergleichen erschließt und zu komplexen Denkfiguren nicht in der Lage ist.

Strukturverlust in der zweiten Hälfte

Und während das Buch im ersten Teil mit seinen nebeneinandergestellten Biographien und dem klaren Hinarbeiten auf die Verdopplung des Flugzeugs im Unwetter viel Struktur hat, verliert Le Tellier im zweiten Teil bzw. letzten Abschnitt des Buchs dann etwas den Fokus, so zumindest mein Eindruck. Er zeigt das hilflose Agieren der Behörden, bei denen die eingeübten Routinen und Programme versagen, erzählt von religiösen Eiferern und dem Killer, der sich selbst in Form seines Doppelgängers liquidiert.

Das ist in seinen Ansätzen spannend, zeigt aber auch, dass wir als Gesellschaft den Umgang mit einer Anomalie, dem Abweichen vom Gewohnten, nicht wirklich geregelt bekommen. Manche flüchten sich angesichts des Undenkbaren in Religion, andere greifen zur Waffe (manche auch beides), andere wollen ihr Leben einfach wie bisher weiterleben. Irgendwie finden Le Telliers Protagonisten allesamt einen Umgang mit dem Unmöglichen, auch wenn das Motiv der Verdopplung ja alles andere als neu ist (man denke dabei nur an den letzten Blockbuster des Regisseurs Christopher Nolan, der in Tenet mit einer ganz ähnlichen Idee spielte).

Fazit

So zeigt Hervé Le Tellier in Die Anomalie das Einbrechen des Unmöglichen in unseren Alltag – und die verschiedenen Möglichkeiten, mit dieser Konfrontation umzugehen. Genauso unterschiedlich wie seine Protagonisten sind auch die Erzählansätze des Buchs, die ganz verschiedene Genres bedienen. Und auch wenn mich persönlich die Idee des Romans eher als die Ausführung selbst überzeugt hat, so ist Le Telliers Buch doch ein wirklich außergewöhnlicher Unterhaltungsroman mit philosophischer Tiefe, den man nicht so schnell vergisst.

Einen interessanten Hintergrundartikel zum Oulipo-Kern der Geschichte (Hervé Le Tellier ist der Präsident dieser formalistischen Schreibgruppe) liefert zudem der Blog Intellectures.


  • Hervé Le Tellier – Die Anomalie
  • Aus dem Französischen von Romy und Jürgen Ritte
  • ISBN: 978-3-498-00258-9 (Rowohlt)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €

(Hinweis: meine Ausgabe hier abgebildete Ausgabe mit der (wie ich finde) gelungeneren Gestaltung stammt aus dem Programm der Büchergilde und ist für Mitglieder dort käuflich zu erwerben)

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Rye Curtis – Cloris

Es gibt hilfreichere Dinge als ein paar Karamellbonbons, einen Stiefel und eine Bibel, um damit einen Flugzeugabsturz zu überleben. Doch genau damit muss die Seniorin Cloris Waldrip im gleichnamigen Roman von Rye Curtis überleben. Dieser erzählt in seinem Debüt von zwei ganz unterschiedlichen Frauen, dem Überleben in der Wildnis und dem, was uns durchhalten lässt, wenn alles auswegslos scheint (übersetzt von Cornelius Hartz).


Eigentlich eine schöne Idee, die der Ehemann von Cloris Waldrip da hatte. Das texanische Paar wollte einen Rundflug über die Bitterroot Mountains im Nordwesten der USA unternehmen. Doch dann stürzt das Kleinflugzeug ab. Ihr Mann und der Pilot sterben noch an der Unfallstelle. Wie durch ein Wunder überlebt allerdings Cloris und muss sich nun in der Wildnis der größten Aufgabe ihres Lebens stellen – der zu überleben. Die alte Dame nimmt den Kampf an und macht sich auf den Weg zurück in die Zivilisation, bewaffnet mit einer Bibel, Karamellbonbons und einem Stiefel ihres verstorbenen Mannes.

Derweil verbeißt sich die alkoholkranke Rangerin Debra Lewis in die Suche nach Cloris. Während die Öffentlichkeit und auch Lewis‘ Kollegen davon ausgehen, dass auch Cloris den Absturz nicht überlebt hat und in der Wildnis verstorben ist, folgt Debra ihren eigenen Instinkten. Zusammen mit einem Suchtrupp, einem Flugzeugpiloten und einer stets mit Merlot gefüllten Trinkflasche organisiert sie die Suche nach Cloris.

In der Wildnis der Bitterroot Mountains

Es sind zwei ungewöhnliche Heldinnen, die sich Rye Curtis für sein Debüt ausgesucht hat. Während Cloris uns ihr Schicksal per Nacherzählung schildert, unterbricht immer wieder die Gegenperspektive in Form von Debras Suchaktion die Erzählung. Die beiden Figuren nähern sich in der Wildnis der Bitterroot Mountains immer näher an. Doch da ist auch noch eine dritte, prominente Figur, die in der unzugänglichen Bergregion umherstreift. Es handelt sich um einen maskierten Mann, der Cloris immer wieder beisteht und ihr Überleben dort droben am Berg sichert. Wer ist dieser Mensch? Eine Erscheinung oder eine ganz weltliche Figur?

Rye Curtis - Cloris (Cover)

Lange Zeit ist nicht sicher, worum es sich bei dem Fremden handelt (wenngleich die meisten Leser*innen recht früh eine Ahnung haben dürften). Nicht nur diese Figur wird sich am Ende als sperrig und nicht so leicht einordenbar erweisen. Auch Cloris und Debra sind zwei Figuren, die durchaus Ecken und Kanten besitzen. So erinnerte mich persönlich die Merlot trinkende Rangerin stark an einge von Frances McDormand verkörperte Frauenfiguren, etwa Mildred Hayes in Three Billboards outside Ebbing, Missouri.

Wie es Rye Curtis gelingt, sich die Perspektiven der beiden Frauen anzunehmen, das ist für einen derart jungen Schriftsteller wirklich beeindruckend. Er verleiht den beiden Frauen unterschiedliche und überzeugende Stimme. Auch gelingt es ihm, die Wildnis der Bitterroot Mountains mitsamt der Berglöwen und Unbill der Natur eindrucksvoll einzufangen. Wie die alte Dame Cloris dort kämpft, sich (unterstützt durch den maskierten Mann) durchschlägt, und wie auch Debra Lewis unbeirrt ihr Ziel der Rettung von Cloris unbeirrt verfolgt, das macht dieses Buch so beeindruckend.

Fazit

Gewiss: bequem und glattgezogen ist das alles nicht. Rye Curtis Buch ist gefährlich. So manches Mal ist ein starker Magen vonnöten und gefällig ist Cloris auch nicht immer. Eben ganz genauso, wie es die Natur dort in der Einöde Nordamerikas auch ist. Hier schreibt ein junger Autor mit einer Stimme, die aufhorchen lässt. Ein Buch voller souveräner Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht beirren lassen. Literatur der Marke „Originell, kantig, und bleibt im Kopf“.


  • Rye Curtis – Cloris
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-75535-4 (C.H. Beck)
  • 352 Seiten, 24,00 €
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Noah Hawley – Vor dem Fall

Netflix-Afficionados könnte der Name dieses Autors schon bekannt vorkommen – denn als Headautor ist Noah Hawley für die grandiosen beiden Staffeln der Serie Fargo verantwortlich, die lose auf dem legendären Film der Coen-Brüder basiert. Auch für die Serie Bones-Die Knochenjägerin steuerte der amerikanische Drehbuchschreiber Skripte bei. Nun liefert Hawley als Autor auf dem deutschen Buchmarkt sein zweites Buch ab- Vor dem Fall heißt der Titel.

Vor dem Fall von Noah Hawley

Vor dem Fall von Noah Hawley

Darin erzählt er von einem Flugzeugabsturz, dessen Vorgeschichte und dessen Konsequenzen. Ein Privatjet mit einem Newsmogul und dessen Familie sowie weiteren illustren Gästen an Bord, stürzt auf dem Weg von Martha’s Vineyard nach New York ab. Den Absturz haben nur der per Zufall an Bord befindliche Maler Scott Burroughs und der Sohn des Newsmoguls überlebt, den Scott in einem Akt übermenschlicher Anstrengung stundenlang durch das Wasser zieht und damit rettet. Die Medien stürzen sich schon bald auf Scott und den Jungen und beleuchten den Hintergrund des Malers und ergehen sich in dubiosen Spekulationen.

Währenddessen bedrängen Scott auch die Ermittlungsbehörden, die erfahren wollen, was an Bord der Maschine wirklich geschah. Doch die Erinnerungen von Scott sind durch den Unfall wie ausgelöscht. Erst allmählich drängen diese Erinnerungen den Wrackteilen des Flugzeugs gleich an die Oberfläche.

Mit Vor dem Fall ist Noah Hawley ein toll komponierter Roman gelungen, der durch seine geschickte Montage die Spannung über die 446 Seiten zu tragen weiß. Stück für Stück enthüllt der Autor die Wahrheit, auch indem jede der an dem Flug beteiligten Personen eine eigene Rückblende erhält, wie z.B. die Stewardess oder der Leibwächter des Newsmoguls. Immer neue Facetten treten so zutage und machen das Bild des Absturzes immer runder. Daneben flechtet Hawley auch noch Bildbetrachtungen von Werken ein, die Scott Burroughs gemacht hat und erzählt in Rückblenden von dessen Leben. Dies ist handwerklich mehr als sauber gelungen – man merkt dem Buch deutlich Hawleys Herkunft vom Film an. Durch diese außergewöhnliche Montage und die filmische Erzählweise wird Vor dem Fall zu etwas besonderem und verdient eine Lektüre!

 

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Patricia Melo – Leichendieb

Absturz in Südamerika

Ein Flugzeugabsturz im südamerikanischen Dschungel, ein Paket voller Drogen im Flugzeug und ein ganz schlechter Plan – dies könnte ein Substrat des ohnehin schon sehr kompakten Romans „Leichendieb“ von Patrícia Melo sein.

Ein Absturz mit Folgen

Nachdem er beruflich schon abgestürzt ist und seinen Job verloren hat, wohnt ein Angler im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Kolumbien einem zweiten Absturz bei. Ein Pilot verliert die Kontrolle über sein Kleinflugzeug und stürzt mitsamt der Maschine in den Fluss. Der Angler nähert sich der Absturzstelle und macht eine fatale Entdeckung. Neben dem Piloten befindet sich nämlich auch ein Päckchen mit Kokain an Bord der Maschine – das er an sich nimmt.
Und damit halst sich der Kokaindieb erst richtigen Ärger auf. Denn der Einstieg ins Drogengeschäft ist mit mehr Problemen gepflastert, als er sich vorgestellt hat. Schon bald wird er zwischen den mörderischen Fronten der Drogenbanden aufgerieben und rutscht immer tiefer ins Schlamassel. Und auch privat machen ihm seine Beziehungen zu schaffen. Es wird für ihn immer schwieriger, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen,
Denn wen der Drogensumpf einmal verschluckt hat, den gibt er nicht so leicht wieder her. Um zu Überleben muss der Kokaindieb gar zum Leichendieb werde …

Ein interessanter Einblick in die Drogenszene

https://www.flickr.com/photos/peterulrich/
Mit „Leichendieb“ erlaubt Patrícia Melo dem Leser des 2014 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Werks einen hochaktuellen Einblick in die südamerikanische Drogenszene. Ähnlich wie in Don Winslows Romanen „Tage der Toten“ oder „Savages“  zeichnet die Autorin ungerührt ein Bild davon, wie Drogen die Menschen korrumpiert und sie über Leichen gehen lässt, um die eigene Haut zu retten.
Immer tiefer lässt sie ihren Helden in das selbstverursachte Schlamassel rutschen. Besonders beklemmend wird dies durch die gewählte Ich-Erzählperspektive, die den Leser in die Position des Leichendiebs zwingt. Obwohl man sich eigentlich mit diesem skrupellosen Menschen, der Leichen bestiehlt, identifizieren will, sieht man die Welt mit seinen Augen und bangt mit ihm. Gelingt es ihm sich aus dem Klammergriff der Drogenkartelle zu befreien?

Oszillierend zwischen Thriller und Komödie

Man kann „Leichendieb“ natürlich als knallharten Thriller begreifen, in dem ein Mann mit allen Mitteln um sein Überleben kämpft. Dabei muss man aber auch die komödiantischen Elemente des Buches würdigen, die immer wieder inmitten allen Grimms aufblitzen.
Durch diese Einsprengsel nimmt Melo ihrem Buch viel Schwere und sorgt dafür, dass man inmitten des Absturzes des Leichendiebs auch einmal kurz innehalten kann. 
Nach ein bisschen mehr als 200 Seiten ist der Spuk dann auch schon wieder vorbei und man hat sich aus dem südamerikanischen Drogensumpf freigekämpft. Ein schnelles, böses aber teilweise auch komisches Buch, das einen interessanten Einblick in die Drogenszene in Südamerika erlaubt!

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