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Scott Preston – Über dem Tal

Als hätten Daniel Woodrell, Ian McGuire und James Rebanks gemeinsame Sache gemacht: der Brite Scott Preston überrascht in seinem Debüt Über dem Tal mit einem sprachmächtigen Noir mit Nature Writing-Anteilen, der die Landschaft Cumbrias feiert und der von Übersetzer Bernhard Robben in ein klangreiches Deutsch übertragen wurde. Eine echte Entdeckung!


Es grenzt an Schottland und England, passt aber zu keinem der beiden Länder wirklich – zumindest der Einschätzung des Erzählers Steve Elliman nach: die Rede ist von Cumbria, das mitsamt seiner rauen Natur und den verschlossenen Bewohnern den Schauplatz des Debütromans von Scott Preston bildet.

Hier lebt der Schafzüchter Steve zusammen mit seinem Vater. Andere Höfe sind weit weg, die einzige Gesellschaft bilden die Herdwick-Schafe, die er zusammen mit seinem Vater züchtet und die die Hügel Cumbrias abweiden. Doch diese jahrhundertealte Praxis gerät schon am Beginn von Über dem Tal aus dem Takt. Denn wir schreiben das Jahr 2001 und die Maul- und Klauenseuche grassiert auch in diesem abgelegenen Teil Englands.

Schafzucht in Caldhithe

Genauso wie andere Höfe in der Nachbarschaft ihres Zuhauses müssen auch die Ellimans ihre gesamte Schafherde keulen. Eindrücklich erzählt Preston von dem brutalen Geschäft, bei dem die Züchter vom Militär „unterstützt“ werden. Scheiterhaufen mit Tieren brennen die ganze Nacht hindurch, die Lebensgrundlage der Züchter löst sich mit den Kadavern der Tiere in öligem, schwarzem Rauch auf.

Scott Preston - Über dem Tal (Cover)

Nicht lange nach diesem einschneidenden Erlebnis stirbt Steves Vater. Der im Vergleich zu den maulfaulen Nachbarin äußerst redebedürftige Mann findet Anschluss auf Caldhithe, dem Hof von William Herne. Dort verdingt er sich erneut als Schafzüchter.

Doch zunächst wollen neue Tiere für die Herde gewonnen werden, womit der Roman in die Gefilde eines Noir-Romans aus dem Hinterland abbiegt, wie man sie aus US-amerikanischer Produktion, beispielsweise von Daniel Woodrell oder Eli Cranor kennt. Denn um in den Besitz neuer Tiere zu gelangen, begeben sich William und Steve auf eine nächtlichen Diebestour, um eine fremde Herde zu stehlen. Dabei leisten ihnen Colin Tinley und dessen Subalterne Schützenhilfe. Damit ist der Weg in die Illegalität markiert, denn alle, die sich im Umfeld von Colin bewegen, werden durch den Kontakt mit ihm auf die falsche Seite des Gesetzes gelockt.

Auch Steve muss das im Lauf des Buchs lernen, wie er in seinem aus der Rückschau heraus erzählten Bericht feststellt. Doch trotz aller Klarsicht gelingt es ihm nicht, sich von Caldhithe zu lösen. Für seinen Verbleib vor Ort gibt es aber auch gute Gründe, die Preston in seinem souverän erzählten Roman an späterer Stelle noch nachführt.

Nature Writing trifft auf Cumbria Noir

Über dem Tal kombiniert das Nature Writing eines Robert MacFarlane, Einsichten in die Welt der Schafzucht, wie sie beispielsweise auch der ebenfalls in Großbritannien Herdwick-Schafe züchtende James Rebanks in seinem Sachbuch Mein Leben als Schäfer schildert. Dabei schreckt Preston auch nicht vor Brutalität zurück, beschreibt detailliert die Keulung der Schafe oder die verhängnisvollen Konsequenzen, die ein Umgang mit Menschen wie Colin Tinley hat.

Abgebunden wird all das aber durch die Sprachmacht Scott Prestons, die im Übersetzer Bernhard Robben einen kongenialen Spielpartner gefunden hat. Über dem Tal ist voll mit Neologismen und urwüchsigen Sprachbildern, die der Vielfalt der Natur dort hoch oben im Norden Englands Rechnung tragen, sodass man selbst durch die Hügelketten und Berghänge zu stapfen meint:

Die Sonne schoss über einem Durcheinander weit entfernter Hügel auf, als wäre sie am Grunde eines Tals gefangen gewesen. Ich versuchte nicht zu blinzeln, als ihr Licht die Breitseite der Fells aufleuchten ließ. Der Höchste war Shinmara, dessen Gipfel oft bis weit in den Frühling hinein weiß blieb. Die Ostflanke war von Steinbrüchen durchrecht, mit Schieferminen, längst erschöpft, der Stein verkauft, für Dachpfannen oder Billardtische verbraucht. Nord- und Südhang fielen zu den Rippenbögen von Brimlaw Haws und Niskr Crag ab, bis sie in den Felsgrund der Irischen See übergingen.

Es hatte Augenblicke gegeben, in denen ich wollte, dass sich all das in Luft auflöste – die Berge, die Wanderwege, die Schafe, die Wandervögel, die Eremiten, der Regen, jetzt aber, in diesem Moment, hätte ich hier sitzen bleiben und meine Knochen zu Steinmandeln werden lassen können.

Scott Preston – Über dem Tal, S. 111

Dazu kommt ein Gefühl für Rhythmus, Sprache, Lakonie und stimmige Vergleiche, die sich in die übrige Welt des Romans großartig einbetten. Den Versuch, nachtschlaffe Schafe zu bewegen, vergleicht Preston etwa mit dem Vergleich, der das Verrücken von Nierensteine zu einer leichteren Aufgabe macht, als diese starren Tiere zu bewegen. Hier schreibt ein Autor, dessen souveränen Umgang mit Sprache auch durch seine vormalige Tätigkeit als Werbetexter und Student für Kreatives Schreiben bedingt sein dürfte.

Souveräne Registerwechsel

Auch als der Roman einen leichten Registerwechsel vollzieht und sich zu einem hochtourigen Thriller entwickelt, behält Scott Preston die erzählerischen Fäden souverän der Hand. Wie er die Natur in die Handlung einbettet und umgekehrt, dann auch noch das Tempo anzieht bis, sich das Ganze in einen atemlosen Thriller kehrt, der in Passagen wie der folgenden gipfelt, das ist schriftstellerisches Können:

Ich ließ das Steuer nach links fliegen, um Boden zu gewinnen, kurvte blindlings, schoss durch die spacken Gassen. Malte die Zäune silbrig, flog haarscharf dran vorbei. Sah auf die Uhr – wir hatten eine Stunde gebraucht. Wäre Noah bei uns gewesen, hätte er jedes verdammte Tier der Welt in seine Arche verfrachten können. Sah einen halben Lorbeerstrauch aus den Kotflügeln ragen, aber wir hatten es geschafft, waren wieder auf der richtigen Straße. Bog donnerte direkt hinter uns her.

Scott Preston – Über dem Tal, S. 153

Es ist eine solche Sprachmacht, wie man sie hierzulande vielleicht am ehesten von Andreas Pflüger kennen dürfte. Prestons Talent für Bilder und Stimmungen verbindet sich mit einem Gefühl für stimmige Charaktere und Landschaften, das mich wirklich beeindruckt hat. Dass es sich bei Über dem Tal um ein Debüt handelt, ist umso bemerkenswerter!


  • Scott Preston – Über dem Tal
  • Aus dem Englischen von Bernhard Robben
  • ISBN 978-3-10-397600-7 (S. Fischer)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €
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Paul Finch – Schattenschläfer

Der Nebel des Grauens

 

Cumbria – im Grenzland zwischen England und Schottland. Unwegsame Täler, nur abgeschiedene Weiler und viel, viel Nebel. Hierhin hat es DS Mark „Heck“ Heckenburg nach den turbulenten Geschehnissen im Vorgänger Spurensammler verschlagen.
SchattenschläferEin verschlafener Landstrich, der nur von wenigen Menschen bevölkert wird und dessen raue Natur eher etwas für Naturfreunde und Wanderer ist. Hier kann eigentlich nichts schiefgehen denkt sich Heck und sieht einer ruhigen Zeit entgegen, als von jetzt auf gleich alles anders wird.
Der nicht enden wollende Nebel nimmt den Landstrich in die Zange und plötzlich macht ein mysteriöser Fremder Jagd auf Menschen. Zwei junge Wanderinnen sehen sich dem tödlichen Fremden gegenüber wie schon bald die komplette Bevölkerung des Lake District.
Da der Mörder stets den Frank-Sinatra-Hit Strangers in the night als Erkennungszeichen pfeift, kommt Heck ein beunruhigender Gedanke – vor zehn Jahren gab es nämlich schon einmal einen Mörder, der sich dieses Liedes bediente.

Damals glaubte man allerdings den Täter tot, nachdem Gemma Piper, Hecks künftige Chefin, als Lockvogel den Täter eigentlich tödlich verwundete. Kann es sein, dass der Fremde, so sein Name damals, zurückgekehrt ist?

Heck schlägt sich durch

Der Vorgängerband - Spurensammler

Der Vorgängerband – Spurensammler

Fein nuancierte Sprache, Figuren mit Tiefe und Widersprüchen oder langwierige Ermittlungsarbeit – das ist alles Paul Finchs Sache nicht. Mit der Dezenz eines Schaufelradbaggers rackert sich Heck stets durch die Bücher von Paul Finch. Egal ob John McClane, Nick Tschiller oder Frank Martin – Heck kann sich in der Reihe der Raubeine und Ein-Mann-Armeen durchaus einreihen.

Selbstverständlich ist im ländlichen Setting das Verbrechen nicht fern, wenn Heck in einem Polizei-Cottage sitzt. Auch wenn es ein wenig unglaubwürdig wirkt, dass der omnipräsente Nebel und ein einziger Mörder ausreichen, um ein komplettes Dorf nebst Polizei in Schach zu halten, so nimmt man es in Schattenschläfer doch hin, da Finch das Tempo hoch hält. Quasi ab der Mitte des Buchs steht die Handlung nicht mehr still, als der Mörder Finch, Gemma und das ganze Dorf unter Beschuss nimmt.
Paul Finch schafft es, mit Cliffhangern, geschickten Perspektivwechseln und viel Atmosphäre für Grusel beim Leser zu sorgen.

Ein typischer Paul Finch

Schattenschläfer reiht sich mit allen Stärken und Schwächen nahtlos in die Heckenburg-Reihe ein.
Die Figuren hätten ruhig etwas mehr Tiefe bekommen dürfen, so agieren sie oftmals sehr stereotyp (Heck als Draufgänger muss natürlich die Frauen und Dorfbewohner schützen und schreckt vor keinem Alleingang zurück). Die Komplexität des Plots ist nicht hoch, dies ist aber auch nicht Ziel Finchs. Das Buch weiß zu unterhalten, Spannung zu erzeugen und den Leser gruseln zu lassen. Mehr bietet das Buch nicht, weniger aber auch nicht. Ein fixer Thriller für Zwischendurch, dessen erneut eingefärbter Buchschnitt sicher ein Hingucker im Buchregal ist!

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Reginald Hill – Rache verjährt nicht

Wolf ha(c)kt die Sache ab

Es ist einer der menschlichen Grundtriebe und das Grundthema dieses großartigen Romans: Rache.

Ähnlich wie im weltberühmten Roman Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas – auf den auch Reginald Hill anspielt – wurde auch in Rache verjährt nicht ein Mann hereingelegt und um seinen Ruf gebracht.

Wilfred Hadda, genannt Wolf, stieg mit seiner Firma Woodcutter Enterprises in die höchsten finanziellen Sphären auf, um anschließend tief zu fallen. Nach einer Razzia auf seinem Grundstück wird er mit einem ungeheuerlichen Vorwurf konfrontiert: er soll der Konsument von Kinderpornographie sein. Der anschließende Leidensweg des Mann hätte von Kafka nicht besser ersonnen werden können. Verurteilt und nach einer vergeblichen Flucht körperlich entstellt harrt Hadda seiner Entlassung um anschließend Rache zu nehmen.

Ein Mann will Rache

Was sich nach der Beschreibung des Klappentextes wie ein unbarmherziger und blutiger Rachefeldzug anliest, ist in Wahrheit etwas anders. Der elegante Stilist Reginald Hill erzählt eine aus mehreren Teilen bestehende Geschichte. Diese ist die Biographie eines gefallenen Mannes , eine Ode an Hills Heimat Cumbria im Norden Englands und eine Studie über Rache.

Wer ein Metzelmassaker mit der Axt im Stile eines Charles-Bronson-Films erwartet, dürfte sich schnell enttäuscht sehen. Anstelle von Gewalt dominiert die Auseinandersetzung zwischen dem einsitzenden Wolf und seiner Psychiaterin Alva Ozigbo. Dies mag nicht spektakulär sein, doch packend ist es auf jeden Fall.

Reginald Hill - Rache verjährt nicht (Cover)

Die Geschichte ist voller Esprit, witzig, mit sensationell ausbalancierten Dialogen und Bonmots versehen und nicht zuletzt auch gut ins Deutsche übertragen (übersetzt von Ulrike Wassel und Klaus Timmermann). Das macht aus Rache verjährt nicht ein besonderes Buch, das britisch im besten Sinne ist und zugleich über die ganze beachtliche Länge von knapp 700 Seiten. Ein geistreicher Roman bei dem ich sehr darüber geärgert habe, Reginald Hill erst jetzt entdeckt zu haben, obwohl er wahrlich schon einige Bücher veröffentlicht hat.

Über die ganze Lektüre hinweg hatte ich nur einen traurigen Gedanken im Hinterkopf. Dieser großartige Roman wird der letzte von Reginald Hill gewesen sein. Leider verstarb Hill im Jahr 2012. Ich hätte mir noch zahlreiche weitere Bücher von diesem eleganten Romancier gewünscht!


  • Reginald Hill – Rache verjährt nicht
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN: 978-3-518-46473-1 (Suhrkamp)
  • 683 Seiten, Preis: 9,99 €
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