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Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn

Besucht man meine Wahlheimatstadt Augsburg, dann kommt man als Tourist um einen Besuch des Rathauses nicht herum. Höhepunkt des Rathauses ist der sogenannte Goldene Saal, ein prunkvoller Raum voller Malereien und Stuck mit über 14 Meter Deckenhöhe. In der Mitte jener Decke prangt ein großes Gemälde, das der Maler Johann Matthias Kagerer geschaffen hat.

Eines dieser unter dem Titel Sapientia, also Weisheit, firmierenden Teilgemälde hat eine schöne Botschaft. So zeigt Kagerer allegorisch, dass jede Generation die vorige übertreffen soll, was das Streben nach guten Taten und Bildung angeht. Schlauer, Strebsamer, Mildtätiger, Besser – der Hunger nach Fortschritt ist es, an den die Betrachter*innen des Gemäldes erinnert werden soll. Ein durchaus guter Vorsatz, der mich zu Betty Smiths Roman Ein Baum wächst in Brooklyn bringt.

Tatsächlich ist es jenes Streben nach Bildung, Teilhabe und sozialem Aufstieg, das das Leben von Francie Nolan beherrscht, der Heldin von Smiths 1943 erschienenem Roman. Sie wächst im ärmlichen Einwanderermilieu Brooklyns auf, genauer gesagt im jüdisch geprägten Viertel Williamsburg. Dort entflieht sie ihrem tristen Alltag, indem sie die lokale Bücherei aufsucht und sich zur anschließenden Lektüre auf die Feuerleiter ihres Appartements zurückzieht. Dort verbirgt sie die Krone eines im Hinterhof wachsenden Baumes, sodass Francie bei ihrer Lektüre der Welt gleich auf zweifache Weise entfliehen kann.

Der große Wunsch nach Mehr

Mit jenem titelgebenden Baum hat Betty Smith eine schöne Metapher gefunden, die dieses Streben und Wachsen ihrer Protagonistin wunderbar spiegelt. Ist Francie doch in ihrer Familie stark verwurzelt, so ist es dann der Wunsch nach mehr, der dann zu einer Ausprägung und Ausdifferenzierung ihrer Persönlichkeit führt. Allmählich geht der kindliche Blick über zu einer erwachsenen Perspektive auf das Leben. Der Ernst des Daseins, er erfasst auch Francie. Es ist das große Talent von Betty Smith, dass ihr Roman ob dieses großen biographischen Bogens von der Geburt bis hin zum Erwachsenenstadium nie an Spannkraft verliert (immerhin umfasst Ein Baum wächst in Brooklyn über 620 Seiten).

Betty Smith

Dass dem so ist und Betty Smith so präzise ihr Milieu durchmisst und schildert, das liegt auch in ihrer Biographie begründet. So entstammt die Autorin selbst einem Einwandererhaushalt. Ihr beiden Eltern kamen aus Deutschland und suchten in den USA ihr Glück. So lautete der Kindername von Betty Smith Elisabeth Lillian Wehner. Mit einem jüngeren Bruder und Schwester wuchs sie ebenfalls in Williamsburg auf. Einige Umzüge folgten, ehe sich die Familie dann in Brooklyn niederließ. Dort wurde Smith auch zu einer fleißigen Nutzerin der Bücherei – hier zeigen sich also schon deutliche die Kongruenz zwischen ihrer Heldin Francie und Smiths eigener Vita.

Eine präzise Milieustudie

Es gelingt Betty Smith in Ein Baum wächst in Brooklyn nicht nur ausgezeichnet, den Lebensweg von Francie Nolan nachzuzeichnen. Über ihre Lebensumstände und Träume schafft es die Autorin wunderbar, das Einwanderermilieu Brooklyns zu skizzieren. Wie ein Wimmelbild zeichnet sie die Straßen des Molochs, der von hart arbeitenden Menschen bevölkert wird. Inmitten von jüdischen Bäckern, irischen Metzgern, gewerkschaftlich organisierten Kellnern, wahlkämpfenden Demokraten, Schrottsammlern und unzähligen anderen Arbeitern und Ethnien wächst Francie heran. Über sie wirft man einen Blick in Gewerkschaftsbüros, Kneipen, Fabriken und Schulen und bekommt einen Eindruck davon, wie es um 1910 zugegangen sein muss in den Straßen Brooklyns.

Sozialromantik oder verklärender New-York-Kitsch herrscht bei Smith allerdings nie. Stattdessen ist ihr Roman auch ein präziser Blick hinein in die prekären Verhältnisse, in denen die meisten Einwanderer gefangen waren. Die Passagen, die die Sparanstrengungen von Francie und ihrer Mutter illustrieren, lesen sich nach wie vor eindringlich und durchaus aktuell. Auch ist das Streben nach Emanzipation und Anerkennung bis heute von Gültigkeit geprägt und lässt vergessen machen, dass über 75 Jahre vergangen sind, seit Ein Baum wächst in Brooklyn erschienen ist.

Ein zeitloses Buch

Smiths Roman ist im besten Sinne zeitlos. Ihre Erzählstimme ist auch nach über 74 Jahren klar und frisch (einen großen Anteil daran hat sicherlich auch ihr Übersetzer Eike Schönfeld), der Ton ist hervorragend gewählt und in der Übersetzung ebenso getroffen. Genau dasselbe gilt für die Themen des Buchs, die generationenübergreifend bis universell sind. Dieses Streben nach Mehr, der Wunsch nach dem eigenen Glück und der Versuch, seiner eigenen Herkunft zu entkommen – dieses Themen und sind und werden immer aktuell sein.

Das alles macht aus Ein Baum wächst in Brooklyn ein zeitloses Buch. Ein Buch, von dem man sich einfach gut unterhalten lassen kann. Ein Buch, in dem man, wenn man möchte, aber auch tiefergehende Schichten finden kann. Ein Buch, das viele Ebenen besitzt und einem Schaufenster gleich den Blick in eine vergangene Epoche mit nicht vergehenden Themen öffnet.


Bildquelle Betty Smith: https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33476806)