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Roy Jacobsen – Die Unsichtbaren

Zwar ist es noch ein paar Monate hin, doch Mitte Oktober findet in Frankfurt wieder die jährliche Frankfurter Buchmesse statt. Gastland ist dieses Mal Norwegen. Grund genug, mir im Vorfeld schon ein paar norwegische Autor*innen anzusehen und mich in der Reihe #norwegenerlesen mit ihren Werken auseinanderzusetzen. Den Anfang macht in dieser Reihe Roy Jacobsen mit seiner Insel-Saga Die Unsichtbaren.

Bei seiner Insel-Saga handelt es sich um drei Bücher, die ab 2013 regelmäßig alle zwei Jahre erschienen. Der C.H. Beck-Verlag hat diese drei Bücher in der Übersetzung von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann unter dem Titel Die Unsichtbaren zu einem Buch zusammengefasst. Jener Titel ist zugleich der des ersten Buchs der Trilogie. De Usynlige, so der norwegische Originaltitel, stand im Jahr 2013 sogar auf der Shortlist des internationalen Booker-Preises.

Leben und Sterben auf Barrøy

Schauplatz dieser Insel-Saga ist das Eiland Barrøy, eine norwegische Schäreninsel. Nicht einmal einen Kilometer an der breitesten Stelle misst die Insel, die beständig von Wind und Meer in den Zangengriff genommen wird. Dort lebt Hans Barrøy als Familienoberhaupt seines Clans. Zusammen mit seinem Vater, Frau und Tochter sowie weiterer Verwandschaft bewirtschaften sie den heimischen Hof und die Insel. Ein paar Schafe, Eiderenten, ein Pferd – mehr gibt die karge Insel nicht her. Die Haupteinkommensquelle der Familie ist der Fischfang, später wird man sich auch an einer reduzierten Milchwirtschaft versuchen.

Diese Insel erlebt man nun auf den folgenden 600 Seiten in Zeiten der Not, in Zeiten der relativen Prosperität. Der Winter bringt das Meer rund um die Insel zum Gefrieren, im Sommer wird die ganze Insel unter Wassermangel ächzen. Kinder werden geboren, Alte sterben. Der Lauf des Lebens, er lässt auf Barrøy sehr gut nacherleben. Dabei schwebt über allem ein ein Gefühl der Entschleunigung und des Wissens um die Unwiderbringlichkeit des Vergangenen.

Ein längst vergangener Takt

Roy Jacobsen - Die Unsichtbaren (Cover)

Roy Jacobsen schafft es vor allem im ersten Buch ganz hervorragend, die verschrobenen Inselbewohner*innen auf Papier zu bannen. Ihre Macken, ihre Sorgen, ihre Nöte – glaubhaft vermittelt der norwegische Schriftsteller seine Figuren an die Leser*innen. In seiner Inselsaga schafft er es, nicht nur das Leben mit seinem längst vergangenen Takt zu schildern, sondern dieses auch erfahrbar zu machen. Eine Besonderheit, die nicht vielen historischen Romanen gelingt.

Leider schafft es Roy Jacobsen nicht, die Dichte und Stringenz aus dem Anfangsteil seiner Saga über die ganze Länge des Buchs zu wahren. Je größer der Exodus von der Insel und je tiefgreifender die Ereignisse (vor allem der Zweite Weltkrieg), umso mehr Längen schleichen sich im Text ein. Vor allem der letzte Teil (Die Augen der Rigel) zerfällt zusehends.

In diesem Teil macht sich Ingrid, die Tochter Hans Barrøys, auf die Suche nach einem Mann, den sie einst angeschwemmt auf ihrer Insel auflas. Zwar beeindruckt die Hartnäckigkeit der Suche Ingrids, mich langweilte sie dann aber auch stellenweise sehr. Zu langatmig sind die Reisen, die Ingrid quer durch Norwegen unternimmt, immer mit viel Verzweiflung, aber wenig Erfolg unterwegs.

Starker Beginn, weniger starke Fortführung

Zwar vermitteln die beiden übrigen Teile der Insel-Saga der Trilogie auch Wissen über die Zeit der norwegischen Besetzung und die Zwangslage Norwegens zwischen den Expansionsbewegungen von Deutschem Reich und Russland (völlig neu war mir etwa die Geschichte des Konzentrationslagers Mysen) – aber dennoch reicht das alles nicht, um eine packende Geschichte zu erzählen. Das ein ums andere Mal ertappte ich mich, als meine Gedanken abschwiffen – und auch das ausufernde Personaltableau benötigt viel Konzentration und Übersicht. Schade, dass hier vonseiten des Verlags die Chance verpasst wurde, ein Personenverzeichnis an den Anfang oder das Endes dieser voluminösen Saga zu setzen. Mir hätte es die Lektüre doch etwas erleichtert.

Aber auch ohne diese Mängel ist Die Unsichtbaren ein Buch, das hervorragend einen Blick ins Leben einfacher norwegischer Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zulässt. Vor allem der erste Teil der Trilogie weiß zu überzeugen (ein Problem, das das Buch ja mit vielen anderen Buch- und Filmtrilogien teilt). Deshalb sei, bei allen Schwierigkeiten, die ich mit dem Buch hatte, die Insel-Saga doch empfohlen. Ein guter Auftakt zu Norwegen erlesen.

Jens Rehn – Nichts in Sicht

Ein reduzierteres Setting für ein Buch ist kaum denkbar – ein Boot, darin zwei Männer und der große Ozean. Mehr braucht es für Jens Rehns Novelle Nichts in Sicht nicht.

Zutiefst existenzialistisch ist jene 1954 erschienene Erzählung, die leider nie den Ruhm erfahren hat, der ihr eigentlich zustünde. So konstatiert es Ursula März in ihrem Nachwort, das die Geschichte rund um dieses „Solitär“ der deutschen Literatur beleuchtet. Denn Nichts in Sicht erfuhr seit dem Erscheinen 1954 mehrere Neuauflagen (1977, 1993, 2003 und nun 2018). Prominente Fürsprecher wie Gottfried Benn oder Marcel-Reich-Ranicki setzten sich für Rehns Novelle ein. Doch in den Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur hat es das Buch nicht wirklich geschafft. Nichts in Sicht besitzt noch immer den Status eines Geheimtipps.

Doch warum ist das so? Warum war dem Buch kein großer Erfolg beschieden, obwohl das Werk doch eigentlich das Beste im schriftstellerischen Oeuvre Jens Rehns ist (so zumindest ordnet es die Literaturkriterkerin Ursula März in ihrem kompetent formulierten Nachwort ein)?

Drei Gründe möchte ich dafür heranziehen, teilweise auch sehr subjektiv durch meine eigene Leseeindrücke geprägt. Sie erklären aus meiner Sicht, warum dem Buch keine größere Aufmerksamkeit beschieden war. Literaturwissenschaftler dürfen gerne Einspruch erheben und mich verbessern, als Laie stellt sich für mich die Situation wie folgt dar:

Zu unspektakulär

Wie ich schon eingangs schrieb, wird das Setting von Nichts in Sicht mit dem Begriff Karg kaum eingefangen und kategorisiert.

Zwar fasziniert der Schiffbruch als Motiv schon seit Jahrhunderten, aber das Breitwandformat und die Opulenz von anderen Schiffbruchgeschichten wie Robinson Crusoe oder dem Untergang der Flotte Medusa hat Rehns Geschichte nicht. Hier wird der Schiffbruch auf seine Essenz zurückgeführt. Das Ausharren zweier Männer auf dem Ozean im Jahr 1943, die stechende Sonne, der Whisky und Scho-Ka-Kola. Mehr gibts in Rehns Roman nicht, die Außenhandlung ist minimal, auch die Figuren selbst bleiben etwas unkonturiert.
Gerade im Vergleich zu einem Zeigenossen Rehns, mit dem er den biographischen Hintergrund teilt, wird dies besonders offenbar. Sein Name ist Lothar-Günther Buchheim. Er verfasste mit Das Boot eine Hommage an seine Zeit in einem deutschen U-Boot während des Zweiten Weltkriegs. Von dessen Pathos, der Kraftmeierei und der Wucht ist bei Rehn nichts geblieben.
Hier treiben nur zwei grundverschiedene Menschen übers Wasser und versuchen, am Leben zu bleiben. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Zu anspruchsvoll geschrieben

Das Ganze könnte natürlich packen, dieses reduzierte Setting, die Spannung, was aus den Schicksalsgenossen wird. Doch eine innere Spannkraft besitzt Nichts in Sicht in meinen Augen kaum.

Was ist eigentlich passiert? Die Novelle erklärt wenig, wirft dem Leser immer wieder Fetzen hin. Schon in der Bezeichnung der beiden Protagonisten wird dies offenbar. Sie heißen nur der Einarmige und der Andere. Ihre Biographien muss sich der Leser in Kleinarbeit zusammenpuzzlen. Erst langsam schält sich heraus, wie die Kette des Schicksals geschmiedet wurde, die sie aneinander bindet.

Das Treiben auf dem Ozean und das phlegmatische Ausharren unterbricht Rehn immer wieder mit assoziativen Einschüben, Erinnerungsfetzen und dem als Motiv auftauchenden Nichts in Sicht. Das mag zwar authentisch die Erfahrungen der geistigen Seelenlandschaft nach einem Schiffbruch wiedergeben, besonders zugänglich oder gut zu lesen macht es die Geschichte nicht. So braucht man viel Wachheit und Aufmerksamkeit, um die Hintergründe und die Rahmenhandlung sauber zu erschließen – für eine Lektüre en passant ist Rehns Novelle trotz der Kürze kaum geeignet.

Ungünstige Umstände

1954: Adenauer-Zeit, Wunder von Bern, Restauration. In diese Zeit passte ein Büchlein, wie es Rehn geschrieben hatte, kaum. Die Wunden des Zweiten Weltkriegs waren notdürftig verbunden, das Wirtschaftswunder nahm seinen Lauf – da kam Nichts in Sicht zur Unzeit. Der Wille zur Beschäftigung mit den Gräuel des Krieges war nicht vorhanden, lieber wollte man den Mantel des Schweigens über das Geschehene breiten.

Und dann war ja da auch jener Lothar-Günther Buchheim, der dann 1973 Das Boot veröffentlichte. Wenn schon Zweiter Weltkrieg, U-Boote und Überlebenskämpfe, dann lieber auf diese Art und Weise – so schien das öffentliche Interesse zu bekunden. Nicht unerheblich auch die Verfilmung des Buchs durch Wolfgang Petersen 1981 – ein echter Kassenschlager, der die Aufmerksamkeit abermals auf Buchheims Roman zog. Neben diesem Roman und der umgebenden Berichterstattung wirkte Rehns Novelle wie ein Singer-Songwriter, der mit seiner Akustikgitarre auf einer Bühne mit einer Rockband bestehen sollte. Ein schwieriges Unterfangen.

Und jetzt ist es das Jahr 2018. Die Neuauflage des Romans steht in den Buchläden – und steht und steht. Zwei Rezensionen auf Amazon, kaum öffentliche Berichterstattung über das Buch. Und schon gibt es die nächste Adaption von Buchheims Das Boot in Form einer Serie, über die allenorten berichtet wird. Es scheint, als sei es das Schicksal von Nichts in Sicht, dauerhaft im Schatten dieses Werks zu stehen und dagegen unterzugehen.

Es soll nicht sein

Manchmal soll es einfach nicht sein. Die Verlage mühen sich, das Produkt ist eigentlich in Ordnung – doch die Öffentlichkeit will einfach nicht. Rowohlt musste dies beispielsweise mit Jochen Missfeldts Neuauflage von Solsbüll erfahren – und auch Schöffling ist nun um diese Erfahrung reicher. Das ist schade, doch manchmal kommt man gegen die ungünstigen Umstände nicht an. Es bleibt nur dieses wenig analytische Fazit – aber manchmal ist das einfach Schicksal.

Wenigstens an mir soll es aber nicht gelegen haben, das Jens Rehns Novelle dem Vergessen anheimfällt. Auf Buch-Haltung hat sie hiermit einen Platz gefunden und findet hoffentlich doch noch den ein oder anderen interessierten Leser ….

Eine Selbstbefragung als Leser

Vorige Woche wollten wir in unserem Literaturkreis wieder einmal ein Buch lesen und besprechen. Ausgesucht war Sofi Oksanens Als die Tauben verschwanden. Im Vorfeld stand natürlich auch bei mir die Lektüre des Buchs an, wollte man doch fundiert und nahe am Text über das Buch debattieren. Und dann das:

Der Auslöser der Überlegungen

Während ich die 430 Seiten las, rauschte die Handlung einfach an mir vorbei. Obwohl ich aufmerksam sein wollte, trieben meine Gedanken schon nach wenigen Seiten wieder von der Handlung weg. Keine der erzählerischen Wegmarken in dem Buch bekam ich zu greifen. Wie ein Passagier an einem Bahnsteig stand ich vor diesem Buch, das einfach an mir vorbeifuhr. Der Erzählzug legte für mich keinen Stopp ein, bei dem ich hätte zusteigen und damit in die Geschichte gelangen können. Ein Symptom, das mir so schon lange nicht mehr bei einem Roman unterkam. Nun begann ich die Selbstbefragung. Warum fand ich einfach keinen Zugang zu diesem Buch und warum las ich völlig an seiner Geschichte vorbei?

Mehrere mögliche Punkte fielen mir dazu ein, die meine Eigenanamnese ergab:

  • Übertriebene Konstruktion?

Als die Tauben verschwanden erzählt von der wechselvollen finnisch-estischen Geschichte. Anhand von drei Figuren zeigt sie, wie erst Rote Armee, dann die Nationalsozialisten und dann die Kommunisten Estland besetzen und damit stets eine sofortige Anpassung der estischen Bevölkerung verlangen. Rechnung trägt Oksanen in diesem Buch dieser wechselhaften Geschichte, indem sie mehrmals mit ihren Kapiteln aus der Zeit der Nazi-Besatzung der 40er Jahre weiter in die 60er Jahre und damit in die Zeit des Kommunismus springt. Immer wieder tut sie das und ließ mich dabei schon beim ersten Sprung zurück, da sich für mich die Figuren noch nicht so weit entwickelt hatten, dass man mit ihnen den Sprung wagen würde. Womit ich schon beim zweiten Kritikpunkt angelangt wäre.

  • Stumpfe Charaktere?

Figuren sind für mich der zentrale Dreh- und Angelpunkt. Eine schwache Geschichte oder ein wenig glaubhafter Plot kann für mich immer durch lebendige Figuren aufgefangen werden. Und tatsächlich gibt es Autoren, die derart plastisch und glaubwürdig Figuren zeichnen können, das man sie durch die Buchseiten hindurch zu kennen glaubt. In letzter Zeit war das bei mir etwa bei Richard Russo der Fall.

Hier scheiterte ich schon an der Namenszuweisung der Protagonisten. Immer wieder rutschten mir die Charaktere durcheinander, keiner blieb mir irgenwie im Gedächtnis, schon beim nächsten Kapitelsprung hatte ich vergessen, wer wer war. So etwas kam mir auch selten unter. Dies führte zu der Frage, was ich bei Figuren brauche, damit sie mir nahekommen. Neben der Identifizierung mit der eigenen Erfahrung brauchen Figuren in meinen Augen auch eine Geschichte und Widerhaken. Beides war leider Mangelware, sodass ich hier weder über die voltenreiche Geschichte, noch über die Figuren, die sie transportieren, in den Erzählfluss gelangte.

Vielleicht ist der nächste Punkt auch der wichtigste, der mir bei meinen Überlegungen in den Sinn kam:

  • Übersättigung?

Vielleicht ist dieser Punkt auch der entscheidende: ich bin im Moment mit Büchern, die den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Menschen behandelt, völlig übersättigt. Gefühlt jedes zweite Buch in diesem Bücherfrühjahr spielt im Zweiten Weltkrieg und setzt sich mit diesem mithilfe unterschiedlicher ästhetisch-literarischer Konzepte auseinander. Eine lose Auswahl dieser Bücher, die mir in den Sinn kamen, folgt hier: Arno Geigers Unter der Drachenwand, David Schalkos Schwere Knochen, Erich Vuillards Die Tagesordnung, Bernhard Schlinks Olga, Ralf Rothmanns Der Gott jenes Sommers, Jo Bakers Ein Ire in Paris – und das ist noch nicht einmal die vollständige Aufzählung von allen Büchern aus alleine diesem Frühjahr. Jedes weitere Buch, das dieses Thema bearbeitet, muss da schon entweder in ästhetischer oder sprachlicher Form Neues bieten, damit ich nicht übersättigt zurückbleibe. Geschafft hat es Als die Tauben verschwanden nicht im Ansatz. Deshalb lautet hier meine Diagnose: WW2-Overkill.

 

Die Frage jedes Sportreporters nach der Niederlage: Woran hats gelegen? kann ich jetzt definitiv mit diesen drei Punkten beantworten. Die Wahrheit auf meinen mangelnden Zugriff auf Sofi Oksanens Roman erklärt sich durch eine Mischung dieser drei Punkte (und sicherlich noch einiger etwas marginaler) weiterer Punkte.

Möchte man nun der literarischen Niederlage auch positive Seiten abgewinnen, so dann wohl diese: die Selbstbefragung hat mir wieder einmal vor Augen geführt, welche Punkte für mich eine nachhaltige Lektüre ausmachen und was für mich ein gutes von einem schlechten Buch trennt. diese drei oben aufgeführten Stichpunkte zählen definitiv zu meinem Kernkatalog, nach dem ich Bücher hinsichtlich ihrer Qualität bewerte.

Dennoch bleiben auch kritische Fragen, die über dieses einzelne Ereignis nun hinausweisen, besten: Lese ich zu viele Bücher? War zuletzt zu viel Durchschnitt in meinen Lektüren dabei? Die Selbstbefragung und Anamnese wird daher über die nächsten Bücher hinweg weiter verfolgt. Auch würde mich eurer Meinung zu dem Thema interessieren:

Wovon habt ihr genug? Gibt es Themen oder Inszenierungen, von denen ihr nichts mehr lesen wollt? Oder generell gesprochen: was lässt euch Bücher abbrechen?

Ich bin auf eurer Meinung sehr gespannt!

 

Jo Baker – Ein Ire in Paris

Samuel Beckett: zerknautschtes Gesicht, Irland, Warten auf Godot. So die Schlagwörter, die mir als erstes in den Sinn kommen, wenn es um den irischen Nationalheiligen geht. Doch die Geschichte hinter dem gezeichneten Gesicht blieb für mich immer abstrakt – bis ich nun Jo Bakers Annäherung an den irischen Poeten las. Ein Ire in Paris erzählt vom Frankreich-Aufenthalt Becketts, ohne dass je dessen Name selbst fällt. Der Roman zeigt einen Künstler im Widerstand, den die Umstände und Erlebnisse formen und schließlich richtungsweisend für sein literarisches Schaffen werden.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Denn der junge Beckett entschließt sich zu einem radikalen Schritt, als die Nachricht von der Kriegserklärung Englands an Deutschland in sein irisches Elternhaus vordringt. Er kehrt zurück nach Frankreich, um dort in den Künstlerkreise um Marcel Duchamp und den großen James Joyce zu leben. Zusammen mit seiner Freundin Suzanne verharrt er in der Paris, auch als die deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt vorrücken. Doch die Umstände erfordern es, dass Beckett mit seiner Partnerin aus Paris fliehen muss. Das Vichy-Régime kooperiert unter General Pétain – und Beckett findet für sich einen Weg, um mit der Situation umzugehen. Er schließt sich der Résistance an und leistet so seinen Beitrag zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Doch sein Leben fordert einen hohen Preis von ihm und seiner Freundin. Der Kampf ums Überleben wird essenziell für Beckett.

Doch bei all dem Leid und den Erfahrungen, die Beckett im Krieg macht, stellt sich eine zentrale Frage: wie kann man als Schriftsteller bestehen, wenn um einen herum die Welt untergeht? Eine interessante Frage, der sich auch schon Hans Pleschinski in Wiesenstein auf großartige Art und Weise genähert hat. Nun gibt auch die Britin Jo Baker auf diese Frage eine ganz eigene Antwort. Nach ihrem ersten Buch Im Hause Longbourn (in dem sie Stolz und Vorurteil aus Sicht des Gesindes erzählt) widmet sie sich also diesem verschrobenen und unzugänglich Samuel Beckett. Ihr gelingt dabei auf der einen Seite eine glaubwürdige Darstellung von Frankreich zur Zeit des Vichy-Regimes und des Widerstandes, und auf der anderen Seite auch eine Annäherung an Beckett. Ihr Buch ist mit düsteren Farben gemalt, Hoffnung und Positives findet sich in ihrer Erzählung kaum. Stattdessen erzählt sie vom kargen Überlebenskampf, bei dem in Paris sogar die Bäume an den  Boulevards gefällt und die Bretter der verbarrikadierten Geschäfte zum Heizen genutzt wurden.

Wer das gut abkann und auch mal ein Buch in Moll verträgt, das wenig Zerstreuung bietet, der bekommt mit Ein Ire in Paris einen faszinierenden Blick hinter die Fassade der literarischen Gallionsfigur Samuel Beckett geboten. Hier wird der Nobelpreisträger greifbar, erhält eine Geschichte und man bekommt davon erzählt, was Widerstand bedeuten kann.

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Bereits zum zweiten Mal seziert Ralf Rothmann nach Im Frühling Sterben das Leben von Menschen im Zweiten Weltkrieg. Der Gott jenes Sommer ist stark mit Rothmanns letztem Buch verbunden, so spielt unter anderem die Figur des Melkers Walter (die eine Nachzeichnung von Rothmanns eigenem Vater darstellt) auch in Rothmanns neuem Buch eine zentrale Rolle.

Den Mittelpunkt der Geschichte bildet allerdings Luisa, eine büchervernarrte junge Frau, die mit ihrer Familie auf einem Gut in der Nähe von Kiel lebt. Täglich ziehen die Bomber über ihren Weiler hinweg, um die nahegelegene Großstadt zu bombardieren. Verdunklung ist angesagt, der Vater weilt oft außerhalb im Offizierscasino. Der Dorflehrer erteilt Luisa und ihren Mitschülern unbeirrt noch ideologie-indoktrinierten Unterricht. Vom Aufgeben und einer möglichen Niederlage möchte man zuhause nichts wissen, zählt doch ein einflussreicher Partei-Funktionär zum erweiterten Familienumfeld. So versucht man sich, so gut es geht mit den besonderen Umständen zu arrangieren und auszuhalten.

Beschreibung des Alltags

Die besondere Stärke des neuen Romans von Ralf Rothmann liegt wieder in der Beschreibung des Alltags, der durch den Krieg geprägt ist. Sprachlich vielschichtig und präzise schildert er das Leben und den Krieg aus der Sicht von der jungen Luisa, die doch so schnell erwachsen werden muss. Präzise zeichnet Rothmann die Einschränkungen, Sorgen und Ängste nach. Allerdings zeigt er auch die himmelweiten Unterschiede zwischen dem entbehrungsreichen Leben der normalen Bevölkerung und dem weiterhin hohen Lebensstandard der Nazi-Haute-Volée. So feiert der Nazi-Hauptsturmführer noch ein rauschendes Fest mit gebratenen Hähnchen, Poker und jeder Menge Alkohol während um ihn herum ganz Schleswig-Holstein von den Alliierten zerbombt wird. Diese sehr ausführlich gestaltete Szene zählt zu den Momenten, die von diesem Buch hängen bleiben werden.

In diesen Szenen und Anlagen ist Ralf Rothmann groß. Ein überspannender Bogen, der diese Episoden verbindet, ist in diesem Buch nur rudimentär erkennbar. Dies will Rothmann nach meinem Dafürhalten auch gar nicht ausgestalten. Dem Schriftsteller geht es nicht um eine dramatische Formung des Plots – Dramatik bietet das alltägliche Leben von Luisa und ihrer Familie schon mehr als genug. Vielmehr legt Rothmann seinen Fokus auf eine Schilderung eines kurzen Ausschnitts aus Luisas Leben, die er in einer präzisen Sprache schildert.

Die Chronik des Bredelin Merxheim

Apropos Sprache: diese Schilderung aus Luisas Leben unterbricht er immer wieder, indem er erfundene Passagen aus einer anderen Kriegszeit in seinen Text schneidet. Er erzählt parallel immer wieder aus einer fiktiven Chronik von Bredelin Merxheim. Darin berichtet dieser, was der Dreißigjährige Krieg ebenfalls für Leid über die Menschen brachte. Zunächst war ich ob dieser Passagen etwas irritiert, hätte es sie nach meinem Dafürhalten doch eigentlich nicht gebraucht. Dieser Eindruck verflüchtigte sich aber im Laufe der Geschichte. In der Parallelmontage ist Rothmann sehr start und beweist, welch präziser Sprachartist er doch ist. Wie er den Tonfall eines Grimmelshausen oder Gryphius hier imitiert und nachbaut, das verdient große Anerkennung.

Kurz reißt er auch noch das Schicksal der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg an, was das Überleben für Täter und Opfer bedeutet. Doch dies passiert auch nur rasch (und mir etwas zu oberflächlich) – danach sind die 252 Seiten schon wieder vorbei.

Fazit

Ist Der Gott jenes Sommers ein Buch, das das Zeug zum literarischen Klassiker hat? Dazu fehlt dem Buch in meinen Augen einiges, auch wenn die Szenen und Kriegsschilderungen gut gelungen sind. Neue Facetten weiß er dem Ganzen allerdings nur bedingt abzugewinnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre auch des neuen Buchs von Ralf Rothmann, da uns der Autor einmal mehr das Leben im Zweiten Weltkrieg erfahr- und fühlbar macht.


Quelle Titelbild: „Farnborough Airshow 2008 World War II Aircraft: Avro Lancaster bomber accompanied by Spitfire and Hurricane fighter planes“ von o palsson, lizenziert unter CC BY 2.0.