Nicht nur der Umfang fordert heraus. Mit Das Lied von Storch und Dromedar legt die niederländische Autorin Anjet Daanje einen anspruchsvollen Roman vor, der sich um eine geheimnisvolle Schriftstellerin rankt – und die Spuren, die sie im Leben anderer Menschen hinterlassen hat.
Eliza May Drayden — so heißt die Schriftstellerin, die zu Beginn von Anjet Daanjes Roman Das Lied von Storch und Dromedar ihren Auftritt hat und die trotz ihres frühen Todes und dem damit verbundenen Verschwinden aus dem Roman das Gravitationszentrum des selbigen bleiben wird.
Am 12. Dezember 1847 verstirbt sie mit gerade einmal 36 Jahren in einem Pfarrhaus im kleinen britischen Weiler Bridge Fowling und lässt ihre Schwester Millicent und ihren Schwager, den Pfarrer Daniel Jennings, alleine im Pfarrhaus zurück. Vor allem aber hinterlässt sie der Nachwelt ein Rätsel, das bis heute fasziniert. Denn zeitgleich mit ihrer Schwester hat Eliza ohne nennenswerte literarische Bildung einen Roman geschrieben, der den Titel Haeger Mass trägt.
Das Buch ist in seiner dunklen Erzählweise ein Solitär und seiner Zeit weit voraus. Während die Zeitgenossen Eliza May Draydens Werk in seiner Vielschichtigkeit und literarischen Qualität verkennen, entwickelt das Buch schon kurz nach dem Tod ein Eigenleben, das durch einige Mysterien rund um den Tod seiner Schöpferin noch befeuert werden.
Es entspinnt sich ein Hype um die beiden Schwestern und Haeger Mass beziehungsweise das von Millicent Drayden verfasste Witwe, der schon bald zum Kult wird. Fans stürmen Bridge Fowling und ein eine Fankultur setzt ein, der bis heute anhalten soll.
Der Hype um die Drayden-Schwestern

Das Nachleben von Werk und Autorin betrachtet Anjet Daanje im Lauf der 965 Seiten, die Das Lied von Storch und Dromedar umfasst. Die beiden Tiere haben im Buch spät in zwei unterschiedlichen Episoden ihren Auftritt, dazu gesellt sich eine vielgestaltige Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte des Drayden’schen Werks, das Menschen sogar in den Wahnsinn treiben konnte. Durch die Jahrhunderte wohnen wir, geführt von Anjet Daanje, der Entwicklung des Mythos um die Schwestern aus dem Pfarrhaus bei.
Dabei wählt Daanje einen biographischen Erzählansatz, in dem sie — beginnend im 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert — voranschreitet und in elf großen Kapiteln elf ganz unterschiedliche Lebensgeschichten erzählt. Von Zeitgenossen der Draydens bis hin zu einem Erben von Draydens Notizbuch, dem das Erbe über hundertfünfzig Jahre später kein Glück bringen soll, reicht der erzählerische Bogen.
Sie erzählt von zwei Schwestern mit deutschen Wurzeln und ihrem komplexen Verhältnis, lässt einen holländischen Uhrmacher die Aspekte von Unendlichkeit berühren und erzählt von Flüchen und — passend zur Osterzeit — von leeren Gräbern in Kirchenkatakomben.
Mal umranken diese Biografien das Leben der Geschwister Draydens so eng wie Brombeerranken, die in der Heidelandschaft um Bridge Fowling zuhauf anzutreffen sind und ein Leitmotiv des Buchs bilden.
Mit zunehmender Distanz zu den damaligen Geschehnissen entfernen sich auch die Biografien weiter von den jung verstorbenen Frauen und lassen erst auf den zweiten oder dritten Blick eine Verwandtschaft zu deren Leben erkennen.
Leben und Nachleben eines außergewöhnlichen Werks – in großartiger Übersetzung
Zwischen diese vielstimmigen Lebensgeschichten sind zudem Auszüge aus fiktiven Biografien über Eliza May Drayden oder Zitate aus ihren Notizen und Gedichten gesetzt. Übersetzt hat diese stilistische Fülle der Übersetzer Ulrich Faure, der für diese gigantomanische Arbeit zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert wurde.
Die Jury lobte seine „meisterhafte Übersetzung, die Zeiten, Umstände und Perspektiven der Figuren greifbar vor Augen führt. In diesem mitreißenden Kaleidoskop der Stimmen findet er jederzeit den richtigen Ton.“, so die Jury im Rahmen der Preisverleihung im März 2026.
Nach der Lektüre von Das Lied von Storch und Dromedar mag man dem nur zustimmen. Ebenso, wie die Niederländerin Anjet Daanje stimmungsvoll vom schlechten Wetter in der englischen Heidelandschaft, von Pfarrhäusern und dem sich manchmal anschleichenden Wahnsinn zu erzählen weiß, findet sie in Ulrich Faure einen kongenialen Partner, der diesen so stimmungs- wie stimmenreichen Roman in ein Deutsch übersetzt, das zwischen allen Zeiten und Realitäten schwebt.
Sie haben sich in jahrelanger Übung aufeinander eingeschossen, sie schlittern durch die Risse der Realität, verdrehen, hübschen auf. So viele Worte, wie Sekunden auf ein Jahr gehen, haben sie produziert, dicke Lagen eines Bodensatzes, wie Parasiten auf der Wirklichkeit, Parasiten auf Parasiten auf Parasiten, und ganz unten in ihrem verqueren Konstrukt, im Keller, wo nie ein Lichtlein hinfällt, plattgewalzt, kahlgefressen, leichenbleich, ruht die Wahrheit.
Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 739
Historisches Vorbild in den Brontë-Schwestern
Besonders spannend macht das Buch zudem auch der Abgleich mit seinen historischen Vorbildern, denen Anjet Daanje ihr Werk unter anderem auch widmet, nämlich den Schwestern Brontë.
Nicht nur biografisch bildet Das Lied von Storch und Dromedar viele Bezüge zum Leben und Werk Emily Brontës und ihrer ikonisch gewordenen Sturmhöhe heraus.
Doch auch die Unkenntnis des Brontë’schen Werks und Erzählkosmos mindert den Lesegenuss von Anjet Daanjes Buch nicht. Wenn man die nötige Lesezeit und den Fokus mitbringt, um sich auf ihre dunkel-romantische Spurensuche nach Leben und Werk der Draydens in den Heidehügeln von Yorkshire zu begeben, wird man mit einem großen Lesegenuss und einer bewundernswerten Stilsicherheit in Sachen atmosphärischer Zeichnung und außergewöhnlicher Plotführung belohnt, der ebenso wie das Werk Eliza May Draydens fast aus der Zeit gefallen scheint.
Nicht nur für lange, graue Herbstabende eine spannende und bisweilen herausfordernde Lektüre, bei der nicht nur der Titel höchst ungewöhnlich ist.
Der Roman hätte nirgendwo anders als in Yorkshire geschrieben werden können, und dasselbe gilt für Witwe, Millicents Roman. So wie Elizas Text von der wilden Natur durchtränkt ist, regiert in Millicents Text das unwirtliche Wetter von Yorkshire.
Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 274
- Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
- Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
- ISBN 978-3-7518-0641-1 (Friedenauer Presse)
- 976 Seiten. Preis: 38,00 €



