Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Rachel Khong – Real Americans

Was ist schon wirklich echt? In Real Americans blickt Rachel Khong auf drei Generation chinesischstämmiger Amerikaner*innen und beschreibt deren Leben und familiäre Wurzeln. Dabei braucht ihr Roman aber Zeit, bis er wirklich in Fahrt kommt.


Kann man einen Bestseller machen? Der Kölner Kiepenheuer und Witsch-Verlag übt sich dieser Tage in einem spannenden Experiment. Denn unter Federführung von Mona Lang, der Programmleiterin für Internationale Literatur, zieht der Verlag um den zweiten Roman der US-Amerikanerin Rachel Khong ein Marketing-Ballyhoo auf, wie man es selten zuvor gesehen hat.

Nicht weniger als ganz Deutschland soll Khongs Buch lesen, so hat es sich die Marketingkampagne zum Ziel gesetzt, die passenderweise auf den ambitionierten Titel Deutschland liest ein Buch hört.
Eine Kooperation mit der Wochenzeitung Die Zeit, um über deren Ausspielwege das Buch zu bewerben, eine Karte, die auf Buchclubs, Buchhandlungen und Veranstaltungen rund um das Buch hinweist, dazu Zusatzmaterial für die gemeinschaftliche Lektüre und Diskussionen über Rachel Khongs Buch, das alles stellt der Kölner Verlag bereit, um das Buch aufmerksamkeitsökonomisch zu flankieren. Es scheint, als hätte man sich in Köln den Deichkind-Song Denken Sie groß wirklich zu Herzen genommen.

Deutschland liest ein Buch

Rachel Khong - Real Americans (Cover)

In vielen Buchhandlungen nimmt Rachel Khongs Roman schon einen prominenten Platz in der Auslage ein, auch Blogger*innen (inklusive meiner Wenigkeit) wurden großzügig mit eigens gestalteten Bloggerboxen bemustert. Es ist eine Strategie, die aufgeht.
Im Gegensatz zum althergebrachten Feuilleton der Printmedien ist Rachel Khongs Buch auf Instagram omnipräsent. Damit macht Kiepenheuer und Witsch wohl auch hier vieles richtig in Sachen Ökonomie, glauben doch auch Branchenkenner wie die Programmchefin des Claassen-Verlags, Miryam Schellbach, selber nicht mehr an eine verkaufsfördernde Rolle des klassischen Feuilletons (nachzulesen hier).

Stattdessen also ein Schwerpunkt auf digitales Marketing, dazu Präsenz an unterschiedlichen Orten und der fleißig ventilierte Wunsch, dass man mit dem Buch das Gespräch über Bücher wieder stärken möchte.

So ganz kann ich mich persönlich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Buch trotz aller sicherlich richtigen Gründe auch ein Test ist, wie man sich im kriselnden Buchmarkt behaupten und Sichtbarkeit und finanziellen Erfolg gleichermaßen sichern kann. Auch in anderen Verlagshäusern dürfte man sicherlich genau beobachten, wie sich KiWi dabei schlägt.

Ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhält

Real Americans ist dabei ein Buch, das dem Erwartungsdruck gut standhalten kann. Denn das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an und ist durchaus massenkompatibel. So fällt Khongs Roman fällt in die Kategorie des Great American Novel, der mit einer wenig anspruchsvollen Sprache nicht nur die typischen Leser*innen dieser Gattung von sich überzeugt, sondern auch auf jene junge Zielgruppe schielt, die die KiWi-Programmleiterin Mona Lang in ihrer zweiten Rolle als Programmleiterin des jungen, BookTok-affinen Labels KiWi Sphere betreut.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch auf BookTok bestens funktioniert und sonst eher zielgruppenferne Leser*innen mit der Geschichte von drei unterschiedlichen Generationen chinesischstämmiger Menschen anspricht und überzeugt.

Los geht alles mit Lily, die ihre chinesischen Wurzeln abgesehen von ihrem Äußeren schon lange hinter sich gelassen hat. So ist sie in den USA aufgewachsen und spricht kein Kantonesisch, sodass ein Besuch in China Town immer zu einer peinlichen Sache gerät.
Wie viele andere junge, strebsame Menschen möchte auch Lily hoch hinaus – schafft es aber nur in architektonischer Hinsicht. Im Etagenbüro einer Medienagentur im Big Apple versieht sie einen Dienst als unbezahlte Praktikantin.

Ein Roman in drei Teilen

Das ändert sich, als sie Matthew kennenlernt, den jungen Spross der elitären Familie Maier. Sofort und ohne nennenswerte Widerstände entbrennt Matthew in seiner Liebe zu Lily und führt diese in seine Kreise ein, eine Hochzeit und Nachwuchs sollen wenig später folgen.

Ebenjener Nachwuchs bildet den Mittelteil des erzählerischen Triptychons, das mit einem zeitlichen Sprung einsetzt. Man erlebt nun Nic, den Sohn von Lily und Matthew und dessen Suche nach einem Platz im Leben. Tief taucht er in das studentische Leben ein und kämpft mit seinen beiden elterlichen Bezugspunkten auf jeweils ganz eigene Weise.

Den Schlussteil bildet dann die Erzählung von Mai, in der die chinesischen Wurzeln gründen, denen Tochter und Enkel in den beiden vorherigen Teilen immer wieder nachspüren und doch keinen schlüssigen Zugang zum eigenen Erbe finden.
Diesen Zugang bekommen sie und wir mit ihnen erst in diesem Teil der Erzählung, der zugleich der spannendste der drei Episoden ist. Denn wo Lily und Nick als vermeintlich echte Amerikaner aufwachsen, da wächst Mai im Schatten von Maos langem Weg in China heran. Armut und ein späterer Aufstieg durch Bildung, der durch das Treiben der Rotarmisten konterkariert wird, sie sind die prägenden Erfahrungen, die die junge Frau in China macht, ehe ihr die Flucht nach Amerika gelingt.

In diesem Teil fügen sich die zuvor berührten Brüche und offenen Fragen zu einem schlüssigen und durchaus dramatischen Erzählfluss, der die Statik der ersten Teile zumindest ein Stück weit wieder wettmacht. Die erlebten Extreme, das hierzulande recht unbekannte Kapitel der chinesischen Epoche unter Mao, die Erfahrungen als Migrantin in einem fremden Land und die begangenen Fehler, die sich doch mit Verzögerung rächen, so wie der Samen einer Lotospflanze auch Jahrzehnte nach seiner Ernte noch keimen kann, das gelingt Rachel Khong wirklich gut.

Ein Great American Novel mit chinesischen Wurzeln

Mal erinnert Rachel Khongs Erzählen an Richard Powers, mal gibt es einen Anklang an Taffy Brodesser-Akner, mal blitzt Min Jin Lee aus der Ferne auf.

Doch um an die ganz großen Namen der amerikanischen Gegenwartsliteratur anzuschließen, fehlt mir bei dem Buch in Teilen Tiefe und ein entschiedener genutztes Potential, das der Geschichte fraglos innewohnt.

Bis die interessanteste Erzählperspektive ins Spiel kommt, vergehen viele hundert Seiten, ehe es dann soweit ist und Mai loserzählen darf.
Spannende erzählerische Einfälle wie die verschobene Zeit-Wahrnehmung, die alle drei Generationen immer wieder als kurzzeitig stillstehend erleben, sie werden nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgeschöpft, sondern hinterlassen den Eindruck, dass man aus so einem Einfall deutlich mehr hätte herausholen können.
Ziemlich ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Umstände, wie die sofortige Liebesgeschichte zwischen Matthew und Lily und arg große Zufälle in Sachen familiärer Zusammenführungen, sie lösen ein kleines Störgefühl aus, das aber durch den geschmeidigen erzählerischen Sog auch wieder besänftigt wird.

So schnurrt Real Americans geschmeidig vor sich hin und nimmt die Leser*innen mit nach Amerika und China, unterhält gut und bietet Dramatik, Liebe und familiäre Volten und dürfte damit viele Leserschichten ansprechen.

Ein Bestseller mit Ansage?

Bleibt nur noch die eingangs aufgeworfene Frage nach der Planbarkeit von Beststellern. Ist es möglich, Bestseller mit solchen orchestrierten Marketingkampagnen zu erzeugen? Offensichtlich ja, wie die Geschichte von Rachel Khongs Roman zeigt.
Real Americans ist nämlich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen und dürfte damit in leicht abgewandelter Form auch für weitere Kampagnen in anderen Verlagshäusern dienen, um sich ein Stück vom Kuchen in Sachen Verkaufszahlen und Sichtbarkeit zu sichern, den die landesweite Kampagnen um Rachel Khongs Buch damit verspricht.


  • Rachel Khong – Real Americans
  • Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
  • ISBN: 978-3-462-00572-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 528 Seiten. Preis: 24,00 €

Junko Takase – Richtig gutes Essen

Mit Richtig gutes Essen legt die japanische Autorin Junko Takase einen sehr eigenwilligen Roman vor, der von der Welt der Großraumbüros und der kulinarischen Verpflegung dort erzählt. Man erkennt, dass Japan und Deutschland zwar nicht nur geografisch halbe Welten voneinander entfernt sind, in Sachen Büro-Essenpausen diese Distanz aber plötzlich verschwindet.


Es ist die ritualisierte Frage, die nicht nur in deutschen Großraumbüros regelmäßig ab 11:30 Uhr zu hören ist. Kommt ihr mit zum Essen? Bevorzugt in Gruppen macht man sich aus dem Büro auf in Richtung Kantine oder einem anderen Mittagstisch, begleitet vom vielfach ritualisierten Ausruf „Mahlzeit“ der Kolleg*innen.

Doch eine wirkliche Pause ist so eine gemeinsam verbrachte Pause selten, vermengt sich in solchen Mittagspausen das Private doch auch immer wieder mit dem Beruflichen. Man diskutiert über Themen, lästert über Kolleg*innen oder die Chefs und lässt andere an seinen Sorgen und Nöten teilhaben.
Nicht immer kann man sich da wirklich auf das Essen konzentrieren und so manches Mal ist das Essen auch mit Vorgesetzten weniger freiwillig als vielmehr ein unausgesprochener sozialer Verhaltenskodex, an den man sich eben halten sollte, will man im Büro nicht ins Abseits geraten.

Der Fluch der gemeinsamen Mittagspause

Junko Takase - Richtig gutes Essen (Cover)

In Japan ist das nicht anders, wenn man Junko Takase Roman liest. Auch dort erwarten Chefs und Kollegen, dass man sich einer Einladung für die Mittagspause umstandslos anschließt und mit den Kollegen in die Pause geht, ehe man dann am Nachmittag mit den Kollegen im Büro weiterarbeitet. Aber Nitani will bei diesem unausgesprochenen Komment nicht mitmachen. Er zählt zur Fraktion Tütensuppe und verbringt seine Zeit lieber nach dem Motto „Instantnudeln sind doch völlig in Ordnung“ – und das auch dreimal am Tag.

Generell ist für ihn Nahrungsaufnahme weniger Genuss denn Notwendigkeit, die er auf das Nötigste reduziert und dementsprechend auch den mittäglichen Gemeinschaftspausen aus dem Weg geht.

Ein abgepacktes Gericht aus dem Konbini tut es schließlich ja auch — dabei muss man dann auch keines Nitani so unverständliches Theater um die Wertschätzung von Essen aufführen.

„Die Manieren für den Verzehr von handgemachtem Gebäck: Du musst beim Essen laut reden. Du musst ein Theater der Ergriffenheit aufführen. Du musst beim ersten Bissen zunächst „Lecker“ sagen, ungefähr nach der Hälfte irgendwas fragen, das dich nicht interessiert, wie „Wow, was ist das denn für eine Sauce?“, und nachdem du aufgegessen hast, musst du mit aufgesetzter Zufriedenheit verkünden: „Das war richtig gut! Vielen Dank!“

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 97

Genussverweigerer trifft auf ambitionierte Hobbybäckerin

Ganz anders da seine Bürokollegin Ashikawa. Diese bringt im Lauf des Romans ihre immer kunstvoller werdenden Backwerke mit ins Büro, wo sie diese unter den Kollegen verteilt und damit eine gern gesehene Kollegin ist. Für ihre Koch- und Backleidenschaft fährt sie am Wochenende schon einmal bis nach Tokio, um dort in einem Kurs die Kunst der Nappé-Technik zu erlernen, die Technik der fugenlose Verzierung von Backwerk mit Dekorschichten.

So sind nicht nur die Geschmäcker der beiden höchst verschieden, auch ihre Mentalität ist es. Unverständnis für Zeit und Hingabe in Sachen Zubereitung und Verzehr von Essen trifft auf ebenjene Hingabe von Ashikawa, die abends ihre Kreationen vervollkommnet, um sie am nächsten Tag ins Büro zu bringen.

In der Folge nehmen die Spannungen zwischen der angepassten Ashikawa und ihrem Arbeitskollegen zu, die sich nicht nur besonders auf Nitanis Verhalten auswirken, sondern in letzter Konsequenz auch die Bürogemeinschaft dort durcheinanderwirbeln werden.

Doch Richtig gutes Essen ist nicht nur ein Roman über Wertschätzung von Essen, verschiedene Geschmäcker und soziale Codes – es ist auch einer über den Sinn beziehungsweise die Sinnlosigkeit moderner Büroarbeit und den Alltag dort.

Ein Roman auch über modernen Büroalltag

In Zeiten, in denen hierzulande über einen Unfug wie den Begriff der Lifestyle-Teilzeit und eine angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft der Deutschen debattiert wird, einen wohltuenden Blick auf andere Länder richtet, die die gleichen Probleme kennen. Die Idee hinter der Mittagspause zur Steigerung von Produktivität und des Teamgefühls, er geht nämlich nicht bei allen auf, wie Nitanis Kollegin Oshio dem Genussverweigerer bei einem Umtrunk zu zweit in einer Bar gesteht.

Wahrscheinlich werde ich bis zur Rente weiter vor mich hin arbeiten, hasse meinen Job aber jeden Tag. Einem Kollegen aus der gleichen Firma sollte ich das vielleicht nicht erzählen. Aber das sagen doch alle, dass ihr Job belastend ist. Das ist also ganz normal. Ich hasse es jeden Tag, mache aber jeden Tag brav meine Arbeit, deshalb wird es wohl immer so weitergehen, denke ich mal

Junko Takase – Richtig gutes Essen, S. 89

Mit ihrer illusionslosen Darstellung der tristen Routinen und dem dafür umso ausufernden Essensgenuss steht Junko Takase in der Tradition von Romanen wie New York Ghost von Ling Ma, in dem diese eine chinesischstämmige Büroangestellte zeigt, die sich in ihrem Leistungsbewusstsein noch nicht einmal von einer Pandemie stoppen lässt – oder den Roman Die Vegetarierin der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Südkoreanerin Han Kang, in dem eine Frau von heute auf Morgen plötzlich Schluss macht mit ihrem Fleischkonsum und dabei auf das Unverständnis ihrer Umwelt trifft.

Ein eigenwilliger Roman aus Japan

Richtig gutes Essen passt in diese Riege, ist doch auch dieses Buch sehr eigenwillig, zeigt die triste Bürowelt, die Welt des Genusses und die subversive Rebellion gegen die etablierte Ordnung. Dabei ist das Erzählen von Junko Takase bisweilen sperrig, die Charaktere bleiben recht ungrundiert, unvermittelt fällt die Ich-Perspektive in das Erzählen ein, Raum und Zeit bleiben im Ungefähren und eine Handlung lässt sich auch nur in Ansätzen erkennen.

Der Humor, er ist ebenfalls nur grundiert und erschöpft sich im zunehmend skurrilen Gegeneinander der Büroangestellten und der Zeichnung des Alltags, in dem die Tortenbackkunst als Mittel der Arbeitsplatzsicherung dient und die schon fast archetypischen Kollegen, vom feisten Teamleader von vorgestern bis hin zum stillen Mitläufern miteinander interagieren.

In diesem kleinen Soziotop blickt Junko Takase ganz genau hin und zeigt, wie verbindend und spaltend doch selbst solche Wirkweisen der Arbeitskultur sind, die vordergründig nur den Genuss in den Mittelpunkt stellen – ob in Japan oder auch hier in Deutschland.

Fazit

So ist Junko Takase ein Buch gelungen, das sich auch wunderbar eignet, anstelle dem zwanglosen Zwang zu einer gemeinsam verbrachten Mittagspause zu folgen, sich einmal zu widersetzen und die Zeit zu nutzen, um sich diesen schön gestalteten literarischen Snack von gerade einmal 160 Seiten zu Gemüte zu führen. Ich wünsche schon einmal guten Appetit und „Mahlzeit“!


  • Junko Takase – Richtig gutes Essen
  • Aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann
  • ISBN 978-3-7558-0085-9 (Dumont)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €

George Orwell – Zeilen der Zeit

Obwohl in den Jahren 1943 bis 1949 entstanden, lesen sich George Orwells Kolumnen, die der Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff unter dem Titel Zeilen der Zeit in diesem Band erstmalig auf Deutsch versammelt hat, mehr als aktuell. Die Frage des Faschismus, das Erstarken totalitärer Systeme und gesellschaftliche Spannung sind Themen, die der Brite unbeirrt von Gegenwind und politischen Moden in seinen Texten behandelt – aber auch von der Kunst der richtigen Teezubereitung schreibt. Eine Entdeckung!


Wenn man die Redefreiheit kassiert, vertrocknen alle schöpferischen Fähigkeiten.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 50

In Zeiten, in denen erbittert über die Meinungsfreiheit gestritten wird und so manch einer behauptet, man dürfe heute nichts mehr sagen, dabei aber doch eher eine Widerspruchsfreiheit denn eine Meinungsfreiheit für radikale Positionen möchte, da kommen Orwells erstmals ins Deutsche übersetzte Kolumnen gerade zu richtigen Zeit.

Denn in Zeilen der Zeit wird man Zeuge eines steten Kämpfers für die Meinungsfreiheit und den öffentlichen Austausch von Positionen, der es in seinen Texten nicht auf Verbindlichkeit und Zustimmung anlegt, sondern im Gegenteil keinem gepflegten Streit aus dem Weg geht und mit Leidenschaft den Wettkampf um das beste Argument sucht.

Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch

Beginnend im Kriegsjahr 1943 blickt Orwell in seinen Texten auf die Kriegsgräuel und die Stimmung in seiner britischen Heimat, auf die Fehlbarkeit von Kriegsexperten, auf antibritische und antiamerikanische Ressentiments, Zensur und auf besorgniserregende Entwicklungen national wie international.
Wie geht man mit einem Aggressor um, der einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legt und wie soll ein Frieden ausgestaltet sein, der dauerhaft ist?
Heute, da wir in Bezug auf den Ukrainekrieg wieder die gleichen Fragen debattieren, wirken Orwells Themen und Antworten leider wieder — oder immer noch — höchst aktuell.

Pointiert fasst er seine Ansichten und Positionen in den Texten zusammen und wirkt so manches Mal verzweifelt und fatalistisch ob der Entwicklungen und Ereignisse, derer er Zeuge wird.

Nichtsdestotrotz, wenn ich eine Welt sehe, in der es ein Verbrechen ist, einen einzelnen Zivilisten zu töten, aber völlig rechtmäßig, wenn man tausend Tonnen hochexplosiven Sprengstoff über einem Wohngebiet abwirft, dann frage ich mich schon, ob unsere Erde nicht eine Irrenanstalt ist, die ein anderer Planet als seine Abfalltonne benutzt.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 22

Erstarkender Antisemitismus, die Kriegsgräuel und die Angst, unter der Großbritanniens ob des Vernichtungswillens der Nationalsozialismus leidet, es sind die Themen, die er in der diesen Kolumnen umkreist, die parallel zu den beiden literarischen Solitären 1984 und Die Farm der Tiere entstanden. Auch musste er persönliche Schicksalsschläge wie den Tod seiner Frau verwinden, wie Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff in den Kommentierungen zu den Kolumnen erläutert.

Ein Streiter für das freie Wort

George Orwell - Zeilen der Zeit (Cover)

Niedergeschlagen und fatalistisch sind die Texte allerdings keineswegs. Zeilen der Zeit zeigt einen hellsichtigen und liberalen Beobachter, der unbedingt für das freie Wort und die Debatte einstand. Das unbedingte Eintreten für das bessere Argumente und einen bereichernden Meinungsaustausch fällt über alle Texte hinweg auf. Seine Kolumnen vermitteln den Eindruck eines klugen und debattenfreudigen Kopfes, für den Gegenrede und protestierende Leserbriefe als Reaktionen auf seine Kolumen das Zündmittel waren.

Nicht umsonst ist Zeilen der Zeit das Zitat des Herausgebers der Zeitschrift Tribune vorangestellt, in der der Großteil von Orwells Kolumnen erschien. Dieser bemerkt, dass es sich bei Orwell mit As I please (so der wunderbar egozentrische Titel von dessen Kolumne im Original) wohl um den einzigen Kolumnist des ganzen Londoner Zeitschriftenviertels handeln dürfte, der es erkennbar darauf anlegte, mit seinen Texten Woche für Woche einen möglichst großen Teil seiner Leserschaft vor den Kopf zu stoßen.

Provokant, politisch und debattenfreudig sind seine Texte, aber keineswegs moralinsauer. Denn Orwell mengt in seine Texte auch immer wieder Ironie und Humor. So äußert er sich auf eine Leserinnenbeschwerde, seine Texte seien so voller Kritik, ausführlich über die Rosen bei Woolworth. Auch gehen seine Kolumnen mal der Frage der perfekten Teezubereitung in mehreren Schritten nach (bloß kein Zucker!), mal schildert er seine Wunschvorstellung des perfekten Pubs und bittet um Publikumsbeteiligung ob dieser Frage – oder widmet sich der Betrachtung des Laichverhaltens von Kröten (nicht ohne vor dort wieder auf das das politische große Ganze zu kommen).

George Orwell als Prophet unserer Gegenwart

Hellsichtig auch etwas seine Prognosen über die Zukunft der Medien, die sich Orwell in einem Text in Bezug auf den Totalitarismus ausmalte, die sich aber nun auch in unserer Gegenwart zu bewahrheiten scheint, angefangen von mit KI generierten Kinderbüchern bis hin zu einem kollabierenden Literaturmarkt:

Aber es ist zweifelhaft, ob die große Masse des Volkes in den Industriestaaten das Bedürfnis nach irgendeiner Form von Literatur haben wird. Auf jeden Fall werden die Leute nicht annähernd so viel Geld dafür ausgeben wolen, wie sie für andere Freizeitunterhaltungen auszugeben bereit sind. Wahrscheinlich werden Romane und Erzählungen vollständigen von Filmen und Hörspielen abgelöst werden. Vielleicht wird es auch eine mindere Sensationsliteratur geben, die am Fließband hergestellt wird und keines menschlichen Zutuns bedarf.
Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. (S. 153)

Man könnte auch selbst leicht fatalistisch werden, wenn man die wahrgewordenen Prophezeihungen Orwells liest und den ausgebliebenen Fortschritt in Sachen Frieden, Fortschritt und Abrüstung sieht, der in den letzten 80 Jahren seit dem Erscheinen dieser Kolumnen ausgeblieben ist.

Die Hoffnung auf Frühling

Dennoch lässt Orwell in diesem lesens- wie bedenkenswerten Buch auch die Hoffnung nicht fahren, wie wir es auch nicht tun sollten, denn der Frühling, er lässt sich nicht verhindern. So formulierte es der Brite im April 1946 und die Hoffnung bleibt, dass sich seine Worte nicht nur in jahreszeitlicher Hinsicht bald bewahrheiten sollen!

Solange man nicht krank , hungrig, voller Angst oder in einem Gefängnis oder Ferienlager eingesperrt ist, bleibt der Frühling immer noch Frühling. In den Fabriken stapeln sich jetzt die Atombomben, die Polizei lauert überall in den Straßen, die Lügen ergießen sich aus den Lautsprechern, aber die Erde kreist immer noch um die Sonne, und — sosehr sie ihn auch hassen — weder die Diktatoren noch die Bürokraten können den Frühling verhindern.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 190

  • George Orwell – Zeilen der Zeit
  • Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolf
  • ISBN 978-3-15-011577-0 (Reclam)
  • 267 Seiten. Preis: 25,00 €

Safae El Khannoussi – Oroppa

In ihrem Debüt Oroppa denkt die niederländische Autorin Safae El Khannoussi Europa weit und schreibt anhand einer Künstlerinnenbiografie an einer Erweiterung des geografischen Raums bis in den Maghreb hinein. Das ist in ihrer Erzählweise durchaus schlüssig und auf der Höhe der Zeit.


Alles beginnt in Safae El Khannoussis Roman mit dem Tod – denn Salomé Abergel liegt im Sterben. Nur ist das mit dem Sterben so eine Sache, denn der Tod will sich noch nicht wirklich einstellen.

Salomé Abergel wäre anstandslos in den Tod hinübergeglitten, hätte der Tod sie, nachdem er erst unschlüssig auf ihr herumgekaut hatte, nicht doch wieder ausgespuckt – zurück ins Leben. Seltsame Art aufzuwachen, dachte sich Salomé auch wenn es noch seltsamere gab, so wie neulich, als sie in der grellen Sonne auf einmal auf dem Balkon wach geworden war, neben einer Frau, die mit geschlossenen Augen eine Zigarette rauchte.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 9

Der Frage, wer diese Salomé Abergel ist, die hier zwischen Leben und Tod oszilliert, widmet sich El Khannoussis Text im Folgenden. Dabei wählt die 1994 in Tanger geborene Autorin einen indirekten Erzählansatz, denn hauptsächlich erfahren wir das Leben der Künstlerin nicht über sie selber, sondern über Menschen, die Salomés Lebensspur gekreuzt haben. So wie beispielsweise die Imbissangestellte Hind in Amsterdam, die von ihrem Chef Hbib ein ungewöhnliches Angebot bekommt.

Im Haus der Künstlerin

Statt in ihrem bisherigen Zuhause in einer besseren Besenkammer soll die junge Frau als Haushüterin auf das Anwesen einer Bekannten von Hbib aufpassen.

„Hör zu, du wohnst hundertmal schöner als jetzt und zahlst auch noch keinen müden Cent dafür. Um Salomé brauchst du dir keine Gedanken zu machen, die kommt nicht zurück. Jedenfalls vorerst. Du kriegst den Schlüssel Du sagst der Oma Adieu und ziehst um. Salomé ist eine gute Freundin von mir. Ihr Haus gehört jetzt dir. Du hältst es ein bisschen sauber, räumst auf, gießt die Pflanzen. Anonsten kannst du tun und lassen ,was du willst. Aber aufgepasst. Es ist die Rivierenbuurt. Also mach mir ja keinen Ärger. Und wenn jemand nach Salomé Abergel fragt, sagst du, sie sei verreist.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 17

Ganz so problemlos, wie es ihr Chef darstellt, ist der Deal aber mitnichten. Denn nicht nur, dass schon bald das Telefon im Haus im Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt klingelt und eine Dame nach Salomé fragt. Auch finden sich im Keller des Hauses Gemälde, die der kifffreudigen Hind wie aus einer drogeninduzierten Vision erscheinen — keiner guten allerdings. Denn die Werke lassen der jungen Frau einen Schauer über den Rücken laufen. Wer war die Künstlerin, die diese Werke erschaffen hat und aus welchen Erfahrungen speist sich die Kunst der Verschollenen?

Von Amsterdam nach Casablanca und retour

Safae El Khannoussi - Oroppa,

Das klärt der nachfolgende Teil um den schwerkranken ehemaligen Gefängnisaufseher Yousef Slaoui, der mittlerweile ebenfalls in Amsterdam gestrandet ist. Schon früh kreuzten sich seine Pfade mit denen von Salomé „Salma“ Abergel, die im Zuge von Protesten in Casablanca aufgegriffen wurde.
Ihre Rebellion und Widerstand sowie das erlittene Leid, das sie dort in Marokko erfuhr, ehe sie als Künstlerin in Europa reüssierte, das beleuchtet der zweite Teil, dem dann auch noch eine weitere Passage folgt, die sich um die Galeristin Salomés und deren Suche nach ihr dreht, die die Galeristin ebenfalls in den Maghreb führt.

Dabei ist das Leben Salomés ebenso Thema wie die politischen Entwicklungen dort in der Region, etwa dem Arabischen Frühling – und dessen Auswirkungen auch auf Europa, die sich in der Person Salomé Abergel spiegeln. Dazu kommen erzählerische Einschübe wie in Etappen präsentierte Anekdoten, Passagen um ein geheimnisvolles 21. Arondissement, mit dem fast so etwas wie ein kleines Fantasy-Element zwischen Jorge Luis Borges und Carlos Ruiz Zafon in den Roman findet. Und auch die die nachgelagerte sogenannten „Angsthefte“ bilden ein weiteres erzählerisches Mittel in diesem form- wie genresprengenden Romandebüt von Safae El Khanoussi.

Oroppa entzieht sich somit einer genauen Zuordnung, bietet dafür aber einen vielgestaltigen Blick auf ein Frauenschicksal und die Geschichte der Gewalt, die Marokko und die anderen Staaten in der postkolonialen Zeit erfahren haben. Auch fragt ihr Roman nach den künstlerischen, geschichtlichen und biographischen Beziehungen zwischen den Kontinenten Europa und Nordafrika – und bietet damit gerade in dieser Zeit, in der energisch über Abschiebungen und die Sicherung von Außengrenzen debattiert wird, einen lesenswerten Einwurf, der zeigt, dass sich die Regionen doch näher sind und die Einflüsse weiter gedacht werden müssen, als es bei einem streng geografischen Blick auf die Landkarte der Fall ist.

Fazit

Wer sich auf dieses von Stefanie Ochel aus dem Niederländischen übersetzten Buch einlässt, der bekommt ein überbordende Erzählfeuerwerk zwischen Meknes und Amsterdam serviert. Oroppa ist ein Leseerlebnis, das manchmal wie im Delirium, dann wieder schmerzhaft klarsichtig wirkt. El Khannoussis Roman steckt voller Erzähllust und tragischer Schicksale, Kunst und Migrationserfahrung und schlingert auf gute und herausfordernde Art und Weise. Dieses politische und erzählerische wilde Werk macht Lust auf Diskussionen und mehr von der Autorin!


  • Safae El Khannoussi – Oroppa
  • Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-446-28474-6 (Hanser)
  • 350 Seiten. Preis: 26,00 €