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Matthias Göritz – Parker

Meine Erwartungshaltungen an dieses Buch waren hoch – vermisse ich doch etwas in der aktuellen deutschsprachigen Literatur massiv: Politik und den Willen, sich in Debatten einzubringen. Schon einmal habe ich diesen Wunsch in einem längeren Aufsatz geäußert, der sich an dieser Stelle findet. Nun also Matthias Göritz‘ Parker, ein Roman über einen Mann, über die Politik und deren Abgründe – das erhoffte ich mir nach einer ersten Studie des Klappentextes des Buchs. Bekommen habe ich stattdessen etwas anderes – aber der Reihe nach.

Matthias Göritz ist 1969 geboren und betätigt sich als Übersetzer, schreibt Gedichte und fürs Theater. Immer wieder lehrte und schrieb er auch als Dozent und Stipendiat in Amerika an verschiedenen Universitäten und im Rahmen von Förderprogrammen – so auch momentan. Zur Zeit lehrt Göritz an der Washington-Universität von St. Louis.

Den Amerika-Einschlag merkt man auch Parker auch deutlich an. Dies beginnt schon bei der Figur des titelgebenden Matthew Parker (Mutter Deutsche, Vater Amerikaner) und setzt sich in seinem trans-atlantischen Plot fort. Denn wir begleiten Parker dabei, wie er von Amerika kommend eingangs nach Schleswig-Holstein reist, wo seine Talente benötigt werden. Als Rhetoriker und Redenschreiber gibt er ein Seminar und soll den aufstrebenden SPD-Politiker Hans-Christian Mahler coachen. Der Macron von der Waterkant hat nämlich erkannt, dass smarte und redegewandte Politiker in Europa auf dem Vormarsch sind. Und so soll nun Parker Mahler in die erste Reihe der Politik bringen und dessen Vision von einem norddeutschen Silicon Valley mit Reden befeuern und pushen.

Doch der Norden und Schleswig-Holstein speziell sind ein hartes politisches Pflaster. Göritz greift das im Buch immer wieder auf und erinnert an die zahlreichen Skandale, die die Landespolitik stets produzierte. Besonders in Bezug auf die SPD stellt die politische Historie  kein Ruhmesblatt da. Fälle wie die Bespitzelung Björn Engholms in der Barschel-Affäre, das Wahldesaster Heide Simonis oder das Scheitern der SPD-Bürgermeistern Susanne Gaschkes sind nur einzelne Steine in einer Kette von Skandalen – das Register ist lang.

Wer in Schleswig-Holstein nach der Macht greift, der muss über kurz oder lang scheitern, so auch Göritz‘ These, der das an der Figur des Parker durchexerziert. Doch eine Art deutsches House of Cards ist Parker dennoch nicht, denn die Politik ist im Buch eher ein dünner Mantel, der seine Hauptfigur umkleidet. Der Mittelpunkt von Parker ist und bleibt Parker selbst.

Dass Parker dabei gerade im Haifischbecken der Politik mitschwimmt, ist keine Überraschung, Denn es sind seine Fähigkeiten als Redner und auch Blender, mit denen er sich gekonnt über Wasser hält und von Auftrag zu Auftrag laviert. Die wirklichen Triebfedern Parkers weiß sein Schöpfer Göritz dabei gut zu verstecken und diese mit dem Fortschreiten des Buches nur zögerlich zu enthüllen.

Oftmals wirkt Parker und sein ganzes Personal wie die Hochglanz-Räume, in denen sich die Handlung zumeist abspielt. Überall Hotelzimmer und Lofts, in denen auf jedem Meter ein Marcel-Breuer-Tisch oder eine Eames-Chair steht. Vordergründig ist alles auf Hochglanz und Strahlen gebürstet, hinter den Fassaden lauert aber das große Nichts. Genau das ist es auch, das Parker selbst tut – Menschen herausputzen und von ihrer besten Seite präsentieren. Die Abgründe sollte man dabei besser verstecken – doch wehe, wenn sie aufgedeckt werden …

Stark ist Göritz bei Parker in dieser Dichotomie von Schein und Sein. Andere Punkte sind schwächer geraten – denn ganz klischeefrei kann auch er nicht. So sind die Schilderungen der Stehempfänge mit den honorigen Gästen oder das Beharken der Gegner Szenen, die Erwartbares zeigen, darüber hinaus allerdings keine große Tiefenwirkung im Buch entfalten. Man kennt das schon (besser) aus Serien wie etwa The West Wing, Borgen oder dem oben bereits erwähnten House of Cards. Diese Serien sind einfach Maß der Dinge, wenn es darum geht, die Politik in ein Unterhaltungsformat zu überführen. Erwartet man Ähnliches von Parker, dürfte man enttäuscht werden.

Liest man aber Parker als Studie eines zerrissenen Mannes, die eine leichte Politik-Tünche umgibt, dann ist das Buch wirklich stark. Ausflüge in Rhetorik und Kampagnenführung inklusive.

Fazit

Ist Parker der große zeitgenössische Roman über die Politik, ihre Mechanismen und Abgründe? Dem würde ich nur mit großen Einschränkungen zustimmen. Für mich ist Parker vielmehr ein Buch über Schein und Sein sowie die Geschichte eines Mannes, der sich irgendwo zwischen Amerika und Deutschland verloren hat.

 

 

Juli Zeh – Leere Herzen

Was wollte uns die Künstlerin damit sagen?

Diese Phrase steht für mich auch am Ende nach der Lektüre von Leere Herzen, dem neuesten Streich von Juli Zeh. Zeh, die mit ihrem letzten Roman Unterleuten zur veritablen Bestsellerautorin mutierte (sage und schreibe 78 Wochen konnte sich das Buch in den Spiegel-Bestsellerlisten behaupten), legt nun eineinhalb Jahre nach Erscheinen ihrer brandenburgischen Dorf-Betrachtung einen neuen Roman vor, der vieles will, aber wenig kann.

Ausgangspunkt ist das Geschäftsmodell der Brücke, einem Unternehmen, das die Geschäftspartner Britta und Babak betreiben. Die Kernidee der Brücke ist folgende: suizidale Menschen werden von den beiden überprüft, bewertet und gecoacht, um diese dann im besten Falle als Märtyrer für bestimmte Aktionen einzusetzen. Der Selbstmord ihrer Kandidaten hilft anderen Organisation wie etwa Umweltschutzgruppen, vor deren Karren sich die willfährigen Suizidenten spannen lassen. Britta und Babak kassieren gutes Geld – dafür leben sie in einer alles anderen als  mondänen Welt. Genauer gesagt in Braunschweig. Die Welt hat sich noch etwas weitergedreht in diesen Tagen, die Regierung wird von der BBB gestellt, der Besorgten Bürger Bewegung, Innenministerin ist Sarah Wagenknecht.  Instabile Zeiten, in denen Zehs Protagonisten leben. Noch instabiler wird das Gefüge, nachdem eine neue Klientin der Brücke auftaucht, die einen Keil zwischen Britta und Babak treibt. In der Folge gerät die Welt der beiden Geschäftsleute aus dem Lot, als auch noch eine Konkurrenzorganisation den beiden das Leben schwer macht – und so steht bald Babaks und Brittas Existenz auf dem Spiel.

So die Synopse von Zehs neuem Buch, das dann deutlich weniger gut funktioniert, wenn es um die Umsetzung von Theorie in Praxis geht. Und das, obwohl Zeh ja schon bewiesen hat, dass sie etwas von Erzählökonomie, Charakterzeichnung und Struktur versteht. Bereits der Grundidee der kommerziellen Nutzung von potentiellen Selbstmördern kann ich wenig abgewinnen. Bis auf wenige plakative Szenen (Waterboarding, etc.) bleibt vieles Behauptung und wird angerissen, wirklich plausibel erscheint wenig. Dies gilt auch für die übrigen dystopischen Elemente des Buchs, die ab und an eingeworfen und eingestreut werden. Nachvollziehbar und genuin entwickelt ist diese Vision in meinen Augen nicht. Auch Zehs HeldInnen scheinen sich mit der Welt versöhnt zu haben, es regiert der Neo-Biedermeier. Höhepunkt ist der eskapistische Trip in die norddeutsche Provinz, bei der dann ein Hauskauf und ein Landlust-ähnliches Bezugsfest des Objekts im Mittelpunkt der Episode stehen. In Unterleuten wirkte all dieser Möchtegern-Eskapismus viel böser, viel echter. Hier ist viel Kulissenschieberei am Werk, die Menschen, die in diesen Kulissen interagieren, bleiben allerdings höchst blass – und wenn sie einmal Kontur gewinnen, dann möchte man doch wieder, dass sie wieder blass werden.

Überspannte und leicht an der Grenze zur Hysterie stehende Charaktere gehören ja zum Markenzeichen der Autorin. Das kann mal nerven (Nullzeit), mal wunderbar funktionieren (Unterleuten). Im aktuellen Fall ist es eher erstere Kategorie, in die Zehs Personal fällt. Ihre Heldin Britta nervt mit zahlreichen Marotten (Putzfimmel, ständige Übelkeit, sprunghaftes Verhalten), die anderen Figuren stolpern alleingelassen durch das Setting. Vieles an den Figuren bleibt reine Behauptung, plausibel ist auch hier wenig. Egal ob Flüchtling und Hacker, Geheimdienstmann oder Ehegatte. Vieles wird gelabelt, mit Leben gefüllt aber nahezu nichts. Je weiter das Buch voranschreitet, desto hanebüchener wird es. Höhepunkt findest das Ganze dann in einem Finale, in dem verschiedene Terror-Organisationen und Geheimdienste aufeinandertreffen. Als erste Opfer sind dann gleich Logik Plausibilität und sprachliche Qualität zu beklagen, die auf der Strecke bleiben.

Als Dystopie ist Leere Herzen zu unentschlossen, als Parabel auf Pegida, AfD und Co. funktioniert das Buch ebenfalls nicht. Das Geschäftsmodell der Brücke bleibt im Ungefähren. Der Roman hat eine deutliche Unwucht, die einzelnen Handlungsabschnitte sind alles andere als ausbalanciert. Besonders offensichtlich wird dies am Schluss des Romans, der in seiner Gehetztheit die vorherigen langweilenden vorherigen Passagen in puncto Tempo und Logik ab absurdum führt. Was zudem auch  unangenehm oft auffällt, ist der übermäßig strapazierte moralische Zeigefinger der Autorin, der hier eindeutig zu oft im Einsatz ist. Nicht ohne Hintersinn trug ihre Kolumne im Magazin Der Spiegel auch den Titel „Die Klassensprecherin“ – vieles von dieser Rechthaberei findet sich auch zwischen den Zeilen in Leere Herzen.

Vieles an diesem Buch ist sicherlich gut gewollt, auch will ich mich eigentlich an dieser Stelle nicht beklagen, dass sich eine Autorin hier mit Politik und zeitgenössischen Aspekten beschäftigt, hatte ich doch so etwas erst in meinem letzten Meinungsbeitrag hier eingefordert. Leider bleibt es beim Wollen und einer mangelhaften Umsetzung der aktuellen Themen und Fragen. Leere Herzen ist einfach schlecht ausbalanciert, unrund, wenig plausibel und somit eine der großen Enttäuschungen dieses Bücherherbstes.

Mehr Politik wagen

Liebe Autorinnen und Autoren,

nun ist sie also wieder vorbei, die größte Buchmesse der Welt, stets Leistungsschau und Schaufenster des literarischen Schaffens weltweit. In diesem Jahr war das Gastland ja Frankreich, ein Land mit einer blühenden Literaturlandschaft, vom Comic bis zum opulenten Gesellschaftsroman Balzac’schem Ausmaß, alles dabei.

Bereits im Vorfeld der Buchmesse gab es schon im Rahmen der französischen Parlamentswahl zahlreiche Beilagen und Feuilletons zu lesen, in denen die findigen Kulturredakteure frankophone Bücher zusammentrugen und präsentierten, die dabei helfen sollten, die französische Gesellschaft, ihre Probleme und aktuelle Debatten besser verstehen zu können. Und nun also die Buchmesse und auch hier wieder seitenweise Lektüretipps und erhellende Neuübersetzungen von Autoren, die uns die Grande Nation aufschließen sollten.

In diesen Artikeln AutorInnen wie etwas Virginie Despentes oder Karine Tuil, die in ihren Romanen die französische Gesellschaft vermessen, Schreiber wie Michel Houellebecq, die Visionen entwerfen, in den öffentlichen Diskurs eingreifen, die (literarische) Gesellschaft durch ihre Einwürfe bereichern und reflektieren. Große Bücher von Annie Ernaux, Sabri Louatah, Matthias Enard – und stets schwingt das Politische und Gesellschaftliche mit.

Kurzer Szenenwechsel nach Deutschland: bevorstehende Bundestagswahl – und in den Feuilletons gähnende Leere (sollte es mal eine ähnliche Strecke wie die der wichtigsten (französischen) Bücher des Herbstes gegeben haben – ich lasse mich gerne korrigieren). Kein Roman auf weiter Flur, der die gesellschaftlichen oder politischen Themen unserer Tage aufnimmt, spiegelt oder einfach nur ins Bewusstsein ruft. Kein Buch, das Themen wie Migrationsbewegungen, Klimawandel, gesellschaftliche Verwerfungen, Ost-West-Konflikte, Rechtsruck, soziale Schieflagen oder ähnliche Themen aufgreift.

Wie groß war die Begeisterung hierzulande über Didier Eribons wirklich bemerkenswerte Rückkehr nach Reims!? Das Buch wurde in meinen Filterblasen gefeiert, gute Absatzzahlen für ein soziologisches Fachbuch und einstimmiger Jubel im Feuilleton waren dem Autor gewiss, der uns Frankreich durch seine Ausführungen und Erklärungen besser verstehen lässt. Warum zieht es viele linke Stammwähler zum Front National? Warum definieren Herkunft und Klasse immer noch unsere weiteren Chancen im Leben? Groß war die Begeisterung über den gut lesbaren und erhellenden Titel (und ja – auch meine). Bezeichnend nun, dass auf der Messe die Ankündigung von Eribons neuem Werk vielfach gepriesen wurde – eine deutsche Antwort auf das Buch allerdings ausblieb. Und dabei ist es ja nicht so, dass sich unsere Probleme gravierend von den französischen Verhältnissen unterscheiden, sich eine derartige Analyse also auch in Deutschland einmal lohnen sollte.

Nur kann es wirklich sein, dass wir uns mit unseren Romanen und Analysen derart hinter Frankreich verstecken müssen und uns lieber dort bedienen, statt ein derartiges Unterfangen auch einmal bei uns zu wagen? Selbst deutsche Autoren wie etwa Gila Lustiger scheinen lieber Gesellschaftsromane über Frankreich schreiben zu wollen, in denen sie die Verwerfungslinien des Landes nachzeichnen, als etwas derartiges bei uns zu wagen. Wo ist es hin, das politische Gespür und die Lust der Erkundung der unterschiedlichen Milieus und Klassen, die Neugier auf die weitere Entwicklungen dieses Landes? Ist es denn wirklich so schwer, Romane zu schreiben, die über pure zwischenmenschliche Geschichten und Probleme hinausweisen und die größere Entwicklungen und Tendenzen greifbar machen? Gerade bei unserer wechselvollen Geschichte, deren Auswirkungen ja immer noch präsent und spürbar sind, sollte das politische Schreiben doch auf der Hand liegen!?

Beim intensiven Nachdenken und Durchforsten meiner Bücherbestände blieb nur eine Handvoll AutorInnen hängen, die sich den übergreifenden gesellschaftlichen Themen widmen und zumindest mich dieses Land besser verstehen ließen. Peter Richters 89/90 kam mir in den Sinn ebenso wie das Debüt von Manja Präkels, Nikolaus Bleuel oder Fatma Aydemir. Danach wird es schon diffiziler, zumindest in meinen Buchregalen. Albert Ostermaier oder Dirk Kurbjuweit bringen in ihren Büchern auch noch eine gewisse Aktualität und über das Buch hinausweisende gesellschaftliche Bezüge ein. Für mein Empfinden sind es aber noch am ehesten die Krimischrifststeller, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten  Hier sei als Beispiel nur kurz Horst Eckerts Wolfsspinne genannt, ein Buch, das sich fiktionalisiert mit dem Thema des rechten Terrorismus beschäftigt (auch ein Thema, das in der Öffentlichkeit breit diskutiert wurde, kaum aber in die Literatur Einzug fand). Auch Wolfgang Schorlau gelingt es stets, den Finger in die offenen gesellschaftlichen Wunden zu legen, egal ob Probleme wie die Abgründe unseres immensen Fleischkonsum, Pharma-Lobbyismus oder Erbsünden der RAF verhandelt werden. Dies ehrt die genannten Herrschaften natürlich sehr, aber ich frage mich, ob das wirklich alles sein kann.

Wo bleibt ein deutsches Pendant zu Michel Houllebecq? Wer wagt es, wie Karine Tuil in die verschiedenen Milieus dieses Landes zu blicken oder wer beschreibt den Weg eines Helden durch alle sozialen Schichten so, wie es Virginie Despentes gelingt?

Literatur ist immer dann spannend, wenn sie sich an den Sollbruchstellen einer Gesellschaft entlang bewegt. Nur scheint mir die deutsche Autorenschaft in großen Teilen dieses Thema seit Jahren lieber weiträumig zu umfahren, als einmal einen Blick in die Abgründe zu werfen. Diese Verweigerung finde ich fahrlässig, schließlich wird hier die Chance vertan, klare Positionen zu beziehen und den Lesern auch Orientierung oder Visionen zu bieten.

Bezeichnend auch, dass die größten Schlagzeilen, für die die Frankfurter Buchmesse gesorgt hat, nicht ein provokantes oder wagemutiges Buch oder ein Schriftstellerauftritt war, sondern es ein, zwei rechten Verlage und deren Umfeld gelang, die diesjährige Buchmesse zu dominieren und sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandles in den Hintergrund zu drängen. Hier müsste auch die Literatur diesen Gedankenmodellen und Auftritten etwas entgegensetzen, um das Geistesleben zu bereichern und den Diskurs wieder zu weiten. Doch deutschsprachige Romane oder Autoren, die dieses Potential in sich haben und ihre Stimme erheben, finde ich bislang kaum. Genauso wenig wie einen irgendwie gearteten öffentlich Diskurs, der einmal aus einer kulturellen Stellungnahme erwächst und in öffentlicher Aufmerksamkeit mündet.

Warum gelingt uns das alles nicht? Ein Blick auf die Beststellerlisten dieses Jahres (jaja, ich weiß um deren Aussagekraft, dennoch ist sie nunmal auch ein Gradmesser für literarische Trends) stimmt da schon traurig. Das Mittelalter dominiert (Iny Lorentz oder Sabine Ebert mit ihren Dauerabonnements), Leichenschlitzer (die Stümpereien von Fitzek) oder persönliche Grenzerfahrungen (Simon Strauß, Mareike Krügel) schaffen es auf die Liste, wenn es deutschen Autoren überhaupt einmal gelingt, neben der fremdsprachigen Konkurrenz einen Platz zu behaupten.

Auch die „literarisch ambitionierteren“ Bestsellerautoren lassen jegliches Wagnis vermissen. Man denke nur an Juli Zeh, die über eine entkoppelte Dorfgemeinschaft in Brandenburg schreibt, Daniel Kehlmann, der gleich wieder weit zurück ins Mittelalter springt oder Uwe Timm, der sich ins Jahr 1945 schreibt und vergangene Welten heraufbeschwört. Der Rückzug von der Aktualität dominiert, mehr Innerlichkeit scheint das Motto zu sein.

Aber selbst wenn man den ökonomischen Erfolg beiseite lässt und auf anders kuratierte Listen blickt, wie etwa den Deutschen Buchpreis, ändert sich das Bild nicht gravierend. Die Auswahl der besten deutschen Bücher des Jahres erzählt von Bartforscher, die nach Japan entschwinden, von fliehenden Professoren und Rentnern, die sich im Schwimmbad den Kopf stoßen – oder ganz innovativ, von Martin Luther. Im Jahr 2017. Das hat natürlich alles seine Berechtigung und ist in den überwiegenden Fällen auch literarisch gut gemacht.

Aber frei nach Willy Brandt möchte man euch Schriftstellern doch schon einmal zurufen: lasst uns mehr Politik wagen! Dass es sich auszahlen kann sieht man ja am diesjährigen Buchpreisgewinner Robert Menasse, der das Politische gleich auf EU-Ebene in seinem Roman Die Hauptstadt verhandelt- und zack:  schon gibts den Deutschen Buchpreis, auch da niemand etwas derartiges zuvor gewagt hatte. Ihr seht also – es kann sich durchaus rentieren!

Ein scribere aude möchte ich euch zurufen. Legt den Griffel zur Seite (okay, meinetwegen auch die Gänsefeder) wenn ihr an Familienromanen arbeitet, lasst einmal die historischen Romane historische Romane sein – setzt euch an eure Schreibtische und schreibt etwas Außergewöhnliches, etwas, das uns diese Gesellschaft anders betrachten lässt oder das neue Impulse liefert. Ich würde mich freuen, wenn ihr etwas schafft, das unsere Denkmuster aufbricht, das unsere Gesellschaft erklärt oder die aktuellen Wandel abbildet. Diese Zeit ist zu spannend und vielfältig, als sie mit Literaturinstitutsprosa zu vergeuden oder sich in der neuen Innerlichkeit zu üben. Scheitern kann man damit immer, aber wenigstens der Versuch ist es schon wert.

 

Nur noch einmal zur Erklärung des Begriffs Politik wie ich ihn verstehe: ich verlange gar keine Schriftsteller, die Wahlkämpfe für Parteien machen und/oder uns Gedichte von zweifelhaftem literarischen Wert bescheren, um für oder gegen etwas zu agitieren. Auch brauche ich keinen neuen Bitterfelder Weg oder sonstige politische Unterfangen für mehr Realismus in Büchern oder derartige Ansätze. Ich halte es nur mit Siegfried Lenz, der einmal bemerkte: Ich gestehe, ich brauche Geschichten um diese Welt zu verstehen.

Liefert mir oder uns doch bitte wieder mehr dieser Geschichten, die mich das Land und seine Zeit besser verstehen lassen und die mich auch fordern. Ich hätte gerne Geschichten, die die Gesellschaft und ihre Entwicklungen abbilden, die mich neugierig auf andere Denkmuster oder Probleme machen. Einfach gute Bücher, die den Mehltau des Neo-Biedermeier abschütteln und auch einmal Partei für etwas ergreifen, anstatt sich dauernd in einer apolitische Haltung zu produzieren (und natürlich damit verbunden auch eine wache Öffentlichkeit, die angestoßene Diskurse aufgreift und in Echokammern verstärkt und weiterentwickelt).

So viel zu meinen bescheidenen Wünschen an euch, liebe Autorinnen und Autoren. Ich würde es euch danken!

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Von Brüsseler Schweinen

Ein Schwein läuft durch Brüssel – und die belgische Hauptstadt steht Kopf. Mit „Die Hauptstadt“ hat Robert Menasse einen so bunten wie vielfältigen Roman vorgelegt, der sich um die europäische Hauptstadt und ihre Bewohner dreht. Ein Roman der Stunde – im wahrsten Sinne des Wortes saustark!

Der furiose Prolog führt gleich das Leitmotiv des Romans ein – ein Schwein, das auf dem Platz vor St. Catherine im Herzen Brüssels auftaucht. Alle Menschen, denen das Schwein auf seinem Weg durch die Innenstadt begegnet, werden auf den folgenden 450 Seiten des Romans entscheidende Rollen spielen, als da wären, eine griechische EU-Beamtin mit Ambitionen, ein Professor für Volkswirtschaftslehre, ein Kommissar und ein Holocaust-Überlebender (nebst ein paar weiteren Charakteren).

Sie alle leben und arbeiten in Brüssel und sind durch das Schicksal und ihr Wirken miteinander verknüpft. Wie genau, das zeigt sich nach und nach. Menasse springt in seinem 11 Kapitel starken Roman immer wieder von Handlungsstrang zu Handlungsstrang und verwebt so seine Protagonisten in ein dichtes Netz. Den Hauptverbindungsknoten bildet dabei das sogenannte Jubilee-Projekt, mit dessen Durchführung die griechische EU-Beamtin Fenia Xenopolou betraut ist.

Stetig sinkt das Ansehen der Euopäischen Institutionen, das Wirken derer da oben in Brüssel erscheint der Bevölkerung soweit von der eigenen Wirklichkeit entfernt wie der EU-Machtapparat von Transparenz. Deshalb soll Xenopolou ein Projekt initiieren, das die Arbeit und die Vorteile der EU in ein besseres Licht rückt. Die Griechin wittert darin eine Chance um die Vorgesetzten auf sich aufmerksam zu machen, möchte sie doch unbedingt aus dem ungeliebten und machtlosen Kulturressort in ein vielversprechenderes Ressort wechseln.

Derweil bereitet sich der österreichische Volkswirtschaftsprofessort Alois Erhart auf einen Vortrag vor, den er vor einem EU Think-Tank halten will. Thema: Nationalökonomie und Entwicklung einer supranationalen EU der Zukunft. In einem Hotelzimmer liegt eine Leiche – und Kommissar Brunfaut soll den Mord zu den Akten legen und den Fall vergessen. Und der Holocaust-Überlebende David de Vriend zieht aus seiner Wohnung im Zentrum Brüssels aus, um seine alten Tage in einem Altersheim zu verbringen. Und dann ist da noch dieses Schwein, das durch Brüssel rennt und von den Medien buchstäblich durch das Dorf getrieben wird.

(c) Flickr, Eogann O’Lionnain

Die Kunst Robert Menasses ist es nun, aus diesen sperrigen und auf den ersten Blick völlig disparaten Themen und Figuren einen Roman zu stricken, der wunderbar funktioniert und aufs Beste unterhält. Die Hauptstadt will vieles sein – und fast alles dabei gelingt Robert Menasse auch: das Buch ist eine EU-Studie, eine Bestandsaufnahme Europas und Brüssel zugleich, ein Buch mit sachbuchähnlichen Passagen, ein Roman mit Krimielementen, ein Gedenken an die unermesslichen Schrecken des Holocausts, eine Komödie – eben die literaturgewordene Antwort auf den Pluralismus der Europäischen Union.

Dass die EU ein Leib-und Magen-Thema Menasses ist, merkt man diesem Roman stets an. Vor diesem Roman veröffentliche der Österreicher bereits Streitschriften wie Der europäische Landbote oder Kritik der Europäischen Vernunft. Darin zeigt sich Menasse als engagierter Reformer und Streiter für die Europäische Union. Das profunde Wissen um Abläufe und Schwächen jener Union merkt man auch der Hauptstadt an. Die Passagen über bürokratische Prozesse und Absurditäten wie etwa die Importe von Schweineohren (siehe schweinisches Leitmotiv) sind erhellend. Sie bieten eine (dringend benötigte) Einführung in die Arbeit und Wirken der EU und schaffen Sensibilität.

Eine Sensibilität, die gerade in den aktuellen Zeiten mehr als benötigt wird. In Zeiten, in denen immer mehr Kräfte und Parteien auf eine Schwächung Brüssels drängen, Staaten die EU verlassen und sich der Eindruck von Korrosion gemeinsamer Werte und Verbindlichkeiten verfestigt, kommt Die Hauptstadt also genau zur rechten Zeit

Dass das neue Buch des Österreichers auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 gelandet ist, kommt nicht von ungefähr. Für mich ist dieses schön komponierte Buch ein Füllhorn von Gattungen und Figuren. Ein im besten Wortsinn politisches Buch, das auf den Nacht- oder Schreibtisch jedes engagierten Europäers gehört!

 

 

Walter Lucius – Schattenkämpfer

Farah Hafez ist wieder da. Die niederländische Journalistin und Kampfsportlerin mit afghanischen Wurzeln, die der geneigt Leser bereits aus Schmetterling im Sturm kennt, kehrt zurück. Und wie! Gleich auf den ersten hochtourigen Seiten des neuen Romans von Walter Lucius gerät sie in eine Geiselnahme von tschetschenischen Terroristinnen, die nicht von Ungefähr an Szenarien wie die Katastrophe von Beslan erinnert. Durch einen perfiden Winkelzug der Terroristinnen wird Farah plötzlich auch als Strippenzieherin des Anschlags gebrandmarkt und muss nach der Befreiung durch russische Einsatzkräfte fliehen.

Dies ist nur einer von vielen Strängen, die in Schattenkämpfer das Gerüst bilden. Walter Lucius spannt seinen Thriller zwischen Amsterdam, Südafrika, Moskau und Indonesien auf. Denn dorthin flieht Farah, während in den Niederlanden Polizei und Journalisten versuchen, die turbulenten Ereignisse des Vorgängerbuchs weiter aufzuklären. Denn was in diesem schon angelegt war, entfaltet sich nun weiter: ein Geflecht aus Korruption und Abhängigkeiten, das von der niederländischen Politik aus bis zu russischen Energieriesen reicht. Farah und Kollegen versuchen in bester Lisbeth-Salander-Tradition, in dieses Hornissennest hineinzustechen, doch dies führt im Lauf des Buchs zu weiteren Toten und lebensbedrohlichen Situationen.

Schattenkämpfer (Deutsch von Ilja Braun) ist der Mittelteil der als Heartland-Trilogie betitelten Dreierreihe des niederländischen Autors Walter Lucius. Eingangs hatte ich ein Problem mit den Anschlüssen an den ersten, 700 Seiten starken Thriller Schmetterling im Sturm, lag die Lektüre doch schon drei Jahre zurück. In der Zwischenzeit wurde der Roman dann vom Verlag auch noch um ein Jahr nach hinten geschoben, was die Veröffentlichung anging – und so musste ich mich erst wieder im Universum von Farah Hafez einfinden.

Die Verbindung an den ersten Teil gelingt Walter Lucius dann aber im Lauf des Buchs sehr gut unter Rekursion derbisherigen  Geschehnisse, die immer wieder einfließen und für die Fortschreibung der Geschichte essenziell sind. Das macht das Buch auch für Neulinge interessant, wenngleich ich unbedingt die vorherige Lektür von Schmetterling im Sturm empfehlen würde um des maximalen Genusses wegen.

Insgesamt ist das Buch abermals ein höchst globaler Thriller, der diesmal noch etwas stärker aufs Gaspedal drückt und beständig von Ort zu Ort springt und so für hohes Tempo sorgt. Manche Szenen oder Zusammenhänge erfordern schon eine gewisse Akzeptanz des Lesers, was die Verkettungen und Zufälle angeht. Abgesehen von kleinen handwerklichen Fehlern ist Schattenkämpfer genauso wie sein Vorgänger ein lesenswerter Thriller, der die Leser auf Abschlussband 3 hoffen lässt. Hoffentlich dauert es nur nicht wieder drei Jahre, ehe es soweit ist!