Tanja Šljivar – Nationaltheater

WEISST DU ÜBERHAUPT, WAS DAS NATIONALTHEATER IST? Diese Frage stellt nicht nur Tanja Šljivars Text auf Seite 80, sondern auch ich stellte mir nach der Lektüre von Nationaltheater diese Frage.
Was ist dieses Nationaltheater und was will es uns sagen? Leider kann ich es nach gut 240 Seiten an wildem Stil- und Figurendurcheinander nicht beantworten.


In den 1990er Jahren erlebte das Nationaltheater von Serbien seine Blütezeit, so schreibt es die studierte Dramaturgin und Theaterautorin Tanja Šljivar in ihrem Debütroman Nationaltheater. Der Grund war allerdings weniger im Künstlerischen zu suchen. Die hohe Auslastung erklärte sich vielmehr mit dem Umstand, dass das Theater eines der wenigen Gebäude war, das in Belgrad noch ordentlich geheizt wurde, während um das Haus herum das ehemalige Jugoslawien im Kriegstaumel versank.

Die Erfahrung der Gewalt und des unübersehbaren Chaos scheinen sich in den Mauern des Hauses eineschrieben zu haben, wenn man sich in die wilde Welt dieses Romans hineinbegibt, dessen Gravitationspunkt das Gebäude im Herzen Belgrads bildet.

Die neue Schauspieldirektorin

Tanja Šljivar - Nationaltheater (Cover)

Im Laufe des 240 Seiten starken Romans lernen wir das Gebäude kennen, das noch nicht einmal sein Personal in Gänze zu kennen oder verstehen scheint. Erzählerischer Fixstern ist dabei die junge Dramaturgin Dina, die in Tanja Šljivars Fiktion genauso wie die Autorin in der Realität einst selbst, zur Schauspieldirektorin des Hauses wird.

Es ist eine Position, für die sich bislang keine geeignete Kandidatin finden lassen wollte, ehe die Intendantin Dina die Position antrug. Zusammen mit dem Sicherheitschef des Hauses, einer Art derbem Geheimdienstmann, der wie ein zwielichtiger Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdiensts erscheint, hat sich die Intendantin für Dina entschieden und darf nun mit dieser in einer der ersten Szenen das ganze Haus inspizieren.

Dabei tritt Wunderliches zutage. Ein Tattoostudio findet sich im Nationaltheater ebenso wie viele Schauspieler, die schon Jahre lang nicht mehr auf der Bühne standen, aber fleißig ihre Gage einstreichen. Kostüme werden verkauft, die Putzfrau in den Kulissen widmet sich eher dem Fernsehen als der Reinigung des Bühnenbodens und die Stelle des Theaterkomponisten ist gleich doppelt besetzt.

Je weiter man sich durch diese seltsame Theaterwelt bewegt, umso absurder wird es. Eingemauerte Köpfe in den Wänden des Theaters, haufenweise theatrale Vergewaltigungen auf der Bühne, die dann sogar als „Spielzeit der Vergewaltigungen eingeht“, von der serbischen Autorin mit einigen ausführlichen Beispielen untermauert, dazu noch Hakeleien und Intrigen unter den Mitarbeitenden: es ist ein großes Durcheinander.

Erzählerisches Durcheinander, platte Figuren

Nicht leichter zu durchschauen wird dieses Durcheinander, da Tanja Šljivar auf so etwas wie eine Handlung oder einen erzählerischen roten Faden verzichtet. Noch dazu bestückt sie ihren Text weniger mit echten Figuren denn mit Stellvertreterfiguren, die von ihr allenfalls einen Namen spendiert bekommen. Da ist die Brecht-liebende Intendantin mit ihrem Hamster Lubitsch, ein Narzisst, ein Dissident, der Sicherheitschef, die Staatsschauspielerin mit Tochter und der Staatsschauspieler, dessen Tod am Anfang des Romans steht.

Liest man Nationaltheater, fühlt man sich des Öfteren, als müsste man sich selbst schnell auf einer rotierenden Theaterdrehbühne bewegen, während die alle Figuren um einen herum nach einer undurchschaubaren Ordnung wirbeln, manchmal den Weg versperren und beständig neu gruppieren.
Eine Übersicht und eine sichere Position für die Ergründung des Ganzen lässt sich zu keinem Zeitpunkt wirklich gewinnen.

Erinnert die Anlage von Tanja Šljivar Roman an den 1998 erschienen Opernroman von Petra Morsbach, so zeigen sich bei der Lektüre des knapp dreißig Jahre später entstandenen Textes schnell gravierende Unterschiede.

Erinnerungen an Petra Morsbachs Opernroman

War auch schon Morsbachs Roman stilistisch von einer gewissen Heterogenität gekennzeichnet, so bot der Opernroman doch noch eine klare Übersicht und Erzählabsicht, die Nationaltheater zumindest in meinen Augen völlig fehlt. Morsbach erzählte entlang der Produktion verschiedener Musiktheater von der Welt des Theaters, während Šljivar ein solches erzählerisches Konzept in Gänze abgeht (Übersetzung aus dem Serbokroatischen von Maša Dabić).

Gewiss, Dina wird der Job als Schauspieldirektorin angetragen, wir blicken mit ihr hinter die Kulissen des Hauses und am Ende steht eine Entscheidung ob ihres weiteren Karrierewegs. Alles dazwischen ist aber von einem solchen Chaos und Durcheinander, dass man sich wirklich auf das Wagnis der Lektüre einlassen muss. Nicht umsonst bezeichnet Barbi Marković auch in ihrem auf dem Klappentext abgedruckten Blurb als „völlig verrückt“.

Mails, Stream of Consciousness, historische Rückgriffe, immer wieder kurze Einblendungen unter dem Titel „Was das Nationaltheater ist“, dazu Dialoge zwischen Dina und einer Figur Dica, die sich doch eher als Monologe entpuppen, Nationaltheater bietet viele Formen und Themen auf, ohne sich aber für einen Erzählansatz wirklich zu entscheiden. Die Magie des Theaters, die Wirkkraft von gesprochenen und gespielten Texten auf der Bühne, dieser Roman kann und will ihn vielleicht auch gar nicht vermitteln.

Fazit

So bleibt die Frage offen, wovon Tanja Šljivar wirklich erzählen möchte. Ist das Nationaltheater als Stellvertreter der serbischen Gesellschaft zu lesen? Will das Buch eine Satire auf den Theaterbetrieb oder eine literarische Verarbeitung von Šljivars eigener Zeit als Schauspieldirektorin sein?

Vielleicht muss man aber auch einer Interpretation bemühen, die eine Schauspielerin im Gespräch äußert.

„Ich kann und ich will außerhalb des Theaters arbeiten, aber das Theater ist eine Droge, und da ist dann auch meine Sucht nach Aufmerksamkeit, so ist das. Und hier bin ich also, jetzt mit Ihnen.“

Tanja Šljivar – Nationaltheater, S. 178

Das Theater als Droge, die Arbeit von Dina als bewusstseinserweiternder Trip, bei dem Mauern durchbrochen werden und stilistische wie auch formale Grenzen gesprengt werden? Eine wirklich schlüssige Lesart erschloss sich mir nicht.

Vor allem kann all dies auch nicht dabei helfen, die eingangs zitierte Frage nach dem Wesen dieses Nationaltheaters zu beantworten. Am Ende dieser kraftraubenden Lektüre muss ich gestehen, dass ich immer noch nicht weiß, was dieses Nationaltheater ist oder sein soll. Nur eines weiß ich: So schnell werde ich dieses Nationaltheater sicher nicht wieder besuchen.


  • Tanja Šljivar – Nationaltheater
  • ISBN 978-3-518-43217-4 (Suhrkamp)
  • 236 Seiten. Preis: 25,00 €

Claire Fuller – Das Gedächtnis der Tiere

Im wahrsten Sinne tief eintauchen kann man mit Claire Fuller in ihrem neuen Roman Das Gedächtnis der Tiere. Was dem Titel nach wie ein Sachbuch klingt, entpuppt sich als Werk, das Erinnerungen an die Zeit der Pandemie weckt und das von einer Frau erzählt, die vor radikalen Schritten nicht zurückschreckt.


Schon einmal bearbeitete die Britin Claire Fuller das Thema der Endzeit, die in Unsere unendlichen Tage ein Vater gemeinsam mit seiner Tochter in einer Hütte verbrachte. Dieser Roman war das literarische Debüt Fullers, das im Original bereits 2015 erschien und dann sechs Jahre später in der Übersetzung von Susanne Höbel auf Deutsch erschien. Darin erzählte sie von der jungen Peggy, die zusammen mit ihrem Vater acht Jahre in einem Wald hauste, während ihr Vater sie im Irrglauben ließ, die Welt sei untergegangen.

Ganz untergegangen ist die Welt im Roman Das Gedächtnis der Tiere noch nicht, doch sie ist hier kurz davor. Denn ein unbekanntes Virus ist über die Welt gekommen, das die Menschheit dezimiert und die Wissenschaftler vor große Probleme stellt. Die Hoffnung ruhen auf einer wissenschaftlichen Versuchsreihe, für die ein Labor Freiwillige rekrutiert hat. Sie werden mit dem tödlichen Virus infiziert und einem Gegenmittel geimpft, um so eine mögliche Bekämpfung des um sich greifenden Virus zu ermöglichen.

Eine dieser Freiwilligen, die sich auf das Himmelfahrtskommando einlässt, ist Nefeli, genannt Neffy. Zusammen mit den anderen Freiwilligen bekommt ein isoliertes Zimmer zugewiesen und wird unter medizinischer Beobachtung mit dem Virus infiziert.
Doch als Neffy nach überstandener Krankheitsphase nach Tagen wieder erwacht, scheint die Endzeit wirklich gekommen zu sein.

Von der Quarantäne in die Endzeit

Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere (Cover)

Medizinische Angehörige haben die Einrichtung verlassen, einige Mitpatienten scheinen den Versuch in Quarantäne nicht überlebt zu haben und nur eine Handvoll von Überlebenden findet sich nun im Komplex zusammen, während draußen die Welt dem Untergang nahe scheint.
Menschleere Straßen, kollidierte und verlassene Autos, dieses Bild bietet sich den überlebenden Probanden, wenn sie aus den Fenstern des biotechnischen Instituts blicken.

Während bei Nefeli das Vakzin gewirkt zu haben scheint, scheint das Medikament bei den anderen nicht angeschlagen zu haben. Draußen versinkt die Welt im Chaos, drinnen steigt die Spannung — und Nefeli taucht tief ab in ihre eigenen Erinnerungen.
Diese vermittelt uns Claire Fuller teilweise über Briefe, die Nefeli während der Zeit der Isolation verfasst. Dadurch lernen wir die junge Frau besser kennen und erfahren von ihrer Verbindung zu Oktopussen, mit der sie Sy Montgomerys Rendezvous mit einem Oktopus fast Konkurrenz macht.

Wenn die Realität schriftstellerische Fiktionen einholt

Dass die Realität die schriftstellerische Fiktion manchmal schneller einholen kann, als einem lieb ist, davon zeugt auch Das Gedächtnis der Tiere.
Claire Fuller begann nach eigenem Bekunden ihren Roman über die fiktive Pandemie im Jahr 2019, nachdem sie über ihren Sohn von einem medizinischen Versuch in Quarantäne erfahren hatte, der ihr Material für das im Buch beschriebenen Experiment lieferte.

Kurz darauf brach weltweit die Covid-Pandemie aus und zeigte, wie schnell die eigene Fiktion von der Welt da draußen überholt werden kann. Dennoch hielt Fuller an ihrem Projekt fest, dass dann pünktlich zum Abflauen der Pandemie 2023 veröffentlicht wurde — und schon nach den ersten Seiten wieder starke Erinnerungen an die Zeit weckt, die einerseits weit weg erscheint, und dennoch erst kurz hinter uns liegt.

Man muss sich freilich darauf einlassen, auf diese dystopische Welt aus Quarantäne, verlassenen Straßen, toten Menschen und unsichtbarer Gefahr. Dennoch dominiert nicht die Endzeitstimmung dort im medizinischen Labor – sondern die Erinnerung, in die sich Neffy zunehmend versenkt und die uns mit Fortgang der Erzählung ein immer konkreteres Bild von Neffys Werden liefert (Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien).

Das Gedächtnis der Tiere stellt eine kompromisslose Heldin in den Mittelpunkt, die in der Meereswelt vor der Küste ihrer griechischen Heimat den Zustand von Glück gefunden hat. Immer wieder taucht sie ab in diese Welt von früher. Auch mithilfe eines technischen Tools, das ihr ein Mitpatient zur Verfügung stellt, gelingt das in zunehmenden Maße, bis die Vergangenheit fast die Gegenwart überlagert und sich die erzählten Ebenen aueinanderschichten.

Fazit

Zwischen Oktopoden und Isolation, Endzeit und Vergangenheit nimmt uns dieser literarische Tauchgang tief mit hinein in die Wahrnehmung von Nefeli, die sich als widerständige und komplexe Persönlichkeit erweist.
Und Claire Fuller, sie erweist sich mit Das Gedächtnis der Tiere abermals als höchst originelle Autorin, die sich mit jedem Buch wieder ein Stück weit neu erfindet und zuvor nicht gekanntes literarisches Terrain betritt.


  • Claire Fuller – Das Gedächtnis der Tiere
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-910372-69-6 (Kjona-Verlag)
  • 336 Seiten. Preis: 25,00 €

Elspeth Barker – O Caledonia

Die Wiederentdeckung eines britischen Klassikers. Dank der Übersetzerin Verena von Koskull und dem herausgebenden Piper-Verlag lässt sich nun auch hierzulande Elspeths Barkers einziger Roman O Caledonia wieder oder ganz neu kennenlernen.
Dieser hat in der vorliegenden Ausgabe sogar ein Vorwort der irisch-britischen Autorin Maggie O’Farrell erhalten, die sich darin zu ihrer Verehrung von Werk und Autorin bekennt und preisgibt, sich mit jemandem alleine aufgrund von der Nennung von O Caledonia als dessen Lieblingsbuch Freundschaft geschlossen zu haben. Das macht neugierig…


O Caledonia ist der seltene Fall eines Werks, das das einzige einer Autorin bleiben sollte. Keine nachgelassenen Frühwerke, Korrespondenzen oder Essays, mit denen Verlage manchmal das Oeuvre von Autor*innen zu strecken versuchen, stattdessen wirklich nur ein Roman und das war es.

So fällt die Werkbilanz der hierzulande völlig unbekannten Schottin Elspeth Barker aus, die eigentlich als Journalistin wirkte und deren Roman O Caledonia im Jahr 1991 erschien und in der Folge vier Literaturpreise gewann. Vor fünf Jahren folgte eine Neuauflage des Buchs passend zum 30. Jahrestag seit Erscheinen dieses „modernen schottischen Klassikers“, wie es die Literaturkritikerin Melanie Reid in ihrem Artikel anlässlich des Jubiläums ausdrückte.

Die Autorin Maggie O’Farrell, die wenige Jahre später mit ihrem Buch Judith und Hamnet die Vorlage für den in diesem Jahr für mehrere Oscars nominierten Film Hamnet von Chloe Zhao liefern sollte, steuerte damals ein Vorwort zur Neuauflage bei, das auch der deutschen Ausgabe vorangesetzt ist.

Wiederauflage eines Klassikers

Darin stellt sie die Autorin und ihre persönliche Bindung zu ihr vor und spart nicht mit Lobesworten für das Werk, für das sie auch die Verlegerin Alexandra Pringle zitiert. Diese kaufte das Buch einst auf der Basis weniger Probeseiten ein und stellte fest, dass sie von Elspeth Barker ein perfektes Werk bekommen hatte, das gar keiner Überarbeitung durch ein Lektorat mehr bedurfte.

O Caledonia ist Barkers einziger je veröffentlichter Roman. „Dieses strahlende Wunder geschrieben zu haben“, sagt Pringle, „ist genug für ein ganzes Leben.“
Zwar haben wir das umfassende Werk ihres jahrelangen journalistischen Schaffens, doch dieses Buch ist ihr einziges gedrucktes Stück Prosaliteratur. Ein literarischer Phönix sozusagen: kostbar, hinreißend, einzigartig. Bitte behalten Sie das im Kopf, wenn Sie es lesen.

Maggie O’Farrell in ihrem Vorwort zu: Elspeth Barker – O Caledonia, S. 10 f.

Tatsächlich schillert Barkers Roman in so vielen dunklen Farben wie das Gefieder einer Dohle, die in O Caledonia eine zentrale Rolle spielen soll.
Alles beginnt dabei mit dem Tod der Heldin Janet, die dahingestreckt in der Eingangshalle des Familienanwesens, eines Schlosses im Nirgendwo namens Auchnasaugh aufgefunden wird.

Wieso das junge Mädchen zu Tode kam und warum sich in der Dorfgemeinschaft die Meinung hält, das Mädchen sei alleine selbst schuld an ihrem Tod, das beleuchtet Elspeth Barker im Folgenden, wobei der Roman alles andere als ein Krimi ist. O Caledonia ist vielmehr ein zeitgenössischer Roman in der Tradition des Gothic Novel, wie ihn zuletzt auch Anjet Daanje mit Das Lied von Storch und Dromedar vorlegte.

Vom Pfarrhaus ins heruntergekommene Schloss

Elspeth Barker - O Caledonia (Cover)

Schauplatz des Ganzen ist zunächst noch klassischerweise ein schottisches Pfarrhaus, in dem Janet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Auch wenn ihr Vater im Krieg ist, bleibt die Welt dort draußen ausgesperrt. Der Großvater wirkt als Priester, die Mutter zieht Janet und die ihr nachfolgenden Geschwister auf — und wenig später geht es dann nach dem Kriegsende mitsamt dem zurückgekehrten Vater in das heruntergekommene Schloss nach Auchnasaugh.

Dort kündet nicht nur der auf dem Fenster des Treppenhauses abgebildete sterbende Kakadu von Exzentrik, sondern er nimmt bereits das Ende vorweg, das Janet erwarten wird.

Der Wind umheult das Haus, das in seinem bröckelnden Charme an das Hotel Majestic aus James Gordon Farrells Troubles erinnert.
Als eine Variation des für das Genre typische Motiv des mad woman in the attic haust eine nicht minder exzentrische Cousine im Haus, die wiederum für Janet zum Vorbild wird. Denn schnell stellt sich heraus, dass auch Janet eine eigensinnige junge Frau ist, die über eine blühende Fantasie und eine Geschick zur Manipulation ihres Umfelds verfügt. Egal ob Mitschüler oder die Kinder einer anderen Familie, die Janet kurzerhand in den wuchernden, giftigen Bärenklau außerhalb des Hauses stößt – Janet fügt sich ein in die Riege der großen, unangepassten Frauenfiguren, die die Literatur bereichern.

Barker mengt hier klassische Elemente des Gothic Novel, grotesken Humor, einen kindlichen Blick und Elemente des Coming of Age sowie Themen von Familie, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlicher Mechanismen, denen sich Janet entgegensetzt, zu einem furiosen und sprachlich höchst eindringlichen Werk.

Eine großartige Übersetzungsleistung Verena von Koskulls

Die Übersetzerin Verena von Koskull hat sich nach der deutschen Erstübersetzung durch Elfie Knoll-Stemeseder aus dem Jahr 1995 das Ganze noch einmal vorgenommen und das Buch in ein ebenso schillerndes wie funkelndes Deutsch übertragen. Es ist ein gewandtes und stimmiges Deutsch, das Barkers Auge fürs Detail und ihre Sprachmacht aufs Schönste für uns erlebbar beziehungsweise erlesbar macht.

Danach sprachen nur doch die Spökenkiekerinnen, die Fischweiber, die Hebammen, die Tratschmäuler über sie und ergingen sich in endlosen Schuldzuweisungen: irgendjemand musste schließlich schuld sein, und dem Mörder konnte gewiss niemand die Schuld geben. Sie knatschten und tuschelten, gehässig wie der grauplige Wind, der ihnen die Kopftücher ins Gesicht peitschte, wenn sie sich an der Bushaltestelle des Dorfes drängten, trist wie der Wind, der Hagel durch den Schornstein spuckte, wenn sie in den kalten Stuben ihrer einsamen Katen zum Sonntagnachmittagstee beisammensaßen, eine aufgeschlagene Bibel neben der tickenden Uhr und süße, vom boshaften Funkeln verkohlter Rosinen gesprenkelte Sodabrötchen auf schneeweißen Zierdeckchen.

Elspeth Barker – O Caledonia, S. 17 f.

So kann man hier ganz tief eintauchen in die schottisch-schaurige Welt, die auch das Großwerden als große Grässlichkeit begreift, gegen die sich Janet mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel wehrt und sich so in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat.

Schön, dass man das nun auch hierzulande nachvollziehen und diesen Genre-Widerborst kennenlernen kann — es lohnt sich, ebenso wie die Kritik Julia Rosches auf dem Übersetzungs-Blog Tralalit.
Darin befasst sie sich eingehender mit den Qualitäten von Verena von Koskulls Übertragung und den Unterschieden zur ersten deutschen Fassung. Ein bereichernder Blick auf die Arbeit von Übersetzer*innen und deren viel zu oft unsichtbare Arbeit, die hier dankenswerterweise in den Fokus gerückt wird.


  • Elspeth Barker – O Caledonia
  • Aus dem Englischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-8270-1511-2
  • 237 Seiten. Preis: 24,00 €

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten

In seinem Buch Die Buchhandlung der Exilanten – Paris 1940: Zuflucht und Widerstand blickt der Autor Uwe Neumahr auf die Zeit der Besatzung in Paris und erzählt von zwei Buchhändlerinnen, die das literarischen Leben dort auch unter widrigsten Umständen entscheidend prägten.


Schlendert man durch das Viertel rund um die Pariser Sorbonne, dürfte man schnell über einen Buchladen stolpern, dessen Name so gar nichts Französisches an sich hat. Shakespeare and Company heißt der Laden, der in der Rue de la Bûcherie beheimatet ist und der mit seinen verwinkelten Gängen, den bis an die Decke reichenden Regalen und seinen antiquarischen Beständen jenes Ideal verkörpert, das viele Menschen in Sachen der Buchhandlung ihrer Träume haben dürften.

Der Name der 1951 gegründete Buchhandlung ist dabei eine Hommage an die originale Buchhandlung Shakespeare and Company, die einst von der aus den USA stammenden Buchhändlerin Sylvia Beach ein paar Straßen weiter in der Rue de l’Odéon gegründet worden war.
Nach deren Tod im Jahr 1962 benannte der Buchhändler George Whitman seine eigene Buchhandlung als Erinnerung und Referenz an das Wirken seiner Landsfrau ebenfalls in Shakespeare and Company um.
Auch der Name seiner eigenen Tochter ist eine Referenz an die legendäre Buchhändlerin. Sie, die heutige Inhaberin des Ladens, hört ebenfalls auf den Namen Sylvia und führt mit ihrem Wirken das fort, was Sylvia Beach im Jahr 1919 in Paris begann, nämlich Menschen für (anglophone) Literatur zu begeistern.

Eine Amerikanerin in Paris

Sylvia Beach - Shakespeare and Company (Cover)

Verfasste Sylvia Beach selbst schon ein Büchlein über ihre Zeit mit Shakespeare and Company, so fasst der Schriftsteller Uwe Neumahr seinen Blick in Die Buchhandlung der Exilanten deutlich weiter. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die in Beachs Memoiren ausgespart werden, sind doch eigentlich die spannendsten, wie der Autor nicht nur im Nachwort schreibt, sondern auch vor allem in seinem Text zeigt.
Nicht nur, dass Beachs Buchhandlung zur Zeit der Besetzung von Paris während des Zweiten Weltkriegs in große Gefahr geriet, auch für ihre Besitzerin galt das, fand aber in ihren schriftlichen Erinnerungen dann kaum Platz.

Und auch wenn Aufmachung und Titel von Neumahrs Buch anderes suggerieren: Shakespeare and Company ist nur die eine Hälfte des Buchs, ebenso wie Sylvia Beach nicht die ist, die im Sachbuch im alleinigen Fokus steht.
Einen ergänzenden, mindestens ebenso wichtigen Teil spielt auch die Buchhändlerin Adrienne Monnier, mit der Sylvia Beach nicht nur die Liebe zu den Büchern verband.

Die 1892 geborene Monnier betrieb ihren Buchladen La Maison des amis des livres ebenfalls in der Rue de l’Odeon und leistet Sylvia Beach bei ihrem unternehmerischen Start als Buchhändlerin wichtige Starthilfe. Später wurden die beiden Frauen sogar ein Paar und prägten das literarische Leben der Stadt und weit darüber hinaus, bis zur Zeit des Einmarschs der Nationalsozialisten in Paris.

Die Beziehung zweier Buchhändlerinnen und ihrer Häuser

Uwe Neumahr schreibt im Vorwort zu seinem Buch dazu:

Im Herzen der Stadt befand sich ihre 1915 gegründete Buchhandlung La Maison des Amis des Livres, gegenüber in derselben Straße, in der Rue de l’Odéon 12, Sylvia Beachs wenig später eröffnete amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company. Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten. André Gide, Paul Valéry, Pablo Picasso, Eric Satie, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren ebenso gern gesehene Gäste der beiden Buchhandlungen wie Ernest Hemingway, T. S. Eliot, Gertrude Stein oder James Joyce. Die Rue de l’Odéon wurde zum Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, denen Paris und die lebendige Atmosphäre um die beiden
Frauen zum Mittelpunkt ihres Schaffens wurden.

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten, S. 9

So erzählt der Schriftsteller, dem mit seinem Sachbuch Das Schloss der Schriftsteller vor drei Jahren ein großer Bestsellererfolg gelang, von der Entstehung und Wechselwirkung der beiden Buchhandlungen und von ihrer Rolle für das kulturelle Leben, das sich im Spannungsfeld der beiden Häuser entfalten konnte.

Die Szene der Odéonisten

Uwe Neumahr - Die Buchhandlung der Exilanten (Cover)

Nicht nur, dass quasi alles, was im kulturellen Leben der Stadt Rang und Namen hatte, sich bei den beiden Buchhändlerinnen die Klinke in die Hand gab: auch beeinflussten sie mit ihrem eigenen publizistischen Schaffen, der Förderung von Nachwuchs wie auch der Herausgabe von Literaturzeitschriften den literarischen Zeitgeist.
Im Falle von Sylvia Beach reichte das so weit, dass sie für die Erstveröffentlichung von James Joyce‘ epochemachendem Werk Ulysses sorgte, für das sich zunächst kein Verlag hergeben wollte und dessen Autor wie auch sein Werk zu einer Prüfung für Sylvia Beach wurden.

Davon, aber auch den belastenden Jahren während der Okkupation Frankreichs erzählt das Buch, das über Adrienne Monnier und Sylvia Beach auch die ganze Szene der sogenannten Odeonisten in den Blick nimmt. Die zunehmenden Schwierigkeiten, unter denen vor allem Sylvia Beach als US-amerikanische Ausländerin litt, der grassierende Antisemitismus, das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration, die Restriktionen für die Zivilbevölkerung bis hin zur Befreiung Paris‘ nach dem D-Day und die Zäsur, die das Erlebte für die ganze Szene der Odeonisten bedeutete, davon erzählt Uwe Neumahr umfassend und sehr quellenreich.

Der breitbeinige, frauen- und erlebnissüchtige Hemingway, die verzweifelten Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, sie alle haben ihren Auftritt im Buch und lösen den Buchtitel der Exilanten wirklich ein. Darüber hinaus ist das Buch auch so spannend, weil Neumahr von den verschiedenen Überlebensstrategien und Anpassungen erzählt, etwa der ebenfalls in einer lesbischen Beziehung lebenden Getrude Stein, die die Okkupationszeit nicht nur durch einflussreiche Gönner überstand, sondern sich auch durch die Übersetzung der Reden von Marschall Petain ins Englische selbst versichern wollte.

Auch die jüdische Fotografin Gisèle Freund, die mit ihrer Arbeit das Bild der Literaten von Paris mitprägte und nach dem Einmarsch der Nazis gezwungen war, bis nach Argentinien zu fliehen, spielt eine große Rolle in diesem Porträt einer ganzen euorpäisch-amerikanischen Künstlergeneration.

Fazit

Von all diesen Schicksalen, von den unterschiedlichen Lebenswegen durch das dunkle Kapitel der Nazizeit und von der lebhaften Kulturszene erzählt Die Buchhandlung der Exilanten neben seinem hauptsächlichen Fokus auf Sylvia Beachs und Adrienne Monniers Buchhandlungen. Dadurch gelingt Neumahr ein breit angelegtes und informatives Panorama der damaligen intellektuellen Szene.


  • Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand
  • ISBN 978-3-406-84494-2 (C. H. Beck)
  • 320 Seiten. Preis: 26,00 €

Petra Morsbach – Orion

Zu den lebensprägenden Figuren zählen neben der eigenen Familie sicherlich auch Lehrkräfte, denen man im Laufe seines Lebens begegnet. Sie beeinflussen junge Menschen im Positiven wie auch im Negativen entscheidend — und eine von ihnen steht im Mittelpunkt des neuen Romans Orion der großen Schriftstellerin Petra Morsbach.
Bei ihr ist es eine Deutschlehrerin, deren Leben der Roman beschreibt und dabei auch immer von dem erzählt, was stets in ihrem Leben war und ist: die Literatur.


Welche Rolle spielt Literatur in einem Leben? Kann sie einem zu einem besseren Menschen machen? Diese vieldiskutierte Frage schwingt auch im neuen Roman von Petra Morsbach mit.
Sie, die sich in ihren Büchern schon mit Vertreten der Kirche und Justiz beschäftigte oder aus dem Tempel der Hochkultur berichtete, nimmt mit Orion einen weitere gesellschaftsprägenden Berufsstand in den Blick, nämlich den der Lehrkräfte.

Nora heißt die Ich-Erzählerin, die zunächst in einem Akt der Selbstanalyse auf jene Person zurückblickt, die in ihr die Liebe zum geschriebenen und manchmal auch zum gesungenen Wort geweckt hat. Es handelt sich um ihre Oma Auguste, bei der die Erzählerin in Kindheitstagen kurzzeitig einquartiert wurde.

Dort auf dem Land, wo Auguste in ihrem Zuhause das regelmäßige Singen von heute kaum mehr bekanntem Liedgut wie Abendstille überall, Zogen einst fünf Schwäne oder Flandern in Not praktizierte, wurde in der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl von Halt geweckt, das einem Texte geben können und die damit zu Lebensbegleitern werden können.

Die stete Anwesenheit von Literatur

Petra Morsbach - Orion (Cover)

Auch in Noras Leben wird die Literatur immer präsent sein, wird mal Lebensratgeber, mal Trost oder Vermittlerin von universellen Erkenntnissen sein, wie uns die Lehrerin auf den folgenden knapp 400 Seiten Lebensrückblick zeigt.

Dabei ist das Leben von Morsbachs Heldin eigentlich kein spektakuläres, eher das Gegenteil dessen. Neben ihrem Studium jobbt sie als junge Frau im Münchner Hauptstaatsarchiv, wo sie ihren späteren Mann mit dem schönen Namen Dr. Theseus Dellendrücker kennenlernt. Ein Kind, eine Trennung sowie viele Jahre im Staatsdienst sollen folgen.

Als Deutschlehrerin übt sich Nora in der Heranbildung von kritisch denkenden Jugendlichen, was ihr mal schlechter und mal besser gelingt. Drei Krisen gilt es in ihrer beruflichen Laufbahn zu überwinden, ehe sie sich krankheitsbedingt in den Vorruhestand zurückzieht und sich in einem Leben ohne Leistungsdruck üben kann.

Die Kunst der Charakterisierung

Das klingt auf dem Papier nach einer nicht sonderlich fesselnden Angelegenheit, erweist sich in der Praxis dann aber auch hier als das wirkliche Gegenteil. Petra Morsbach gelingt es nämlich, mit viel psychologischem Feingefühl und einem scharfsinnigen Blick nicht nur Nora, sondern auch die Figuren zu zeichnen, die der Lehrerin begegnen und die sie umgeben.

Egal ob ihr Mann Dr. Theseus Dellendrücker, ihr gemeinsamer Sohn Aeneas, genannt Enni, oder die Kollegen aus dem Lehrerkollegium am Gymnasium: sie alle werden zu komplexen, widersprüchlichen Figuren, deren Lebensbahnen Nora mal enger umkreist oder auch nur kurz passiert, ganz so wie das Sternenbild des Orion, das ihr Enni zwar in seinen Jugendtagen erklärt, das dann aber wieder für lange Zeit aus dem Aufmerksamkeitsbereich der Lehrerin verschwindet, ehe sie ihm in einer späteren Lebenszeit wieder ansichtig wird.

Auch wenn manche Menschen und Ereignisse Nora dabei mal näherkommen oder sich auch rasch wieder aus dem Nahbereich der Lehrerin entfernen, allen Figuren ist gemein ist, dass Morsbachs Heldin sie alle mit präzisem literarischen Strich und viel psychologischem Feingefühl pointiert einfängt.

Als Beleg sei an dieser Stelle nur ein kleiner Auszug zitiert, der das Miteinander oder besser gesagt das Gegeneinander im Kollegium aus Noras Sicht beschreibt. Im vorliegenden Fall blickt sie zurück auf das Verhältnis ihres einstigen Kollegen Lenny und dessen Rivalität zu seinem Vorgesetzten Dr. Kraxenberger, genannt Kraxi.

Lennys einzige Vertraute war Elsie, die Sekretärin. Dabei tyrannisierte er sie: Sie musste zum Beispiel jeden Morgen Schlag neun Uhr fünfzehn eine heiße Tasse Dallmayr-Kaffee auf seinen Tisch stellen, egal, ob er da war oder nicht. Die Bohnen kaufte sie von ihrem eigenen Geld, da er es trotz Hinweis meist vergaß. Einen Kaffeestreik wollte sie aus Furcht vor Lennys Rache nicht riskieren. Irgendwie kam sie mit ihm zurecht. Lenny rief sie ab und zu in sein Büro, um ihr sein Herz auszuschütten. Wenn Kraxi sie dort antraf, befahl er sie zum Diktat. Dann war Lenny eifersüchtig. „Hat das Arschloch Sie wieder vollgelabert?“

Es ist erstaunlich, wie viel Schieflage ein Kollektiv verträgt. Alle taten so, als sei es normal. Vielleicht ist die Schieflage der Normalzustand? Wir lehrten die Kinder eine Moral, die wir selbst nicht aufbrachten, und doch war Schule, und sie lernten etwas. Ich selbst hatte Schieflage in meiner Ehe praktiziert, und doch war es eine Ehe (was sonst?) gewesen und sogar eine Familie. Die Kluft zwischen Modell und Wirklichkeit füllten wir mit Worten, und obwohl diese Worte vor allem die Abweichungen behandelten, hielten sie das Modell zusammen. „Lenny hat sich verbarrikadiert.“ „Uli hat wieder zu tief in die Flasche gekuckt.“ Jeder gab das, was er zu geben hatte, bis er zu einem bestimmten Stichtag in den Ruhestand geschickt wurde und verschwand.

Petra Morsbach – Orion, S. 164 f.

Eine Frau mit hellsichtigem Blick

Auch Orion zeigt wieder Morsbachs hellsichtigen Blick auf Menschen und die Fähigkeit zur Analyse, die Nora sich und ihrem Umfeld zukommen lässt. Die Widersprüche und menschlichen Makel, Nora betrachtet sie abgeklärt und lebenserfahren.

Das Wichtigstes Mittel dieses Erkenntnisgewinns, der Schärfung des Blicks und dem Abgleich mit der eigenen Erfahrung ist für Nora stets die Literatur, in die sich die Deutschlehrerin versenkt und die auch der Text immer wieder zitiert.

Gibt ihr Gottfried von Straßburgs Tristan Halt während ihrer Affäre, spendet ihr der antike Philosoph Sextus Empiricus mit seinen Weisheiten Trost und Inspiration nicht nur für ihre Ethik-Unterricht, liefert Anna Achmatovas Lyrik Zuversicht oder stiftet die Lektüre eines antiken Mythos wie dem des Gilgamesch-Epos ob seiner Gewalt und der scheinbaren Unentrinnbarkeit derselbigen auch Irritation, so ist Nora immer im Gespräch mit der Literatur und findet vor allem in der Antike viel Allgemeingültiges für ihr Denken und Wahrnehmen.

Alles andere als Buchkitsch

Orion vermeidet dankenswerterweise jegliche Art von gefühligem Buchkitsch, sondern lässt die simple Feier von Wohlfühl-Literatur weit hinter sich. Vielmehr begreift die Schilderung des Lebens der Leserin Nora Literatur als essenziellen Lebensbegleiter, der auch Gewissheiten infrage stellen kann. Und auch wenn sie nach ihrem Abschied von der Schule das analytische Lesen sein lassen kann und tief eintaucht in die Welt der Literatur, so ist das Lesen für sie immer mehr Erkenntnisinstrument denn Weltflucht.

Zudem ist ein weiteres Thema in Noras Leben wie auch in Petra Morsbachs Schreiben erneut präsent. Es ist das Thema von Macht und Machtmissbrauch, das Nora im Lehrerkollegium erfährt und das ihr später wieder in der Beschreibungen anderer begegnen wird.

Wie schon in ihrer letzten Veröffentlichung, drei Essays, die unter dem Titel Der Elefant im Zimmer – Über Macht und Machtmissbrauch im Jahr 2020 erschienen, umkreist auch dieses Buch immer wieder die Frage, wie man sich Unrecht widersetzen kann und welche Erfahrungen man damit macht.
Morsbach, die auch in realiter nicht nur als Mitglied der Akademie der Schönen Künste in München immer wieder vernehmbar Kritik nicht scheut, zeigt hier anschaulich, wie auch im Kleinen große Fragen verhandelt und entschieden werden.

Fazit

Das Buch bindet diese Themen organisch in das Leben Noras ein und weist damit über eine reine Lebensbeschreibung oder Feier von Lesen hinaus.
Morsbach hat ein genaues Auge für die privaten wie beruflichen Herausforderungen im Leben ihrer Lehrerin, grundiert mit ihrem psychologischen Scharfblick und dem Talent zu präzisen Charakterentwürfen.

Orion ist ein Roman, der danach fragt, was uns Menschen prägt und wie wir unsere Mitmenschen prägen — und findet vor allem in der Literatur Antworten.
Mit diesem Buch pflanzt die so kluge und diagnostisch treffsichere Petra Morsbach neun Jahre nach Justizpalast einen weiteren hell strahlenden Stern auf ihre literarischen Himmelskarte und schreibt ihren Kosmos komplexer Charakterstudien lesenswert fort.


  • Petra Morsbach – Orion
  • ISBN 978-3-328-60073-2 (Penguin)
  • 410 Seiten. Preis: 26,00 €

Titelbild: „München, Ludwigstrasse – Bayerisches Hauptstaatsarchiv (1)“ by Pixelteufel is licensed under CC BY 2.0.