Marina Schwabe – Rift

Ich war noch niemals in New York – Janko und Zuzanna auch nicht. Im Gegensatz zu mir wollen die Geschwister das aber unbedingt ändern und machen sich in Marina Schwabes Debüt Rift gemeinsam auf den Weg, um von dort aus einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen.
Was sich auf den ersten Blick nach Unbeschwertheit im Land der unbegrenzten Möglichkeit anfühlt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn Janko hat nicht mehr lange zu leben, aber den großen Wunsch, einmal in seinem so endlichen Leben den Pazifik zu sehen. Und so machen sich die Geschwister mit beschränkten Mitteln auf den Weg, damit er wenigstens einmal in seinem kurzen Leben des Meeres ansichtig wird.


Mit fünfzehn Dollar Tagesbudget einmal quer durch die USA? Der Plan der Geschwister Zuzanna und Janko klingt herausfordernd. Aber von den Wagnissen des Alltags lassen sich die beiden jungen Menschen nicht abhalten und fliegen nach New York, um dort ihren Roadtrip zu beginnen, der sie einmal wie einst die Pioniere einmal von Ost nach West durch das Land führen wird.

Da man mit 15 Dollar gerade in den Zeiten der Inflation in einer Großstadt wie New York nicht weit kommt, verlegen sich die Geschwister auf radikale Sparmaßnahmen. So haben sie schon im Vorfeld eine Liste mit günstigen Hostels erstellt. Als sich diese gleich zu Beginn des Roadtrips als wenig praxistauglich erweist, verlegen sich Zuzanna und Janko auf das Prinzip Couchsurfing.

Immer wieder werden sie im Laufe ihres Trips bei fremden Menschen unterkommen, um kurzzeitig mit diesen unter einem Dach zu leben, wie sie es erstmals in New York erproben.

Den Pazifik sehen und sterben

Marina Schwabe - Rift (Cover)

Während der schwerkranke Janko viel Ruhe braucht, durchstreift seine Schwester New York, wandert durch die Straßen Manhattans oder das Metropolitan Museum of Modern Art. Zwar unternimmt man auch gemeinsam Dinge wie die Fahrt mit einer Fähre, die immer schwächer werdende Konstitution lässt sich aber nicht verleugnen, und so ist der Roadtrip der beiden zugleich von einem Gefühl der Dringlichkeit wie auch einem der Entschleunigung gekennzeichnet.

Über Upstate New York, Illinois, Wyoming und Idaho geht es immer weiter für die beiden auf ihrem Roadtrip Richtung Ostküste, bei dem es das Schicksal trotz aller Unbarmherzigkeit auch gut mit ihnen meint. Mal treffen sie eine Familie, die ihnen ein Auto für die Reise überlässt, mal fördert eine ungeplante Übernachtung in einem Motel einen überraschenden Fund zutage, der sie einiger Sorgen auf der Reise enthebt.

Immer weiter geht es für die beiden voran auf ihrer Reise, bei der sie eine USA fernab von Hochglanzbildern, Politikjournalismus und Reportagestrecken erleben. So besuchen die beiden in Utah die Salzseen, um dort das von Robert Smithson erschaffene Kunstwerk Spiral Jetty zu sehen, eine mittlerweile begehbare Spirale, die der Künstler in den Salzseen dort geschaffen hat.

Zwischen Salzseen und Vulkanen

Im Bundestaat Washington entscheiden sich Zuzanna und Janko, mit einem Guide eine Wanderung auf die Aschefelder des Mount St. Helens zu unternehmen. Entstanden ist der Vulkan durch die Tektonik zweier aufeinanderstoßender Erdplatten, die sich immer weiter aufeinander zuschieben und so eine ganze Kette von Bergen geschaffen haben, bei denen der Mount St. Helens das wohl explosivste Ergebnis dieses Aufpralls ist.

Damit stellt der Vulkan das genaue Gegenteil zu einem Rift dar, der Marina Schwabes Buch den Titel gibt. In der Geologie bezeichnet ein Rift das tektonische Auseinanderklaffen zweier Platten, durch das Risse entstehen.

Während die Geschwister nun den beschwerlichen Weg auf den Vulkan antreten, werden auch die Risse zwischen ihnen deutlicher. Jankos Konstitution verschlechtert sich zusehends, der Abschied von ihrem Bruder rückt ebenso wie das Ende ihrer Reise immer näher – und auch die Natur zeigt sich ambivalent.
In die Schönheit der Weite des Landes mischt sich auch hier das Wissen um die Brüchigkeit der Idylle. Der Salzsee in Utah trocknet weiter aus, Waldbrände in Kalifornien verunmöglichen den Gang vor die Haustür. Die Zeichen mehren sich, dass Mensch und Natur endlich sind.

Das arbeitet die 187 in Berlin geborene Autorin in ihrem Buch deutlich heraus, indem sie ganz eng bei der Ich-Erzählerin Zuzanna und Janko bleibt. Die Frage der medizinischen Betreuung oder eines weiteren Umfelds um die beiden Geschwister wird im Roman so gut wie ausgeklammert, stattdessen liegt ihr Hauptaugenmerkt auf dem Roadtrip mit seinen sozialen Dynamiken zwischen Nähe und Distanz, Verbindung und Rift.

Damit erinnert Rift auch etwas an Richard Fords Roman Valentinstag, in dem dieser seinen Helden Frank Bascombe auf einen Roadtrip mit seinem schwerkranken Sohn in einem Camper schickte, der diese im Gegensatz zu Schwabes Geschwistern aber zum Mount Rushmore führte.

Fazit

Deutlich weniger dialoglastig und anspielungsreich als Ford konzentriert sich Marina Schwabe auf den nahenden Abschied und den genauen Blick der Geschwister aufeinander.

Ihr gelingt mit Rift ein berührender Roadtrip, der von Abschied und der Brüchigkeit unserer Existenz erzählt – und der auf abgenutzte USA-Klischees verzichtet und stattdessen ganz eng bei ihren Geschwistern bleibt, deren Lebenswege auch von einem Rift gekennzeichnet sein wird.


  • Marina Schwabe – Rift
  • ISBN 978-3-96999-492-4 (Steidl)
  • 160 Seiten. Preis: 24,00 €

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete

Kommt ein Mann in eine Bar. Was meist als Auftakt zu einem schale Witz dient, wird bei der argentinischen Autorin Mariana Travacio zum Ausgangspunkt eines Western, bei dem die Luft zu flirren scheint. Denn der, der bei ihr zu Beginn des Romans die Bar betritt, er ist kein Geringerer als Ein Mann namens Loprete.


Hätte dieses Buch einen Soundtrack, so müsste es der Klang eines düsteren und energisch flirrenden Gitarrentremolos sein, der über allem liegt, wovon Mariana Travacio auf den 120 Seiten ihres Romans erzählt, der von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde.

Dieses Tremolo wäre das, was der vibrierenden und staubig-unbehausten Grundstimmung ihres Romans klanglich am nächsten käme. Denn Ein Mann namens Loprete ist eine Neo-Western, der zugleich auch der Zeit enthoben scheint. Das beginnt schon bei der klassischen Ausgangssituation, des Mannes, der in eine Bar kommt, was bei Travacio allerdings in keinen Barwitz, sondern eine Bluttat mündet.

Ein Mann namens Loprete auf der Suche nach Pepa

Auf der Suche nach Pepa betritt ein Mann namens Loprete die Bar von El Tano, in der sich neben dem Besitzer noch Juancho und der Erzähler Manoel aufhalten. Die Gesuchte findet Loprete nicht, dafür allerdings ziemlich schnell den Tod, wovon Manoel fast schon schulterzuckend berichtet:

El Tano wollte helfen: Bleib bei uns. Wenn die Hitze nachlässt, machen wir uns alle auf die Suche nach ihr. Aber Loprete lehnte ab: Ich kann nicht warten. Wenn ich noch länger warte, ist Pepa endgültig verschwunden. El Tano widersprach: Hier gibt es nichts als Wüste, Amigo. Beruhig dich, wir gehen schon los. Und ich weiß nicht, ob es am Gin lag oder an etwas, das El Tano sagte, aber noch bevor einer von uns aufspringen konnte, hielt Loprete plötzlich ein Messer in der Hand. Er ging El Tano an die Kehle, und es wurde sehr schnell sehr hässlich. Die Hitze machte reizbar, und wenn der Nordwind wehte, kam so was bei uns schon mal vor.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 8

Nun ist Loprete tot und die drei Männer beschließen, den Suchenden kurzerhand zu begraben und vereinbaren Stillschweigen über den Mord respektive Unfall. Doch damit geht es in Travacios Roman erst los, denn plötzlich tauchen drei Männer hoch zu Ross auf, die auf der Suche nach Loprete bei El Tanos Bar Halt gemacht haben.

Männer suchen Rache

Mariana Travacio - Ein Mann namens Loprete (Cover)

Es handelt sich um die Brüder von Loprete, drei der insgesamt neun, die nun wissen wollen, was mit ihrem Bruder passiert ist. Und obschon El Tano nichts vom Tod des Mannes verrät, gelangen die Reiter doch an die Kenntnis, dass Juancho, El Tano und Manoel etwas mit dem Tod ihres Bruders zu tun haben.

Nachdem die Brüder unmissverständlich klar gemacht haben, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, treten El Tano und Manoel gemeinsam die Flucht vor den Brüdern an.

Als sich in Manoel aber die Erkenntnis verfestigt, dass die Lopretes auch mit dem Verschwinden seiner Eltern zu tun haben, verkehrt sich die Flucht ins Gegenteil. Manoel will Rache. Er dringt darauf, die Brüder auf ihrem Gut zur Rechenschaft zu ziehen für die Schmerzen, die sie ihm und seinem nächsten Menschen durch ihr Handeln immer wieder beschert haben.
Das Tremolo der Gitarre erklingt und man reitet zum Showdown, der nicht lange auf sich warten lässt.

Eine neue spannende Stimme aus Argentinien

Der unabhängige Pendragon-Verlag aus Bielefeld beweist mit Mariana Travacio einmal mehr sein Gespür für besondere Erzählstimmen aus Südamerika. Nach Nicolás Ferraros Ambár folgt nun ein Western, der aber auch viele Elemente eines Rachethrillers aufweist und der durch seinen Verzicht auf eine allzu konkrete Verhaftung in Zeit und Ort schon fast etwas Allgemeingültiges besitzt.

Dabei ist es die Kunst des Romans, dass Travacio viele eigentlich abgenutzten Motive des Westerns präsentiert, die man schon dutzendfach aus Romanen und Spaghettiwestern kennt, die sie sich in der Anlage dieses Rachekonzentrats aber nicht störend ausnehmen. Vielmehr passen sich die bekannten Motiven und Stimmungen organisch in den Roman ein.

Im Morgengrauen machten wir uns auf den Weg zu Miranda, wo die zehn Männer mit den Pferden und dem versprochenen Karren schon auf uns warteten. El Tano vergewisserte sich, dass nichts fehlte, dann ging er zu Miranda, um sich zu verabschieden. Gestern Abend haben wir deinen Wein getrunken, sagte er. Miranda klopfte ihm auf die Schulter, dann blieb er stehen und sah uns nach, wie wir sein Dorf verließen, um uns auf den Weg zu unserem zu machen.

El Tano, Mario und ich ritten vorneweg, gefolgt von Oliverio und seinen Männern. Bevor wir allzu weit entfernt waren, drehten wir uns auf El Tanos Geheiß um, alle 13 Mann, um Miranda, der immer noch vor seinem Zaun stand, ein letzte Mal zu grüßen. Einige hoben die Hand, andere nickten, El Tano hob seinen Sombrero. Dann wandten wir uns in Richtung Norden und sagen nicht mehr zurück.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 53

Mariana Travacios Western als Äquivalent zur Minimal Music

Das dreckige Dutzend plus eins hoch zu Ross, der Abschied, der Dialog der Männer über Nebensächliches, die Stille, die über allem liegt: man kennt es schon eigentlich zur Genüge, es passt aber eben doch, dieses Geschehen irgendwo in der kargen Wüstengegend, in der sich die — im besten Sinne — karg gestalteten Figuren Travacios bewegen.

Manchmal klingt es fast wie ein Drehbuch, wenn die Figuren miteinander ins Gespräch kommen, Kurze Dialoge, eine überschaubare Handlung, im guten Sinne einfache Figuren und ein auf den Kern des Konflikts zwischen den Lopretes und Manoel heruntergebrochener Roman – fast könnte man den Eindruck bekommen, dass die argentinische Autorin hier das Äquivalent von Minimal Music kreiert und einen Minimal Western erschafft.
Dass die Kapitel ebenfalls recht kurz sind (ganze 62 Kapitel auf 120 Seiten, die so manches Mal nur zur Hälfte beschrieben sind), es passt ins Konzept.

Fazit

Mit Ein Mann namens Loprete hat Mariana Travacio einen auf das Wichtigste reduzierten Western geschrieben, der sich einer allzu konkreten Verhaftung gekonnt entzieht und der zwar an die Werke andere wie Autoren wie beispielsweise Elmore Leonard erinnert, der aber trotz des munteren Gebrauchs bekannter Motive und Erzählmittel doch auch etwas Eigenes schafft.

Ergänzt um ein Nachwort von Jochen König ist hier eine neue Erzählstimme aus Argentinien zu entdecken, die sich neben anderen Stimmen von dort, wie beispielsweise Claudia Piñeiro oder Nicolás Ambar, wunderbar einpasst und die sich mit ihrer reduzierten Erzählweise eine ganz eigene Nische schafft.

Wieder einmal beweist der Pendragon-Verlag mit Mariana Travacio sein Gespür für Erzähltalente abseits des Mainstreams. Man darf gespannt sein, was hier noch folgt!

[Ein letztes Gitarrentremolo und dann: Abblende].


  • Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete
  • Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt
  • Mit einem Nachwort von Jochen König
  • ISBN 978-3-86532-910-3
  • 126 Seiten. Preis: 22,00 €

Gabriel Astruc – Meine Skandale

Divenhafte Ballettstars, ein Publikum in Rage, Furor im Feuilleton und auf den Rängen: man könnte nicht sagen, dass die von Gabriel Astruc initiierten Konzerterlebnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris einhellige Begeisterung hervorriefen. Dafür lesen sich seine Erinnerung Meine Skandale wie ein Who’s Who der kulturellen Moderne und legen auf amüsante Weise Zeugnis ab, wie die Programme von Musiktheatern in früheren Zeiten noch das Zeug dazu hatten, die Massen zu mobilisieren und Skandale sowie alle Formen von Emotionen hervorzurufen.


Mit dem Publikum und der Kunst ist es so eine Sache. Nicht nur einmal blieb die wahre Größe eines Kunstwerks dem Publikum zunächst verborgen oder traf auf Ablehnung, worauf Gabriel Astruc in seinem Vorwort zu seinen Erinnerungen unter dem schönen Titel Meine Skandale hinweist. Die Uraufführung von Bizets Carmen? Ein Reinfall, der sich erst zehn Jahre nach der Premiere ins Gegenteil verkehren sollte, ehe die Oper ins weltweite Opernrepertoire fand. Puccini erging es mit seiner Madame Butterfly zunächst ähnlich, ebenso wie Mozart mit seinem Don Giovanni oder der Frankreich-Premiere von Wagners Thannhäuser.

Ignorantes Publikum, visionärer Impresario

Nicht immer erkannte das Publikum die Qualitäten und die Innovationen, die den Stücken innewohnte, sodass sich Astruc in guter Gesellschaft wähnt, wenn er in seinen Erinnerungen zurückblickt auf veritable Theaterskandale und Vorkommnisse, die sein Wirken in Paris hervorrief:

Wenn ich im Folgenden einige Skandale beschwöre, so habe ich dabei einfach an die hauptsächlichen künstlerischen Auseinandersetzungen gedacht, die ich während einer wahrhaft erfüllten Karriere ausgefochten habe, veritable Schlachten übrigens, die wichtigste Marksteine dieser Laufbahn gewesen sind. Ich möchte von der ersten französischen Aufführung der Salome von Richard Strauss nach Oscar Wilde erzählen, der Vorpremiere des Martyriums des Heiligen Sebastian von Debussy nach Gabriele D’Annunzio, von dem Ballett, dass Nijinsky nach Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune schuf und schließlich von der Uraufführung des Sacre du Printemps von Strawinsky in Nijinskys Inszenierung im Théatre des Champs-Élysée. Diese heute berühmten Werke haben damals in der Presse und beim Publikum ungeheuerliche Reaktionen ausgelöst und gehören damit zur — wie man sagen könnte — Sittengeschichte und Musik.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 28

Und tatsächlich liefert Astruc in diesem in der vorliegenden Form erst 2003 zusammengefügten Text die versprochenen Skandale, erzählt von Publikumsreaktionen, von Fehden zwischen Kritik und Künstlern und vergisst dabei zu keinem Zeitpunkt die wichtigste Aufgabe eines Impresarios, nämlich das Publikum zu unterhalten.

Gabriel Astrucs Gespür für Effekt und Wirkung

So zeigt sich in den Erinnerungen des 1864 in Bordeaux geborene Astruc dessen Gespür für Effekt und Außenwirkung ebenso wie sublimer Humor, der immer wieder zutage tritt. Egal ob öffentlichkeitsversessene Ballerina, die doch eigentlich nur hätte kurz tanzen und dann wieder in den Kulissen verschwinden sollen, oder das berühmt-berüchtigte Chaos, das die Erstaufführung von Strawinskys Frühlingsopfer hervorrief. Immer ist Astruc ganz vorne mit dabei und liefert seinem Publikum Unterhaltsames und Erhellendes:

Als Augenzeuge (naturgemäß) dieser denkwürdigen Vorstellung, welche den legendären „Skandal“ des Sacre du Printemps abgab, kann ich den Bericht von Pierre Lalo noch mit einigen Details würzen, deren pikante Schärfe er vielleicht den feierlichen Lesern des Temps nicht vorzusetzen wagte.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 95

Auch scheint von Anbeginn des Titels an durch den Text hindurch auch so etwas wie Besitzerstolz auf die von ihm verursachten Skandale durch. Mit viel Vergnügen blickt er zurück auf seine Tätigkeit, die oftmals der eines Jongleurs glich. Der Bau und Betrieb des von ihm initiierten Théatre des Champs-Élysée, die Abstimmung mit Sponsoren und anderen Bühnen, die Pflege der Künstleregos und das Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Liest man Meine Skandale, so wird bewusst, welche immensen Impulse für das Kulturleben im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus dieser heute so gut wie vergessene Mann lieferte.

Und hier setzte unversehens das Drama ein, das DRAMA.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 74

Eine fein gestaltete Kulturschatzkiste

Gabriel Astruc - Meine Skandale (Cover)

Mit zwei Vorworten zur Entstehungsgeschichte der vorliegenden Erinnerungen und dem Wirken Gabriel Astrucs durch den Archivar Olivier Corpet sowie die Musikwissenschaftlerin Myriam Chimènes versehen ist dieses Büchlein wieder einmal eine fein gestaltete Kulturschatzkiste, die der Berenberg-Verlag und sein Übersetzer Joachim Kalka da gehoben haben.

Zudem lässt das Buch auch nostalgisch zurückblicken, als das Geschehen in Theatern und Opernhäuser noch für veritable Skandale sorgen konnte. Wie fern wirken heute die von Astruc beschriebenen Zeiten, in denen ein von einer Tänzerin geküsste abgeschlagene Haupt auf offener Bühne zum Skandal taugte. Liest man Meine Skandale fällt auf, wie skandalmüde wir geworden sind, wenn das Theaterspektakel einer Florentina Holzinger nur noch müdes Schulterzucken oder die Tötung eines Tieres im Rahmen einer Inszenierung allenfalls Kritik von Seiten der Tierschützer hervorruft.

Hier zeigt sich, wie die Gewöhnung an das Außergewöhnliche seit Astrucs Zeiten eingesetzt hat. Das kann man bedauern, sich aber auch einfach mit Wonne noch einmal hineinbegeben in die Zeit, als der Maler Paul Favé in den Tumult um die Aufführung von Strawinskys heute gefeierten Musik die schlichte, aber nicht ganz invektivfreie Ermahnung hineinrief: „Maul halten, Saupack!“

Fazit

Zwischen der kompositorischen Avantgarde und konservativen Publikumsschichten, zwischen kompromisslosen Künstlern und selbstverliebten Balletttänzern tanzte Impressario Gabriel Astruc seinen ganz eigenen Tanz. Und was macht es für einen Spaß, ihm beim Tanzen zuzusehen! Wunderbar, dass der Berenberg-Verlag uns diese Erinnerungen zugänglich gemacht hat. Diese Erinnerungen sind alles andere als ein Skandal, sondern ein Glücksfall!


  • Gabriel Astruc – Meine Skandale. Strauss, Debussy, Strawinsky
  • Mit Vorworten von Olivier Corpet und Myriam Chimènes
  • Aus dem Französischen von Joachim Kalka
  • ISBN 978-3-937834-84-9 (Berenberg Verlag)
  • 128 Seiten. Preis: 22,00 €

Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon

Ein Luxushotel in Appalachen, Ströme von Süßwasser und dazu noch drei Dackel, die der Hoteldirektorin auf Schritt und Tritt folgen. Maggie Stiefvater kreuzt in ihrem Roman Grand Hotel Avalon einen Hotelroman mit Zeitgeschichte und Mysteryelementen. Das Ergebnis? Überzeugt leider nicht vollumfänglich.


Wenn man einen Ort für Luxus sucht, dann ist das Grand Hotel Avalon und Spa sicherlich ein Ort, den man dafür in Betracht ziehen sollte. Denn in dem von Maggie Stiefvater erfundenen Hotel in den Bergen der Appalachen fehlt es sich an nichts. Drei Bibliotheken, eine große Küche, die für die Wünsche der Kunden da ist, dazu vier Badehäuser, genannt Avalon I bis Avalon IV, ein ganzes Heer an Zimmermädchen, Aufzugspersonal und dergleichen mehr, nebst Luxussuiten im Haus und Cottages auf dem Gelände. Als Hotelgast ist man hier wirklich König oder Königin.

Doch selbst eine solch abgelegene Gegend wie die der Appalachen bleibt nicht von den großen Zeitläufen verschont. Das muss die Hoteldirektorin June Hudson feststellen, als die Vorbereitungen zum jährlichen Ball rüde unterbrochen werden. Statt sich weiter den Abstimmungen mit Musik und Service und den an den Lüster des Ballsaals applizierten Gedichte Robert Burns widmen zu können, stehen plötzlich FBI-Beamte vor dem Portal des Hotels, die verfügen, dass normalen Gäste auf Geheiß der Regierung das Avalon sofort verlassen müssen.

Besonderer Besuch im Grand Hotel Avalon

Maggie Stiefvater - Grand Hotel Avalon (Cover)

Anstelle der üblichen Besucher*innen steht dem Hotel nun besonderer Besuch ins Haus. Dreihundert Diplomaten und deren Angehörige sollen im Grand Hotel Avalon einquartiert werden, darunter Japaner, Italiener und Deutsche. Wir schreiben nämlich das Jahr 1942 und der Weltkrieg ist nun in vollem Gange, nachdem Japan kurz zuvor die US-amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor angegriffen hatte.

An June und ihrem Team ist es nun, die verfeindeten Nationen unter dem Hoteldach zu beherbergen, während die FBI-Agenten von den Internierten Kenntnisse über bevorstehende Angriffe und militärische Winkelzüge ihrer Nationen zu erlangen versuchen. Mit viel Disziplin versucht June vor allem in Form ihres Alter Ego „Hoss“ die Hotelmannschaft auf Linie zu bringen und persönlich für das Wohl des Hauses zu sorgen.

Dieses Wohl, so zeigt es uns Maggie Stiefvater, hängt dabei nicht nur mit der Personalführung zusammen. Auch das Süßwasser, das unter dem Hotel hindurchströmt und in Form von Brunnen der Bäder überall im Hotelkomplex anzutreffen ist, spielt eine entscheidende Rolle und sorgt für die ganz besondere Atmosphäre, die das Grand Hotel Avalon kennzeichnet.

Maggie Stiefvaters literarischer Hintergrund

Neben der realistischen Schilderung des Hotels und seiner Gäste weist Grand Hotel Avalon auch eine hohe Mysterydichte auch. Das rätselhafte Wasser, auf das June einwirken kann, dazu noch Glasschnecken, die überall im Haus anzutreffen sind und die mit dem Wasser in Zusammenhang zu stehen scheinen, sie weisen eher in die Richtung eines Fantasyromans.

Das kommt nicht von ungefähr, denn bislang trat Maggie Stiefvater fast ausschließlich mit Fantasyromanen für jüngere Leserschichten in Erscheinungen.

Romane wie der Raben-Zyklus um magiebegabte „Ravenboys“ einer Privatschule oder die im Urban-Fantasy-Genre verhafteten Dreamer-Trilogie waren bislang die Domäne von Stiefvater, die nun die Fantasy-Elemente ihres Schreibens mit Zeitgeschichte kreuzt.

Das Ergebnis ist leider etwas halbgar. Denn obschon auf fast jeder Seite das Süßwasser rauscht und June durch die Gänge hastet, plätschert das Buch selbst vor sich hin, ohne auf einen erkennbaren Höhepunkt zuzusteuern.

Rätselhaftes Süßwasser

Die Gäste ziehen ein, das Hotelpersonal gibt sein Bestes, um die Nationen zu beherbergen, ein FBI-Agent ringt um Erkenntnis und June wird zwischen den verschiedenen Parteien aufgerieben, immer drei Dackel im Gefolge, die ihrer Herrin treulich folgen. Dazu kommt noch die Liebe mit ihren unberechenbaren Volten, die June ebenfalls reichlich beschäftigen wird.
Das ist ganz solide geschildert, verschenkt aber enorm viel erzählerisches Potenzial, das in der Grundanlage des Romans stecken würde.

Viele der Figuren bleiben reichlich blass und allzu schematisch gezeichnet. Das deutsche Fliegerass? Gutaussehend. Der Naziarzt mit Spritze? Geheimnisvoll. Einer der FBI-Agenten? Ein Frauenheld.

Über solche Zuschreibungen kommt Maggie Stiefvater in zu vielen Fällen nicht hinaus und belässt die verschiedenen Delegationen zu schemenhaft — dabei wäre das doch eigentlich der spannende Kern des Romans gewesen: das Mit- oder Gegeneinander verschiedener Nationen, die durch den Krieg zu Feinden wurden, nun aber auf engstem Raum irgendwie miteinander auskommen müssen, während die USA als Gastgeber des Ganzen in den Krieg eintreten.

Derlei Dynamiken erkundet der Roman leider fast überhaupt nicht und konzentriert sich auf Junes Hadern mit ihrer Loyalität zur Eignerfamilie des Hotels und ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Männern, was mit zunehmender Lauflänge des Romans auch etwas redundant wirkt.

Fazit

Hier bleibt Grand Hotel Avalon leider deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Etwas weniger Süßwasser, mehr Interesse für die Figuren und ihre Interaktionen, das hätte Maggie Stiefvaters Roman deutlich spannender geraten lassen, als sich das Buch nun im Endeffekt präsentiert.


  • Maggie Stiefvater – Grand Hotel Avalon
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • ISBN 978-3-10-397566-6 (S. Fischer)
  • 432 Seiten. Preis: 25,00 €

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim

Dass das Miteinander der Völker in Jerusalem nicht nur in diesen Tagen einem Pulverfass gleicht, das zeigt der historische Roman De Vriendt kehrt heim. Im 1932 erschienenen Roman von Arnold Zweig ringen Orthodoxe, Zionisten, Araber und englische Besatzungsmächte um die Macht in der Stadt. Der Mord an einem intellektuellen Scharfmacher passt da gar nicht hinein, und doch kommt es dazu – mit gravierenden Folgen.


„Verrat tötet.“ Mit diesen Worten wird Jizchak Josef de Vriendt in einer Gasse Jerusalems niedergeschossen – und das ziemlich genau in der Mitte des Romans, der sich zuvor ausführlich dem Mordopfer gewidmet hat.

Dass de Vriendt nicht gewarnt war, könnte man nicht behaupten. Schon zuvor hatte ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstmannes Lolard Irmin seinen Dienstherrn gewarnt, da er eines Nachts in einer Gasse ein Gespräch belauscht hatte, in dem zwei Männer den Tod des holländischen Dichters und Intellektuellen forderten. Doch auf die Warnungen und die inständigen Bitten Irmins wollte De Vriendt nicht wirklich hören.

Ein Mord in den Gassen Jerusalems

Arnold Zweig - De Vriendt kehrt heim (Cover)

Mit seinen unversöhnlichen Positionen zu Orthodoxie und seiner Abneigung des Zionismus — aus seiner Sicht ein klarer Irrweg— hatte er nicht nur unter seinen Bekannten viel Gegenwind und Widerspruch verursacht. Zeitschriften titelten gegen Jizchak Josef de Vriendt und forderten seinen Kopf, bis es dann nach der Hälfte des Romans tatsächlich zur Bluttat kommt.

Drei Kugeln treffen de Vriendt – und wirken wie ein Brandbeschleuniger in einem Konflikt, der zuvor schon lange schwelte.
Die Debatten um Zionismus, Orthodoxie und das rechte Miteinander von Juden und Arabern entwickelt sich schnell zu einem Flächenbrand. Immer wieder kommt es zu Pogromen in Jerusalem und an anderen Stellen in Palästina, wo sich die aufstachelnden Worte nun in Taten übersetzen:

Überall geschehen befremdende Taten, grauenvolle, heldenhafte. Arabische Männer des Dorfes Surbah’r geleiten befreundete Juden, die sich bei ihnen versteckt hatte, sorgsam nach Jerusalem und werden auf dem Rückweg von einer britischen Patrouille niedergeschossen.

Auf die Ermordung von Juden durch unbekannte arabische Täter antwortet Blutrache: die Ermordung arabischer Familien durch unbekannte jüdische Täter. Ein gelehrter britischer Jude, der vom Ertrag seines Vermögens intelligente arabische Jugend auf Universitäten geschickt hat und leidenschaftlich an der Hebung des geistigen Lebens seiner moslemischen Mitbürger arbeitet, wird von seinem arabischen Chauffeur mitten in den bewaffneten Demonstrationszug hineingefahren und an der Seite seines Sekretärs ins Herz gestochen: den rettet nur der Tarbusch auf seinem Kopfe. Jüdische Arbeiter verteidigen eine Moschee gegen jüdische Angreifer, arabische Frauen decken jüdische Greise gegen die Messer arabischer Burschen. Das ist Bürgerkrieg in seinem Wirrwarr, seiner scheußlichen Unberechenbarkeit; er bricht aus und erlischt wieder, herrscht bald da, bald dort, Tage, manchmal Stunden, anderswo wieder Wochen. Jedenfalls stockt dem Lande Puls und Atem: unter britischer Verantwortung, ein gesittetes Land, und nun überall Mord, Verwundung, Raub und Feuer!

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 167

Das Massaker von 1929

Was Arnold Zweig hier beschreibt, ist leider alles andere als eine Fiktion, wie nicht zuletzt die Gegenwart zeigt. So beruht die Figur des Jizchak Josef de Vriendt auf einem historischen Vorbild, nämlich dem „unglücklichen Dichter und unseligen Politiker J. I de Haan“, wie Arnold Zweig im beigefügten Nachwort der holländischen Ausgabe seines Romans schreibt.

Dieser hatte sich vom Zionisten zum ultraorthodoxen Anti-Zionisten gewandelt und wurde 1924 in Jerusalem erschossen. Zweig datiert diesen Mord fünf Jahre nach hinten, um ihn dann mit dem historischen Ereignis des Massakers von 1929 zu verschmelzen und so das fragile Miteinander von Juden und Arabern zu zeigen, was er aus dem Mord an de Vriendt ableitet.

Dabei ist sein Roman kein Kriminalroman, auch wenn ein Verbrechen und die Suche nach Tätern eine Rolle spielen. Vielmehr interessiert sich der 1934 selbst nach Haifa emigrierte Zweig für die sozialen Dynamiken und die Bruchlinien in Jerusalem als pars pro toto für das ganze Land.

Konflikte und Bruchlinien in Israel

Nach anderthalb Jahren harter Arbeit unter den sephardischen und jemenitischen Kindern von Akko hatte sie ihren Mann geheiratet. „Wir sind schon ein sonderbares Stück menschlicher Materie“, erklärte sie, ihre schönen Augen nachdenklich auf dem Pflaster der Herzl-Straße, die man bergab ging. „Wir haben kaum hundertfünfzigtausend Juden hier, und schon bilden wir uns ein, die Erde kreise um uns“.

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 189

Das ist nicht immer ganz leicht zu lesen, wirkt manchmal durch den Ton reichlich antiquiert und etwas ausufernd – auch ist ein Aspekt wie die „Knabenliebe“ de Vriendts zu einem arabischen Jungen heute wohl noch deutlich problematischer als die leicht exotisierende Beschreibung Arnold Zweigs in seinem Buch. Dennoch hat De Vriendt kehrt heim auch heute noch seine Qualitäten, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte, die wie eine Fortführung der alten Fehden und Streitereien wirken.

Nicht ganz glücklich ist in meinen Augen dabei die editorische Entscheidung, den Anmerkungsapparat mit der Erklärung vieler zeithistorischer Bezüge und Namen kommentarlos ans Buchende zu verbannen, statt mit Fußnoten oder Markierungen im Text anzuzeigen, dass sich weiter hinten im Buch Erklärungen zu Begriffen wie den deutschen Templern, Schaufäden oder der Balfour-Deklaration befinden.
Eine Markierung solcher Begriffserklärungen direkt im Text würde die Lektüre dieses kenntnis- wie anspielungsreichen historischen Buchs deutlich erleichtern.

Fazit

So oder so ist die Neuausgabe dieses Buchs aus dem Jahr 1932 eine interessante Geschichtsstunde, die um einen politischen Mord kreist, der stellvertretend für die vielen Konflikte steht, die nicht nur damals, sondern auch heute noch Israel und Palästina zu zerreißen drohen. Hoffnungsfroh stimmt sie dabei nicht, die Lektüre von Zweigs Buch, aber viele Streitereien klarer erkennen lässt De Vriendt kehrt heim allemal.


  • Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim
  • Mit einem Vorwort von Meron Mendel
  • ISBN 978-3-8477-2065-2 (Die Andere Bibliothek)
  • 272 Seiten. Preis: 26,00 €