Category Archives: Historischer Roman

Anselm Oelze – Wallace

Von der Entstehung der Arten

Anselm Oelze hat ein Buch über die Evolutionstheorie geschrieben. Eines, das im Gewand eines historischen Romans daherkommt, dabei aber mehr Erkenntnis vermittelt als so manche Stunde Biologieunterricht. Und eines, das dem englischen Forscher Alfred Russel Wallace ein Denkmal setzt.


Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. No time for losers, wie schon Queen einmal sangen. Doch nicht nur für Verlierer hat die Geschichtsschreibung kein Herz, auch Figuren aus der zweiten und dritten Reihe werden schnell aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. So etwas wie Nachruhm ist keinem dieser Menschen gegönnt, die sich im Hintergrund halten.

Will man sich seinen Platz in der Geschichte sichern, dann ist dabei auch eine Charaktereigenschaft völlig fehl am Platz: Bescheidenheit. Man muss für sich werben, seine Verdienste herausstreichen – sich an die gegebenen Umstände anpassen. Geschichtsschreibung interessiert sich für die Gewinner, für die, die aus ihrer Ausgangslage das Beste gemacht haben. Anders betrachtet ist Geschichte auch eine Art Survival of the fittest. Wer sein Glück in die Hand nimmt, der wird sich durchsetzen und auch in der Rückschau einen Platz haben.

Dass just es der Vater dieser Entdeckung des Survival of the fittest selbst nicht in die Annalen der Geschichte geschafft hat – das ist eine bittere Pointe. Bescheidenheit nach der Entdeckung großer Zusammenhänge, das zahlt sich einfach nicht aus – besonders wenn man im Schatten anderer steht.

So mancher mag jetzt Einspruch erheben – schließlich ist Charles Darwin als Begründer der Evolutionstheorie doch weltweit anerkannt und respektiert. Lernte man im Biologieunterricht sein Betrachtungsmodell mitsamt seiner Erklärung des stets nach Verbesserung strebenden Wandels in der Natur, das seinem Konkurrenten Lamarck überlegen war, so haben seine Erkenntnisse doch weltweit höchste wissenschaftliche Ehren erfahren. Evolution = Charles Darwin, so die Gleichung, die schon Schulkinder auswendig hersagen können.

Alfred Russel Wallace, der Vater der Evolutionstheorie

Alfred Russel Wallace

Doch was ist mit Alfred Russel Wallace? Alfred wem?, so mag man hier fragen. Dass jener Mensch ebenfalls die Evolutionstheorie begründet hat und mit seinen Ideen sogar Darwin voraus war, das ist heute fast vergessen. Ein prominenter Fall eines Zweiten, den die Geschichte schon wieder vergessen und verdrängt hat.

Bromberg spürte mit einem Mal eine Erregung in sich aufsteigen, die er nicht von sich kannte. „Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleiferhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!

Schulzen lachte. „Na das möchte ich sehen! Wie du das jetzt verhinderst! Und sowieso, finde ich, ist die ganze Sache jetzt auch keiner dermaßen großen Aufregung wert. Es gibt genug Fälle, in denen ein und dieselbe Entdeckung von zwei verschiedenen Menschen gemacht wurde. Nimm nur die Technik der Infinitesimalrechnung, unabhängig voneinander entwickelt von Leibniz und Newton (…). Oder die Entwicklung des Prinzips des Zweisphasenwechselstroms mit rotierendem Feld. Zwei Leute, Nikola Tesla und Galileo Ferraris, ein Gedanke. Kurz gesagt: es lassen sich ohne große Mühe genug Beispiele von unglücklichen Zweiten, die eine Entdeckung gemacht haben, damit aber nicht allein waren und früher oder später ihrem Mitentdecker das Feld überlassen mussten. So ist es eben“

Oelze, Anselm: Wallace, S. 113 f

Kein Platz für Zweite in den Geschichtsbüchern

Niemand interessiert sich für Zweite. Das lehrt uns die Geschichte. Der zweite Mann auf dem Mond? Geschenkt. Menschen, denen etwas zum zweiten Mal gelingt, sind nicht für Geschichtsbücher gemacht. Doch ärgerlich wird es, wenn einem Menschen etwas zum ersten Mal gelingt, der Zweite dann aber seinen Platz in den Annalen erhält. Brombergs Empörung in obigem Ausschnitt ist also durchaus nachvollziehbar, denn die Erkenntnisse, die Alfred Wallace sammelte, sind für sich genommen bahnbrechend.

Mit dem, was er [Charles Darwin] nun an diesem Morgen von Wallace erhalten hat, verhält es sich ganz anders. ganz anders. Denn das, was da steht, in diesem Brief, das sind nicht irgendwelche Ideen zur Frage der Entstehung der Arten, das ist nicht irgendeine Theorie. Das ist seine Theorie! Seine eigene! Es ist genau die Erklärung, an der er seit bald zwei Jahrzehnten gearbeitet und deren Veröffentlichung er immer wieder aufgeschoben hat. Nicht nur, weil er der Sache noch nicht ganz traute, sondern vor allem auch, weil ihn andere Dinge, etwa die Regenwürmer, davon abhielten. Und nun kommt mit einem Mal dieser kleine Sammler an, seit vier Jahren auf Inseln wie Sumatra, Java und Celebes unterwegs, und beschreibt mit ähnlichen, tweilweise sogar mit den gleichen Worten, was Darwin sich seit Jahren im Stillen überlegt hatte: Dass nämlich Arten nicht unveränderlich ein für alle Mal geschaffen worden sind, sondern dass die komplexeren von einfacheren Formen abstammen, sich entwickelt haben und noch immer weiter entwickeln. Dass also sämtliche Arten nicht durch einen Schöpfergott, sondern durch ein natürliches Prinzip, einen Mechanismus, geschaffen worden sind und werden: den Mechanismus der natürlichen Selektion.“

Bromberg unterbrach.

„Wallace“, sagte er und bemühte sich dabei, so nüchtern wie möglich zu sprechen, „Wallace ist Darwin also zuvorgekommen?“

„Tja“, erklärte Schulzen. „Genau das ist der Knackpunkt bei der Sache“.

Oelze, Anselm: Wallace, S. 111

Denn statt seine Erkenntnisse forsch zu postulieren und an wissenschaftliche Magazine zu schicken, entschied sich jener Wallace eben, seinen Brief zunächst an Charles Darwin zu schicken. Jenen Darwin, der mit seinem Reisebericht von der HMS Beagle große Bekanntheit erlangt hatte. Ein Brief, den Darwin dazu nutzt, im nächsten Jahr sein bekanntestes Werk On the Origin of Species (Über die Entstehung der Arten) zu publizieren. No time for losers – lediglich eine kleine Gedenktafel in der Nähe von Darwins Grab in Westminster weist auf den Einfluss und die Beziehung hin, die zwischen Wallace und Darwin bestand.

Geschichte, wie gemacht für einen Roman

Eine Geschichte also, wie gemacht für einen Roman. Anselm Oelze hat sich dieser Geschichte angenommen und zu meinem Glück einen höchst unterhaltsamen, erkenntnissatten und hinreißend altmodischen Roman aus dieser historischen Ausgangslage gemacht.

Stellvertretend für uns Leser*innen, die wir in den seltesten Fällen schon einmal etwas von Alfred Russel Wallace und seinem Wirken mitbekommen haben dürften, steht der Museumswächter Albrecht Bromberg, der per Fotografie über Wallace stolpert. In der Figur und der Namensnennung zeigt sich hier schon wunderbar die leicht historisierende Erzählhaltung des Roman. Wie aus der Zeit gefallen wirken die meisten Figuren des Romans. Bromberg trifft sich mit Mitstreitern nicht einfach zu einem Stammtisch, die regelmäßige Zusammenkunft ist das Treffen der sogenannten Elias-Birnstiel-Gesellschaft. Die Haupthandlungsorte des in der Gegenwart spielenden Strangs sind Kellerkneipen, Antiquariate, Museum und eine kavernenartige Espressobar. Ein wunderbar eskapistisches Setting, das von genauso schrullig-exzentrischen Figuren bevölkert wird.

Geradlinig ist in Wallace selten etwas. Barock, mit großer Sprachkraft weiß Oelze seine Figuren und Welten zu schildern. Geradezu umständlich sind viele Szenen gebaut. Selbst wenn es in der äußeren Handlung nur um das Besorgen eines Buches oder die Zubereitung eines Gin Tonics geht: für Dozieren und Abschweifungen ist in Wallace immer genügend Platz. Leser*innen, denen es nicht schnell genug gehen kann, werden hier sicher nicht glücklich. Doch in der inneren Logik, der zugrundeliegenden Gemächlichkeit des Romans, ist das alles höchst stimmig und passgenau. Dass sämtliche Kapitel dabei mit am Barockroman geschulten Miniaturen eingeleitet werden, passt da gut ins Bild.

Erinnerungen an Kehlmann und Kracht

Auch der zweite Erzählstrang, der mit dem Gegenwartsstrang um Bromberg alterniert, ist großartig gemacht. Sehr farbsatt fängt Oelze die Gerüche und Farben der Welt ein, die Wallace alias Der Bärtige bei seinen Streifzügen durchreist. Gerade jener Erzählstrang erinnert auch an andere große deutsche Erähler wie Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt oder Christian Krachts Imperium, ohne dass Oelzes Schilderungskraft jenen Autoren um viel nachsteht.

Wollte man etwas an diesem formidablen Buch kritisieren, dann ist es die Sache, dass die Figuren zumeist eher aus der Handlungsmotivation gespeist sind, denn aus einer inneren Tiefe. So stehen die Figuren plakativ für Thesen und Funktionen, müssen in Gesprächen stets Theorien präsentieren oder Einsprüche zu einer gerade verhandelten These sein – was dem Ganzen manchmal den Touch eines Lehrbuchs gibt. Da daraus aber auch Erkenntnis entsteht und es Oelze gelingt, seine These genauer zu illustrieren, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.

Fazit

Für die knappe Länge von 250 Seiten enthält Wallace wirklich erstaunlich viel. Zwei unterhaltsame Erzählstränge, viel naturwissenschaftliche Erkenntnis und endlich mal wieder auch guten Humor. Ein wirklich lustiges Buch, das einen leicht distinguierten Humor favorisiert, der sich angenehm neben den allzu platten Scherzereien und Holzhammer-Gags vieler Kolleg*innen ausnimmt.

Wallace ist ein Buch, das genau zur rechten Zeit erscheint. Schließlich feiern wir 2019 auch 250 Jahre Alexander von Humboldt, der auf Wallace und Darwin einen großen Einfluss ausübte, und dessen Schilderungen auch etwas auf den Roman abgefärbt haben. Ein toller Türöffner in die unendliche Welt der Naturwissenschaft, dem ich von Herzen viele Leser*innen wünsche!

Thomas Mullen – Darktown

Von den schwierigen Anfängen der ersten schwarzen Polizisten in Atlanta in den 40er Jahren erzählt Thomas Mullen in Darktown (Übersetzung von Berni Mayer). Diese wollen ein Mord aufklären und sehen sich mit ubiquitärem Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert.

Dabei war der Dienstbeginn der acht Männer in den Straßen Atlantas noch von so viel Aufmerksamkeit und Hoffnung begleitet worden. Auf Druck von Politik und schwarzer Bevölkerung hin wurden nämlich Freiwillige ausgewählt, um die bisher strikt weiße Polizei unterstützen sollten.

Doch die Befugnisse und Einsatzgebiete der acht Männer waren enorm beschnitten. Diese durften lediglich im als Darktown bezeichneten Stadtviertel, in dem die schwarze Bevölkerung wohnte, Streife gehen. So etwas wie ein Einsatzfahrzeug besaßen sie nicht, die Druckkosten für ihre Visitenkarten mussten sie aus eigener Tasche begleichen und Verhaftungen durchführen durften sie gleich zweimal nicht. Stattdessen mussten sie nach der Verhaftung oder der Feststellung einer Straftat zunächst einmal ihre weißen Kollegen rufen, die ihre Kollegen aus Darktown gängelten und schikanierten, wo es nur ging.

Angesichts dieser Widrigkeiten und Hindernisse brauchte es schon besondere Widerstandsfähigkeit der acht Männer, die sich zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung aufrieben. Thomas Mullens Roman konzentriert sich auf einen der acht, der in den Mittelpunkt des Buches gerückt wird: sein Name ist Lucius Boggs, Sohn eines einflussreichen Predigers und mit einem hartnäckigem Gerechtigkeitssinn gesegnet. Dieser versieht mit seinem Partner Smith den Patrouillendienst in den Straßen von Darktown.

Auf Streife in Darktown

Schon auf den ersten Seiten stoßen die beiden auf einen Betrunkenen, der mit seinem Fahrstil die öffentliche Sicherheit gefährdet. Auf dem Beifahrersitz ein verängstigtes farbiges Mädchen. Doch eine Verhaftung des Betrunkenen scheitert, da sich die herbeigerufenen „richtigen“ Polizisten weigern, eine Verkehrskontrolle durchzuführen und den Betrunkenen weiterfahren lassen. So sieht Polizeiarbeit 1948 in Atlanta aus.

Als die schwarzen Polizisten später die Leiche jenes Mädchens vom Beifahrersitz des Betrunkenen finden, beginnt Boggs, Ermittlungen anzustellen, obwohl ihm das natürlich strengstens untersagt ist. Doch seine Ohnmacht bei der Verkehrskontrolle in jener Nacht lässt ihn nicht ruhen. Die Scharte soll ausgewetzt werden – der jungen Frau soll Gerechtigkeit widerfahren.

Rassismus allenorten

Unterstützung erhält er dabei von ungewöhnlicher Seite. Die zweite Hauptfigur, die zum Kontrapunkt Boggs wird, ist der weiße Ermittler Denny „Rake“ Rakestraw. Dieser entfremdet sich zusehends von seinem rassistischen Polizeipartner Dunlow und mischt ebenfalls in den Ermittlungen Boggs mit. So gehen beide Stück für Stück ihren Spuren nach. Und das praktisch gegen den Willen des gesamten Polizeiapparats.

Über diese Ermittlungen und die Spurensuche der Männer schafft es Mullen gut, die damaligen Umstände zu skizzieren. Der omnipräsente Rassismus, egal ob bei Zivilbevölkerung oder im Polizeiapparat, wird von Mullen gut eingefangen. Die Ausgrenzung der schwarzen Gemeinde und die teilweise Unterwanderung der Polizei durch den Ku-Klux-Klan – Darktown gelingt es, die Zustände nachvollziehbar zu vermitteln.

In diesen Schilderungen der historischen Gegebenheiten ist der Roman wirklich stark. Der Kriminalfall hingegen fällt im Vergleich zu den historischen Begebenheiten stark ab. Er ist konventionell gestaltet und erinnert in seiner Schema-Haftigkeit an durchschnittliche TV-Krimis, allen voran den Tatort. Das Auffinden der Leiche, die Befragung der Verdächtigen, die falschen Fährten, die Stellung des Täters zur rechten Zeit – das ist alles etwas erwartbar und für meine Begriffe altbacken und abgenutzt.

Leichte Abstriche in puncto Stil

Leichte Defizite weist der Roman auch auf stilistischer Ebene auf.

Chandler und Hammett. Brillante Leute. Sie schreiben über Detektive und Polizisten, vielleicht findest du da ein Stück Wahrheit. Ihre Helden sind gute Männer, die erkennen, dass ihr Umfeld viel finsterer ist, als ihnen bewusst war. Große Verschwörungen kündigen sich an. Aber dann schau ich dich an, Officer Lucius, und kann mir keinen finstereren Ort für dich vorstellen. Du bist nicht der Schnüffler, der zu seinem Schrecken feststellt, dass seine Welt korrupt ist, denn das weißt du längst. Das Böse schlägt einem hier förmlich ins Gesicht, es gibt kein Geheimnis dabei. Es sonnt sich vor unseren Augen und fällt über dich her, sobald du dich ihm näherst.“

Mullen, Thomas: Darktown, 285

Hier sieht man schön Stärken und Schwächen von Mullens Roman: Die unverstellten Referenzen an die Paten des Romans, Dashiell Hammett und Raymond Chandler (deren Hardboiled-Welt der Roman ganz gut paraphrasiert) und die Übertragung auf die Lebenserfahrung in Darktown (mit der Doppelspiegelung von Noir-Roman und Noir-Welt) geht einher mit stilistischer Ungelenkheit. Die Metaphernüberfrachtung hier fällt wirklich auf. Das Böse, das einem ins Gesicht schlägt, das sich sonnt und dann auch noch über einen herfällt – drei Metaphern, nicht wirklich kohärent, innerhalb von zwei Sätzen. Manchmal wäre hier weniger dann doch wieder mehr.

Langsam stand er auf. Er war immer noch gefesselt, wollte sie aber nicht um einen Gefallen bitten. Jesus, tat sein Finger weh.

Mullen, Thomas: Darktown, S. 347

Zwar mag hier der Einwurf Jesus im englischen Original ganz passend sein, im Deutschen ist es dann doch eher ungeläufig. Man hätte erwägen können, ob ein „Herr im Himmel“ oder „Herrgott“ nicht hier im Deutschen treffender gewesen wäre. Aber solche stilistischen Holprigkeiten seien angesichts der geringen Menge, mit der sie sich gegen den gesamten Textkorpus ausnehmen, gerne verziehen.

Es sind keine großen gravierenden Mängel, die ich hier feststelle, aber für kleiner Abzüge in der B-Note des Romans sorgen sie dann doch.

Große Fußstapfen

Natürlich steht Darktown auch in einer Reihe mit Genrevorbildern, deren Vergleich sich das Buch stellen muss. Allen voran kommt mir der mit Sidney Portier verfilmte Roman In der Hitze der Nacht von John Ball in den Sinn, der einst ebenfalls bei Dumont in der (leider schon lange eingestellten) Reihe der Dumonts Kriminalbibliothek erschien. Dieser Roman verhandelt den Rassismus innerhalb der Südstaaten auf der Folie eines Krimis meisterhaft. Jene Qualität von Balls Buch erreicht das Buch in meinen Augen nicht.

Auch nuanciertere Auseinandersetzungen mit Rassismus, wie sie etwa zuletzt Leonard Pitts jr. in Grant Park gelungen ist, schafft Mullen nicht in einer ähnlichen Qualität. Dafür ist das Buch etwas zu konventionell gestaltet und hätte ein wenig mehr an Zwischentönen bedurft.

Die größte Stärke des Buchs ist die Darstellung der damaligen Umstände und der gesellschaftlichen Situation. Diese Informationen fließen unangestrengt nebenbei in die Handlung ein und machen so dann aus einem durchschnittlichen Krimi einen besonderer historischen Roman. Nicht das beste Buch, das dieses Jahr zum Thema Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft erschienen ist. Aber ein eindringliches und sehr gut recherchiertes Buch, was auch Mullens Dankesworte im Appendix des Buchs zeigen.

Eine weitere Besprechung des Buches ist bei FAZ online erschienen. Die Rezension findet sich hier. Zudem hat sich auch Iris vom Schurkenblog des Buchs angenommen. Zu welchem Urteil sie kommt, das verrät ihr Beitrag.


Ian McGuire – Nordwasser

Bei Ian McGuire wird es in Nordwasser im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig. Ein dunkler, ein derber und ein brutal guter Thriller rund um eine Expedition ins gefährliche Nordwasser.

Dabei fokussiert sich Ian McGuire in seinem Roman auf zwei gegensätzliche Charaktere, die sein Buch tragen. Da ist zum Einen der Harpunier Drax, ein Mann ohne Moral oder Gewissen. Seinen Gegenpart bildet der irische Arzt Sumner, der aus Verlegenheit als Schiffsarzt zur Nordwasser-Expedition dazustößt. Er trägt besonders an einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit, das mit der Besatzungszeit durch das englische Empire in Delhi zusammenhängt.

Vom Nordwasser zum Mordwasser

Geheimnisse, brutale Draufgänger, das Schiff als begrenzte Bühne, auf der die Charaktere aueinanderprallen. Schon in der Anlage ist Nordwasser sehr stark und verspricht einiges an Spannung, was das Buch dann auch tatsächlich einzulösen vermag.

Geschickt schafft es Ian McGuire, die brodelnde Atmosphäre auf dem Schiff in Worte zu fassen. Unter Leitung von Kapitän Brownlee wird das Nordwasser nämlich schnell zum Mordwasser (ein Kalauer pro Rezension sei mir erlaubt …). Nicht nur Robben und Wale werden nämlich von den Männern des Profits wegen abgeschlachtet. Auch bald findet sich die Leiche eines Schiffsjungen an Bord. Sumner beginnt nachzuforschen, wer den brutalen Mord an dem Jungen begangen hat.

So reichert der britische Schriftsteller seine dichten Schilderungen des Lebens an Bord und der Waljagd zusätzlich noch mit einem Whodunnit-Krimiplot an. Gerät ihm die Einführung seiner Figur Drax für meinen Geschmack zu plakativ, so findet McGuire schon bald in besseres Fahrwasser und entwickelt kontinuierlich seinen Plot und seine Figuren mit ihren Abgründen. Dabei funktioniert Nordwasser auch besonders über die Körperlichkeit.

Das Gegenteil von Sauber

Ian McGuire pflegt in Nordwasser keine klinisch-reines Grundattitüde, um es vorsichtig auszudrücken. Der Leser wird mit Unmengen von Blut, erschlagene Tiere, Scheiße, heimtückischen Morden, Ausschlag und diversen körperlichen Versehrungen konfrontiert. Nordwasser ist Survival of the fittest in Reinform.

Zartbesaitete Leser mögen sich mit Grausen abwenden oder argumentieren, dass alles ja so schmutzig und unappetitlich sei. Ich möchte dem entgegenhalten, dass diese Erzählung allerdings nur so funktionieren kann und muss. Der von McGuire so gebaute Erzählrahmen folgt dem Gesetz der Authentizität und bedarf genau deshalb dieser Schmutzigkeit auf allen Ebenen. Kategorien wie Sauberkeit oder ästhetische Schönheit in puncto Handlung und Plot sind bei diesem Thema fehl am Platz – diese bei Nordwasser einzufordern wäre lächerlich und deplaziert. Stattdessen macht dieser Thriller wieder sinnlich erfahrbar, wie es damals an Bord eines Walfängers und im Eis der Antarktis gewesen sein muss.

Dieses Aufrufen der Bilder und die geradezu atemlose Handlung, die in ihren Bann zieht – das ist großartig gelungen. Das Buch steht für mich in einer Reihe der großen Abenteuerliteratur. Die deutlichsten Brüder im Geiste sind Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad oder (natürlich) Moby Dick von Herman Melville. Aber auch die Erinnerungen Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle standen mir beim Lesen deutlich vor Augen. Auch die Jury des Booker-Preises sah das so. Sie nominierte 2016 das Buch für den Preis.

Ein Lob sei an dieser Stelle auch an den Übersetzer Joachim Körber ausgesprochen. Ihm gelingt es, die derbe Sprache, das nautische Vokabular und die großen szenischen Bilder, die McGuire entwirft, gut ins Deutsche zu übertragen, ohne dass viel vom Sound verlorengeht. Sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, die der Übersetzer aber sehr gut gemeistert hat.

Nordwasser ist ein waschechter Abenteuerroman, eine hochspannende Jagd nach Walen und letztendlich auch nach Erlösung, sowie das Duell zweier ungleicher Männer. Nordwasser ist wunderbar altmodisch und zugleich hochaktuell. Ian McGuire ist damit ein echtes Kunststück gelungen!

Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Mythos Karl May: Philipp Schwenke erzählt in seinem Debüt vom Leben des Schöpfers von Old Shatterhand, Winnetou und Co.

Erreichte May mit seinen Erzählungen tausende von Leser*innen und berichtete farbig aus der ganzen Welt, so schaffte er es selbst nur einmal aus Radebeul, seiner sächsischen Heimat, hinaus. Von dieser Reise erzählt Schwenke in Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste.


„Hühnelchen, jetzt hör aber einmal auf!“, rief Emma

„Du musst das jetzt begreifen“, sagte Karl

„Natürlich stimmt es. Es geht hier um eine tiefere Wahrheit.“

(Schwenke, Philipp: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste, S. 367)

Die Wahrheit ist es, die Karl May in seinem Schaffen anstrebt, zumindest erklärt er das immer wieder seinen Zuhörer*innen, egal ob es sie gerade interessiert oder auch nicht. Dass es May dabei selbst mit der Wahrheit alles andere als genau nimmt, das zeigt Philipp Schwenke in seinem 600 Seiten starken Roman eindrücklich.

Lügner, Phantast, Bestsellerautor

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste (Cover)

Denn schon als jugendlicher Lehrer kam May mit dem Gesetz in Konflikt, wovon Schwenkes Prolog Zeugnis ablegt. Über 35 Jahre später begegnen wir ihm im Jahr 1899 wieder, diesmal als gealtertem Mann. Geläutert ist dieser allerdings nicht. Denn bald zeigt Schwenke in seinem Buch in der ganzen Bandbreite , welch ein Fantast dieser Karl May war und blieb.

Keines seiner Abenteuer erlebte der Sachse wirklich, seine Bücher waren alles große Phantasmen, bei denen für May die Grenzen zwischen Realität und Erdachtem fließend waren. So imaginierte er sich selbst als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und verkaufte die Illusionen seinen Leser*innen, die ihm fleißig glaubten und die Bücher verschlangen. Dass May bei seinen Abenteuern eigentlich immer auf eines Pferdesattel statt vor seinem Schreibtisch saß, hielt man zunächst eigentlich für kaum möglich.

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit

Doch was passiert, wenn ein solcher Schreibtischtäter mit seinen gedanklichen Kapriolen und Träumereien plötzlich mit der Realität konfrontiert wird? Das beleuchtet Schwenke in seinem Roman in allen Schattierungen. Diese reichen von komischen Szenen bis hin zu gefährlicher Scharlatanerie. Denn Schwenke verklärt May nicht, sondern zeigt seine Widersprüche und Abgründe. Dass dieser Mann heute noch trotz seiner Dreistigkeit verehrt wird, das verwundert. Denn eigentlich kann man May nichts anderes als einen Hochstapler nennen, der schon fast wahnhaft in seiner eigenen Welt lebte. Was ist Wahn, was ist Wirklichkeit? Bei Mays Trip durch Orient und Okzident verschwimmen die Grenzen.

Alles andere als ein wüstentrockener Text

Dass aus Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste dabei kein wüstentrockener Text geworden ist, verdankt das Buch einigen schlauen Entscheidungen von Philipp Schwenke. Da ist zunächst die Konstruktion des Buchs, die auf viele Kapitel setzt, die zeitlich hin- und herspringen. So wird die Haupterzählung von den Abenteuern Mays bei seiner Reise immer wieder durch Einschübe unterbrochen.

Seine Schilderungen erzählt Schwenke mithilfe der Erzähltechnik des auktorialen Erzählers, der immer wieder Bezüge herstellt und die Szenerien beschreibt, in denen wir gleich Karl May wiederfinden. Der dabei verwendete leicht historisierende Ton, der zugleich Karl Mays eigene Prosa mit Augenzwinkern karikiert, ist gut gelungen.

Karl May mit Humor

Auch setzt Schwenke ganz bewusst Humor als Stilmittel ein. Manches Mal desavouiert er seinen Großschriftsteller bei seinen Abenteuern. Dabei scheut er auch nicht vor der krachend-deftigen Inszenierung zurück. So zeigt er schon einmal Karl May mit heruntergelassener Hose oder lässt ihn als reumütigen Sünder unter einem Bett hervorkrabbeln. Diesen Humor muss man nicht teilen – aber viele von Schwenkes Einfällen haben mir durchaus ein Schmunzeln oder Lachen entlocken können.  Bei all den bleischweren und an ihrer eigenen Ernstheit tragenden Texten in letzter Zeit eine willkommene Abwechslung.

Wer so wie ich zu den Nachgeborenen zählt, denen sich der Mythos des sächsischen Autors nicht mehr wirklich erschließt, dem sei an dieser Stelle auch das Karl-May-Wiki ans Herz gelegt, das eventuell bei oder nach der Lektüre aufkommende Fragen umfassend beantwortet.

Fazit

Philipp Schwenkes Debüt ist eine gelungene Annäherung an den Mythos Karl May und dabei ein humorvoller und bisweilen wirklich witziger Unterhaltungsroman. Gerne gelesen und gerne empfohlen!


  • Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste
  • ISBN 978-3-462-05107-0 (Kiepenheuer Witsch)
  • 608 Seiten. Preis: 23,00 €

Andreas Eschbach – NSA

Wenn anstelle des Hashtags das Hakenkreuz fungiert – Andreas Eschbachs Fantasie über ein Drittes Reich mit Sozialen Medien und globaler Überwachung

Hier lernt man noch einiges: Anne Frank und ihre Familie wurden in ihrem Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam nicht etwa durch eine oder einen VerräterIn aufgestöbert. Nein, es waren die Daten der Familie Gies‘, die zur Ergreifung der Familie führten. Diese Daten wurden in Weimar ausgewertet, im NSA. Bei Eschbach wird aus der eigentlich amerikanischen Behörde das sogenannte Nationale Sicherheitsamt, das alle Daten der deutschen Bevölkerung und der unterworfenen Länder analysiert. Darunter fallen auch die Daten aus Amsterdam, die von fähigen Programmiererinnen und Analysten ausgewertet werden. Zu Demonstrationszwecken zeigt das NSA bei einem Besuch von Heinrich Himmler, wozu es mit seinen gespeicherten Daten in der Lage ist. So fallen bei Routineüberprüfungen die Einkaufs- und Verbrauchskennziffern in der Prinsengracht ins Auge. In einem Tony-Scott-reifem Showdown zeichnet Eschbach nach, wie es dem NSA gelingt, die Einsatzkräfte in Amsterdam nur per neuartigen Komputern und Daten zum Haus zu dirigieren und so für die Verhaftung von Anne Frank und Familie zu sorgen . Der Staatsfeind Nummer 1 trifft auf George Orwell – so könnte man die Grundidee hinter Eschbachs wuchtiger alternativen Geschichtsschreibung zusammenfassen.

Auch die Gemeinschaft der Weißen Rose um die Geschwister Hans und Sophie Scholl wird so gestellt, nachdem in Deutschland und anderen Orten plötzlich Flugblätter der Bewegung auftauchen. Doch die Macht von Big Data und die umfassende Überwachung des Sicherheitsamtes sorgt auch für ein schnelles Ende dieser Gruppe.

Ein Drittes Reich mit der Überwachung von Heute

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Computer, soziale Medien und die dadurch entstehenden Überwachungsmöglichkeiten gegeben hätte? Aus diesem Gedankenexperiment schöpft Eschbach. Dies tut er, indem er zwei unterschiedliche Mitarbeiter des NSA in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

Zum Einen ist da die Programmstrickerin Helene, die für die Ausarbeitung und korrekte Formulierung von Programmen zuständig ist, die dann von ihren männlichen Kollegen ausgewertet werden (es herrscht klare Geschlechtertrennung zwischen minderwertigen und höheren Tätigkeiten). Zum Anderen arbeitet im NSA Eugen Lettke, der seine Machtfülle und seinen Zugriff auf die Daten ausgiebig zu nutzen und missbrauchen weiß.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere lassen den Nutzer in ein NSA eintauchen, das gespenstisch unseren heutigen Behörden und ÜBerwachungsmöglichkeiten ähnelt. Auch wenn sich die Begriffe unterscheiden – in Eschbachs Fantasie des Dritten Reichs sind Hassrede, Denunziationen im Deutschen Forum, Whistleblower und Vollzeitüberwachung auch Themen, die einen stetigen Machtzuwachs der Überwachungsbehörde rechtfertigen. Immer wilder wuchert die Datenkrake, immer umfangreicher werden die Oberservationsmöglichkeiten, die den Machthabern zur Verfügung stehen. Das Volkstelephon lädt zur Belauschung und Ortung der Bevölkerung ein – schließlich will man ja möglichst genau wissen, was das eigene Volk so tut und treibt und welche Umtriebe zu befürchten sind. Besonders pikant wird das natürlich dann, wenn eine professionelle Aufdeckerin von Geheimnissen plötzlich selbst Geheimnisse hüten muss.

NSA liest sich wie eine Kreuzung aus Philipp K. Dicks The man in the high castle, seinem Minority-Report und wohl am deutlichsten George Orwells 1984.

Auch wenn das alles zunächst hanebüchen wirken mag, eher als Geschichtsklitterung und Parodie erscheinen mag – wie Eschbach seine Alternate History zu einem Ende bringt und seinen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende geht, das ist dann doch sehr eindringlich gestaltet.

Angesichts des Umfangs von knapp 800 Seiten sind Flüchtigkeitsfehler (man kann wohl eher Tiere schlachten, Fleisch schlachtet man eigentlich nicht) und stellenweise stilistische Holprigkeiten zu verzeihen. Denn auf die Länge und besonders auf den Paukenschlagschluss hin betrachtet liegt mit NSA hier wieder ein stärkeres Buch aus dem Oeuvre von Eschbach vor, das zumindest mich größtenteils zu überzeugen wusste.