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Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Mythos Karl May: Philipp Schwenke erzählt in seinem Debüt vom Leben des Schöpfers von Old Shatterhand, Winnetou und Co.

Erreichte May mit seinen Erzählungen tausende von Leser*innen und berichtete farbig aus der ganzen Welt, so schaffte er es selbst nur einmal aus Radebeul, seiner sächsischen Heimat, hinaus. Von dieser Reise erzählt Schwenke in Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste.


„Hühnelchen, jetzt hör aber einmal auf!“, rief Emma

„Du musst das jetzt begreifen“, sagte Karl

„Natürlich stimmt es. Es geht hier um eine tiefere Wahrheit.“

(Schwenke, Philipp: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste, S. 367)

Die Wahrheit ist es, die Karl May in seinem Schaffen anstrebt, zumindest erklärt er das immer wieder seinen Zuhörer*innen, egal ob es sie gerade interessiert oder auch nicht. Dass es May dabei selbst mit der Wahrheit alles andere als genau nimmt, das zeigt Philipp Schwenke in seinem 600 Seiten starken Roman eindrücklich.

Lügner, Phantast, Bestsellerautor

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste (Cover)

Denn schon als jugendlicher Lehrer kam May mit dem Gesetz in Konflikt, wovon Schwenkes Prolog Zeugnis ablegt. Über 35 Jahre später begegnen wir ihm im Jahr 1899 wieder, diesmal als gealtertem Mann. Geläutert ist dieser allerdings nicht. Denn bald zeigt Schwenke in seinem Buch in der ganzen Bandbreite , welch ein Fantast dieser Karl May war und blieb.

Keines seiner Abenteuer erlebte der Sachse wirklich, seine Bücher waren alles große Phantasmen, bei denen für May die Grenzen zwischen Realität und Erdachtem fließend waren. So imaginierte er sich selbst als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und verkaufte die Illusionen seinen Leser*innen, die ihm fleißig glaubten und die Bücher verschlangen. Dass May bei seinen Abenteuern eigentlich immer auf eines Pferdesattel statt vor seinem Schreibtisch saß, hielt man zunächst eigentlich für kaum möglich.

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit

Doch was passiert, wenn ein solcher Schreibtischtäter mit seinen gedanklichen Kapriolen und Träumereien plötzlich mit der Realität konfrontiert wird? Das beleuchtet Schwenke in seinem Roman in allen Schattierungen. Diese reichen von komischen Szenen bis hin zu gefährlicher Scharlatanerie. Denn Schwenke verklärt May nicht, sondern zeigt seine Widersprüche und Abgründe. Dass dieser Mann heute noch trotz seiner Dreistigkeit verehrt wird, das verwundert. Denn eigentlich kann man May nichts anderes als einen Hochstapler nennen, der schon fast wahnhaft in seiner eigenen Welt lebte. Was ist Wahn, was ist Wirklichkeit? Bei Mays Trip durch Orient und Okzident verschwimmen die Grenzen.

Alles andere als ein wüstentrockener Text

Dass aus Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste dabei kein wüstentrockener Text geworden ist, verdankt das Buch einigen schlauen Entscheidungen von Philipp Schwenke. Da ist zunächst die Konstruktion des Buchs, die auf viele Kapitel setzt, die zeitlich hin- und herspringen. So wird die Haupterzählung von den Abenteuern Mays bei seiner Reise immer wieder durch Einschübe unterbrochen.

Seine Schilderungen erzählt Schwenke mithilfe der Erzähltechnik des auktorialen Erzählers, der immer wieder Bezüge herstellt und die Szenerien beschreibt, in denen wir gleich Karl May wiederfinden. Der dabei verwendete leicht historisierende Ton, der zugleich Karl Mays eigene Prosa mit Augenzwinkern karikiert, ist gut gelungen.

Karl May mit Humor

Auch setzt Schwenke ganz bewusst Humor als Stilmittel ein. Manches Mal desavouiert er seinen Großschriftsteller bei seinen Abenteuern. Dabei scheut er auch nicht vor der krachend-deftigen Inszenierung zurück. So zeigt er schon einmal Karl May mit heruntergelassener Hose oder lässt ihn als reumütigen Sünder unter einem Bett hervorkrabbeln. Diesen Humor muss man nicht teilen – aber viele von Schwenkes Einfällen haben mir durchaus ein Schmunzeln oder Lachen entlocken können.  Bei all den bleischweren und an ihrer eigenen Ernstheit tragenden Texten in letzter Zeit eine willkommene Abwechslung.

Wer so wie ich zu den Nachgeborenen zählt, denen sich der Mythos des sächsischen Autors nicht mehr wirklich erschließt, dem sei an dieser Stelle auch das Karl-May-Wiki ans Herz gelegt, das eventuell bei oder nach der Lektüre aufkommende Fragen umfassend beantwortet.

Fazit

Philipp Schwenkes Debüt ist eine gelungene Annäherung an den Mythos Karl May und dabei ein humorvoller und bisweilen wirklich witziger Unterhaltungsroman. Gerne gelesen und gerne empfohlen!


  • Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste
  • ISBN 978-3-462-05107-0 (Kiepenheuer Witsch)
  • 608 Seiten. Preis: 23,00 €

Claire Fuller – Bittere Orangen

Alles so schön heruntergekommen hier

Suchte man nach einem literarischen Äquivalent des Shabby Chic, so würde man mit Claire Fullers neuem Streich Bittere Orangen (Deutsch von Susanne Höbel) eindeutig fündig.


Sekretär im Shabby-Chic-Stil

Shabby Chic zeichnet sich ja dadurch aus, dass die Gebrauchsspuren des Interieurs als Merkmal von Klasse und Stil betrachtet werden. Das Marode, das Heruntergekommene gilt (in begrenztem Rahmen natürlich) als Qualitätskriterium, nach dem sich die ästhetischen Ansprüche richten. Somit tritt Shabby Chic offenbar der Behauptung des Philosophen Byul-Chung Han entgegen, der im Glatten das Charakteristikum unserer Gegenwart ausgemacht hat.

Hier sind die Gebrauchsspuren das Glatte, die Signatur, die durch ihren Makel so etwas wie Authentizität und Einzigartigkeit simulieren soll. Dass diese gewollte Unperfektion und der damit verbunde Wunsch nach Singularität (an dieser Stelle sei noch auf Andreas Reckwitz‘ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten hingewiesen) dabei schon wieder einen Massenmarkt mit serieller Beschädigung der Möbel und damit das genaue Gegenteil der gewünschten Distinktion geschaffen hat- geschenkt. Durch die Normierung des Makels und oberflächlichen Schadens entsteht damit dann doch wieder eine Oberflächlichkeit, die damit Byung-Chul Hans These stützt. Doch darum soll es hier eigentlich nicht gehen – sondern um das neue Buch von Claire Fuller.  Genug der Abschweifung!

Warum steht das Buch von Claire Fuller in der Tradition des Shabby Chic? Die Einordnung in diese Kategorie liegt schon aufgrund des gewählten Schauplatzes auf der Hand.

Verwahrlostes Haus

Denn Claire Fuller siedelt ihren neuen Roman im Herrenhaus namens Lynton an. Dorthin verschlägt es die junge Ich-Erzählerin Frances Jellico im Jahr 1969. Nachdem ihre Mutter verstorben ist, sucht sie Halt in einer neuen Aufgabe. Für einen Amerikaner soll sie eine Expertise des Gartens rund um das Herrenhaus vornehmen. Nachdem die Kriege und der Zahn der Zeit heftig an dem Haus genagt haben, ist es nun ihr Auftrag, die Schäden und Chancen am Haus zu dokumentieren und ihre Ergebnisse an den in Übersee weilenden Auftraggeber zu übermitteln.

Der Einfachheit halber bezieht Frances gleich in den oberen Stockwerken des Hauses Quartier und trifft auf zwei weitere Bewohner des heruntergekommenen Anwesens. Als eine Art Hausmeister lebt und arbeitet dort Peter zusammen mit seiner Freundin Cara. Im Laufe des Buches wird die Bande zwischen diesen drei Protagonistinnen immer enger. Mit unabsehbaren Konsequenzen für alle Beteiligten …

So viel zunächst zu den erzählerischen Grundpfeilern von Bittere Orangen. Doch mit der Nennung der drei Hauptfiguren habe ich die vierte und mindestens ebenso wichtige Figur in diesem Roman unterschlagen. Dabei handelt es sich um das Haus Lynton, das ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt und Frances, Cara und Peter ihre Spielfläche gibt.

Claire Fuller inszeniert ihr Lynton so, dass jeder Innenausstatter oder Fan von Lost Places feuchte Augen bekommen dürfte. Wie eine Art ruinöses Downton Abbey reihen sich im Haus Bibliothek, Esszimmer, Schlafgemächer und Dienstbotenzimmer aneinander und ermöglichen es, dass die drei bei ihren Streifzügen immer wieder neue Räume und Geheimnisse entdecken, abendliche Dinner im Kerzenschein in den heruntergekommenen Hallen inklusive. Höhepunkt ist die Orangerie, in der sie dann über die titelgebenden bitteren Orangen stolpern. Die Entdeckung der Orangerie und die weiteren Räume werden dann zu einem Wendepunkt der Beziehungen der drei Freunde.

Wie Enid Blytons Fünf Freunde tollen die Figuren durch das Haus und den umgebenden Garten. Sogar eine pflanzenumrankte Brücke gibt es, die das zum Haus gehörige Gewässer überspannt. Manchmal hat es durchaus den Anschein, als hätte Claire Fuller ihrem Roman Standardwerke für die englische Garten- und Baukunst zugrundegelegt. Aber sie schafft es, trotz dieses Settings alle Klischeeklippen sauber zu umschiffen.

Fans von Shabby Chic dürften durch Fullers Inszenierung dieser Ruine neue Ideen zur Ausgestaltung des eigenen Zuhauses bekommen (auch wenn man dafür hoffentlich nicht die Bibliothek derartig ruiniert, wie das im Lynton Anwesen der Fall ist).

Doch es gibt darüberhinaus noch einen zweiten gewichtigen Grund, dieses Buch in diese Mode einzuordnen.

Hausgäste mit Makeln

Denn die Verfallenheit des Hauses setzt sich in der Anlage der Charaktere fort und trägt zu deren Entwicklung bei. So ist Frances selbst bereits durch den Tod ihrer Mutter gezeichnet. Diese war über 30 Jahre der Fixstern in ihrem Leben und lässt sie nun mit diversen Problemen und Makeln zurück.

Aber auch Cara und Peter haben ihre Geheimnisse und Schwächen, die Claire Fuller geschickt im Laufe des Buches langsam lüftet. Sollbruchstellen, Makel – alle Figuren in Bittere Orangen sind davon betroffen. Besonders evident wird dies dann auch sukzessive auch in der Rahmenhandlung in der Gegenwart, die wie eine Klammer die Geschehnisse im Sommer 1969 umkränzt. Hier gibt es keine glatten Menschen, sondern im Gegenteil jede Menge (moralische) Verwahrlosung und Abgründe – was auch zusätzlich einen großen Reiz dieses Romans ausmacht. Nicht umsonst bedient sich Claire Fuller in ihrem Roman auch der Erzähltheorie des unzuverlässigen Erzählers. All das ist gut komponiert und mit viel Atmosphäre stimmig inszeniert.

Mag auch ihr Schauplatz und das Personal von Bittere Orangen mit Makeln und Sollbruchstellen versehen sein – der Roman selbst ist es nicht. Im Sinne von Byung-Chul Han kann man hier dann wieder von einem Roman sprechen, der das Glatte und den runden Lesegenuss in den Vordergrund stellt, ohne in Oberflächlichkeit abzugleiten. Das gelingt Claire Fuller ganz ausgezeichnet.

Fazit

Mit diesem Roman erschreibt sich die Britin Fuller in meinen Augen ihren Platz irgendwo zwischen Ian McEwan und J.L. Carr. Eine wirklich interessante Erzählerstimme von der Insel, deren Schaffen ich weiterhin aufmerksam im Blick habe, Shabby Chic hin, Chabby Chic her.

Benedict Wells – Die Wahrheit über das Lügen

Zehn Geschichten aus zehn Jahren

Das Lügen und das Dichten sind Künste.

(Oscar Wilde)

Welche Zitat würde besser zum neuen Buch von Benedict Wells passen als dieses Zitat des irischen Nationalheiligen Oscar Wilde? Dichtung, Wahrheit und Lüge – in Wells Kurzgeschichten finden all diese Themen ihren Platz und sorgen für beste Unterhaltung.

Nach seinem großen Erfolg von Vom Ende der Einsamkeit hatte sich Wells rar gemacht. Zunächst gab es keine Ankündigungen für ein neues Werk – ehe dann die Ankündigung zu Wells fünftem Buch erschien. Dieser Band stellt ein Novum im Schaffen des jungen Autors dar – denn zum ersten Mal liegt kein abgeschlossener Roman, sondern eine Kurzgeschichtensammlung vor.

Wells ganz eigener Dekameron

Diese umfasst zehn Geschichten aus zehn Jahren – Wells ganz eigener Dekameron sozusagen. Zwei dieser Geschichten stammen aus dem Erzählkosmos vom eingangs schon erwähnten Vom Ende der Einsamkeit; eine Erzählung, nämlich Das Grundschulheim erschien bereits schon vorher im Sammelband Unbehauste.

Inhaltlich spannt Wells den Bogen weit, von der rätselhaften Auftaktgeschichte Die Wanderung bis hin zu einer sentimentalen Erinnerung einer alten Dame in Richard reicht die Spanne. Mal sind die Erzählungen mysteriös und leicht verstörend (Ping-Pong), ein andermal eine Hommage an die Star-Wars-Filme von George Lucas (Die Wahrheit über das Lügen). Das ist abwechslungsreich, gut geschrieben und wirklich unterhaltsam – wenngleich die Qualität der Geschichten schwankt.

Eine Tatsache zeigt auch dieser Sammelband wieder – Benedict Wells ist ein großer Melancholiker, der sich zwischen Dur und Moll am wohlsten fühlt. War in die Entwicklung hin zu einer gewissen Traurigkeit schon ab Fast genial spürbar, tritt sie hier erneut ganz offen zutage.

Die Wahrheit über das Lügen zeigt die Entwicklung eines Autors, der es schafft, den Kern seiner Geschichten freizulegen, ohne alles immer auszuerzählen. Stattdessen überlässt er vieles auch der Fantasie seiner Leser und begnügt sich mit minimalistischen Anlagen seiner Erzählungen.

Fazit

Wells ist mit seinem ersten Kurzgeschichtenband ein kurzweiliges, überraschendes und sehr unterhaltsamer Dekameron voller heterogener Erzählungen gelungen. Zum Zwischendurch-Lesen, zum Vorlesen, zum Gedanken-Fließen-Lassen – kurzum: gute Unterhaltung!

Maxim Biller – Sechs Koffer

Wenn man in die Printlandschaft und die Bloggospäre rund um den Deutschen Buchpreis 2018 schaut, dann scheinen sich fast alle einig: Maxim Billers Sechs Koffer ist ein Meisterwerk, ein preiswürdiger Kandidat für die Shortlist und sogar für höhere Weihen. Nach der Lektüre frage ich mich – haben all die Rezensent*innen ein anderes Buch als ich gelesen?

Die Ausgangslage zu Billers Miniaturdrama (nicht einmal 200 Seiten weist die Erzählung auf) ist sehr vielversprechend. Die Mitglieder der Familie Biller leben alle mit einer Ungewissheit. Ihr Vater bzw. Großvater, tschechisch der Tate, wurde nach einem Verrat hingerichtet. Er schmuggelte Uhren und Dollars in den Westen – bis ihn ein Tipp auffliegen ließ. Doch wer ist der Verräter, wer hat den Taten auf dem Gewissen? Niemand weiß es, und so beginnt der Enkel des Taten mit seinen Nachforschungen.

Wer spricht die Wahrheit? Wer ist der Verräter? Und welche Blicke eröffnen uns sechs unterschiedliche Perspektiven? Eigentlich ein hochspannender Ansatz, aus dem Biller allerdings leider überhaupt nichts erzeugen kann. Weder schafft er es, die unterschiedlichen Charaktere sauber herauszuarbeiten und klar zu machen, wer gerade erzählt, noch gelingt ihm, eine saubere Exposition zu kreieren, die in die Erzählung hineinträgt.

Mehrmals musste ich ansetzen, um in Sechs Koffer hineinzufinden. Wer ist nun wer, welcher Konflikt liegt dem Ganzen zugrunde, wer erzählt hier gerade? All das erschloss sich mir erst nach mehrmaligem Loslesen von Billers Geschichte. Neben einer sauberen Ausarbeitung und einem erzählerischen Plan fehlt diesem Buch Rhythmus und ein innerer logischer Fluß, der den Leser durch die Geschichte geleitet.

Zu kurz und skizzenhaft

Meist vertrete ich ja die Auffassung, dass viele Bücher stärker werden, wenn man sie kürzt, reduziert, eher auf ihren Kern fokussiert. Dass manchmal auch das Gegenteil der Fall ist, sieht man an Sechs Koffer. Billers Prosa ist gehetzt, vollgestopft wie ein muffiges und zu kleines Zimmer voller Nippes. Mit 50 oder 100 mehr Seiten hätte er in meinen Augen ruhiger ausarbeiten können, worum es ihm geht und seinen Charakteren mehr Spielzeit gönnen können. So bleibt keine Figur im Gedächtnis, alles verharrt angerissen und skizziert.

Dass man am Ende der Geschichte genauso schlau wie vorher ist, das ist da schon geschenkt.

Dafür, dass Maxim Biller in die Richtung anderer Autor*innen immer hart austeilt, ihnen Duckmäusertum, Bräsigkeit und „Schwanzlosigkeit“ vorwirft, da sie noch nichts erlebt hätten – dafür liefert er selber sehr schwach ab. Auch seine Sprache weiß leider nicht zu begeistern. Eine besondere Kreativität ist hier nicht erkennbar, störend für mich hingegen war so manches Mal ein Zuviel an (widersprüchlichen und) ungenauen Adjektiven. Ein Beispiel sei hier auf Seite 12 genannt:

Sollte Dima über seine fünf Jahre in Pankrác lachen? Sollten sie beide über den Tod ihres armen Vaters lachen, ihres geliebten, strengen und meistens viel zu großzügigen Taten?

(Biller, Maxim: Sechs Koffer, S. 12)

Für mich leider im Gegensatz zum Gros der Kritiker durch die Bank weg enttäuschend. Eine Zuerkennung des Deutschen Buchpreises 2018 für Sechs Koffer könnte ich leider nicht nachvollziehen.

Eine ebenfalls kritische Analyse und Einschätzung hat abseits von allen lobenden Bewertungen noch Marina Büttner von Literaturleuchtet geschrieben.

Steffen Mensching – Schermanns Augen

Wie kann das sein? Da schreibt Steffen Mensching den besten Roman des Jahres, ein epochales Gemälde von Europa und Russland in den 30er und 40er Jahren – und kaum einer bekommt es mit? Zeit wird es, das zu ändern – denn Schermanns Augen sind über 800 Seiten Literatur, die im Gedächtnis bleibt. Handlungssatt, bunt und berührend.

Steffen Mensching (Jahrgang 1958, geboren in Ost-Berlin) präsentiert sich auf seiner eigenen, grafisch gewagten Homepage mit der schönen Selbstbeschreibung Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur. Seit zehn Jahren steht er dem Theater in Rudolstadt als Intendant vor und ist damit offenbar noch nicht ganz ausgelastet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er es geschafft hat, diesen Ziegelstein von einem Buch neben seiner Tätigkeit am Theater zu produzieren (wenngleich Mensching laut Interviews über 12 Jahre an dem Buch saß). Die Vorarbeiten zu Schermanns Augen müssen immens gewesen sein, genauso wie die Arbeit mit dem Text selbst. Denn sein Buch ist ein 800-Seiten-Pfünder mit einem bemerkenswert dichtem Textgewebe voller Zeitkolorit, Personen und Anekdoten der europäischen Secession.

Secession und Straflager

Diese lässt Mensching in all ihrer pulsierenden Kreativität und Lebendigkeit wiederauferstehen. Geistesgrößen wie Karl Kraus mit seiner Zeitschrift Die Fackel, der Maler Oskar Kokoschka, Alma Mahler, der Komponist Arnold Schönberg oder der Architekt Adolf Loos – sie wurden zu Taktgebern der 20er und 30er Jahre und prägten in Zentren wie Berlin oder Wien den intellektuellen Rhythmus. Neben unzähligen weiteren kulturell prägenden Gestalten bekommen sie ihren Auftritt – in den Erinnerungen von Rafael Schermann.

Jener Schermann, eine in den buntesten Farben schillernde und glitzernde Figur, lässt wie in 1001 Nacht diese Zeit und zugleich Zeitenwende wieder auferstehen. Die Rahmenbedingung für seine Erzählungen sind dabei von ebenso großer Tristesse wie Bedrohlichkeit. Denn Schermann sitzt 1940 im Gefängnis Artek ein und erzählt in Verhören seine Lebensgeschichte.

Safranowka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebiet, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Bis 1935 ein verschlafenes Fünfzig-Seelen-Dorf, windschiefe Hütten und eine baufällige, als Getreidespeicher genutzte Kirche. Dann übernahm das NKWD die Siedlung. Fünf Jahre später lebten hier knapp tausend Häftlinge, Frauen und Männer. Schermann war jetzt einer von ihnen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Warum hat es Schermann in dieses Lager verschlagen? Und das größte Mysterium überhaupt- wer ist dieser Mann überhaupt, der die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen weiß? Welche Geheimnisse hütet der Sträfling?

Er wurde bei einem Halt auf freier Strecke aus dem Transport geholt. Zwei Sträflinge, die zum Beräumen der Gleise eingeteilt waren, schleppten den Ohnmächtigen in Begleitung eines Postens zum Schlitten des Depotverwalters Trufulski. Der lieferte ihn in der Krankenbaracke ab. Ein Greis. Obwohl erst sechsundsechzig. Nicht allein die unbegründete Verlegung, auch der Aufenthalt im Brygidki-Gefängnis, die Odyssee im Viehwagen, Lemberg, Kiew, Charkow, Gorki, Hunger, Durst und Kälte, die Arbeit im Sägewerk der Sondersiedlung Fediakowo hatten Spuren hinterlassen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Die Fragen, die die Herkunft und der Weg Schermanns ins russische Arbeitslager aufwirft, treiben nicht nur die Lagerleitung um. Auch Otto Haferkorn ist von dem polnischen Mitgefangenen fasziniert.

Dieser Otto Haferkorn stammt eigentlich aus Berlin, sitzt aber nun in Artek wegen einer Verurteilung nach Paragraph 58 ein. Als kapitalistischer Spion gebrandmarkt hat er eine ebenfalls eine turbulente und aufwühlende Lebensgeschichte hinter sich. Er dient als Übersetzer in den Verhören Schermanns. Denn als Einziger ist der im ganzen Straflager des Deutschen mächtig und wird so zum Mittler zwischen Lagerleitung und Schermann.

Ein unglaubliches Leben

Es entfaltet sich in der Doppelbiographie von Rafael Schermann auf der einen und Otto Haferkorn auf der anderen Seite ein Bilderbogen, der das 21 Jahrhundert mit all seinen Verwerfungen und Schizophrenien treffend bebildert.

Rafael Schermann bei der Arbeit (Von anonymous/unknown – [1] Narodowe Archiwum Cyfrowe NAC, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18712671)

Während Haferkorn als Schriftsetzer für eine sozialistische Zeitung tätig war, ehe er die Flucht in den Osten antrat, verdingt sich Schermann mit dem Gegenteil der mechanisch erzeugten Schrift. Als Schriftendeuter oder Psychographologe wird er zum bewunderten Star der Gesellschaft, macht die Bekanntschaft aller Reichen und Berühmten, die seine Fähigkeiten bestaunen. Schon als Angestellter einer Versicherung in der böhmischen Provinz gelang es ihm, schier Unglaubliches aus dem Schriftbild seiner Mitmenschen herauszulesen. Familiäre Hintergründe, Beruf, Zukunft – Schermanns Augen bleibt nichts verborgen. Seine Analysen gleichen Hellseherei.

Dieses Talent führt ihn in die Kreise der Wiener Secession. Berlin, sogar Amerika bereist der polnische Sherlock Holmes (so einmal die Schlagzeile einer Zeitung über Rafael Mauritzowisch Schermann). Immer ist er dabei umgeben von den wichtigen und einflussreichen Menschen seiner Zeit.

Einem Zirkuspferd gleich wird Schermann als Attraktion durch die Weltgeschichte gescheucht. Auch die Medizin findet Interesse an seinen Fähigkeit, der Arzt Oskar Fischer publiziert ein Buch über das Phänomen Schermann und seine schriftdeuterischen Fähigkeiten. Doch auch bei Otto bleiben Zweifel – ist dieser Mann nun ein Genie oder ein Hochstapler?

Überleben in Artek II

An seinem neuen Platz im Arbeitslager dient Schermanns Fähigkeit als Faustpfand für das Überleben. Denn im Mikrokosmus des Arbeitslagers, in dem Bäume nach 5-Jahres-Plänen gefällt werden müssen, ist es ein Kunststück, am Leben zu bleiben. Überlebensfeindliche Temperaturen um das Lager herum – und nicht minder gefährliche Mithäftlinge in Artek II. Eindrucksvoll zeigt Mensching, wie die Regeln eines solchen Arbeitslagers wirken. Denn nicht nur die sowjetischen Aufseher führen ein hartes Regiment – auch im Lager selbst hat sich eine ausgeklügelte Hierachie entwickelt. Berufsverbrecher, auch Urki genannt, haben unter der Führung des Lagerpaten ein ebenso brutales wie effizientes System zum Machterhalt entwickelt.

Nicht umsonst leitet Mensching seinen Roman mit einem Zitat Fjodor Dostojewskis ein. Es stammt aus dessen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Treffender könnten Titel und Zitat auch für Menschings Prosa nicht sein:

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt; ich glaube das ist die beste Defintion für ihn

(Fjodor Dostojewksi)

Dieses Überleben in Extremsituationen beleuchtet der Berliner Autor eindrucksvoll. Beeindruckend dabei, wie, abwechslungsreich und geradezu bestechend Mensching seine Prosa komponiert und rhythmisiert. Mit größter Sprachmacht durchmisst er sicher all diese unterschiedlichen Milieus, mit denen Haferkorn und Schermann im Laufe ihrer unterschiedlichen Leben in Berührung kommen

800 Seiten voller Abwechslung

Auf über 800 Seiten tritt auf keiner einzigen Seite ein Gefühl von Langeweile oder gar Stillstand auf. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Rahmenhandlung auf dem beengten Raum des Straflagers 47 spielt. Steffen Mensching gelingt das Kunststück, die Enge und die Atmosphäre voller depravierter Menschen und sozialem Druck zu schildern, und dabei seinen Plot maximal weit und frei zu erzählen. Das ist große Kompositionskunst!

So stilistisch vielfältig, so inhaltlisch vielstimmig ist auch sein Buch. Die Schauplätze reichen von Berlin bis an den Ural, von New York bis Lemberg. Mal ist das Buch ein geradezu barocker Geschichtsbogen in orientaler Tradition, mal trostloser GULAG-Roman. Mal Oral History, mal Märchenbuch. Mal Kultur, mal Politik, mal tief im Osten, dann wieder im Westen. Zudem ist Schermanns Augen auch eine Hymne auf das Schreiben, die Handschrift und all das, was sich damit ausdrücken lässt.

Ein Buch mit hohem Anspruch, allerdings nicht immer einfach zu lesen. Ein Register mit den vielen russischen Termini wäre schön gewesen. Auch erfordert Menschings Eigenart, im ganzen Buch bei den wörtlichen Dialogen auf Anführungszeichen zu verzichten, erhöhte Aufmerksamkeit vom Leser.

Ohne den dichten Buchsatz der Seiten mit Absätzen oder irgendwelchen anderen setzerischen Mitteln aufzulockern entsteht so ein Lesefluss, der keine Ablenkung verzeiht. Dass daneben auch das Personaltableau überbordend ist, scheint auch dem Verlag aufgefallen zu sein. Nicht umsonst liegt dem Buch trotz Leseband noch ein Lesezeichen bei, dass wenigstens das wichtigste Personal von Artek II noch einmal aufführt und ihre Rolle stichpunktartig benennt.

Ein Lob dem Wallstein-Verlag

Vielleicht kann nur ein kleiner unabhängiger Verlag wie der Wallstein-Verlag das Wagnis eines solchen überbordenden Buches eingehen. Im normalen Druchlauferhitzer des Buchmarkts mit den schnell auf Erfolg kalkulierten Titeln dürften Big Player nur abwinken. Zu speziell, zu umfangreich, zu überambitioniert. Gehts nicht auf griffiger und kürzer?

Nein geht es nicht. Hier hat ein Autor seinen Raum bekommen, den er zur maximalen Entfaltung genutzt hat. Der verlegerische Mut, auf Schermanns Augen zu setzen gleicht dem, den Rafael Mauritzowitsch Schermann und sein Übersetzer Otto Haferkorn im Roman immer wieder aufs Neue beweisen. Es sind große Worte, die ich an dieser Stelle gebrauche – aber (natürlich streng subjektiv gesprochen) ein anderer deutschsprachiger Titel diesem Buch Konkurrenz machen kann, halte ich für dieses Jahr nahezu augeschlossen.

Fazit

Dass Schermanns Augen nicht auf der Longlist oder Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 steht, ist ein Skandal. Denn etwas Vergleichbares auf diesem Niveau fand ich in diesem aber auch den letzten Jahren nicht auf dem Buchmarkt. Lob, Ehre und Preise diesem Buch im Dutzend! Ein Herzensbuch, dessen Empfehlung mir hier wirklich ein Anliegen ist. Ein verlegerisches Wagnis, das unbedingt belohnt werden sollte!

 

Quelle des Titelbildes: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1316062