Category Archives: Literatur

Indiebookday 2019

Fünf Empfehlungen

Auch dieses Jahr ist es wieder soweit: der Indiebookday findet statt. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: man sucht an diesem Tag einen Buchladen seines Vertrauens auf und kauft dort ein oder mehrere Bücher. Diese sollten allerdings aus unabhängigen Verlagen stammen.

Aus diesem Grunde habe ich hier fünf kurze Empfehlungen zusammengetragen, die ich gerne weiterempfehlen möchte, und die in den nächsten Wochen hier auf Buch-Haltung noch etwas genauer vorgestellt werden sollen.

Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Leider hat es mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzung des Buchs durch Karin Uttendörfer nicht so ganz klappen wollen. Nichtsdestotrotz eine große Empfehlung für dieses wirklich schweinische Buch!

Während Europa von Kriegen und Umwälzungen erschüttert wird, kämpft eine Familie von Schweinezüchtern um ihr Fortbestehen – und nutzt die in immer größerem Maßstab stattfindende Ausbeutung des Rohstoffs Tier, um sich in unsere heutige, hochindustrialisierte Welt hinüberzuretten. Éléonore, Kind eines kranken Vaters und einer lieblosen Mutter, erbt Anfang des 20. Jahrhunderts von ihren Vorfahren Schweine und die Gewissheit, dass Gewalt gegen Mensch und Tier zum Leben dazugehört. Mit Disziplin und unbändiger Härte gegen sich selbst allen Schicksalsschlägen trotzend, hält sie den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht und versteht es, ihn über die Jahrzehnte hinweg zu vergrößern und später ihrem Sohn Henri zu übergeben. Achtzigjährig erlebt die erschöpfte Matriarchin schließlich, wie dieser mit ihren Enkeln Serge und Joël den familiären Zuchtbetrieb zu einer gigantischen, die Ressource Tier grausam ausbeutenden Tierfabrik ausbauen. Das anonymisierte Elend der Schweine spiegelt nicht nur den Wahnsinn dessen, was die Menschheit unter Fortschritt versteht, sondern wirft auch die Frage auf: Wer sind die eigentlichen Bestien?

Davide Enia – Schiffbruch vor Lampedusa

Eine Entdeckung, auf die mich Louisa Kröning vom Wallstein-Verlag auf der Buchmesse brachte. Von Davide Enia hatte ich bis vorletzte Woche nämlich noch nie etwas gehört oder gelesen.

Davide Enia ist nach Lampedusa gefahren, um sich selbst ein Bild von der Insel zu machen, die in den Medien zum Sinnbild für die Flüchtlingskrise geworden ist. Seine Gespräche mit Rettungshelfern, Freunden und Fischern, aber auch seine persönlichen Eindrücke bei Rettungsaktionen und »Anlandungen« verwebt er zu einer unglaublich dichten und ergreifenden Erzählung. Lampedusa ist dabei ein Mikrokosmos, in dem die Folgen von Migration, Flucht und Grenzen unmittelbar spürbar sind. Gleichzeitig erinnert Enia sich an magische Sommer an der sizilianischen Küste und seine früheren Urlaube auf der Insel, und versucht, die Unschuld dieser Zeit wieder heraufzubeschwören.

Die Schönheit des Mittelmeers und der Natur werden ebenso sichtbar wie die menschlichen Tragödien, die dort zum Alltag geworden sind.

Auguste Hauschner – Der Tod des Löwen

Auch vom Homunculus-Verlag hörte ich auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal. Meine liebe Kollegin Birgit Böllinger wies mich auf den Verlag und besonders auf diesen Titel von Auguste Hauschner hin.

Das frühe 17. Jahrhundert. Prag ist in Aufruhr. Wie ein böses Vorzeichen hängt ein blutroter Meteor über der Stadt. Der böhmische König Rudolf II. leidet unter Verfolgungswahn und fürchtet um seinen Thron. Er beauftragt Alchemisten und Astronomen, seine Macht zu sichern. Als diese keine Lösung finden, zwingt er Rabbi Löw, den Erschaffer des Golems, ihn in die Geheimnisse der Kabbala einzuweihen – und ihm dazu die Kammer von dessen schöner, schwer kranker Tochter zu öffnen. Doch sein Handeln bringt nicht nur das Mädchen an den Rand des Todes, sondern treibt auch einen Keil zwischen die Glaubensgemeinschaften Prags. Während im Judenviertel die ersten Häuser brennen, beginnt das Lieblingstier des Königs, ein mächtiger Berberlöwe, in seinem Käfig zu rasen.

Sigurdur Pálsson – Gedichte erinnern einer Stimme

Die Lyrik ist hier auf dem Blog ja äußerst schwach vertreten. Umso wichtiger, auch in diese Richtung einmal eine nachdrückliche Empfehlung auszusprechen.

Der kleine Elif-Verlag von Dincer Gücyeter kümmert sich um diese literarische Gattung. Immer wieder gibt es spannende Lyrik-Projekte, für die sich der Verlag stark macht – so auch dieses: Gedichtern erinnern einer Stimme des Isländers Sigurður Pálsson fängt die Stimmen und Gedanken eines Menschen ein, der um sein baldiges Ableben weiß, und nun noch einmal die Momente nutzt, um Rückschau zu halten. Übertragen wurden diese Gedichte von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine zweisprachige Ausgabe – so kann man das Unvertraute Isländische und das vertraute Deutsch besonders gut auf sich wirken lassen.

Gabriele Tergit – Effingers

Dieses Buch hat durch die Vorstellung im Literarischen Quartett schon etwas an Bekanntheit hinzugewonnen. Dennoch ist Gabriele Tergit noch immer eine Unbekannte, deren Werke (z.B. Käsebier erobert den Kurfürstendamm) zu Unrecht vergessen sind. Der Schöffling-Verlag kümmert sich jetzt dankenswerterweise um diese spannende Autorin.

»Effingers« ist ein Familienroman – eine Chronik der Familie Effinger über vier Generationen hinweg. Außer dass sie Juden sind, unterscheidet sich ihr Schicksal in nichts von dem anderer gutsituierter gebildeter Bürger im Berlin der Jahrhundertwende. Alle fahren sie im sich immer wiederholenden Lebenskarussell, das sich durch Glück, Schmerz, Leichtsinn, Erfolg und Scheitern dreht. »Effingers« ist ein typisch deutsches Bürgerschicksal in Berlin, wie es das der »Buddenbrooks« in Lübeck war.
Als der Nationalsozialismus sich breitmacht, wird das deutsche Schicksal zu einem jüdischen. Wer wachsam ist, wandert aus.
Die Geschichte der Familie Effinger beginnt mit einem Brief des 17-jährigen Lehrlings Paul Effinger, und sie endet mit einem Brief: dem Abschiedsbrief des nunmehr 80-Jährigen kurz vor seiner Deportation in die Vernichtungslager.

Das sind meine Empfehlungen zum Indiebookday 2019. Habt ihr auch Lieblingsbücher aus unabhängigen Verlagen? Was empfehlt ihr?

Victor Pouchet – Warum die Vögel sterben

Also dieser Victor Pouchet erlaubt sich etwas. Er will in seinem Debüt erklären Warum die Vögel sterben – und bleibt am Ende doch alle Antworten schuldig. Ein Erstling, der mit Erwartungshaltungen bricht (übersetzt von Yvonne Eglinger).


Der Inhalt von Pouchets Buch wird eigentlich schon auf den ersten Seiten recht konkret umrissen. In der Normandie hat es mehrfach tote Vögel vom Himmel geregnet. So sind auch in Bonsecours, der Heimat des Ich-Erzählers, zahllose Vögel vom Himmel gestürzt. Diese Ereignisse beunruhigen den Erzähler so sehr, dass er beschließt, in die Heimat aufzubrechen. Für seine Reise wählt er ein etwas anachronistisches Fortbewegungsmittel. Mit einem Schiff geht es die von Paris aus die Seine hinunter. Mit an Bord des Schiffs sind auch andere, deutlich ältere Passagier*innen, die ebenfalls zur Flusskreuzfahrt angetreten sind. Auf der Reise mehren sich bedrohliche Vorzeichen – sind die toten Vögel etwa Vorboten eines ganz anderen Ereignisses?

In der Konstruktion orientiert sich Victor Pouchet tatsächlich an einem Fluss. Sein Erzählfluss mäandert mindestens ebenso wie die Seine im Gebiet der Normandie. So steht im Hintergrund der mysteriöse Tod der Vögel, doch diese Frage beschäftigt den Ich-Erzähler nicht immer. So verliert er sich in Gesprächen an Bord, geht eine kleine amouröse Bekanntschaft ein, forscht über viele Seiten hinweg in einer Bibliothek. Dort stößt er nämlich auf die Spur Félix Archimède Pouchets, einem Forscher des 19. Jahrhunderts, der den Nachnamen mit dem Ich-Erzähler teilt.

Hier zeigt sich auch exemplarisch, welches Spiel Victor Pouchet mit dem Leser treibt, den er gerne rätseln lässt. In welchem Verhältnis steht der Autor zu dem Ich-Erzähler mit dem Nachnamen Pouchet? Warum tritt nun just der Tod der Vögel auf? Wo liegen die Verbindungen? Gibt es überhaupt welche?

Viele bleibt in Warum die Vögel sterben im Ungefähren. Warum der Erzähler beispielsweise just per Schiff in die Region reisen will? Es wird nie ganz offenbar. Vieles wird angedeutet, nicht zu Ende erzählt. Auch wenn das formidable Cover den Eindruck nahelegt, dass Pouchet in die Richtung Nature Writing abbiegt – genau das tut er nicht. So wenig wie eine konkrete Handlung des Buchs über die nicht einmal 200 Seiten des Romans ersichtlich wird. Eher schauen wir einem Slacker dabei zu, wie er sich, seiner Familie und dem Geheimnis der Vögel annähert. Ob ihm das gelingt, das muss wohl jede Leserin und jeder Leser für sich entscheiden. Eher ein ruhiger Roman, der so einige in die Irre führen wird.


Kenah Cusanit – Babel

Zäh wie Sand

Besucht man berühmte Ausgrabungsstätten oder archäologische Fundstellen, so ist der Eindruck meist ernüchternd. Da bröckeln einige Bögen vor sich hin, im besten Falle sind noch ein paar Portale, Friese oder Häuser erhalten. Vom Glanz der damaligen Zeit zeugt kaum mehr etwas. Um sich Glanz und Gloria der damaligen Bauten vorzustellen, bedarf es einer elementaren Zutat: Fantasie. Ohne dieser Fantasie im Kopf des Zusehers bleibt der Steinhaufen doch nur ein Steinhaufen. Es braucht das Kopfkino, um sich aus der Realität hinein in eine Welt zu imaginieren, als diese Steinhaufen ganze Städte waren, die bewohnt und deren Kulturen wegweisend für künftige Entwicklungen waren. Ohne die Fantasie wären die Ruinen und Fundamente doch nur Ansammlungen von verwitterter Bausubstanz.

Ein Medium, das sich wie kein zweites eignet, wenn es darum geht, die Fantasie zu wecken und Kopfkino auszulösen, ist die Literatur. Die unbelebte Bausubstanz der Bücher, nämlich die Buchstaben, formen sich unter den Augen des Lesers zu Wörtern, Sätzen und im besten Falle zu mächtigen Bilderwelten. Und wenn sich dann die Literatur auch noch daran macht, eine vergangene Epoche mittels einer beschriebenen Ausgrabung aus dem Schlick der Vergangenheit freizulegen – was könnte da schon schiefgehen? So einiges, wie Kenah Cusanits Debüt Babel zeigt.

Koldewey in Babylon

Robert Koldewey (1855-1925) bei der Arbeit

So steht im Zentrum ihres Romans der Archäologe Robert Koldewey, einer der Begründer der archäologischen Bauforschung. Er ist im Zweistromland unterwegs, um im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft die Fundamente Babylons freilegen. Funde wie etwa das Ischtar-Tor haben im fernen Berlin für Aufmerksamkeit gesorgt – und so soll Koldewey nun den Beweis antreten: hat es den legendären Turm von Babel etwa gegeben? Mit seinen Mitarbeitern und Hilfsarbeitern macht er sich an die Ausgrabungen, die immer wieder durchkreuzt werden. Schließlich schreiben wir auch das Jahr 1913 und Europa steht kurz vor einer alles entscheidenden Zäsur.

Eigentlich ein hochspannendes Thema, das in der Bearbeitung von Kenah Cusanit allerdings zu Sand gerät, so zäh wie der, den Koldewey und Konsorten immer wieder durchwühlen. Selten las ich zuletzt ein Buch mit solcher Kürze (260 Seiten), durch das ich mich derart lange quälen musste.

Das liegt zum großen Teil daran, dass Kenah Cusanit ein Sachbuch mit einem Roman verwechselt. Die Autorin selbst ist Altorientalistin, was man auch diesem Buch in fast jeder Passage anmerkt. Es ist übervoll mit Fakten und Daten, was den Lesefluss ungemein hemmt. Länge von Mauern, Tiefe von Grabungsschächten, Sandschichten, Briefwechsel – am Ende von Babel könnte man selbst die ganze Ausgrabungsstelle wieder rekonstruieren.

So finden sich andauernd Stellen wie diese im gesamten Text:

Um den gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes nachvollziehen zu können, mussten sie mehrer Tunnel in die seitlich noch stehenden Erdschichten graben, wenn sie diese nicht noch einmal 21 Meter abtragen wollten. Dennoch war noch immer nicht geklärt, ob dieser Fußboden der älteste war oder ob sich darunter ein noch älterer befand. Grund genug, an einer Stelle den gut erhaltenen Boden Nebukadnezars, zumindest was den Fußboden betraf, eine Matroschka war. Fünf weitere Fußböden lagen darunter, alle mit Kalk weiß verputzt und säuberlich getrennt durch eine Schicht aus Sand und Lehm, der zweite Fußboden war ebenso von Nebukadnezar, der dritte Boden wies Stempel des assyrischen Herrschers Assurbanipal und seines Vaters Asarhaddon auf, vielleicht hatte der Sohn die Ziegel des Vaters wiederverwendet, dessen Stempel der vierte Boden trug; der fünfte war sehr zerstört, vermutlich durch Asarhaddons Vater Sanherib, infolge seines legendären Wutanfalls, als er die Stadt bis auf die Fundamente einebnen und den Turm in den Euphrat werfen ließ, die Ziegel des sechsten Bodens trugen keinerlei Inhabervermerke, sie waren die äußerste oder innerste Schicht der Matroschka, errichtet, als man noch nicht vorhatte, eine Matroschka daraus zu machen.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190

Abgesehen von den sprachlichen Schlampereien (gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes? Viermal „noch“ plus ein „Dennoch“ in zwei Sätzen? ): wer möchte das wissen? Für ein Sachbuch mögen diese Informationen relevant sein, für einen erzählenden Text ist eine derartige Überfülle an für den Text nicht relevanten Daten schlicht ärgerlich. Alles wird ausdekliniert, bis ins letzte benannt, wie ein Klassenstreber, der in der Abfrage wirklich einmal zeigen möchte, wie akkurat er alles auswendig gelernt hat.

Faktenhuberei, schiefe Bilder – und eine Ente

Dass dieses System Methode hat, zeigt sich, wenn man nur ein oder zwei Sätze (die gerne einmal die halbe Seite überwuchern) weiterblickt.

Als sie den obersten Boden abgefegt hatten, war es nicht mehr zu vermeiden gewesen, auch den kleinsten Funden zu begegnen, auf diese zu achten, sie aufzulesen und jemanden damit zu beauftragen, sie zu säubern und in den Fundkatalog einzutragen. Aber nicht Buddensieg, denn Buddensieg war noch nicht auf der Grabung gewesen, sondern noch an der Technischen Hochschule im sächsischen Dresden eingeschrieben, wo er aber lieber mit Wetzel seine Zeit in einem Gesangsverein namens Erato verbrachte, der wie alle akademischen Chöre offenbar nur gegründet worden war, weil man als Schüler nie verkraftet hatte, bei den Thomanern in Leipzig nicht aufgenommen worden zu sein und nun für eine Aufnahme definitiv zu alt war. Im Chor zu singen, hatte Buddensieg erstaunlicherweise nicht dabei geholfen, seinen sächsischen Dialekt zu überwinden, mit dem er insbesondere Reuther raumgreifend auf die Nerven ging. Unmittelbar auf dem obersten Fußboden und von Buddensiegs Vorgänger zu inventarisieren, hatte ein goldener Ohrring gelegen, ein Knauf aus Silberblech, ein Rosenornament aus Stein, Onyxperlen, gravierte Muscheln und eine 1,5 Kilogramm schwere Ente aus Stein mit zurückgelegtem Kopf. Solche Enten waren als Gewicht in Gebrauch geween, die bisher schwerste jemals im Alten Orient gefundende Ente wog etwa 73 Kilogramm.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190 f

Das ist natürlich eine höchst relevante Information, da möchte man natürlich gleich noch mehr wissen. Warum wog die Ente 73 Kilogramm? Wer hat sie gefertigt? Warum ist die Ente im Tempel nur 1,5 Kilogramm schwer? Gab es noch andere Tiere, die als Gewichte dienten? Aber keine Sorge, Kenah Cusanit liefert natürlich schon mit dem nächsten Satz.

In Assyrien waren Gewichte in Form von Löwen beliebt. In Babylonien und seiner Hauptstadt, der Stadt der Drachen und Löwen und Stiere, waren Gewichte in Form von Entenden beliebt. Die Löwen hatten hier eine andere Aufgabe. Sie schritten mit aufgerissenem Maul und bösem Blick demjenigen entgegen, der sich auf dem Teil der Prozessionsstraße dem Ischtartor näherte, der sich außerhalb der Stadt befand. 120 lebensgroße Löwenreliefs befanden sich auf den 180 Meter langen, hoch aufragenden Mauern nur dieses äußeren Teils der Prozessionsstraße, dessen abschrenkende Funktion sich auch in seinem Namen „Aiburschabu“ ausdrückte: „Nicht habe Bestand der heimliche Feind.“

Kenah Cusanit, S. 191

Sprachlich schluderig bis ärgerlich

Kenah Cusanit – Babel

Da bleiben wirklich keine Fragen offen. Hier erfahren Sie, was sie schon immer über die Welten des Alten Orients wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Mir bleibt da nur eine Frage: wo war das Lektorat? Gab es eines bei diesem Buch? Trockenes Dozieren, unnötige Abschweifungen, redundante Passagen. Und dann auch noch diese schiefen Sprachbilder und verunglückten Metaphern. Der ganze Text ist übervoll damit, nicht nur in den obigen Auszügen (Barrieren und sich selbst kann man natürlich überwinden, aber auch Dialekte? Legt man diese nicht eher ab? Was habe ich mir unter „raumgreifend auf die Nerven gehen“ vorzustellen?. Immer wieder finden sich Sprachbilder, die stutzig machen. Ein „gedankliches Stöhnen“, das ihm fast die Lippen passierte (S.12), ein „visueller Sinn“, der sich distanzieren muss, um wahrzunehmen (S. 41), all das ist doch zu sehr gewollt und zu wenig gekonnt. Der korrektere Titel des Buches wäre in meinen Augen wirklich Babbel gewesen.

Ich kann es mir nur damit erkläre, dass das Thema des Turms zu Babel mit der damit einhergehenden babylonischen Sprachverwirrung auch auf Kenah Cusanit und das Lektorat übergegriffen haben muss. Anders sind diese sprachlichen Kapriziosen nicht zu erklären.

Ein Buch wie eine schlechte Stadtführung

Es geht mit bei diesem Buch wie mit einem schlechten Reiseführer: die ganze Faktenhuberei, das Protzen mit angelesenem und studierten Wissen, all das sorgt für eine Überforderung, die den Blick auf das Ganze nur verstellt. Statt ein Gefühl für die damalige Zeit und das Leben zu wecken, vermag dieser Text nur trocken zu dozieren und niemals so etwas wie Empathie oder gar Kopfkino zu entfesseln.

Ein ödes Buch, zäh wie Sand und wirklich nur für Interessierte an der Archäologie des Vorderen Orients von Belang. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse kann ich selbst nicht nachvollziehen. Auch bei den preisenden Worte von Denis Scheck, das Buch sei allen deutschsprachigen Neuerscheinungen turmhoch überlegen, muss ich mich auch fragen, ob Herrn Scheck das gleiche Buch wie mir vorlag.

Stattdessen möchte ich an dieser Stelle lieber noch eine Empfehlung für ein wirklich interessantes und gut geschriebenes Sachbuch aussprechen. Es wäre ja schade, hier nur zu kritisieren, ohne noch eine Alternative aufzuzeigen.

In Die seltsamten Orte der Antike entführte Martin Zimmermann an ganz besondere historische Orte. Der Professor für Alte Geschichte an der LMU München bereist dabei sagenumwobene Orte wie etwa den Hängenden Gärten von Babylon oder dem Ort Etemenanki( besser bekannt als jener Turm von Babel).

Er erzählt von besonderen Stätten, Bräuchen und Bauten – fernab von Schulbuchwissen und Bildungsprotzerei wie Kenah Cusanit. Die bessere Wahl, wie ich finde.

William Boyd – Blinde Liebe

William Boyd ist wieder da. Zuletzt schilderte er in Die Fotografin die Lebensgeschichte der fiktiven Fotografin Amory Clay. Nun hat er den Verlag gewechselt und ist anstelle des Berlin-Verlags im Kampa-Verlag heimisch geworden. Ein kleiner Coup, der Daniel Kampa und seinem Team da gelungen ist.

Inhaltlich bleibt sich William Boyd treu und stellt erneut ein ganzes Menschenleben in den Mittelpunkt. Diesmal heißt sein Protagonist Brodie Moncur, den man von den Jugendjahren bis zur Bahre begleitet. Er übt den Beruf des Klavierstimmers aus. Zwar sieht Brodie nicht besonders gut, umso schärfer ist aber sein Gehör, das sogar absolut ist. Kleinste Abweichungen von der Norm erfasst er intuitiv – was ihn natürlich zum perfekten Klavierstimmer macht.

Er zeigt in seinem Beruf großes Geschick und wird in der Folge aus seiner schottischen Heimat nach Paris entsandt. Dort soll der der lokalen Filiale eines Klavierherstellers unter die Arme greifen. Doch alles kommt natürlich anders als geplant – und so findet sich Brodie bald im Gefolge des Klaviervirtuosen John Barron wieder. Für diesen soll er seine Flügel vor den Auftritten stimmen und kalibrieren und so die Bühne für das Brillieren des Meisters bereiten.

Schnell wird Brodie zum unersetzlichen Adlatus des ebenso genialen wie menschlich schwierigen Pianisten. Die größte Anziehung übt auf ihn allerdings nicht Killbarron selbst, sondern dessen Lebensgefährtin Lika aus. Diese ist eine russische Sopranistin, der Brodie schon bald verfällt. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die sich als verhängnisvoll erweist.

Ein guter Unterhaltungsroman – und sonst so?

Chronologisch erzählt William Boyd in Blinde Liebe die Geschichte seines Helden Brodie Moncur. Boyd ist natürlich ein erfahrener Erzähler, der weiß, wie er seine erzählerischen Bögen gestalten und ausschmücken muss. Man liest die über 500 Seiten starke Biografie Brodie Moncurs und wird gut unterhalten – mehr aber auch nicht. Denn für alles andere ist der Roman zu konventionell gehalten.

Der neue Titel von William Boyd fällt für mich in die Kategorie Flutschbuch. Es ist flüssig zu lesen, unterhält – aber von der Lektüre bleibt bei mir nicht viel zurück. Denn die Widerhaken in Boyds Geschichte fehlen. Jene Widerhaken wie interessante Persönlichkeiten, besondere ausgestaltete Konflikte oder eine große Tiefe – sie gehen der etwas bräsig gestalteten Geschichte leider ab.

Man muss konstatieren, dass Blinde Liebe ein Porträt ist, das mit grobem Pinsel gemalt ist. Für William Boyd steht die Unterhaltung im Vordergrund, was absolut legitim ist. Dadurch fehlt aber eben jene Metaebene, die meiner Meinung nach Literatur zu großer Literatur macht. Dieses Fehlen macht sich aber nicht nur in diesem Buch bemerkbar, generell ist das charakteristisch für das literarische Oeuvre Boyds.

William Boyd ist für mich ein geschickter Grenzgänger der Lager E und U. Auf dieser Grenze zu wandeln ist eine Kunst für sich, die Boyd sehr gut beherrscht. In meinen Augen bedeutet das nur leider zumeist, dass der Handlung vor der Ausgestaltung der Figuren der Vorzug gegeben wird. So bleibt Brodie Moncur trotz totaler Fokussierung etwas blass und wird in meinem Fall nach ein paar Dutzend Büchern später auch so blass in eminen Erinnerungen zurückbleiben.

Für mich hätte es nur schon noch etwas mehr an Nuancen, Zwischentönen und vielschichtigeren Charakteren sein dürfen. Wer von Büchern dafür eher einen ausschweifenden Handlungsbogen mit viel Effet erwartet, der wird hier auf alle Fälle glücklich.

Blinde Liebe ist ein gut gemachter Unterhaltungsroman. Nicht mehr, und nicht weniger.

Emanuel Maeß – Gelenke des Lichts

Wann hält man schon ein Buch in Händen, das ebenso leichtfüßig Friedrich Rückert wie den Flippers-Hit Lotosblume zitiert? Doch auch in anderer Hinsicht ist Emanuel Maeß‚ Debüt Gelenke des Lichts mehr als bemerkenswert.


In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es im Moment ein omnipräsentes Thema: die Aufarbeitung der (eigenen) Jugend. Wolfgang Herrndorf machte mit Erfolg vor, wie sich die Phase der Jugend in erfolgreiche Literatur verwandeln lässt. Zahlreiche Autor*innen folgten und bescherten dieser Textgattung eine große Blüte. Namen wie André Kubiczek, Christoph Hein, Bodo Kirchhoff, Julia Schoch oder Alexa Hennig von Lange wären hier zu nennen. Sie alle befassten sich in ihren letzten Werken mit der Jugend und teils autobiographischen Erinnerungen.

Ein überaus beliebtes Thema also, das sich jetzt auch Emanuel Maeß für sein Debüt ausgesucht hat. Dabei stellt sich natürlich die Fage – hat der Debütant etwas Neues oder noch nicht Dagewesenes zum Thema beizutragen? Und hier muss ich auf alle Fälle ein deutliches Ja äußern. Denn Emanuel Maeß gewinnt dem Thema der Jugend sowohl in inhaltlicher als auch in sprachlicher Hinsicht bemerkenswerte Facetten ab.

Eine Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang, ein Studium im Westen

Dies beginnt damit, das Maeß seinen Bogen weiterspannt, als nur ein kurzes, wegweisendes Kapitel einer Adoleszenz zu schildern. Von Erinnerungen an frühe Badeurlaube an der Ostsee bis hin zum Studium an der englischen Universität Cambridge reicht der Erzählbogen, den Maeß aufbaut. Dabei lässt er seinen Protagonisten entlang der prägenden deutschen Wegscheide 89/90 aufwachsen. Die Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang wird mit der Studienzeit in Heidelberg und Cambridge kontrastiert.

Emanue Maeß - Gelenke des Lichts (Wallstein)

Dabei kommt es im Laufe der knapp gehaltenen Erzählung (254 Seiten) zu bemerkenswerten Registerwechsel. So beschreibt Maeß die Kindheit im ostdeutschen Pfarrersheim kurz hinter der Mauer manchmal geradezu bukolisch und in der Romantik-Tradition eines Eichendorff. Maeß schildert eine autarke dörfliche Welt, die vom Weltgeschehen nahezu nicht tangiert wird. Die Uhren gehen hier sprichwörtlich anders, bestes Symbol hierfür ist die Kirchturmuhr, die noch per Hand aufgezogen wird. Sogar die Bildwelten eines Uwe Tellkamp liegen hier manchmal in greifbarer Nähe.

Als die Jugend dann in das Studium mündet, wandelt sich auch die Erzählung hin zu einem Campusroman. Die präzise Milieuschilderung der studentischen Welten und des Lebens auf dem Campus erinnern stark an Jonas Lüschers Kraft. Auch bei Maeß wird ein Mann zwischen studentischer Lehre und der Welt da draußen entzweigerissen. Doch eine allesverbindene Klammer gibt es, die alle Registerwechsel einhegt und moderiert. Das ist die Liebe zu Ihr – Angelika Schmidbauer. Verliebt sich der Protagonist im Badeurlaub und entbrennt in kindlicher Begeisterung, so trifft er die junge Frau immer wieder an entscheidenen Wegscheiden seines Lebens (man könnte diese Aufeinandertreffen im Sinne des Romans auch als Gelenkpunkte bezeichnen).

Die Liebe und die Sehnsucht zu ihr, die der Protagonist immer als „Du“ im Buch adressiert. Sie ist Leitstern, ob als Studentin oder als Tanzpartnerin beim Abschlussball, bei dem man sich zu den Flippers in den Armen liegt.

Dass ich Maeß diese Kindheitsepisoden, den Campusroman, das Wissenschaftliche und das Romantische, die Zerrissenheit zwischen den Gattungen und Zeiten so unkritisch abnahm, das hat auch einen weiteren Grund. Dieser ist in meinen Augen das wirklich Herausragende.

Die Sprachmacht des Emanuel Maeß

Denn bis hierhin könnte man ja einwenden – Campusroman, Kindheit in der DDR, alles schon dagewesen, die oben erwähnten Autor*innen haben diese Felder mit teils beachtlichen Resultaten ja bereits beackert. Was ist nun das Einzigartige, das diesen Roman von den anderen unterscheidet? Das ist auf alle Fälle die Sprache beziehungsweise die Sprachmacht, mit der Emanuel Maeß seine Geschichte erzählt und zusammenbindet.

Viel zu oft klingen Geschichten austauschbar. Autor*innen mit eigenem, unverkennbaren Sound gibt es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum. Es herrscht eine Art Konsenssprache, mit der viel zu viele Geschichten erzählt werden. Einen eigenen Sound für die jeweilige Erzählung zu finden, diese Mühe machen sich viel zu wenig Schreibende. Auf Anhieb fiele mit da höchstens noch Feridun Zaimoglu und vielleicht Ursula Krechel ein (wem andere Beispiele in den Sinn kommen – in der Kommentarspalte freue ich mich über Ergänzungen).

Wie Sprache einen Roman bereichern kann, aus einer Erzählung etwas besonders machen kann – das lässt sich bei Gelenke des Lichts gut beobachten. Zunächst ist der Umfang von Maeß Vokabular äußerst beeindruckend. Vom hochwissenschaftlichen Studiumsinhalt bis zur DDR-Jugend – seine Sprache besticht durch eine hohe Originalität und Benennungsstärke. Er findet eingängige Formulierungen, wagt den ein oder anderen Schachtelsatz und entwickelt einen Sprachsog, der eine große Faszination ausübt. Nicht umsonst verliert sich der Protagonist in Wagners brausenden Musikwelten – was Maeß auf sprachlicher Ebene in ein ebensolches Brausen überführt. Da darf es dann auch schon einmal blauen oder glocken.

Zum anderen ist seine Prosa auch unglaublich dicht. Gelenke des Lichts ist voller Anspielungen und überführt die Herkunft des Protagonisten aus dem ostdeutschen Pfarrhaushalt in eine geistige und vergeistigte Prosa im besten Sinne. Besonders die Mahler’sche Vertonung von Rückerts Ich bin der Welt abhanden gekommen wird zu einer Art Leitmotiv mit vielgestaltigen Interpretationsmöglichkeit. Dass Maeß bei allen sprachlichen Überschlägen auch die ein oder andere Sprachgirlande zu viel webt, das sei dem Debütanten verziehen. Wann legen Newcomer schon einmal mit einem derart sprachlichen Verve los? Davon wünsche ich mir in der deutschen Gegenwartsliteratur wieder mehr. Und nicht zuletzt ist das Ganze auch oftmals wirklich witzig. Ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur.

Ein Roman mit Wiederlese-Faktor

Zudem spreche ich für dieses Buch ein weiteres, höchst subjektives Lob aus: denn Gelenke des Lichts ist so dicht geschrieben, dass eine zweite Lektüre unbedingt anempfohlen ist. Oftmals bin ich froh, wenn ich ein Buch gelesen habe und die Geschichte hinter mir liegt. Hier würde ich keine Sekunde zögern, und mich wieder in die Maeß’schen Bildwelten zu versenken. Ein Buch mit höchster Wiederlesefreude. Nicht nur, aber auch deswegen mehr als gerne empfohlen.