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Idra Novey – Wie man aus dieser Welt verschwindet

Am 4. Dezember 1926 erhielt die Sekretärin der Autorin Agatha Christie einen Brief. Darin teilte sie mit, dass sie zur Kur nach Yorkshire fahren wolle. Zuvor gab es schon massive Probleme in der Beziehung von Agatha Christie und ihrem Mann. Dieser pflegte Affären und hatte sie über Monate hinweg mit seiner Golfpartnerin betrogen. Als dies aufflog, trat Christie die Flucht an.

Doch in dem Hotel, das sie in ihrem Schreiben angegeben hatte, kam die britische Starautorin nie an. Man fand an jenem 4. Dezember das Auto von Christie am Rande eines Sees, in dem sie in einem ihrer Bücher schon eine Figur umkommen ließ. Auf der Rückbank des Autos befanden sich der Mantel der Autorin, ihr Führerschein sowie ein Koffer. Was war mit Agatha Christie geschehen?

War sie einem Mord zum Opfer gefallen? Hatte Agatha Christie eventuell Suizid begangen? Oder war war alles nur inszeniert, um von dem Gerede über die Beziehung von Christie und ihrem Gatten abzulenken?

Eine großangelegte Suche nach der Autorin setzte ein, in der sogar der Innenminister Stellung bezog. Auch ihre Schriftstellerkollege Arthur Conan Doyle stürzte sich mit Begeisterung in die Suche nach seiner Kollegin. Als leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus befragte er auch ein Medium und erhielt die Botschaft, dass Christie noch am Leben sei.

Schlagzeile über Christies Verschwinden

Tatsächlich fand man die Autorin elf Tage nach dem Eintreffen des Briefs wohlbehalten in einem Hotel in Harrogate. Dort tanzte Agatha Christie Charleston und gab an, sie sei eine Touristin aus Südafrika. Sie blieb auch nach ihrer Enttarnung bei dieser Version. Sie behauptete, an Amnesie zu leiden und nicht zu wissen, was in den entscheidenden elf Tagen passiert sei. Auch in ihrer Autobiographie sparte sie jene elf Tage aus. Bis heute ist nicht ganz geklärt, wie sich der Ablauf des Verschwindens der Autorin ganz genau gestaltete.

Zum Nachteil sollte dieser Trubel der Autorin nicht gereichen. Schließlich sorgte die Episode für einen großen Popularitätsschub und kurbelte die Verkaufszahlen der Bücher von Agatha Christie ordentlich an. Nun war die Schöpferin von Hercule Poirot und Miss Marple zu einer Ikone geworden. Schließlich hätte auch das turbulente Privatleben und diese Episode Teil eines ihrer Kriminalromane sein können …

Eine Autorin verschwindet

An diese Geschichte musste ich denken, als ich Wie man aus dieser Welt verschwindet von Idra Novey (Übersetzung von Barbara Christ) las. Dieser Plot: eine erfolgreiche brasilianische Schriftstellerin verschwindet. Zuvor war sie in einen Baum geklettert, doch dann verlieren sich die Spuren. Niemand kann sich das Verschwinden so recht erklären. Kinder, Verlag, Übersetzerin, sie alle sind ratlos. Die Öffentlichkeit verfolgt begierig die Suche und die Bücher der Autorin erfahren eine ganz neue Nachfrage.

Idra Novey - Wie man aus dieser Welt verschwindet (Cover)

Bis auf die Baum-Episode könnte man in der Erzählung den Namen von Noveys Autorin Beatriz Yagoda und den von Agatha Christie austauschen, die Geschichte würde immer noch funktionieren. Doch wohin hat es Beatriz Yagoda verschlagen? Wie achtzig Jahre zuvor bei Agatha Christie herrscht hier auch zunächst Unsicherheit. Ist die Autorin freiwillig verschwunden, oder ist sie das Opfer eines Verbrechens geworden? Wo liegt das Motiv hinter dem Verschwinden?

In die Suche nach der Autorin und ihrem Motiv bindet Idra Novey vier Charaktere ein, die alle in Beziehung zu der brasilianischen Autorin stehen. Da sind zum einen ihre beiden Kinder, dann ihr Verleger sowie ihre amerikanische Übersetzerin. Diese gehen alle auf ihre eigene Art und Weise den Spuren nach.

In der Konstruktion zeigt sich auch schon die Eigenheit von Idra Noveys Roman. So springt die Autorin immer wieder von Figur zu Figur, gönnt sich für die Erzählung selbst aber nur 266 Seiten. Der geneigte Leser ahnt es schon: hier wirds hektisch, es wird viel angerissen und hingetupft. Ein wirklich erzählerischer Fluss mit ein oder mehreren starken Figur, die sich im Gedächtnis verankern, der entsteht leider durch die erzählerische Knappheit der Anlage nur im Ansatz.

Eine Dichterin schreibt einen Roman

Idra Novey hat sich mit Gedichten und Kurzprosa einen Namen gemacht, so kündet es der Klappentext. Schon mehrere Gedichtbände sind von ihr erschienen, darunter The next country (2008) und Civilian (2011). Diese Verhaftung in der kurzen Form, das merkt man auch Wie man aus dieser Welt verschwindet sehr stark an. Selten reicht ein Kapitel über drei Seiten hinaus; ein immer wieder auftretendes Stilmittel sind Einwürfe. So tauchen E-Mails und Wörterbucheinträge auf, die den Text unterbrechen, so aber auch eine Struktur schaffen. Auch in der Sprache selbst ist viel Poesie und durchaus auch Stilwillen (der für meinen Geschmack manchmal etwas am Ziel vorbeischießt, dies aber nicht in dramatischem Umfang). Man merkt aber schon deutlich, dass Novey in der kurzen Form und Miniatur am stärksten ist.

Auch die Themenfindung des Buches kann man, insofern man das möchte, gut aus der Autobiographie der Autorin ableiten. So stammt Idra Novey zwar nicht aus Brasilien, das im Buch eine zentrale Rolle spielt, aber die in Pennsylvania geborene Autorin übersetzt aus dem Spanischen und Portugiesischen. Eine Portugiesisch-Übersetzerin aus Amerika zur Heldin des Buchs zu machen, das liegt also nahe.

Tatsächlich ist diese Übersetzerin auch der stärkste Charakter. In der pointillistischen Gesamtstruktur des Romans ist Emma Neufeld (so der Name der Übersetzerin) am ehesten das, was man einen Leitfaden nennen könnte. Dass die Übersetzerin mehr oder minder ebenfalls aus Amerika verschwindet, um die verschwundene Autorin zu suchen, das ist für mein Empfinden etwas dick aufgetragen. Aber nun gut, im Roman ist ja alles erlaubt, auch die Dopplung und Engführung der Motive.

Der Roman unterhält, unterfordert nicht, spielt in einem interessanten Umfeld – und dennoch fehlt mir eine Komponente, die aus dem Titel eine wirklich nachhaltige Erzählung gezaubert hätte: und das ist die Metaebene.

Etwas mehr Metaebene wäre schön

Eine Übersetzerin als Heldin, eine Schriftstellerin, deren Spuren gesucht werden. Dabei hätte ich mir Reflektionen zu dem Thema der Übertragung von Sprache und Texte in eine andere Sprache gewünscht. Was bedeutet Übersetzen? Wie wahrt man als Übersetzerin Distanz? Oder ist das am Ende eigentlich nur hinderlich? Kann man besser übersetzen, wenn man der Autorin selbst nachspürt? Was bedeutet überhaupt eine gelungene Übertragung des Textes?

Alles Fragen, die die Geschichte hätte beleuchten können – doch Idra Novey macht für mein Empfinden zu wenig aus diesem Potential. Die Übersetzungstätigkeit von Emma Neufeld ist nur der Aufhänger, die mit Fortschreiten des Buchs kaum eine Rolle mehr spielt.  Vielmehr ist die Suche nach Beatriz Yagoda das treibende Motiv, die Literatur spielt nur eine untergeordnete Rolle. 

Das macht das Buch nicht schlechter, im Gegenteil. Über weite Strecken halte ich Idra Noveys Prosadebüt für sehr gelungen. Nur hätte für mein Empfinden aus dieser Ausgangslage noch etwas deutlich Spannenderes auch auf der Metaebene erwachsen können. So ist Wie man aus dieser Welt verschwindet ein gut gemachter Unterhaltungsroman, der nach Brasilien entführt und bei einigen Leser*innen sicher den Wunsch weckt, ebenso einmal in Brasilien verloren zu gehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Leonard Pitts Jr. – Grant Park

Es war gestern nur eine Randmeldung im täglichen Strom der Nachrichten – aber sie passt erschreckend genau zu Leonard Pitts Jr. Roman Grant Park (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

In Chicago will ein afroamerikanischer Sicherheitsmann einen Räuber überwältigen. Die eintreffende Polizei sorgt jedoch nicht für die Verhaftung des Täters, sondern erschießt den Wachmann.

„Er hielt jemanden auf den Boden fest und drückte sein Knie und seine Waffen in seinen Rücken“, sagte eine Zeugin über die Szene vor Robersons Tod. Mehrere Barbesucher hätten zudem geschrien, dass es sich bei dem 26-Jährigen um den Sicherheitsmann des Lokals handele. Doch eine der Einsatzkräfte habe auf Roberson geschossen.

Aus der Nachrichtenmeldung auf der Seite Spiegel Online

Eine ganz ähnliche Nachricht ist es im Roman Grant Park, die beim Zeitungskolumnisten Malcolm Toussaint das Fass zum Überlaufen bringt.

Vor einer McDonalds-Filiale erschießt die Polizei einen Schwarzen. Und dies, obwohl er unbewaffnet ist und sich vorher auswies. Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den Afroamerikaner und feuern 52 Kugeln ab. 27 treffen das Opfer. Die Polizei behauptet, dass er etwas wie eine Pistole aus seiner Tasche gezogen hätte. Dabei beweisen Aufnahmen der Videokamera, dass der Mann nichts falsch gemacht hatte und in beiden Händen McDonalds-Tüten hielt.

Polizeigewalt gegen Schwarze

Diese Meldung klingt wie eine Blaupause hunderter anderer Meldungen, die täglich aus den USA zu uns herüberschwappen. Namen wie Rodney King, Trayvon Martin oder Philando Castile (dessen Erschießung durch die Polizei seine Freundin auf Video festhielt) sind nur weniger unter hunderten Fälle, die traurige Berühmtheit erlangt haben. Tatsächlich sind die Statistiken schwindelerregend, immer wieder gibt neue Schlagzeilen über Schlagzeilen. Und nichts bessert sich.

Malcolm Touissaint hält diese Missstände nicht mehr aus. Er ist des Alltagsrassismus, der latenten Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit müde. Voller Zorn macht er sich daran, eine Kolumne für seine Zeitung zu verfassen, die mit diesen Zuständen abrechnet. Nachdem sie von seinen Vorgesetzten abgelehnt wurde, schmuggelt er sie trotzdem ins Heft und löst einen Sturm der Entrüstung aus.

Doch von dieser Empörung bekommt Malcolm selbst nichts mit. Denn nachdem er seinen Arbeitsplatz bei der Zeitung geräumt hat, wird er Minuten später von zwei Rassisten entführt. Diese hegen einen größenwahnsinnigen Plan, für die Toussaint ihre Gallionsfigur werden soll.

Denn wir schreiben den 4. November 2008 und in wenigen Stunden wird im Grant Park der Sieger der Präsidentschaftswahl vor die Menschen treten. Wie es aussieht, wird dies mit Barack Obama der erste schwarze Präsident der USA sein. Ein Umstand, den einige Menschen kaum ertragen und deshalb ein Attentat auf den künftigen Präsidenten planen …

Von 1968 ins Jahr 2008

Leonard Pitts jr. hat mit Grant Park das Buch der Stunde geschrieben (was ja auch die eingangs zitierte Schlagzeile beweist). Wobei das Traurige ist, dass es eigentlich nicht das Buch der Stunde oder  des Jahres ist. Vielmehr ist der Roman ein Buch der Jahrzehnte. Denn der mannigfaltige Rassismus, von dem Pitts wirklich schlau, phasenweise gar brillant erzählt, er ist in die DNA der Vereinigten Staaten eingeschrieben. Manifest wird dies im zweiten Erzählstrang, der zusammen mit der an einem Tag erzählten Rahmenhandlung 2008 die große Klammer bildet. Und dieser Erzählstrang führt genau vierzig Jahre zurück, ins ebenso turbulente wie wegweisende Jahr 1968.

Nachgestellte Szene des Streiks der Müllarbeiter (Adam Jones, Ph.D. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22197461

Damals begann alles in Memphis mit einem Streik der Müllarbeiter, die unter dem Schlagwort I am a Man eine faire Bezahlung einforderten. Unterstützung erhielten sie vom Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King, der den Streik unterstütze. In der Folge kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden. Zusammenstöße, in die unabhängig voneinander auch der junge Malcolm Toussaint und sein späterer Vorgesetzter Bob Carson verwickelt wurden. Trauriger Höhepunkt war damals das Attentat auf Martin Luther King, der am 4. April 1968 dann von einem Attentäter erschossen wurde.

Ein prägendes Erlebnis für beide Figuren, das Pitts Jr. mit viel Empathie zu schildern vermag. Fortan kämpfen Toussaint und Carson mit ihren Mitteln und merken auch bald, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Als idealistische Tiger gestartet, landen sie als Bettvorleger der eigenen Wünsche. Resignation und Frust schleichen sich ein, als sie erkennen müssen, dass ihre Kämpfe für Black Power und Gerechtigkeit kaum etwas gebracht haben. Mehr oder minder vergeblich die Kämpfe, die sie für die Durchsetzung ihrer Ideale ausfochten.

Und während Bob Carson diese Ideale aus der Vergangenheit mehr und mehr vergisst und verdrängt, so wächst bei Malcolm die Wut (auch über sich selbst), die sich dann 40 Jahre später in seiner explosiven Kolumne entlädt.

War es tatsächlich vierzig Jahre her, dass sie mit in die Luft gestreckter Faust „Power to the people“ skandiert hatten?

Und „Give peace a chance“?

Und „Revolution“?

Vierzig Jahre. Und was war aus ihnen geworden? Was war aus ihm geworden? Er war alt und müde und fuhr in einem Angeberauto von einem Angeberhaus weg und zahlte in einen Pensionsfonds ein. Sie waren so begeistert von sich gewesen, von ihrer Macht, die Welt zu verändern.

Pitts jr., Leonard: Grant Park, S. 22

Der Rassismus als nicht endendes Problem

In Grant Park kann man die Verbitterung von Malcolm Toussaint über die gesellschaftlichen Zustände wirklich nacherleben und plastisch erfahren. All diese Kämpfe für Gleichberechtigung, für faire Bezahlung, für Respekt in der Gesellschaft – und Jahrzehnte später hat sich nichts geändert. Mitbürger beschimpfen Toussaint gerne als Nigger, die Polizei erschießt dutzendfach Schwarze und viele Mitbürger sehen in Obama ein willkommene Tünche, um die kilometertiefen gesellschaftlichen Verwerfungen zwischen Schwarz und Weiß einfach zu übermalen.

By Shepard Fairey – Self-made, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=32592376

Tatsächlich deckt sich dieses negative Bild über Gleichberechtigung und Rassismus ja mit der Realität, wenn die Probleme nicht schlimmer geworden sind. Grant Park erschien im Jahr 2016, nun jährt sich heuer der Streik der Müllarbeiter in Memphis zum 50. Mal. Hat sich seitdem etwas zum Besseren gewandelt? In meinen Augen kaum.

Versprach Barack Obama seinem Wähler und dem ganzen Land durch seine Kampagne Hope, also Hoffnung, so scheint diese im Jahr 2018 vollkommen verflogen. Trump als Nachfolger von Obama gibt den Spalter, die Ausgrenzung von Flüchtlingen, Minderheiten und Religionen hat meinem Empfinden nach stark zugenommen. Und ein Kämpfer vom Schlage eines Martin Luther King ist landauf landab nicht in Sicht. Dabei wären dies nötiger denn je. Aber der Rassismus, er lässt sich nicht überwinden, vor allem dann, wenn dieser von oberster Stelle eher toleriert denn bekämpft wird.

Dieses Aufzeigen der Vergeblichkeit der Proteste, das Legen des Fingers in die schwärende Wunde des Rassismus, vor dem niemand von uns gefeit ist – das zeigt Grant Park auf meisterhafte Art und Weise, gerade indem es den Bogen über die 40 Jahre hinweg spannt.

Glaubhafte und widersprüchliche Figuren

Doch was nützt alle Ambition des Plots, alle Anliegen, die ein Text vertritt, wenn sein Gerüst in Form der Protagonisten wackelig gebaut ist? In meinen Augen nichts. Umso schöner, dass Grant Park auch in dieser Hinsicht eine wirkliche Bank ist.

Hier werden wirklich plausible und glaubwürdige Menschen gezeichnet. Plausibel, da abgründig und widersprüchlich, wie wir Menschen nun einmal sind. Das Paradebeispiel hierbei ist für mich einer der beiden Entführer von Malcolm Toussaint. Sondert er in Stanzen die unglaublichsten rassistischen Beleidigungen und Verschwörungstheorien aus, die ihm sein Kompagnon einflüstert, so ist er zugleich ein glühender Verehrer von Michael Jordan. Die Widersprüchlichkeit von Denken und Handeln und dieser Verehrung fällt ihm selbst dabei gar nicht auf.

Auch die „Guten“ in diesem Buch haben ihre wohltuenden Schattenseiten. Mal sind sie über die Jahre ermüdet und haben den Kampf gegen den Rassismus aufgegeben, mal erkennen sie die eigenen blinden Flecken in ihrem Tun nicht. Hier gibt es kein Schwarz und Weiß, nur Grau (was zugleich das Cover auch wieder wunderbar aufgreift).

„Die Weißen“, wiederholte King. „Du redest gerade so, als wären sie alle gleich. Das sind sie aber nicht. Viola Liuzzo war eine weiße Frau. Sie ist für unsere Freiheit gestorben. James Reeb war ein weißer Mann und er ist für uns gestorben. Jack Zwerg wurde in Montgomery unserer Freiheit wegen das Rückgrat gebrochen. Die Weißen sind nicht alle gleich, genauso wenig wie wir das sind.“

Pitts jr. Leonard: Grant Park. S. 420

Diese Pluralität der Ansichten, diese unterschiedlichen Lebenswege – all das macht aus diesem Buch eine glaubwürdige Erzählung.  Denn Leonard Pitts jr. weiß um die Komplexität des Themas des Rassismus und verhandelt es auch angemessen schwankend und ambivalent.

Grant Park – ein Thriller und Gesellschaftsanalyse

Ist Grant Park ein Thriller? Man kann das Buch durchaus so lesen, schließlich gibt es durchgeknallte Attentäter, einen Anschlagsplan, Verfolgungen, Action und weitere Genrekonventionen. Allerdings geht es in Grant Park um so viel mehr. Die Thrillerhandlung ist nimmt sich gegen die gesellschaftliche Relevanz, den ambitionierten Plot und die kritische Analysekraft des Buchs wirklich verschwindend gering aus. Dementsprechend lese und betrachte ich dieses Buch als Gesellschaftspanorama, als Bogen über 40 Jahre amerikanische Geschichte hinweg. Die bittere Pointe dabei ist ja die, dass sich trotz des Kampfes von Martin Luther King bis hin zur Ernennung Barack Obamas als Präsident nichts geändert hat.

Diese Nüchternheit, dieses Aufzeigen der Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung, dieses Gespür für den Puls der Zeit, die Brillanz, die immer wieder in der Verdichtung des Themas aufblitzt – in meinen Augen ist Grant Park ein Meisterwerk, das bislang sträflich vernachlässigt wurde. Eines der wichtigsten Bücher, so spannend wie gesellschaftskritisch, so divers wie erschütternd. In meinen Augen einer der besten Titel dieses Bücherherbstes!

Buchinformationen

Pitts jr., Leonard: Grant Park (aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck), erschienen im Polar-Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, ca. 550 Seiten, August 2018, ISBN 978-3-945133-65-1, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,70

 

Ian McGuire – Nordwasser

Bei Ian McGuire wird es in Nordwasser im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig. Ein dunkler, ein derber und ein brutal guter Thriller rund um eine Expedition ins gefährliche Nordwasser.

Dabei fokussiert sich Ian McGuire in seinem Roman auf zwei gegensätzliche Charaktere, die sein Buch tragen. Da ist zum Einen der Harpunier Drax, ein Mann ohne Moral oder Gewissen. Seinen Gegenpart bildet der irische Arzt Sumner, der aus Verlegenheit als Schiffsarzt zur Nordwasser-Expedition dazustößt. Er trägt besonders an einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit, das mit der Besatzungszeit durch das englische Empire in Delhi zusammenhängt.

Vom Nordwasser zum Mordwasser

Geheimnisse, brutale Draufgänger, das Schiff als begrenzte Bühne, auf der die Charaktere aueinanderprallen. Schon in der Anlage ist Nordwasser sehr stark und verspricht einiges an Spannung, was das Buch dann auch tatsächlich einzulösen vermag.

Geschickt schafft es Ian McGuire, die brodelnde Atmosphäre auf dem Schiff in Worte zu fassen. Unter Leitung von Kapitän Brownlee wird das Nordwasser nämlich schnell zum Mordwasser (ein Kalauer pro Rezension sei mir erlaubt …). Nicht nur Robben und Wale werden nämlich von den Männern des Profits wegen abgeschlachtet. Auch bald findet sich die Leiche eines Schiffsjungen an Bord. Sumner beginnt nachzuforschen, wer den brutalen Mord an dem Jungen begangen hat.

So reichert der britische Schriftsteller seine dichten Schilderungen des Lebens an Bord und der Waljagd zusätzlich noch mit einem Whodunnit-Krimiplot an. Gerät ihm die Einführung seiner Figur Drax für meinen Geschmack zu plakativ, so findet McGuire schon bald in besseres Fahrwasser und entwickelt kontinuierlich seinen Plot und seine Figuren mit ihren Abgründen. Dabei funktioniert Nordwasser auch besonders über die Körperlichkeit.

Das Gegenteil von Sauber

Ian McGuire pflegt in Nordwasser keine klinisch-reines Grundattitüde, um es vorsichtig auszudrücken. Der Leser wird mit Unmengen von Blut, erschlagene Tiere, Scheiße, heimtückischen Morden, Ausschlag und diversen körperlichen Versehrungen konfrontiert. Nordwasser ist Survival of the fittest in Reinform.

Zartbesaitete Leser mögen sich mit Grausen abwenden oder argumentieren, dass alles ja so schmutzig und unappetitlich sei. Ich möchte dem entgegenhalten, dass diese Erzählung allerdings nur so funktionieren kann und muss. Der von McGuire so gebaute Erzählrahmen folgt dem Gesetz der Authentizität und bedarf genau deshalb dieser Schmutzigkeit auf allen Ebenen. Kategorien wie Sauberkeit oder ästhetische Schönheit in puncto Handlung und Plot sind bei diesem Thema fehl am Platz – diese bei Nordwasser einzufordern wäre lächerlich und deplaziert. Stattdessen macht dieser Thriller wieder sinnlich erfahrbar, wie es damals an Bord eines Walfängers und im Eis der Antarktis gewesen sein muss.

Dieses Aufrufen der Bilder und die geradezu atemlose Handlung, die in ihren Bann zieht – das ist großartig gelungen. Das Buch steht für mich in einer Reihe der großen Abenteuerliteratur. Die deutlichsten Brüder im Geiste sind Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad oder (natürlich) Moby Dick von Herman Melville. Aber auch die Erinnerungen Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle standen mir beim Lesen deutlich vor Augen. Auch die Jury des Booker-Preises sah das so. Sie nominierte 2016 das Buch für den Preis.

Ein Lob sei an dieser Stelle auch an den Übersetzer Joachim Körber ausgesprochen. Ihm gelingt es, die derbe Sprache, das nautische Vokabular und die großen szenischen Bilder, die McGuire entwirft, gut ins Deutsche zu übertragen, ohne dass viel vom Sound verlorengeht. Sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, die der Übersetzer aber sehr gut gemeistert hat.

Nordwasser ist ein waschechter Abenteuerroman, eine hochspannende Jagd nach Walen und letztendlich auch nach Erlösung, sowie das Duell zweier ungleicher Männer. Nordwasser ist wunderbar altmodisch und zugleich hochaktuell. Ian McGuire ist damit ein echtes Kunststück gelungen!

Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

Lucía Puenzo – Die man nicht sieht

Ismael, Enana und Ajo sind die, die man nicht sieht. Denn als Straßenkinder schlagen sie sich auf den Straßen von Buenos Aires durch. Im Stadtviertel Once leben die drei und passen gegenseitig auf sich auf. Besonders der kleine Ajo steht unter dem Schutz von Enana und Ismael. Ihr Einkommen bestreiten sie durch Einbrüche in Häuser. Ihr Pate ist dabei ein Wachmann, der die Kinder zu ihren Missionen schickt und ihnen die Diebesbeute abnimmt.

Dieser hat für die drei nun eine ganz besondere Mission. Mit Schleusern schickt er sie per Schiff nach Urugay. Dort sollen die drei für andere kriminelle Strippenzieher arbeiten. Diese wollen ebenfalls, dass sie als Einbrecher tätig werden und die Villen der Schönen und Reichen ausräumen.

Doch der geneigte Leser ahnt es an dieser Stelle schon – es wäre ja langweilig und unersprießlich, wenn bei diesen Raubzügen alles glatt laufen sollte. Wie der Zufall in die Planung pfuscht, das beleuchtet die argentinische Autorin Lucía Puenzo in ihrem neuen Roman mit Hingabe. Die perfekt geplanten Einbrüche scheitern an der Realität und setzen gefährliche Dynamiken in Gang, die für Enana, Ismael und Ajo lebensbedrohlich werden.

Oder wie es die Autorin auf Seite 195 einmal selbst ausdrückt:

Aber manchmal lief eben alles nicht nach Drehbuch.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 195

Apropos Drehbuch – damit kennt sich die 1976 geborene Argentinierin sehr gut aus. Neben den Romanen nimmt auch das Drehbuchschreiben in Puenzos Leben einen großen Raum ein. Über diese Tätigkeit kam sie dann zur Regie. So sorgte sie selbst für die Verfilmung eines früheren Romans (Wakolda) und gastierte mit ihrer filmischen Adaption ihres Romans Das Fischkind 2009 auch im Programm der Berlinale.

Wenn eine Drehbuchautorin einen Roman schreibt

Lucía Puenzo (Quelle: Acovarrubias05, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29055571)

Den filmischen Blick merkt man auch Die man nicht sieht an. Immer wieder schafft es Puenzo, einprägsame Szenerien zu entwerfen, über die die Psychologisierung ihrer Figuren prima funktioniert. Den Schwerpunkt legt sie in ihrer Erzählung aber eher auf die Handlung denn auf die tiefere Ausgestaltung ihrer Figuren. Vieles vom Personal im Roman bleibt schemenhaft, nur ihre drei kindlichen HeldInnen bekommen viel Raum. Immer wieder blitzt die Empathie durch, mit der Puenzo die drei SchicksalsgefährtInnen zeichnet. Wunderbar ist etwa eine Szene geraten, in der sich der kleine Ajo nächtens in die Fluten stürzt und zum ersten Mal die Gewalten des Meeres erlebt. Dann wird wieder klar, dass sich hinter den gewieften Einbrechern immer noch kleine Kinder verstecken, die von ihrer Umwelt nur als nützliche Helfer missbraucht werden, auf die man die Drecksarbeit bequem abwälzen kann.

Wegen dieser Schwerpunktlegung auf die Kinder würde ich auch davon absehen, den Roman als Krimi zu labeln. Natürlich zieht der Roman seine Spannung aus den Einbrüchen, was ja ein Urtopos der Kriminalliteratur ist. Doch bei allem Suspense – hier geht es eher um drei Kinder, die zufälligerweise in dieses Milieu gerutscht sind, und denen keine Wahl bleibt. Das Schicksal dieser Kinder zu zeigen, das ist es, worum es Lucía Puenzo hier geht.

Auch der Wagenbach-Verlag hat das erkannt und dem Buch den äußerst generellen aber eben auch durchaus treffenden Gattungsbegriff Roman auf den Umschlag appliziert.

Sprachlicher Durchschnitt vs. Handlungsdrive

Ein Wort an dieser Stelle sei noch zur sprachlichen Gestaltung dieses Romans verloren. Diese ist für mich nämlich ganz okay, aber nicht viel mehr als Durchschnittskost (Übertragung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter). Besondere Stilmittel, Sprachbilder oder raffinierte Metaphern sucht man in Die man nicht sieht vergeblich.

Stattdessen gibt es manchmal kleinere Irritationen im Text, wie etwa wenn von der Betäubung von Einbruchsopfern die Rede ist. Hier schleichen die Kinder mit Betäubungsgas durchs Haus und nähern sich ihren Opfern, um diese mithilfe des Gases in die Bewusstlosigkeit zu versetzen.

Sie hielt die Spraydose etwa zwanzig Meter vor seine Nase und sprühte ihm direkt ins Gesicht.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 194 f.

Dieses Kunststück möchte man dann doch ganz gerne einmal sehen. Auch ist es in der Ausgestaltung der Kinder nicht logisch, wenn Ismael, der sein Leben auf der Straße verbringt und folglich wenig Bildung genossen hat, plötzlich die „geheimnisvollen kyrillischen Buchstaben“ (S. 194) betrachtet. Woher der Junge weiß, dass diese Buchstaben kyrillisch sind, das bleibt wohl sein Geheimnis.

Solche kleinen Unebenheiten fallen allerdings nicht weiter ins Gewicht, da der restliche Text wirklich Drive besitzt und nach angenehmen 204 Seiten mit einer letzten, sehr passenden Schlussblende schon an seinem Ende angelangt ist.

Die man nicht sieht ist kein neuer Gipfel südamerikanischer Literatur. Dazu lässt das Buch für meinen Geschmack an Tiefgang und an Reflexionspotential vermissen. Zwei oder drei spannende Stunden bietet der neue Roman von Lucía Puenzo aber auf alle Fälle und sei deswegen hiermit gerne empfohlen.