Category Archives: Literatur

Juli Zeh – Unterleuten

„Unterleuten ist ein Gefängnis“ (Kathrin Kron-Hübschke)

„Unterleuten bedeutet Freiheit“ (Gerhard Fließ)

Zwischen diesen zwei Zitaten von Bewohnern des fiktiven Örtchens Unterleuten spielt sich im neuen Buch von Juli Zeh alles ab. Unterleuten liegt irgendwo in Brandenburg, eine Autostunde aber auch eine ganze Welt von Berlin entfernt. Das Dorf ist eigentlich recht pittoresk und wirkt aus der Zeit gefallen (keine Gehsteige, kein gemeinsames Abwassersystem, Lohn und Brot durch die Agrarwirtschaft) – doch wehe man blickt hinter die Fassade.

Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten von Juli Zeh

Der doppeldeutige Titel Unterleuten gibt in diesem Buch eindeutig die Schlagrichtung vor. Juli Zeh lässt vor den Augen des Lesers ein Dorf mit einem Personaltableau entstehen, das so disparat wie funktional ist. Jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Dorfbewohners erzählt und so beobachtet man das wunderliche Geschehen, dass sich sukzessive durch immer wieder neue Augen betrachtet ergibt, mit einer Mischung aus Befremden und Faszination,

Das auslösende Momentum für alle Dynamiken, die sich auf über 640 Seiten im Dorf entfalten werden, ist der geplante Bau einer Windkraftanlage. Die Heidelandschaft rund um Unterleuten wurde als Bebauungsgebiet ausgewiesen – diese Pläne lassen nun das ganze Dorf förmlich explodieren. Während die einen um die aus der DDR hinübergerettete Agrargemeinschaft fürchten, sieht ein Vogelschützer die ornithologische Vielfalt in Unterleuten bedroht. Dabei könnte das Geld, das der Bau der Windräder staatlich subventioniert einbrächte, das ganze Dorf auf Vordermann bringen.

Mit großer Lust stößt Juli Zeh den ersten Dominostein in diesem Roman um, dem viele weitere Steine folgen werden. Sie lässt die unterschiedlichen Lebensmodelle aufeinander prallen, lässt Westler an Ostler geraten, lässt Resignierende auf Veränderer stoßen und beobachtet aus den wechselnden Perspektiven, wie sich die ganzen kleinen schlummernden Glutnester langsam zu einem Großfeuer entzünden. Sie arbeitet hierbei auch stark mit den Mitteln der Komödie, denn immer wieder reden die Unterleutner Bewohner aneinander vorbei, wittern Konflikte, wo eigentlich nur Missverständnisse herrschen und manövrieren sich in Situationen, die eigentlich niemand wollte.

Ihr Figuren legt Juli Zeh dabei auch mit einer ordentlichen Lust an der Karikatur an. Im Haus der Vogelschützers (der eigentlich ein gescheiterter Berliner Soziologieprofessor ist) gibt es Hirseauflauf, der Großgrundbesitzer ist feist und versteht es seine Pfründe zu bewahren. Dies ist zwar nicht allzu subtil, macht aber Freude zu lesen. Dieses Dorf könnte man sich auch in einer Serienverfilmung gut vorstellen – hinziehen möchte man aber auf keinen Fall!

 

Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

Pierre Jarawan kannte man bisher als feste Größe in der Poetry-Slam-Szene des Landes. 2012 konnte er sogar den Titel des deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisters mit nach Hause nehmen. Mehrmals durfte ich Jarawan schon live lauschen, wobei er es stets schaffte, mit seinem subtilen Witz und poetischen Gedanken im Teilnehmerfeld der Slams herauszuragen. Nun hat er den Wechsel von der Kurz- zur Langform gewagt und mit Am Ende bleiben die Zedern seinen ersten Roman vorgelegt, der zu keinem anderen Zeitpunkt als in diesen Tagen hätte erscheinen dürfen.

ZedernEr erzählt in seinem Debüt von Samir, einem Flüchtlingskind, der mit seinen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland flüchtete. Als Kind macht er mit seiner Familie die typischen Stationen einer Flucht durch (Erstaufnahme in einer Turnhalle, Bürokratie, Bangen um den Bleibebescheid, Unterkunft in einer Sozialwohnung, etc.), die sich auch in den 80ern nicht von unseren heutigen Verhältnissen unterschied. Das Glück der kleinen Familie könnte dann eigentlich perfekt sein, doch da verschwindet eines Tages plötzlich der Vater ohne Vorwarnung. Samir und dessen Schwestern erschüttert dieser Verlust und sorgt für Traumata, denen sie ganz unterschiedlich begegnen. Da Samir schon immer eine tiefe Verbundenheit mit dem Libanon spürte, beschließt er sich in das von Kriegen gebeutelte Land aufzumachen, um dort seinem Vater nachzuspüren. Welche Schritte trieben seinen Vater zu seinem plötzlichen Verschwinden und welche Geheimnisse gibt es, die Samir als Kind verborgen blieben?

Jarawans Buch setzt sich aus der Spurensuche Samirs im Zedernland Libanon und Rückblicken zu seinem Familienleben in Deutschland zusammen. Stück für Stück puzzelt der Ich-Erzähler die Geheimnisse und die Vergangenheit seines Vaters zusammen und erhält sukzessive ein völlig anderes Bild seines Vaters, als er es für möglich hielt. Aufgeteilt ist Am Ende bleiben die Zedern in drei Teile, von denen der Mittelteil den größten Raum einnimmt. Dieser behandelt die Spurensuche im Libanon sowie die Rückblicke zu Samirs Leben in Deutschland nach dem Verschwinden seines Vaters.

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Bildquelle: Flickr / (c) Frode Ramone

Pierre Jarawans Debüt ist nicht nur die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der zerrissen zwischen den Kulturen lebt, sondern auch ein Ausflug in die wechselvolle und von Gewalt gezeichnete Geschichte des Libanons und des Nahen Ostens. Jarawan führt vor Augen, dass die heutigen Auswirkungen der Flüchtlingskrise und damit auch des syrischen Bürgerkriegs tiefer wurzeln, als man es sich so vor Augen hält. Immer wieder geht er auf die Beziehung des so pluralistisch-heterogenen Libanon zu seinen Nachbarstaaten ein und sensibilisiert damit für die Hintergründe der aktuell schwelenden Konflikte. Auch wenn sich diese Exkurse manchmal etwas trocken ausnehmen, so sind sie doch wichtig und schaffen Wissen, das in der heutigen Flüchtlingsdebatte vonnöten ist.

Doch nicht nur die Verknüpfung von Politik, Landesgeschichte und aktuellen Bezügen macht diesen Roman so lesenswert, auch die in einer klaren Sprache geschilderte Lebensgeschichte Samirs weiß zu überzeugen. Seine Spurensuche und die Auswirkungen, die der Verlust seines Vaters in ihm hinterlassen hat, sind plausibel beschrieben. Jarawan stellt in seinem Buch die universelle Frage nach Identität und Herkunft und verhandelt diese höchst lesenswert. Das Buch der Stunde, Chapeau Pierre Jarawan!

Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Vertane Wolfs-Chance

„An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.“

Schimmelpfennig, Roland: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen (…), S. 5

Was für ein Auftaktsatz, der den ersten Roman des deutschen Dramatikers Roland Schimmelpfennig (der meistgespielte deutsche Theaterautor, wie der Klappentext stolz kündet) einleitet. Man denkt an Musils Mann ohne Eigenschaften: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“

Eiskalt

Ein großartiger erster Satz aus der Feder Schimmelpfennigs, der damit schon ein Gefälle einstellt, auf dem alles, was danach folgt, hinunter rutscht. Der Debütant erzählt von eben jenem Wolf, der als Leitmotiv durch das Buch streift und unaufhaltsam auf Berlin zuhält. Immer wieder kreuzen Menschen den Weg des Wolfs und werden mit dem Schicksal des Raubtiers verknüpft. Diese Menschen sind Ausreißer, Späti-Besitzer oder Zeitungsvolontäre, die alle in diesem Wolf etwas anderes sehen. Doch leider lässt Schimmelpfennig seinen verschiedenen Charakteren, die immer wieder im Buch auftauchen, wenig mehr als ihre Berufe. Namen hält der Autor so gut wie immer für überbewertet, was dazu führt, dass das Ausreißerpärchen meistens nur als der Junge und das Mädchen tituliert wird. Es erfordert Aufmerksamkeit vom Leser, die verschiedenen Lebens- und Erzählstränge auseinander zuhalten, da Schimmelpfennig neben der minimalen Namensgebung auch auf so etwas wie Biographien hinter den Namen verzichtet und so keinerlei Tiefenwirkung erzielt. Ein weiteres Ärgernis, das ich bei einem Dramatiker eines Ranges von Roland Schimmelpfennig so niemals erwartet hätte, ist auch die Lustlosigkeit und Banalität der Dialoge. Jeder spricht mit jedem gleich, kein Soziolekt, keine Charakterisierung durch das gesprochene Wort – nichts.

Dies ist ärgerlich, da sich An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie ein einziges Fest der Klischees liest. Natürlich stammt das Ausreißerpärchen aus verschiedenen Welten (da der Vater des Jungen als Alkoholiker und Psychatrieinsasse, dort die Mutter des Mädchens als Bauhaus-Villa-Bewohnerin), natürlich arbeitet der Pole auf dem Bau und seine Frau putzt Wohnungen, natürlich hat der Vater der türkischstämmigen Zeitungsvolontärin einen Dönerimbiss am Kottbusser Tor. Munter reiht Schimmelpfennig Klischee an Klischee und auch zu Berlin fällt ihm nichts Neues ein. Mehr als eine Revue von Ortsnamen und Banalitäten ist das Ganze leider nicht (die Gentrifizierung greift in der Bundeshauptstadt um sich? Welch hellsichtige Analyse). So liest man das Buch merkwürdig distanziert und wird von nichts wirklich berührt. Was die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse zur Nominierung dieses Titels bewogen hat, bleibt auch nach der Lektüre mehr als schleierhaft. Eine wahrhaft vertane Wolfs-Chance, trotz all des Potentials, das die Erzählung geboten hätte!

Owen Sheers – I saw a man

Wendepunkte im Leben

I Saw a Man von Owen Sheers

Es ist dieser eine Moment, der ein ganzes Leben ändern kann – in Owen Sheers I saw a man sind es gleich zwei Männer, die einen so existenziellen Wendepunkt in ihrem Leben erfahren, sodass sie danach völlig aus der Bahn geworfen sind. Der englische Autor erzählt von Michael, der durch den Tod seiner Frau Caroline den Boden unter seinen Füßen verlor und nicht mehr an seine Erfolge als Schriftsteller anzuknüpfen vermag. Er wohnt in einem Häuschen in Hampstead Heath und ist mit seinen Nachbarn mehr als nur gut befreundet. Tagtäglich geht er bei ihnen aus und ein und zählt schon zum erweiterten Familienkreis, als ein Nachmittag alles ändert. Und zum anderen ist da noch Daniel, der als Drohnenpilot beim Militär seinen Sold verdient, und dessen Leben durch einen Wendepunkt mit dem von Michael verbunden werden wird.

Ein ganz beachtliches Debüt

I saw a man ist Owen Sheers Debüt. Wohlformuliert berichtet er von den Schicksalen Daniels und Michaels, blickt hinter die noblen Fassaden im Hampstead Heath und seziert die verschiedenen Lebenslügen, in die sich seine Protagonisten verstricken. Glaubte ich nach der Lektüre des Klappentextes an einen gehobenen Kriminalroman, so ist das Buch für mich nun doch eher im Genre der Gegenwartsliteratur einzuordnen.

Der Vergleich mit Donna Tartt und Ian McEwan, der durch die Medien gezogen wird, wenn man dem Klappentext trauen darf, ist etwas hochgegriffen. Zwar vermag das Buch durchaus zu fesseln und zu unterhalten, doch zur erzählerischen Brillanz von Kalibern wie Ian McEwan oder Anthony McCarten fehlt Owen Sheers in meinen Augen noch das Feintuning. So ist I saw a man erzählerisch nicht ganz austariert und hat eine leichte Unwucht, was aber nicht groß ins Gewicht fällt.

Insgesamt ein vielversprechendes Debüt eines jungen Autors, das noch auf mehr hoffen lässt!

Richard Flanagan – Goulds Buch der Fische

Ein Fisch namens William Buelow Gould

Durch Zufall durchstöberte ich vor wenigen Wochen wieder einmal meine Lieblingsbuchhandlung in meinem alten Münchner Viertel, als ich auf Goulds Buch der Fische von Richard Flanagan stieß. Der Titel ist eine Neuausgabe, das Original erschien auf Deutsch bereits im Jahr 2002 und wurde nun noch einmal neu aufgelegt – zum Glück!

Richard Flanagan - Goulds Buch der Fische (Cover)
Goulds Buch der Fische

Hinter dem Titel verbirgt sich eine mit dem Commonwealth Prize ausgezeichnete Geschichte, die so grandios wie überschäumend ist. Der Roman wird in zwölf Fischen erzählt, die die Kapitelgliederung darstellen. Das Ganze wird gleich von zwei Rahmenhandlungen ummantelt. Die erste ist die eines Möbelfälschers, dem aus Zufall in einem alten Möbelstück Goulds Buch der Fische entgegenfällt. Zu seiner großen Verblüffung beginnt das Buch zu leuchten und ihn in seinen Bann zu schlagen. Doch die darin erzählten Geschichten sind zu tolldreist, als dass ihnen ein Experte Glauben schenkt.

Inmitten dieser Rahmenhandlung setzt dann die zweite Ebene ein, die uns zu William Buelow Gould bringt. Dieser sitzt in einer Zelle in Tasmanien Anfang des 19. Jahrhunderts ein und schreibt mit Fischblut sein Vermächtnis, das ihn in jene Zelle brachte. Seine Lebensgeschichte erweist sich als fantastisch – die Abenteuer von Don Quijote oder des Soldaten Schwejk verblassen geradezu neben Goulds Aventuren, die ihn nach Tasmanien, Amerika und England führten. Mehr soll an dieser Stelle auch nicht erzählt werden – diese Abenteuer müssen gelesen werden!

Ein Leseereignis im besten Sinne

Richard Flanagan - Der schmale Pfad durchs Hinterland (Cover)

Goulds Buch der Fische ist eine perfekt konstruierte Erzählung und ein Leseereignis im besten Sinne. Diese Robinsonade ist ein barocker, überbordender und sprachmächtiger Titel, ein Schelmenroman und eine sprudelnde Spimplicissimus-Variation, in der man versinkt wie ein Fisch im Ozean. Das Buch selbst wird durch Stiche der Fischillustrationen unterbrochen, die auch in den einzelnen Kapiteln wichtige Rollen spielen. Von grausamen, traurigen bis hin zu brüllend komischen Episoden fährt Richard Flanagan seine ganze Erzählkunst auf und schafft es, dass man den Titel nach seinem Ende gleich noch einmal von vorne beginnen möchte.

Für mich eine Neuentdeckung, die in mir den Wunsch weckte, das gesamte schriftstellerische Schaffen Richard Flanagans kennenzulernen, allen voran seinen neuesten, mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland. Dieses Buch hat das Potential zu einem meiner absoluten Lieblingslektüren – und das schaffen bei der Masse an Büchern, mit denen ich mich beschäftige, wahrlich nicht viele Titel!