Cristina Henríquez – Der große Riss

Mit dem Amtsantritt von Donald Trump als 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist er wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt – der Panamakanal. Auf ihn erhebt der amerikanische Präsident Anspruch, obschon der Kanal gar nicht auf amerikanischen Boden liegt. Aber die Fremdbestimmung über das Gebiet auf dem Isthmus durch den Nachbarn im Norden hat Methode, wie Cristina Henríquez in ihrem Roman Der große Riss zeigt.


Ein rothaariger Marinesoldat aus Louisiana, der sich während der Reise mit John angefreundet hatte –John zufolge hatten sie eine Runde Dame gespielt, während Marian krank in der Kabine gelegen hatte – stand mit ihnen bei der Reling.

Er sagte: „Wir sind in einen Sumpf gekommen!“

John nickte. „Richtig. Und wir werden hier Ordnung schaffen.“

Cristina Henríquez – Der große Riss, S. 27

Da ist sie wieder, die Hybris der amerikanischen Oberschicht, die gleichzeitig mit Verachtung und einem gesunden Sinn für die eigenen, kolonialen Interessen auf den Rest der Welt blickt. Ist das noch Ordnung oder schon eher die Durchsetzung des eigenen Vorteils in fremden Ländern, der aus solchen Zeilen spricht?

Amerikanische Machtgelüste in Panama

Geäußert werden sie im Fall des Romans von Cristina Henríquez auf einem Postschiff, das sich Richtung Panama befindet. Denn noch 125 Jahre vor den aktuellen Machtgelüsten und Herrschaftsansprüchen eines Donald Trumps war es schon einmal ein amerikanischer Präsident, der auf dem Isthmus, jener mittelamerikanischen Landenge zwischen Pazifik und Atlantik, das Glück seines Landes suchte. Denn seiner Auffassung nach sei es Amerika bestimmt, hier einen Kanal zu bauen, der die langen und umständlichen Fahrten um das Kap Hoorn herum oder durch die Magellanstraße in Südamerika überflüssig mache.

Und so machten sich amerikanischer Staat und Aktiengesellschaft daran, auf fremden Boden mithilfe von Grabungen und Dämmen den Panamakanal zu erschaffen, der heute zu einer der wichtigen Handelsstraßen zu Wasser zählt und der stets auch politische Begehrlichkeiten weckt, wie nun auch der Vorstoß Donald Trumps wieder zeigt.

In Cristina Henríquez‘ Roman befindet sich die Baustelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade auf dem Höhepunkt. Die Baustelle lockt mit der Aussicht auf Lohn und Brot Menschen nicht nur aus Amerika herbei. Auch Omar sucht bei den Bauarbeiten im „Großen Riss“ sein Glück. Eine Arbeit als Fischer auf dem Wasser ist das seine gar nicht, weshalb er sich zum Unverständnis seines Vaters auf den Weg zur Baustelle macht.

Oh wie schön ist Panama?

Cristina Henríquez - Der große Riss (Cover)

Und auch die junge Ada bricht als blinde Passagierin ohne das Wissen ihrer Mutter aus Barbados nach Panama auf. Dort hofft sie ebenfalls auf Arbeit, da sie dringend für ihre Familie Geld verdienen möchte. Ihre Schwester leidet nach einer Lungenentzündung unter Flüssigkeit in der Lunge und benötigt eine Operation. Die utopischen Kosten von 15 Pfund sind für ihre alleinerziehende Mutter und die beiden Töchter so nicht zu stemmen, weshalb sie sich nun ebenfalls aufmacht und im herrschaftlichen Anwesen der Oswalds Arbeit findet.

Ausgehend von diesen beiden Figuren erzählt Christina Henríquez vom Leben und Arbeiten dort in Panama, wo das Wetter nur die beiden Aggregatszustände nass und heiß kennt. Während der große Riss das Land immer tiefer durchzieht, ist er auch zwischen den Generationen der Eltern und ihrer Kinder aufgetreten. Während der Fischer Francisco seinen Jungen Omar nicht verstehen kann, der täglich auf der Baustelle auf dem Isthmus schuftet, trennt sich auch Ada von ihrer Familie, um Geld nachhause zu bringen.

Ein gefälliger historischer Roman – mit zu wenig Rissen

Leider überführt Henríquez diese Ausdeutung der Risse nicht auch auf ihre Figuren. In diesem konventionell und gefällig erzählten historischen Roman fehlt es den Figuren selber an Craquelé, das diese interessant machen würde.

Auch wenn der Roman selbst viele Fragen antippt, etwa das übergriffige Verhalten der amerikanischen Kolonisatoren, die für den Bau ihres Kanals schon einmal ganze Dörfer umsiedeln wollen, bleiben die großen Konflikte hier doch auf und löst sich fast alles in Wohlgefallen auf. Die Liebe kittet zum Ende hin wieder viele Risse, Eltern nähern sich ihren Kindern an und umgekehrt, irgendwie fügt sich alles und bleibt bruchlos – womit Christina Henríquez viel Potential vergeudet.

Die Kontinuität zwischen amerikanischen Bauherren auf dem Isthmus einst und die aktuellen neokolonialen Tendenzen der USA, all das könnte bei einer mutigeren Bearbeitung des Themas höchst erhellend sein. Alle politischen und gesellschaftlichen Implikationen lässt der Roman aber so gut wie außen vor.

Francisco starrte in die Luft. Er erinnerte sich, wie optimistisch und hoffnugnsvoll Joaquín zur Zeit von La Separación gewesen war. „Ich nenne ihn La Boca“, sagte Francisco.

„Wen?“

„Den Kanal.“

„Du nennst ihn den Mund?“

„Ja. Er frisst uns auf.“

Joaquín nickte pathetisch. „Das ist richtig, mein Freund. Wir sind der Fisch“.

Cristina Henriquez – Der große Riss, S. 198 f.

Der große Riss konzentriert sich auf die Figuren aus der Arbeiterschichte und verpasst es, über diesen lebensweltlichen Ausschnitt hinaus ein größeres Bild zu zeichnen. Außer kleinen Protestfeuern und kurzen Momenten der kritischen Beschau der kolonialen wirtschaftsorientierten Verhaltensweisen der Amerikaner bleibt der Roman zu zahm und dringt nicht wirklich in die Tiefe vor.

Hätte Christina Henríquez den Mut zu einer Tiefenbohrung in Sachen gesellschaftlicher Auswirkungen des Baus gehabt, ganz so, wie es die Amerikaner mit dem megalomanischen Bauprojekt auf dem Isthmus zeigten, hätte der Roman mehr Wirkung entfaltet. So konzentriert sich die Autorin lieber auf die kleinen Glücksmomente und Fügungen des Lebens und verharrt auf dem Anwesen der Oswalds, zeigt die Annäherung von Ada und Omar und beschränkt sich auf oberflächliche Dialoge, wie dem hier zitierten Beispiel.

Das tut niemanden weh, ist gefällig und lässt sich gut weglesen. Es bringt aber auch keine gesteigerte Erkenntnis mit sich. Diesem Roman fehlt leider etwas Subtext, insbesondere angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen. Eher ist der Roman etwas für Freunde historischer Unterhaltung, wie sie etwa Daniala Raimondi oder Abraham Verghese sie schreiben.

Fazit

So verschenkt Der große Riss leider einiges an Potential und kommt über einen gefälligen historischen Roman nicht hinaus. Etwas mehr Mut zu kleinen Rissen im Erzählen und in den Figuren hätte dem Roman von Christina Henríquez gutgetan. So bietet der konventionelle historische Roman in diesen Tagen keine gesteigerten Erkenntnisse und ist leider zu schnell wieder vergessen.

Weitere Stimmen zu Cristina Henríquez‘ Roman gibt es unter anderem bei der NZZ, SWR Kultur und Deutschlandfunk Kultur.


  • Cristina Henríquez – Der große Riss
  • Aus dem Englischen von Maximilian Murmann
  • ISBN 978-3-446-28251-3
  • 412 Seiten. Preis: 26,00 €
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Clara Arnaud – Im Tal der Bärin

Auf dem Berg, da wohnt der Bär – oder besser gesagt die Bärin. Clara Arnaud nimmt uns in ihrem ersten auf Deutsch erschienen Roman Im Tal der Bärin mit auf die Berghöhen der Pyrenäen. Dort kreuzen sich die Lebenswege eines Schäfers und einer Ethologin mit der Bärin. Kraftvolle Prosa, die die Schönheit und das Leben in den Bergen gelungen einfängt.


Arpiet ist ein kleines Dorf, das am Fuße der Pyrenäen liegt. In unmittelbarer Nähe zur spanischen Grenze gelegenen ziehen sich die Bergrücken hin, die von den Schäfern und Schäferinnen beweidet werden. Auch Gaspard ist ein solcher Schäfer, der sich nach dem Studium in Paris nach seiner Kindheit in Arpiet zurückgesehnt hat und mittlerweile dort mit seiner Frau und den Töchtern wohnt. Die eigentliche Liebe und Sehnsucht aber gehört der Landschaft in den Bergen, wo er sich nun als Schäfer verdingt und eine mehrere hundert Schafe umfassende Herde betreut. Die Sommer verbringt er alleine dort oben auf den Berghängen. Gesellschaft leisten ihm nur seine Hündin, die Herde und die Erinnerungen.

Zweite Hauptfigur des Romans ist die Ethologin Alma, die ebenfalls nach Arpiet gezogen ist. Dort versieht sie an einem Zentrum für Biodiversität ihren Dienst. Das eigentliche Arbeitsfeld sind aber auch für sie die Berge. Denn dort oben lebt nach Wiederansiedlungsversuchen nun eine Bärin, la negra genannt. Diese beobachtet sie für ihre Feldforschung, nachdem sie dem Leben der Bären bereits ihre akademische Facharbeit gewidmet hat.

Eine Bärin in den Pyrenäen

Clara Arnaud - Im Tal der Bärin (Cover)

Von den Bewohnern von Arpiet wird Alma misstrauisch beäugt. Denn ein sonderlich großes Verständnis für die Bärin hegt dort kaum jemand. Man solle die Bärin und ihre Jungen besser gleich töten, schließlich stellt das Tier nur eine Bedrohung für die Schafe dort oben auf den Bergen dar, so die landläufige Meinung. Doch Alma lässt sich von solchen Meinungen nicht aufhalten und spürt in den Wäldern und entlang der Steilgrate der Bärin und ihrem Leben nach.

Und auch Gaspard spürt die Existenz der Bärin am eigenen Leib. Immer wieder schweben die von ihm betreuten Schafe im Laufe des Sommers, den Im Tal der Bärin schildert, in Lebensgefahr, wenn sich die Bärin auf Futtersuche an die Schafe heranwagt. Nicht zuletzt sind es aber auch Erinnerungen, die ihn immer wieder heimsuchen. Denn im vergangenen Jahr kam eine junge Schäferin dort oben in seiner Gesellschaft ums Leben. Hat die Bärin auch damit zu tun?

Der menschliche Umgang mit bedrohten Spezies

Im Tal der Bärin ist ein Buch, das vom Umgang der Menschen mit der bedrohten Spezies der Bären erzählt. Totale Auslöschung oder Schutz? Im dritten, immer wieder eingestreuten Erzählstrang bietet Clara Arnaud auch eine historische Sichtweise auf diesen Komplex, indem sie vom Leben des Bärenführers Jules erzählt, der Ende des 19. Jahrhundert aus Arpiet in Richtung Amerika aufbricht, mit im Gepäck ein von ihm gefangener und dressierter Bär.

Mit ungemein viel Wissen um das Leben dort oben an den Berghängen der Pyrenäen und des Lebens der Bären nimmt Clara Arnaud mit in diese wilde Welt. In Arnauds urwüchsiger, von Sophie Beese ins Deutsche übertragenen Sprache und der Kraft der Naturbeschreibungen erinnert das Ganze etwas an die Werke Maria Borrélys. Vom Aufstieg Gaspards im Frühling über den Sommer auf den Almen dort oben bis zum Abtrieb der Tiere in den Herbsttagen erstreckt sich der erzählerische Bogen, den dieses Buch bildet.

Nicht zuletzt ruft ihr ökologisch geprägter Roman im Spannungsfeld zwischen Mensch und Tier auch Erinnerungen wach an die Romane der Australierin Charlotte McConaghy, darunter insbesondere an ihr in Schottland spielendes Werk Wo die Wölfe sind, das von der Wiederansiedlung von Wölfen in den Highlands und dem Widerstand dagegen erzählt. Aber auch Paolo Cognettis Romane um die Anziehungskraft der Berge und Sara Gruens Prosa ließe sich als Bezugsgröße von Clara Arnauds Roman nennen, mit dem ihr trotzdem etwas ganz Eigenständiges gelingt.

Ein überzeugendes Buch mit irreführendem Titel

Gefahr und Idylle, Arbeit und Entspannung, Freiheit und Verantwortung, das sind die Spannungsfelder dieses Romans, der der Natur in den Pyrenäen ein Denkmal setzt und die Komplexität in unserem Verhältnis zu Raubtieren – wie im vorliegenden Fall eben den Bären – ausleuchtet.

Angesichts einer solch überzeugenden Gesamtleistung stellt sich nur die Frage nach der Sinnhaftigkeit des deutschen Titels. Das titelgebende Tal spielt im Roman nur eine untergeordnete Rolle. Natürlich liegt das Dorf Arpiet dort unten im Tal, ist aber sowohl für Gaspard als auch für Alma aber nur jener problembehaftete Ort, an dem Unverständnis und Bärenfeindlichkeit grassieren. Vielmehr lösen sich beide Figuren ja schon rasch von diesem Nebenschauplatz. Und tatsächlich sind es ja die Berge, auf denen die Bärin lebt und die fast die gesamte naturgesättigte Handlung des Romans um die drei Figuren bestimmen.

Erinnert der französische Originaltitel Et vous passerez comme des vents vous im Deutschen etwas an die berühmten windigen Zeilen aus dem Gedicht Vom armen B. B. des Dramatikers Bertolt Brecht, in dem er von den Städten schrieb, von denen nur der Wind bleiben würde, der durch sie hindurchging, so bleibt von derartiger Poesie in der nun gewählten deutschen Titelvariante überhaupt nichts übrig. Mit Tälern begnügt sich Clara Arnaud nicht, vielmehr steigt ihr Roman in mitreißende Höhen empor, was die deutsche Titelwahl ruhig hätte auch so abbilden dürfen.

Fazit

Davon abgesehen ist Im Tal der Bärin ein kraftvoller Roman, der die Natur und das ökologische Gleichgewicht dort nahe der Gipfel der Pyrenäen besieht und neben der Bärin zwei angenehm komplexe Figuren in den Mittelpunkt rückt. Es ist eine wirkliche Entdeckung, die der Kunstmann-Verlag mit Clara Arnaud da aufgetan hat!


  • Clara Arnaud – Im Tal der Bärin
  • Aus dem Französischen von Sophie Beese
  • ISBN 978-3-95614-622-0 (Kunstmann)
  • 352 Seiten. Preis: 26,00 €
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George R. Stewart – Sturm

Ein Sturm namens Maria sorgt im Roman von George R. Stewart für Verwüstung und Chaos in Kalifornien. Nicht nur angesichts der sich abzeichnenden Klimakatastrophe ist Sturm ein moderner Roman, dessen Alter von über 80 Jahren man ihm kaum anmerkt. Nun ist das Buch in einer Neuübersetzung von Jürgen Brôcan und Roberta Harms (wieder) zu entdecken.


1941 war es, dass der Amerikaner George R. Stewart seinen Roman Sturm veröffentlichte. Im selben Jahr, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten, erscheint dieses Buch, das zwar vordergründig nichts mit der Zeitgeschichte am Hut hat, das aber trotzdem eine Schlacht zeigt, nämlich die der Natur gegen den Mensch. Lange noch vor Frank Schätzings Der Schwarm oder den Klimathrillern eines Marc Elsbergs oder Wolf Harlanders zeigt Stewart in seinem Roman, was passiert, wenn die Kräfte der Natur demonstrieren, wer die eigentliche Hoheit über den Planeten besitzt.

Dabei beginnt in Stewarts Buch alles noch ganz übersichtlich. Ein junger Meteorologe versieht seinen Dienst, Schiffe schippern über den Ozean, der Aufseher der Straßenverwaltung inspiziert einen Pass zwischen Kalifornien und Nevada. Betriebsamkeit allen Orten – aber noch kein Alarm. Dieser stellt sich erst langsam ein, als sich abzeichnet, dass jenes Tief über dem Pazifik, 300 Meilen vor Yokohama, zu einem stattlichen Sturm heranwächst, den der junge Meteorologe auf den Namen Maria tauft.

Aber der Sturm! Er fühlte, wie ihm ein Kribbeln plötzlich über den Rücken lief. Ein Sturm lebte und wuchs. Keine zwei Stürme glichen einander jemals.

George R. Stewart – Sturm, S. 32

Ein Sturm zieht auf

George R. Stewart - Sturm (Cover)

Zunehmend stärker wird dieser Sturm im Lauf der Tage, der schließlich über Kalifornien herniederfährt und für viel Chaos und Verwüstung sorgt. Das ganze Ausmaß des Schreckens von verschneiten Autos bis hin zu Schiffen und Flugzeugen in Turbulenzen zeichnet Stewart durch die Parallelmontage seines multiperspektivisch erzählten Romans nach. Immer wieder sind wir bei dem jungen Meteorologen, der zusammen mit einem erfahrenen Kollegen Karte um Karte zeichnet und Meldungen vergleicht, um einen Eindruck von der anschwellenden Intensität des Sturms zu bekommen. Schleußen müssen geöffnet werden, ein junges Paar geht im Schneesturm verloren, an einer anderen Stelle befehligt der Inspekteur der Straßenbahnmeisterei derweil Schneepflüge und -fräsen, um die auf dem Pass eingeschneiten Autos zu befreien.

Allein auf menschliche Figuren beschränkt sich der Amerikaner dabei nicht. Auch ein Eber oder eine Schleiereule haben entscheidenden Einfluss auf die Handlung, genauso wie ein Holzbrett und Kuhdung, die in Sturm ebenfalls ihren Platz finden.

Wie Übersetzer Jürgen Brôcan und Roberta Harms in ihrem Nachwort anmerken, wendet Stewart in diesem Roman ein Erzählmuster an, das heute in Katastrophenfilmen und den Klimathrillern der eingangs erwähnten Autoren zur Norm geworden ist. Ein Ensemble ganz unterschiedlicher Figuren ist mit den Auswirkungen der Katastrophe befasst und kämpft an verschiedenen Fronten gegen die Katastrophe, wodurch der Roman Drive und Tempo erhält. Durchbrochen wird das ganze bei George Stewart immer wieder mit etwas faktenhuberischen Diskursen zur Meteorologie und der Entwicklung des Sturms.

Ein zeithistorischer Abdruck des Zweiten Weltkriegs

Apropos Kampf: einen Abdruck der gewalttätigen Ereignisse rund um den Erdball, die zeitgleich zum Erscheinen des Buchs stattfanden, gibt es auch in den gut 380 Seiten des Romans zu entdecken.

Straßen und Markierungsstangen werden hier wie Truppen vor dem Gefecht in Augenschein genommen, manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen Natur und Kriegskultur in diesem Roman fast vollständig. Da der General, der über die Isobaren und Konvektionslinien wacht, dort konstatiert der Überwacher des Passes, dass man „die Straße verloren habe“. Telefonistinnen (hier ist eine der wenigen Stellen, die deutlich vom Alter des Romans künden), versuchen unter Hochdruck, Verbindungen herzustellen und Monteure müssen in Schneeschauern ausdrücken, um die Verbindungslinien der Strom- und Telegrafenleitungen wieder zu reparieren.

Der General zuckte mit den Schultern. Als guter Soldat hatte der die Stellung gehalten, bis er sich ehrenvoll zurückziehen konnte. Er gab seine Befehle.

George R. Stewart – Der Sturm, S. 367

Es ist eine Parallele, auf die der Verfasser George R. Stewart auch selbst hinweist, wenn er im Vorwort zu seinem Roman (der sich in den USA laut Verlagsangaben zu einem „Kultroman“ entwickelt habe) schreibt, sein düsterer Roman sei in den ähnlich düsteren Zeiten von Dünkirchen und der Niederlage Frankreichs entstanden.

Ein Roman über die Klimakatastrophe und die Ignoranz

Doch nicht nur zeithistorisch ist Sturm interessant, vor allem in Zeiten, in denen Kalifornien wieder einmal mit Extremwettern zu tun hat, die aktuell Teile von Los Angeles vernichtet haben, in denen sich hierzulande und anderswo Meldungen über Extremwetter – ob im Ahrtal oder in Bayerisch-Schwaben – häufen und in denen die Ausnahme schon zum Normalfall geworden zu sein scheint, hat Sturm eine große Bedeutung.

George R. Stewart zeigt, wie die Natur trotz aller Kenntnisse und technischen Fortschritts über den Mensch triumphiert und wie kurzsichtiges Profithandeln von Farmern und vielen anderen Personen zu den Katastrophen führt, die Sturm eindrücklich bebildert.

Selbst wissenschaftliche Erkenntnisse und Klarsicht über die Kraft der Natur führen nicht zu größerer Einsicht. Am Ende zieht der Sturm von dannen und lässt die Menschen zurück, die sich in Teilen sogar über die Massen an Schnee, Eis und Regen freuen, wie die die fiktive Schlagzeile zeigt, die Stewart in seinen Roman eingebaut hat. Diese Schlagzeile lobpreist angesichts des abklingenden Sturm den Millionen-Dollar-Regen, der über Kalifornien niedergegangen ist und der der Landwirtschaft geholften hat. Das erscheint so grotesk und verzerrt, dass es schon wieder gut in unsere Zeit passt.

Angesichts der Klimakatastrophe scheint hier jener Fatalismus auf, den zuletzt etwa auch T. C. Boyle in Blue Skies zeigte und der auch in den Äußerungen des von Stewart ersonnenen Bürgermeisters aufblitzt. Dieser erzählt nach dem Schneefall launig, dass er früher Schneegestöber durchaus vergnüglich gefunden habe, nur heute mache er sich Sorgen, wie sich die Schneebeseitigung auf sein Budget auswirke. Es ist ein kurzsichtiges Denken, wie man es dieser Tage aus den USA kennt, wo der wiedergewählte US-Präsident Donald Trump als eine seiner ersten Amtshandlungen aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist und mehr Öl und Gas fördern will.

Fazit

Vielleicht ist es das, was am Ende bleibt und was auch Sturm zeigt: die Fragilität unserer Infrastruktur angesichts des Wetters – und die menschliche Ignoranz, mit dem wir alle tieferen Erkenntnisse und daraus folgenden Konsequenzen verdrängen. So wie es zum Schluss des Romans ein Leitartikler in seinem Fazit zu den zwölf Tagen der wütenden Maria formuliert:

Es gab zumindest keine Todesfälle durch Erfrierungen. Der Sturm war aus dem Südwesten gekommen und hatte nur Sturmwinde und Pappschnee gebracht. „Diesen Schnee“, erläuterte ein gebildeter Verfasser von Leitartikeln, „verdanken wir allein der Tatsache dass unsere Ahnen diese Stadt in einem schneereichen Gebiet im schneereichsten alle[r] Kontinente errichtet habe.“

George R. Stewart – Sturm, S. 363

  • George R. Stewart – Sturm
  • Aus dem Englischen von Jürgen Brôcan und Roberta Harms
  • ISBN 978-3-455-01872-1 (Hoffmann und Campe)
  • 382 Seiten. Preis: 26,00 €
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Jennifer Down – Körper aus Licht

Down we go. In ihrem Roman Körper aus Licht führt die australische Autorin Jennifer Down ihre Leser*innen durch emotionale Höhen und Tiefen. Das Buch erzählt vom schmerzenreichen Leben der jungen Maggie und ihrer lebenslangen Odyssee. Vor allem aber zeigt der Roman, wie man sich von seiner Kindheit und den gemachten Erfahrungen kaum mehr lösen kann.


Auch im vergangenen Jahr führte wieder das Buch Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl die Liste der meistverkauften Paperback-Bücher des Jahres an. Sage und schreibe 2,1 Millionen Buchkäufer*innen fanden sich bislang für Stahls Thesen, die von den Nachwirkungen der seelischen Verletzungen aus der Kindheit auf Erwachsene handeln.

Für die einen unwissenschaftliche Küchenpsychologie, für die anderen eine augenöffnende Lektüre, um eigene Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen, so hat es das vielrezipierte Buch an die Verkaufsspitze geschafft und den Begriff des inneren Kindes geprägt.

Das innere Kind in Australien

Jennifer Down - Körper aus Licht (Cover)

Liest man nun Jennifer Downs Roman Körper aus Licht, so wirkt das Buch fast wie die literarische Bebilderung von Stahls Begriff des inneren Kindes. Denn Down zeigt in ihrem Roman, wie sich die Kindheit und die darin gemachten Erinnerungen auf das ganze Leben von Maggie auswirken, deren Lebensweg Down in diesem preisgekrönten Roman ausführlich schildert.

Ausgehend von Maggies Kindheit in den 70er Jahren erzählt Maggie aus Ich-Perspektive von ihrem Aufwachsen bei ihrem Vater, das nur von kurzer Dauer ist. Eine Mutter hat Maggie nie kennengelernt, nun sind heruntergekommene Motels, zweifelhafte weibliche Bekanntschaften, der Drogenkonsum ihres Vaters ihre Lebenswelt. Als sie vier Jahre alt ist, wird sie durch einen Bekannten ihres Vaters vergewaltigt und gelangt in der Folge in die Obhut des Staates Australien, als sie fünf ist. Fortan beginnt eine Odyssee durch Pflegefamilien und Pflegeheime, bei der sich nicht nur die steten Ortswechsel als Konstante ihres Lebens erweisen. Auch das Martyrium des Missbrauchs des jungen Mädchens setzt sich fort.

Schmerzen und Missbrauch werden zu lebenslangen Begleitern im Leben der Frau. Denn obschon sich Maggies Lebensbahn durch Schule und Studium zu stabilisieren scheint, ist es ein brüchiger Frieden mit sich selbst, der später wieder aufgekündigt wird.

Dieser Bruch mit allen bürgerlichen Aspekten ihrer Existenz motiviert auch den zweiten Erzählstrang der chronologisch geschilderten Lebensgeschichte Maggies. Dieser durchbricht immer wieder die über vierzig Jahre hinziehenden Chronologie der Schmerzen. Denn darin lernen wir Maggie als Untergetauchte kennen, die sich der Kontaktaufnahme mit einem anderen Pflegekind aus ihrer Kindheit verweigert. Warum sie dies tut und was ihren Status als Untergetauchte verursacht hat, das ist einer der zentralen Schmerzpunkte dieses Romans, den Jennifer Down ausführlich besieht.

Ich war noch keine fünfundzwanzig und hatte mein halbes Leben in Räumen verbracht, die ich mir weder ausgesucht hatte noch verlassen konnte. Zwölf Jahre in staatlicher Obhut. Ein Aufenthalt in der Psychiatrie, die mir damals in ihrer Vertrautheit fast beruhigend vorgekommen war.

Wie sonst ließe sich das erklären.

Jennifer Down – Körper aus Licht, S. 327

Intensiv und emotional

Mit Körper aus Licht gelingt ihr ein Buch, das man mit den Labels „intensiv“ und „emotional“ versehen kann. Tief geht die australische Schriftstellerin in ihrem Roman in den Schmerz hinein, spürt dem nach, was Missbrauch, der Verlust von Liebe und Zuneigung und die immer wiederkehrenden Muster aus Traumata in Maggies Leben anrichten und angerichtet haben.

In diesem tiefen Eindringen in das Innere von Downs Schmerzensfrau erinnert das Ganze tatsächlich an den auf dem Klappentext herangezogenen Vergleich mit Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben. Doch wo dieser Roman dem omnipräsenten Leid des Schmerzenmannes Jude St. Francis nachspürte, ist Körper aus Licht nuancierter und führt Maggie aus den tiefen Tälern des Schmerzes und der Trauer auch immer wieder zu Glücksmomenten ans Licht hinauf (wenngleich das Dunkel schon manchmal wirklich fast grotesk nachtschwarz wird und den Titel des Buchs selbst ad absurdum führt).

Dass die 1990 geborene Autorin für diesen Roman den wichtigsten australischen Literaturpreis, den Miles Franklin Literary Award zugesprochen bekam, ist angesichts dieser emotionalen Wucht und der extremen Nahaufnahme Maggies durchaus nachvollziehbar. Zudem richtet der Roman den Blick auf die Schattenseiten des australischen Fürsorgesystems, was im vergangenen Jahrhundert eine halbe Million Kinder durchlaufen mussten und dessen Abgründe erst langsam durch Untersuchungen ans Tageslicht befördert und aufgearbeitet werden. Hier besitzt Körper aus Licht auch eine gesellschaftskritische Relevanz, da es das Thema auf Basis der fiktionalisierten Geschichte in breiteres Bewusstsein bringt.

Fazit

Jennifer Down gelingt ein Parforceritt durch das Leben einer Frau, die immer wieder zurückgeworfen wird, deren Glück nie von langer Dauer ist und der man trotz der schon fast unwahrscheinlichen Häufung an Tiefs gebannt durch diese folgt, da Down einen Roman geschrieben hat, der genau beobachtet und tief in das Denken und Wahrnehmen seiner Heldin vordringt.

Auch durch die Montage gewinnt Körper aus Licht, was den Roman zu einem Buch macht, das seine Leser*innen auf eine lange und eindringliche Reise mitnimmt, die auch Stefanie Stahls Thesen des inneren Kindes untermauert und das die Auswüchse des australischen Fürsorgesystems in den Blick nimmt.


  • Jennifer Down – Körper aus Licht
  • Aus dem Englischen von Claudia Voit
  • ISBN 978-3-550-20249-0
  • 536 Seiten. Preis: 24,99 €
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Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen

Menschen im Abwärtsstrudel, eine Zehe zu viel, seltsame Gestalten im Schrank oder der unerwartet komplizierte Kauf einer Mausefalle. In seinem Kurzgeschichtenband Es werden schöne Tage kommen präsentiert der US-amerikanische Autor Zach Williams ganz unterschiedliche Erzählungen, die im Tonfall mitunter realistisch, oft aber auch skurril und fast immer leicht neben die Realität gesetzt sind.


Mitunter fühlt man sich ein wenig wie einer Traumwelt, wenn man sich in die Geschichten von Zach Williams hineinbegibt. Mal umfassen sie über 50 Seiten, mal sind sie nur sieben Seiten kurz wie die von Gedichtzeilen des Kinderbuchautors Richard Scarry inspirierte Geschichte Der neue Zeh. Diese Geschichte erzählt von einem Vater, der an den Füßen seines Sohns eine zusätzliche Zehe ausmacht – und diese kurzerhand amputiert.

So ein neuer Zeh – wie ließ er sich erklären? Es war wichtig, da zu irgendeinem Verständnis zu gelangen. Schließlich würde ich es anderen sagen müssen – dem Kinderarzt, der Kita -, und dann würde man von mir verlangen, dass ich Rechenschaft über diesen neuen Zeh ablegte. Ich würde dafür verantwortlich gemacht werden, so wie ich für jeden Aspekt seines Lebens verantwortlich war, als Sachwalter seines Wachstums und seiner Gesundheit und seines allgemeinen Gedeihens als Organismus. Und der Zeh war gerade erst aufgetaucht, aus heiterem Himmel; ich wusste so gut wie nichts über ihn.

Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen, S. 214

Doch wie sicher der Boden der Realität ist, auf dem sich diese Geschichte bewegt, bleibt fraglich. So ist es auch mit anderen Geschichten in diesem Erzählungsband. Luzider Traum oder Wirklichkeit? Das ist hier die Frage.

Alles in der Schwebe, uneindeutige Stimmung allerorten

Zach Williams - Es werden schöne Tage kommen (Cover)

Schon die Geschichte, der der Titel des Buchs entlehnt ist, wirft da Fragen auf. In der Erzählung Das Sauerkleehaus schickt Zach Williams von einem Paar mit Kind in ein leicht heruntergekommenes Sommerhaus, irgendwo in der Natur an einem Berghang. Wie in einer Zeitschleife durchlebt das Paar die neuen Routinen, die der Mann durch exzessiver werdende Ausflüge in die umgebende Natur von den Bergen bis zum Fluss durchbricht. Seine Frau bleibt zunächst mit dem Kind im Haus, muss dann aber auch eine bestürzende Entdeckung machen.

Was die Familie dorthin gebracht hat, was die Hintergründe für den Aufenthalt dort sind, ob es sich gar um eine Neudeutung des Adam und Eva Mythos im Preppermilieu mit einer Schnappschildkröte anstelle einer Schlange handelt, alles bleibt fraglich und in der Schwebe.

Überhaupt, die Schwebe und die uneindeutige Stimmung, sie sind Motiv in einigen Geschichten. Schon die Erzählung Probelauf, mit der Williams seine Storysammlung eröffnet, ist da ein gutes Beispiel. Ein Mann begibt sich trotz Sturm in sein Großraumbüro. Daheim ist der Strom ausgefallen, und so sitzt er nun im sturmumtosten Gebäude im vierzehnten Stock, wo ihm nur ein eigenwilliger Wachmann und ein ebenso rätselhafter Kollege Gesellschaft leisten – und Spam-Mails unklarer Provenienz.

Oft schwingt etwas Untergründiges in diesen Geschichten mit, in denen mal ein Mann die Wohnung seiner verstorbenen Nachbarin betritt und dort auf eine mysteriöse Gestalt trifft, mit der sich während seines Anrufs bei der Polizei ein Pas-de-deux entwickelt. Mal gerät der Fall eines trauernden Vaters zu einem luziden Fiebertraum auf einem Schiff (Lucca Castle), mal zeichnet seine Erzählung berührend den Abstieg eines Vaters nach, der von seiner Anstellung am American Visionary Art Museum in Baltimore und eigenen künstlerischen Versuchen bis zur Vagabundentum im Auto regrediert. Stets umfangen von der Sehnsucht nach seinem Sohn findet diese Geschichte mit einem gedrehten und gefalteten Zeitbezug statt (Ghost Image).

Die Methode der Realitätskontrolle

Wenn Zach Williams in Lucca Castle, der wohl abgedrehtesten Geschichte des Bandes, eine der Figuren betonen lässt, dass die Gruppe von Menschen, mit denen die Hauptfigur in Kontakt kommt, keine Terroristen seien, aber die Methode der Realitätskontrolle praktizierten, dann lässt sich das ein Stück weit auch auf Williams‘ Schreiben selbst übertragen. So spielt und kontrolliert auch er die Realitäten, die er uns präsentiert. Alles ist schwankend, nicht ganz verlässlich, rätselhaft und bisweilen luzide, im Deutschen übertragen und freigelegt von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz.

Das Talent für besondere Stimmungen zeichnet dieses literarische Debüt aus, bei dem sich Zach Williams auch etwas als writer’s writer zeigt, der von Percival Everett bis zu Jonathan Safran Foer viele Fürsprecher vorweisen kann. In seiner Danksagung zeigt er sich als gutvernetzter Autor (so studierte Zach Williams Creative Writing in New York und nennt in seiner Danksagung unter anderem Hari Kunzru, Joyce Carol Oates, Jeffrey Eugenides und Katie Kitamura als Mentoren und Unterstützer, die seine Entwicklungen als Autor gefördert hätten).

Fazit

Auch fand Es werden schöne Tage kommen Aufnahme in die letztjährige Sommer-Empfehlungsliste von Barack Obama. Es sind Geschichten, die über einen Zeitraum von insgesamt acht Jahre entstanden und die das Talent Zach Williams für Stimmungen und Realitätsschwankungen zeigen. Über allem liegt ein mal dickerer, mal feinerer Schleier, der Williams als wahren Meister der Realitätskontrolle zeigt. Von surrealer Traumlandschaft bis zum Albtraum ist hier alles enthalten, was durchaus neugierig macht auf das Debüt in der großen Form, das von Zach Williams vielleicht dereinst zu erwarten ist.


  • Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
  • Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz
  • ISBN 978-3-423-28461-5 (dtv)
  • 272 Seiten. Preis: 24,00 €
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