Richard Wright – Der Mann im Untergrund

Erstaunt blickt man während der Lektüre auf das ursprüngliche Erscheinungsjahr von Richard Wrights Roman Der Mann im Untergrund. Dieses Buch soll von 1941 sein? Dabei liest sich das ursprünglich als Kurzgeschichte erschienene Werk des 1908 geborenen Schriftstellers wie ein Kommentar auf Polizeigewalt und Rassismus aus der Jetztzeit. Ein beeindruckendes und fiebriges Werk, das hier in seiner ursprünglich vorgesehenen Form erstmals zugängig gemacht wird.


Dabei begnügt sich der Herausgeber Malcolm Wright nicht mit der schieren Reproduktion des ursprünglich geplanten Textes, der zunächst abgelehnt und später als Erzählung in der Anthologie Cross Section: An Anthology of New American Writing erschien. Es ist vielmehr ein ganzes Bündel von Texten, den der Herausgeber um Wrights Erzählung spinnt.

So gibt es neben einer Einleitung und einem Nachwort auch einen Text, der sich mit der Genese des Werks und der Versionsgeschichte von Der Mann im Untergrund beschäftigt. Darüber hinaus ist dem Buch ein Text von Richard Wright selbst beigefügt, der den Titel Erinnerungen an meine Großmutter trägt. Darin erinnert sich Wright der Glaubenswelt seiner Großmutter, die er in Verbindung zu Schwarzem Denken, Blues und der Jazzhaftigkeit seiner eigenen Prosa setzt.

Und auch wenn ich mich persönlich damit immer schwer tue, wenn uns ein Autor sein Werk selbst erklärt, Ausdeutungen vornimmt und damit die eigene Lesart und Interpretation verengt, so hat Wrights Text doch auch noch einmal eine ganz eigene Qualität, da er Quellen und Einflüsse seines Schreibens nennt und sein Buch in die Tradition des Jazzs stellt.

Und auch Malcolm Wrights Nachwort führt weitere Deutungsebenen von Der Mann im Untergrund, indem er Verweise auf Platons Höhlengleichnis und die christliche Mystik im Text herausarbeitet. Wer solche Interpretationen lieber Lektüreschlüsseln überlässt und auf die eigene Assoziationswelt beim Lesen setzt, der kann die Nachworte natürlich weglassen – aber man bringt sich im Fall dieses Buchs wirklich um bedenkenswerte Ansätze, die auch Einblicke in die Kulturwelt ihrer Verfasser erlauben.

Ein zeitloses Buch

Richard Wright - Der Mann im Untergrund (Cover)

Warum aber ist nun Der Mann im Untergrund so modern und geradezu zeitlos, wie ich in der Einleitung dieser Besprechung schrieb? Das liegt am Thema, das leider auch achtzig Jahre nach dem Erscheinen unvermindert aktuell (oder vielleicht sogar noch aktueller geworden) ist. Es geht nämlich um den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft, der sich schon auf den ersten Seiten des Buchs Bahn bricht.

Der Erzähler (Fred Daniels, wie uns Wright später indirekt wissen lässt) befindet sich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, als er von einem Polizistentrio festgenommen wird. Sie verhaften ihn, bringen ihn auf das Polizeipräsidium und misshandeln ihn. Er soll ein Geständnis für einen Mord unterschreiben – was Daniels nach schier endlosen Qualen und Unverständnis über seine Lage dann tut. Ihm wird noch ein letzter Besuch bei seiner hochschwangeren Frau zugestanden, die kurz vor der Entbindung steht. Im Krankenhaus flüchtet Daniels anschließend mehr oder minder stümperhaft und entdeckt durch einen Gullydeckel eine Welt tief verborgen unter der unseren.

In der Tiefe der Kanäle

Und so steigt der moderne Hades hinab in die Unterwelt, um dort die dunkle Welt der Kanäle und Kavernen zu erkunden. Drei Tage wird er der Welt abhanden kommen, die Kanäle durchmessen, in Häuser einbrechen und durch das Dunkle irren. Doch nicht nur in der Tiefe der Stadt droht er sich zu verlieren, auch sein Verhalten und sein Geist irrlichtern teilweise beträchtlich, während er die unterirdische Architektur seiner eigentlich vertrauten Heimatstadt neu kennenlernt.

Dabei eröffnen sich ihm ungewohnte Perspektiven auf die „normale“ Welt, die Ähnlich wie etwa in Lukas BärfußHagard erleben wir auch hier einen Mann, der binnen Kurzem aus der gewohnten Lebensumgebung herausfällt und fortan als Außenseiter neben der übrigen Gesellschaft herlebt. Das eröffnet Richard Wright viel Raum zur Schilderung von gesellschaftlichen Prozessen und der Ausgrenzung von Schwarzen in der Gesellschaft. Zur bitteren Lektüreerfahrung gehört neben der Erzählung Wrights selbst die bittere Erkenntnis, das sich trotz der Benennung von Rassismen und der Schilderung der Polizeigewalt nichts zum Besseren gewandt hat.

Fazit

George Floyd, Black Lives Matter, die jüngste rassistische Schißerei in Buffalo und Co belegen leider die Zeitlosigkeit von Wrights Roman, der hier nun erstmals wieder in der ursprünglich geplanten Version inklusive Komponenten wie der explizit genannten Polizeigewalt les- und erlebbar gemacht wird. Es ist eine begrüßenswerte Entscheidung, der hoffentlich viele Leser*innen vergönnt sind. Denn dieses Roman hat eine unglaubliche Wucht, einen wild puckernden Rhythmus und eine Zeitlosigkeit, die ob des Entstehungsdatums von 1941 staunen lässt. Hätten Ann Petry, James Baldwin und Eugene Sue ein Buch zusammen ein Buch verfasst, dann wäre wohl Der Mann im Untergrund herausgekommen. Ein beeindruckendes Werk!


  • Richard Wright – Der Mann im Untergrund
  • Mit einem Nachwort von Malcolm Wright
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-0369-5873-6 (Kein & Aber)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €
Diesen Beitrag teilen

Francesca Reece – Ein französischer Sommer

Eine junge Engländerin, die sich etwas orientierungslos durch ihr Leben in Paris schlägt. Ein arrivierter Schriftsteller, der per Anzeige jemanden als Sekretär oder Sekretärin sucht, um über die Sommermonate hinweg seine Tagebücher zu sichten und zu ordnen. Und ein Aufeinandertreffen dieser beiden Figuren in der sommerlichen Hitze der französischen Südküste. Könnte im Klischee enden? Tut es tatsächlich nicht, denn Francesca Reeces Debüt Ein französischer Sommer erzählt von Lebenslügen, der Verdrängung der eigenen Vergangenheit und der Unbeschwertheit, die natürlich kein dauerhafter Zustand ist. Kein ganz rundes Debüt, aber ein passables Sommerbuch.


Leah ist eine Figur, wie sie sich auch Sally Rooney ausgedacht haben könnte. Mitte zwanzig lässt sich die junge Britin recht orientierungslos durch ihr Leben treiben, das sie nach Paris geführt hat. Ein Job im Szenecafé, viele Gespräche mit ihrer Freundin Emma, Partys, Alkohol, Sex und Streifzüge durch die Stadt. So sieht Leahs momentanes Leben aus, dem eine Anzeige im Pariser Stadtmagazin FUSAC die Wende bringt. Dort entdeckt sie folgende Annonce:

AUTOR SUCHT ASSISTENT/IN ZUR UNTERSTÜTZUNG BEI ARCHIVARBEIT/RECHERCHE FÜR NEUEN ROMAN.

Mit einem shaekspearischen oder klassischen Namen brauchen Sie sich nicht zu bewerben.

PARIS UND SÜDEN. TEILZEIT. MICHAEL: 01.14.24.60.86

Francesca Reece, Ein französischer Sommer, S. 12

Und obwohl das Telefonat zunächst nicht den gewünschten Erfolgt zeitigt, erhält Leah die Stelle über Umwege dann doch noch. Bei ihrem Arbeitgeber handelt es sich um den Literaten und Bohemien Michael Young.

Briten in Frankreich

Seine Stimme war Teil der genetischen Ausstattung der englischen Literaturlandschaft seit Ende der Siebziger gewesen, als sein erster Roman, Richards Fall, erschienen war. Bis ins neue Jahrtausend hinein hatte er am laufenden Band zynische moderne Klassiker produziert und genoss die Bewunderung des Establishments der alten Garde genauso wie er von den gebildeten Möchtegern-Rebellen geschätzt wurde, die sich im Filmklub Apocalypse Now anschauten und für David Foster Wallace die Abkürzung DFW benutzten.

Francesca Reece – Ein französischer Sommer, S. 42

Die Arbeit für den Autor, dessen letzter Roman irgendwann um die Jahrhundertwende herum erschien, führt Leah in das Sommerdomizil von Michaels Familie an der französischen Südküste. Dort sichtet Leah die Tagebücher, die sie tief in die umtriebige Persönlichkeit des Literaten eintauchen lassen. Und Michael spürt sein literarisches Talent wiederkehren, während Partys gegeben werden, Leah im Meer badet und die einheimische Bevölkerung näher kennenlernt. Doch ein Paradies ist auch Saint Luc natürlich nicht, denn in der Vergangenheit von Michael gibt es einige dunkle Schatten, die sich dort am Meer in jenem französischen Sommer nun Bahn brechen.

Zwei Erzähler, zwei Generationen, zwei Leben

Francesca Reece - Ein französischer Sommer (Cover)

Francesca Reeve hat einen Roman geschrieben, der abwechselnd aus der Perspektive von Leah und Michael erzählt ist. Neben dem Handlungsstrang der Gegenwart spielt auch die Vergangenheit in England eine wichtige Rolle. Während Leah die Tagebücher Michael Youngs sortiert und sichtet, lernt man in Rückblenden den jungen Michael kennen, der es in Sachen Orientierungslosigkeit und Umtriebigkeit durchaus mit der Leah der Gegenwart aufnehmen kann. Während sich in Saint Luc die Situation zuspitzt, erlebt man in den Erinnerungen Michaels noch einen weiteren prägenden Sommer, der dann allerdings in Griechenland statt in England oder Frankreich spielt.

Das Ganze erinnert in manchen Passagen (besonders den in Griechenland spielenden Episoden) an die jüngst erschienen Romane Sommer der Träumer von Polly Samson oder Lawrence Osbornes Welch schöne Tiere wir sind, nicht nur aufgrund des gleichen Schauplatzes, sondern auch aufgrund der Sezierung von Gruppendynamiken, Liebe und Täuschung in der sommerlichen Hitze.

Was Ein französischer Sommer dann im Vergleich zu diesen Titeln in meinen Augen etwas schwächer macht, ist das Gefühl, hier ein paar lose Erzählstränge zu lesen, die sich als Buch nicht ganz kompakt und überzeugend runden und etwas unverbunden nebeneinander stehen.

So gibt es die Einzelteile des jungen Slacker-Lebens von Leah im Stile von Sally Rooney, die Episoden vom Dolce-Vita-Leben an der Südküste im Sommerhaus der Familie und die Episoden aus Michaels Vergangenheit. Die Teile für sich sind gut gemacht, fügen sich aber nicht immer homogen ein oder passen in ihrem Ton und dem erzählten Inhalt nicht unbedingt immer zueinander. Hier zeigt sich Optimierungspotenzial für weitere Romane von Francesca Reece, die ihre Erzählstränge noch etwas sorgfältiger miteinander verknüpfen sollte, um ein einheitliches und überzeugendes Ganzes abzuliefern.

Fazit

Zwei Leben, zwei Generationen Exilbrit*innen und dazwischen viel Diskurse um Kultur und Schreiben. Sommern an der französischen Südküste, das süße Leben der Boheme und die Frage, wie viel Sein und wie viel Schein ist, das beschäftigt Francesca Reece in ihrem Debüt, das sich als passables Sommerbuch irgendwo zwischen Sally Rooney, Claire Fuller und Miranda Cowley-Heller einordnet.


  • Francesca Reece – Ein französischer Sommer
  • Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler
  • ISBN 978-3-10-397068-5 (S. Fischer)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €
Diesen Beitrag teilen

Stefan Hertmans – Der Aufgang

Erwies sich Stefan Hertmans in seinem Buch Krieg und Terpentin als Meister der Verknüpfung historischer Ereignisse (in diesem Falle des Ersten Weltkriegs) mit der eigenen familiären Biographie, führt er dieses Erfolgsmodell in Der Aufgang fort. Darin folgt er den Spuren des Vorbesitzers seines Hauses tief hinein in die Zeit des Nationalsozialismus und beleuchtet so die Facette flämischer Kollaborateure und Widerständler zur Zeit des des Dritten Reichs.


Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends fiel mir ein Buch in die Hände, aus dem ich erfahren sollte, dass ich zwanzig Jahre im Haus eines ehemaligen Mitglieds der SS gewohnt hatte.

Stefan Hertmans – Der Aufgang, S. 7

So hebt das neue Buch von Stefan Hertmans an, das vom Diogenes-Verlag mit der Bezeichnung Roman versehen wurde. Tatsächlich ist das Buch eine spannende Mischung aus historischer Studie, persönlicher Befragung und Rekonstruktion.

Anfang der 80er Jahre erwirbt Stefan Hermans ein verfallenes Haus in der Drongenhof-Straße inmitten des Genter Stadtviertels Patershol. Kurz nachdem er das Haus wieder verkauft hat, stößt er auf das Buch seines alten Professors Adriaan Verhulst. Darin schilder diese seine Kindheit in jenem Haus, dessen kurzzeitiger Besitzer Hertmans war. Die Beschreibungen der familiären Vergangenheit und die Tatsache, dass ein echter Nationalsozialist in diesem Haus in Drongenhof wohnte, erschüttern Hertmans nachhaltig, sodass er zu recherchieren beginnt und die Biographie der ehemaligen Bewohner des Hauses langsam erarbeitet. So setzt er das Porträt des Hauses und der Familie Verhulst zusammen, die er im Folgenden chronologisch erzählt, immer wieder unterbrochen von Gängen durch das Haus mit bewegter Geschichte.

Vom flämischen Nationalisten zum Kollaborateur

Stefan Hermnas - Der Aufgang (Cover)

Dabei widmet er sich hauptsächlich Willem Verhulst, der schon früh als flämischer Nationalist auffällt. 1898 geboren heiratet er seine jüdische Frau Elsa, die sich für Willem scheiden lässt und 1926 stirbt. Ein Jahr später ehelicht er dann Hermina, genannt Minje, eine bibeltreue Niederländerin, mit der er drei Kinder hat. Neben seinem Eifer für die flämischen Separatismus ist es auch schon bald Hitler, dessen Bewegung Verhulst begeistert und zu seinem Antrieb wird.

Nach der Machtergreifung und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird er zu einem überzeugten Unterstützer der Nazis und nimmt nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Belgien auch eine führende Rolle als Kollaborateur ein. In Gent gibt er in seinem Haus in der Drongenhof-Straße Empfänge für Nazis – sehr zur Empörung seiner empfindsamen Frau, die nur ihren drei Kindern und Gott die Treue schwört und der nicht nur die Hitlerbüste im von ihr „Totenzimmer“ getauften Salon ein Dorn im Auge ist.

Häufig kommt es zu Streitereien, Willem fällt durch lange Abwesenheiten auf – und setzt sich schließlich mit einer Geliebten nach Deutschland ab, als das Ende des Dritten Reichs naht. Dabei erzählt Hertmans sehr plastisch, fühlt sich mithilfe von Tagebüchern und Memoiren in seine Figuren ein und beschränkt sich nicht nur auf das Referieren von historischen Fakten. Immer wieder versucht er auch die Motivationen seiner historischen Figuren zu ergründen, stellt Verbindungen von der Vergangenheit zur Gegenwart her oder erlaubt sich Spekulationen, wenn er das Innenleben von Willem oder anderen Familienmitgliedern schildert:

Da ist etwas in seinem Inneren, das ihn verzweifeln lässt. Das Gefühl, das nichts mehr so sein wird wie früher. Er hat Angst, dass die Geliebte noch auf seiner Haut zu riechen ist, gleichzeitig könnte er vor lauter Verliebtheit losheulen.

Stefan Hertmans – Der Aufgang, S. 200

Das unterscheidet Der Aufgang von einem historischen Sachbuch – hier ist immer ein Erzähler im Raum, egal ob bei der Begehung mit dem Notar in der Gegenwart oder beim Blick zurück auf die Familie Verhulst. Das mag Geschichtsschreibung-Puristen verprellen – schließlich finden sich nicht einmal richtige Fußnoten im Text, nur eine Literaturliste mit Titeln, die Hertmans bei seinen Recherchen verwendete, findet sich im Anhang. Klassische Geschichtsschreibungs- und Quellenarbeit sieht natürlich anders aus.

Dafür erteilt sich Hertmans mit seinem Vorgehen und der Montagetechnik die Lizenz für literarische Freiheit, die er maximal zu nutzen weiß, um dem überzeugten Flamen und Nationalsozialisten Willem Verhulst nahezukommen. Es ist keine leichte Aufgabe, das Leben und damit die Motivationen eines Fanatikers und Nationalsozialisten nachzuzeichnen – Hertmans stellt sich ihr aber tastend und suchend und löst die Aufgabe somit aber wirklich gut. Durch die Verwendung der Tagebücher und Aufzeichnungen ist der 1951 in Gent geborene Schriftsteller immer ganz nah an seinen Figuren dran, ohne dass er den Fehler macht, zu viel für sie zu werben oder sie zu verklären.

Fazit

Stefan Hertmans Buch sortiert sich irgendwo zwischen Helmuth Lethens Die Staatsräte, klassischer Biographiearbeit und der momentan so angesagten Jahreszahlenbücher á la Illies oder Wittstock ein. Abermals gelingt es Hertmans, aus der Verbindung eigener und fremder Vergangenheit Funken zu schlagen und ein packendes und beeindruckendes Leseerlebnis zu schaffen, dass das Bild eines flämischen Kollaborateurs und dessen Familie zu erzählen.


  • Stefan Hertmans – Der Aufgang
  • Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
  • ISBN 978-3-257-07188-7 (Diogenes)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €
Diesen Beitrag teilen

Franziska Fischer – In den Wäldern der Biber

Der deutschen Literatur gebricht es an Weltläufigkeit. Es sind die immergleichen Berlin- und Dorfromane, die die deutsche Literatur hervorbringt, so lautet der oftmals vorgebrachte Vorwurf gegenüber der hiesigen Literaturproduktion. Und nun kommt Franziska Fischer daher und liefert noch einen weiteren Dorfroman. Den obigen Vorwurf kann dieses Buch nicht entkräften – aber gut unterhalten, wenn auch nicht klischeefrei. In den Wäldern der Biber.


Spechtenhausen ist ein Dorf im Brandenburgischen. In der Nähe von Eberswalde gelegen kann man dieses Nest wahrlich als Provinz bezeichnen. Dort lebt der Großvater von Alina, zu dem die junge Frau lange keinen Kontakt mehr hatte. Als sie sich nun von ihrem Freund in Frankfurt trennt, erinnert sie sich ihrer alten Familienbande und reist als kopfüber in die ostdeutsche Provinz.

Dort in Spechtenhausen will sie Abstand zum Erlebten gewinnen und ein paar Tage bleiben. Doch aus den Tagen werden Wochen, nachdem sie im renovierungsbürftigen Haus ihres Großvaters als Untermieterin Quartier bezogen hat. Während ihr Großvater in den Wäldern als lokaler Biberexperte die Population der Nager im Blick hat, lebt sich Alina langsam im Dorf ein und macht alte und neue Bekanntschaften.

Natur, Essen und Liebe

Um In den Wäldern der Biber in seiner Schwerpunktsetzung und Erzählweise zu untersuchen, genügen exemplarisch zwei Absätze aus dem Buch, die sich im Kapitel 20 auf Seite 263 finden:

Ich schmiege mich an seinen Rücken und umschlinge mit den Armen seinen Bauch, während der den letzten Teigrest verarbeitet. Parallel dazu wärmt er goldene Herbsthimbeeren aus Opas Garten mit etwas Ahornsirup in einem winzigen Topf auf, bis sich ein Teil in Sauce aufgelöst hat. Die Stirn zwischen seine Schulterblätter gelehnt, atme ich seinen Geruch ein und nehme seine Wärme auf, und für einen Moment habe ich das Gefühl, all das seit Ewigkeiten vermisst zu haben, obwohl man doch nichts vermissen kann, das man nicht kennt.

Wir frühstücken draußen, der Morgen ist noch frisch. Der Herbst tastet sich langsam näher, und ich habe das Gefühl ,so viel Wärme und Draußenluft und Sonne aufnehmen zu müssen wie nur möglich, um alles über die folgenden Monate versprenkeln zu können.

Franziska Fischer – In den Wäldern der Biber, S. 263
Franziska Fischer - In den Wäldern der Biber (Cover)

In den Wäldern der Biber legt – wie der Titel schon andeutet – einen großen Schwerpunkt auf die Natur dort im Brandenburgischen. Immer wieder streut Fischer Naturbetrachtungen der sommerlichen Lebenswelt im Garten und im angrenzenden Wald ein. Und auch wenn es einmal stürmt und sich der Wald in bedenklichen Zustand befindete – eigentlich ist die ganze Natur im Buch nur positiv assoziiert und wirkt auf Alina stimulierend (hier die Sonne und die Draußenluft, die für sie eine krasse Abwechslung zum stickigen und zubetonierten Frankfurt sind).

Neben der Natur spielt auch die Liebe ein große Rolle. Schon am ersten Abend landet Alina im falschen, da ursprünglichen Haus ihres Großvaters und macht die Bekanntschaft mit einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Bruder Elias, der ebenfalls in der Hausgemeinschaft wohnt. Es ist nicht überraschend, wohin Fischers Roman mit dieser Personenkonstellation steuert. Natürlich nähern sich die beiden Singles an und es entspinnt sich eine Romanze, bei der sich die Frau dann natürlich an den Rücken des Mannes schmiegt.

Goldene Herbsthimbeeren und ein Foodtruck

Der dritte Faktor, der sich aus dem obigen Absatz herauslesen lässt, ist das Essen, das ebenfalls eine elementare Rolle spielt. Manchmal kommt man sich im Buch wie in der Wochenmarkt-Kolumne der Zeit vor, so regional und bio ernährt man sich hier und achtet den Wert der Lebensmittel. Alina konsumiert kaum tierische Produkte, was sie mit der Schwester von Elias verbindet. Man bereitet leichte Speisen zu, genießt gemeinsam und bekommt von der Nachbarin schon einmal Lasagne an den Zaun geliefert. Hier hält man sich Hühner, lässt Saucen einreduzieren und nimmt sich Zeit zum Essen und Genießen. So sind die Himbeeren dann ja auch nicht einfach Himbeeren, sondern eben goldene Herbsthimbeeren.

Der Singlemann selbst arbeitet in einer Pizzeria, experimentiert stundenlang in der heimischen Küche an Rezepten und brütet ob des richtigen Verhältnisses von Cassia- und Ceylonzimt und hegt einen großen Businessplan: die Selbstständigkeit mit einem Foodtruck.

Und auch wenn das alles natürlich begrüßenswert ist, so wirkte In den Wäldern der Biber auf mich doch stellenweise wie, ich mir im Kopf klischeehaft eine Familie auf dem Dorf mit Biokisten-Abo und indirekt beleuchteten Ottolenghi-Kochbuchregal vorstelle. Die eigene gut ausgestattete Küche im Eigenheim mit Blick ins Grüne, die Zeit für perlende Gespräche am Nachmittag, Ausflüge zur einer Freundin an die Ostsee. Das ist die Lebenswelt, die Alina in Spechtenhausen vorfindet und in die sie sich nahtlos einfügt. Zwischen all den teifsinnigen Gesprächen und Essensdates findet sie sogar noch Zeit zur Renovierung des großväterlichen Hauses und plant dessen Ausbau.

In seiner Betulichkeit und Erwartbarkeit war das für mich teilweise doch eher der Wohlfühl-Freitagsfilm in der ARD statt ein überzeugender Roman, der die Brüche im Dorfleben und im Charakter von Alina herausarbeitete. Verödung und Vereinsamung, Probleme mit Rechtsextremismus, Abwanderung, die Frage der eigenen Identität, soziologische Verwerfungslinien auf dem Land in Ostdeutschland – nichts hiervon findet sich im Buch, stattdessen las sich das Ganze für meinen Geschmack deutlich zu glatt und verklärend. Das Buch ist eine feelgood-Hymne auf das Dorfleben, dem ein paar kritischere Töne auch gut angestanden hätten.

Fazit

Franziska Fischer ist Lektorin und versteht ihr Erzählhandwerk, daran lässt In den Wäldern der Biber keine Zweifel. Rhythmus, Naturschilderungen, alles passt und ist sauber gearbeitet. Immer wieder gibt es genau beobachtete Formulierungen und ansprechende Beschreibungen, die überzeugen. Als Unterhaltungsroman funktioniert das Buch auch sehr gut – alleine ich hätte mir etwas mehr Tiefe und Brüche anstelle von betulicher Dorfromantik und erwartbaren Entwicklungslinien erhofft.

Mit In den Wäldern der Biber kann man sicherlich nicht den Gegenbeweis zur Provinzialität der deutschen Literatur antreten. Als Unterhaltungsroman und Hymne auf das Dorfleben in Brandenburg geht das Buch absolut in Ordnung, auch wenn ich mir mehr Tiefgang und Widerhaken gewünscht hätte. Diese subjektiven Wünsche und fehlgeleiteten Erwartungen meinerseits dürften dem Erfolg des Buchs auf dem Buchmarkt aber nicht im Wege stehen. Als feelgood-Roman ist Franziska Fischer Buch für eine breite Leserschaft sicherlich ein potentieller Konsens- und Erfolgstitel.


  • Franziska Fischer – In den Wäldern der Biber
  • ISBN 978-3-8321-6592-5 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 20,00 €
Diesen Beitrag teilen

Selene Mariani – Ellis

Schon das Cover von Selene Marianis Debüt Ellis macht klar: hier geht es um Teilung, Hälften, aber auch das Verbindende, das unsere Persönlichkeiten ausmacht. In ihrem Debüt erkundet die 1994 geborene Autorin tastend und springend das Leben ihrer Protagonistin Ellis und deren Freundin Grace. Ein interessant montiertes Porträt einer prägenden Freundschaft.


„Das beste Lied der Welt“, sagt Grace.

„Oh ja“, sage ich, und ihr Lächeln spiegelt sich in meinem Gesicht.

„Du magst sie auch?“ Grace hält mir begeistert das Cover hin.

„Klar“, sage ich und schaue darauf. „Kim“, lese ich laut.

„Langsam wird das unheimlich“, sagt Grace begeistert. „Wir sind ja ein und dieselbe Person.“

Selene Mariani – Ellis. S. 87

Sind sie das wirklich, ein- und diesselbe Person, die sich da in ihren Gesichtern spiegeln? Oder sind Grace und Ellis in Wahrheit nicht zwei ganz unterschiedliche Hälfte, die doch einander bedingen und brauchen? Um diese Frage kreist Selene Mariani in ihre Roman, der die Zerrissenheit der Ich-Erzählerin Ellis schon in der Struktur des Buchs selbst findet. Denn Mariani springt wild durch die Lebensjahre von Ellis – und wechselt auch zwischen dem Schauplatz Deutschland und Italien hin und her. So findet man sich nach knappen eineinhalb Seiten in Deutschland 2015 auf den nächsten Seiten schon wieder im Italien des Jahres 2019. Kurze Kapitel mit deutlichen Sprüngen markieren den Rhythmus des Textes.

Zwischen Vater und Mutter, Italien und Deutschland

Nachdem sie mit ihrer Mutter nach Deutschland gezogen ist, besucht sie zu Anfang der 2000er Jahre die Schule. Während die No Angels tausende von jungen Mädchen faszinieren und träumen lassen – darunter auch Ellis – ist die Schule alles andere als ein Ort für Träume. Ellis wird gemobbt und ausgegrenzt – bis eines Tages ein neues Mädchen das Klassenzimmer betritt und gleich darauf Freundschaft mit Ellis schließt. Ihr Name ist Greta – genannt Grace – die zudem im gleichen Haus wie Ellis und ihre Mutter wohnt.

Selene Mariani - Ellis (Cover)

Im Jahr 2019 nun läuft Grace fast in Ellis hinein, als diese auf offener Straße für ein Unternehmen Unterschriften einwerben soll. Nach Jahren des Schweigens und der Distanz begegnen sich die beiden Frauen so wieder, was Selene Mariani als Rahmenhandlung die Möglichkeit gibt, in hingetupften Erinnerungsfragmenten der Beziehung der ehemaligen Freundinnen nachzuspüren. So erhält man Stück für Stück Einblick in die komplizierte Bindung der beiden Frauen, die von Schulzeiten über einen Urlaub in Italien bei Ellis‘ Großeltern bis hinein in die erzählte Gegenwart reicht, als sie sich beide langsam wieder annähern.

Dabei ist die Dichotomie stetes Erzählprinzip. Angefangen beim Cover reicht die Spiegelung der Dinge von Offensichtlichem bis hinein in kleinste Details. So lebt Ellis zwischen Vater und Mutter, Italien und Deutschland hin- und hergerissen, hat mit Grace eine zweite für sie spiegelgleiche Hälfte entdeckt, besucht mit dieser Verona (mit seinem berühmten Balkon und Liebespaar) und darf ganz knapp vor Ende des Buchs auf Seite 147 dann noch Mulino Bianco-Kekse futtern. Es sind jene Kekse, die mit einer je einer hellen und einer kakaofarbenen Hälfte dann doch wieder einen Kreis ergeben. Immer wieder finden sich solche Stellen, die Interpretationen erlauben und vielgestaltig gelesen werden können.

Zerrissenheit und nicht gesagte Dinge

Ellis ist aber auch ein Roman, der vom Schweigen, von den nicht gesagten Dingen handelt, die man verdrängt oder die sich in der Rückschau verformen. Durch die spartanische und pointillistische Erzählweise Selene Marianis eröffnen sich genau dafür Freiräume, da sie die Ausdeutungen und Wertungen den Leserinnen und Lesern überlässt.

Das ist ein spannendes Erzählkonzept, das bei mir leider nicht in Gänze verfangen hat. Denn mir waren die Interpretationsräume etwas zu groß und das Erzählte zu wenig, als dass dieses Debüt in meinem Kopf Luftwurzeln geschlagen hätte, wie es im Buch an einer Stelle heißt (womit Mariani en passant dem Geburtstagskind Novalis die Ehre erweist).

Die Idee, die Zerrissenheit der Protagonistin durch die Struktur des Textes abzubilden, ist durchaus lobenswert, erwies sich für mich aber auch als kleiner Schwachpunkt des Ganzen.

Persönlich hätte ich mir noch etwas mehr Tiefe in der Schilderung der Beziehung gewünscht, noch intensivere Blicke in das Seelenleben von Ellis, das an allen Stellen, an denen es interessant werden könnte, gleich wieder abbricht, um an einem anderen Ort und anderen Jahr wieder neu anzusetzen. Auch das Ende in seiner Abruptheit ließ mich etwas überrascht zurück – aber im erzählerischen Mut ist das Buch natürlich zu loben.

Fazit

Von persönlichen Einwänden und Geschmacksurteilen abgesehen ist Ellis ein in seiner Knappheit und seiner Affinität zu interpretatorischer Vielgestaltigkeit interessantes Debüt, das der Wallstein-Verlag hier präsentiert. Selene Mariani überzeugt mit Zurückhaltung, Mut zu erzählerischen Leerstellen und gibt Einblick in das Seelenleben einer Deutsch-Italienierin, die sich selbst nicht immer gewiss ist.


  • Selene Mariani – Ellis
  • ISBN 978-3-8353-5152-3 (Wallstein)
  • 147 Seiten. Preis: 20,00 €
Diesen Beitrag teilen