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Slumdog Detectives

Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar

Von den sozialen Unterschieden im modernen Indien, von verschwundenen Kindern und einer Bande Kinder-Detektive erzählt die Inderin Deepa Anappara in ihrem Debüt Die Detektive vom Bhoot-Basar. Ein Buch, das aus kindlicher Perspektive ein zutiefst widersprüchliches Land porträtiert (übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda).


Zugegeben: Indien ist ein Thema, das in unserer westlichen orientierten Kultur eine eher untergeordnete Rolle spielt. In der Literatur könnte man Vikas Swarup, Arundhati Roy oder Aravind Adiga als prominenteste Vertreter nennen. Und auch Jhumpa Lahiri zähle ich als zumindest indisch-stämmige Autorin mit. Damit hat es sich aber schon. Auch auf diesem Blog hier habe ich das Land literarisch wenig auf dem Schirm.

Ebenso wie in der Literatur ist auch im Kino – abgesehen von Bollywood – Indien Mangelware. Am ehesten wäre hier noch Danny Boyles Film Slumdog Millionaire aus dem Jahr 2008 zu nennen, der immerhin oscarprämiert wurde.

Tatsächlich war auch jene filmische Referenz die Erste, die mir während der Lektüre von Die Detektive vom Bhoot-Basar in den Sinn kam. Ebenso wie im Film ist es auch hier bei Deepa Anappara ein Kind, aus dessen Warte wir seine Welt und die gesellschaftlichen Verhältnisse geschildert bekommen. Im Falle von Deepa Anapparas Buch heißt ihr Ich-Erzähler Jai. Zusammen mit Pari und Faiz bildet er jenes titelgebende detektische Triumvirat vom Bhoot-Basar. Der Hintergrund dazu ist ein trauriger (und leider höchst aktueller, wie die Autorin im Nachwort ihres Buchs schildert). Täglich verschwinden in Indien Kinder – was aber niemanden wirklich groß interessiert. Schließlich ist Indien sehr bevölkerungsreich und die verschwundenen Kindern stammen meist aus niedrigen Kasten ohne entsprechende soziale Bedeutung. Und auch im Bhoot-Basar ist dies nicht anders.

Die indischen Drei ???

Ein Schulkamerad Jais ist verschwunden. Die Polizei glänzt allerdings durch Abwesenheit, lässt sich lediglich bestechen um den Fall dann ad acta zu legen. Die fragenden Verwandten des Jungens speist man ab und droht bei weiterem Nachhaken einfach das Basti, also das slum-ähnliche Stadtviertel in dem Jai und seine Freunde leben, kurzerhand per Bulldozer einzuebnen. Das will Jai allerdings nicht so hinnehmen. Als glühender Fan indischer und amerikanischer Krimiserien beschließt er, mit seinen beiden besten Freunden die Spur des Verschwundenen aufzunehmen.

Deepa Anappara - Die Detektive vom Bhoot-Basar (Cover)

Als eine Art indischer Drei ??? machen sich die Kinder auf und ermitteln in ihrem Basti und darüberhinaus. Findig wird kurzerhand ein Straßenhund eingespannt, um die Fährte ihres Freundes aufzunehmen. Doch dann verschwindet wieder ein Kind. Und noch eins. Ist es wirklich ein böser Dschinn, der im Viertel umgeht und sich die Kinder holt?

Es ist eine aktuelle Thematik, die dem Buch zugrundeliegt. Aus ihrer Empörung über die sozialen Zustände und aus ihrem Versuch heraus, die Aufmerksamkeit auf dieses schreiende Unrecht zu lenken, ist dieser Roman entstanden, wie Deepa Anappara im Nachwort des Buchs erklärt. Aus einem moralischen Impetus heraus geschriebene Literatur läuft meistens Gefahr, unter ihrer guten Absicht in die Knie zu gehen. Stilistisch überzeugt das Ganze oftmals nicht. Hier ist das dankenswerterweise anders.

Ein kleiner Indisch-Crashkurs von Deepa Anappara

Denn sowohl die Perspektive, aus der sie die Geschichte schildert, als auch die Sprache sind stimmig. Gleichzeitig könnte diese Authentizität auch viele Leser*innen abschrecken. Denn das Buch birst schier vor indischen Termini. Verwandschaftsbezeichnungen, Kosenamen, Örtlichkeiten – alles hat seine eigenen Namen, die in einem beigefügten Glossar erklärt werden. Dennoch fühlt sich das alles auch ein wenig nach Indisch-Sprachkurs für Anfänger an.

Aber sei’s drum – das Buch ist nicht nur ein guter Roman mit kriminalliterarischen Elementen. Auch die Widersprüche des Landes und die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich thematisiert das Buch auf ansprechende Weise. Völlig neu ist die Erkenntnis der sozialen Unterschiede und der schreienden Armut nicht. Aber wie Deepa Anaparra dieses Nebeneinander von armen Basti und den Reichen-Hochäusern, genannt HiFi-Hochhäuser inszeniert, das ist wirklich gut gemacht. Das Leben dort im Slum, bei dem man für einen normalen Toilettengang anstehen und bezahlen muss, während nebenan auf der Müllkippe andere Kinder den Unrat auch aus den Hochhäusern durchwühlen; es sind diese Gegensätze, die berühren. Und auch der Schluss des Buchs ist in der Logik des Romans stimmig und lässt nachdenklich zurück. Dass da die klischierte Covergestaltung völlig am Charakter des Buchs vorbeigeht, darüber will ich hier eingedenk des tollen Inhalts hinwegsehen.

Fazit

Ein Buch mit Botschaft, ein kindliches Detektivtrio, ein Blick auf die Widersprüche des modernen Indiens: Die Detektive vom Bhoot-Basar bietet all das. Engagierte Literatur, die dankenswerterweise von Rowohlt als Spitzentitel des Frühjahrsprogramms prominent platziert wurde. Denn das Buch und sein Thema verdienen Aufmerksamkeit.


  • Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar
  • Aus dem Englischen von pociao und Roberto von Holland
  • ISBN: 978-3-498-00118-6 (Rowohlt)
  • 400 Seiten, Preis: 24,00 €
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Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall

Bei diesem Buch freut sich jeder Sparfuchs – denn statt einem Krimi erhält der Leser von Die Morde von Pye Hall gleich zwei Krimis in einem Buch. Da lohnt sich die Lektüre gleich doppelt!

Anthony Horowitz bleibt nach seinem Holmes-Pastiche Das Geheimnis des weißen Bandes und Der Fall Moriarty dem klassischen Krimi treu. Im Kern von Die Morde von Pye Hall steckt nämlich ein waschechter Landhauskrimi des fiktiven Bestsellerautoren Alan Conway. Dieser hat seinem Detektiv Atticus Pünd schon eine ganze Reihe von Fälle auf den Leib geschneidert. Auch der neueste Fall ist ganz althergebracht: Im verschlafenen Dörfchen Saxby-on-Avon ist die Haushälterin von Sir Magnus Pye umgekommen. Ein Mord, so mutmaßen einige, ein Unfall, so die offizielle Verlautbarung. Im Dörfchen schießen die Verdächtigungen schon ins Kraut – doch der weltberühmte Detektiv Atticus Pünd tritt erst auf den Plan, nachdem nun auch Sir Magnus Pye umgekommen ist. Denn die Todesart des Hausherren von Pye Hall ist mehr als spektakulär. Er wurde mit einem Schwert aus einer im Haus befindlichen Ritterrüstung geköpft. Wer hatte eine Motiv für den Mord an Pye? Und eventuell an dessen Haushälterin?

Über diese Frage grübelt auch Susan Ryeland, die Lektorin von Alan Conway. Denn dieser hat ein unvollständiges Manuskript abgeliefert. Dem schön gemütlichen cozy Krimi fehlt die Auflösung – das letzte und damit entscheidende Kapitel ist spurlos verschwunden. Sue macht sich an die Nachforschung, wo Conways Kapitel abgeblieben sein könnte. Doch mitten in ihre Nachforschungen hinein platzt eine Nachricht wie eine Bombe – Alan Conway ist tot, verstorben bei einem Unfall, wie es heißt. Bei Susan klingeln alle Alarmglocken – und plötzlich findet sie sich selbst in einem waschechten Krimi wieder. Was ist Wahrheit, was ist schriftstellerische Fiktion?

Mit Die Morde von Pye Hall hat Anthony Horowitz einen echten Meta-Krimi abgeliefert. Doppelbödig erzählt er zunächst einen klassischen Whodunnit-Landhauskrimi aus den 40er Jahren,  in den er raffiniert Falltüren einbaut. Denn die Nachforschungen Susans und die Handlung aus Die Morde von Pye Hall treten in Wechselwirkung. Aus dem Text extrahiert die Lektorin immer wieder neue Erkenntnisse, muss selbst wie weiland Atticus Pünd die Alibis aller Verdächtiger überprüfen und damit zum weiblichen Gegenstück des Gentleman-Detektivs werden.

Horowitz Buch ist eine gelungene Verbeugung vor dem Whodunnit, wie ihn Agatha Christie und Arthur Conan Doyle großgemacht haben – und bietet mit zahreichen Anspielungen und Verweisen allen Krimifans großes Rätselvergnügen. Dass Horowitz unter anderem Drehbücher für die britische Serie Inspector Barnaby geschrieben hat, das merkt man Conways Buch im Mittelpunkt des Buchs immer wieder an. Ein aus der Zeit gefallenes und trotzdem durch die Meta-Ebene sehr aktuelles Buch.

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