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Lukas Rietzschel – Sanditz

Von der DDR in die Gegenwart, von der Corona-Pandemie in den Ukrainekrieg. Mit seinem neuen Roman Sanditz will Lukas Rietzschel viel. Leider zu viel, wie man nach der Lektüre seines Romans konstatieren muss.


Das muss man erst einmal schaffen. Mit über 475 Seiten legt Lukas Rietzschel seinen bislang dicksten Roman vor, der seinen letzten, ebenfalls bei dtv erschienenen Roman Raumfahrer um fast zweihundert Seiten übertrifft. Und dennoch bleibt trotz aller papiernen Reichhaltigkeit des Buchs ein Gefühl des Mangels zurück.

An den Themen liegt es nicht. Denn Sanditz erzählt von einigen Bewohnern des fiktiven Städtchens, ausgehend vom Jahr 2021. Der Tagebau hat sich in die Landschaft gefressen, das Flachglaswerk, einstiger Arbeitgeber zu DDR-Zeiten, bröckelt nur noch vor sich hin — viel Leben ist nicht mehr in diesem Dorf.
Und dann kommt auch noch Covid 19, was das eh schon karge Leben dort vollends zum Erliegen bringt. So verunmöglicht die Corona-Pandemie auch das gewohnte Weihnachtsfest, das die restlichen Sanditzer wenigstens einmal im Jahr noch in Teilen zusammenbrachte. Die Christmette und Orgelspiel, die Besinnlichkeit, all das leidet unter den Schutzmaßnahmen, die zur Einhegung der Pandemie getroffen wurden.

Corona in Sanditz

Verschiedene Figuren sind es, die Rietzschel in diesem so prägenden Jahr zusammenführt und zeigt. Vor allem die Generationen der Familie Wenzel erweisen sich als zentrale Figuren des Romans, der schon bald von der im Präsens erzählten Gegenwart zurück in die konsequenterweise im Präteritum erzählte Vergangenheit springen wird.

Da ist Tom, ein Slacker, der in Telegram-Chats abhängt und das mit den Schutzmaßnahmen kritisch sieht. Seine Schwester Maria hingegen sieht vor allem in der wie von Geisterhand gestürzten Bismarckstatue in der Nähe von Sanditz eine Chance, journalistisch voranzukommen. Ihre Eltern Marion und Roland, dazu Onkel Dirk, die im Gemeindeleben verankerte Großmutter Erika und der alleinlebende Großvater Roland. Sie bilden das erzählerische Figurengerüst, das Rietzschel in verschiedenen Rückblenden bis in die Jugend der Großeltern zurückverfolgt und zeigt, wie der Drift in der Familie seinen Ausgang nahm.

Dabei besieht Sanditz viele Themen der DDR-Geschichte und greift erzählerisch in die Vollen.
Mauerfall, Stasi, Opposition zum DDR-Staat in Kirchenkreisen, das Aufwachen in einem neuen Land nach der Wende und die anschließende Übernahme des Ostens durch den Westen: Rietzschels Roman thematisiert all das, was wütende Polemiken wie die von Dirk Oschmann bis hin zu belletristischen Bearbeitung wie das Annett Gröschners buchpreisnominierter Roman Schwebende Lasten oder der Nachwende-Krimi Das Schweigen des Wassers von Susanne Tägder in den letzten Jahren aufgearbeitet haben. Das Umtun auf einem so intensiv beackerten literarischen Feld provoziert natürlich die Frage: kann Sanditz diesem Gros von DDR-Romanen diese Werke hinaus etwas Neues hinzufügen?

Zu viel an Themen, zu wenig an Tiefe

Lukas Rietzschel - Sanditz (Cover)

Dem ist leider nicht so, denn Rietzschel möchte einfach zu viel. Statt sich auf die Familie auf ihrem Weg durch die DDR zu konzentrieren und eng an den Figuren zu bleiben, wie es beispielsweise Christoph Hein in seinem letztjährig erschienenen DDR-Großpanorama Das Narrenschiff tat, weitet er sein Ensemble, erzählt von der Marmeladenpfarrerin, die ihre Kirche und das Gemeindehaus auch als Gegenort zur DDR mit ihrem Einberufungszwang und der intellektuellen Beschränktheit begreift.

Er deutet den von der Stasi erzwungenen Verrat von Freunden an, etwa wenn der Orgelbauer Norbert den Preis der Freiheit, die ihm sein Job verschafft, mit der Auslieferung von Freunden an den Geheimdienst bezahlt. Oder er erzählt von einer homoerotisch grundierte Freundschaft, die starke Erinnerungen an Lutz Seilers großartiges Werk Kruso weckt.

Im letzten Viertel des Romans nimmt das Buch dann auch noch den Schwenk vom historischen Dorf- und Familienroman hin zum Kriegsbericht, wenn Rietzschel den Slacker Tom in Aktionismus versetzt, da dieser an die Front in der Ukraine aufbricht, wo er als Freiwilliger gegen die russischen Invasionstruppen kämpft.

Spätestens hier stellt sich das Gefühl einer Überfrachtung des Plots ein, das auf der anderen Seite mit einer nicht allzu ausgefeilten Zeichnung der Figuren einhergeht, obschon Rietzschels Figuren alle Brüche und Verletzungen kennen. Tiefer im literarischen Gedächtnis können sie sich leider nicht verankern.
Ein Weniger an historischen Rückblenden und großen Themen, dafür ein Mehr an Fokus auf die zentralen Figuren, das hätte Sanditz in meinen Augen schlüssiger gemacht.

Kein Erklärroman für ostdeutsche Verhältnisse

Das Feuilleton wird diesen Roman wahrscheinlich wieder als großen Kommentar auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart deuten, Porträts und Podiumsauftritte rund um die anstehende Leipziger Buchmesse sind wahrscheinlich schon in hoher Schlagzahl eingeplant.

Tatsächlich erfüllt Lukas Rietzschel mit seinem Auftreten und seinen Positionierungen die Rolle als ostdeutscher young public intellectual mustergültig, diskutiert immer wieder auf Podien über die Kunst, die Meinungsfreiheit und Ostdeutschland, legt als Dramatiker Theaterstücken vor — darunter eine ostdeutsche Adaption von Tschechows Kirschgarten — oder gibt als gefragter Gesprächspartner auch zu Themen wie dem deutsch-polnischen Grenzverhältnis Auskunft. Nur liefert seine Romankunst selbst nicht das, was viele gerne in ihr sähen.

Wie schon auch sein vielbesprochenes Debüt gibt auch Sanditz kaum Antworten auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart. Der Blick in die Vergangenheit ist nicht erhellender als der auf die Gegenwart. Die Linie von Corona-Skeptizismus hin zur freiwilligen Teilnahme am Ukrainekrieg, die Erfahrungen von Brüchen und Enttäuschungen, die das Buch zeigt alles auf einer für mich zu oberflächlichen Ebene.

Tom und sie hatten unterschiedliche Ansätze, der Angst und dem Hass in der Gesellschaft zu begegnen. Tom glaubte an Aufklärung, sie glaubte an Liebe. Nach ihrem Verständnis waren alle Menschen brüderlich miteinander verbunden. Sie war der Ansicht, dass es seine tiefe Liebe gab, die wie ein unsichtbarer Faden jeden Menschen und die Welt zu einer Einheit knäulte. Die Politik, egal, welche, trennte diese Fäden. Sie säte Zwietracht und schaufelte Gräben so tief, dass jeder Mensch zu einer Insel wurde. Als ihr Vater in die AfD eintrat (es hätte für sie auch jede andere Partei sein können), war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hatte.

Lukas Rietzschel – Sanditz, S. 123 f.

Literarisch zu bieder

Als soziologisch grundierte Schlüsselromane zum Verständnis Ostdeutschlands taugen Rietzschels Werke nur bedingt, das stellt auch Sanditz wieder unter Beweis.
Aber könnte man diesen geringen Erkenntniswert in Sachen gesellschaftlicher Diagnosen als nicht entscheidend für ein literarisches Werk abtun (wer solche Analysen sucht, ist wahrscheinlich eh mit Experten wie Steffen Mau besser beraten), so ist aber der mangelnde ästhetische Gehalt von Rietzschels Buch ein Kritikpunkt, der zumindest in meinen Augen wirklich stichhaltig ist.
Und das, obschon seine Geschichte höchst spannend beginnt.

Verheißungsvoll der Auftakt mit dem Motiv der Raben, das an Otfried Preußler und dessen am sorbische Sagengut geschulten Krabat erinnert. Könnte man meinen, dass der 1994 geborene Autor sich hier an einem magischen Realismus versucht, so verliert sich dieser Ansatz im Folgenden völlig.
Zwar flattern immer wieder Raben durch das Bild, ausgenommen die Schlusspointe bleiben sie aber ein wenig schlüssiges Leitmotiv. Sprachlich ist das Ganze recht bieder geraten und transportiert die Geschichte solide, aber auch unspektakulär.

Blickt man aber auf Titel, die in diesem Frühjahr im literarischen Fokus stehen, etwa die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Anja Kampmann oder Tomer Gardi mit seinem wilden, im besten Sinne globalen Liefern, so bleibt bei Lukas Rietzschels Roman ein Gefühl der sprachlichen Bräsigkeit.
Gewiss, alles ist schon irgendwie in Ordnung, Anstrengungen für eine besondere sprachliche Gestaltung seines Plots unternimmt er aber nicht. Sanditz findet keine eigene, wiedererkennbare Sprache.
Überraschungsfrei schreitet der Plot in seinem Miteinander von Rückblenden und Gegenwart voran. Bis auf einen, einer erzählerischen Pointe wegen an seinem Dialekt zu identifizierenden Mannes klingen die Figuren bei Rietzschel alle gleich. Auch die Dialoge wirken wie erzählerischer Standard, statt diese zu nutzen, eine tiefergehende Psychologisierung der Figuren vorzunehmen.

Fazit

So bleibt am Ende von Sanditz das Gefühl eines ambitionierten Romans, dem ein Stück weit die erzählerischen Mittel und die Dringlichkeit fehlt, blickt man auf die Vielzahl zuvor erschienener Romane, die die Themen seines Romans schon weitestgehend abgegrast haben. Die Fülle an Themen kann den erzählerischen Durchschnitt leider nicht ganz wettmachen und so fehlt dem Buch etwas der Fokus, was wirklich schade ist, da Rietzschels junge Perspektive auf den Osten und seine Geschichte eigentlich so spannend sein könnte…


  • Lukas Rietzschel – Sanditz
  • ISBN 978-3-423-28516-2 (dtv)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €

Anselm Oelze – Die da oben

Das junge Paar unten, die alteingesessenen Mieter darüber. In seinem Roman Die da oben blickt der Autor Anselm Oelze in das Leben zwei unterschiedliche Paare in einem Mietshaus in Leipzig – leider mit zu wenig Erkenntnisgewinn, als dass das Buch überzeugen könnte.


Mit seinem Debüt Wallace ließ der junge Schriftsteller Anselm Oelze aufhorchen. Damals erzählte er mithilfe von schrulligen Figuren von Alfred Russel Wallace, dem Mitentdecker der Evolutionstheorie, der heute dem Vergessen anheimgefallen ist. Sein Debüt weckte zumindest bei mir Assoziation zu Christian Krachts Imperium und Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt — nicht die schlechtesten Assoziation für ein literarisches Debüt.

Auf das Debüt folgte der Krisenroman Pandora sowie die Reportage Die Grenzen des Glücks über das Flüchtlingselend auf Lesbos und unsere Implikationen mit der himmelsschreienden Situation vor Ort. Mit Die da oben legt Anselm Oelze nun wieder Roman vor, mit dem er im Göttinger Wallstein-Verlag eine neue literarische Heimat gefunden hat.

Leider muss man nach der Lektüre des Romans konstatieren, dass Oelze auf dem Weg des Verlagswechsels leider auch irgendwo sein erzählerisches Gespür für Krisen und Konflikte und deren politische Dimension abhandengekommen sein muss. Denn Die da oben ist auf erschreckende Weise literarisch harmlos und schwach.

Zwei Paare im Leipziger Mietshaus

Die erzählerische Grundanlage ist dabei eine durchaus spannende. Ein Jahr bildet den erzählerischen Rahmen des Romans, der mit dem Einzug des jungen, queeren Paares Tess und Moyra in ein Mietshaus in der Leipziger Lisztstraße seinen Lauf nimmt. Nun endlich der Zusammenzug in eine gemeinsame Wohnung im hippen Leipzig, dazu die Verheißung der Räumlichkeiten im Erdgeschoss, die früher einen Getränkeladen beherbergten und in dem Tess nun als Schneiderin durchstarten möchte. Der Frühling hält viele Verheißungen bereit, bei denen sogar das Touchieren des blauen Twingos mit dem Umzugswagen das junge Glück nicht sonderlich trüben kann.

Im Leben der Twingobesitzer selbst ist jenes Glück allerdings schon lange nicht mehr in diesem Maße zuhause, wie es noch für das junge Paar den Anschein hat. Bei den Autobesitzern handelt es sich um Rolf und Heike, die die Wohnung über Tess und Moyra bewohnen, und das schon seit Zeiten vor der Wende.

Mit der eigenen Tochter ist es schwierig, obwohl Heike gerne mehr Kontakt mit ihr und den Kindern hätte. Rolf musste sich mit der Geschäftsaufgabe seiner Getränkeoase abfinden, die durch die neue Konkurrenz von Discountern und Lieferdiensten bedingt ist – nur um jeden Tag direkt vor der eigenen Nase Tess nun als Schneiderin in den Räumlichkeiten werkeln zu sehen, die für ihn so lange sein Leben bedeuteten.

Während der Roman nun im Jahreszeitenlauf voranschreitet, wohnt man dem Leben im Mietshaus bei, sieht Affären, Annäherungen und Enttäuschungen, verfolgt den Wunsch nach Kindern ebenso wie die Folgen der Verknappung des Wohnraums.

Alles bleibt hinter den Erwartungen zurück

Anselm Oelze - Die da oben (Cover)

Was sich dabei in der Theorie durchaus verheißungsvoll liest, bleibt in der Realität leider hinter allen Erwartungen zurück. Das Nebeneinander der zwei Paare, in dem so viel Potential geruht hätte, findet leider über das Niveau einer buchgewordenen Episode Lindenstraße nicht hinaus.

Unterschiedliche Generationen im Boomtown Leipzig, das parallele Leben von Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen, die jungen Frauen und die schon Dagewesenen, der begehrte Wohnraum als Raum der Entfaltung und Spiegel des Selbst, die Verdrängungsbewegungen, all das hätte alles so viel Möglichkeiten geboten, diese Aspekte in ihrer Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, auf die soziologischen bis historischen Dimensionen dieses Miteinanders zu blicken, womöglich sogar das Politische im Privaten und umgekehrt herauszuarbeiten: aber nichts da.

Das Buch bleibt die literarische Bearbeitung der gesellschaftlichen „Spaltung“, die der Klappentext verspricht, völlig schuldig. Zwar ist die Schwarze Identität von Moyra ein kleines Thema im Buch und in einer Szene vor Gericht kommt es zu einem Dirk Oschmann-haften Wutausbruch Rolf vor Gericht, ansonsten nutzt Oelze das innewohnende Konfliktpotential zwischen den beiden Generationen, den Lebensentwürfen zwischen Heteronormativität und Queerness, Ost und West, den Erfahrungen zwischen DDR und neuer Lebens- und Arbeitswelt, in keiner Weise aus.

Kein Gefühl von Vielschichtigkeit

Stattdessen bleibt der Schauplatz ebenso wie die Sprache austauschbar, schreitet das Buch ohne rechte Höhepunkte voran und beschränkt sich auf die Beschreibung von abgeschnittenen Koniferen, Dellen im Lack und der Tradition der Kurrende-Sängern des Thomanerchors. In interessante Tiefen stößt dieser Text leider zu keinem Zeitpunkt vor und verpasst es leider so auch, wenigstens das Gefühl von Vielschichtigkeit zu vermitteln.

Das ist besonders schade, da Anselm Oelze sein Gespür für Krisen und deren Kulminationspunkte ja mit seinen früheren Werken unter Beweis gestellt hat. Die da oben bleibt leider zahnlos und hinter anderen, schon erschienen Werken zurück.

Von den (vermeintlichen) Spaltungen der Gesellschaft mögen die Soziologen besser zu erzählen, die Brüche zwischen DDR und der Nachwendewelt haben andere Autor*innen wie Annett Gröschner oder Christoph Hein in diesem Jahr schon überzeugender herausgearbeitet. Blickt man statt der thematischen Ebene auf die literarische Ebene des Buchs, wird es auch nicht besser, denn sprachlich kann Anselm Oelzes Buch sich vom Gros der deutschsprachigen Literatur ebenfalls nicht abheben.
Obschon die Konstruktion des Buchs ein wenig vom Erwartbaren abweicht, zeigen sich im Ganzen dann auch Unklarheiten, was die Personenführung und -entwicklung anbelangt.

Fazit

So ist das alles deutlich zu wenig, als dass Die da oben irgendwelche neuen oder besonders gut herausgearbeiteten Themen überzeugen könnte. Vielleicht hat die Kurzbeschreibung des Buchs bei mir auch nur falsche Erwartungen geweckt, so oder so kann ich nur sagen: Schade um das nicht genutzte Potential dieser Geschichte.


  • Anselm Oelze – Die da oben
  • ISBN 978-3-8353-5977-2 (Wallstein)
  • 275 Seiten. Preis: 24,00 €

Maria Messina – Sterne, die fallen

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, so heißt es in einem populären evangelischen Kirchenlied. Und auch viele der Figuren, die Maria Messinas Erzählungen Sterne, die fallen bevölkern, kennen das in ihnen ruhende Sehnen sehr gut. Die sizilianischen Autorin erkundet dieses Sehnen, indem sie von unglücklichen Verliebten, von Eltern und Kindern, von Auswanderern und Daheimgebliebenen erzählt. Mit einem Auge für Details besieht sie gescheiterte Lebensträume und das Glück, das sich einfach nicht einstellen will.


Die sizilianische Katherine Mansfield, so nannte sie ihr Wiederentdecker Leonardo Sciascia. Der italienische Autor setzte sich sehr für die Autorin ein, die zum Zeitpunkt von Sciascias Entdeckung völlig aus dem literarischen Bewusstsein Italiens verschwunden war. Ein Brand im Archiv hatte sein Übriges dazu getan, das Vergessen der 1887 in Palermo geborenen Autorin zu befördern, bei der lange Zeit noch nicht einmal ihr Sterbedatum feststand, wie das Nachwort von Messinas Roman Das Haus in der Gasse erklärte.

Seit den 1990er Jahren gibt es aber Bestrebungen, Messina diesem Vergessen zu entreißen – und auch der Verlag der Friedenauer Presse tut in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Christiane Pöhlmann sein Übriges dazu, die Wiederentdeckung Maria Messinas hierzulande zu befördern. Neben einer Publikation des bereits erwähnten Romans Das Haus in der Gasse erschien im vergangenen Jahr auch der Roman Eine Blume ohne Blüte, auf das nun die Kurzgeschichten in Sterne, die fallen folgen.

Diese Kurzgeschichten plausibilisieren den Vergleich mit Katherine Mansfield, da beide Schriftstellerin die Kunstfertigkeit in Sachen Erzählungen auf kleinem Raum eint.
Abermals von Christiane Pöhlmann aus dem Italienischen übersetzt bietet der Band sechzehn Erzählungen auf, bei denen es sich in einigen Fälle um deutsche, wenn nicht sogar weltweite Urübersetzungen handelt, die die erzählerische Kraft von Maria Messina unter Beweis stellen.

Figuren im Korsett gesellschaftlicher Konventionen und nicht gelebter Leben

Maria Messina - Sterne, die fallen (Cover)

Sie zeigen eine Autorin mit einem genauen Gespür für die Lebenswelten ihrer Figuren, die sich oftmals in ein Korsett von gesellschaftlichen Konventionen geschnürt sehen. Immer wieder umflort sie die Traurigkeit der nicht gelebten Leben, derer sie sich im Laufe der Geschichten so manches Mal bewusst werden, ohne dass es klar buchstabiert werden muss.  

Mal sehnt sich eine gesellschaftlich höhergestellte Signorina nach dem Leben, das ihr der Besuch einer Hochzeit zweier junger Leute verheißt, dem sie beiwohnt und doch ein Fremdkörper bleibt (Die Signorina). Mal verzehrt sich ein genesender Musiker nach einer Frau, die er in einem gegenüberliegenden Haus erspäht. Mit seinem Geigenspiel möchte er diese betören und für sich gewinnen, wovon Messina ungeheuer sinnlich zu erzählen weiß:

Im Dunkel griff er abermals zu seiner Geige. Abend für Abend ließ diese nun ihr Lied erklingen. Sie wandte sich einzig an die Unbekannte, die ihr im Dunkel am offenen Fenster lauschte.

Die warme Stimme der Geige floss über die verödete Piazza und stieg im Duft des Gewürzstrauchs hinauf zum besternten Himmel. Die langen, leidenschaftlichen Töne zitterten mit der Zartheit, welche sich in der romantischen Seele des Rekonvaleszenten, die während der Krankheit noch feinfühliger geworden war, fand. In diesen Tönen erzitterten die Freude über die Genesung ebenso wie die Wehmut der Stunde, die bange Hoffnung eines gesunden Jungen auf sein Morgen ebenso wie das traurige Sehnen nach den Dingen von gestern und die Glut eines grenzenlosen Verlangens, das keinen Namen besaß.

Maria Messina – Sterne, die fallen, S. 30

Sehnen und Sehnsucht allerorten

Da ist es wieder, das Sehnen und das Verlangen, das sich durch die Geschichten zieht. Dass sich die angebetete junge Frau sich als taub erweist, ist die bittere Pointe der Geschichte (Sandro und seine Geige), zu der sich viele weitere Erzählungen gesellen, die von Hoffnung, Glück und Enttäuschungen erzählen.

Mal geht es um Auswanderer, deren Pläne von einer Augenkrankheit durcheinandergewirbelt werden (La mèrica), mal um die Möglichkeit einer Ehe im fortgeschrittenen Alter, die sich dann aber motivgemäß als Schaum erweist (Bevor…). Und immer wieder die Sehnsucht, Enttäuschung und Melancholie, die die Erzählungen durchweht

Und so sah man sie tagtäglich. Am Ende jener Menge, die über den Corso flanierte, leuchtet in den schwarzen Wogen aus Umhängen und Mänteln das rote Kleid Liborias. Wie drückte Don Pepè es aus? Eine Stange Siegellack. Am Abend saßen sie wie eh und je auf der Bank vor dem verlassen daliegenden Park, verharrten reglos und sprachen kein einziges Wort. Nur die Bäume, die sanft wogten, schienen von traurigen Dingen zu flüstern.

Maria Messina – Sterne, die fallen, S. 180

Fazit

Die unterschiedlichen Stände, die Möglichkeiten der ungelebten Leben, all das scheint in Maria Messinas präzisen Erinnerungen auf, die sich auch in der Kurzform als eine wirkliche Entdeckung erweist. Mit leichten dialektonalen Einsprengsel fein von Christiane Pöhlmann übersetzt sind diese vielschichtigen Erzählungen eine echte Entdeckung, die einmal mehr den Wunsch verstärken, dass die Bewusstwerdung dieser literarischen Autodidaktin (ihr Vater, ein Schulinspektor, verweigerte Messina den Schulbesuch und damit jegliche literarische Bildung, wie die Übersetzerin in ihrem Nachwort ausführt) möge eine endgültig dauerhafte sein!


  • Maria Messina – Sterne, die fallen
  • Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-7518-8047-3 (Friedenauer Presse)
  • 236 Seiten. Preis: 24,00 €

Hannah Lühmann – Heimat

Raus aus der Stadt, rein ins Grüne. Das Einfamilienhaus mit genug Platz für die Kinder und keinem Raum mehr für die Anonymität der Stadt, dafür nachbarschaftliche Verbundenheit und den Wald vor der Haustür. So sieht auch der Traum von Jana aus, die zusammen mit ihrem Mann Noah und den zwei Kindern den Traum eines Eigenheims auf dem Land in die Tat umgesetzt hat. Doch eine neue Heimat findet die junge Frau in Hannah Lühmanns gleichnamigen Roman auf andere Weise als gedacht.


Während die AfD weiter in schwindelerregende Zustimmungsregionen emporklettert (zumindest den Prognosen der Demoskopen nach), steht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur dem Phänomen weiter recht hilflos gegenüber. Die Journalistin Hannah Lühmann unternimmt nun einen literarischen Versuch, um die Anschlussfähigkeit an das Gedankengut der in Teilen rechtsextremen Partei zu beleuchten. In ihrem Roman Heimat ist es aber zunächst weniger der Partei, als die neue Nachbarin Karolin, die eine Faszination auf ihre Heldin Jana ausübt.

Zusammen mit ihrem Mann Noah lebt Jana in einem Neubaugebiet fern der Stadt. Zwei Kinder hat Jana bereits und ein drittes ist auf dem Weg. Grund zur Freude bietet das allerdings weniger. Die Schulden für das neue Heim drücken, ihr Mann, Lehrer, glänzt durch Abwesenheit und ist bis abends in der Schule, während Jana ihren Job in einer Agentur für die Kinder aufgegeben hat. Die von ihr zu leistende Care-Arbeit sorgt bei Jana für regelmäßige Überlastung – und so ist die Begegnung mit Karolin eine Wohltat. Sie, ebenfalls Mutter, zieht Jana schon beim ersten Treffen in ihren Bann.

Das Tradwife nebenan

Hannah Lühmann - Heimat (Cover)

Ebenfalls Mutter erkennt sie Janas Schwangerschaft mit einem Blick und ist so anders im Umgang mit ihren Kindern als Jana, die sich oft überfordert fühlt. Die Faszination Janas für sie und ihre Familie ist mit Händen zu greifen. Erst folgt sie Karolins erfolgreichem Auftritt auf Instagram – und sucht auch im echten Leben immer mehr Karolins Nähe. Sie, die mit ihrem Mann Clemens und den Kindern einen so ganz anderen Umgang pflegt, die Jana zum Mütter-Lesezirkel einlädt und der alles scheinbar mühelos zu gelingen scheint, sie wird zum Vorbild für Jana.

Auch seltsame Ansichten zu Themen wie Kindergarten, Impfung oder Überfremdung irritieren Jana nicht. Immer mehr lässt sie sich in den Dunstkreis von Karolin ziehen und entwickelt fast so etwas wie eine Abhängigkeit zu dieser Frau, deren Ansicht unmerklich auch Janas eigene Wahrnehmung und Verhaltensweisen ändern.

Heimat zeichnet die schleichende Übernahme von reaktionärem Gedankengut bei Jana nach. Karolins traditionelles, um nicht zu sagen erzreaktionäres Familienbild, demnach etwa der Wald ein deutlich besserer Lehrer für die Kinder als ein Kindergarten sei oder die Frau dem Mann untertan sein sollte, sie fallen bei Jana in ihrer Überforderung und Suche nach Orientierung auf fruchtbaren Boden.

Vom Lesekreis zum Standdienst für die AfD

Was mit einem Lesekreis beginnt, setzt sich bei Hannah Lühmann bis hin zum Standdienst für die AfD fort, bei der Clemens und Karolin aktiv sind. Morde von Tätern mit Migrationshintergrund und die geplante Asylbewerber-Unterbringung im Dorf stacheln die Menschen auf – und Jana wird zunehmend zur Verfechterin der Werte, die Karolin mit ihren digitalen Auftritten und im echten Leben propagiert.

Dabei ist es manchmal vielleicht etwas arg plakativ, wenn der Aufstieg der AfD immer wieder mit Bildern wie der vom Titelblatt lächelnden „kaltblonden“ Parteivorsitzenden ins Bild geschoben werden oder passenderweise in einem Kapitel die Titelseite mit den neuesten Umfragewerten aus einer Tasche herausblugt. Stilistisch ist das Buch doch eher schlicht gehalten und ist auf der sprachlichen Ebene das Äquivalent zum biederen Einfamilienhaus (auch wenn Emily Dickinsons Poesie eine Rolle im Buch spielt).

Aber Heimat zeigt eben auch, wie vermeintlich harmlos eine Radikalisierung erfolgen kann. Über Vorbilder wie die Tradwife Karolin und deren Einfluss auch auf Gebildete und emanzipierte Frauen wie Jana, die doch empfänglich sind für das Gedankengut, das langsam aber stetig in die Gesellschaft und in die Köpfe einsickert – dazu eine klare und ungeschönte Beschreibung familiärer Überforderung, die die Suche nach Halt und die Orientierung an fragwürdigen Vorbildern schlüssig erklärt.

Fazit

Die großen Erkläransätze für die Faszination AfD für Teile der Bevölkerung kann Heimat freilich nicht liefern – und will es auch nicht. Aber gerade weil Hannah Lühmann hier eher aufs Privatleben denn die große Politik blickt, zudem keine einfachen Wahrheiten anbietet und lieber den schleichenden Weg Janas in die Radikalisierung zeigt, ohne sich wertend einzumischen, hat Heimat für mich Qualitäten. Das Buch ist mit dem klaren Blick auf familiäre Dynamiken und Verschiebungen im Kleinen auch Sinnbild für das Große, das sich in diesem Land verändert, befeuert durch mediales Dauerfeuer und vermeintlich harmlose Gesichter wie die Karolins, deren Ziel Rückschritt anstelle von echtem Fortschritt ist.


  • Hanna Lühmann – Heimat
  • ISBN 978-3-446-28282-7 (Hanser Blau)
  • 176 Seiten. Preis: 22,00 €

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen

Ein McGuffin im Eis, die Verstrickung der Schweiz in den Nationalsozialismus, dazu ein Terroranschlag, undurchsichtige Frauen, Männerbünde und obendrein jede Menge Verwirrung. Martina Clavadetscher schickt uns und vielleicht auch sich selbst etwas aufs Eis und lässt in Die Schrecken der Anderen Lesende ganz gehörig ins Rutschen geraten.


Was ist da los in der Schweiz? Im fiktiven Ödwilersee bewacht Archivar Schibig eine Leiche im Eis. Die herbeigerufenen Fachkräfte machen sich an die Freilegung des Mannes aus dem Eis – und Schibigs Neugier ist geweckt. Doch nicht nur seine, auch die Neugier der undurchsichtigen Rosa, die in einem Wohnwagen am Uferrand wohnt, weckt der Todesfall am See. Wer ist der Tote im Eis und wie kam er in den See?

Das ist die Frage, der der Archivar im ersten Erzählstrang des Romans von Martina Clavadetscher nachgeht. Dann ist da noch der zweite, nachgesetzte Erzählstrang um Kern, der gerne in Amt und Würden bei seinem elitären Club wäre, kurz vor der Ziellinie aber abgebremst wird. Während die dominante Mutter als Hausdrache daheim in der familieneigenen Villa das Pflegepersonal verschleißt, spioniert Kern seiner Frau hinterher, die er einer Affäre verdächtigt.

Diese beiden Erzählstränge sind es, die den erzählerischen Rahmen von Martina Clavadetschers bemerkenswert verwirrenden Roman bilden. Wer ist denn der Tote im Eis? Warum hat Rosa solches Interesse an den Hintergründen des Fundes und warum beginnen die beiden zu ermitteln? Was hat es mit Kerns Familienerbe auf sich und wie verhalten sich die beiden Erzählstränge zueinander?

Willkommen im Labyrinth

Statt Klarheit in diesen Fragen setzt Martina Clavadetscher ihre Leser*innen in ein Labyrinth aus Anspielungen, Sagen und Andeutungen, die zunehmend die Verwirrung verstärken, anstatt Antworten zu geben.

Er wird sich dem Kommenden fügen, Hauptsache er bleibt in Bewegung, damit die Angst ihn nicht wieder einholt. Bald wird in diesem Labyrinth schon ein roter Faden auftauchen, dem sie folgen können, denkt Schibig. Oder ein Reptilienschwanz, der sich im Frühling langsam, aber deutlich zu regen beginnt und an dem sie sich mit einem Ledergurt festschnüren könnten, um dieser Unklarheit zu entfliegen. Doch die Alte, als könnte sie seinen Gedankenausflug erkennen, blickt ihn über ihre Lesebrille an und meint: – Zuerst gehen wir noch etwas tiefer in die Angelegenheit hinein.

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen, S. 93

Nein, ein roter Faden mag sich in diesem Durcheinander aus Andeutungen und Ideen nicht wirklich zeigen. Jugendliche, die mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen im Fasching auftauchen und dabei wohlwollend verteidigt werden, elitäre und höchst diskrete Klubs, die mit Spenden und Hinterzimmerpolitik das Wohl und Wehe bestimmen, dazu noch die Spuren zum Toten, der auf den sprechenden Namen McGuffin hören soll. Es wird vieles angedeutet und geraunt in Martina Clavadetscher Roman, der roten Faden aber fehlt. Stattdessen taumelt man durch das literarische Labyrinth, stößt sich an Ecken und Wänden des Erzählens und steht vor immer neuen Wänden, die aus dem Nichts zu erwachsen scheinen.

Zerklüftetes Erzählen

Martina Clavadetscher - Die Schrecken der Anderen (Cover)

Immer mehr Volten schlägt die Handlung, die dabei auch vor Klischees und Groteske keine Scheu hat. Symbolik mit dem Holzhammer gibt es etwa, wenn die greise höchst pflegebedürftige Mutter als Art böser Hexe nach einigen Tagen ohne Betreuung ausgezehrt in ihrer Villa aufgefunden wird, wo sie irr lachend eine Nazi-Uniform umarmt. Subtil ist hier wenig – und auch wenig sinnstiftend.

Mit drängte sich bei der Lektüre von Die Schrecken der Anderen der Eindruck auf, dass Martina Clavadetscher viele Themen und Punkte behandeln will. Die Kontinuität von Gewalt, die Mythen und Selbsttäuschung der Alpenrepublik und allen voran die Verstrickung der ach so „neutralen“ Schweiz in die Verbrechen der Nazis und die bis heute andauernde Sympathie für die Ideologien der einstigen Machthaber – und die aktive, finanzgestützte Förderung des Gedankenguts, sie sind Themen in Clavadetscher thematisch eigentlich doch wirklich interessantem Roman.

Leider geht das aber im erzählerischen Labyrinth zwischen Toten im Eis, Terroranschlägen, täppischen Ermittlungen, Fantasyelemente und sehr viel Theaternebel verloren. Das über dem See befindliche Frakmont-Gebirge gibt mit seinem Namen ebenfalls schon vor, was einen erwartet: zerklüftetes und nicht wirklich zugängliches Erzählen, ganz so wie es der Name der fiktiven Gesteinsformation in Clavadetschers Roman verheißt.

Fazit

Wie schon ihr Schweizer Landmann Jonas Lüscher will auch Martina Clavadetscher hier zu viel und verliert den Fokus ob der aufeinandergeschichteten Motive und erzählerischen Brüche und Spiegelungen. Mehr roter Faden und weniger Raunen, Fokus auf klarere Themen statt ständiges Beschwören der der Abhängigkeit aller Dinge und damit ein Zuviel an Themen, es hätte zumindest für mich die Orientierung und die Eindringlichkeit von Die Schrecken der Anderen verbessert.


  • Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen
  • ISBN 978-3-406-83698-5 (C. H. Beck)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €