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Die Influencierung des Buchmarkts und der Kritik

Im vergangenen Monat las ich eines der besten Bücher, das mir in diesem Jahr bislang untergekommen ist. Geschrieben hat es Kerstin Specht, die darin das Leben ihrer Mutter literarisch verarbeitet. Die Dramaturgin erzählt in Mittelberge vom Aufwachsen im Nordoberfranken der Zwischenkriegszeit, von Anpassung und Mangel – und das in literarisch bestechender Form zwischen Lyrik und Prosa.

Fast wäre das Buch allerdings nicht erschienen, wie Specht im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählt. Denn Specht ist trotz ihrer Lebenserfahrung von mittlerweile siebzig Jahren auf dem Buchmarkt trotzdem eine Newcomerin. Zwar hatte sie sich in den 80er Jahren auf dem deutschen Theatermarkt einen Namen gemacht, erhielt für ihre Schauspiele große Beachtung und wurde mit ihren Werken sogar von der Royal Shakespeare Company gespielt, dennoch reichte das den größeren Verlagen nicht, um ihrem Manuskript eine Chance zu geben. Trotz des Erfolgs von Autorinnen wie Helga Schubert oder Gabriele von Arnim wurde Spechts Debüt reihenweise abgelehnt, ehe es im unabhängigen Münchner Verlag Stroux Edition dann doch noch ein Zuhause erhielt.

Dieses Agieren ist mittlerweile symptomatisch geworden. Denn statt origineller (und unbekannter) Erzählstimmen geben Verlage in Zeiten sinkender Absätze und schrumpfender Lesermärkte lieber bekannten Namen und Influencern den Vorzug, um in ihren Programmen zu debütieren.

Influencer auf dem Buchmarkt

Kiepenheuer und Witsch nahm neben dem Fußballer Christoph Kramer den Internet-Komiker El Hotzo ins Programm, bei Ullstein war es El Hotzos Kollege Kurt Prödel, der Aufnahme im Verlag fand – und bei dtv setzte man auf die Internet-Comedienne Lena Kupke. Sie alle durften in den Hardcover-Programmen der Verlage auf prominenten Programmplätzen debütieren.

Die Logik dahinter ist einfach. Wo unbekannte Namen ein Risiko darstellen, die erst noch der Vermittlung und dem Aufbau einer Fangemeinde bedürfen, bringen Influencer und Social Media-Stars diese Reichweite gleich mit, die sich dann auch hoffentlich in Buchkäufer*innen übersetzt, so die Hoffnung der Verlage,.
Im Falle der genannten drei Digitalgrößen ist diese Strategie ja auch durchaus aufgegangen. Zwei von drei Titeln hielten Einzug in den Spiegel-Bestsellerlisten, Prödels Roman wurde mit dem Debütpreis der lit-cologne sowie einer Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Dass der Bekanntheitsgrade dabei den literarischen Gehalt der Werke oftmals schlägt, scheint für die Verlage vernachlässigbar. Die von den jeweils Schreibenden erarbeitete Community ist das Ziel. Fans der Autor*innen, die mit ihrer Werbung und ihrem Sprechen über die Bücher wiederum den Titeln mehr Sichtbarkeit und Absatz zu verschaffen, so funktioniert die wirtschaftliche Logik und Markenbildung.

Influencer in der Literaturkritik

Längst ist diese Logik auch in der Literaturkritik angekommen, die in Teilen schon mehr Literaturvermittlung als wirkliche Kritik ist. Der Ex-Gastgeber des Literarischen Quartetts, Volker Weidermann, empfiehlt auf Instagram und TikTok die besten aktuellen Romane für den Sommer, Elke Heidenreich ist bei Instagram vertreten, wo sie Rezepte für Eiswürfel, Dackelbilder und manch seltsame Ansichten zu Frauen im Buchbetrieb teilt – und Philipp Tingler und Nicola Steiner scheinfochten in minutenkurzen, schnell geschnittenen Clips für den SRF über aktuelle Bücher.

Natürlich ist gegen all das nichts einzuwenden. Neue Formen und Ausspielwege auszuprobieren halte ich nicht für grundfalsch. Aber es scheint dennoch, das vor allem im Digitalen mit seinem Reiz zum Oberflächlich-Knappen der Streit, die Debatte und das längere Nachdenken über Bücher und ihre Potentiale ins Hintertreffen geraten.
Man traut weder sich noch dem Publikum mehr etwas zu, fordert sich nicht heraus und bleibt lieber an der Oberfläche, statt Büchern wirklich auf den Grund zu gehen.

Beispielhaft für diese Entwicklung ist auch der Preisträger des diesjährigen Julius Campe-Preis für Literaturkritik und Literaturvermittlung. Nach Preisträger*innen wie Denis Scheck, Thea Dorn, Elke Heidenreich oder Roger Willemsen wird in diesem Jahr Thomas Sachsenmaier ausgezeichnet.
Dieser stellt auf TikTok und Instagram in sekundenkurzen Clips BookTok-Bestseller vor, filmt sich selbst dabei, während er die Anzahl von Genitalien in Büchern innerhalb einer Lesestunde zählt, präsentiert Bücher mithilfe einer Gurke, preist Rätselhefte an oder bewertet Buchregale seiner Fans. Das Ganze hat oftmals einen starken werblichen Charakter und die vorgestellten Bücher bewegen sich überwiegend im Feld eh schon dauerpräsenter Bestsellerware.

Fehlender Wille zur Kritik

Statt in die vertiefte, kritische Analyse einzusteigen, dominiert Oberflächlichkeit. Auch auf dem Feld der Laienkritik macht sich das bemerkbar. Jenen Willen zur Kritik oder gar zum Verriss zeigt dort kaum noch jemand. Stattdessen finden Bücher, die man nicht mochte, dann einfach nicht mehr statt.

Stillschweigen über Missliebiges und ein bejahender Leseansatz statt Kritik und Lust auf Debatte. Die auf TikTok aktive und reichweitenstarke Influencerin Jess Hengel fasste diese Denkschule jüngst in ihrem Porträt im Spiegel wie folgt zusammen:

„Ich will niemandem schaden“, sagt Hengel. Sie macht keine kritischen Videos mehr. Bücher, die ihr nicht gefallen, erwähnte sie meistens einfach gar nicht. Wenn sie nichts Positives über ein Buch zu sagen hat, für dessen Vorstellung sie bezahlt wurde, sage sie die Kooperation mit dem Verlag lieber ab. „Ich will mit meinem Account Freude bereiten.“

Diese affirmative Herangehensweise mag in Zeiten sinkender Leselust und schwächelnder Käuferzahlen nachvollziehbar erscheinen. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob man mit Kritik und dem Benennen von Schwächen Büchern nicht gerechter wird, als sie dann einfach gar nicht stattfinden zu lassen.

Lässt doch schon die Bewertung eines Buchs im Digitalen per Sternchenskala oder „Mochte ich – Mochte ich nicht“ jegliche Zwischentöne und Sinne für das Abwägende vermissen, so steigt auch die Anzahl und Sichtbarkeit von Content-Creatoren, die dieses vereinfachende Sprechen über Bücher weiter auf die Spitze treiben.

Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch

Influencer*innen liefern „3 gute Gründe, warum du dieses Buch lesen solltest“, die sich dann doch meist allein auf die Stimmung und die Passgenauigkeit zur Jahreszeit konzentrieren. Ganze Bücherstapel werden mit unterkomplexen Wertungskategorien à la „Mochte ich, mochte ich nicht“ entzweisortiert oder die Bücher werden mit seltsamen Interaktionen wie „Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch“ abgearbeitet.

Es ist der Trend zur Simplifizierung, der jedes eingehende Nachdenken über Bücher negiert. Die Funktion von Buchkritik, nämlich die kritische Einordnung eines Werks, das Aufzeigen eines Zusammenhang des Buchs in Bezug auf die Werkgeschichte eines Autors oder die Weltlage generaliter, die möglichen Traditionslinien und Motive, die in einem Text aufscheinen, ja auch das Befassen mit der Sprache eines solchen Textes, all das verschwindet langsam aus dem Diskurs und scheint auch nicht weiter zu fehlen.

Dabei sind es ja die besten Bücher, die diese Komplexität aufweisen und oftmals auch ihren Leserinnen und Lesern viel abverlangen, die nicht ohne Widerspruch bleiben und sich einer klaren Einordnung entziehen.
Weiter gedacht ist es ja dann auch gerade das Nachdenken, Benennen und Streiten über die verschiedenen Sichtweisen eines Buchs, die die eigene kritische Urteilskraft schärfen. Je mehr unterschiedliche Perspektiven von Ablehnung bis Lob aufeinandertreffen, umso besser kann man auch sich und seine Perspektive einordnen und so vielleicht sogar dazulernen und den eigenen Blick weiten.

Doch die Plattformen und die Nachfrage der Nutzenden stärken hingegen setzen nicht auf eine Weitung des eigenen Blicks, im Gegenteil. Es dominieren die Sichtbarkeit von schnellen Clips und Masse, statt sich einem Buch mit der dafür notwendigen literaturkritischen Sorgfalt zu widmen. Die Sichtbarkeit verengt sich auf wenige Hype-Titel, die Bibliodiversität nimmt ab und die Literatur in ihrer Breite leidet.

Influencer alias „Blogger“

Schade ist dabei, dass nicht nur die Algorithmen dieser Logik folgen, sondern auch die Verlage und Preise diese Entwicklungen unterstützen.
Will man Bücher bewerben und deren Sichtbarkeit erhöhen, versieht man reichweitenstarke Content Creator mit entsprechenden Aufträgen. Auch wenn diese gar keinen Blog betreiben, werden sie dabei munter als „Bloggerinnen“ und „Bloggerpaten“ tituliert, allen voran beim wahrscheinlich aufmerksamkeitsträchtigsten Buchpreis, dem Deutschen Buchpreis.

Dieser benennt Jahr für Jahr 20 „Blogger*innen“ als Buchpaten, die die nominierten Titel auf ihren Kanälen vorstellen sollen. Ein kurzer Blick auf die Profile der sogenannten „Blogger*innen“ zeitigt schnell ein sehr ernüchterndes Bild. Von 20 Bloggenden betreibt gerade einmal einer überhaupt einen Blog. Es ist eine Verschiebung hin zur dynamischen Influencer-Welt, bei der nur die offizielle Bezeichnung seltsam statisch bleibt.

Wo sogar schon die großen Buchmessen mittlerweile von Booktoker*innen und Co als „Content Creator“ sprechen, herrscht von Seiten dieses Preises wie von vielen anderen Akteure eine sprachliche Schludrigkeit, die jegliche Präzision und Begriffsschärfe vermissen lässt. Dabei lebt das Feld, auf dem sich die „Blogger*innen“ umtun, ja eigentlich von der Genauigkeit von Worten, Begriffen, der Sprache und damit auch Denken.

Das Ergebnis dieser Patenarbeit ist dann in einigen Fällen leider auch wieder jene Oberflächlichkeit, zu der sich die Buchkritik in vielen Bereichen gerade befleißigt,

Was verloren geht

Man könnte dies alles als semantische Spitzfindigkeit abtun, als eine unumgängliche Entwicklung, die eben auch den Literaturmarkt und die Kritik erfasst hat. Schließlich ähneln manche Vorbehalte ja auch denen, die Bloggenden vor fünfzehn Jahren ebenfalls entgegenschlugen, als sich diese daranmachten, mit ihren – immerhin echten – Blogs Anteil an der Literaturkritik zu nehmen.

Dennoch finde ich die Kritik an der zunehmenden Influencierung des Buchmarkts und der Literaturkritik statthaft. Denn wo Blogs einst noch ihren großen Raum für vertieftes Nachdenken und ambivalente Buchkritik gerade auch für Titel nutzten, die vom etablierten Betrieb übersehen oder ignoriert wurden und so als wichtiges Korrektiv arbeiteten, ist jenes Korrektiv mit dem Erstarken von Instagram und Co einer Fixierung auf Hypes und der Abnahme der zuvor erkämpften Bibliodiversität gewichen.

Stimmen aus kleineren Häusern, entlegenen Sprachregionen oder Empfehlenswertes aus zurückliegenden Verlagsprogrammen, sie alle schwinden zusehends. Doch wo diese Vielfalt, das kritische Werturteil, die Debatte, die tiefergehende Auseinandersetzung mit Literatur in all ihrer Vielfalt und Komplexität schwindet, da geraten Buchmarkt und die Literatur selbst in Gefahr.

Die Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant formulierte diese Befürchtungen und die Notwendigkeit zum Streit über Bücher im Rahmen ihres Rückzugs als Jurorin beim Bachmann-Preis, einem der letzten verbliebenen öffentlichen Orte für Diskussionen über Texte und Traditionen:

Ich betrachte das öffentliche Reden über Literatur als einen sehr wichtigen Teil unserer Kultur und der Präsenz von Literatur. Wer die Literaturkritik verjagt, verletzt damit – so paradox es klingt – auch die Literatur: weil er ihr Präsenz nimmt, den Raum des Diskurses, den Raum, ernst und wichtig genommen zu werden.

Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Beitrag für die Wochenzeitschrift „Die Furche“

Mehr Kritik, weniger Influencer

Noch verdanken wir es den Feuilletons klassischer Medien, standhaft Bloggenden, widerständigen unabhängigen Kleinverlagen und in Ansätzen dem Mut öffentlich-rechtlicher Programme, der sich besonders in der Übertragung des Bachmannpreis im ORF zeigt, dass die tiefergehende Auseinandersetzung mit Büchern noch stattfindet und auch auf die Sichtbarkeit von Randständigem auf dem Buchmarkt einzahlen kann.

So erhalten Preziosen wie die eingangs erwähnten Mittelberge von Kerstin Specht wenigstens etwas Sichtbarkeit auf dem Buchmarkt und in den digitalen Weiten.
Wenn aber weiter die Algorithmen und ihre „Mehr vom Gleichen“-Logik das digitale Gespräch über Titel dominierten, wenn die Reichweite Tiefe und kritisches Denken schlägt, dann geraten wir mit der Literaturwelt in eine ähnliche Polarisierung, wie sie die Welt im Realen gerade auch schon erlebt.

Deshalb: muten wir uns wieder mehr Komplexität zu!
Mehr Mut zu Kritik, zu Widerspruch, zu genauerer Benennung von Stärken und Schwächen, ein Blick in die Programme kleiner Häuser und Titel abseits des Mainstreams, eine Stärkung der Bibliodiversität und der differenzierenden Stimmen – die Literaturwelt kann davon nur profitieren!

Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige

Furchtbare Melancholie überfiel Clara. Sie konnte kaum noch atmen und stellte wieder auf Pause. Mélanies Gesicht, durch einen dieser Instagram-Filter – verlängerte Wimpern, Pfirsichhaut und dunkelblaue Iris – zum Puppengesicht mutiert, erstarrte in einem Fernsemoderatorinnenlächeln.

Clara rollte auf ihrem Schreibtischstuhl zurück, um Abstand von dem Bild zu gewinnen.

„Wer ist diese Frau?“, fragte sie plötzlich laut.

Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige, S. 198

Ja, wer ist diese Frau? Das fragt sich nicht nur die Polizistin Clara in Delphine de Vigans neuem Roman. Auch ich fragte mich dies während der Lektüre von Die Kinder sind Könige mehrfach. Allzu fremd und unverständlich blieb mir das Handeln von Mélanie Claux, die ihre Kinder als Darstellende für ihr Influencer-Dasein missbraucht. Ein soghaftes Buch über ein Thema, das de Vigan mit viel Verve ins öffentliche Bewusstsein holt.


Dabei hat die Tatsache, dass ich de Vigans Buch hier bespreche, durchaus eine eigene Ironie. Schließlich pflege auch ich Präsenzen in den Sozialen Medien, produziere mich hier auf dem Blog, auf Facebook und auf Instagram, wenngleich ich mich bemühe, irrelevante persönliche Befindlichkeiten, platte Konsumaufrufe oder Bespiegelung der eigenen banalen Alltagsroutine in meinen digitalen Welten zu vermeiden und stattdessen die Vielfalt der Literatur in den Mittelpunkt meiner Social Media-Präsenz zu stellen. Aber letzten Endes mache ich mit Büchern das, was Mélanie Claux in Delphine de Vigans Roman mit ihren Kindern tut: Aufmerksamkeit, Klicks und auch Anerkennung für das zu generieren, was man als Schwerpunkt seines digitalen Schaffens auserkoren hat und das einem wichtig ist.

Hier bespricht also ein (nicht allzu erfolgreicher) Influencer (oder ein Werbekörper, wie es Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen in ihrer Analyse der Szene ausdrücken) einen Roman über eine sehr erfolgreiche Influencerin. Deren Name ist Mélanie Claux und schon als Kind ist sie fasziniert von Formaten wie der Sendung Loft, einer Art Big Brother, die den Teilnehmenden Ruhm und Aufmerksamkeit verheißt.

Ein Leben auf Youtube

Delphine de Vigan - Die Kinder sind Könige (Cover)

Ein eigener Auftritt in einem solchen Reality-Format einige Jahre später bleibt erfolglos, doch die Sucht nach Aufmerksamkeit und einem öffentlichen Dasein lässt Mélanie nicht los. Und so entdeckt sie, befeuert durch Facebook und Co, nach der Geburt ihrer Kinder diese als perfekte Möglichkeit, um ihren Drang nach der so sehnlich erhofften Aufmerksamkeit zu befriedigen. Sie erschafft den Youtube- und Instagramkanal Happy Récré, auf dem ihre beiden Kinder Kimmy und Sammy als Hauptprotagonisten fungieren. Sie filmt den Alltag mit ihren Kindern und erreicht mit diesen Videos tausende von Abonnent*innen und millionenfache Aufrufe.

Mal lässt sie die Zuseherinnen und Zuseher entscheiden, welche neuen Schuhe ihre Tochter bekommen soll. Dann wird wieder ein Video gezeigt, in dem ihre Kinder innerhalb einer bestimmten Zeitspanne so viel wie möglich in einem Supermarkt kaufen sollen, Hauptsache die erworbenen Produkte beginnen mit dem Buchstaben K oder andere fragwürdige Aktionen, wie etwa eine Blindbestellung von Produkten von Fastfoodrestaurants und deren anschließender Verzehr vor der Kamera. Kapitalismus, ungezügelter Konsum und die Gier nach immer mehr sind die Kennzeichen, für die Happy Récré steht. Einmal im Jahr trifft Mélanies Familie ihre Fans zu einem Meet&Greet, viele Firmen wollen mit Sammy, Kimmy und ihrer Mutter kooperieren – und eine Sendepause gibt es im Leben der Familie Diore sowieso nicht.

Das Leben von Familiy-Influencer*innen

Dieses dauerperformative und daueröffentliche Leben kommt aber plötzlich zum Erliegen, als Mélanies Tochter Kimmy nach einem Versteckspiel mit anderen Kindern verschwindet. Hier kommt die zweite Hauptfigur von Die Kinder sind Könige ins Spiel, die Delphine de Vigan in einer Art Doppelporträt nebeneinanderstellt. Es handelt sich um die Polizeioffizierin Clara Roussel, die bei der Kriminalpolizei in Paris ihren Dienst versieht. Denn als eine erste Forderung der Geiselnehmern eintrifft, wird allen Beteiligten schnell klar, dass die Entführung von Kimmy bitterer Ernst ist. De Polizei nimmt Ermittlungen auf.

Clara Roussel arbeitet sich (wohl stellvertretend für die meisten Leserinnen und Leser) in die Lebens- und Arbeitswelt der Familie Diore ein (die sowieso nahezu deckungsgleich sind). Bei ihren Recherchen taucht sie hinein in die bizarre und verstörende Welt der Family-Blogger hinein und lernt eine Welt voller Künstlichkeit und ungezügeltem Kapitalismus kennen. Denn ähnlich wie etwa Dave Eggers‚ Der Circle oder Berit Glanz‚ Automaton hat auch Delphine de Vigan in ihrem Buch ein Anliegen in Sachen Kritik der digitalen Lebenswelt.

Sie nimmt die Welt der Family-Influencer*innen in den Blick, in der die Kinder von ihren Eltern beständig vor die Kameralinsen gezwungen werden und denen jegliche Rückzugs- und Entwicklungsmöglichkeiten fernab der Öffentlichkeit genommen werden. Dieses missbräuchliche und alleine auf Publicity gerichtete Ausschlachten des Privaten ist es, das de Vigan sehr energisch (und für meinen Geschmack in einigen Passagen etwas zu platt und überdeutlich) in den Blick nimmt. Denn eines sind diese Kinder sicherlich nicht, auch wenn ihre Eltern etwas anderes behaupten mögen, nämlich: Könige.

Ein wenig mehr Differenzierung wäre schön

Über den Entführungsfall hinaus spannt Delphine de Vigan einen Bogen, in dem sie abschließend im Jahr 2031 landet, in dem sie zeigt, was das Leben als daueröffentliche Youtuber*innen aus Kimmy, Sammy und ihrer Mutter gemacht hat. Auch Clara Roussel hat hier noch einmal einen Auftritt, der sie mit den Entwicklungen der Beteiligten konfrontiert. Hier zeigt sich dann noch einmal deutlich, wie fein und ausdifferenziert Clara im Gegensatz zu ihrem Widerpart Mélanie gezeichnet ist.

Das Streben von Mélanie nach Likes und ihre Sucht nach Aufmerksamkeit hingegen kann de Vigan nicht wirklich verständlich vermitteln und begründen (und will es in meiner Lesart auch gar nicht). Hätte de Vigan hier noch auf etwas mehr Graustufen denn Schwarz/Weiß und eine ausgewogenere Gestaltung ihrer Figuren gesetzt, wäre dieses Buch noch etwas stärker geworden.

Fazit

So oder so besitzt Die Kinder sind Könige aber einen starken Sog, zieht schon ab den ersten Seiten ins Buch hinein und kritisiert Auswüchse der Sozialen Medien, den viele weniger youtube- und influenceraffine Menschen sicherlich kaum auf dem Schirm haben, besonders wenn man keine Kinder im fraglichen Alter hat. Delphine de Vigan hat ein Anliegen, das sie manchmal etwas platt und überdeutlich, dennoch aber wirklich lesenswert und unterhaltsam vorbringt. Engagierte Literatur mit einem genauen Blick auf die Schattenseiten der digitalen Welt. Literatur, die zu Diskussionen anregen kann und Literatur, für die ich auch gerne meine (natürlich nicht mit Mélanie Claux vergleichbare) Reichweite nutzen möchte, um Die Kinder sind Könige ins Gespräch zu bringen.


  • Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige
  • Aus dem Französischen von Doris Heinemann
  • ISBN 978-3-8321-8188-8 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 23,00 €