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William Shaw – Kings of London

London swingt

Breen

Teil 2: Kings of London

Er hat es wieder getan: nach seinem Erstling Abbey Road Murder Song, der schon gekonnt ins Jahr 1968 zurückversetzte, nimmt Shaw den Leser erneut mit in eine vergangene Epoche.

Das Jahr 1968 ist weiter vorangeschritten: die Hippies erobern London, in der Royal Albert Hall feiern John Lennon und Yoko Ono eine alchemistische Hochzeit und die Haare werden sogar bei den Polizisten länger. Swinging London ist der Ausdruck des Lebensgefühl, das bei vielen Engländern herrscht.
Nur DS Breen will sich von der allgemeinen Aufbruchstimmung nicht anstecken lassen. Die neuen Moden sind ihm fremd und eigentlich fühlt er sich viel zu alt für all diese neuen Strömungen, die das Mutterland des Pop erfasst haben – und das obwohl er kaum die 30 überschritten hat. Dass sein alleinerziehender Vater nach längerer Demenz verstorben ist, hebt auch nicht gerade seine Stimmung.
Ganz anders da seine Kollegin Tozer, die sich eigentlich aus dem Polizeidienst verabschieden wollte. Rege verkehrt sie in den Kreisen von Hippies und  Hausbesetzern und lässt sich sogar das Gitarrrenspiel beibringen. Swinging London fasziniert sie merklich.
Inmitten dieser flirrenden Atmosphäre stolpern Breen und Tozer nun in einen neuen Fall, der reichlich mysteriös beginnt. In einem Haus, das nach einem Gasaustritt in die Luft zu fliegen droht, finden die beiden die Leiche eines bekannten Playboys. Diesem wurde allerdings die Haut abgezogen und er ist fast zur Unkenntlichkeit verbrannt. Eine wirkliche Identifizierung und Obduktion ist kaum möglich und so beginnt die aufreibende Ermittlungsarbeit. Diese wird nun auch noch dadurch erschwert, dass der Vater des Playboys ein hoher Beamter im Innenministerium ist. Diesem ist denkbar wenig daran gelegen, die Umstände des Todes seines Sohnes in der Öffentlichkeit breitgetreten zu sehen.
Doch dies ist nicht die einzige Front, an der Breen und Tozer ermitteln müssen. Irgendjemand möchte den irischstämmigen Cathal „Paddy“ Breen eher heute als morgen tot sehen und lässt ihm eindeutige Botschaften zukommen.
Viel zu tun also für das ungleiche Duo, während London flirrt und sirrt.

Krimi und Zeitdokument

Abbey

Teil 1: Abbey Road Murder Song

Die Qualität, die die Krimis von William Shaw in meinen Augen auszeichnet, ist nicht unbedingt die der zugrundeliegenden Kriminalfälle. Diese sind eher Rahmenhandlung, um den Zeit- und Lokalkolorit einfangen zu können, der England im Jahr 1968 durchzog. Er lässt seine Protagonisten Galerien besuchen, in denen neue Avantgarde-Künstler präsent sind, in Plattenläden steht andersartige Musik (mit der Breen natürlich kaum etwas anfangen kann) und auf der Straße dominiert ein neues Erscheinungsbild. Gekonnt lässt Shaw auch für die Nachgeborenen die damalige Szenerie wieder auferstehen und schafft es, im Kopfkino einen Eindruck entstehen zu lassen, wie das damals im Swinging London gewesen sein muss.

Wer „nur“ einen spannenden England-Krimi sucht, der darf natürlich auch zu diesem Buch greifen. In meinen Augen allerdings ist das Buch noch deutlich mehr und darf auch gerne Lesern, die sonst nicht unbedingt Krimis bevorzugen, gerne anempfohlen werden. Möge der dritte Band um Paddy Breen und Helen Tozer rasch erscheinen!

Ian Rankin – Schlafende Hunde

Vom Wecken schlafender Hunde

Nachdem mich Rebus’s letzter Fall Mädchengrab nicht so wirklich begeistern konnte hab ich jetzt Rebus im Ruhestand noch eine letzte Chance gegeben, mich wieder so zu begeistern wie er es früher vermochte – und der Plan ging fast auf!

Tote Minister, Autounfälle und ein Cold case

Rebus bekommt es diesmal direkt mit Malcolm Fox zu tun, der ihm im Vorgängerband bereits das Leben schwermachte. Dieser ermittelt für die Interne Abteilung und in einer eigenen Buchreihe von Ian Rankin. Die aktuelle Zusammenführung geschieht unter ungünstigen Vorzeichen. Ein Mädchen hat einen Autounfall, die mit dem Sohn eines schottischen Ministers liiert ist. Deren Vater will den Fall schnell aufgeklärt haben – doch die Beteiligten mauern. 
Während Rebus nun Siobhan Clarke in diesem Fall zuarbeitet beschäftigt sich Fox mit Rebus‘ alten Sünden. Dieser war nämlich als junger Constable Mitglied bei einer Gruppe Polizisten, die sich The saints of the shadow bible nannten. Mit dem Gesetz nahmen es Rebus Kollegen nicht so ernst, doch dies droht sich jetzt zu rächen. Ein alter Mordfall erscheint in neuem Licht und prompt stirbt ein Verdächtiger unter mysteriösen Umständen. Fox nimmt die Spur auf und lässt sich – zunächst noch widerwillig – von Rebus unter die Arme greifen.
Allmählich verfestigt sich ein beunruhigendes Bild – es scheint nämlich als ob der Cold case mit dem Verkehrsunfall von Rebus‘ anderem Fall zusammenhängt. Der Tod eines schottischen Ministers macht da nichts einfacher.

Alte Stärken

Mit Schlafende Hunde gelingt es Ian Rankin wieder an alte Stärken anzuknüpfen, die ich nach Mädchengrab schon verloren glaubte. Zwei auf den ersten Blick unzusammenhängende Fälle, alte Spuren aus der Vergangenheit, die wieder aktuell werden und Charaktere, die bücherübergreifend auftreten. Mit Schlafende Hunde macht Ian Rankin sehr viel richtig und kaum etwas falsch. Der komplexe Plot fordert einen aufmerksamen Leser, dafür bekommt man aber auch einen Spannungsroman serviert, der auf der Höhe der Zeit ist.
Das Buch macht Hoffnung, dass der Rentner John Rebus vielleicht noch das ein oder andere Mal randarf, um einen Fall zu lösen, Vielleicht auch im Duett mit Malcolm Fox – dieses Buch macht auf jeden Fall Appetit auf mehr!

Paula Hawkins – Girl on the train

Als Pendler kennt man das Problem zur Genüge – der Halt auf freier Strecke oder an einem bestimmten Haltesignal. Der Blick zum Fenster hinaus befeuert da schon schnell einmal die Fantasie – was verbergen die Landschaft oder die Häuser da draußen? Der Pendlerin Rachel in Paula Hawkins Debüt Girl on the train geht es da nicht anders.

Abgründe hinter den Fassaden

Jeden Tag nimmt Rachel den Zug aus ihrem Vorort hinein nach London. Beim stets gleichen Stopp hat sie inzwischen schon Routine entwickelt, ein Pärchen zu beobachten, das eine Bilderbuchexistenz führt. Sie beobachtet die beiden und fühlt sich ihnen verbunden, als plötzlich eines Tages die Frau verschwunden ist.


Aus ihren Erinnerungen rekonstruiert Rachel, dass sie in der Nacht zuvor begegnet ist. Doch an die entscheidenden Stunden fehlen ihr sämtliche Erinnerungen. Rachel ist nämlich Alkoholikerin und hat einen Filmriss, was die Zeitspanne des Verschwindens der jungen Frau angeht. Sie weiß nur noch, dass sie blutverschmiert nach Hause kam und irgendetwas geschehen sein muss. Verzweifelt beginnt sie nachzuforschen und kommt hinter die Geheimnisse der Vorortbewohner.

Durch ihr Interesse für die Geschehnisse der entsprechenden Nacht und alle Beteiligten gerät Rachel allerdings auch in den Fokus der Polizei. Was hat Rachel mit dem Verschwinden der Frau zu tun und welche Geheimnisse hütet der Ehemann der Verschwundenen?

„Gone Girl II“?

Während der Lektüre von Paula Hawkins Debüt kamen mit oftmals die Parallelen zu Gillian Flynns Blockbuster-Erfolg Gone Girl in den Sinn. Hawkins erzählt aus drei Frauenperspektiven abwechselnd und enthüllt Stück für Stück die Geheimnisse, die die Frauen (und nicht nur diese) hüten. Die Abgründe hinter den Fassaden sind frappant – jede der Frauen wahrt dunkle Geheimnisse.

Dabei sind die Figuren in Girl on the train nicht unbedingt sympathisch. Gerade die Alkoholikerin Rachel strapazierte des Öfteren meine Geduld – am Ende fügt sich aber alles logisch. Allerdings lässt sich auch nicht bestreiten, dass die Geschichte (ebenso hier eine Parallele zu Gone Girl) sehr konstruiert wirkt, einige Unwahrscheinlichkeiten muss der Leser in Kauf nehmen – durch die flotte Schreibe Paula Hawkins fällt dies allerdings nicht weiter ins Gewicht.

Keigo Higashino – Böse Absichten

Ein Krimi wie ein Sudoku

Nach seiner Reihe um den Physikprofessor Yukawa (man erinnere sich nur an die verzwickte Verdächtige Geliebte) erscheint nun bei Klett-Cotta der Beginn einer neuen Reihe um den Ermittler Kaga. Im Original in Japan bereits im Jahr 2001 erschienen liegt der Roman nun von der Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe in klares Deutsch übertragene Fall als Paperback vor.

Ein klarer Fall?

Der berühmte Schriftsteller Kunihiko Hidaka wurde in seinem Haus ermordet. Der Starschreiber wollte eigentlich nach Kanada auswandern, doch diese Pläne haben sich sprichwörtlich zerschlagen. Für den Mord kommen nur Hidakas Kollege Nonoguchi und Hidakas Gattin Rie in Frage. Doch die Alibis der beiden scheinen mehr als wasserdicht zu sein.
Mit seinem unbestechlichen Intellekt setzt sich nun Inspektor Kaga hinter die Fährte des mysteriösen Falls und entwirrt langsam den Knoten, unerbittlich, Faden für Faden.
Wer hat den Schriftsteller ermordet und wo liegt das Motiv für die grausame Tat?

Ein klug komponiertes Rätsel

Was an Böse Absichten so besticht ist die Konstruktion des Romans. Eigentlich ist der Fall bereits nach 93 Seiten gelöst und man könnte das Buch als Novelle beenden, wenn da nicht der hartnäckige Intellekt Kagas wäre. In der Tradition von Eine-Frage-hätte-ich-da-noch-Columbo lässt ihn das Offensichtliche nicht ruhen und er verbeißt sich in den Fall
So unerbittlich und logisch wie ein Sudoku hat Keigo Higashino sein Buch konstruiert – und lässt dann seinen Inspektor Kaga dieses zunächst noch leere Krimipuzzle immer weiter mit Inhalt füllen. Schritt für Schritt dringt er immer weiter in das dicht gesponnene Mord-Geflecht vor und kommt der Wahrheit auf die Spur.
Allmählich setzt sich das Mosaik aus Zeugenbeschreibungen, Anmerkungen des Ermittlers und
Die Charaktere bleiben hierbei schematisch und erfüllen eher einen dramatischen Zweck in der Konstruktion des Romans, als dass sie durch eine tiere Auslotung ihrer Befindlichkeiten bestechen. Immer wieder wechselt Higashino die Perspektive und lässt mal den Schriftsteller Nonoguchi erzählen, mal ist wieder Kaga an der Reihe.
Die besondere Komposition des Romans und seine japanisch-nüchterne Erzählweise, die auf sämtliche Ausschmückungen verzichtet, machen den Roman wirklich außergewöhnlich und lassen ihn aus dem Gros der Krimilandschaft herausragen.
Dieses Buch fällt definitiv aus dem Rahmen – als Krimiliebhaber sollte man sich diesen Titel nicht entgehen lassen!

Andrew Brown – Trost

Aufstand in Kapstadt

Mit „Trost“ lag mir das erste Buch von Andrew Brown zur Rezension vor. Ein weiterer Krimi aus Südafrika, einem Land das eine boomende Krimiszene beherbergt. Autoren wie Roger Smith, Malla Nunn, Margie Orford oder Deon Meyer sind Autoren (letztere mit besonderem Bezug zu „Trost“, siehe unten) und Aushängeschilder einer höchst lebendigen Krimiszene. Und tatsächlich eignet sich Südafrika mit seinen Ethnien, historischen Spannungen und Problematiken so gut wie kaum ein anderes Land, um mithilfe des literarischen Spannungsromans die Verwerfungslinien des Staates zu ergründen. Andrew Brown beschert seinem Inspector Eberard Februarie einen zweiten Einsatz, nachdem dieser auf Deutsch schon in Schlaf ein, mein Kind ermitteln durfte.

Ein Mord in der Synagoge

Trost - Andrew Brown

Trost – Andrew Brown

Angesiedelt in einer nahen Zukunft, in der Spannungen zwischen Israel und Palästina eskalierte und diverse ethnische Verwerfungen die Nachrichten dominieren, fällt dem angeschlagenen Inspector Februarie ein Fall in die Hände, an dem er sich die selbigen nur verbrennen kann.

In einer Synagoge in Kapstadt wurde ein Junge in muslimischer Gebetskleidung geopfert und rituell aufgebahrt. Schnell bekommen die religiösen Scharfmacher auf beiden Seiten die Neuigkeiten spitz und die Lage droht zu eskalieren. Während sich die Situation auf der Straße zwischen Juden und Muslimen immer weiter zuspitzt, muss Februarie nachbohren, wer der geopferte Junge war. Wer hat Interesse an diesem öffentlichkeitswirksamen Mord und wer zieht im Hintergrund die Fäden? Dass er privat auch zahlreiche Probleme bewältigen muss, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.
Er stürzt sich verkatert in seine Recherchen und muss feststellen, dass die Spuren ganz nach oben in den Machtapparat weisen.

Ein solides Stück Krimikunst

Der Tafelberg in Südafrika [(c) Martin Reilly]
Hinter dem nichtssagenden Titel „Trost“ verbirgt sich ein solides Stück Krimikunst, das in klassischer Tradition einen Ermittler zeigt, der seinem Instinkt nachfolgt, egal welche Konsequenzen ihm dies auch einbringt. Geschickt verknüpft Brown immer wieder Skizzen des Aufstandes zwischen den verschiedenen Ethnien mit Februaries Fall und bringt am Ende sogar noch überraschende Aspekte in seine Erzählung ein.
Für zwei Cameo-Auftritte von anderen südafrikanischen Ermittlern hat Andrew Brown auch noch Platz gefunden. Die Ermittler Benny Griessel (Deon Meyer) und Riedwaan Faizal (Margie Orford) kreuzen auch die Wege von Eberard Februarie und tauschen einige Worte mit dem Inspector. Eine nette Idee, wie ich finde.
Insgesamt ist „Trost“ ein wirklich gut lesbarer und spannender Roman geworden, der sich im Spannungsfeld von Religion, Macht und Fundamentalismus bewegt.
Wer nun neugierig geworden ist, der kann hier noch gerne etwas in das Buch hineinschmökern: