Tag Archives: Sohn

David Park – Reise durch ein fremdes Land

Wieder einmal führt eine Reise nicht nur zu einem Ziel, sondern vor allem ins Innere des Reisenden selbst. Im Roman Reise durch ein fremdes Land schickt der nordirische Autor David Park einen Vater auf die tiefverschneiten Straßen Schottlands, um seinen Sohn zum Weihnachtsfest nach Hause zu holen. Die Motivation dieses halsbrecherischen Weihnachtskommandos offenbart sich erst später, dann aber mit aller Wucht.


Weihnachten, das ist noch immer das Fest der Familie. Unzählige Filme, Romane und Lieder variieren das Thema des Nachhause Kommens, allen voran der jüngst verstorbene Chris Rea hat mit seinem Evergreen Driving home for christmas das Topos der Weihnachtsreise musikalisch verewigt.

Menschen machen sich auf den Weg, um im Kreise ihrer Familie Weihnachten zu feiern, mal harmonischer, mal chaotischer. Aber immer ist es eine Reise, die Menschen wieder in ihre Heimat zurückbringt und dabei auch Erinnerungen an früherere Weihnachtsfeste weckt.
Eine Variante dieses Motivs liefert David Park in seinem Roman Reise durch ein fremdes Land, der allerdings nicht die jüngere Generation nach Hause reisen lässt, sondern einen Vater in den Mittelpunkt stellt, der sich aufmacht, seinen Sohn nach Hause zu bringen.

Von Nordirland nach Schottland und zurück

Dieser liegt krank an seinem Studienort in Sunderland an der Ostküste Großbritanniens danieder und so ist es am Vater, den verlorenen Sohn nach Hause zu bringen. Eine Reise mit dem Flugzeug scheidet aufgrund der starken Schneestürme aus und so macht sich der Vater am Steuer seines Autos von Nordirland aus auf den Weg, um seinen Sohn von der britischen Insel zu sich nach Hause auf die andere Insel zu holen.

„Ich fahre ganz vorsichtig. Hauptsache, sicher hinkommen, ganz egal wie lang es dauert, und ihn wieder nach Hause bringen.“
„Er darf an Weihnachten nicht allein sein, besonders dieses Weihnachten nicht.“, sagt sie ebenso sehr zu sich wie zu mir. „Nicht mal, wenn es ihm gut gehen würde. Und wenn es ihm jetzt so schlecht geht … Wir müssen ihn nach Hause bringen.“
Wir müssen ihn nach Hause bringen“ Der Satz kann in dem vereisten Wagen nirgendwohin, hängt in der Luft und erstarrt zu Schweigen.

David Park, Reise in ein anderes Land, S. 14

So kämpft sich der Vater nun über verschneite Straßen, setzt mit der Fähre von Nordirland nach Schottland über und frisst Meile um Meile in der vereisten und verschneiten Landschaft dort im Norden Großbritanniens. Unterbrochen von Anrufen seiner Frau Lorna und seinem Sohn Luke reist er immer weiter, seinem Ziel entgegen. Warum aber die Dringlichkeit geboten ist, den kranken Sohn just zu diesem Weihnachtsfest zu sich nach Hause zu holen, das entfaltet sich erst langsam in diesem reflexiven Text, der mindestens in dem Maß eine Reise zu Toms Gefühlen und Empfindungen ist, wie er auf seiner Reise Meile um Meile hinter sich bringt.

Eine Reise nach England – und eine Reise zu sich selbst

David Park - Reise durch ein fremdes Land (Cover)

Immer wieder gleiten die Gedanken Toms ab, landen bei seiner Familie und den Fliehkräften, denen diese ausgesetzt ist und war. Seine Herkunft, sein Werden zu einem Vater und die Gefahren, die das Leben als Familie bereithält, all das umkreist Reise durch ein fremdes Land.

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, ist David Parks Text einer, der sich trotz des weihnachtlichen Rahmens und der nur vordergründigen Harmonie des Weihnachtsfest auch mit Traurigkeit und der Macht des Schicksals befasst.

Je länger man mit Tom an Bord seines Autos über verschneite Straßen reist, umso besser lernt man ihn kennen und ist aufgrund des reflexiven Charakters ganz eng dran an ihm. Parks Text kennt nämlich keine Kapitel und so manches Mal nicht einmal einen Punkt, stattdessen ist sein Text ein wirklich intensiver Strom an Gedanken und Meilen, bei dem sich die äußere Reise und inneren Gedanken immer wieder ablösen und ineinander übergehen.

Fazit

Wer weihnachtliche Besinnlichkeit und Plätzchenromantik sucht, der sieht sich bei Reise durch ein fremdes Land schnell getäuscht. Denn David Parks Text verweigert sich allzu wohlfeiler Harmonie und blickt lieber auf den Kern von Weihnachten, der sich ja mit der Familie, dem Zusammenhalt und dem Ausgestoßensein befasst.

Sein von Michaela Grabinger übersetzter Text ist ein anspruchsvolles Buch, das keine einfachen Botschaften bereithält, sondern stattdessen mit existenzialistischer Tiefe und Einsicht überzeugt, während man sich mit seinem Helden über die verschneiten Straßen der britischen Insel kämpft.


  • David Park – Reise durch ein fremdes Land
  • Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
  • ISBN 978-3-8321-6652-6 (Dumont)
  • 192 Seiten. Preis: 13,00 €

Ursula Krechel – Sehr geehrte Frau Ministerin

Agrippina, Boudica, Nero und Tacitus. In ihrem neuen Roman lässt Ursula Krechel eine Lateinlehrerin seitenweise über Gewalt und Geschichte dozieren. Das drängt die übrige Handlung dieses Romans an den Rand, was ausnehmend schade ist. Denn die Erzählansätze und Themen von Sehr geehrte Frau Ministerin sind für sich genommen wirklich spannend. Wäre da nicht der Latein-Overkill.


Ein wenig fühlt man sich in die Schulzeit zurückversetzt, wenn man sich in die Seiten des neuen Buchs von Ursula Krechel hineinbegibt. Denn Krechels Buch ruft Erinnerungen an den Lateinunterricht wach, beschäftigt sich das Buch doch seitenweise mit der Zeit der römischen Kaiser. Die Epoche Neros steht im Mittelpunkt des Textes und hier ist es insbesondere das Verhältnis von Kaiser Nero zu seiner Mutter Agrippina, der optima mater, wie er sie in seiner ersten Thronrede bezeichnete. Es sind Überlegungen zur Beziehung der beiden, zum Herrschaftsstil Neros und der Geschichtsschreibung, die in ihrer Genauigkeit und Platzanspruch die restliche Handlung der Gegenwart überlagern.

Immer wieder drängen die historischen Exkurse und Überlegungen die Geschichte der „Kräuterhändlerin“ Eva Patak an den Rand. Diese versieht in einem altmodischen Bioladen in der Essener Innenstadt ihren Dienst. Im sanftgrün gestrichenen Laden bedient sie Kunden und verkauft Kräuterbonbons, rückstandsfreie Biotees und Heilkräuter, die von der überschaubaren Kundenschar dort gekauft werden Ihr Sohn wohnt noch daheim in seinem Zimmer und verbringt die Tage vor dem Computer, sie selbst führt ebenfalls eine unauffällige Existenz, eben ganz so wie der Laden, in dem sie arbeitet.

Eine Kräuterhändlerin, eine Lehrerin, eine Justizministerin

Ursula Krechel - Sehr geehrte Frau Ministerin (Cover)

Das Leben Eva Pataks und ihr Umfeld eröffnen sich nur durch kurze Szenen und Schlaglichter. Eigentlich sind es aber die seitenweise römische Exkurse, die im Mittelpunkt des ersten von drei Teilen des Romans stehen. Warum es zu dieser disparaten Verbindung kommt, das eröffnet sich im zweiten Teil des Romans, der die Lateinlehrerin Silke Aschauer einführt. Diese ist Kundin im Laden von Eva und kämpft im ab ovo untertitelten Teil mit einem übermäßigen Blutfluss und ihrer Rolle als Leiterin eines Lateinleistungskurses. Dies erklärt auch den an ein Propädeutikums-Stil des ersten Romanteils, dessen Charakter im Buch weiterhin fortgesetzt wird.

Caesars De bello gallico, die Geschichtsschreibung Tacitus´, ein fiktives Gespräch zwischen der Keltenkönigin Boudica und Agrippina, dazu viel Wortarbeit mit Wortfeldern und Konjugationen. Es fühlt sich alles stark wie einst an, als man auf das Große oder Kleine Latinum vorbereitet wurde. Nur eines fehlt – eine klare Richtung, in die der Roman will. Erst am Ende des dritten Teils, der auch die dritte, zentrale Frauenfigur einführt, findet das Buch eine Spur, auf die es einbiegt.

Denn den ersten Teil des Romans schloss ein Brief von Eva Patak an die ebenfalls aus dem Ruhrgebiet stammende Justizministerin. Diese und ihr Wirken steht nun im finalen Teil des Buchs im Mittelpunkt. Ihre Arbeit, die Post, mit der sich die Ministerin konfrontiert sieht, dazu noch ein Blick auf Eva, die einen neuen Job bei einem Hörgeräteakustiker gefunden hat. All das mäandert weiter wie gewohnt vor sich hin, bis es zu einem eruptiven Akt der Gewalt kommt, der die optima mater Eva und ihren Sohn mit dem Leben der Justizministerin zusammenschmiedet.

Erschlagender Lateinunterricht, zu wenig Fokus

Es könnte ein guter Roman über Gewalt sein, die sich von der Antike bis in unsere Tage erstreckt (wie das wie es professionelle Kritiker*innen, darunter etwa Adam Soboczynski in der Zeit tut). Auch wäre der Roman in seiner historisch begründeten Schau auf das Verhältnis von Müttern und Söhnen interessant. Doch auch dieses Thema wird vom dozierenden Stil dieses Buchs erschlagen, etwa wenn dann seitenweise Exkurse über die kriegsbedingten Wirren um die Goldene Madonna im Essener folgen, die mit dem Werdegang und den Missbrauchsgerüchten um den Bischof des Bistums aufgepolstert werden.

Weniger Überfrachtung und eine Reduktion auf klare und sprechende Bilder wäre mehr gewesen. So werden alle zeitgeschichtlichen und psychologischen Komponenten leider vom wissenssatten Übermaß an lateinischer (Sprach)Geschichte und der springenden Erzählweise in ihrer Wirkkraft gemindert.

Auch der heutige Aspekt von Gewalt gegen Politiker, netzgespeiste Verschwörungsideologien und Paranoia kommt gegen das Zu Viel im Text nicht an. Unausgewogen und unbalanciert ist dieses Dreierlei aus Frauen, Mutterschaft und lateinischer Gewaltgeschichte.

Das ist schade, weil sprachlich stets das Talent der Lyrikerin, Dozentin und Romancière Ursula Krechel aufscheint. Auf einem kreativen und präzisen Niveau, wie man es sonst nur von Ulrike Draesner kennt – bis hin zum schönen Wort Ehrpusseligkeit – umkreist sie die Gedankenwelt ihrer Figuren. Sonderlich konkret und plastisch werden sie damit leider aber nicht, die damit ähnlich amorph wie die Botschaft des Buchs bleibt.

Fazit

Die Stringenz und Figurengestaltung, die Krechel in ihrem buchpreisgekrönten Weitwurf Landgericht an den Tag legte, Sehr geehrte Frau Ministerin lässt all das vermissen. Zu viel lateinische Geschichte, zu viele Arabesken und zu wenig Fokus auf die eigentlichen Themen verschenken leider das Potenzial, das Krechels Geschichte innewohnt.


  • Ursula Krechel – Sehr geehrte Frau Ministerin
  • ISBN 978-3-608-96653-4 (Klett Cotta)
  • 368 Seiten. Preis: 26,00 €

Arnon Grünberg – Gstaad

Wie man sich in einem Buch täuschen kann. Statt eines luftigen und unterhaltsamen Schelmenromans irgendwo zwischen Manns Felix Krull, Der Zauberberg und Drei Männer im Schnee, den die Außengestaltung des neuesten Bandes der Anderen Bibliothek nahelegt, gibt es mit dieser Neuausgabe eines Frühwerks von Arnon Grünberg einen bedrückenden, teils ekelerregenden, doch auch faszinierenden und rätselhaften Roman zu lesen, der tief in die menschlichen Abgründe hinab- und dann wieder auf die Hügel und Berge bis nach Gstaad emporsteigt.


François Lepeltier ist ein Kind der vielen Namen und Geschichten. Einst wurde er im Badezimmer eines Hotels in Heidelberg gezeugt, in dem seine Mutter als Zimmermädchen arbeitete. Seinen Vater, von dem Francois den Namen übernahm, verstarb kurz nach der Geburt an einer Krebserkrankung. Trotz einer erwogenen Abtreibungen und Adoptionsversuchen ist er bei seiner Mutter geblieben, mit der er nach einem regelrechten Vagabundenleben nun in Baden-Baden in der Pension am Sonnenhügel Quartier bezogen hat.

Er macht sich im Haus nützlich, unterstützt die Mutter bei ihren Diebestouren, lenkt das Verkaufspersonal ab und ist treuer Adlatus seiner Mutter, die von der Pensionsbesitzerin ausgenutzt wird. Dort in Baden-Baden machen Mutter und Sohn die Bekanntschaft mit dem illustren Ehepaar Cecherelli, die als Dauergäste in der Pension wohnen. Zunehmend geraten François und seine Mutter in den Bann der beiden. Während Herr Cecherelli den Korintherbrief übersetzt, braucht seine Gattin „Bewachung“, die ihr François‘ Mutter zukommen lassen soll. In diesen rätselhaften Spielen aus Befriedigung, Voyeurismus, ödipaler Spielereien und Streicheleinheiten begegnen sich die Beteiligten, wobei es sogar zu Verstümmelungen kommt.

Vom Sonnenhügel in Heidelberg bis nach Gstaad

Arnon Grünberg - Gstaad (Cover)

Schlusspunkt dieses Kapitels Sonnenhügel wird der Tod Frau Cecherellis in der pensionseigenen Badewanne sein, die sich mit einem Tauchsieder selbst kocht und daraufhin von François‘ Mutter ersetzt wird. Zusammen verlassen Herr Cecherelli und die nunmehr Rodolfo Cecherelli und seine Mutter die Pension, um das Vagabundenleben fortzusetzen. Die nächsten Stationen des Vagabundenlebens liegen vor ihnen…

Ebenso wie in der Folge die Hotels und Städte wechseln, ist auch die Beziehung zwischen François und seiner Mutter sowie dessen Karriere und das gemeinsame Erleben vielen Veränderungen unterworfen. Es wird es zu Morden kommen, Francois wird in Stuttgart zu Herrn Kühler werden, der als Hochstapler-Zahnarzt unter Mitarbeit seiner Mutter Ausgestoßene und randständige Menschen behandelt und sie um ihr weniges Geld erleichtert, wobei es doch nach eigenem Bekunden dieser Beichte in Romanform nach alleine darum geht, am Baum des Guten zu rütteln.

Eine Welt des Ekels und der Perversion

Ob als Skilehrer oder als Wein-Sommelier in Gstaad, wohin der letzte Abschnitt dann doch noch führt – immer wieder erfindet sich François neu und manövriert sich mit seinen primitiven Trieben und seltsamen Verhaltensweisen in Situationen, aus denen dann wieder eine Flucht an einen neuen Schauplatz erwächst.

Dabei ist Grünbergs Roman, der ursprünglich unter Pseudonym im Jahr 2002 erschien und nun in der Übersetzung von Rainer Kersten als 464. Band in der Anderen Bibliothek vorliegt, kein heiterer Schelmenroman, der einen ödipalen Hochstapler auf seiner Tour durch Europa zeigt. Nein, sein Roman ist düster, ekelerregend, bietet grausame Morde und Tode in Serie – und doch auch unbestreitbar faszinierend. Man fragt sich, warum man Grünberg doch immer weiter in diese düstere Welt folgt, in der es trotz aller montanen und mondänen Schauplätze so abstoßend zugeht – aber man tut es.

Wenn das neue, aus der Schriftstellerin Julia Franck und Rainer Wieland bestehende Herausgeberduo der Anderen Bibliothek schreibt, dass es hier in Grünbergs Roman nichts Reines mehr gibt, sondern nur unappetitliche Dinge und Menschen, die einander auf alle erdenkliche Weise erniedrigen, dann trifft das hier wirklich zu. Moralische Maßstäbe gibt es hier nicht, allenfalls einen von nahezu animalischen Trieben besessenen Erzähler, dessen eigenes kultiviertes Auftreten von seinem Verhalten konterkariert wird und das einem ganzen Tross Verhaltenstherapeuten auf lange Zeit Arbeit geben könnte.

Fazit

Ähnlich wie zuletzt Ottessa Moshfegh in ihrer tiefschwarzen Fantasie Lapvona blickt auch Arnon Grünberg hier ganz tief in die Abgründe der menschlichen Temperamente und Neigungen. Die Schattenseiten menschlicher Existenzen beleuchten und eine Erkundung des eigenen Ekels zwischen beschriebener Selbstverstümmelung, Ekzemen und sexueller Perversion, das leistet Gstaad von Arnon Grünberg – oder wie es das Herausgeberduo formuliert: Schonungslos, mit sardonischem Humor lotet Arnon Grünberg in diesem Buch die Grenzen des Zumutbaren aus. Auch das kann und muss bisweilen die Aufgabe von Literatur sein.

So schnell brauche ich nach Moshfegh und Grünberg eine solche Auslotung persönlich allerdings nicht mehr. Seien Sie gewarnt!


  • Arnon Grünberg – Gstaad
  • Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten
  • ISBN 978-3-8477-0465-2 (Die Andere Bibliothek, Bd. 464)
  • 336 Seiten. Preis: 48,00 €

Wolf Haas – Eigentum

Was bleibt vom Leben nach dem Tod? Und wie ist das mit dem alten Versprechen, jeder könne sich ein Eigentum verschaffen, wenn er sich nur anstrengt und spart? Wolf Haas macht in autofiktionale Manier Inventur und betrachtet das Leben seiner Mutter – und das was am Ende bleibt.


Sie ist an ihrem eigenen Ende angekommen, die Mutter des Erzählers, der auf den Namen Haas hört. Er hat sich ins Altersheim zu ihr begeben, um ihr auf den letzten Metern Gesellschaft zu leisten. Sie, die sie sich in ihren eigenen Erinnerungen verirrt, ihrem Leben und ihrer Lebensleistung will Haas nachspüren, oder wie er es in seinem typischen Stil schildert, den man so auch von seinen Brenner-Romanen oder Werken wie Das Wetter vor 15 Jahren kennt:

Dafür muss ich jetzt ihr Leben nachstricken. Aus einem inneren Zwang heraus. Bis zum Begräbnis bin ich fertig, und dann bin ich es los, die Erinnerung und alles. Ein schneller Text. Und weg damit. Ein Text, der davon lebt, dass er mit dem Tod um die Wette rennt (nur noch zwei Tage). Keine Zeit für Formulierungen. Oder Selbstzensur. Gratuliere, super Idee.

Wolf Haas – Eigentum, S. 9

Und so springt Haas immer wieder hin und her, zwischen den Lebenserinnerungen seiner Mutter, die einst aufgrund ihres Intellekts die Schule und anschließend einen Servierkurs besuchen durfte, ehe der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs alle geplanten Lebensläufe zerstörte. Er selbst reist den Orten ihres Lebens nach, besucht ein Hotel in der Schweiz, in dessen Zwillingsgebäude seine Mutter nach einem Dienst beim Flugwachkommando diente und versinkt während des Besuchs im Altersheim und an prägenden Lebensstationen immer wieder in eigenen Erinnerungen und gedanklichen Abschweifungen, sollte er eigentlich doch auch sein Programm einer Poetikvorlesung langsam zu Ende bringen, von dem aber nichts außer der Titel steht.

Ein typischer Wolf Haas-Roman

Eigentum ist ein typischer Wolf Haas-Roman, auch wenn hier keine eigentlicher Plot im Sinne eines seiner Krimis um Simon Brenner im Mittelpunkt steht. Aber der Plot, um ihn ging es Wolf Haas ja erkennbar wenig in seinen bisherigen Büchern. Vielmehr zelebrieren seine Titel ja schon immer das Abschweifen der Gedanken und das Ausweichen vor allzu dicken roten Erzählfäden.

Wolf Haas - Eigentum (Cover)

Wie schon beim Interview, das den Rahmen seines Romans Das Wetter vor 15 Jahren bildete und in dessen Verlauf sich erst langsam die Handlung herausschälte oder bei seiner phlegmatischen Kultfigur Simon Brenner geht es auch hier ähnlich umständlich zu. Haas‘ Sätze stehen für sich bisweilen markant schief und krumm da und enteilen der erzählten Gegenwart immer wieder in die Erinnerung (was er ja in der Einleitung seines Romans selbst schon so als literarisches Konzept formuliert und absolut einhält).

Es ist auch der Humor, der typisch für das Schreiben des österreichischen Autors ist. So weckt etwa das greise Wegschlummern vor den vollen Suppentellern im Altersheim beim Erzähler Assoziationen zu einer alten Werbekampagne aus England, in der gewarnt wurde: „Vorsicht, die meisten Menschen ertrinken in seichten Gewässern!“

Oftmals erscheint der schwarze Humor als Bewältigungsmittel der eigenen Hilflosigkeit, um das absehbare Sterben der eigenen Mutter irgendwie zu verarbeiten. Bisweilen erfährt Haas als Erzähler sogar die Gültigkeit von Friedrich Nietzsches Worten der Tragödie, die sich als Farce wiederhole, etwa wenn er im noblen Schweizer Hotel auf Spuren seiner eigenen Mutter mit den vom Mund abgesparten Schweizer Franken zahlen möchte, nur um festzustellen, dass diese nach einer Währungsreform gar nicht mehr gültig sind.

Ein Mutterbuch aus Sohnperspektive

In solchen Momenten verbinden sich Humor, Lebenserinnerung und Einfühlen in die eigene Mutter ganz großartig. Überhaupt: Eigentum ist ein Mutterbuch aus Sohnperspektive, das die Fülle der Vaterschaftsbücher in letzter Zeit gut kontrastiert. Haas spürt hier dem Leben einer Frau nach, die beständig im Clinch mit anderen Menschen ihres Dorfes dort irgendwo in der Mitte Österreichs lag. Und deren Lebensmotto eines war, nämlich Sparen, Sparen, Sparen – stets mit dem großen Ziel des Erwerbs von Immobilieneigentum vor Augen.

So sammelte sie schon während ihrer Zeit als Servierkraft in der Schweiz beständig Franken, um sie nach Hause zu schicken, wo von dem Geld ein Haus errichtet werden sollte. Immer wieder war die Wohnsituation Thema, war die Wohnung mit achtundzwanzig Quadratmetern zu klein für die vierköpfige Familie, schrieb Haas‘ Mutter an Behörden, rackerte und sparte sich ab, um wie Sisyphos immer wieder die Unmöglichkeit ihres Traums vor Augen gestellt zu bekommen, schon etwa durch die Erfahrungen der Hyperinflation in ihrem eigenen Geburtsjahr 1923, die für eine Entwertung sämtlicher Vermögen sorgte.

Der Quadratmeterpreis ist immer einen Schritt voraus

Wenn es eine Erkenntnis gibt, die dem Leben dieser Frau innewohnte, dann der, das man sich mühen und eilen kann, wie man möchte, der Quadratmeterpreis, er ist einem stets einen Schritt voraus. Das zeigt Wolf Haas in den Erinnerungen, in der dieses Phantasma eines eigenen Heims immer wieder Thema war und an dessen Ende tatsächlich die eigene Immobilie steht. Nur befindet sie sich jetzt auf dem Friedhof in Form von circa 1,7 Quadratmetern, dafür mit unverstellter Bergsicht, wie der Erzähler in einem dieser Momente hilflos-schwarzen Humors feststellt

Was bleibt am Ende? Dokumente und Formulare, Geldnoten und das letzte Eigentum sind es, die dem Erzähler von seiner eigenen Mutter bleiben und die sich in diesem Wettlauf zwischen Text und Tod herauskristallisieren. Die Schreiben und das Geld entwerten sich und das Eigentum, es ist auch ein flüchtig Ding, frühestens, wenn die Bank zur Räumung der Immobilie auffordert, spätestens, wenn es ans Sterben geht. Eigentum ist möglich, aber nicht für „einfache“ Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Nicht damals, nicht heute. Das ist die bittere Erkenntnis, die Eigentum innewohnt.


  • Wolf Haas – Eigentum
  • ISBN 978-3-446-27833-2 (Hanser)
  • 160 Seiten. Preis: 22,00 €

Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht

Ein Vater mit seinem Sohn auf der Flucht durch Argentinien. Ihnen auf der Spur: die Geister der Vergangenheit und Geister der Gegenwart. Mariana Enriquez hat mit Unser Teil der Nacht ein wuchtiges, dunkles, bisweilen verstörendes Mammutwerk vorgelegt, das zwischen verschiedenen Genres und Stilen oszilliert und sich einer genauen Zuordnung entzieht.


Um ihren Roman zu erzählen, wählt Mariana Enriquez den Erzählansatz verschiedener Stimmen, die mal aus auktorialer oder Ich-Perspektive erzählen. All diese Episoden spielen zu verschiedenen Zeiten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ergeben erst langsam ein großes Ganzes. Die Hauptgeschichte entspinnt sich Mitte der 70er Jahren in Argentinien. Es herrscht die Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla, Oppositionelle werden gefoltert und verschwinden spurlos.

Ein Vater und sein Sohn auf der Flucht

In dieser Zeit lernen wir Juan und seinen Sohn Gaspar kennen. Sie befinden sich auf dem Weg zum Landgut Puerto Reyes, wo sie erwartet werden. Schon auf dem Weg der beiden zeigt sich, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Juan ist ständig erschöpft, will seinen Sohn schützen – und dieser sieht in Hotelzimmern Gestalten und Geister, die nicht von dieser Welt stammen.

Mariana Enriquez - Unser Teil der Nacht (Cover)

Schnell stellt sich heraus, dass sowohl Juan als auch Gaspar so etwas wie ein zweites Gesicht haben. Sie können Geister und dunkle Kräfte sehen oder sogar heraufbeschwören. Diese Fähigkeit der Kontaktaufnahme mit der einer dunklen Welt jenseits der unseren macht vor allem Juan für einen zunächst nicht näher definierten Orden höchst interessant. Aber auch Gaspar ist für den Orden von Interesse – schließlich könnten sich die Mediumsfähigkeiten seines Vater ebenfalls auf ihn übertragen haben. Ein mögliches Schicksal, vor dem Juan seinen Sohn um jeden Preis beschützen möchte.

Und während die beiden in Richtung des Landguts Puerto Reyes reisen, treibt Juan eine weitere Sorge um. Seine Frau Rosario ist verschwunden. Ob tot oder nur verschollen, das ist noch fraglich. Um mehr über ihr Verschwinden herauszufinden, beschwört er Geister herauf, um zu klären, was es mit dem Schicksal seiner Frau auf sich hat. Doch die Beschwörungen haben ihren Preis…

Über andere Erzählerinnen und Erzähler in anderen Zeiten klären sich langsam die Rollen von Juan, Gaspar und Rosario. Aber auch in späteren Zeiten, in denen Gaspar dann schon größer ist, ist die Dunkelheit nicht fern. So verliert Gaspar beim Spielen mit Freund*innen in Buenos Aires dann eine Freundin beim Erkunden eines verlassenen Hauses an die Dunkelheit. Denn egal ob in den 70er Jahren oder bis hinein in die 90er Jahre – die Dunkelheit ist nie fern, wofür auch der geheimnisvolle Orden sorgt, der an Gaspar so großes Interesse hat.

Eine wilde Mischung mit hohen Dunkelanteil

Es ist eine völlig wilde Mischung, die Mariana Enriquez hier anrührt. Bislang ist sie mit Kurzgeschichten in Erscheinung getreten (etwa Was wir im Feuer verloren, 2017 bei Ullstein erschienen), nun legt sie ein über 830 Seiten starkes Werk vor, das alle Genrezuordnungen sprengt.

Viele der Geschichten wirken zunächst einmal reichlich unverbunden, die Anknüpfungspunkte zum bisher Gelesenen erschließen sich manchmal erst spät. So gibt es Passagen, die stark an Serien wie Stranger Things und Abenteuerbücher wie die Drei ??? erinnern, dann gibt es Horrorelemente, Beschreibung größter körperlicher Pein und Folter, bei denen die Militärdiktatur manchmal ein guter Deckmantel ist, mit dem man die eigentlichen, unsäglichen Verbrechen des Ordens kaschieren kann. Es gibt explizite Liebesszenen, Fantasy- oder eher Horrorszenen (besonders in den Ritualen, in denen die Dunkelheit beschworen wird). Wir haben es mit einer Familiensaga zu tun, genauso gibt es Okkultes neben Profanen, Orgien und erste Liebe – und die Lyrik ist sowieso immer von Bedeutung.

Stellenweise wirkt Unser Teil der Nacht wie der dunkle Gegenpart zu Carlos Ruiz Zafons Der Schatten des Windes. In Zeiten von Verbrechen und Gräuel suchen ein Vater und ein Sohn nach den Hintergründen des Verschwindens der Frau oder Mutter und erleben dabei Fantastisches, das außerhalb unserer Vorstellungs- und Erfahrungswelt liegt. Wo bei Zafon alles wie in Sepia getaucht wirkt, ist die Welt von Mariana Enriquez bedeutend dunkler. Der Tod und die Geister sind stets präsent, auf dem Landgut Puerto Reyes spielt sich Unsägliches ab. Juan versucht seinen Sohn davor zu schützen, aber die Schatten reichen weit. Und die Toten reisen schnell.

Fazit

Das zeigt Mariana Enriquez eindrücklich, der mit Unser Teil der Nacht ein dunkles, bisweilen schwer erträgliches Buch mit einem hohen Horror-Anteil gelingt. Die Militärdiktatur, ein grausamer Orden, ein Vater, der seinen Sohn vor dem Schicksal bewahren will. Das sind Teile dieser großen, dunklen Saga, die die zweite Hälfte des vergangen Jahrhunderts aus argentinischer Perspektive noch einmal aufleben lässt. Wuchtig, verstörend, dunkel- thematisch wohl eines der ungewöhnlichsten Bücher in diesem Frühjahr, das von Inka Marter und Silke Kleemann ins Deutsche übertragen wurde.


  • Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht
  • Aus dem Spanischen von Inka Marter und Silke Kleemann
  • ISBN 978-3-608-50161-2 (Klett-Cotta)
  • 832 Seiten. Preis: 28,00 €