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Safae El Khannoussi – Oroppa

In ihrem Debüt Oroppa denkt die niederländische Autorin Safae El Khannoussi Europa weit und schreibt anhand einer Künstlerinnenbiografie an einer Erweiterung des geografischen Raums bis in den Maghreb hinein. Das ist in ihrer Erzählweise durchaus schlüssig und auf der Höhe der Zeit.


Alles beginnt in Safae El Khannoussis Roman mit dem Tod – denn Salomé Abergel liegt im Sterben. Nur ist das mit dem Sterben so eine Sache, denn der Tod will sich noch nicht wirklich einstellen.

Salomé Abergel wäre anstandslos in den Tod hinübergeglitten, hätte der Tod sie, nachdem er erst unschlüssig auf ihr herumgekaut hatte, nicht doch wieder ausgespuckt – zurück ins Leben. Seltsame Art aufzuwachen, dachte sich Salomé auch wenn es noch seltsamere gab, so wie neulich, als sie in der grellen Sonne auf einmal auf dem Balkon wach geworden war, neben einer Frau, die mit geschlossenen Augen eine Zigarette rauchte.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 9

Der Frage, wer diese Salomé Abergel ist, die hier zwischen Leben und Tod oszilliert, widmet sich El Khannoussis Text im Folgenden. Dabei wählt die 1994 in Tanger geborene Autorin einen indirekten Erzählansatz, denn hauptsächlich erfahren wir das Leben der Künstlerin nicht über sie selber, sondern über Menschen, die Salomés Lebensspur gekreuzt haben. So wie beispielsweise die Imbissangestellte Hind in Amsterdam, die von ihrem Chef Hbib ein ungewöhnliches Angebot bekommt.

Im Haus der Künstlerin

Statt in ihrem bisherigen Zuhause in einer besseren Besenkammer soll die junge Frau als Haushüterin auf das Anwesen einer Bekannten von Hbib aufpassen.

„Hör zu, du wohnst hundertmal schöner als jetzt und zahlst auch noch keinen müden Cent dafür. Um Salomé brauchst du dir keine Gedanken zu machen, die kommt nicht zurück. Jedenfalls vorerst. Du kriegst den Schlüssel Du sagst der Oma Adieu und ziehst um. Salomé ist eine gute Freundin von mir. Ihr Haus gehört jetzt dir. Du hältst es ein bisschen sauber, räumst auf, gießt die Pflanzen. Anonsten kannst du tun und lassen ,was du willst. Aber aufgepasst. Es ist die Rivierenbuurt. Also mach mir ja keinen Ärger. Und wenn jemand nach Salomé Abergel fragt, sagst du, sie sei verreist.

Safae El Khannoussi – Oroppa, S. 17

Ganz so problemlos, wie es ihr Chef darstellt, ist der Deal aber mitnichten. Denn nicht nur, dass schon bald das Telefon im Haus im Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt klingelt und eine Dame nach Salomé fragt. Auch finden sich im Keller des Hauses Gemälde, die der kifffreudigen Hind wie aus einer drogeninduzierten Vision erscheinen — keiner guten allerdings. Denn die Werke lassen der jungen Frau einen Schauer über den Rücken laufen. Wer war die Künstlerin, die diese Werke erschaffen hat und aus welchen Erfahrungen speist sich die Kunst der Verschollenen?

Von Amsterdam nach Casablanca und retour

Safae El Khannoussi - Oroppa,

Das klärt der nachfolgende Teil um den schwerkranken ehemaligen Gefängnisaufseher Yousef Slaoui, der mittlerweile ebenfalls in Amsterdam gestrandet ist. Schon früh kreuzten sich seine Pfade mit denen von Salomé „Salma“ Abergel, die im Zuge von Protesten in Casablanca aufgegriffen wurde.
Ihre Rebellion und Widerstand sowie das erlittene Leid, das sie dort in Marokko erfuhr, ehe sie als Künstlerin in Europa reüssierte, das beleuchtet der zweite Teil, dem dann auch noch eine weitere Passage folgt, die sich um die Galeristin Salomés und deren Suche nach ihr dreht, die die Galeristin ebenfalls in den Maghreb führt.

Dabei ist das Leben Salomés ebenso Thema wie die politischen Entwicklungen dort in der Region, etwa dem Arabischen Frühling – und dessen Auswirkungen auch auf Europa, die sich in der Person Salomé Abergel spiegeln. Dazu kommen erzählerische Einschübe wie in Etappen präsentierte Anekdoten, Passagen um ein geheimnisvolles 21. Arondissement, mit dem fast so etwas wie ein kleines Fantasy-Element zwischen Jorge Luis Borges und Carlos Ruiz Zafon in den Roman findet. Und auch die die nachgelagerte sogenannten „Angsthefte“ bilden ein weiteres erzählerisches Mittel in diesem form- wie genresprengenden Romandebüt von Safae El Khanoussi.

Oroppa entzieht sich somit einer genauen Zuordnung, bietet dafür aber einen vielgestaltigen Blick auf ein Frauenschicksal und die Geschichte der Gewalt, die Marokko und die anderen Staaten in der postkolonialen Zeit erfahren haben. Auch fragt ihr Roman nach den künstlerischen, geschichtlichen und biographischen Beziehungen zwischen den Kontinenten Europa und Nordafrika – und bietet damit gerade in dieser Zeit, in der energisch über Abschiebungen und die Sicherung von Außengrenzen debattiert wird, einen lesenswerten Einwurf, der zeigt, dass sich die Regionen doch näher sind und die Einflüsse weiter gedacht werden müssen, als es bei einem streng geografischen Blick auf die Landkarte der Fall ist.

Fazit

Wer sich auf dieses von Stefanie Ochel aus dem Niederländischen übersetzten Buch einlässt, der bekommt ein überbordende Erzählfeuerwerk zwischen Meknes und Amsterdam serviert. Oroppa ist ein Leseerlebnis, das manchmal wie im Delirium, dann wieder schmerzhaft klarsichtig wirkt. El Khannoussis Roman steckt voller Erzähllust und tragischer Schicksale, Kunst und Migrationserfahrung und schlingert auf gute und herausfordernde Art und Weise. Dieses politische und erzählerische wilde Werk macht Lust auf Diskussionen und mehr von der Autorin!


  • Safae El Khannoussi – Oroppa
  • Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-446-28474-6 (Hanser)
  • 350 Seiten. Preis: 26,00 €

Ricarda Messner – Wo der Name wohnt

Was bleibt von einem Namen, wenn man stirbt? Wenn das Zuhause aufgelöst und das Klingelschild abgelöst wird, das einst vom Namen kündete? Ricarda Messner lässt ihre Protagonistin in Wo der Name wohnt in einen Trauer-, aber vor allem einen Erinnerungsprozess eintreten, während sie die Wohnung ihrer Großmutter leert. Mögen die physischen Spuren auch schwinden, so werden sie doch durch das Erzählen konserviert. Nur die Bewahrung des Namens, er stellt sich als das wahre Hindernis heraus.


Welch bürokratischer Akt ein Namenswechsel sein kann, das erfährt der geneigte Leser in Ricarda Messners Debüt Wo der Name wohnt eindrücklich. Denn die verschiedenen Kapitel ihres Buchs werden durchs bestes Amtsdeutsch eingeleitet, in dem erklärt wird, welche Notwendigkeiten für und welche Gründe gegen einen Namenswechsel sprechen. Immer wieder unterbrechen und strukturieren diese bürokratischen Einschübe die sonst so angenehm dahinfließende und mit fremdsprachigen Bruchstücken durchsetzte Sprache Messners und holen zurück auf den Boden juristischer Tatsachen.

Die Verwaltungsgebühr für die Änderung von Familiennamen beträgt gem. §3 Satz 1 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 07.01.1938 (Reichsgesetzblatt I S. 12/Bundesgesetzblatt III Nr. 401-1-1), in der jeweils aktuellen Fassung – NamÄndVo 2,56 bis 1022,00 €

Ricarda Messner – Wo der Name wohnt

Bemühungen um die Bewahrung eines Namens

Der Grund für diesen behördlichen Schriftverkehr begründet Messners Erzählerin schon auf den ersten Seiten dieses schmalen Romans. Denn die namenlose Erzählerin ist darum bemüht, den Namen ihrer verstorbenen Großmutter anzunehmen, um so die Erinnerungen an das familiäre Erbe wachzuhalten und zu bewahren.

Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich eine Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm wie nach Großmutters Gesicht, das ich nicht mehr sehen würde. Es waren ungefähr vierzig Schritte von Tür zu Tür.

Ricarda Messner – Wo der Name wohnt, S. 14

Einst lebte sie in der Wohnung des Hauses Nummer 37, ihre Großmutter quasi nebenan im Haus, das die Nummer 35 trägt.

Nun blickt die Erzählerin zurück. Auf das Ausräumen der Wohnung, die eigene Geschichte und die Risse, die sich nicht nur in Großmutters Wohnung, sondern auch der familiären Biografie zeigen. Denn die Familie Levitanus ist nicht das, was man im rechten Dumpfdeutsch aktuell als „biodeutsch“ bezeichnet. Vielmehr ist sie Teil der fünfundzwanzig Millionen Menschen in Deutschland, die einen Migrationshintergrund besitzen. Und dieser im Falle der Erzählerin ein durchaus illustrer.

Migration nach Deutschland

Ricarda Messner - Wo der Name wohnt (Cover)

So reisten die Mutter und Großmutter 1971 aus Lettland als Staatenlose nach Deutschland ein und begannen hier ein neues Leben. Schon mehrfach zählten Neuanfang und Anpassung zu den erforderlichen Fähigkeiten, die die Familie Levitanus beweisen musste.

Beim sogenannten Rigaer Blutsonntag überlebte die Großmutter das Rigaer Ghetto, in dem lettische Jüdinnen und Juden getötet wurden, um Platz für deutsche Jüdinnen und Juden zu schaffen. Auch ihr Großvater floh 1941 vor den herannahenden Deutschen, ganze 4200 Kilometer maß seine Fluchtroute. Später studierte er in Moskau, die Großmutter musste als Staatlose 1971 mit ihrer Tochter aus Lettland in der damaligen Sowjetunion fliehen.

Sprachfetzen, Gerichte, Rituale sind es, die über das Lebensende der Großmutter mit 95 Jahren hinaus blieben und die die Erzählerin in ihrem Erinnern bewahrt. Eine besonders große Rolle für sie nimmt der Familienname ihrer Großmutter ein. Er ist es, der als abstrakter und doch konkreter Besitz die Flucht überstand und nun zum Orientierungspunkt der Erzählerin wird. Ihn möchte sie mit ihrer Namensänderung bewahren und so die Erinnerungen an die familiäre Identität wachhalten.

Es sind die Erinnerungen, plötzlich aufblitzenden Gedanken und die in der Familie gesprochenen Sprachen und Wortfetzen, die sie in ihren Erinnerungen wachruft und damit auch noch einmal tief in die eigene Familiengeschichte zwischen Baltikum und Deutschland, Flucht und Neuanfang, Judentum und familiären Erbe vordringt. Doch in Reiner Geistesarbeit verharrt dieses Erinnern nicht. Auch physisch leistet die Erzählerin diese Arbeit. So sondert sie nicht nur den großmütterlichen Besitz aus, der eng mit den Erinnerungen verknüpft ist, auch begibt sie sich auf familiäre Spurensuche, die sie bis nach Lettland und damit auch gewissermaßen wieder an den Anfang ihrer Geschichte zurückführt.

Fazit

Wo der Name wohnt ist ein reduzierter Familienroman, der vom Ende und den Erinnerungen her den familiären Bezug denkt und der den Rissen in den Biografien nachspürt. In Zeiten, in denen Migration verteufelt und Einwanderung zur Mutter aller Probleme erklärt wird, zeigt Richarda Messner, was Migration und Ankommen eigentlich bedeutet. Dass man das 20. Jahrhundert und seine Geschichte bis in unsere Gegenwart hinein gar nicht ohne migrationsbedingte Brüche denken kann, das lässt sich aus Wo der Name wohnt eindrücklich erfahren.

Der Mitbegründerin und Herausgeberin des Flaneur-Stadtmagazins gelingt mit ihrem Roman ein ruhiger und knapper Roman, der das in der Gegenwartsliteratur kaum behandelte Schicksal lettischer Juden in den Blick nimmt. Ihr Debüt passt sich auch gut in die Riege junger Suhrkamp-Autor*innen ein, die mit ähnlichem sprachlichen Zugriff den Beziehungen zu Eltern und Großeltern oder dem jüdischem Familienerbe nachspüren.

Weitere Meinungen zu Ricarda Messners Buch gibt es unter anderem auf dem Blog Poesierausch.


  • Ricarda Messner – Wo der Name wohnt
  • ISBN 978-3-518-43232-7 (Suhrkamp)
  • 170 Seiten. Preis: 23,00 €

Samuel Burr – Das größte Rätsel aller Zeiten

Ist es der Verbleib des Bernsteinzimmers? Oder die Hintergründe des Kennedy-Attentats? Die Formel für den nächsten Bestseller auf dem Buchmarkt? Nein, Das größte Rätsel aller Zeiten, das der Titel von Samuel Burrs Debütroman ankündigt, ist dann doch etwas profaner. So will der Waise Clayton Stumper das Rätsel seiner eigenen Herkunft lösen. Einst ausgesetzt in einer Hutschachtel vor dem Haus einer Gemeinschaft von Rätselmacher ist es nun an der Zeit zu ergründen, woher er kommt und was ihn ausmacht. Den Weg dabei weisen ihm natürlich – Rätsel.


Kreuzworträtsel, Sudokus, große Rätselhefte in Bahnhofsbuchhandlungen, kleine Geduldsspiele – sie alle dienen dem Zeitvertreib und sind höchst populär. Wer aber stellt sie eigentlich her? Die Antwort in Samuel Burrs Romanerstling lautet: die Gemeinschaft der Rätselmacher.

Was vielleicht nach einer elitären Loge klingt, entpuppt sich aber aber als Zusammenschluss einer Gemeinschaft von Eigenbrötlern und Spezialisten verschiedener Disziplinen, die gemeinsam in einem Anwesen in der Grafschaft Bedfordshire leben.

Samuel Burr - Das größte Rätsel aller Zeiten (Cover)

Vom Labyrinthbauer über eine Quizkönigin bis zu einem Maler von Puzzles reicht die bunt zusammengewürfelte Truppe. Zusammengehalten wird sie von Pippa Allsbrook, die sich ihrerseits für die Erstellung kniffliger Kreuzworträtsel kenntlich zeichnet. Einst rief sie die Gemeinschaft in London ins Leben und führte ganz unterschiedliche Menschen zusammen, mittlerweile aber sind fast vierzig Jahre seit der Gründung der Gemeinschaft der Rätselmacher ins Land gezogen.

Die Gemeinschaft ist hoch betagt, einige Mitglieder der Gruppe hat inzwischen auch das Zeitliche gesegnet. So nun auch Pippa, die als Spiritus Rector die Gruppe der Rätselerfinder*innen zusammengehalten hat. Als echte Rätselkönigin hinterlässt sie dem jungen Clayton Stumper dabei als Vermächtnis natürlich ein Rätsel.

Das Rätsel der Herkunft

Dieses Rätsel dreht sich ganz um dessen eigene Herkunft. Einst wurde er vor dem Haus der Rätselmacher*innen ausgesetzt und von der Gemeinschaft adoptiert. Eine Lösung für die Frage seiner Herkunft gab es allerdings nie. Und so begibt er sich nun auf eine finale Schnitzeljagd, um endlich das zumindest für ihn größte Rätsel aller Zeiten zu lösen, nämlich die Frage seiner Herkunft.

„Was ich nicht verstehe“, sagte Clayton, „warum man so wenig darüber weiß, woher ich komme.“

„Du hast uns überfordert“, erwiderte Earl mit einem Schulterzucken. „Du bist das Rätsel, das wir niemals lösen konnten.“

Samuel Burr – Das größte Rätsel aller Zeiten

Und so begibt sich Clayton auf eine Schnitzeljagd durch London, während Samuel Burr parallel immer wieder zurückspringt in die Zeit der Gründung der Gemeinschaft der Rätselmacher und deren Genese zeigt.

Ein literarisches Baiser

Das ist unterhaltsam gemacht und liest sich in Teilen, als hätten Freya Sampson, J. Paul Henderson und Alex Hay gemeinsame Sache gemacht. Allerdings ist Das größte Rätsel aller Zeiten für meinen Geschmack etwas zu harmlos, um wirklich überzeugen zu können. Fraglos, es ist ein netter Roman, aber ein wenig rätselhafter und weniger flach hätte es schon sein dürfen.

In Zeiten, in denen Escape Rooms boomen, das Miträseln in Krimis Hochkonjunktur hat und Nervenkitzel gefragt ist, konzentriert sich Samuel Burr auf eine harmlose Identitätssuche und setzt statt auf Spannung und Rätselraten lieber auf eine queere Liebesgeschichte. Allenfalls die einzelne zu erratende Kreuzworträtselbegriffe, die den Kapiteln der Spurensuche Claytons vorangesetzt sind, sind für Rätselfans ein Appetitanreger, ansonsten wird alles brav ausbuchstabiert und die Klärung der Rätsel allein dem Romanpersonal überantwortet. Von Claytons Spurensuche bleibt im Lauf des Romans kein einzig rätselhaftes oder faszinierendes Detail für die Leser*innen zurück, das zu einer tiefergehenden Beschäftigung mit Plot und Charakter einlüde.

So gleicht dieser Debütroman einem literarisches Baiser – nimmt sich spektakulär aus, ist mit knuffig-schrulligen Figuren gezuckert, sieht auch äußerlich toll aufgemacht aus und lässt sich schnell verschlingen – übrig bleibt aber nicht sonderlich viel. Der pompöse Titel des Buchs weckt hier Erwartungen, die der Roman dann selbst nicht erfüllen kann und will.

Fazit

Eine nette Geschichte, aber mitnichten Das größte Rätsel alles Zeiten. Das ist leider auch schon alles, was ich über Samuel Burrs Debütroman sagen kann.


  • Samuel Burr – Das größte Rätsel aller Zeiten
  • Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet
  • ISBN 978-3-8321-8223-6 (Dumont)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €

Menachem Kaiser – Kajzer

Grabungen in der eigenen Familiengeschichte, polnische Schatzsucher, ein unbekannter Verwandter, der die Konzentrationslager überlebt hat, ein mythenumrankter Goldzug – und die Geschichte eines Prozesses, der in seinem Anrennen gegen juristische Gegebenheiten etwas an Kleists Kohlhaas erinnert. Das alles bietet der US-amerikanische Autor Menachem Kaiser in seinem facettenreichen erzählenden Sachbuch Kajzer, dem für mein Empfinden ein etwas klarerer Fokus und mehr Kontur gutgetan hätten.


Menachem Kaiser dürfte es wie vielen von uns gehen. Man hat zwar eine grobe Ahnung der Familiengeschichte, aber die genauen Umstände der biographischen Herkunft liegen trotzdem im historischen Dunkel. Zwar wusste er als Sohn jüdischer Eltern von seinem Großvater, der im KZ überlebt hatte, recht viel mehr Erkenntniswert und Interesse war bei den nachfolgenden Generationen aber nicht, sodass er konstatiert:

Wir wussten, dass mein Großvater aus seiner Familie der Einzige gewesen war, der den Krieg überlebt hatte, dass seine Eltern und seine Geschwister ermordet worden waren, ebenso wie beinahe alle in seiner weiteren Verwandtschaft. Aber als Wissen war dies dunkle Materie.

Wir wussten nichts über sein Leben vor dem Krieg oder in der Zwischenkriegszeit. Wir wussten nicht, in welchen Konzentrationslagern er gewesen war oder wie sein Vater seinen Lebensunterhalt verdient hatte. Wir wussten nichts über seine Eltern, Tanten, Onkel, Cousin und Cousinen; mein Vater und seine beiden Geschwister – ganz zu schweigen von meiner Generation – hätten Mühe gehabt, die Namen der Geschwister meines Großvaters zu nennen; nicht einmal, wie viele es waren, hätten sie genau sagen können. Wir wussten, dass sie gestorben, hatten aber keine Ahnung, wer sie gewesen waren.

Menachem Kaiser – Kajzer, S. 13

Dieses Desinteresse änderte sich allerdings, als sich Menachem Kaiser im Zuge eines Forschungsstipendiums in Krakau aufhielt. Er, der eigentlich als Journalist und Autor arbeitet, wollte, wenn schon einmal vor Ort, dort dem persönlichen Erbe näherkommen, schließlich stammte sein Großvater aus Schlesien. Der Weg zum Ort des Aufwachsens seines Großvaters war somit nicht mehr weit, weswegen er sich daran machte, nach den familiären Wurzeln zu graben.

Ein enteignetes Haus in Sosnowiec

Für seine Suche erhielt Kaiser von seinem Vater eine Mappe mit ungeordneten Dokumenten. Aus diesen ging hervor, dass sein Großvater einst im Besitz eines Hauses im Ort Sosnowiec war, einem kleinen polnischen Ort. Als Jude war ihm dies während der Naziherrschaft allerdings enteignet worden.

Menachem Kaiser - Kajzer (Cover)

Zwanzig Jahre lang, so dokumentiert es das Konvolut, hatte sich der Großvater nach den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs angestrengt, seinen enteigneten Besitz wiederzuerlangen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das von keinem Erfolg gekrönt war.

Diese Nachricht rüttelt Menachem Kaiser auf, sodass er sich als Nachfahre daranmacht, dieser historischen Ungerechtigkeit im Nachhinein Recht zu verschaffen. Wieder zurück in den USA strengt er mithilfe einer „Killerin“ geheißenen Rechtsanwältin einen juristischen Kampf an, um das einst verlorene Haus wiederzuerlangen. In Polen recherchiert er zu Geschichte des Hauses – wird dann aber auch noch auf einer anderen Front mit einer Entdeckung überrascht.

Schatzsucher und Familienforschung

Denn während Kaiser zu einem Schatzsucher in Sachen eigener Historie wird, stößt er auf einen anderen legendären Schatzsucher namens Abraham Kajzer, der einst den Holocaust überlebte und der zur inspirierenden Figur für polnische Schatzsucher wurde, die sich auf die Suche nach dem legendären Goldzug der Nazis begaben. Die Namensgleichheit mit diesem Abraham Kajzer macht Kaiser stutzig, und so entdeckt er eine faszinierende biographische Volte. Bei Abraham Kajzer handelt es sich um niemand anderen als den Cousin seines eigenen Großvaters.

Ein Umstand, der ihn bei anderen Schatzsuchern in geradezu legendäre Höhen hebt, die ihm von ihren Grabungen in der Historie und im polnischen Boden berichten wollen, während er vor Ort den Spuren des eigenen Großvaters und denen Abraham Kajzers nachspürt, der nicht nur die Konzentrationslager überlebte, sondern auch nach Israel auswanderte und ein Buch mit seinen Aufzeichnungen an die Zeit in den Lagern veröffentlichte.

Das alles ist natürlich – um im Bild zu bleiben – eine wahre erzählerische Goldgrube. Die unbekannte Verwandschaft, die Suche in Polen nach dem eigenen Erbe, das Graben in metaphorischer und tatsächlicher Hinsicht. Und dann ist da auch noch der Prozess um das Haus, den nun der Enkel als Erbe an des Großvaters statt führt und der dabei eine Ahnung vom massiven Umbau des polnischen Staats bekommt, als die autoritär regierende PiS-Partei eine Justizreform anstrengt, die Sand in das juristische Getriebe streut, das für Kaisers Geschmack eh schon zu umständlich und langsam läuft.

Eine erzählerische Goldgrube – nicht ganz ausgeschöpft

Leider holt Kaiser aus dieser Goldgrube nicht das Optimum heraus. Denn das, was die New York Times auf der Rückseite des Buchs eine „verschlungene“ Geschichte nennt, ist für meinen Geschmack deutlich zu verschlungen. Oder anders gesagt: mir fehlt es hier an klarer Fokussierung auf sein erzählerisches Anliegen.

Beständig mäandert das Erzählen zwischen der eigenen Familiengeschichte, Abraham Kajzers packendem Schicksal, dem Prozess rund um das Haus und die Spurensuche vor Ort sowie die Porträts polnischer Schatzsucher, ihre Mythen und die Faszination für den Zweiten Weltkrieg, Goldzug und Projekt Riese inklusive, hin und her.

All das sind zweifelsohne spannende Themen und für sich genommen auch schon einzelne Sachbücher wert. Im Zusammenwirken all dieser erzählerischen Motive wird daraus aber leider ein doch recht unkonturiertes und unentschlossenes Durcheinander, bei der immer wieder einzelne Erzählstränge abbrechen, die Gedanken Kaisers abschweifen oder wieder zu angefangenen Themen zurückkehren.

Statt sich auf die Wiederentdeckung seines familiären Erbes zu besinnen und dies einfach mit dem schon fast Kolhhaas’schen Prozess um die Wiederelangen des enteigneten Hauses und die dafür notwendige Dokumentation zu kombinieren, eröffnet Menachem für meinen Geschmack deutlich zu viele Baustellen und Nebenkriegsschauplätze, die die eigentlich so kraftvollen und beeindruckenden Themen etwas von ihrer Wirkung nehmen. Hier wäre erzählerisch weniger gewesen, um mehr in Form eines wirklich stringenten und überzeugenden Buch zu sein.

Fazit

Kajzer ist fraglos ein relevantes erzählendes Sachbuch, das gerade in diesen Tagen mit dem Thema der Erkundung der eigenen jüdischen Biografie einen wichtigen Punkt macht. Allerdings verliert sich dieses wichtige und interessante Thema im zu unfokussierten Allerlei zwischen Schatzsuchern und Mythenbildung, um in letzter Konsequenz zu überzeugen. Hier wäre ein stärkeres Lektorat und ein klar erkennbarer erzählerischer roter Faden Trumpf gewesen.


  • Menachem Kaiser – Kajzer
  • Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
  • ISBN 978-3-552-07339-5 (Zsolnay)
  • 336 Seiten. Preis: 28,00 €

Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde

Hänsel und Gretel in Georgien. In seinem Debütroman Vor einem großen Walde lässt Leo Vardiashvili den Exil-Georgier Saba in das Land seiner Kindheit zurückkehren und dabei Spuren folgen, die den Brotkrumen in Grimms Märchen gleichen. Eine ebenso spannende wie erhellende Spurensuche, die das wechselvolle Schicksal Georgiens eindrücklich vor Augen führt.


Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker, der hatte nichts zu beißen und zu brechen und kaum das tägliche Brot für seine Frau und seine zwei Kinder, Hänsel und Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen.

So beginnt das Märchen der Gebrüder Grimm, die in Hänsel und Gretel das Schicksal zweier Geschwister schildern, die sich nur mithilfe einer klug ausgestreuten Spur aus Brotkrumen aus dem verhängnisvollen Dickicht des Waldes und aus dem Zugriff einer gefährlichen Hexe befreien können. Als sie den Weg zurück zu ihrer Familie finden, ist die Mutter in der Zwischenzeit allerdings verstorben. Viel Motivmaterial für Leo Vardiashvili, der in seinem Debütroman eine ebensolche Spurensuche und die Orientierungslosigkeit zweier Geschwister angesichts des familiären Zerfalls beschreibt.

Hänsel in Georgien

Angesiedelt ist seine Erzählung in keinem fiktiven Märchenland sondern in Georgien, das teilweise aber auch an ein Märchen erinnert. Vorwiegend sind es aber die Spuren seiner Vergangenheit, an denen das Land trägt.

Georgien trennte sich von der Sowjetunion und wurde 1991 zur Republik. Hastig gebildete Parteien stritten sich um den Thron dieser frisch geprägten „Republik“. Es dauerte nicht lange, bis man zu den Waffen griff. Und in genau diesem Winter stürzten wir kopfüber in einen bitteren, chaotischen Bürgerkrieg.

Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde, S. 29

Zurückgeblieben in diesem chaotischen und bitteren Bürgerkrieg ist die Mutter von Saba und Sandro. Zusammen mit ihrem Vater Irakli sind die Kinder vor den Schrecken des Kriegs nach England geflohen, nur ihre Mutter Eka blieb zurück, um dem Rest der Familie die Flucht zu ermöglichen.

Eine Spurensuche in Tbilissi

Die Rückholung der Mutter gelang allerdings nicht. Sie starb in Georgien, obwohl Irakli sich in der neuen Heimat in die Arbeit stürzte, um eine Rückkehr seiner Frau zu ermöglichen.

Leo Vardiashvili - Vor einem großen Walde (Cover)

Doch nun, elf Jahre später nach dem Tod der Mutter, hat sich Irakli auf den Weg zurück in das Heimatland seiner Familie gemacht. Die Lebenszeichen von ihm wurden allerdings immer spärlicher. So entschloss sich Sabas Bruder Sandro auf die Suche nach dem Vater zu machen und ebenfalls nach Georgien aufzubrechen. Aber auch er scheint nun vom Erdboden verschwunden zu sein. Zuvor schrieb er Saba noch eine kryptische Nachricht mit der Botschaft, dass er in der alten Wohnung im Tbilisser Stadtteil Sololaki eine Brotkrumenspur des Vaters entdeckt habe. Das war das letzte Lebenszeichen seines Bruders, womit nun alle Lebenszeichen der übrigen Familienmitglieder verstummt sind.

Kurzerhand macht sich Saba selbst auf den Weg, um den Brotkrumen zu folgen, die in den großen Wald namens Georgien weisen. Das stellt sich aber als gefährliche Mission heraus. Denn schon auf seinem Zwischenstopp in Kiew wird Saba vor einer Rückkehr in das Land seiner Kindheit gewarnt. Vor Ort muss er dann feststellen, dass zudem auch noch die Tiere des Zoos von Tbilissi ausgebrochen sind. Es mehren sich rasch die Zeichen, dass die ausgebrochenen Raubtiere in den Straßen der georgischen Hauptstadt allerdings Sabas geringstes Problem sind. Denn bei seiner Suche vor Ort stößt er schon bald auf unbequeme und höchst gefährliche Wahrheiten…

Viele Themen und Motive – überzeugend verschmolzen

Vor einem großen Walde ist ein wirklicher Schmöker, der gleich mehrere Stile und Motive miteinander vereint. Da ist die Parallele zum Märchen von Hänsel und Gretel, die hier in eine wahre Schnitzeljagd von Graffitispuren und Manuskriptseiten mündet. Da ist die Erzählung des Familienschicksal der Sulidze-Donauris, das Saba bei seiner Rückkehr an alte Lebensstationen der Eltern ergründet. Gesellschaft leistet ihm neben dem Taxifahrer Nodar und dessen prähistorischem Wolga auch eine Vielzahl an Stimmen im Kopf, die sich immer wieder in seine Reise zu den familiären Wurzeln und Geheimnissen einmischen.

Ebenso ist Vor einem großen Walde aber auch ein Porträt Tbilissis und damit auch des ganzen Landes Georgien, dessen nicht verheilte Wunden ebenso präsent sind wie die Einschüsse im Mauerwerk der Stadt. Ähnlich wie Archil Kikordze in Der Südelelefant ist auch Vardiashvilis Beschau der nicht verheilten Wunden und der psychologischen Narben der Zivilbevölkerung eine beeindruckende Reise in ein Land, das zwar Beitrittskandidat der EU sein mag, dessen Geschichte und Verfassung trotz einer Patenschaft mit der Buchmesse und Werken von Nino Haratischwili und Co. nicht wirklich greifbar ist.

Wo sich Der Südelefant auf den begrenzten Raum Tbilissis und einen Handlungszeitrahmen von gerade einmal einem einzigen Tag beschränkte, da geht Leo Vardiashvili noch weiter. Sein Buch gleicht in vielen Passagen einem atemlosen Roadtrip, der von Tbilissi und den einzelnen Stadtteilen bis nach Ossetien führt und der auch einige Opfer fordern wird.

Das ist in seiner Verschmelzung von unablässig nach vorne treibender Handlung und gleichzeitiger Rückschau auf die Familie und die Entwicklung des ganzen Landes gut gelungen. Durch die Schnitzeljagd und einige immer wiederkehrende Motive entfaltet Vor einem großen Walde einen erheblichen Sog und lässt mit Saba nur so durch die Seiten gleiten.

Fazit

Tief in die Geschichte Georgiens und die Familie Sulidze-Donauri führt dieser Debütroman ein, dessen Verfasser mit seinem Helden Saba das postsowjetische Familienerbe teilt. Denn auch Leo Vardiashvili emigrierte als Jugendlicher mit seiner Familie aus Tbilissi nach Großbritannien. Aus dieser Erfahrung schöpft der Autor eine ebenso mitreißende wie einsichtsreiche Geschichte, die das Schicksal Georgiens und die Stadt Tbilissi auch im Lesesessel etwas näher bringt und dabei großartig unterhält. Ein Einstand nach Maß!


  • Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde
  • Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
  • ISBN 978-3-546-10094-6 (Claassen)
  • 464 Seiten. Preis: 25,00 €