Monthly Archives: August 2018

Mick Herron – Slow Horses

Ein Fall für Jackson Lamb

Sie sind die Slow Horses – die Mannen und Frauen rund um Jackson Lamb. Eine Truppe von Paria, die ihr individuelles Versagen eint. Einer aus der Truppe hat einst eine CD mit Geheimdienstinformationen im Zug liegen lassen, der andere hat bei einer Anti-Terror-Übung versagt. Nun hat man sie aus dem Hauptquartier des Geheimdienstes im Regents Park abgeschoben in ein Domizil, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. Der bezeichnende Name der neuen Unterkunft: Slough House. Aufgrund der Ausbootung erfolgte in Kollegenkreises die Verballhornung zu Slow Horses.

Doch auch wenn man sie als lahme Klepper schmäht – aufgeben will das Team um ihren Anführer Jackson Lamb deswegen noch lange nicht. Unverhofft sind sie wieder im Rennen, als sie die eigentlich öde Routineüberwachung eines Journalisten plötzlich in einen Entführungsfall katapultiert. Die Geheimdienstmitarbeiter auf dem Abstellgleis beginnen selbst zu ermitteln und geraten damit unverhofft in einen verzwickten Fall, bei dem die Fronten gar nicht einmal so klar sind, wie es zu Beginn scheint.

Großbritannien und Spionage, das passt einfach. Vom Altmeister Ian Fleming und seinem Agenten im Dienste ihrer Majestät bis hin zur BBC-Serie Spooks – die Insel bietet einfach einen guten Nährboden für Agenten und Verschwörungen. Mick Herron modernisiert das etwas angestaubte Genre des Agenten-Krimis nun mit einem Twist. Statt glorreicher Helden, die sich gewandt in allen Milieus bewegen und mit Chuzpe ihren Missionen nachgehen, macht er genau das Gegenteil. Er erhebt Versager zu den Helden seines Buchs. Statt eines gewieften George Smiley gibt es bei Mick Herron einen auch durchaus gewieften, aber eben auch korpulenten und von seinen Vorgesetzten abgesägten Jackson Lamb. Ein eher an Nero Wolfe erinnernder Mann, der mit seinen Geheimagenten völlig unverhofft ins Feld ziehen muss. Aus dieser Unwahrscheinlichkeit zieht dieser Krimi für mich seinen Reiz.

Mögliche Verfilmung nicht ausgeschlossen

Slow Horses ist sorgfältig gearbeitet und nimmt sich Zeit für die Einführung seiner Figuren. Bis die Haupthandlung einsetzt, vergehen einige Dutzend Seiten. Wie in einem Schachspiel positioniert Herron seine Figuren, eher er dann loslegt. Neben der Handlung und der Art und Weise seiner Erzählung überzeugen auch die Dialoge (einen Anteil daran hat sicherlich auch Herrons Übersetzerin Stefanie Schäfer). Dies bringt Tempo und Abwechslung in den Plot und sorgt dafür, das man sich nicht langweilt, wenn die Slow Horses losgaloppieren. Bei diesem Buch sollte man auch eine eventuelle Verfilmung nicht ausschließen – die Vorbedingungen sind äußerst gut

Fazit: Slow Horses liest sich wie eine Mischung aus Jussi Adler-Olsens Sonderdezernat Q und den eleganten Spionagegeschichten eines John Le Carrés. Ein Spionage-Krimi, der das Genre von jeglicher Kalte-Krieg-Romantik oder andere Klischees freipustet und der Spaß macht. Man darf auf weitere Bände der Reihe gespannt sein!

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Urlaubslektüren

Jedes Jahr das gleiche Spiel: ich packe meinen Koffer- doch welche Bücher schaffen es ins Gepäck? Meine diesjährige Auswahl möchte ich hier einmal kurz vorstellen – vielleicht ist für euch auch eine Inspiration dabei?

Die Zeichen stehen schon auf literarischen Herbst – und mit ihm kommt auch der Deutsche Buchpreis auf uns zu. In Vorbereitung auf das Event lese ich den nominierten Titel Der Gott der Barbaren von Stefan Thome. Ein historischer Roman über Missionare in China – und nebenbei ein echter  Wälzer mit über 700 Seiten.

Doch das ist nicht das einzige dickleibige Buch, das in meinen Koffer eingepackt wird – etwas dünner, aber nicht minder vielversprechend ist das Debüt des Journalisten Philipp Schwenke, den man von der NEON oder Capital kennt. Er widmet sich dem großen Schummler, Impressario und Bestsellerautor Karl May und dessen einziger Orientreise, die er tatsächlich bestritten hat. Das Debüt Schwenkes trägt den Titel Ein Flimmern über der Wüste.

Mit guter deutscher Literatur geht es dann in Form von Brechtpreisträgerin und Buchpreis-Nominierten Nino Haratischwili weiter. Seit Jahren nehme ich mir schon vor, das von allen seiten gerühmte 1200-Seiten-Epos Das achte Leben. Für Brilka zu lesen. Doch angesichts des monumentalen Umfang des Buchs schreckte ich immer zurück. Doch wenn nicht jetzt lesen, wann dann? Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse und Nino Haratischwili scheint mir der passende Einstieg zum Mythos Georgien zu sein.

Zwei weitere Titel haben es in meine finale Auswahl geschafft. Das einzige nicht-deutschsprachige Buch kommt dabei von Pulitzer-Preisträger Leonard Pitts jr. und heißt Grant Park. Es erzählt von zwei ikonischen Momenten (schwarzer) amerikanischer Geschichte. Dem Streik in Memphis 1968 und der Vereidigung Barack Obamas im Jahr 2008. Ich erwarte mir von dem Roman einen erhellenden Blick auf den Zustand dieses so tief zerrissenen Amerikas – zumindest der Klappentext hat mich da schon einmal sehr angesprochen.

Und zu guter Letzt noch ein Buch, für das ich aus verschiedenen Ecken schon Empfehlungen erhielt (und das für viele bei der Nominierung zum Deutschen Buchpreis 2018 sträflich übergangen wurde). Schermanns Augen von Steffen Mensching behandelt die Lebensgeschichte eines Graphologen in den 20er und 30er Jahren. Der Roman wird als Gulag-Roman und Blick in die 20er und 30er Jahr Deutschlands und Österreich angepriesen. Ich bin mehr als gespannt und werde berichten.

Hier noch einmal eine Übersicht meiner Titel für den Urlaubskoffer:


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Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

Um diesen Roman zu kritisieren, möchte ich auf ein Zitat von Philipp Tingler aus dem Literarischen Quartett zurückgreifen. Zwar bezieht es sich auf ein anderes Buch, aber auch für Christopher Wilsons deutschsprachiges Debüt passt es ganz hervorragend (wenn nicht gar nicht gar sogar noch besser, als zu Prawda, über das sich Tingler damals dergestalt äußerte):

Dieses Buch ist wie ein alter, an Hospitalismus leidender Elefant in einem Zoo: Das schwankt nach links, nach rechts und dann kollabiert es mit debilem Grinsen.

Dieses Gefühl beschlich mich auch bei der Lektüre von Wilsons Guten Morgen, Genosse Elefant (im englischen Original deutlich besser: The Zoo, Übersetzung durch Bernhard Robben).

Immer wieder drängte sich mir der Eindruck auf, dass Wilson selbst nicht so wirklich weiß, was er hier erzählen will. Seine Erzählung der letzten Tage Stalins und dem Jungen Juri, der zum Vorkoster des Stählernen wird, ist so unentschieden wie ihre Hauptfigur.

Denn dieser Juri ist eigentlich ein reiner Tor. Als Kind vom Blitz getroffen, von Straßenbahnen und Wagen überrollt ist er ein Stehaufmännchen. Seine Mitmenschen versteht er nicht immer, schwankt irgendwo zwischen Asperger und Autismus und wird von seiner Umwelt meist als Idiot und Mobbingopfer abgestempelt. Allerdings verfügt er über ein stets lächelndes und ehrliches Gesicht, das seinen Mitmenschen in kürzester Zeit intime Geständnisse entlockt. Ein eigenständiges Leben ist für Juri Zipit allerdings nicht möglich, weswegen er seinem Vater, der als Zooveterinär seinen Dienst versieht, zur Hand geht und von diesem betreut wird. Dort im Zoo erwirbt sich Juri Kenntnisse, die ihm dann auch im Umgang mit Stalin und seinen Hofschranzen nützlich sein werden.

Er tätschelt meinen Kopf. „Armes Kind“, stellt er fest. „Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Wilson, Christopher: Guten Morgen, Genosse Elefant, S. 192

Immer wieder blitzen in der Erzählung gute Momente auf, treffende Beobachtungen oder Zuspitzungen, die den Geist des Stalinismus gut einfangen oder zeigen, welch Geistes Kind dieser Juri ist.

Um das Eis zu brechen, wird erst einmal Rate-die-Temperatur gespielt. Der Wodsch hält ein Quecksilberthermometer hoch, und alle müssen ihre Einschätzung abgeben.

Kruschka verfehlt die richtige Temperatur um sechs Grad und muss folglich sechs Gläser Wodka trinken, Bruhah irrt sich um zwei Grad, muss also zwei Schnäpse trinken.

Bulgirow errät die exakte Temperatur, und weil er offensichtlich auf Schlaumeier macht und den Neunmalklugen gibt, muss er zur Strafe sieben Gläser trinken, um dann auf Händen und Knien rund um den Tisch zu krabbeln und dabei wie ein Esel zu schreien.

Wilson, Christopher: Guten Morgen, Genosse Elefant, S. 125

Unentschiedenes Erzählen

Insgesamt reicht das aber nicht, um aus Guten Morgen, Genosse Elefant ein Buch zu machen, das mich überzeugt hätte. Immer wieder wechselt Wilson seine Erzählperspektive vom Einfaltspinsel Juri hin zu einem auktorialen Erzähler, der uns beispielsweise den Todeskampf Stalins und seine ärztliche Behandlung näher bringt. Das ist genauso unentschlossen wie der Erzählton seines Romans. Dieser schwankt auf erstaunlicher Breite von komödiantischer Satire bis hin zur ungefilterten Beschreibung des Leids, welches Stalin und seine Clique über ihr Volk brachten. Und das obwohl Christopher Wilson eigentlich zur Psychologie des Humors Forschung getrieben hat – in sein Werk sind diese Erkenntnisse für mein Empfinden nicht eingeflossen.

Hier überzeugt leider nur sehr wenig – eben wie ein Elefant, der ständig hin und  herschwankt, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können.

Ein Verweis an dieser Stelle sei noch zum inhaltlich fast identisch gelagerten Film The Death of Stalin erlaubt. Dieser verursachte in Russland Tumulte und wurde dann offiziell verboten. Ob das Christopher Wilsons Buch auch bevorstehen könnte? Möglich wäre es natürlich, aber insgesamt halte ich das Buch für zu belanglos, als dass es solche Kreise ziehen könnte.

Filmtrailer: The death of Stalin
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André Georgi – Die letzte Terroristin

Da ist er endlich, der Thriller, auf den ich lange gewartet habe. Zuletzt hatte ich keine gute Phase mit Spannungsromanen aus deutschen Landen. Zu bräsig, sprachlich zu durchschnittlich, der Plot zu unterambitioniert. Und nun kommt dieses Buch ums Eck – Die letzte Terroristin von André Georgi.

Im Spannungsgeschäft ist der Name Georgis wahrlich kein unbekannter. Er schrieb zahlreiche Drehbücher zu Folgen des Tatorts oder Bella Block. Auch formte er die Geschichten aus den Kurzgeschichtensammlungen Ferdinand von Schirachs zu Filmen um. Ebenso hat Bielefelder Autor bereits einen Thriller im Suhrkamp-Verlag publiziert, er trägt den Titel Tribunal und ist ebenso hart wie gut.

Sein Faible für die Brandherde der 90er Jahre lebt Georgi auch in seinem neuen Buch aus. Es entführt zurück in die Postwendezeit und setzt sich mit der 3. Generation der Roten Armee Fraktion auseinander. In Georgis Buch werden deren Geschichte und Taten wieder lebendig.

Den Kern seines Thrillers bildet der ungleiche Kampf zwischen den im Untergrund operierenden Mitgliedern der RAF und dem BKA in Gestalt des Ermittlers Andreas Kawert. Dieser macht, getrieben von seinem Chef und der Öffentlichkeit, Jagd auf die Terroristin. Doch trotz des Einsatzes von Datenverarbeitung und vielen personellen Ressourcen gelingt es den RAF-Mitgliedern immer wieder, erfolgreiche Anschläge auf hochgestellte Persönlichkeiten der Bundesrepublik zu verüben. Besonders der im Osten verhasste Treuhandchef Dahlmann gerät in den Fokus der Terroristen.

Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder
(Bundesarchiv, Bild 183-1990-0821-025 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0)

Die Wegmarken Treuhand-Chef, 3. Generation RAF oder Überfall auf die Airbase in Frankfurt am Main lassen es schon erahnen – auch wenn Georgi mit Pseudonymen arbeitet und seine künstlerische Freiheit geschickt nutzt: Die letzte Terroristin ist extrem nah entlang der Realität und den historischen Fakten gebaut. Dabei verliert sich der Roman allerdings nie in bloßem Dokutheater, sondern ist rasant konstruiert und weist eine fesselnde Erzählweise auf.

Hätten Stefan Aust, Dominik Graf und Tom Tykwer zusammengesessen, um einen Thriller über die 3. Generation der RAF und die verkrusteten Strukturen der Postwendezeit zu entwickeln, dann wäre wohl dieses Buch dabei entstanden. Dabei überzeugt neben Plot und fein nuancierter Personenzeichnung endlich auch einmal wieder die Sprache eines Thrillers. Georgi gelingt sowohl die plastische Beschreibung von Actionszenen, als auch die tiefergehende Analyse der RAF-Mitglieder und ihrer Gegenspieler, ohne dass der Plot Unwucht bekäme.

Erst später sollten sie begreifen, dass sie in dieser Nacht den größten Fehler machten, der der RAF jemals unterlaufen war. Alles, was die RAF zwei Jahrzehnte lang getan hatte, hatte aus der immer schmäler werdenden Kluft zwischen Terror und Mord heraus gelebt. Eine Unterscheidung, die das Land in diejenigen spaltete, die diese Unterscheidung akzeptierten, und diejenigen, die sie von Anfang an bekämpften. Eine Kluft, die das Land zerreißen sollte, das war der Plan, eine für die historische Dialektik notwendige Negation, aus der heraus Geschichte gemacht werden sollte. In dieser Nacht aber fiel die Unterscheidung von Terror und Mord mit einem Schlag in sich zusammen. Die Kinder der dritten Generation fraßen ihre eigene Revolution und mussten fortan Depots unter Strommasten anlegen und in die DDR fliehen, weil die Türen der WGs und der besetzten Häuser und der Studentenbuden und der Ferienhäuser linker Redaktionen und der Pfarrhäuser plötzlich neue Schlösser trugen, zu denen die alten Schlüssel nicht mehr passten.

Georgi, André: Die letzte Terroristin, S. 341

Ob die kommende zweiteilige Verfilmung des Thrillers mit Ulrich Tukur und Petra Schmid-Schaller der Vorlage Georgis gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Es dürfte aber schwer werden, angesichts dieses Kopfkinos, das Georgi bei mir entfesselte. Ein deutscher Top-Thriller auf erfreulich hohem Niveau!

 

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Lauren Groff – Arcadia

Vor wenigen Tagen ging hier in Augsburg das Hohe Friedensfest zu Ende. Großes Motto des diesjährigen Festes war das Thema Utopien: Was wäre, wenn …? In vielen Veranstaltungen wurden vor Ort Utopien gesponnen, diskutiert und auch so manches Mal verworfen.

Ein ideales Buch zu diesem Thema ist der zweite Roman der Amerikanerin Lauren Groff, die in Arcadia zurück in die 70er Jahre reist und einen Blick auf die psychedelisch bunte Welt der Hippiebewegung wirft. Wobei die Welt im Falle von Arcadia so bunt gar nicht ist. Aber der Reihe nach.

Nach dem Roman Die Monster von Templeton (2009 erschienen) veröffentlichte die Amerikanerin Lauren Groff im Jahr 2012 ihre Aussteiger-Erzählung, die ein Jahr später in der deutschen Übersetzung von Judith Schwaab im C.H.Beck-Verlag erschien.

Leider hat es das Buch im Gegensatz zu seinem Nachfolger Licht und Zorn zu keinem großen Erfolg gebracht. Zumindest blieb meine Recherche nach Besprechungsbelegen in Zeitungen, Journalen oder Blogs ohne nennenswerte Ergebnisse. Ein Zustand, dem ich Abhilfe schaffen möchte, denn das Buch lohnt sich auf alle Fälle. Hier beweist Groff einmal mehr ihr Talent, ihre Geschichten mit völlig unterschiedlichen Registern zu erzählen. Dabei ist das Buch auf der Montageebene mindestens genauso spannend wie auf der inhaltlichen Ebene.

Von Anbeginn der Flower-Power Ära bis hinein in eine Zukunft spannt Lauren Groff ihren Erzählbogen, dessen wichtigster Stützpfeiler jenes titelgebende Arcadia ist, das auch den Jungen Ridley „Bit“ Scott und seine Eltern Hannah und Abe beherbergt. Diese gründen zusammen mit anderen Enthusiasten auf dem Land im Staat New York Arcadia. Ein altes heruntergekommenes Haus wird von den Aussteigern wieder instand gesetzt und zum Hauptquartier der Kommune erklärt. Bit zieht mit seinen Eltern in das Haus, genauso wie viele weitere Hippies, denen Arcadia zum Refugium wird. Immer größer wirkt die Anziehungskraft der Landkommune und sorgt für einen regen Zulauf von Nudisten, Schwangeren und Junkies, die alle hoffen, in Arcadia ihr Leben verwirklichen zu können.

Doch Groff tappt nicht in die Falle, eine lustige Hippieschnurre zu erzählen (wie dies beispielsweise T.C. Boyle in Grün ist die Hoffnung tut) – sondern sie kontrastiert diese Flower-Power-Welt auch mit den Abgründen. So ist auch dieses Paradies nicht für die Ewigkeit gemacht, denn der Erfolg von Arcadia wird auch schnell zum Mühlstein um den Hals der Arcadier. Der ungebremste Zustrom von Aussteigern sorgt dann auch für das Ende der Kommune, das weniger von Peace denn von Zerstörung geprägt ist.

Ach Bit. Ich kann es kaum glauben, dass du dich nicht mehr erinnerst. Es war kalt, sagte Helle. Nie war es warm. Wir hatten nie genug zu essen. Wir hatten nie genug Klamotten. Jede einzelne Nacht bin ich davon aufgewacht, dass irgendjemand im Pink Piper Liebe machte. Überall roch es nach Wichse. Handy ließ mich mit LSD versetzten Apfelwein trinken, als ich etwa fünf war. Was für Halluzinationen hat eine Fünfjährige? Zwei Monate lang sah ich jedes Mal, wenn meine Mutter etwas sagte, Flammen aus ihrem Mund kommen. Wir waren wie Gäste am Tisch des verrückten Hutmachers, merkten aber nicht, dass die Welt aus den Fugen geriet.

Groff, Lauren: Arcadia, S. 208

Und so sehen wir durch die Augen von Bit den Aufstieg, die Blüte und den Untergang des Hippie-Utopias, das an den Klippen der Realität zerschellen musste. Über das Ende von Arcadia hinaus bleibt Bit seinem Ort der Kindheit und Jugend verbunden und übernimmt das Beziehungsnetz auch mit in die „richtige“ Welt, wordurch Groff auch ein ganz eigener Blickwinkel auf unser Zusammenleben und unsere Beziehungen gelingt.

Diese Nachwehen von Arcadia erzählt Lauren Groff in einer geschickten Montagetechnik und erreicht damit eine Tiefe in den Figuren, die die Erzählung endgültig von allen Hippie-Verklärungen oder Parodien enthebt. Hier zeigt sich eine wirklich talentierte Autorin, die stilsicher aus den unterschiedlichsten Milieus erzählen kann.

Ihr Arcadia ist ein Ort, den man als Besucher zwar gerne betritt und einmal in alle Räume hineinspitzt – dann ist man aber auch wieder froh, diese Welt verlassen zu können. Und nebenbei wirft die Amerikanerin auch noch individuelle Fragen auf, die subtil in den Text eingearbeitet sind.

Bei mir blieb vor allem jene Frage zurück: wie sieht unser ganz eigenes Paradies aus? Und welche Abgründe hält dieses Paradies dann für uns bereit? Wer Arcadia liest, blickt noch einmal neu auf die Hippiebewegung und die Utopien, die heute so verblasst und überlebt wirken. Und beginnt vielleicht doch selbst noch einmal zu träumen.

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