Christina Walker – Verteidigung eines Gartens

Mit ihrem neuen Roman Verteidigung eines Gartens arbeitet Christina Walker weiter an ihrem Ruf als literarische Spezialistin für besondere Wohnverhältnisse. Sie erzählt von einer Frau, die durch den Rückzug in eine Gartenlaube Raum finden will, um sich neu zu sortieren. Doch dieser Raum ist in vielfältiger Hinsicht bedroht.


Schrebergarten, Gartenlaube, Laubenpieper. Es schwingt etwas Niedlich-Romantisches in all diesen Begriffen mit, die eines der größten Hobbys der Deutschen beschreiben. Knapp 900.000 Schrebergärten gibt es in Deutschland. Es sind Orte, die ihren Besitzern Gärtnern und Auszeiten im Grünen verheißen. Ein reiner Garten Eden, bar jeder Einschränkung oder Reglementierung, ist aber selbst ein Kleingarten in Deutschland natürlich nicht, so will es das Bundeskleingartengesetz.

Dieses dient als Grundlage für die jeweiligen Verordnungen und Satzungen in den Kleingärten, die von den Obmännern und Obfrauen vor Ort auf ihre Einhaltung kontrolliert werden sollen. Eine wichtiger Grundsatz des Gesetzes ist es, dass dieses das Wohnen im eigenen Kleingarten untersagt. Einzelne Übernachtungen gestattet die Gesetzgebung, alles darüber Hinausreichende ist aber verboten.

Marianne Roth, der zentralen Figur in Christina Walkers neuem Roman Verteidigung eines Gartens, ist diese Gesetzgebung aber herzlich egal. Sie hat schließlich ganz andere Probleme. Ihr Mann ist bei einem Autounfall verstorben. Hinterlassen hat er ihr nur Schulden, denn ohne das Wissen seiner Frau hat er Hypotheken auf sein Haus und die darin beheimatete Bäckerei aufgenommen – und diese verspielt.

Rückzug in den Schrebergarten

So kommt es nun zum notgedrungenen Auszug Mariannes aus ihrer eigenen Immobilie – und dem Aufbruch nach Neu-Amerika. Dieses befindet sich aber keinesfalls kontinentenweit von ihrer alten Wohnung entfernt, sondern lediglich außerhalb der namenlosen Stadt an einem Fluss mit Wehr. Es handelt sich nämlich um eine Kleingartenkolonie, in der die Witwe nun die Hütte ihres verstorbenen Mannes bezieht.

Aus ähnlichen Gründen nannte Marianne ihre Unterkunft nicht „Hütte“, sondern „Gartenhaus“ und in besser aufgelegten Momenten manchmal sogar „Kabine“. Das kleine, aber solide Gebäude im Blockhausstil war nicht billig gewesen, zumindest das hatte Carl zugegeben. Marianne hatte nicht weiter nachgefragt, weil dabei meistens nichts herauskam,

Christina Walker – Verteidigung eines Gartens, S. 9

Ihren Verstoß gegen das Bundeskleingartengesetz beäugt der Schrebergarten-Obmann Herr Gregor skeptisch, allein ist Marianne mit ihrer undogmatischen Wohnortwahl aber nicht. Auch andere Parzellen sind illegalerweise dauerhaft durch Personen belegt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen dort in Neu-Amerika einen Rückzugsort für sich gefunden haben.

Eine Frau, eine Parzelle, ein neues Leben

Christina Walker - Verteidigung eines Gartens (Cover)

Marianne befindet sich dabei nicht nur im Roman in guter Gesellschaft, auch werkübergreifend findet die Witwe Verbündete. Denn schon in ihrem Romanen Auto (2021) und Kleine Schule des Fliegens (2023) standen bei Walker Figuren im Mittelpunkt, die ihr Leben auf kleinstem Raum führen wollten.
So erzählte sie in ihrem Debüt von einem Buchhandelsvertreter, der fortan im stillgelegten Mercedes vor seinem Haus wohnen wollte und im zwei Jahre danach erschienenen Roman war es dann ein rekonvaleszenter Krebs-Patient, der seine eigenen vier Wände nicht verlassen sollte, um angesichts seines fragilen Gesundheitszustandes Ansteckungen zu vermeiden.

Dieses Motiv führt die Vorarlbergerin auch in diesem Roman nun fort, weitet es aber zugleich, indem sie um Marianne herum ein ganzes Ensemble von Figuren stellt, das eine vollumfänglichen Rückzug von der Welt verhindert. Denn nicht nur, dass das Arbeitsamt auf eine richtige Meldeadresse von Marianne dringt, auch sucht ihre ehemalige Nachbarin Grete den Kontakt zu Marianne. Und dann ist da noch die ebenfalls regelmäßig in den Schrebergarten zurückkehrenden junge Didi, die vor häuslicher Gewalt und schulischer Ausgrenzung immer wieder nach Neu-Amerika flieht.

So ist dieser Roman der bislang „offenste“, der Marianne aus der armseligen Beengtheit ihrer Laube immer wieder in die große Welt entlässt, in der Walkers Figuren zwischen Schulfluren, den Regalen eines Supermarkts und Angelausflügen umherirren.

Fazit

Die Verteidigung eines Gartens vermeidet es, den Schrebergarten als idyllischen Ort der Selbstverwirklichung zu verklären, im Gegenteil: die Kleingärten von Neu-Amerika lassen jede Idylle vermissen. Immer wieder stolpern die Laubenpieper über Tierkadaver und Knochen, die herbstlich-graue Welt drückt Flora und Fauna darnieder.
Das Refugium vor den Toren der Stadt ist von Natur und Bürokratie bedroht, Marianne versucht unter dem Radar zu bleiben und ist doch immer wieder gezwungen, es mit der Welt da draußen aufzunehmen, Gewalt in Beziehungen ist ebenso ein Thema des Romans wie auch der genaue Blick auf die Schilderung von Armut und den Versuch, diese zu überspielen.

All das macht aus Die Verteidigung eines Gartens eine durchaus herbe Angelegenheit, der trotz Christina Walkers werkimmanenten Thema der Selbstisolation diesmal so stark wie nie zuvor auch in die Leben ihrer anderen Figuren blickt. Sie alle umranken Mariannes neue Existenz in Neu-Amerika allesamt so verschlungen, wie es die Bohnen in ihrer Parzelle dort in Neu-Amerika tun.


  • Christina Walker – Verteidigung eines Gartens
  • ISBN 978-3-7017-1828-3 (Residenz-Verlag)
  • 296 Seiten. Preis: 26,00 €

Louise Kennedy – Red

Ein in der Schule überbrachter Trennungsbrief wird zum Anfang der Beziehung von Róisín zu Redmond „Red“ Camelin, die Louise Kennedy in ihrem neuen Roman erkundet. Es ist ein Beziehung, die die beiden viele Jahre und über ihre Heimat Irland hinaus begleiten soll…


Schon einmal erwies sich Louise Kennedy als Spezialistin für vertrackte Beziehungen. In ihrem Debüt Übertretung schilderte sie eine Affäre zur Zeit der Troubles, die die beiden Beteiligten in große Gefahr und Loyalitätskonflikte brachte. Auch ihre Kurzgeschichten, die abermals der Göttinger Steidl-Verlag unter dem schönen Titel Das Ende der Welt ist eine Sackgasse veröffentlichte, umkreisten komplizierte Beziehungen vor tristem Hintergrund.

Nun erscheint mit Red ein Roman, der das Thema der komplizierten Beziehung fortführt und ausbaut. Auch die Veröffentlichung des Romans selbst ist eine solche vertrackte Angelegenheit. Denn anstelle des Steidl-Verlags ist es nun mit Claassen ein Imprint des Ullstein-Verlags, bei dem Red in der Übersetzung des bewährten Duos Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel erscheint.

Die zwischenzeitliche Insolvenz des Steidl-Verlags dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Buch nun in einem neuen Haus erscheint. Die fortgesetzte Publikation Louise Kennedys hierzulande ist auf alle Fälle ein Glücksfall, denn Red zeigt Kennedys literarische Qualitäten, was ihren Sinn für Tristesse, für Bindung und emotionale Tiefe anbelangt.

Red und Róisín – eine komplizierte Freundschaft

Schon die Welt ihrer Figuren ist da Ausdruck jener Hoffnungslosigkeit, die sich Irland in weiten Teilen der 1980er Jahre bemächtigt hat. Róisín lebt zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter Una in einem kleinen Haus in einem kleinen irischen Städtchen, das nicht gerade durch Attraktivität oder ein gutes Freizeitangebot besticht.

Sie hatten den Platz erreicht, der eigentlich nur der breiteste Teil der Hauptstraße war und Parkplätze für einige wenige Autos bot. Sie fremdelte mit dieser Stadt an der Fernstraße zwischen Dublin und Cork, mit ihrem Verkehr aus scheißendem Vieh, scheppernden Bussen und schweren Sattelschleppern. Die Läden entstammten einem anderen Jahrhundert. Eine Lederwerkstatt, handgenähte Taschen und Gürtel, säuberlich ausgelegt unter Zaumzeug und Sätteln, ein Textilgeschäft, im Fenster altmodische Klamotten, an eine Hartfaserplatte gepinnt und durch zerknitterte gelbe Folie vor dem Ausbleichen geschützt.

Louise Kennedy – Red, S. 15

Der Vater, ein katholischer Polizist in der überwiegend protestantisch geprägten Royal Ulster Constabulary (was Assoziationen zu Adrian McKintys Krimireihe um den katholischen Bullen Sean Duffy weckt), hat die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. So wohnen jetzt Tochter und Mutter mit höchst unterschiedlichen Tagesrhythmen gemeinsam unter einem Dach und schlagen sich durchs Leben.

In der Schule ist Róisín eine Außenseiterin, die erst durch die Freundschaft mit Redmond „Red“ Camelin aus ihrer sozialen Isolation geholt wird. Für eine Mitschülerin soll Róisín nämlich an jenen Red einen Zettel überstellen, in dem ihm die Mitschülerin das Ende ihrer „Beziehung“ mitteilt – was allerdings für Róisín der Auslöser ihrer eigenen Beziehung zu Red wird, die Louise Kennedy teilweise in großen zeitlichen Sprüngen ausgehend vom Oktober 1982 bis ins Jahr 2007 nachverfolgt.

Im London der Hausbesetzerszene

Louise Kennedy - Red (Cover)

Dabei ist das Verhältnis – wie könnte es bei Louise Kennedy anders sein – ein durchaus ambivalentes und zeitweise recht schwieriges. Denn nach den Wirren der Schulzeit trifft Róisín wieder auf Red, als dieser in einem besetzten Haus im Londoner Stadtteil Pimlico wohnt. Hier spielt Kennedy ihr Talent für die genaue Zeichnung der Trostlosigkeit und ihrer vielen Schattierungen gekonnt aus.

Während sie mit den Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld Reds Beziehungen eingeht und die Londoner Jahre in großer Armut erlebt, sieht sie Freunde in die Drogensucht abrutschen, während auch noch das AIDS-Virus grassiert. Sie selbst geht Beziehungen mit anderen Männern an, lebt sich aus, sieht Menschen in ihrem engsten Umfeld an Alkohol oder Heroin sterben – und blickt doch auch immer auf Red, der immer irgendwo um sie ist.

A rake’s progress als Leitmotiv

Für sie wirkt jener Redmond Camelin fast wie eine Figur aus dem berühmten Bilderzyklus A rake’s progress von William Hogarth, mit dem sie Red in Kontakt bringt, als sie in einem konkurrenzbedingten Anflug von Bildungsbürgertum das Sir John Soane’s Museum in London besuchen. Dieser Bilderzyklus aus dem 18. Jahrhundert, der wie in einem Comicstrip über acht Bilder hinweg den Niedergang des reichen Erben Tom Rakewell zeichnet, wird so etwas wie die Folie für Reds eigenen Niedergang, dem man an der Seite von Róisín beiwohnt.

Im Soane’s Museum schloss sie sich einer Führung an. Als sie durch die Säle schritt, wurde ihr bewusst, dass ihre Erinnerungen an den Ort eher impressionistisch war, ein flirrendes Bild aus Pompejirot und Portland Stone. Andere Aspekte ihres Besuchs kehrten jedoch so scharf in ihr Gedächtnis zurück, dass es wie eine Heimsuchung wirkte. Der gebannte Ausdruck in Reds Gesicht, als er Octavia zuhörte, seine Enttäuschung darüber, dass Róisín nicht sag, was in A Rake’s Progress gesehen hatte. Sie wartete bis zwei Uhr, dann ging sie zum Bildersaal und zwängte sich hinein. Der Führer streifte sich weiße Handschuhe über , die Besucher drängten vor. Es war nur eine Geschichte, dachte sie, als er die Holzpaneele aufklappte, ein Leben in acht Bildern. Glück und Unglück, Liebe und Verlust, Verbrechen und Strafe, keine verschlüsselte Botschaft, die ins Dunkel lockte.

Louise Kennedy – Red, S. 358

Das kann man auch auf Red übertragen. Viele Emotionen, eine komplizierte und dafür umso tieferwurzelnde Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren, dazu eine genaue Zeichnung der Milieus des ländlichen Irlands der frühen 1980er Jahre und des Londons der Hausbesetzerszene der späten 1980er Jahre, all das bietet Red auf und schildert eine Freundschaft, die Höhen und vor allem viel Tiefen mitmachen muss.

Fazit

Irische Literatur von ihrer besten Seite, die Louise Kennedy hier präsentiert. Rau, manchmal düster, nicht ohne Hoffnung, präzise in der Schilderung der Milieus und voller Emotionen, das kennzeichnet den Roman, dessen Zugänglichmachung unter nun einem neuen Dach wirklich ein Glücksfall ist!


  • Louise Kennedy – Red
  • Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel
  • ISBN 978-3-546-10171-4 (Claassen)
  • 384 Seiten. Preis: 24,00 €

Leh-Wei Liao – Glaszeit

Das nennt man wohl Einstand nach Maß. Mit ihrem Debütroman Glaszeit gelingt der Autorin Leh-Wei Liao gleich einmal der Sprung auf die Nominierungsliste des Bayerischen wie auch des Deutschen Buchpreises.
Sie erzählt darin die Geschichte der Ärztin Novana, die nach in Taipei praktiziert, von ihrem Aufwachsen in Köln und von dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, einer vielbeachteten Künstlerin.


Just in einer unterirdischen Mall begegnet die Ärztin Novana auf den ersten Seiten von Leh Wei Liaos Roman Glaszeit ihrer Mutter. Es ist aber keine persönliche Begegnung im hektischen Gedränge, vielmehr entdeckt sie ihre Mutter auf einem Werbedisplay.

Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet.
Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben.
Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle.
Qīn’ài de bǎobèi.
Eine Handvoll Sekunden. Erinnerungen. Ich zögere. Ich könnte einfach weitergehen, immer weiter den langen Gängen folgen, vorbei am meterlangen Laternenfest-Mosaik, an Modegeschäften, Nintendo-Pop-up-Stores, Wahrsager:innen, Friseur:innen, Masseur:innen, Imbissen mit Beef Noodle Soup, Popcorn Chicken, frittierten Snacks, Currys, Egg Waffles, Tofupuddings, Bubbleteas, Taro Balls, Moon und Sun Cakes und Mochis. Durch hallengroße Bereiche, die die Passagen wie Marktplätze unterbrechen, etagenweise Rolltreppen, Hauptstraßen, Schluchten, Brücken. Irgendwann würden Berge kommen, und dahinter liegt das Meer.
Ich bleibe stehen.
Ein hochaufgelöstes, strahlendes Werbedisplay.

Leh-Wei Liao – Glaszeit, S. 7

Der Umstand, dass Novana vom Anblick ihrer Mutter völlig aus allen Routinen gerissen wird, erklärt sich neben dem ungewohnten Anblick auch durch Novanas Geschichte, die uns Leh-Wei Liao im Folgenden Stück für Stück präsentiert. Denn einst wuchs Novana bei der Familie eines Kindheitsfreundes in Köln auf, nachdem ihre Mutter sie als Kind in der Domstadt zurückgelassen hatte.

Sie, die von Novana nur als M. bezeichnet wird, ist eine radikale Performance-Künstlerin irgendwo zwischen Marina Abramovic und Florentina Holzinger, die dem künstlerischem Werk den Vorzug vor der gelebten Mutterschaft gegeben hat. So ist die Ankündigung zu einer neuen Kunstaktion auch sehr symbolisch zu sehen, bei der M. den eigenen Uterus präparieren und ausstellen will. Mein Uterus ist ein Objekt, das in meiner künstlerischen Praxis einen neuen Kontext finden muss, so drückt es die Aktionskünstlerin selbst aus.

Ein Neuanfang in Taipei

Leh-Wei Liao - Glaszeit (Cover)

Nun hat Novana wiederum fast alle Brücken hinter sich abgebrochen und hat im Heimatland ihrer Mutter den Neuanfang gewagt. In einem Krankenhaus in Taipei arbeitet sie nun auf einer Frühchenstation und betreut dort die kaum lebensfähigen Neugeborenen intensivmedizinisch.

In den wenigen Pausen, die ihr der herausfordernde Job lässt, durchstreift Novana Taipei, wagt sich auf Dates aus und hört in ihrer Freizeit ausgiebig einen Pädiatrie-Podcast zur Entspannung.

Neben allem ruhe- und ziellosen Treiben durch die Stadt gibt ihr der Job als Ärztin halt (ein Beruf, den Novana mit der Autorin Leh-Wei Liao teilt). Dementsprechend finden sich auch viele von medizinischer Fachsprache geprägte Passagen, die Novanas Kampf um das Überleben der Frühchen schildern.

Meirongs Eltern standen beide am Inkubator, als ich Blut abnehmen wollte. An ihrem Körper lagen ein Endotrachealtubus, ein Nabelvenenkatheter sowie Pulsoxymetrie- und EKG-Kabel an. 1515 g wog sie jetzt. Sie hatte ihr Gewicht geschafft und konnte nun doch an die ECMO angeschlossen werden.

Leh-Wei Liao – Glaszeit

Doch nicht nur die Medizin prägt das Leben von Novana und die Sprache des Buchs. Durch die erstarkende Beziehung zur Aktivistin Sihan findet auch eine politische Komponente in Glaszeit. Denn Sihan betätigt sich in der taiwanesischen Unabhängigkeitsbewegung und zieht dadurch auch Novana in den politischen Konflikt hinein, bei dem sich zeigt, dass nicht nur die Beziehung zu ihrer Mutter höchst Fragil ist, sondern auch auf westliche Partner, allen voran die USA, in diesen Zeiten auch kein Verlass mehr ist.

Eine Fülle von Themen

Glaszeit ist ein Roman voller Themen. Die taiwanesische Unabhängigkeitsbewegung, die Frage nach Mutterschaft in all ihren Facetten, die herausfordernde medizinische Arbeit, die immer wieder tief in Novanas Privatleben hineinstrahlt, dazu auch die Fragen nach den eigenen Beziehungen und dem sexuellen Mäandern zwischen Männern und Frauen, Leh-Wei Liao hat in diesem Debütroman wahrlich nicht an Themen gespart.

Ihr Roman fügt sich ein in eine ganze Riege von Mutter-Tochter-Beziehungsromanen, wie sie der deutsche Buchmarkt zuletzt in hoher Schlagzahl hervorbrachte, kann sich aber durch den Schauplatz und die genauen Schilderungen von Novanas Arbeitsleben und den politischen Hintergrund der Erzählung vom Gros anderer Romane abheben. Ob es zum Gewinn des Bayerischen Buchpreises reicht, nachdem Glaszeit bei der Erstellung der Shortlist des Deutschen Buchpreises keine Berücksichtigung mehr gefunden hat, vermag ich nicht zu sagen.

Ein Beweis, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mehr als nur Dorfromane und Autofiktion kann, ist Leh-Wei Liaos welthaltiges Debüt aber allemal!

Weitere Besprechungen zu Glaszeit finden sich unter anderem bei Kommunikatives Lesen und Lust auf Literatur.


  • Leh-Wei Liao – Glaszeit
  • ISBN 978-3-630-87839-3 (Luchterhand)
  • 288 Seiten. Preis: 24,00 €

Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen

Wieder einmal hat sich Michael Lichtwarck-Aschoff tief in die Medizingeschichte eingegraben und präsentiert in Vermessen das Leben des Versicherungsmediziners John Hutchinson, der als einer der Väter der Spirometrie gilt und dessen voltenreiches Leben er aus verschiedenen Perspektiven blickt.


Die Bitte einmal tief einzuatmen, um dann wieder langsam auszuatmen, man kennt sie von ärztlichen Untersuchen hinlänglich. Doch nicht nur die Lunge lässt sich mit dieser Aufforderung gut abhören, auch kann man auf diesem Wege die sogenannte Vitalkapazität ermitteln, die durch das Volumen an maximal ein- und dann wieder ausgeatmeter Luft bestimmt wird.

Einen der Väter dieses medizinischen Parameters stellt der früher ebenfalls als Mediziner tätige Michael Lichtwarck-Aschoff in seinem neuen Romans Vermessen vor. Es handelt sich um den 1811 geborenen Versicherungsmediziner John „Hutch“ Hutchinson, der der Öffentlichkeit im Jahr 1846 seinen sogenannten Spirometer vorstellte und damit die Grundlagen für die Wissenschaftsdisziplin der Spirometrie schuf.

Die Erfindung der Spirometrie

Mithilfe einem kräftigen Atemstoßes in sein Gerät will Hutchinson die Lungenkapazität und damit auch den Gesundheitsstatus seiner Probanden ermitteln. Dem befreundeten Pferdeknecht Ethelbert, einem der Erzähler dieses Buchs, erklärt es „Hutch“ wie folgt:

Nein, Bert. Ich vermesse die Kandidaten. Größe, Gewicht, Alter, und dann kommt auch schon mein Spirometer ins Spiel.
Die kriegen eine Maske über?
Nein, Bert, den Männern gebe ich natürlich keine Maske, sondern ein Mundstück. Habe ich dir doch erklärt. Ich klemme ihnen die Nase ab und sage ihnen, sie müssen durch das Mundstück ausatmen, so fest sie können. In die Lunge gehen so und so viel Kubikzoll Luft hinein, und ebenso viele Kubikzoll kommen auch wieder raus, eine Zahl, präzise bis auf drei Stellen hinter dem Komma. Ich kann fünf- oder zehnmal hintereinander messen, immer annähernd dieselbe Zahl. Sag selbst: Ist das nicht großartig? Über das, was man bloß vermutet, kann man ja endlos streiten. Über Messergebnisse kann man nicht streiten.

Michael Lichtwarck-Aschoff, S, 34 f.

Seine Erfindung präsentiert der findige Mediziner nicht nur seinem Freund Ethelbert stolz, vor allem dessen Tochter erweist sich als höchst verständige und talentierte Naturwissenschaftlerin, die Hutchinson mit seiner Erfindung entscheidend unterstützt.

Doch weil die Wissenschaft nur die halbe Miete ist, sammelt der Mediziner auch noch zwei weitere, höchst illustre Gestalten um sich, die ihm bei der Präsentation seines Spirometers unterstützen sollen. Es handelt sich bei ihnen um den jahrmarktgestählten Impresario Sands Maddox und seine Assistentin Rosalind.

Aus dem Blenheim Palace nach Bendigo in Australien

Michael Lichtwarck-Aschoff - Vermessen (Cover)

So beginnt John Hutchinson die Vermarktung seines Spirometers und gastiert damit im nahegelegenen Blenheim Palace, wo er seine Erfindung vor dem Hofstaat des Herzogs von Marlborough vorführen will.
Der Mediziner wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Eventisierung seiner Erfindung und der Nutzbarmachung, indem er eine große Versuchsreihe zur Erfassung der Vitalkapazität von Bewohnern der Cotswolds beginnt.

Doch wie das mit schmalen Graten so ist, auf denen man wandelt: immer ist auch ein Absturz möglich, von dem wir in Lichtwarck-Aschoffs Roman schon früh Kenntnis erlangen. Denn Hutchinson findet sich mit Getreuen plötzlich in Bendigo, Australien wieder und es bleibt die große Frage, wie es den Versicherungsmediziner dorthin verschlagen hat.

Allmählich bekommen wir eine Antwort, da uns Maddox, Ethelbert und weitere Figuren alle auf ihre ganz eigene Weise vom Mediziner und seinem Weg bis nach Australien erzählen. Wirkliche Lufthoheit über die Geschichte des Mediziners gewinnt dabei keine der Figuren, was aber auch den Reiz des Romans ausmacht, Denn im Gegensatz zu Hutchinson und dessen unumstößlichen Wahrheiten, die seine Spirometrie zeitigen soll, gibt es in Lichwarck-Aschoffs Roman Raum – oder sollte man besser sagen: Luft – für Vielstimmigkeit, Widerspruch und Interpretation.

Literarisch wendig wie Christine Wunnicke

Suchte man ein literarisches Äquivalent zu Michael Lichtwarck-Aschoffs Schreiben, würde man wohl am ehesten bei der Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke fündig. Denn wie Wunnicke greift sich Lichtwarck-Aschoff immer wieder Figuren und Episoden der Wissenschaftsgeschichte auf, die er mit seinen durchaus humorbegabten Fiktionen umkreist und ausstellt.
Zuletzt widmete er sich der Frage des Rassismus im Werk und Denken Immanuel Kants, indem er den fiktiven hugenottischen Perückenmacher von Königsberg zu Wort kommen ließ oder beleuchtete in Robert Kochs Affe ein dunkles Kapitel aus dem Leben des „Seuchenarztes“ Koch.

Nun also John Hutchinson, dessen Werk die Lungenmedizin bis heute prägt und der doch noch nicht einmal einen Eintrag in der Encyclopaedia Britannica hat, worauf Lichtwarck-Aschoff in seinem ausführlichen Nachwort hinweist – genauso wie auf den nur schwer zu tilgenden Rassismus, der seit den Tagen Hutchinsons die Lehre der Spirometrie prägt und der nur langsam verschwindet. Leichthändig stellt sein umfassendes Nachwort die Verbindung unserer (medizinischen) Gegenwart und dem Wirken des Mediziners im 19. Jahrhundert her und liefert neben der literarischen Freude so noch allerhand Wissenswertes.

Vermessen ist voller Medizingeschichte und Augenzwinkern – und überzeugt durch seine literarische Vielstimmigkeit, mit der Lichtwarck-Aschoff seinen Versicherungsmediziner umtanzt, verrätselt und vorstellt. Wer war dieser Hutch? Ganz sicher vermag man es nach der Lektüre von Vermessen auch nicht zu bestimmen, aber dass die literarische Umkreisung Erkenntnis und gute Unterhaltung hervorbringt, das lässt sich ganz bestimmt sagen!


  • Michael Lichtwarck-Aschoff – Vermessen
  • ISBN 978-3-99050-305-8 (Amalthea)
  • 224 Seiten. Preis: 26,00 €

Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters

Eine Schicksalsgemeinschaft in einem Pariser Mietshaus und Erlebnisse, denen man nicht entrinnen kann. Der iranische Autor Reza Ghassemi erzählt in seinem Roman Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters davon und erlaubt damit einen Blick in die Seele eines Exil-Iraners, der dem Erlebten auch auf einem anderen Kontinent nicht entkommen kann.


Wenn es ein Land gibt, auf das sich gegenwärtig die Augen der Weltöffentlichkeit richten, dann ist es neben der Ukraine und deren Kampf gegen die russischen Besatzer sicherlich der Iran. Kam es vor vier Jahren zu Protesten in Folge des gewaltsamen Todes von Jina Mahsa Amini, so machte das Land daraufhin mit der blutigen Niederschlagung der Proteste Schlagzeilen, die mutmaßlich Tausende von Toten forderten.

Versuchte sich Donald Trump im vergangenen Jahr noch an einem „minimalinvasiven“ Angriff auf die iranischen Atomanlagen, so weitete sich dieser Konflikt in diesem Jahr aus, indem die amerikanische Regierung durch eine militärische Intervention einen Regimewechsel im Land herbeizuführen versuchte.

Es war ein Plan, der spektakulär scheiterte und dessen Folgen in Form der Blockade der Straße von Hormus Auswirkungen auf die ganze Welt hatten und haben, nicht zuletzt auch auf die Preise an den Zapfsäulen hierzulande.
Die Angriffe sorgten für große Debatten um die Rechtmäßigkeit der Angriffe, der Machttektonik der Mullahs, Revolutionsgarden und Einflussfaktoren im Iran und die deutschen Interessen in diesem Konflikt.

Während uns Sachbücher den Iran und seine Geschichte näherbringen und Journalistinnen zunehmend Essays über die Verbindung ihrer Väter zum Iran vorlegen, so mangelt es eklatant an iranischen Romanen, die uns das Land mit den Mitteln der Literatur näherbrächten.

Die große Iran-Umfahrung

Reza Ghassemi - Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters (Cover)

Zwar gibt es vereinzelte Initiativen von Kleinverlagen wie dem unabhängigen Glaré-Verlag und dessen Reihe Der andere Orient oder die Büchergilde Gutenberg, die jüngst in ihrer Reihe Weltempfänger den Roman Fereydoun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi vorstellte oder in der mittlerweile wieder eingestellten Edition Weltlese den Roman Der letzte Ausweis von Fereidoun M. Esfandiary in der Übersetzung von Ilja Trojanow zugänglich machte.
Große Verlagshäuser scheuen aber – trotz ihrer in Teilen durchaus welthaltigen Programme – den Iran literarisch. Statt das Land in Buchform zu erfahren, umfahren sie es lieber großräumig.

Umso schöner, dass es der C. H. Beck-Verlag da anders hält. Immer wieder stellt der Münchner Verlag den Vorderen Orient in den verlegerischen Mittelpunkt, zuletzt erlaubte uns Rabih Alahmeddine mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt im Libanon, vor zwei Jahren publizierte der Verlag mit Die Rose von Nischapur einen Roman des in Teheran geborenen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan, dessen Werke in seinem Heimatland Iran seit zwanzig Jahren nicht mehr erscheinen dürfen.

Nun rückt der Verlag mit Reza Ghassemi den nächsten iranischen Autor in das Licht der Öffentlichkeit und stellt damit jenen Roman vor, der in den Augen der Literaturkenner der jüngeren Generation eindeutig als Favorit gilt, wie Azar Attar in seinem Artikel zur Teheraner Buchmesse im Mai 2005 schrieb.

Darin ging er auch auf die voltenreiche Geschichte des Buchs selbst ein, das unter ähnlich herausfordernden Umständen wie der Roman von Fereidoun M. Esfandiary das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Denn im Alter von 36 Jahren begab sich Reza Ghassemi nach Frankreich, wo er seit 1986 lebt.
Er, der auch als Musiker reüssierte und als Virtuose der Setar gilt, komponierte seinen vielstimmigen Roman im Jahr 1994 fertig. Zwei Jahre später erschien das Buch in einem in den USA beheimateten iranischen Verlag, ehe das Buch dann noch einmal fünf Jahre später ins Französische übersetzt wurde, um dann 2002 dann endlich auch in Ghassemis Heimatland zu erscheinen.

Der lange Weg bis zur Veröffentlichung

Das Ganze erinnert in seinen verwinkelten biografischen und editorischen Details an den russischen Schriftsteller Sascha Sokolow und sein Hauptwerk Die Schule der Dummen, das auch nur über Umwege aus der Sowjetunion nach Österreich geschmuggelt werden konnte und bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im 1989 in dessen Heimat Russland ebenfalls nicht erscheinen durfte.
Doch nicht nur die verschlungene Publikationsgeschichte, auch den experimentellen Erzählansatz seiner Prosa teilt Ghassemi mit Sokolows Werk.

So fällt auch hier eine eindeutige Inhaltsbestimmung wie auch thematische Verortung von Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters äußerst schwer. Das Buch, das dank Sarah Kiyanrads Übersetzung aus dem Farsi nun auch auf Deutsch vorliegt, erzählt die Geschichte von Yadollah, der im Dachgeschoss eines Pariser Miethauses lebt.

Seine Nächte verbringt er mit dem Porträtieren seines Vermieters Éric-Francois Schmidt, lässt sich durch die Stadt treiben und teilt sein Zuhause mit einer ganzen Reihe exzentrischer Gestalten, die Tür an Tür mit ihm wohnen. Gabique, der gefürchtete Hund seines Vermieters, ein Cellist namens Milos, sein Nachbar Seyyed Alexander oder der „Prophet“, sie alle leben dort unter dem Dach des Hauses und begegnen sich vor allem nachts, da ihnen allen ein gewisser Hang zur Nachtaktivität gemein ist.

Die innere Zerrissenheit Yadollahs

Manchmal lebt Yadollah außerhalb der Zeit, da er immer wieder von einer Krankheit des „Zeitstillstands“ erfasst wird. Und dann ist da auch noch ein Verhör mit „Murnaus Faust“, in das er immer wieder katapultiert wird. Ist er Verdächtiger oder Opfer – und was will man von ihm?

Reza Ghassemis Text stellt viele Fragen, ohne in gleichem Maße auch Antworten zu liefern. Der Text lebt von seiner Zersplitterung und dem Bruch mit der Chronologie und Logik, was Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters zu einer herausfordernden Lektüre macht.

Zudem bezieht sich Ghassemi häufig auf Elemente der iranischen Kultur, was von Zitaten aus der persischen Dichtung bis hin zu Gestalten aus Religion, Militär- und Nationalgeschichte reicht. Deren konkrete Bezüge zu Ghassemis Prosa dürften den meisten westlichen Lesern unverständlich bleiben, auch wenn Sarah Kiyanrad als die Übersetzerin und Expertin für iranische Kulturgeschichte mit dem fast dreißig Fußnoten umfassenden Anmerkungsapparat für mehr Klarheit sorgt.

Einblicke in die Lebenswelt des Iran liefert Reza Ghassemi mit seinem Roman dabei weniger, besonders stark ist Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters aber, die innere Zerrissenheit Yadollahs nachzuzeichnen und zu zeigen, wie das Leben in der Fremde auf diesen einwirkt und für eine Entwurzelung sorgt, die Ghassemis Text durch die erzählerischen Brüche erfahrbar macht.

Fazit

Wer experimentelle Prosa schätzt, die dem Lesenden eine hermeneutisch offene Begegnung mit dem Geschriebenen abverlangt, der hat an Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters sicherlich seine Freude. Wie ein manchmal recht dissonantes Konzert des Holzorchesters wirkt so manches in Ghassemis Roman. Wer sich konkrete Einblicke in die innere Verfasstheit des Iran und seiner Einwohner erwartet, der dürfte mit dieser Prosa freilich weniger zufrieden sein.
Aber allein schon, dass hier Verlag und Übersetzerin unerschrocken dem Iran eine Stimme geben und tief in die iranische Literatur eintauchen lassen, das verdient großes Lob!


  • Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters
  • Aus dem Farsi von Sarah Kiyanrad
  • ISBN 978-3-406-85126-1 (C. H. Beck)
  • 255 Seiten. Preis: 24,00 €