Category Archives: Kriminalroman

Tom Hillenbrand – Montecrypto

Immer wieder melden sich in Mithu Sanyals Roman Identitti Personen zu Wort, die für ihr Debüt Tweets über einen fiktiven Skandal gespendet haben. Einer dieser Spender ist der Zeit-Redakteur Lars Weisbrod, der sämtliche Twitter-Diskussionen im Buch mit dem Hinweis crasht, er möchte jetzt über Geldtheorie diskutieren. Damit findet er im Falle des Identitti-Skandals sein Glück nicht. Ganz anders aber bei Tom Hillenbrands neuem Roman Montecrypto. Dieses Werk dürfe den Zeit-Redakteur und Power-Twitterer zufrieden stellen. Denn Tom Hillenbrand erzählt nicht nur von einer Schatzsuche, sondern reichert diese mit zahlreichen Informationen über Geldsysteme, neue Formen des Bezahlens und den Megatrend Bitcoin an.


Auslöser des Ganzen ist der Tod des Bitcoin-Nestors und Millardärs Greg Hollister. Dieser kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seine Schwester beauftragt den Finanzermittler – Dumas lässt grüßen – Ed Dante. Dieser soll den Tode des Milliardärs genauer untersuchen soll. Denn obwohl sich Hollister aus der von ihm gegründeten Bitcoin-Firma zurückgezogen hat, könnte er einen unbekannten Geldbetrag zur Seite geschafft haben. Bei seinen Recherchen stößt Dante auch tatsächlich auf Hinweise, dass der Schatz des exzentrischen Milliardärs existiert. Schnell sorgt die Kunde für einen Schatzsucher-Boom, zumal Hollister aus dem Grab heraus mit postum veröffentlichten Videos die Schatzsuche anheizt. Die Medien taufen den sagenumwobenen Schatz schnell Montecrypto und Date muss feststellen, dass mit dem Bitcoin-Universum eine Welt entstanden ist, die nach ganz anderen Regeln funktioniert, als er es gewohnt ist.

Auf der Jagd nach dem Bitcoinschatz

Mit Montecrypto hat Tom Hillenbrand ein Buch geschrieben, das den klassischen Hardboiled-Detektivroman mit der Welt digitaler Währungen zusammenbringt. Eine Idee, die zunächst widersprüchlich klingt, im Buch allerdings gut funktioniert. So reichert Hillenbrand die bekannten Genremotive (einsamer und trinkender Ermittler, Teamarbeit mit einer externen Expertin, klassische Ermittlungsarbeit für die Suche nach Hinweise etc.) durch die Welt der Bitcoins, Blockchains und Bytes an. Stellvertretend für den unbedarften Leser stößt Dante langsam in die Welt der digitalen Finanzen vor, die so anders ist, als man das aus dem Wirtschaftsunterricht kennt. Denn mit Sparbuch und dem herkömmlichen Fiat-Geld hat die neue Welt des Geldes nur mehr wenig gemeinsam.

In einigen Erklärdialogen und -szenen wird Dante in diese Welt eingeführt und lernt langsam die Möglichkeiten, aber auch Abgründe kennen, die dieser Art digitalen Geldes innewohnen. Warum befeuerte Hollister mit seinem Eintreten für eine unregulierte Währung die Hoffnung der Ultraliberalen? War er mit seinen Visionen eher Held oder der Totengräber unserer Währungssysteme? Und wo zum Teufel ist dieser digitale Schatz von Montecrypto versteckt?

Fazit

Montecrypto besitzt ein gutes Pacing, treibt immer wieder voran und lässt so etwas wie Langeweile nicht aufkommen. Auch wenn man bei den ganzen im Buch verarbeiteten Themen eine arge Theorielastigkeit und viele Erklärdialoge befürchten könnte, stellt sich das Ganze realiter dann allerdings weitaus spannender dar. Hillenbrand schickt Dante auf eine turbulente Schnitzeljagd, die von Kalifornien über New York und Frankfurt bis in die Schweiz führt. Eine Schnitzeljagd, deren wahre Natur lange im Dunkeln bleibt, auch für Ed Dante.

Mag auch die Pointe des Buchs etwas arg vorhersehbar sein, so überzeugt das Buch durch seine Rasanz und sein innovatives Thema. Hillenbrand gelingt es zu zeigen, dass die Welt der Geldtheorie und der Kryptowährung tatsächlich viel Spannungspotenzial bietet. Einmal mehr stellt Tom Hillenbrand hier seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Nach Sci-Fi, Kulinarikkrimis und historischem Roman nun eben eine Schnitzeljagd auf den Spuren Dumas‘ (wenngleich ohne Chateau d’If). Ein guter und aktueller Thriller, reich an Schauplätzen und Themen.


  • Tom Hillenbrand – Montecrypto
  • ISBN 978-3-462-00157-0 (Kiepenheuer-Witsch)
  • 448 Seiten. Preis: 16,00 €

Chris Lloyd – Die Toten vom Gare d’Austerlitz

Wenn es ein Genre im Kriminalroman gibt, das in letzter Zeit einen wirklichen Boom erfuhr, dann ist es der historische Krimi. Besonders die Epoche der Roaring Twenties bis hin zur Zeit des Dritten Reichs erfreut sich derzeit bei Autor*innen größter Beliebtheit. Auch befeuert durch die erfolgreiche Verfilmung der Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher entstand in letzter Zeit der Trend, jene Zeit im Gewand des Krimis fiktionalisiert wieder auferstehen zu lassen. Autor*innen wie Uwe Klausner, Alex Beer, Bernd Ohm, Frank Goldammer, Harald Gilbers oder Susanne Goga haben jüngst Werke oder Reihen verfasst, die in dieser Zeit spielen. Und wie es zumeist bei solchen Trendthemen in der Literatur ist: die Ergebnisse sind dabei mal gelungener, mal eher fragwürdigerer Natur.

Den boomenden historischen Krimi aber nun nur für eine deutsche Spezialität zu halten, das ist grundfalsch. Besonders englische Autoren haben schon deutlich vor dem aktuellen Trend das literarische Potential dieser Zeit erkannt. Robert Harris ließ in Enigma einen Kampf zwischen Briten und Deutschen um die Chiffriermaschine der Nazis ausfechten oder sponn in Vaterland die Idee, was gewesen wäre, wenn die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten. Auch sein Landsmann Philip Kerr nutzte die Folie des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs. Er schickte seinen Detektive Bernie Gunther auf zahlreiche Missionen, während die Nazis Europa und den Rest der Welt in Atem hielten.

Ein Bulle in Paris

Nun ist mit Chris Lloyd der nächste Brite im Programm von Suhrkamp zu entdecken, der sich mit der Zeit des Dritten Reichs auseinandersetzt. In seinem von Thomas Wörtche herausgegebenen Krimi Die Toten vom Gare d’Austerlitz begleiten wir den französischen Polizisten Édourard, genannte Eddie, Giral. Dieser versieht in Paris seinen Dienst. Wir schreiben den Juni 1940, die Nazis sind in Paris einmarschiert. Sie entmachten die französischen Polizisten, die nun den deutschen Besatzern unterstellt sind. Eddie will davon aber nichts wissen. Denn er hat einen beziehungsweise zwei Fälle, die er unbedingt lösen will.

Chris Lloyd - Die Toten vom Gare d'Austerlitz (Cover)

Auf einem Abstellgleis auf dem Gelände des Gare d’Austerlitz wurden in einem Waggon vier Polen entdeckt, die mit Gas umgebracht wurden. Das weckt in Eddie Erinnerungen an den eigenen Dienst in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Zudem alarmiert ihn wenig später eine weitere Schreckensmeldung. Ein anderer Pole hat einen erweiterten Suizid begangen. Die tat hinterlässt bei Eddie viele Fragezeichen. Doch als sich heraussstellt, dass der Selbstmörder und einer der im Zug ermordeten aus der selben Stadt stammen, wird Eddie stutzig.

Und als seien diese Fälle nicht schon genug, bekommt Eddie auch beruflich und privat noch einige Knüppel zwischen die Beine geworfen. So muss er beständig einem deutschen Militär Bericht erstatten, der ihn zu Gehorsam und Disziplin zwingen möchte. Auch die Gestapo will sich Eddies Loyalität sicher sein. Ein Gruppe polnischer Exilanten, eine amerikanische Reporterin und quertreibende Kollegen im Polizeirevier erschweren zudem Eddies Arbeit. Und auch privat treiben den unangepassten Polizisten Sorgen um. Denn sein Sohn ist von Hass auf die deutschen Besatzer getrieben. Er plant Rache und Vergeltung. Eddie findet sich zwischen allen Fronten wieder.

Ein unübersichtliches Labyrinth

Es sind viele Themen, Personen und Stränge, die Chris Lloyd in seinem deutschen Debüt zusammenführt. Ihm gelingt aber das Kunststück, diese ganzen erzählerischen Fäden nicht zu einem Knäuel zu verwirken. Zwar gleichen Paris und die unterschiedlichen Interessen von Deutschen, französischen Ermittlern und sonstigen Parteien einem komplizierten Durcheinander. Aber der erzählerische Faden bleibt stets in Lloyds Hand, der trotz aller unterschiedlicher Interessen im besetzten Paris die Handlung nicht vergisst.

Eddie ist dabei ein schnodderiger, rebellischer Charakter, dessen Unangepasstheit ihn sowohl in Konflikt mit den Kollegen als auch mit den Besatzern bringt. Früher versah er als Rausschmeißer in den Kneipen und Jazzclubs von Montmartre seinen Dienst, heute ist er ein eigenwilliger Polizist. Seine Ermittlungen sind ein Ritt auf der Rasierklinge, den er allerdings ohne viel Rücksicht oder Federlesens wagt. Und natürlich sind ihm wie jedem guten Helden im historischen Krimi die Nazis ein Gräuel und er sabotiert ihre Pläne, wo er kann.

Von solchen erzählerischen bekannten Grundmustern und den manchmal etwas gekünstelten Übergängen zu den erzählerischen Rückblenden abgesehen (die aber eher kritischwürdige Petitessen sind), ist Die Toten vom Gare d’Austerlitz aber ein wirklich gelungenes Buch. Ein spannender und solider Thriller mit einem Helden, von dem man gerne mehr lesen würde. Das Nachwort gibt Hoffnung, dass die Reihe fortgeführt wird. Das wäre auf alle Fälle wünschenswert.


  • Chris Lloyd – Die Toten vom Gare d’Austerlitz
  • Aus dem Französischen von Andreas Heckmann
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN: 978-3-518-47136-4 (Suhrkamp)
  • 473 Seiten. Preis: 15,95 €

Bildquelle Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-L12788 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5366020

Gert Ueding – Herbarium giftgrün

Tübingen ist in aller Munde. Momentan ist es der vielbeachtete Modellversuch, der der Kleinstadt am Neckar deutschlandweite Aufmerksamkeit beschert. Während die Coronazahlen in die Höhe steigen, probiert man sich in Tübingen in der Rückkehr zu etwas mehr Normalität, begründet durch Testungen und damit verbundene Passierscheine. Aber auch ihr streitbarer Bürgermeister Boris Palmer sorgt ein ums andere Mal für Schlagzeilen, etwa wenn er eigenmächtig des Nachts Studenten kontrolliert. Oder wenn diese Studenten gerne einmal in steinernen Kunstwerken stecken bleiben.

Aber auch abseits von solch skurrilen Schlagzeilen ist die schwäbische Stadt bekannt. Der bekannteste Sohn der Stadt ist sicherlich Hölderlin, der 36 Jahre in einem Turm verlebte und dessen Leben und Werk im letzten Jahr zum dessen 250. Geburtstag breit gedachte wurde. Neben dessen Ruf ist es auch der der Eberhard-Karls-Universität, die entscheidend zum Ruhm der Stadt beigetragen hat. Die Liste der dort studierenden und lehrenden Denker und Denkerinnen liest sich wie ein Who’s Who deutscher Geistesgeschichte. Schelling, Hegel, Mörike, Alzheimer, Bloch, Ratzinger, Jens oder der jüngst verstorbene Hans Küng verschafften der Uni den Nimbus einer DER deutschen Top-Universitäten. Dass es an diesem Hort geistiger Schaffenskraft auch dunkle Seiten gibt, davon erzählt Gert Ueding in seinem Roman Herbarium giftgrün.

Die dunklen Seiten Tübingens

In seinem Buch ereignet sich an der Universität ein Todesfall, der schnell zum Stadtgespräch wird. Eine Studentin wird tot in einem Hörsaal aufgefunden. Bei einem Essen an der Universität bekommt der Maler Max Kersting einen Zettel der Verstorbenen zugesteckt. Das verschlüsselte Notat, in dem von einem herbarium sidereum die Rede ist, weckt das Interesse des Malers. Als der dann auf dem Nachhauseweg überfallen und ihm der Zettel entwendet wird, ist das Interesse des Künstlers vollends geweckt.

Gert Ueding - Herbarium giftgrün (Cover)

Er spürt im Umfeld der Verstorbenen den letzten Spuren nach. Diese führen ihn auf der Suche nach dem mysteriösen Herbarium genauso ins studentische Milieu wie in Bereiche des akademischen Mittelbaus. Schnell muss er erkennen, dass es auch an eine untadelige Universität von exzellentem Ruf wie die Eberhard Karls-Universität nicht vor dunklen Machenschaften gefeit ist. Der Run auf das ganz, ganz große Geld mithilfe unlauterer Mittel kann auch für Akademiker*innen zur Falle werden

Gert Ueding hat einen Roman geschrieben, der Elemente von Krimi und Campusroman in sich vereint. Und auch wenn die Anlagen des Romans wirklich nicht schlecht sind, so ist mein Leseeindruck leider kein durchwegs positiver.

Eher Meinungsbeitrag als echter Roman

Dies liegt schon zum einen daran, dass sich viele der im Buch verhandelten Themen und Thesen eher wie verklausulierte Artikel, denn genuin ins Handlungsgefüge eingepasste Plotelelemente lesen. Etwas gekünstelt wirkt es, wenn die Professoren in klandestinen Gesprächen, beobachtet von findigen Report*innen ihre Ränke um Kongresse und wissenschaftliche Fake-Buchverlage in Hinterzimmern spinnen. Passagenweise hatte ich den Eindruck, einen umgearbeiteten Debattenbeitrag über die Missstände im akademischen Wesen anstelle eines wirklichen Unterhaltungsromans zu lesen. Immer wieder spricht Kersting mit Akademiker*innen, die ihm und dem Leser seitenlang Missstände im Bildungsgefüge von der Bolognareform bis hin zu Zitationskartellen zu erklären. Eine etwas dezentere Einarbeitung der Anliegen des Romans, sie hätte hier notgetan.

Generell ist das Herbarium giftgrün auch etwas bieder geraten, sowohl als Krimi als auch Campusroman. Beginnend bei den bräsigen Kapitelüberschriften („Der Fall entwickelt sich“, „Der Verdacht wird konkreter“, etc.) setzt sich dieser Eindruck über die eigenwilligen Liebeszenen bis in die Kapitel hinein fort. Das hat zum Einen mit der recht konturlosen Figur des Max Kersting zu tun, der als Außenstehender trotz Uni- und Kriminalstikferne trotzdem permanent im Zentrum des Geschehens steht. Sowohl bei den Ermittlungsbehörden als auch im Büro des Dekans und bei den Opferfamilien geht er ein und aus. Je mehr die Handlung Blüten treibt, umso blasser wird dieser Kersting selbst.

Seine Figurengestaltung bleibt im Vergleich zum Plot deutlich zurück und ist auch nicht klischeefrei (natürlich verliebt sich der Künstler in einer junge Studentin und beginnt eine Affäre, etc.). Als recht konturlose Figur trägt er die Handlung nur schwer. Die Konturen spielen bei den Frauen im Roman hingegen wieder eine wichtige Rolle. Sie sind mitunter promiskuitiv, stets attraktiv bis „von starker erotischer Präsenz“ (S. 83), die dann im Gespräch dann zur Freude der Männer frivol an Tomaten zutzeln oder im Liebesspiel nach einem Apfel haschen dürfen. Diese Art von Schilderungen ist doch etwas überkommen und wirkte zumindest auf mich etwas verstaubt und reichlich prä-metoo-esk.

Nicht überzeugend gemacht

Zum Anderen ist auch die Machart der Kriminalerzählung nicht wirklich überzeugend. Dass ein Maler, in diese Räuberpistole hineinstolpert, stets die richtigen Schlüsse zieht und im Alleingang alles aufklärt, geschenkt. Allerdings ist neben der Plausibilität auch die Erzählweise verbesserungswürdig. So flicht Uerding immer wieder Vorausschauen ein (manche gleich zweimal auf einer Seite), wirkliche Spannung kann er daraus aber nicht generieren. Auch die Dialoge sind stellenweise doch reichlich erklärend-platt und eher auf Seifenopern-Niveau:

Fast eine Stunde später, sie hatten warten müssen, stiegen sie wieder in den Volvo. Kersting legte den Arm um Jana, zog sie an sich, dann lehnte er sich zurück.

„Wenn das kein gewöhnlicher Diebstahl war und als Warnung gedacht, dann muss das Auto so abgestellt worden sein, dass wir diese Absicht auch erkennen. Also zum Beispiel auf der Straße vor Deiner oder Lenas Wohnung.“

„Oder vor Deinem Haus in Unterjesingen“, ergänzte sie.

„Ja, oder dort“

„Dann fahren wir hin! Wir fangen hier in Tübingen an, und wenn das nichts bringt zu dir.“

Gert Ueding – Herbarium giftgrün, S. 220

In diesem Buch ruft man tatsächlich noch „verblüfft und auch bewundernd“ „Du bist ein Tausendsassa!“ aus (siehe Seite 251) oder stellt im Gespräch fest: „Es wird brenzlig, wir dürfen jetzt nicht die Ruhe verlieren.“ (S. 51). Viele Dialoge klingen völlig gestelzt, fernab jeder Gesprächsrealität. Selbst innerhalb mancher Aussagen schwankt der Ton erstaunlich von sprachlicher Gespreiztheit hin zu einem völlig umgangssprachlichen Register. Glaubwürdig ist das alles leider nicht so wirklich.

Sprachliche Schludrigkeiten und mangelndes Lektorat

„Natürlich berührt das Aufsehen, das die – ich will sie mal so nennen – Gartenhausaffäre in der Öffentlichkeit erregt hat, auch Belange der Universität, da ein Mitglied des Lehrkörpers in sie verwickelt ist, und das mindestens auf zweideutige Weise. Ich kann und will Ihnen aus diesem vertraulichen Gespräch nichts mitteilen, aber ich habe jedenfalls nichts Ihren Schlussfolgerungen Widersprechendes dabei erfahren.“

Gert Ueding – Herbarium giftgrün, S. 243

Ebenso schwankend wie der Ton der Dialoge ist auch der des gesamten Buchs. Da wird sich auf der einen Seite Musik ‚reingedudelt [sic], dann liest man wieder von „Born“, „Gepräge“ oder „Malesche“. Zu einem einheitlichen Ton findet Uerdings Prosa leider selten, was die Lektüre so zu einem wechselvollen Erlebnis macht.

Das wirkliche Ärgernis allerdings, das mir den Lektüregenuss entschieden vermiest hat, ist das nachlässige Lektorat. Da werden Boote „verteut“, Apostrophen wild gesetzt, der Name eines Protagonisten vertauscht und von einer Seite auf die andere geändert. Dabei spreche ich noch gar nicht von den Kommafehlern, eigenwillig geführten wörtlichen Reden, schiefen Bilder, fehlerhaften Groß- und Kleinschreibungen (siehe erste Dialogbeispiel) und sonstigen Fehlern, die sich haufenweise im Buch finden. Eine genauere Schlusskorrektur wäre hier von höchster Dringlichkeit gewesen, erfolgte sie doch meines laienhaften Leserblicks nach höchst unzureichend. Spätestens für die nächste Auflage des Buchs wäre sie mehr als angebracht.

Fazit

Diese Schludrigkeiten sind leider wirklich ärgerlich, mindern sie den Gesamteindruck des Buchs, das ansonsten von allen sprachlichen Fehlern und Schwankungen abgesehen durchaus eine konsumierbare Lektüre ist. Für die zweite Auflage des Buchs wäre es wünschenswert, in Sachen Lektorat noch einmal nachzubessern. Begrüßenswert wäre es, wenn dann die innere Sorgfalt der äußeren entspräche. Denn als Teil des ersten Programms der Kröner Edition Klöpfer ist das Buch ausnehmend schön gestaltet und in bibliophiler Hinsicht eine echte Zierde. Mehr Infos zum ersten Programm es Verlags gibt es hier.

Zwei ganz andere Meinungen zu Herbarium giftgrün gibt es beim Blog Aus-Erlesen und bei Esthers Bücher.


  • Gert Ueding – Herbarium giftgrün
  • ISBN 978-3-520-75301-4 (Kröner Edition Klöpfer)
  • 340 Seiten. Preis: 24,00 €

Taylor Brown – Maybelline

Ins Hinterland von North Carolina entführt Taylor Brown in seinem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman Maybelline. Angesiedelt in den 50er Jahren erzählt er von Alkoholschmuggel, Kriegstraumata und von der Liebe. Ein gelungenes Buch, das trotz seines vermeintlichen historischem Kontextes erstaunlich viel über das heutige Amerika erzählt.


Im Kern dreht sich dabei alles um den Kriegsheimkehrer Rory Docherty. Dieser hat im Koreakrieg gedient und dort ein Bein verloren. Immer wieder überfallen ihn Flashbacks und Erinnerungen an das grausame Gemetzel dort, bei dem Millionen von Menschen ihr Leben verloren.

Gehandicapt verdingt sich Rory nun als Alkoholschmuggler. Für den mächtigen Schwarzbrenner Eustace Uptree liefert er in seinem hochgetunten Coupé namens Maybelline illegal Alkohol aus. Unter den wachsamen Augen des korrupten Sheriffs und den Steuerfahndern befährt Rory sämtliche Schleichwege des Hinterlandes, um die ländliche Bevölkerung mit Hochprozentigem zu versorgen.

Ganz anders da Rorys Großmutter, die die zweite Hauptfigur in Browns Roman ist. Sie wird von der lokalen Bevölkerung geschnitten, da sie sich früher prostituieren musste. Ihr Wissen um Heilkräuter und Verhütung nehmen die Hinterwäldler allerdings dann doch gerne in Kauf. Mit Furcht und Sorge beobachtet sie Rorys Rückkehr, der sich aufgrund seiner kompromisslosen Art schon binnen Kurzem diverse Feinde macht hat. Immer enger legt sich die Schlinge um Rorys Hals, während dieser in seinem Auto durch das Hinterland North Carolinas braust.

Starke und glaubwürdige Figuren

Mit Maybelline Docherty hat Taylor Brown eine starke Frauenfigur erschaffen. Dass sie dem Buch in Deutschen den Titel leiht, ist mehr als angemessen. Ihre Kämpfe um Unabhängigkeit und weibliche Selbstbestimmung, ihr Wissen um die Heilkraft der Natur, ihr Hintersinn und ihre Souveränität machen sie zu einer Figur, die man nicht so schnell wieder vergisst. Aber auch ihr Sohn steht in seiner ganzen Zerrissenheit seiner Großmutter nur um wenig nach.

Generell fällt bei Maybelline auf, welches Geschick Taylor Brown bei der Kreation seiner Figuren an den Tag legt. Schwarz-weiße Figurenzeichnungen sind das Ding des jungen Amerikaners nicht. Selten sind die Figuren einfach nur gut oder schlecht, vielmehr sind sie die Figuren in Maybelline erfreulich glaubhaft geraten, sind selten einfach nur gut oder schlecht.

Taylor Brown - Maybelline (Cover)

Neben der Komplexität der Figuren überzeugt aber auch die Themenfülle, die trotz des vermeintlich Jahrzehnte zurückliegenden Handlung erstaunlich aktuell ist. So spielen religiöser Eifer und Bigotterie eine Rolle, die Frage von Machtmissbrauch und Korruption wird verhandelt, die Probleme einer falschen Drogenpolitik sind Thema genauso wie nicht behandelte Kriegstraumata und gesellschaftliche Spaltung.

Ohne die Balance des Plots aus den Augen zu verlieren widmet sich Brown diesen vielen Themen. Er erzählt in einem klaren Ton, schafft Bilder und Sequenzen, die sich nachhaltig im Kopf verankern, etwa wenn er die Kriegsgräuel in Nordkorea beschreibt oder von Autorennen auf den engene Straßen des Hinterlands in den Appalachen erzählt. Auch die Naturbeschreibungen des von den Dochertys bewohnten Bergs, seiner Flora und Fauna wissen zu überzeugen. Wie das Leben dort die Menschen beeinflusst und den Takt des Lebens vorgibt, das schildert Brown nachvollziehbar und enorm eindrücklich (übersetzt von Susanna Mende)

Fazit

Maybelline besitzt gesellschaftliche Relevanz, richtet seinen Blick auf das Hinterland Amerikas und die vergessenen Probleme und Menschen dort. Ein Buch, das viele Klänge und Bilder wachruft. Eines, das seine Figuren ernst nimmt, spannend und hochtourig ist und das ich mit gutem Gewissen eine weitere Perle aus dem Polar-Verlag nennen kann. Gerne noch mehr davon!


  • Taylor Brown – Maybelline
  • Aus dem Englischen von Susanna Mende
  • Mit einem Nachwort von Kirsten Reimer
  • ISBN 978-3-948392-18-5 (Polar-Verlag)
  • 416 Seiten. Preis: 14,00 €

Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622

„Eines der großen Tiere der Ebezner-Bank wurde ermordet“ , sagte man. Ein Mord in Verbier. Das hatte es noch nie gegeben!

Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622, S. 429

Man muss sich doch die Augen reiben bei der Lektüre von Joël Dickers neuem Roman Das Geheimnis von Zimmer 622. Ist das noch die beschauliche Schweiz, die Dicker hier schildert? Er erzählt vom Tarnen, Tricksen und Täuschen im Umfeld einer Schweizer Privatbank. Und fährt dabei eine gewaltige Menge an Budenzauber auf.


Irgendwann muss Joël Dicker genug gehabt haben von den USA als Schauplatz seiner Geschichten. Nachdem seine letzten drei Titel (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, Die Geschichte der Baltimores, Das Verschwinden der Stephanie Mailer) allesamt zu Bestsellern avancierten und Plätze in den Top20 der hiesigen Verkaufscharts erreichten, scheint Dicker Lust auf etwas Neues gehabt zu haben. Das betrifft sowohl die Erzählweise als auch den Schauplatz seines neuen Romans. Denn Das Geheimnis von Zimmer 622 spielt in den Schweizer Alpen zwischen Verbier und Genf.

Für seine Erzählung verwendet er dabei einen Kniff, der an Dickers ersten Bestseller erinnert. Wieder ermittelt hier ein Schriftsteller, der einem Rätsel auf den Grund gehen will. Der Unterschied zu Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert? Diesmal ist es Joël Dicker selbst, der als Ich-Erzähler ermittelt. Eine Konstruktion, die zuletzt auch etwa Anthony Horowitz für seine Krimis um den Ermittler Nathaniel Hawthorne wählte. Eine im Prinzip reizvolle Idee, die hier aber leider nicht so wirklich funktionierten mag.

Ein Mord in Verbier

Die Rahmenhandlung ist dabei schnell erzählt. Nach dem Ende einer Liason möchte Joël Dicker in einem edlen Alpenhotel im Schweizer Verbier Ablenkung finden. Doch mit dieser ist es nicht weit her. Denn kurz nach seiner Ankunft im Zimmer 623 muss er feststellen, dass es zwar ein Zimmer 621 und 621a gibt, allerdings keines, das die Nummer 622 trägt. Eine Mitbewohnerin im Hotel, die um Dickers schriftstellerischen Meriten weiß, versucht ihn in der Folge zu motivieren, hinter das Geheimnis von Zimmer 622 zu kommen. Und tatsächlich: schon bald erfahren die beiden, dass sich in jenem Zimmer ein Mord ereignet hat. Doch wer starb und warum wurde er umgebracht? Darüber fabuliert Dicker im Binnenteil der Erzählung.

Joel Dicker - Das Geheimnins von Zimmer 622 (Cover)

Er erzählt vom Schweizer Bankerben Macaire Ebenzer, dem eigentlich die Nachfolge im gleichnamigen Bankhaus (dem renommiertesten der Schweiz, so munkelt man) zugestanden hätte. Doch aufgrund einer früheren Verfehlung hat sein Vater eine besondere Art der Nachfolgeregelung ersonnen. Der Bankrat soll entscheiden. Und in diesem hat der Banker Lew Lewowitsch die Nase vorne. Jener Lewowitsch ist allerdings auch mit Macaires Gattin Anastasia verbandelt, mit der ihn eine lange Affäre verbindet.

Joël Dicker weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Sein in den Vorgängerbüchern erprobtes Erzählkonzept der verschachtelten Erzählkonstruktion findet auch hier abermals Anwendung. So wechselt er zwischen der Rahmenhandlung um Joël Dickers Spurensuche und das Geschehen rund um das Bankhaus Ebenzer hin und her. Das ist unterhaltsam gemacht, ermüdet aber mit zunehmender Dauer des Buchs.

Immer und immer wieder wird eine Rückblende eingeschoben. Jede Figur hat ihre Geheimnisse, die stets durch eine oder mehrere Rückblenden erzählt werden. Dicker springt dabei unzählige Male in der Zeit zurück und hat sichtlich Mühe, die Geschehnisse , die zu dem Mord in Zimmer 622 führten, ausreichend sparsam dosiert in die Rahmenhandlung einzubauen.

Viel unglaubwürdiger Budenzauber

So muss er viel Aufwand treiben, um die Identität der Leiche und des Mörders in den zwischengeschalteten Sequenzen geheimzuhalten, ehe sich seine Binnenerzählung der Rahmenhandlung annähert. So ganz funktionieren mag es nicht, besonders mit zunehmender Lauflänge. Immer wieder muss Dicker Budenzauber um Budenzauber abbrennen, um das Geschehen halbwegs plausibel zu machen. Und je mehr Budenzauber er abbrennt, umso absurder wird dieses Buch.

Dies zeigt sich auch in den Figuren. Das Geheimnis von Zimmer 622 ist leider samt und sonders von Karikaturen bevölkert. Der täppische und nicht allzu helle Bankerbe, seine fremdgehende Frau, der weltläufige russische Topbanker, die grausame russische Mutter, die ihre beiden Töchter um jeden Preis in die europäische Hautevolée einheiraten will. Die an den Türen lauschende Putzfrau, die neugierige Sekretärin, der Dämlack-Cousin. Glaubwürdig ist in diesem Buch leider kaum etwas. Abgesehen davon, dass Dickers Verbier und Genf hier eher Chicago als wirklichen Schweizer Städten ähneln, sind auch die Figuren hanebüchen konstruiert.

Die Figuren sind mehr als unglaubwürdig. Ein Schweizer Bankerbe, so dämlich, tölpelhaft und weinerlich wie der völlig überzeichnete Macaire Ebenzer? Ein Bankier, der für eine geheime Organisation der Schweizer Regierung spioniert und Top-Secret-Aufträge erfüllt, derweil aber nicht mitbekommt, wie ihm seine Frau mit dem Konkurrenten Hörner aufsetzt? Und auch wenn Joël Dicker am Ende dieses voluminösen Buchs eine Erklärung hierfür liefert – glaubwürdiger wird dadurch gar nichts, im Gegenteil.

Überzeichnete und cartooneske Figuren

Ständig reißen diese Figuren in diesem Buch die Augen auf, wimmern, zetern oder sind bass erstaunt. Genauso albern wie ihre Namen (Sinior Tarnogol, Lew Lewowitsch, Macaire Ebenzer) ist auch ihr Handel. Das ist ein ums andere Mal hart an der Grenze des Erträglichen – und so manches Mal in seiner stilistischen Unbeholfenheit einfach jenseits von Gut und Böse.

„Scheiße“, raunte er [Macaire] Anastasia zu, „da ist Lewowitsch. Was treibt der denn hier?“

Anastasia hob den Blick und sah ihren Geliebten, und ehe sie es verhindern konnte, ging ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht. Ihr Herz schlug heftiger denn je. Sie war nur noch verliebter. Sie himmelte ihn an, er war schöner, aufrechter, mächtiger als all diese Männer um ihn herum, aus denen er herausstach. Sie fühlte sich lebendiger in seiner Gegenwart. Plötzlich sah sie ihn wieder so vor sich wie vor sechzehn Jahren, am Wochenende ihrer ersten Begegnung.

Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622, S. 208

Konnte mich Dicker mit diesen schon zuvor manchmal recht einfach gezeichneten Figuren im amerikanischen Umfeld noch überzeugen – auf Schweizer Boden wirkt das leider nur noch künstlich und cartoonesk. So bleibt trotz des routiniert konstruierten Erzählwerks ein Buch, das aufgrund seiner Überzeichnung und teilweise stilistischen Holprigkeiten nicht überzeugen kann.


  • Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622
  • Aus dem Französischen von Michaele Meßner und Amelie Thoma
  • ISBN 978-3-492-07090-4 (Piper)
  • 624 Seiten. Preis: 25,00 €

Ergänzende Informationen zum übrigen Werk von Joël Dicker

Wer sich trotz dieses wirklich grottigen Unterhaltungsroman weiter mit den Werken Joël Dickers beschäftigen möchte, dem seien seine früheren Bücher empfohlen, die allesamt in den USA spielen. Wohl am besten (und auch in Form einer Serie adaptiert) ist das deutschsprachige Debüt von Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Ein süffiger Roman über einen Schriftsteller in der Kreativitätskrise, der über seinen eigenen Mentor zu recherchieren beginnt, nachdem auf dessen Grundstück die Leiche eines vor Jahrzehnten verschwundenen Mädchens auftaucht. Schon hier kommt die verschachtelte Erzählweise des Autors zum ersten Mal zum Tragen, da hier ja ein Schriftsteller von einem Schriftsteller erzählt, der über einen Schriftsteller recherchiert. Was in der Theorie kompiziert klingen mag, entpuppt sich dann als spannendes und unterhaltsam komponiertes Werk, das mich für Dicker sehr einnahm.

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