Category Archives: Literatur

Nadifa Mohamed – Der Geist von Tiger Bay

I bought a ticket of a lifetime
There’s no denying who I am
Forever young, I will stay
The girl from Tiger Bay

Shirley Bassey – The Girl from Tiger Bay

So besingt Shirley Bassey ihre Herkunft in dem Song The Girl from Tiger Bay. Tiger Bay, diesen Namen trägt das Hafenviertel der walisischen Stadt Cardiff, in dem die Sängerin aufwuchs und dem sie in ihrem Song ein Denkmal setzt. Auch Nadifa Mohamed erzählt von diesem multiethnischen Schmelztiegel im Jahr 1952 und gönnt dabei auch dem späteren Weltstar Bassey einen Kurzauftritt, die hier in einer kleinen Kneipe auftreten und singen darf.

Von Romantik und Verklärung, die Basseys Hymne an ihr Heimatviertel prägt, ist im Roman von Nadifa Mohamed allerdings keine Spur. Stattdessen inszeniert sie dieses Tiger Bay als engen und drückenden Vielvölkerstaat, in dem verschiedene Ethnien und soziale Schichten auf wenig Platz miteinander auskommen und sich arrangieren müssen. Bei Mohamed schwebt stets ein Gefühl der Bedrohung und Vergänglichkeit über diesem Stück von Cardiff.

Dieses Fleckchen Erde, dem Marschland abgerungen und unter den Fundamenten immer noch nicht fest, ist ihre einzige Zuflucht. Doch die Feuchtigkeit kriecht nagend sämtliche Geäude hoch und mahnt die Bewohner, dass sie nicht hierhergehören, das Meer sich eines Tages ihr Heim zurückholt.

Nadifa Mohamed – Der Geist von Tiger Bay, S. 58

Ein Mord in Tiger Bay

Nadifa Mohamed - Der Geist von Tiger Bay (Cover)

Wir schreiben das Jahr 1952. Gerade ist der englische König George VI. verstorben, Prinzessin Elizabeth wird ihm auf dem Thron nachfolgen. Seit sieben Jahren ist Mahmood Hussein Bewohner von Tiger Bay. Auf verschlungenen Wegen kam er aus Britisch-Somaliland nach Cardiff, ließ dort seine Mutter und Brüder zurück und heuerte auf verschiedenen Schiffen an. Inzwischen ist er sesshafter geworden, hat eine Einheimische gegen den Willen deren Familie geehelicht und ist Vater von drei Kindern.

Trotz seiner Familie geht er keinem geregelten Beruf nach, lässt sich durch Kneipe treiben, verjubelt sein Geld, sobald er es besitzt, setzt auf Pferdewetten und wird im Viertel „Der Geist von Tiger Bay“ gerufen. Als es zum Mord an einer jüdischen Ladenbesitzerin kommt, ist für die Polizei und Justiz in Cardiff der Fall schnell klar. Den heimtückischen Mord kann nur der halbseidene Geist von Tiger Bay verübt haben. Und so wird Mahmood Mattan inhaftiert und ihm der Prozess gemacht. Dass er sich nach seiner Festnahme in Lügen, Widersprüche verwickelt und alles andere als einsichtig ist, macht die Sache nicht besser.

Historisches Unrecht

In ihrem Roman zeichnet die 1981 in Somalia geborene Autorin den historisch verbürgten Fall des Mahmood Hussein Mattan nach. Dieser war erste Fall, den sich die neugegründete Criminal Cases Review Commission im Jahr 1998 noch einmal vornahm, über einen möglichen Justizirrtum zu befinden – 46 Jahre nach Mattans Tod. In Der Geist von Tiger Bay rollt sie den Fall ähnlich wie die Kommission noch einmal auf, allerdings mit literarischen anstelle von juristischen Mitteln.

So konzentriert sie sich auf Mahmood Mattans Leben und lässt daneben auch noch die Familie der ermordeten Violet Volacki zu Wort kommen. Sie inszeniert gemächlich die Stimmung und Atmosphäre in Tiger Bay, nimmt sich Zeit für die biographischen Hintergründe von potentiellem Täter und Opfer, die bis in die Zeit der Reichskristallnächte reichen. Daneben zeichnet sie auch ein Bild des vielfältigen Rassismus der Zeit des 20. Jahrhunderts, indem etwa ein Mahmoods Freund und Barbesitzer Berlin von seinen Erfahrungen als Schwarzer bei der Hagenbeck’schen Völkerschauen erzählt.

Langsam entwickelt sich das Buch von der Ausgangssituation über die Inhaftierung Mattans bis hin zum Prozess, in dem Nadifa Mohamed auch Zeugenaussagen in den Text einbringt. Dass es mit dem widerständigen und halbseidenen Geist von Tiger Bay kein gutes Ende nimmt, das zeigt schon die Geschichte. In ihrem Buch wird aber die ganze Wucht und Hintergrundgeschichte mit dem Mittel der Fiktionalisierung noch einmal ganz direkt erlebbar. Die Polizei und Justiz, die nur sehen wollen, was sie sehen, dass rassistische Umfeld, die somalische Gemeinde und alle anderen Beteiligten bekommen hier ihren Platz und werden in die Geschichte eines großen Justizirrtums eingebunden (beileibe im Übrigen nicht der einzige Fall eines Justizirrtums aus Tiger Bay, wie der Fall der Cardiff Five zeigt)

Keine ganz gelungene Übersetzung

Leider ist die Übersetzung in meinen Augen nicht ganz gelungen, ständig ist neben vielfältigem rassistischen Vokabular die Rede auch von Farbigen, wenn doch eigentlich Schwarze gemeint sind. Auch wird aus dem Charakter Monday dann schon mal Montag, was mich im Lesefluss dann doch recht stutzen ließ. Diese kleinen Inkonsistenzen und eigenwilligen Übertragungen zeigen auch hier, wie schwierig die angemessene Übertragung solcher Begriffe und Idiomen die deutsche Leserschaft ist (was ja nicht nur hier der Fall ist, sondern auch in anderen Übersetzungen zeigt, dass uns im Deutschen noch immer noch nur unzureichendes Vokabular zur Verfügung steht beziehungsweise die Debatten über angemessene Übertragungen kaum in Gang kommen).

Das schmälerte meinen Genuss der Lektüre etwas, dennoch hat Der Geist von Tiger Bay durch seinen historischen Hintergrund und den Einblick in das gedrängte Treiben dort im Hafenviertel von Cardiff spätestens ab der Hälfte Wucht und lässt einen nach dem Ende der Lektüre bedrückt zurück. Die Geschichte eines Justizirrtums und ein Blick in tief hinein in die Tiger Bay im Jahr 1952.


  • Nadifa Mohamed – Der Geist von Tiger Bay
  • Aus dem Englischen von Susann Urban
  • ISBN 978-3-406-77682-3 (C.H. Beck)
  • 368 Seiten. Preis: 24,00 €

Quelle Titelbild: https://www.walesonline.co.uk/lifestyle/nostalgia/remembering-tiger-bay-historic-pictures-9927141

Sönke Wortmann – Es gilt das gesprochene Wort

Die Kunst der Rede, sie hat es Sönke Wortmann ganz offensichtlich angetan. Im vergangenen Jahr adaptierte er nach der Komödie „Der Vorname“ im Jahr 2018 nun den nächsten Film aus Frankreich. So wurde aus der französischen Komödie „Le Brio“ der deutsche Film „Kontra“ mit Nilam Farooq und Christoph Maria Herbst. Darin diskriminiert ein Rhetorikprofessor eine Studentin und muss sie zur Wiedergutmachung für einen Debattierwettbewerb vorbereiten.

Offensichtlich war es Sönke Wortmann nicht genug, die Kunst der Rede filmisch einzufangen. So verfasste er mit Es gilt das gesprochene Wort auch noch seinen ersten Roman, der sich mit diesem Thema beschäftigt.

Im Mittelpunkt des Buchs steht Franz-Josef Klenke, der als Redenschreiber des deutschen Außenministers Hans Behring fungiert. Er formuliert die Reden des Ministers, setzt sich im Vorfeld mit den jeweiligen Rahmen der Reden auseinander und wirkt im Schatten, um den Politiker glänzen zu lassen. Eigentlich stammt er aus der Werbebranche, war mit einer Agentur in die Wahlkampagne um Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf 2013 eingebunden und kam danach zu seinem Job im Dienste des Ministers.

Ein Abend in Marokko

Sönke Wortmann - Es gilt das gesprochene Wort (Cover)

Liiert ist er mit Maria, die er bei einem Termin des Außenministers in Krakau kennengelernt hat. Sie leidet unter selektivem Mutismus, das Sprechen unter Druck und mit unbekannten Personen ist ihr kaum möglich. Im Privaten mit Klenke kann sie sprechen, in der Öffentlichkeit hingegen ist sie wie gelähmt und kann sich nicht artikulieren. Das gegensätzliche Paar plant nun einen privaten Urlaub im Anschluss an einen Termin des Außenministers in Marokko.

Dort vor Ort erwartet sie die dritte Hauptfigur, die Sönke Wortmann in den Mittelpunkt stellt. Es handelt sich um den Diplomaten Cornelius von Schröder. Dieser fristet unzufrieden sein Botschaftsleben in Rabat. Von seiner Frau Marysol hat er sich entfremdet und hadert mit seinem Leben. Der Job, sein Einsatzgebiet, sein Familienleben – all das bedeutet ihm nur noch Verdruss, weshalb er sich in Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und rechten Hass hineinsteigert. Auf einem Delegationsabend treffen alle drei Figuren dann dort in Marokko aufeinander – mit folgenschweren Konsequenzen.

Ein Gefühl der Unentschiedenheit

Was wollte Sönke Wortmann mit seinem Buch sagen? So ganz kann ich es nach der Lektüre von Es gilt das gesprochene Wort nicht sagen. Über dem ganzen Buch schwebt ein Gefühl der Unentschiedenheit. Es mag sich alles nicht so recht fügen. Da ist das Porträt des Redenschreibers Franz Josef-Klenke mit seinem Job im Schatten. Hier wagt Sönke Wortmann einen Blick hinter die Kulissen des politischen Tagesgeschehens. Er erzählt von Menschen mit Idealen mitten im Machtapparat der Politik und stützt sich dabei auch auf wahre Ereignisse, wie etwa den Bundestagswahlkampf 2013, der Klenke zu seinem Job im Auswärtigen Amt brachte.

Dann ist da aber auch die Liebesgeschichte zwischen der nahezu stummen Maria und dem mit Rhetorik befassten Klenke, die von Wortmann reichlich oberflächlich geschildert wird. Wenn Maria Klenke sieht, schlägt hier das Herz schnell (S. 226). Das kann man so formulieren, es ist aber in seiner Gesamtheit weder originell noch überzeugend. Literarisch gesehen ist das ganze Buch doch auch eher einfache Hausmannskost denn elegant formulierte und tiefenscharf herausgearbeitete Prosa.

Vom Fehlen eines überzeugenden Zugriffs

Immer wieder springt Wortmann von Figur zu Figur, fügt währenddessen die Reden ein, die Klenke dem Minister formuliert hat und in denen aktuelle politische Probleme betrachtet werden. Dann will Wortmann aber auch das Abgleiten des Botschaftsmitarbeiter von Schröder in den Radikalismus schildern und aktuelle geopolitische Verwerfungen nachzeichnen. Gegen all das wäre nichts zu sagen, wenn diese Aspekte auch nicht ebenso wie die Liebesgeschichte nur an der Oberfläche der Dinge kratzen würden. Alles hier würde eine vertiefende Behandlung vertragen, stattdessen bleibt Wortmann im Ungefähren und wagt es nicht, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Nichts bleibt hier nachhaltig im Kopf, weder die Romanze, noch die Radikalisierung, noch der Clash in Marokko.

Man wünscht sich, Wortmann hätte den Mut gehabt, sich für einen Aspekte seines Romans zu entscheiden, und diesen mit der gebotenen Sorgfalt behandelt. So bleibt das Gefühlt, dass dem Regisseur sein Material entglitten ist und er keinen wirklichen Zugang oder eine überzeugende Formsprache für seinen Plot gefunden hat. Das ist schade, da die behandelten Themen eigentlich hochinteressant sind. Und auch über die Politik und das Geschäft mit ihr gäbe es viel Spannendes zu sagen, wie es etwa Nora Bossong in ihrem Roman Schutzzone gezeigt hat. Hinter diesem Werk bleibt Sönke Wortmann leider mit großen Abstand zurück und vermag es nicht, seinen Stoff in ein überzeugendes Buch zu verwandeln.

Fazit

Trotz vielversprechender Anlagen gelingt es Sönke Wortmann nicht, seine Themen zu einem überzeugenden Roman zu runden. Es gilt das gesprochene Wort ist von einem Gefühl der Unentschiedenheit und literarischen Belanglosigkeit geprägt, das das Buch schnell wieder vergessen lässt.


  • Sönke Wortmann – Es gilt das gesprochene Wort
  • ISBN 978-3-550-20059-5 (Ullstein)
  • 240 Seiten. Preis: 24,00 €

Kein Land für junge Frauen

Elizabeth Wetmore – Wir sind dieser Staub

Hier hat man es als Frau nicht leicht: in Odessa, einem kleinen Städtchen in West-Texas regiert 1976 das schwarze Gold und das Patriarchat. Elizabeth Wetmore erzählt in ihrem Debüt von Frauen, die den Widerspruch wagen und sich den Gepflogenheiten entgegenstellen. Wir sind dieser Staub.


Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In der Wüste wird die junge Mexikanerin Gloria Ramírez von einem lokalen Taugenichts brutal vergewaltigt. Das minderjährige Mädchen schleppt sich durch die von Sand und Bohrtürmen dominierte Landschaft, bis sie auf die Farm von Mary Rose stößt. Diese ruft dem Mädchen einen Krankenwagen und erstattet Anzeige gegen den Vergewaltiger, nachdem sie dieser in ihrem eigenen Zuhause bedroht hat, um die Herausgabe des Mädchens zu erzwingen. Mary Rose beschließt, dass es reicht. Sie erstattet Anzeige gegen den Mann und läutet damit so etwas wie eine Zeitenwende ein.

Elizabeth Wetmore - Wir sind dieser Staub (Cover)

Bislang waren es die Männer, die entschieden und denen die Macht oblag. Egal ob Farmer, Öhlbohrarbeiter oder Richter – die Männer brachten das Geld nach Hause und führten das Wort. So etwas wie Gleichberechtigung ist 1976 im ländlichen Texas noch nicht in Sicht – und doch bricht sich nun auch hier die Veränderung Bahn.

Elizabeth Wetmore erzählt davon, indem sie verschiedene Frauen in den Fokus nimmt. Da ist die junge Gloria Ramírez, die sich nach der Vergewaltigung zu einer Metamorphose entschließt und künftig nur noch Glory genannt werden will. Die Ich-Erzählerin Mary Rose, die mit ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau kämpft. Corrine, die ehemalige Lehrerin, die den krankheitsbedingten Suizid ihres Mannes nicht verwinden kann. Oder die kleine Debra Ann, die die Bekanntschaft mit einem in einem Rohr hausenden Veteranen macht. Sie alle stehen bilden stellvertretend die weibliche Gesellschaft in Odessa ab.

Wetmore zeigt dabei ein ungeschöntes Bild dieser Gesellschaft, die von Hoffnungslosigkeit, Gewalt und Flucht geprägt ist. Wer schlau genug ist, sucht möglichst schnell das Weite. Alle anderen Frauen werden schon vor ihrem 18. Geburtstag wieder Mütter und bereiten so einer weiteren Generation den Boden, die von Perspektivlosigkeit und starren Rollenmustern geprägt werden. Genau hier allerdings verheißt Mary Roses Mut, den Vergewaltiger anzuzeigen, einen möglichen Weg aus den ewigen Kreisläufen der sozialen Determination, die Odessa bislang bedeutete.

Täter-Opfer-Umkehr

Neben dem Bild der weiblichen Gesellschaft dort im amerikanischen Süden ist es auch die soziale Bewertung der Vergewaltigung, die im Mittelpunkt von Wir sind dieser Staub steht. Während die Fakten eine unmissverständliche Sprache sprechen (die Vergewaltigung hat bei Gloria sogar einen Milzriss hervorgerufen), sehen die Männer in Odessa die Lage alles andere als klar an und betreiben munter eine Täter-Opfer-Umkehr:

Das ist doch völlig klar, sagte einer [der] Männer, wir haben es hier mit zwei widersprüchlichen Darstellungen zu tun. Ein typischer Fall von Aussagen gegen Aussage. Sein Sitznachbar nippte am Bier und knallte das Glas auf den Tresen. Ich habe das Bild von der Kleinen in der Zeitung gesehen, sagte er, die war nicht vierzehn. (…)

So sind die Mexikanerinnen eben, sagte ein dritter Mann, die sind frühreif. Die Männer lachten. Oha ja, Sir! Sehr frühreif, rief einer.

Elizabeth Wetmore – Wir sind dieser Staub, S. 49 f.

Auch der Prozess selbst zeigt die Macht des Patriarchats deutlich, etwa wenn der Vorsitzende Richter die Zeugin Mary Rose bei ihrer Aussage drangsaliert und ihr seine Regeln aufzwingt.

Frauenschicksale und männliche Gewalt

Immer wieder wechselt Elizabeth Wetmore die Perspektive, erzählt von jungen und alten Frauen, von Trauer, Mutterschaft oder Freundschaft. Den einzigen kleinen Kritikpunkt, den ich hierbei anbringen möchte, ist die gleichzeitige die Uniformität und Unverbundenheit, die Wir sind dieser Staub in meinen Augen innewohnt. So klingen alle Frauen recht gleich und ihre Eindrücke und Erlebnisse sind teilweise recht unverbunden und stehen für sich. Eindrücklicher und literarisch überzeugender hat das die von mir zuletzt gelesene Ivy Pochoda in Diese Frauen geschafft, ein großes Tableau weiblichen Leidens und männlicher Gewalt zu zeichnen, das sowohl durch unterschiedliche Sprachstile als auch zugleich durch große Verbundenheit im Erleben und Schicksal überzeugt.

Auch ist die Schilderung des Prozesses nach der Vergewaltigung etwas arg plakativ und einfach geraten, sodass ich unweigerlich an den diesjährigen Gewinnertitel des Deutschen Buchpreises denken musste – ist das Sujet bei Antje Ravík Strubel und Elizabeth Wetmore doch das gleiche. Im Vergleich zu Wetmores Buch ist in Blaue Frau das Thema der Vergewaltigung doch nuancierter und feiner ausgearbeitet

Aber von solchen direkten Vergleichen abgesehen ist Wir sind dieser Staub ein zugleich historisches aber auch aktuelles Bild von männlicher und weiblicher Gesellschaft, vom Aufbrechen verkrusteter Strukturen und ein Blick ins ländliche Texas zwischen Ölboom und gewalttätiger Männlichkeit. Ein Debüt, dem man nur mit dem reichlich kitschig wirkenden Cover keinen Gefallen getan hat. Denn der Inhalt entscheidet sich hier doch deutlich von der Verpackung.

Weitere Meinungen zum Buch gibts bei Zeichen&Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.


  • Elizabeth Wetmore – Wir sind dieser Staub
  • Aus dem Englischen von Eva Bonné
  • ISBN 978-3-8479-0092-4 (Eichborn)
  • 319 Seiten. Preis: 24,00 €

Vorschaufieber Frühjahr 2022

Kurz vor Weihnachten versorgen uns die Verlage traditionell mit neuen Vorschauen der Bücher, die im Frühjahr erscheinen. So auch dieses Jahr, weshalb ich aus den Programmen wieder eine kleinen Zusammenschau mit Titeln erstellt habe, auf die ich mich besonders freue. Quer durch alle Genres, Sprachen und Verlage hindurch – vielleicht ist ja auch für den ein oder anderen Mitlesenden hier etwas Passendes dabei :

Andrea TompaOmertá (aus dem Ungarischen von Terzía Mora, Suhrkamp). Richard WrightDer Mann im Untergrund (aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Kein&Aber). Jonathan LeeDer große Fehler (Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Diogenes). Patrick FindeisParadies und Römer (Liebeskind). Sarah CrossanVerheizte Herzen (aus dem Englischen von Maria Hummitzsch, KiWi).

Mariana EnriquezUnser Teil der Nacht (aus dem Spanischen von Inka Marter und Silke Kleemann, Klett Cotta). Yade ÖnderWir wissen, wir könnten, und fallen synchron (KiWi). Doug Johnstone – Eingeäschert (aus dem Englischen von Jürgen Bürger, Polar Verlag). Melissa HarrisonWeißdornzeit (aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Dumont). Ann Petry The Narrows (aus dem Englischen von Pieke Biermann, Nagel & Kimche).

Jackie PolzinBrüten (aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, dtv). Peter HellerDie Lodge (aus dem Englischen von Marlene Fleißig, Nagel&Kimche). Diego ZunigaCamanchaca (aus dem Spanischen von Luise von Berenberg, Berenberg). Leila MottleyNachtschwärmerin (aus dem Englischen von Yasemin Dincer, Ecco). Berit GlanzAutomaton (Berlin-Verlag).

Vendela VidaDie Gezeiten gehören uns (aus dem Englischen von Monika Baark, Hanser Berlin). Mirjam WittigAn der Grasnarbe (Suhrkamp). Stefan HertmansDer Aufgang (aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, Diogenes). Jane GardamMädchen auf den Felsen (aus dem Englischen von Isabell Bogdan, Hanser). Deb Olin UnferthHappy Green Family (aus dem Englischen von Barbara Schaden, Wagenbach).

Guillermo ArriagaDas Feuer retten (aus dem Spanischen von Matthias Strobel, Klett-Cotta). Charlotte McConaghyWo die Wölfe sind (aus dem Englischen von Tanja Handels, S.Fischer). David MitchellUtopia Avenue (aus dem Englischen von Volker Oldenburg, Rowohlt). Sarah Orne JewettDeephaven (Aus dem Englischen von Alexander Pechmann, Mare). Adania ShibliEine Nebensache (aus dem Englischen von Günther Orth, Berenberg).

Ilse Molzahn Der schwarze Storch (Wallstein). Francesca ReeceEin französischer Sommer (aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler, S. Fischer). Djaimilia Pereira de Almeida – Im Auge der Pflanzen (aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita, Unionsverlag). Francis SpuffordEwiges Licht (aus dem Englischen von Jan Schönherr, Rowohlt). Wolf HaasMüll (HoCa).

Markus Gasser – Die Verschwörung der Krähen (C.H. Beck). Leonardo PaduraWie Staub im Wind (aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Unionsverlag). Greg BuchananSechzehn Pferde (aus dem Englischen von Henning Ahrens, S. Fischer). Fatma AydemirDschinns (Hanser). Virginia WoolfMrs. Dalloway (aus dem Englischen von Melanie Walz, Manesse).

Dantiel W. MontizMilch, Blut, Hitze (aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus und Anke Caroline Burger, C. H. Beck) Deesha PhilyawChurch Ladies (Ars Vivendi). Claire KeeganKleine Dinge, wie diese (aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl). Lucy FrickeDie Diplomatin (Claassen). Polly SamsonAus Freundlichkeit (aus dem Englischen von Bernhard Robben, Ullstein).

Irena Vallejo – Papyrus: die Geschichte der Welt in Büchern (aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby, Diogenes), Henriette ValetMadame 60a (aus dem Französischen von Norma Cassau, Verlag das Kulturelle Gedächtnis) Dominique FortierStädte aus Papier: vom Leben der Emily Dickinson (aus dem Französischen von Bettina Bach, Luchterhand). Timo FeldhausMary Shelleys Zimmer (Rowohlt). Jacob RossDie Knochenleser (aus dem karibischen Englisch von Karin Diemerling, Suhrkamp).

Una Mannion – Licht zwischen den Bäumen

Noch einmal Coming of Age, noch einmal Rückschau auf die eigene Kindheit und einen entscheidenden Sommer, der alles veränderte. Und auch wenn ich gerade an völliger Übersättigung dieser Art von Romanen leide (siehe hier, hier, hier, hier oder hier) – Licht zwischen den Bäumen ist doch ein prima Roman in High-End-Ausfertigung. Bibliophil gestaltet in der kundigen Übersetzung von Tanja Handels entführt Una Mannions Buch in die Wälder Pennsylvanias in einem Sommer in den 80er Jahren.

Die Ich-Erzählerin Libby Gallagher nimmt uns mit auf den Valley Forge Mountain, auf dem sie zusammen mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter ein abseits gelegenes Haus bewohnt. Der dicht bewaldete Berg ist bekannt für das Lager, das George Washington damals dort während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs aufschlagen ließ, um den Winter zu überstehen. Fast 2500 Soldaten fanden dort den Tod, verhungerten und erfroren. Nicht weit von diesem historischen Ort entfernt liegt das Haus der Familie, dessen umgebender Wald für Libby eine ideale Spielwiese darstellt.

Eine Familie unter Druck

Una Mannion - Licht zwischen den Bäumen (Cover)

Für das junge Mädchen bedeutet der Wald Rückzug und Entspannung von der Familie. Denn Libbys Familie gleicht oftmals einem unter Druck stehenden Kessel. Alle Geschwister sind höchst unterschiedlich, die Mutter verheimlicht ihren neuen Freund vor der Familie und man streitet und debattiert, bis die Fetzen fliegen. In einer solchen angespannten Lage lernen wir auch die Gallaghers zu Beginn des Buchs kennen, als ein Streit im Auto auf der Rückfahrt nach Hause eskaliert. Libbys Mutter setzt daraufhin Ellen am Straßenrand aus, damit diese zu Fuß nach Hause läuft.

Diese Entscheidung ist der Auslöser aller weiteren Ereignisse im Roman. Denn auf dem langen Weg nach Hause will Ellen per Anhalter etwas erträglicher machen und steigt zu einem Mann ins Auto, dem sie später nur mit Mühe und Not entkommen kann. Die Zeiten sind eh beängstigend für Libby und ihre Geschwister, die Morde von Charles Manson und seiner Gruppe liegen gerade einmal ein paar Jahre zurück, der Vietnamkrieg ebenfalls, das Massaker in Amityville ist auch in den 80er Jahren noch sehr präsent und befeuern die kindliche Fantasie. Als nun auch noch Ellen von dem gruseligen Mann erzählt, in dessen Auto sie sich wiedergefunden hat und in dem sie sexuell belästigt wurde, sitzt der Schock vor allem bei Libby tief.

Coming of Age und Familienporträt

Der Bericht von Ellen setzt Entwicklungen in Gang, die sich nicht mehr so leicht einfangen lassen. In jenem Sommer zwischen Lagerfeuer-Parties, Einbruch ins Schwimmbad und erster Liebe entspinnen sich gefährliche Dynamiken, die für Ellen und ihre Geschwister handfeste Gefahr bedeuten.

Licht zwischen den Bäumen ist ein klassischer Coming-of-Age Roman, das Porträt eines Mädchens, das nach einer Richtung im Leben sucht und der Blick in das turbulente Innere einer Familie.

Aus den klassischen Genre-Zutaten (ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, ein entscheidender Sommer, der Einbruch von Gefahr und Verderben in die vormals heile Welt) vermengt Una Mannion mit einem genauen Porträt der Familie Gallagher, die seit dem Tod des aus Irland stammenden Vaters zunehmend auseinanderdriftet. Sie erzählt bildreich vom Leben der Familie am Berg dort im County Schuylkill, das sich eher am unteren sozialen Rand abspielt.

Auch wenn man die Familie nicht unbedingt als sozial randständig bezeichnen kann – Armut und Vernachlässigung haben sie trotzdem erfahren. Das Gras wird nicht geschnitten, das Haus nicht mehr gepflegt, die Mutter schleicht sich zu ihrem Liebhaber davon, Libby muss mit Babysitten das Einkommen aufbessern. Alles Anzeichen dafür, dass auch diese Familie unablässig auseinandertreibt, ehe sie die Ereignisse um Ellens Anhaltererlebnis schlussendlich wieder zusammenführen.

Fazit

Irgendwo zwischen den popkulturellen Phänomenen „Stand by me“ oder „Stranger Things“ angesiedelt erzählt Una Mannion eine spannende Geschichte aus dem amerikanischen Hinterland und zeigt eine Familie im Auflösungszustand. Ein unterhaltsames Buch, das einen Sommer in den 80er Jahren dort in Pennsylvania noch einmal zurückholt.

Mehr Meinungen zu Licht zwischen den Bäumen gibt es bei Zeichen&Zeiten und im Blog der Buchhandlung Die Insel.


  • Una Mannion – Licht zwischen den Bäumen
  • Aus dem Englischen von Tanja Handels
  • ISBN 978-3-95829-973-3
  • 344 Seiten. Preis: 24,00 Euro