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Steffen Kopetzky – Monschau

Steffen Kopetzky bleibt seinem Schauplatz Eifel treu. Schilderte er in seinem zuletzt erschienen Roman Propaganda die die Schlacht im Hürtgenwald am Ende des Zweiten Weltkriegs, so spielt Kopetzkys neue Erzählung nun im Jahre 1962 dort in der Eifel. Schauplatz ist das beschauliche Städtchen Monschau, südlich von Aachen gelegen, fast direkt an der Grenze zu Belgien. Dort kommt es im Anfang des Jahres zu einem Pockenausbruch. Ein Monteur der ortsansässigen Ritherwerke hatte sich auf einem Indienaufenthalt mit den tückischen Viren infiziert. Doch anstelle der Einhaltung der strengen Quarantäneregeln feierte der Monteur im Anschluss an seinen Auslandsaufenthalt Weihnachten und traf viele Kolleg*innen. Mit der Folge dieses Verhaltens sieht man sich gleich zu Beginn des Buchs konfrontiert: es kommt zu einer Pockenendemie in Monschau.

Während der Chef der Ritherwerke die Produktionsfähigkeit seiner Werke in Gefahr sieht und den Betrieb auf gar keinen Fall einschränken will, ist es die Wissenschaft in Form des Düsseldorfer Dermatologen Günther Stüttgen und dem griechischen Medizinstudenten Nikos Spyridakis, die auf einen lokalen Shutdown drängt, um Infektionsketten nachzuverfolgen und den Ausbruch der Viren einzugrenzen. Zwischen den beiden Positionen entfalten sich einige Spannungen, die durch eine beginnende Liebesgeschichte und alte Verbindungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zusätzlich belastet werden.

Eine frappierende Ähnlichkeit mit unserer Gegenwart

Man kann Monschau nicht lesen, ohne das von Kopetzky geschilderte Geschehen permanent im Kopf mit unserer pandemischen Gegenwart abzugleichen. Die Ähnlichkeiten sind ja frappierend. Ähneln sich der Verlauf und die Bilder der Pandemie (wenngleich hier Nikos Spyridakis hier noch in eine alte Stahlkocheraurüstung schlüpfen muss, um sich vor den Viren zu schützen) sind es vor allem die Fehler im Umgang mit der Endemie dort, die bei der Lektüre mit dem Kopf schütteln lassen ob der Unfähigkeit, etwas aus der Geschichte zu lernen.

Steffen Kopetzky - Monschau (Cover)

So ist der Karneval den Monschauer*innen heilig und soll nicht der Virenbekämpfung geopfert werden. In der Folge begeben sich zahlreiche Monschauer*innen ins benachbarte Dorf, um dort trotz der zahlreichen Vireninfektionen sorglos zu feiern und sich dem Amüsement hinzugeben. Die Parallele zu einem ähnlich halsstarrigen Beharren auf Starkbierfeste, Skigaudi und Karneval während der aktuellen Pandemie ist bestürzend.

In der genauen Beschreibung des Ablaufs des Pockenausbruchs entfaltet Monschau die Kraft eines mitreißenden Dokudramas. Kopetzky nimmt verschiedene Figuren und ihren Blick auf die Pandemie in den Blick und zeigt ihre Beweggründe für ihr Verhalten. Vom tumb-strategischen Direktor der Ritherwerke bis hin zu Spyridakis, dem der aufkeimende Liebe zur jazzhörenden Erbin der Ritherwerke Kraft gibt, gelingt es Kopetzky, nachvollziehbare Figuren zu gestalten. War schon Propaganda eine große Verbeugung vor dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Günther Stüttgen, so führt er in Monschau diese Verbeugung fort.

Wie ein Christian Drosten des Jahres 1962 wirkt dieser Stüttgen in der Beschreibung Kopetzkys, den er als kundigen und umsichtigen Manager des Pockenausbruchs zeigt (von höchster „strategischer Intelligenz“, S. 96). Unerwartet dramatisch wird das Buch dann in seinem ungewöhnlichen Schluss, der die erzählerischen Fäden aus Propaganda rund um Stüttgen noch einmal aufgreift. Hier wirkt das Buch fast manchmal wie eine Ausarbeitung übrigen Materials, das Kopetzkys letztes großes Schreibprojekt noch bereithielt (was die Qualität des Buchs aber keinesfalls mindert). Denn bis auf kleine stilistische Holprigkeiten habe ich keinerlei Kritikpunkt an diesem Buch.

Ein unterhaltsames medizinisches Dokudrama

Ahnte Vera, dass sie mit dieser Geschichte und ihrem in die Zukunft weisenden Entschluss nun Nikos Spyridakis‘ Herz endgültig zum Schmelzen brachte, so wie der geniale Induktionsofen aus dem Ingenieurskontor ihres Onkels ein Stück Metall? Wurde er in diesem Moment zu einem kupferfarbenen griechischen Ritter, Vera treu ergeben, weil er vermeinte, in ihre Seele geblickt zu haben?

Steffen Kopetzky – Monschau. S. 164 f.

Hätte es auch einzelne Abschweifungen wie etwa die Schilderung der Hamburger Sturmflut im gleichen Jahr oder einige überanstrengte Bilder wie das obige nicht gebraucht, so gelingt es Kopetzky doch ein toller historischer Roman und ein Stück Medizingeschichte, das die Atmosphäre und die belastende Enge dort in den Gassen Monschaus aufgreift. Von Grass, Simmel und „Zwei kleine Italiener“ bis hin zu Stuyvesant und Rémy Martin atmet dieses Buch den Geist des Jahres 1962. Unterhaltsam und informativ zugleich, das ist Monschau von Steffen Kopetzky. Und in seiner Parallele zur Lage unserer Tage wirklich bemerkenswert.

Empfohlen sei an dieser Stelle auch das Video, in dem Kopetzky die Hintergründe seiner Geschichte erläutert:


  • Steffen Kopetzky – Monschau
  • ISBN 978-3-7371-0112-7 (Rowohlt)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €

Ling Ma – New York Ghost

In China greift ein neuartiges Virus um sich. Bei einer Ausbreitung in China bleibt es nicht, schon bald wird das sogenannte „Shen-Fieber“ zu einer Pandemie, bei der es keine Heilungschancen gibt. Die USA riegeln sich ab, die See- und Luftwege nach China werden abgeschnitten. Und doch ist das Virus mobiler als gedacht. Schon bald breitet es sich auch in den USA aus, trotz der Pflicht zu Schutzmasken und vermehrter Hygiene. Die Gesellschaft driftet zunehmend auseinander, vereinzelt sich, tritt den Rückzug ins Private an.

Klingt wie eine Blaupause zu unserer aktuellen Situation? Auf alle Fälle – allerdings, und das ist das Bemerkenswerte: dieses Buch erschien bereits 2018. Ling Ma verfasste damals New York Ghost, das nun aufgrund seiner Prophetie geradezu unheimlich wirkt. Ein Buch, das man auf der Suche nach Ablenkung von der Gegenwart besser nicht in die Hand nehmen sollte. Wer allerdings originelle Endzeiterzählungen zu schätzen weiß, der kann hier unbedingt zugreifen.

Alles beginnt mit einem dystopischen Setting. Die Erzählerin Candace Cheng hat sich einer Gruppe Überlebender in einem postapokalyptischen Amerika angeschlossen. Fast alle Menschen sind tot, die Erde wirkt unbevölkert. So etwas wie eine Zivilisation gibt es nicht mehr. Candace wurde in einem Taxi von ein paar Überlebenden aufgefunden, die sich nun unter der Leitung eines Anführers auf den Weg machen, um eine Mall in ihren Besitz zu bringen. Doch wie kam es zu dieser Situation? Davon erzählt Candace in Rückblenden.

Auf der Suche nach Identität

Dabei beschränkt sich Ling Ma allerdings glücklicherweise nicht auf eine pure dystopische Erzählung, sondern bringt einige Themen mehr in ihren Roman ein. So ist Candace das Kind zweier chinesischer Einwanderer und in ihrer Suche nach einer Identität zwiegespalten. Einerseits wird sie durch die familiären Wurzeln und Aufstiegshoffnungen geprägt, auf der anderen Seite möchte sie sich auch dem amerikanischen Lebensstil anpassen.

Immer wieder durchstreift sie vor dem Ausbruch des tödlichen Fiebers New York. Sie beobachtet Menschen, wandert durch Chinatown und pflegt ein Blog mit dem sprechenden Titel New York Ghost. Wie ein Geist durchmisst sie ein New York, in dem sie keinen rechten Anschluss finden mag, fotografiert urbane Szenen und ist von Unrast geprägt.

Diese Unrast im Charakter von Candace Cheng steht in einem groben Kontrast zu ihrer Arbeitsdisziplin, die von einem hohen Arbeits- und Leistungsethos geprägt ist. Jeden Tag begibt sie sich pflichtbewusst in ihre Arbeit nahe des Time Square, wo sie für einen großen Verlag Bibelprojekte vergibt und koordiniert. Der Verlag zeichnet sich durch ein immenses Preisdumping aus, weswegen die Bibel zumeist im Ausland gefertigt werden müssen, genauer gesagt in China.

Und obwohl Candace qua Job ganz nah dran ist an den Ereignissen, die von China ausgehend ihren Lauf nehmen, bekommt sie zunächst wenig davon mit. Sie stürzt sich in die Arbeit und selbst als New York schon ganz entvölkert und entgeistert ist, schleppt sie sich mit stoischer Disziplin in die Arbeit. Denn die Ordnung muss ja aufrechterhalten werden.

Doch irgendwann muss auch Candace einsehen: in einer Welt, in der fast niemand mehr lebt, in der die öffentliche Ordnung komplett zusammengebrochen ist, hilft auch ein hohes Arbeitsethos nur bedingt, um zu überleben.

Vom Überleben, Arbeitsethos und dem Shen-Fieber

Eine der Lobeshymnen auf das Buch preist New York Ghost als eine Mischung aus The Office und The Leftovers. Und so krude es klingen mag – das trifft den Kern sehr gut (auch wenn ich vom Humor der Ricky Gervais-Serie hier nur bedingt etwas merkte). Ling Ma bringt in ihrem Buch viele scheinbar widersprüchliche Themen zusammen. Die hellsichtige Schilderung einer Pandemie. Betrachtungen der amerikanischen Gegenwart durch eine chinesischstämmige Migrantin. Schilderungen unserer teilweise absurden Arbeitswelt und ihrer ökonomischen Folgen. All das führt ihr Buch zusammen und vergisst dabei auch die Spannung nicht. Denn während Candace immer wieder zurückblickt und so langsam an Kontur gewinnt, treibt die Handlung in der entvölkerten Gegenwart weiter voran.

Immer wieder bricht die Gruppe der Überlebenden zu sogenannten Pirschen auf. Man begibt sich auf die Suche nach der Sicherheit verheißenden Mall. Und zu allem Überfluss muss Candace auch noch ein allesentscheidendes Geheimnis vor der Gruppe Überlebender verbergen. Das Überleben in einer pandemischen Endzeit, es ist mehr als kompliziert.

Fazit

Hätte man hier im Deutschen Ling Mas Roman schon zum Erscheinungszeitpunkt lesen können, man hätte das Buch sicher als reine Fiktion abgetan. Eine Endzeiterzählung mehr, wie sie sicher nie eintreten würde. Doch schon zwei Jahre später hatte die Gegenwart das Buch in Teilen eingeholt. Bei literarisch schwächeren Titeln wäre zu diesem Zeitpunkt das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten gewesen. Die Realität hätte die Fiktion überschrieben und das Buch als schwachen Abklatsch des Erlebten hinter sich gelassen, zumal die Schilderung der Dystopie kein besonderes Alleinstellungsmerkmal gegenüber ähnlichen Veröffentlichungen hat.

Glücklicherweise hat sich Ling Ma aber eben nicht nur auf eine Endzeiterzählung von erschreckender Prophetie verlassen. Ihr Buch bietet ja wie eingangs erwähnt noch andere Blickwinkeln. New York Ghost ist in seiner Gesamtheit ein faszinierendes und hochaktuelles Leseerlebnis. Auch unter dem Aspekt der aktuellen Diskussion über die Frage von Repräsentanz in der Literatur ist das Buch mehr als lesenswert.

Ein Dank gebührt der Herausgeberin und Übersetzerin Zoe Beck. Sie hat das Buch mit ihrem Indie-Verlag CulturBooks dem deutschen Buchmarkt zugänglich gemacht. Und bietet uns damit die Chance auf eine echte Entdeckung einer jungen Autorin mit prophetischen Gaben.

Auch auf dem Blog Poesierausch wurde das Buch besprochen.


  • Ling Ma – New York Ghost
  • Aus dem Englischen von Zoe Beck
  • ISBN 978-3-95988-152-4 (CulturBooks)
  • 359 Seiten. Preis: 23,00 €

Polly Samson – Sommer der Träumer

Ein Elysion und ein Sommer, der scheinbar niemals zu Ende geht. Davon erzählt Polly Samson in ihrem Roman Sommer der Träumer, der auf griechischen Insel Hydra im Jahr 1960 spielt. Darin erzählt sie von (Überlebens-)Künstlern, Liebe, Eifersucht und dem Ringen um künstlerischen Erfolg. Und mittendrin die junge Erzählerin Erica, die nach dem Tod ihrer Mutter ihren Platz im Leben sucht.


Der Buchmarkt hat erkannt – was uns Leser*innen gerade fehlt. Unbeschwerte Sommerurlaube in fernen Ländern. Pandemiebedingt ist eine allzu exzessive Reisetätigkeit nicht möglich, weshalb uns die Verlage in diesem Bücherfrühling umso mehr mit Sommerbüchern im Dutzend versorgen. Egal ob Sommer in einer amerikanischen Kleinstadt in den 80ern (Benedict Wells mit Hard Land), in Wicklow im Irland 1959 (Sebastian Barry mit Annie Dunne) oder in der deutschen Provinz (Ewald Arenz mit Der große Sommer): Sommerbücher liegen im Trend. Der Ullstein-Verlag und Polly Samson erweitern die Palette neu erschienener Romane nun um den Schauplatz Griechenland. Dorthin verschlägt es die jugendliche Erica zusammen mit ihrem Bruder Bobby.

Ihre Mutter ist gestorben, das Auskommen zuhause mit dem Vater schwierig, und so beschließen die Geschwister, nach Griechenland aufzubrechen. Die Mutter hat den beiden einen Wagen und ein ebenso geheimes Sparkonto mit tausend Pfund Inhalt hinterlassen. Zudem hat Charmian Clift, eine frühere Mitbewohnerin im Haus der Familie, ihr neues Buch namens Peel me a lotus an die Familie geschickt. Darin erzählt sie von ihrem Leben auf einer griechischen Insel namens Hydra. Da sich Erica von Charmian Auskünfte über das Leben ihrer Mutter und deren Geheimnisse erhofft, steht der Beschluss der jungen Menschen schnell fest. Zusammen mit Ericas Freund machen sie sich gen Griechenland auf, das Land der Griechen mit der Seele suchend.

Eine pulsierende Gemeinschaft

Auf Hydra erwartet sie eine lebhafte Gruppe von Malern, Schriftsteller*innen und Einheimischen. Schnell wachsen die so unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen. Man zieht in Häuser, organisiert sich in Gruppen, erkundet die Insel und feiert rauschende Feste, stets auch auf der Suche nach der nächsten künstlerischen Eingebung. Das Zentrum der pulsierenden Gemeinschaft ist dabei stets Charmian Clift, die als mütterliche Inspirations- und Seelenhilfe fungiert. Auch Erica sucht beständig ihre Nähe.

Man liebt und streitet sich, Liebe, Treue und Affären sind ein beständiges Klatschthema. Es kriselt in so mancherlei Beziehung, mancher verschwindet im Laufe des Sommers von der Insel, andere Künstler stoßen wieder zur Gemeinschaft, wie etwa der junge kanadische Poet namens Leonard. Es hat den Anschein, als würde der Sommer auf der Insel für die Künstlergemeinschaft nie zu Ende gehen. Doch auch im vermeintlichen Paradies ist alles endlich.

Von großer Beschreibungsfreude

Davon erzählt Polly Samson in ihrem Buch auf detailgenaue Art und Weise. Ihr Buch atmet förmlich den Geist jenes Sommers vor siebzig Jahren, in dem alles noch nicht so kompliziert schien (aber in Wahrheit natürlich auch war). Wem der Griechenlandurlaub fehlt, bei dem kommt während der Lektüre sicher das ein ums andere Mal Nostalgie auf.

Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich über den Golf zu den Bergen von Troizen. Schönes breitet sich vor mir aus. Das Meer liegt wartend da, der Hafen verspricht Drama, der Fels hallt von den Glocken der vielen Inselkirchen wider. Ich stehe am oberen Ende der Stufen und sauge all das in mich auf. Die Hügel von gelben Blüten entflammt, die Berggipfel mit Rotgold überzogen, Quarz funkelt in den geweißten Mauern. Weinlaub ziert den weiß übertunnelten Anstieg. Reife Aprikosen zieren einen gewölbten Eingang, Wildblumen sprießen aus den Ritzen eingefallener Mauern und Ruinen. In einer Tür schüttelt eine Frau einen Teppich aus; selbst der Staub glitzert.

Polly Samson – Sommer der Träumer, S. 81

Diese Schilderungen sind Bonus und Malus des Buchs zugleich. Denn wenn der Berghirte mit seinem Esel über die Bergpfade der Insel zuckelt, im Gepäck rahmiger Joghurt, die Schwammfischer zurückkehren und auf dem Fensterbrett die Honigwabe im Sonnenlicht glänzt, dann schrammt das Ganze oftmals nicht am „Mamma Mia“-Kitsch vorbei, nein, dann ist es „Mamma Mia“-Kitsch. Man wäre nicht überrascht, spränge Pierce Brosnan „Dancing Queen“ knödelnd hinter der nächsten weiß gekalkten Häuserwand hervor.

Aber zugleich ist Polly Samsons Beschreibungsgabe so reich, ihre Schilderungen der Flora und Fauna der griechischen Inselwelt immer reich an präzisen Bildern (Übersetzung Bernhard Robben), sodass ich ihr nach dem abschließenden Lektüreeindruck diese Postkartenkitsch-Passagen gerne verzeihe.

Eine weibliche Coming of-Age-Erzählung

Polly Samson - Sommer der Träumer (Cover)

Ihre Prosa ist reich, geradezu überbordend an Beschreibungsfreude, die das Bild einer nahezu paradiesischen Insel heraufbeschwört. Doch es zählt zu den Qualitäten von Sommer der Träumer, dass das Buch eben nicht nur den Eskapismus feiert, sondern auch von der Suche nach einem Platz im Leben, vom Scheitern von Lebensträumen und der Brüchigkeit der Idylle erzählt. In die Künstlergemeinschaft, die sich auf Hydra trifft, ist die Vergänglichkeit schon eingeschrieben. Und diese Vergänglichkeit und Nostalgie kleidet Polly Samson in schöne Worte und Bilder und schafft so neben aller Nostalgie und allen Kitschmomenten auch einen ernsten Hintergrund ihrer Erzählung.

Zudem ist Polly Samsons Buch der rare Fall einer weiblichen Coming of Age-Erzählung. Ein Genre, das in diesem Bücherfrühling zumeist von Männern bedient wurde. Aber Polly Samson zeigt, dass auch sie mithalten kann im Konzert dieser nostalgischen Adoleszenzromane. Die Zutaten sind die ähnlichen, wie sie etwa die eingangs erwähnten Ewald Arenz, Callan Wink oder auch Benedict Wells in ihren letzten Büchern anwendeten: ein junger Mensch an der Schwelle zum Erwachsenenwerden, ein Sommer, randvoll mit Erlebtem, die Rückschau, aus der heraus die Handlung geschildert wird. Es ist alles drin. Und auch im Vergleich zu den anderen Titeln dieser Saison kann Polly Samson bestehen und aufgrund ihres Beschreibungsreichtums sogar leicht herausstechen.

Fazit

Polly Samson hat ein Buch über den Zustand des Paradieses und dessen Bröckeln geschrieben. Ein Buch, das vielleicht die ein oder andere Nostalgie- und Kitschschleife zu viel dreht, insgesamt aber eine bildmächtige Erzählung über einen längst vergangen Griechenland- und Künstlerbegriff darstellt. Ein starkes Buch, das Sehnsucht nach Griechenland weckt und in diesen unsicheren pandemischen Zeiten wenigstens eine Lehnstuhlreise auf die Insel Hydra erlaubt. Schöne Sommerlektüre mit Mehrwert!


  • Polly Samson – Sommer der Träumer
  • Aus dem Englischen von Bernhard Robben
  • ISBN 978-3-550-20142-4 (Ullstein)
  • 384 Seiten. Preis: 20,00 €

Ian McGuire – Der Abstinent

Einmal mehr stellt Ian McGuire sein Talent für wuchtige, brutale und schmutzige Blockbuster unter Beweis. Was ihm schon in „Nordwasser“ gelang, wiederholt er nun mit „Der Abstinent“ (Deutsch von Jan Schönherr)

Schmutzig geht es wieder zu in Ian McGuires neuem Roman. Wir befinden uns diesmal nicht auf hoher See und im ewigen Eis, sondern in den Gassen Manchesters 1867. Dort versieht James O’Connor seinen Dienst als Constable. Von seinen Kollegen aufgrund seiner irischen Herkunft argwöhnisch beäugt, soll er die Fenians im Auge behalten. Diese kämpfen für die irische Unabhängigkeit und scheuen als Untergrundkämpfer nicht vor Gewalt zurück. Nachdem zu Beginn des Buchs drei dieser Fenians gehenkt wurden, gleicht die Stimmung in den schmutzigen Gassen Manchesters einem Pulverfass. James O’Connor bedient sich seiner Spitzel, um eine realistische Einschätzung der Gefahren zu erhalten.

Durch das Auftauchen eines Mannes ändert sich allerdings alles: Stephen Doyle reist auf Bitte der Fenians aus Amerika nach Manchester, um den Kampf der Revolutionäre zu unterstützen. Er hat im amerikanischen Bürgerkrieg gedient und kennt sich aus mit dem Geschäft der Gewalt. Er wird zum Gegenspieler James O’Connors, den Doyles Auftauchen und Handeln in echte Bedrängnis bringt. Das Duell der beiden wächst sich aus zu einem Kampf Mann gegen Mann. Einem Kampf, der über Manchester Grenzen hinaus ausgetragen werden wird.

In den schmutzigen Gassen Manchesters

Wieder einmal gelingt Ian McGuire ein Buch, das die damalige Zeit fast sinnlich erlebbar macht. Die Beschreibung der Gassen, des Gestanks, der Gewalt – all das ist unglaublich intensiv. Man fühlt sich selber als Teil der Menge, wenn in den Hinterhöfen die Tradition des Rattenbeißens zelebriert wird oder die irischen Verschwörer in den Pubs einkehren. Der Abstinent ist eine spannende Mischung aus historischem Roman, Krimi, Spitzelspiel und Western. Der Kampf von Stephen Doyle gegen James O’Connor mit allen Mitteln wird von Ian McGuire temporeich und wirklich spannend inszeniert.

Zudem ist das Buch ein Musterbeispiel für das, was ich unter atmosphärisch dicht und plastisch verstehe. Die Prosa Ian McGuires lässt (zumindest für mich gesprochen) Kopfkino entstehen und ist sehr gut von Jan Schönherr ins Deutsche übertragen worden. Ein Beispiel aus dem Anfang sei hier zitiert:

Mitternacht. Feldgeschütze in der Stanley Street, Barrikaden an jeder Brücke und Kreuzung. Die hellen Flammen der Wachfeuer spiegeln sich rötlich schimmernd auf dem schwarzen, bootlosen River Irwell. Im Rathaus in der King Street klopft James O’Connor den Regen von seiner Melone, knöpft den Mantel auf und hängt beides an den Haken neben dem Pausenraum. Sanders, Malone und vier, fünf schlafen in einer Ecke auf Strohsäcken; die anderen sitzen an den Tischen, spielen Whist, plaudern oder lesen den Courier. In der Luft hängt der vertraute Kasernendunst aus starkem Tee und Tabak, links an der Wand verstaubt ein Regal voller Turnkeulen und Medizinbälle, in der Mitte steht ein mit Brettern abgedeckter Billardtisch.

Ian McGuire – Der Abstinent, S. 7

So beginnt dieses Buch und schon befindet man sich mitten im Geschehen. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die verstaubte Kaserne, das ungastliche Wetter. Mit wenigen Sätzen entstehen hier ganze Welten, die von kantigen Figuren bevölkert werden.

Fazit

Mit Der Abstinent ist Ian McGuire ein Buch gelungen, das die Troubles einmal aus englischer Perspektive beleuchtet und die die Kämpfe zwischen Iren und Engländern auf dem Boden des englischen Mutterlandes schildert. Ein spannender historischer Krimi mit einem genau beschriebenen Schauplatz und einem Duell auf Leben und Tod. Ein überzeugendes Buch. Düster und realistisch. Und nicht zuletzt von großer atmosphärischer Dichte.


  • Ian McGuire – Der Abstinent
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-423-28272-7 (dtv)
  • 336 Seiten. Preis: 23,00 €

Eva Ladipo – Räuber

„Karlsruhe kippt den Mietendeckel“. Diese Nachricht sorgte vor einigen Tagen für bundesweite Aufmerksamkeit. So kassierte Deutschlands höchstes Gericht den Versuch des Berliner Senats, die Mieten zu deckeln. Einstweilen fand damit der politische Versuch ein Ende, die Mieten im Ballungsraum auf einem wenigstens etwas erschwinglichen Niveau einzufrieren. Der Jubel der Vermieter und die Klagen einiger politischer Parteien und Mieterverbände ließ nicht lange auf sich warten.

Vom Kampf gegen Mietwucher und zivilen Widerstand in Berlin erzählt auch Eva Ladipo in ihrem Roman Räuber. Sie beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn man aus seinem angestammten Zuhause vertrieben wird und zu welchen Exzessen die Mietpolitik in Deutschland bereits geführt hat. Ein Roman, der eine der drängendsten Fragen unserer Tage thematisiert: wie geht bezahlbares Wohnen?


Drei Figuren aus ganz unterschiedlichen Schichten sind es, die Ladipo in den Mittelpunkt ihres Roman stellt. Da ist Olli Leber, ein Arbeiterkind, der binnen Kurzem zwei Schicksalsschläge verkraften muss. Zunächst stirbt sein Vater und dann wird auch noch das Haus, in dem er und seine Mutter wohnen, von eine Konsortium namens Europäische Wohnen aufgekauft. Der Auszug der beiden ist damit unausweichlich. Doch wohin in einer Stadt mit Hartz IV und unregelmäßigem Einkommen?

Bei ihrem Umzug vor elf Jahren war die Gegend ein zurückgebliebenes Armenviertel gewesen. Niemand mit Geld hatte jenseits des S-Bahn-Rings wohnen wollen. Die Ringbahntrasse war die neue Mauer, sie hatte Arm und Reich zuverlässig voneinander getrennt. Dass diese neue Mauer noch schneller fallen sollte als die alte, hätte niemand für möglich gehalten. Auch er nicht. Diese verdammten Gleise hatten ihn in falscher Sicherheit gewiegt. Obwohl er den Goldrausch tagtäglich von Nahem erlebte, obwohl er wusste, welche Reichtümer sich aus dem Geld schöpfen ließen, das in unerklärlichen Strömen in Berliner Immobilien floss, hatte er geglaubt, in der abgerockten Sozialwohnung hinter den Gleisen seien sie in Sicherheit.

Eva Ladipo – Räuber, S. 41

Vom Mietrecht und Unrecht

Eva Ladipo - Räuber (Cover)

Die zweite Hauptfigur ist Amelie Warlimont. Sie ist mit dem Chefredakteur der kriselnden Berliner Post verheiratet. Das jüngste von zwei Kindern ist gerade einmal 13 Wochen alt, da gesteht ihr der meist absente Kindsvater, dass er eine Affäre hat. Aus der Bahn geworfen begegnet Amelie Olli Leber und hat plötzlich wieder ein Ziel vor Augen. Dieser will gegen die Enteignung als Mieter kämpfen und die Mietwohnung seiner Mutter behalten, schließlich war das das Versprechen des verstorbenen Vaters: ein Dach über dem Kopf, für den Rest des Lebens. Amelie hilft dem jungen Bauarbeiter bei seinem Kampf gegen die Europäische Wohnen und stößt darüber auf einen alten Bekannten: den ehemaligen sozialdemokratischen Finanzsenator Falk Hagen, der der Politik mittlerweile den Rücken gekehrt hat.

Dieser hat erkannt, dass der Wohnungsmarkt deutlich erträglicher als das Feld der Politik ist. Zusammen mit zwei Partner hat er ein Unternehmen für Luxusimmobilien und Bauprojekte gegründet. Das Geld muss fließen. Schließlich hat Hagen Ex-Frauen, diverse Kinder und eine bevorstehende Traumhochzeit seines Lieblingskindes zu finanzieren.

Auf diese drei Hauptfiguren legt Eva Ladipo ihren Fokus. Zwar gibt es einige weitere Figuren im Ensemble, den Löwenanteil in der Erzählung bestreiten aber Amelie, OIli und Falk Hagen. Wie in einer guten Serie springt die Autorin dabei immer wieder von Figur zu Figur und treibt die Handlung unterhaltsam voran. Der Kampf gegen den Mietwucher, Liebe, das Werben um die Gunst eines Finanziers, der vielleicht die Berliner Post übernehmen könnte, eine Räuberpistole – Ladipo hat viele Themen in das Buch gepackt. Sie versteht es aber auch, diese lesenswert zu erzählen, manchmal vielleicht sogar etwas zu seicht und oberflächlich. Obschon das Buch mit 540 Seiten kein dünner Schmöker ist, liest sich Räuber schnell weg und ist höchst unterhaltsam. Und die manchmal etwas plakative Art verzeihe ich persönlich gerne, schließlich bricht Ladipo so die Sperrigkeit des zugrundeliegenden Themas.

Fazit

Räuber ist auf der Höhe der Zeit und greift viele aktuelle Debatten auf Klassimus, das Auseinanderdriften von Ober- und Unterschicht. Die Frage, was eine Stadt lebenswert macht. All das steckt in diesem Gesellschaftsroman, der alle Ebenen unserer Gesellschaft von Hartz IV bis zur Wohlstandsverwahrlosung abbildet. Genauso erzählt das Buch von skrupellosen Enteignungsversuchen und der neuen sozialen Frage, die Wohnen bedeutet. Auch als Berlin-Roman funktioniert Räuber sehr gut. Viele Themen also, die das Buch zu einer empfehlenswerte Lektüre machen!


  • Eva Ladipo – Räuber
  • ISBN 978-3-89667-678-8 (Blessing)
  • 545 Seiten. Preis: 24,00 €