Tara Westover – Befreit


Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), Artikel 26

Es ist ein Grund zum Feiern: in weniger als zwei Monaten feiert diese bahnbrechende Erklärung ihr 70-jähriges Jubiläum. Das Recht auf Bildung, es ist zentrales Element der Erklärung der Menschenrechte, auch in der Genfer Flüchtlingskonvention und der Kinderrechtskonvention ist dieses universale Recht verankert.

Doch was ist, wenn die Eltern ihrem Kind dieses verbriefte Grundrecht vorenthalten? Wenn statt der Bildung des Nachwuchses in einer instutionellen Einrichtung eigene Regeln und Dogmen den Alltag bestimmen und damit das Recht auf Entfaltung und Bildung der Kinder zunichte machen?

Davon kann Tara Westover äußerst eindrucksvoll berichten. Sie legt Zeugnis ab in Form ihres Memoirs Befreit (Deutsch von Eike Schönfeld). Darin schildert sie ihre Kindheit und Jugend in einem staats- und bildungsskeptischen Haushalt in der Einöde Idahos – und ihren Weg aus diesem obstruktiven Milieu heraus.

Eine Kindheit in Idaho

Doch das ist eigentlich viel zu harmlos formuliert für das, was Westover erleben und erleiden muss. Zusammen mit sieben Geschwistern wächst sie in Mountain West auf, einer Region in der Einöde Idahos. Am Fuße des mächtigen Bergs Buck Peak befindet sich das Haus der Westovers.

Ebenso massiv und bedrohlich ragt ihr Vater über der Familie auf, dessen Ansichten und Doktrinen das Familienleben bestimmen. Denn die Westovers sind Mormonen – was Taras Vater radikal lebt. Die Vorstellungen der Bibel und der mormonischen Glaubenslehrer gelten als unverrückbare Richtschnur, nach der sich das ganze Leben auszurichten hat. In seiner Orthodoxie unbeirrbar wird da schon einmal sämtliche Milch aus dem Haus entfernt und das Müsli fortan mit Wasser getrunken – es steht ja so in der Heiligen Schrift.

Doch nicht nur in seiner Auslegung der Heiligen Schrift und der Ausrichtung des ganzen Lebens danach ist Westovers Familie radikal. Auch lehnt Vater Westover stellvertretend für seine Familie jegliche staatliche Einmischung in sein Leben beziehungsweise den Staat selbst ab.

Das Ende ist nahe – nur bitte ohne den Staat

Staatliche Versicherungen, Geburtsurkunden oder Ähnliches? Nur ausgeklügelte Instrumente des amerikanischen Staates, um seine Untertanen zu unterdrücken und diesen hinterherzuspionieren. Besser ist es, wenn man sich selbst im Stile der Prepper abkapselt, um für den Notfall gerüstet zu sein, sobald eines Tages dann der Zusammenbruch kommt.

Hier zeigt Westover nationenübergreifend, wie solche Radikalisierung und Denkprozesse funktionieren – unabhängig davon, ob es sich gerade um einen ultraradikalen Redneck im Hinterland Amerikas oder einen Reichsbürger in Franken handelt. Die Wege in die eigenen Wahnvorstellungen hinein und das Leben mit radikalen Ansichten sind universell. Eine bittere Erkenntnis, die Befreit birgt – denn heraus findet man aus so einer Welt kaum mehr.

Aber auch Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen des Staats sind für die Westovers Teufelszeug. Hat sich einmal ein Kind etwas gebrochen oder schwer verletzt, wird zu homöopathischen Pflanzenmitteln gegriffen, statt den Weg in ein staatliches Krankenhaus zu suchen. Denn die Ärzte haben nur die Vergiftung ihrer Patienten im Sinn, so die verqueren Ansichten des Vaters.

Bildung? Teufelszeug

Dass diese Weltanschauung sich auch auf die Bildung erstreckt, sollte nicht verwundern. Denn in Schulen bekommen die Kinder nur eine sozialistische Gehirnwäsche verpasst. Und sowieso ist der ganze Bildungssektor von den Illuminaten unterwandert – da erzieht man seine Kinder lieber daheim und lässt ihnen ein gewisses Maß an Grundbildung zukommen. Doch bitte nicht zuviel, schließlich sollen die Mädchen eh nur heiraten und die Jungs auf dem familieneigenen Schrottplatz als Arbeitskräfte eingesetzt werden.

Angesichts dieser Hintergründe mutet die Emanzipationsgeschichte von Tara Westover umso kühner und bewundernswerter an. Ihr Weg aus diesem bildungsfeindlichen Milieu bis nach Harvard erscheint zwar auf den ersten Blick wie ein Märchen, doch dass dieser Weg mit unglaublichen psychischen Belastungen, Ängsten und der zunehmenden Abkapselung von den eigenen Wurzeln einherging, das verschweigt die Amerikanerin in Befreit nicht.

Hier bekommt man einen Eindruck, wie es sein muss, wenn man das Höhlengleichnis von Platon in die heutige Welt überführt. Denn gemäß Kants aufklärerischen Postulat Sapere aude ist man hier wirklich Zeuge, wie sich eine junge Frau selbst aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit und so einen neuen Blick auf ihr Leben und ihre Welt erhält. Alleine das macht Befreit schon zu einem beeindruckenden Leseerlebnis – wenngleich die Passagen ihrer sozialen Herkunft wirklich harter Tobak sind.

Das schizophrene, gewaltgeschwängerte Milieu am Fuße des Buck Peak, die scheinheiligen Doppelstandards ihrer Familie – das alles liest sich schon bedrückend. Ein Leben unter diesen Umständen muss da ja noch ungleich schwerer sein. Bei der Verarbeitung hilft Tara Westover dann aber auch wiederum die Bildung.

Erst auf Seite 290 in ihrem Memoir, aber noch relativ am Anfang ihres Bildungsprozesses befindlich, liefert ihr das Wissen die Voraussetzung zum Verständnis ihres Vaters und damit auch zum Verständnis ihrer ganzen Familie. Bipolare Störung heißt das Wort, das ihr zunächst wie andere Begriffe (beispielsweise der Terminus  Holocaust), ein völlig unbekannter Ausdruck ist. Doch dann gibt ihr die Erklärung dieser Begriffe einen Schlüssel in die Hand, mit der sie sich ihre Welt ein Stück weiter aufsperren kann. Dies ist beeindruckend geraten und hält auch für uns Leser eine Erkenntnis bereit: Wir können manchmal an der Welt scheitern und an ihr zweifeln – aber mithilfe der Bildung können wir sie zumindest besser verstehen.

Das macht aus Tara Westovers Erzählung eine Geschichte, die weit über dieses Einzelschicksal hinausweist. Ihr Buch beleuchtet die beiden Seiten ihres Lebens eindringlich, zwischen denen sich nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch die Gesellschaft entscheiden muss. Verblendung, Fanatismus und religiöse Dogmen auf der einen Seite, Individualismus, Bildung und Aufklärung auf der anderen Seite. Ein starkes Plädoyer und das beeindruckende Lebenszeugnis einer jungen Frau.

Fazit oder: The Redemption Song

Zu einem Song mit großer Symbolkraft wird für Tara das Lied Redemption Song von Bob Marley. Die Selbsterkenntnis, die ihr das Hören dieses Lieds beschert ist enorm. Darin heißt es 

Emancipate yourself from mental slavery

None but ourselves can free our mindes

(Bob Marley, Redemption Song)

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer dass wir auch im 70. Jahr nach der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte die Bildung als Schlüssel zu einem besseren Leben allen, wirklich allen zugänglich machen müssen. Befreit ist und sollte uns da Mahnung und Ansporn zugleich sein.

 

Weitere Besprechungen des Buchs finden sich auf den Blogs Binge-Reader sowie Feiner, reiner Buchstoff.

Maxim Biller – Sechs Koffer

Wenn man in die Printlandschaft und die Bloggospäre rund um den Deutschen Buchpreis 2018 schaut, dann scheinen sich fast alle einig: Maxim Billers Sechs Koffer ist ein Meisterwerk, ein preiswürdiger Kandidat für die Shortlist und sogar für höhere Weihen. Nach der Lektüre frage ich mich – haben all die Rezensent*innen ein anderes Buch als ich gelesen?

Die Ausgangslage zu Billers Miniaturdrama (nicht einmal 200 Seiten weist die Erzählung auf) ist sehr vielversprechend. Die Mitglieder der Familie Biller leben alle mit einer Ungewissheit. Ihr Vater bzw. Großvater, tschechisch der Tate, wurde nach einem Verrat hingerichtet. Er schmuggelte Uhren und Dollars in den Westen – bis ihn ein Tipp auffliegen ließ. Doch wer ist der Verräter, wer hat den Taten auf dem Gewissen? Niemand weiß es, und so beginnt der Enkel des Taten mit seinen Nachforschungen.

Wer spricht die Wahrheit? Wer ist der Verräter? Und welche Blicke eröffnen uns sechs unterschiedliche Perspektiven? Eigentlich ein hochspannender Ansatz, aus dem Biller allerdings leider überhaupt nichts erzeugen kann. Weder schafft er es, die unterschiedlichen Charaktere sauber herauszuarbeiten und klar zu machen, wer gerade erzählt, noch gelingt ihm, eine saubere Exposition zu kreieren, die in die Erzählung hineinträgt.

Mehrmals musste ich ansetzen, um in Sechs Koffer hineinzufinden. Wer ist nun wer, welcher Konflikt liegt dem Ganzen zugrunde, wer erzählt hier gerade? All das erschloss sich mir erst nach mehrmaligem Loslesen von Billers Geschichte. Neben einer sauberen Ausarbeitung und einem erzählerischen Plan fehlt diesem Buch Rhythmus und ein innerer logischer Fluß, der den Leser durch die Geschichte geleitet.

Zu kurz und skizzenhaft

Meist vertrete ich ja die Auffassung, dass viele Bücher stärker werden, wenn man sie kürzt, reduziert, eher auf ihren Kern fokussiert. Dass manchmal auch das Gegenteil der Fall ist, sieht man an Sechs Koffer. Billers Prosa ist gehetzt, vollgestopft wie ein muffiges und zu kleines Zimmer voller Nippes. Mit 50 oder 100 mehr Seiten hätte er in meinen Augen ruhiger ausarbeiten können, worum es ihm geht und seinen Charakteren mehr Spielzeit gönnen können. So bleibt keine Figur im Gedächtnis, alles verharrt angerissen und skizziert.

Dass man am Ende der Geschichte genauso schlau wie vorher ist, das ist da schon geschenkt.

Dafür, dass Maxim Biller in die Richtung anderer Autor*innen immer hart austeilt, ihnen Duckmäusertum, Bräsigkeit und „Schwanzlosigkeit“ vorwirft, da sie noch nichts erlebt hätten – dafür liefert er selber sehr schwach ab. Auch seine Sprache weiß leider nicht zu begeistern. Eine besondere Kreativität ist hier nicht erkennbar, störend für mich hingegen war so manches Mal ein Zuviel an (widersprüchlichen und) ungenauen Adjektiven. Ein Beispiel sei hier auf Seite 12 genannt:

Sollte Dima über seine fünf Jahre in Pankrác lachen? Sollten sie beide über den Tod ihres armen Vaters lachen, ihres geliebten, strengen und meistens viel zu großzügigen Taten?

(Biller, Maxim: Sechs Koffer, S. 12)

Für mich leider im Gegensatz zum Gros der Kritiker durch die Bank weg enttäuschend. Eine Zuerkennung des Deutschen Buchpreises 2018 für Sechs Koffer könnte ich leider nicht nachvollziehen.

Eine ebenfalls kritische Analyse und Einschätzung hat abseits von allen lobenden Bewertungen noch Marina Büttner von Literaturleuchtet geschrieben.

Andreas Eschbach – NSA

Wenn anstelle des Hashtags das Hakenkreuz fungiert – Andreas Eschbachs Fantasie über ein Drittes Reich mit Sozialen Medien und globaler Überwachung

Hier lernt man noch einiges: Anne Frank und ihre Familie wurden in ihrem Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam nicht etwa durch eine oder einen VerräterIn aufgestöbert. Nein, es waren die Daten der Familie Gies‘, die zur Ergreifung der Familie führten. Diese Daten wurden in Weimar ausgewertet, im NSA. Bei Eschbach wird aus der eigentlich amerikanischen Behörde das sogenannte Nationale Sicherheitsamt, das alle Daten der deutschen Bevölkerung und der unterworfenen Länder analysiert. Darunter fallen auch die Daten aus Amsterdam, die von fähigen Programmiererinnen und Analysten ausgewertet werden. Zu Demonstrationszwecken zeigt das NSA bei einem Besuch von Heinrich Himmler, wozu es mit seinen gespeicherten Daten in der Lage ist. So fallen bei Routineüberprüfungen die Einkaufs- und Verbrauchskennziffern in der Prinsengracht ins Auge. In einem Tony-Scott-reifem Showdown zeichnet Eschbach nach, wie es dem NSA gelingt, die Einsatzkräfte in Amsterdam nur per neuartigen Komputern und Daten zum Haus zu dirigieren und so für die Verhaftung von Anne Frank und Familie zu sorgen . Der Staatsfeind Nummer 1 trifft auf George Orwell – so könnte man die Grundidee hinter Eschbachs wuchtiger alternativen Geschichtsschreibung zusammenfassen.

Auch die Gemeinschaft der Weißen Rose um die Geschwister Hans und Sophie Scholl wird so gestellt, nachdem in Deutschland und anderen Orten plötzlich Flugblätter der Bewegung auftauchen. Doch die Macht von Big Data und die umfassende Überwachung des Sicherheitsamtes sorgt auch für ein schnelles Ende dieser Gruppe.

Ein Drittes Reich mit der Überwachung von Heute

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Computer, soziale Medien und die dadurch entstehenden Überwachungsmöglichkeiten gegeben hätte? Aus diesem Gedankenexperiment schöpft Eschbach. Dies tut er, indem er zwei unterschiedliche Mitarbeiter des NSA in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

Zum Einen ist da die Programmstrickerin Helene, die für die Ausarbeitung und korrekte Formulierung von Programmen zuständig ist, die dann von ihren männlichen Kollegen ausgewertet werden (es herrscht klare Geschlechtertrennung zwischen minderwertigen und höheren Tätigkeiten). Zum Anderen arbeitet im NSA Eugen Lettke, der seine Machtfülle und seinen Zugriff auf die Daten ausgiebig zu nutzen und missbrauchen weiß.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere lassen den Nutzer in ein NSA eintauchen, das gespenstisch unseren heutigen Behörden und ÜBerwachungsmöglichkeiten ähnelt. Auch wenn sich die Begriffe unterscheiden – in Eschbachs Fantasie des Dritten Reichs sind Hassrede, Denunziationen im Deutschen Forum, Whistleblower und Vollzeitüberwachung auch Themen, die einen stetigen Machtzuwachs der Überwachungsbehörde rechtfertigen. Immer wilder wuchert die Datenkrake, immer umfangreicher werden die Oberservationsmöglichkeiten, die den Machthabern zur Verfügung stehen. Das Volkstelephon lädt zur Belauschung und Ortung der Bevölkerung ein – schließlich will man ja möglichst genau wissen, was das eigene Volk so tut und treibt und welche Umtriebe zu befürchten sind. Besonders pikant wird das natürlich dann, wenn eine professionelle Aufdeckerin von Geheimnissen plötzlich selbst Geheimnisse hüten muss.

NSA liest sich wie eine Kreuzung aus Philipp K. Dicks The man in the high castle, seinem Minority-Report und wohl am deutlichsten George Orwells 1984.

Auch wenn das alles zunächst hanebüchen wirken mag, eher als Geschichtsklitterung und Parodie erscheinen mag – wie Eschbach seine Alternate History zu einem Ende bringt und seinen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende geht, das ist dann doch sehr eindringlich gestaltet.

Angesichts des Umfangs von knapp 800 Seiten sind Flüchtigkeitsfehler (man kann wohl eher Tiere schlachten, Fleisch schlachtet man eigentlich nicht) und stellenweise stilistische Holprigkeiten zu verzeihen. Denn auf die Länge und besonders auf den Paukenschlagschluss hin betrachtet liegt mit NSA hier wieder ein stärkeres Buch aus dem Oeuvre von Eschbach vor, das zumindest mich größtenteils zu überzeugen wusste.

Steffen Mensching – Schermanns Augen

Wie kann das sein? Da schreibt Steffen Mensching den besten Roman des Jahres, ein epochales Gemälde von Europa und Russland in den 30er und 40er Jahren – und kaum einer bekommt es mit? Zeit wird es, das zu ändern – denn Schermanns Augen sind über 800 Seiten Literatur, die im Gedächtnis bleibt. Handlungssatt, bunt und berührend.

Steffen Mensching (Jahrgang 1958, geboren in Ost-Berlin) präsentiert sich auf seiner eigenen, grafisch gewagten Homepage mit der schönen Selbstbeschreibung Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur. Seit zehn Jahren steht er dem Theater in Rudolstadt als Intendant vor und ist damit offenbar noch nicht ganz ausgelastet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er es geschafft hat, diesen Ziegelstein von einem Buch neben seiner Tätigkeit am Theater zu produzieren (wenngleich Mensching laut Interviews über 12 Jahre an dem Buch saß). Die Vorarbeiten zu Schermanns Augen müssen immens gewesen sein, genauso wie die Arbeit mit dem Text selbst. Denn sein Buch ist ein 800-Seiten-Pfünder mit einem bemerkenswert dichtem Textgewebe voller Zeitkolorit, Personen und Anekdoten der europäischen Secession.

Secession und Straflager

Diese lässt Mensching in all ihrer pulsierenden Kreativität und Lebendigkeit wiederauferstehen. Geistesgrößen wie Karl Kraus mit seiner Zeitschrift Die Fackel, der Maler Oskar Kokoschka, Alma Mahler, der Komponist Arnold Schönberg oder der Architekt Adolf Loos – sie wurden zu Taktgebern der 20er und 30er Jahre und prägten in Zentren wie Berlin oder Wien den intellektuellen Rhythmus. Neben unzähligen weiteren kulturell prägenden Gestalten bekommen sie ihren Auftritt – in den Erinnerungen von Rafael Schermann.

Jener Schermann, eine in den buntesten Farben schillernde und glitzernde Figur, lässt wie in 1001 Nacht diese Zeit und zugleich Zeitenwende wieder auferstehen. Die Rahmenbedingung für seine Erzählungen sind dabei von ebenso großer Tristesse wie Bedrohlichkeit. Denn Schermann sitzt 1940 im Gefängnis Artek ein und erzählt in Verhören seine Lebensgeschichte.

Safranowka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebiet, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Bis 1935 ein verschlafenes Fünfzig-Seelen-Dorf, windschiefe Hütten und eine baufällige, als Getreidespeicher genutzte Kirche. Dann übernahm das NKWD die Siedlung. Fünf Jahre später lebten hier knapp tausend Häftlinge, Frauen und Männer. Schermann war jetzt einer von ihnen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Warum hat es Schermann in dieses Lager verschlagen? Und das größte Mysterium überhaupt- wer ist dieser Mann überhaupt, der die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen weiß? Welche Geheimnisse hütet der Sträfling?

Er wurde bei einem Halt auf freier Strecke aus dem Transport geholt. Zwei Sträflinge, die zum Beräumen der Gleise eingeteilt waren, schleppten den Ohnmächtigen in Begleitung eines Postens zum Schlitten des Depotverwalters Trufulski. Der lieferte ihn in der Krankenbaracke ab. Ein Greis. Obwohl erst sechsundsechzig. Nicht allein die unbegründete Verlegung, auch der Aufenthalt im Brygidki-Gefängnis, die Odyssee im Viehwagen, Lemberg, Kiew, Charkow, Gorki, Hunger, Durst und Kälte, die Arbeit im Sägewerk der Sondersiedlung Fediakowo hatten Spuren hinterlassen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Die Fragen, die die Herkunft und der Weg Schermanns ins russische Arbeitslager aufwirft, treiben nicht nur die Lagerleitung um. Auch Otto Haferkorn ist von dem polnischen Mitgefangenen fasziniert.

Dieser Otto Haferkorn stammt eigentlich aus Berlin, sitzt aber nun in Artek wegen einer Verurteilung nach Paragraph 58 ein. Als kapitalistischer Spion gebrandmarkt hat er eine ebenfalls eine turbulente und aufwühlende Lebensgeschichte hinter sich. Er dient als Übersetzer in den Verhören Schermanns. Denn als Einziger ist der im ganzen Straflager des Deutschen mächtig und wird so zum Mittler zwischen Lagerleitung und Schermann.

Ein unglaubliches Leben

Es entfaltet sich in der Doppelbiographie von Rafael Schermann auf der einen und Otto Haferkorn auf der anderen Seite ein Bilderbogen, der das 21 Jahrhundert mit all seinen Verwerfungen und Schizophrenien treffend bebildert.

Rafael Schermann bei der Arbeit (Von anonymous/unknown – [1] Narodowe Archiwum Cyfrowe NAC, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18712671)

Während Haferkorn als Schriftsetzer für eine sozialistische Zeitung tätig war, ehe er die Flucht in den Osten antrat, verdingt sich Schermann mit dem Gegenteil der mechanisch erzeugten Schrift. Als Schriftendeuter oder Psychographologe wird er zum bewunderten Star der Gesellschaft, macht die Bekanntschaft aller Reichen und Berühmten, die seine Fähigkeiten bestaunen. Schon als Angestellter einer Versicherung in der böhmischen Provinz gelang es ihm, schier Unglaubliches aus dem Schriftbild seiner Mitmenschen herauszulesen. Familiäre Hintergründe, Beruf, Zukunft – Schermanns Augen bleibt nichts verborgen. Seine Analysen gleichen Hellseherei.

Dieses Talent führt ihn in die Kreise der Wiener Secession. Berlin, sogar Amerika bereist der polnische Sherlock Holmes (so einmal die Schlagzeile einer Zeitung über Rafael Mauritzowisch Schermann). Immer ist er dabei umgeben von den wichtigen und einflussreichen Menschen seiner Zeit.

Einem Zirkuspferd gleich wird Schermann als Attraktion durch die Weltgeschichte gescheucht. Auch die Medizin findet Interesse an seinen Fähigkeit, der Arzt Oskar Fischer publiziert ein Buch über das Phänomen Schermann und seine schriftdeuterischen Fähigkeiten. Doch auch bei Otto bleiben Zweifel – ist dieser Mann nun ein Genie oder ein Hochstapler?

Überleben in Artek II

An seinem neuen Platz im Arbeitslager dient Schermanns Fähigkeit als Faustpfand für das Überleben. Denn im Mikrokosmus des Arbeitslagers, in dem Bäume nach 5-Jahres-Plänen gefällt werden müssen, ist es ein Kunststück, am Leben zu bleiben. Überlebensfeindliche Temperaturen um das Lager herum – und nicht minder gefährliche Mithäftlinge in Artek II. Eindrucksvoll zeigt Mensching, wie die Regeln eines solchen Arbeitslagers wirken. Denn nicht nur die sowjetischen Aufseher führen ein hartes Regiment – auch im Lager selbst hat sich eine ausgeklügelte Hierachie entwickelt. Berufsverbrecher, auch Urki genannt, haben unter der Führung des Lagerpaten ein ebenso brutales wie effizientes System zum Machterhalt entwickelt.

Nicht umsonst leitet Mensching seinen Roman mit einem Zitat Fjodor Dostojewskis ein. Es stammt aus dessen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Treffender könnten Titel und Zitat auch für Menschings Prosa nicht sein:

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt; ich glaube das ist die beste Defintion für ihn

(Fjodor Dostojewksi)

Dieses Überleben in Extremsituationen beleuchtet der Berliner Autor eindrucksvoll. Beeindruckend dabei, wie, abwechslungsreich und geradezu bestechend Mensching seine Prosa komponiert und rhythmisiert. Mit größter Sprachmacht durchmisst er sicher all diese unterschiedlichen Milieus, mit denen Haferkorn und Schermann im Laufe ihrer unterschiedlichen Leben in Berührung kommen

800 Seiten voller Abwechslung

Auf über 800 Seiten tritt auf keiner einzigen Seite ein Gefühl von Langeweile oder gar Stillstand auf. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Rahmenhandlung auf dem beengten Raum des Straflagers 47 spielt. Steffen Mensching gelingt das Kunststück, die Enge und die Atmosphäre voller depravierter Menschen und sozialem Druck zu schildern, und dabei seinen Plot maximal weit und frei zu erzählen. Das ist große Kompositionskunst!

So stilistisch vielfältig, so inhaltlisch vielstimmig ist auch sein Buch. Die Schauplätze reichen von Berlin bis an den Ural, von New York bis Lemberg. Mal ist das Buch ein geradezu barocker Geschichtsbogen in orientaler Tradition, mal trostloser GULAG-Roman. Mal Oral History, mal Märchenbuch. Mal Kultur, mal Politik, mal tief im Osten, dann wieder im Westen. Zudem ist Schermanns Augen auch eine Hymne auf das Schreiben, die Handschrift und all das, was sich damit ausdrücken lässt.

Ein Buch mit hohem Anspruch, allerdings nicht immer einfach zu lesen. Ein Register mit den vielen russischen Termini wäre schön gewesen. Auch erfordert Menschings Eigenart, im ganzen Buch bei den wörtlichen Dialogen auf Anführungszeichen zu verzichten, erhöhte Aufmerksamkeit vom Leser.

Ohne den dichten Buchsatz der Seiten mit Absätzen oder irgendwelchen anderen setzerischen Mitteln aufzulockern entsteht so ein Lesefluss, der keine Ablenkung verzeiht. Dass daneben auch das Personaltableau überbordend ist, scheint auch dem Verlag aufgefallen zu sein. Nicht umsonst liegt dem Buch trotz Leseband noch ein Lesezeichen bei, dass wenigstens das wichtigste Personal von Artek II noch einmal aufführt und ihre Rolle stichpunktartig benennt.

Ein Lob dem Wallstein-Verlag

Vielleicht kann nur ein kleiner unabhängiger Verlag wie der Wallstein-Verlag das Wagnis eines solchen überbordenden Buches eingehen. Im normalen Druchlauferhitzer des Buchmarkts mit den schnell auf Erfolg kalkulierten Titeln dürften Big Player nur abwinken. Zu speziell, zu umfangreich, zu überambitioniert. Gehts nicht auf griffiger und kürzer?

Nein geht es nicht. Hier hat ein Autor seinen Raum bekommen, den er zur maximalen Entfaltung genutzt hat. Der verlegerische Mut, auf Schermanns Augen zu setzen gleicht dem, den Rafael Mauritzowitsch Schermann und sein Übersetzer Otto Haferkorn im Roman immer wieder aufs Neue beweisen. Es sind große Worte, die ich an dieser Stelle gebrauche – aber (natürlich streng subjektiv gesprochen) ein anderer deutschsprachiger Titel diesem Buch Konkurrenz machen kann, halte ich für dieses Jahr nahezu augeschlossen.

Fazit

Dass Schermanns Augen nicht auf der Longlist oder Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 steht, ist ein Skandal. Denn etwas Vergleichbares auf diesem Niveau fand ich in diesem aber auch den letzten Jahren nicht auf dem Buchmarkt. Lob, Ehre und Preise diesem Buch im Dutzend! Ein Herzensbuch, dessen Empfehlung mir hier wirklich ein Anliegen ist. Ein verlegerisches Wagnis, das unbedingt belohnt werden sollte!

 

Quelle des Titelbildes: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1316062

Lutz/Wilhelm/Kellerhoff – Die Tote im Wannsee

Auch wenn man es beim Blick auf das Cover vermuten könnte – hinter Lutz Wilhelm Kellerhoff steckt kein neuer Autor, vielmehr sind es drei Männer, die diesen Krimi zusammen verfasst haben. Martin Lutz und Sven Felix Kellerhoff sind Journalisten und Autoren, die sich in ihren Bücher mit Themen aus der deutschen Geschichte auseinandersetzen.

Für ihren ersten Krimi haben sie sich mit Uwe Wilhelm zusammengetan, der Drehbuchautor und Krimischriftsteller ist (z.B. Die sieben Kreise der Hölle). Als Trio legen sie nun ihren ersten historischen Krimi um den jungen Kommissar Wolf Heller vor, dem noch weitere Bücher folgen sollen, wenn man den Verlagsankündigungen Glauben schenken darf.

Das Buch führt zurück in eines der richtungsweisenden Jahre, das die Bundesrepublik in ihrer jüngsten Geschichte erlebte. Die Rede ist vom legendären 1968. Studentenunruhen, gewaltsame Zusammenstöße auf den Straßen, Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren, Kommune 1. Bewegte Zeiten also, in denen Wolf Heller einen Fall lösen muss, der ihm die Verwerfungen des Jahres 1968 eindrücklich vor Augen führt.

Eine junge Frau wurde mit mehreren Messerstichen ermordet, ihre Leiche anschließend im Wannsee entsorgt. Die Identität scheint zunächst unklar, nur ein roter Schuh ist der Frau geblieben. Doch schon bald verbeißt sich Wolf Heller in eine Spur, die ihn direkt ins Vorzimmer der Kanzlei von Horst Mahler führt. Denn dort hat die junge Frau gearbeitet – doch gibt es eine Verbindung ins Kommunen-Milieu?

Die Tote vom Wannsee ist voll mit Farben und Gerüchen der damaligen Zeit. Lutz, Wilhelm und Kellerhoff erzählen in ihrem Roman nicht nur aus dem turbulenten Leben ihres Kommissars, sondern flechten weitere Erzählstränge in den Roman mit ein. So ist man auch in das Geschehen auf der Täter-Seite eingeweiht und bekommt zudem noch eine weibliche Erzählfigur, die sich im Studentenmilieu bewegt. So decken die drei Autoren auch gleich drei unterschiedliche Seiten des Falls und darüber hinausgehend drei Blicke auf das Jahr 1968 ab.

Sprachlich ist das Ganze solide gelöst, die Spannung entwickelt sich langsam und ist durchaus vorhanden, wenngleich das Buch nicht viel Neues bietet. Am Spannendsten sind die zeithistorischen Hintergründe (inklusive Verbindungen zwischen BRD und DDR zu der Zeit), die Die Tote vom Wannsee behandelt.

Ein solider Krimi mit tollen zeithistorischen Bezügen. Gerne empfohlen, vor allem eingedenk der Tatsache, dass sich die anderen Verlage in Sachen belletristischer Aufarbeitung von 1968 in diesem Jubiläumsjahr bislang vornehm zurückhalten.

 

[Titelbild: By Stiftung Haus der Geschichte – 2001_03_0275.0153, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44807344]