Der Erste Weltkrieg in der Literatur

Heute morgen vor genau einhundert Jahren, nämlich am 11. November 1918 war es soweit: in einem Bahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnete um 5:00 Uhr am Morgen die deutsche Delegation den Waffenstillstandsvertrag, der das Ende des Großen Kriegs besiegeln sollte.

Vier Jahre hatten sich zuvor Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich, Russland, später auch die USA und zahlreiche weitere Kräfte bekriegt, Bündnisse geschmiedet und das Leben von hunderttausend zumeist junger Männer auf den Schlachtfeldern geopfert. Und das um den Preis, dass 15 Jahre später ein noch verheerenderer Weltkrieg den Erdball überziehen sollte.

Unterzeichnung des Waffenstillstandes im Bahnwagen von Compiègne in Frankreich

Man kann natürlich abwinken, das ganze als Geschehen vor über 100 Jahren abtun. Was hat so lange Vergangenes uns noch zu sagen? Allzu fern scheinen manchmal die Geschehnisse, die einen ganzen Kontinent in ein nie gekanntes Kriegen und Morden gestürzt haben. Warum also über Vergangenes, wenn doch die Gegenwart und Zukunft auch so viele Wagnisse für uns bereithält?

Geschichte wiederholt sich

Ich hege allerdings eine andere Auffassung von Geschichte. Ich gehe mit der Auffassung des griechischen Denkers Thukydides, der konstatierte, die Geschichte sei eine ewige Wiederholung.

Auch ich bin der Meinung, dass Geschichte immer wiederkehrt und diese eigentlich nur in einer Abfolge von Mustern besteht. Mal treten dieser in einer höheren Frequenz auf, mal braucht es wieder hundert Jahre oder mehr, bis sich wieder eine ähnliche Situation einstellt. Das Traurige daran ist natürlich, dass man – obwohl die Vergangenheit ja bekannt ist, allzu selten Lehren für die Gegenwart und Zukunft daraus zieht. Beim Ersten Weltkrieg lässt sich das genau so beobachten.

Ein machtpolitisches Übergewicht, das zur Unzufriedenheit bei anderen Ländern führt. Eine Zersplitterung der Parteienlandschaft, Kriegsgetrommel und Propaganda, Verschiebung der geopolitischen Tektionsschichten – diese universellen Faktoren bedingten auch den Ersten Weltkrieg, der vom Balkan ausgehend schnell auf ganz Europa übergriff.

Deutsche Truppe 1914 [https://www.flickr.com/photos/drakegoodman/3448414043]

Die spannende Frage ist natürlich, wie sich der Erste Weltkrieg auf die Literatur auswirkte. Welche Bücher beschäftigen sich mit diesem Krieg und auf welche Art und Weise tun sie es?

Der erste Weltkrieg in der Literatur

Im Folgenden habe ich versucht, verschiedene Titel aufzuführen, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Dabei lege ich Wert darauf, dass diese Liste mitnichten der Weisheit letzter Schluss ist. Vielmehr kennzeichnet diese Liste ihre Unvollständigkeit und ihr Eklektizismus. Sie ist bewusst offen gehalten und versteht sich als offene Sammlung, die zur Ergänzung anregen soll.

Wenn ihr Bücher über den Ersten Weltkrieg schätzt und empfehlen möchtet, dann freue ich mich über alle Anregungen, die ich hier gerne in die Liste mitaufnehmen möchte.

Standardwerke, die einen umfassenden Blick auf den Krieg erlauben, sind die Werke des Professors Herfried Münkler mit dem Titel Der große Krieg und die Monographie Die Schlafwandler des australischen Gelehrten Christopher Clark. Besonders die umfassende Darstellung Clarks sorgte bei ihrem Erscheinen für Aufsehen, bettete er doch den deutschen Anteil an der Initiation des Kriegs in einen größeren Kontext und relativierte damit die starre Fixierung auf Deutschland als Kriegsauslöser.

Ein Name, ohne den die literarische Bearbeitung des Ersten Weltkriegs (zumindest aus deutscher Sicht) nicht gedacht werden kann, ist Ernst Jünger. Seine Memoiren In Stahlgewittern gelten als Vorläufer der Blut-und-Boden-Literatur und vermitteln einen Einblick in die Kriegsgeschehen an der Westfront. Auch der Franzose Jean Cocteau wirft mit Thomas, der Schwindler einen Blick auf das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg. Er richtet seinen Blick dabei aber eher auf die Absurditäten und den Wahnsinn, der mit diesem Krieg einherging.

Auf österreichischer Seite wäre Karl Kraus zu nennen, der in seinem als unaufführbar geltenden Monumentalstück Die letzten Tage der Menschheit den Wahnsinn rund um den Ersten Weltkrieg in ein Theaterstück verpackt. Er selbst bezeichnete dieses überbordende und kaum fassliche Drama als kaum inszenierbar – auch als Leser braucht man einen langen Atem. Wer den nicht hat, könnte es auch mit der Graphic-Novel Adaption von Reinhard Pietsch versuchen.
Einen belgischen Blick auf das Geschehen im Ersten Weltkrieg wirft Stefan Hertmanns in Krieg und Terpentin (bzw. im Hardcover unter dem etwas verkitschten Titel Der Himmel meines Großvaters). Der besagte Großvater diente im Ersten Weltkrieg, etwa bei der Schlacht an der Yser. Die Erinnerungen aus den Tagebüchern des Großvaters sind erschütternd und von großer Eindringlichkeit.

Ebenso erschütternd sind auch die Erinnerungen des Franzosen Henri Barbusse. Diese verarbeitete er in dem Bericht Das Feuer, die sich aus seinen Erinnerungen an die Schützengräben auf französischer Seite speisen.

DER Klassiker und das völlig zu Recht: Erich Maria Remarque mit Im Westen nichts Neues. Von den Nazis auf Scheiterhaufen verbrannt liest sich das Buch heute immer noch genauso frisch wie erschreckend. Zurecht ein Meisterwerk und immer aktuelle Schullektüre.

Eine ebensolche Pflichlektüre sollten auch die Memoiren von Vera Brittain sein. An der Heimatfront und dann in Malta und in Frankreich erlebte sie als Hilfskrankenschwester hautnah die Gräuel des Kriegs mit. In ihrer Autobiographie legt sie davon Zeugnis ab.

Ein hochinteressantes Buch ist auch die Schicksalssammlung und- verdichtung Schönheit und Schrecken von Per Englund. Englund, Mitglied der Schwedischen Akademie und damit zuständig für die Vergabe des Literaturnobelpreises, schildet in seinem Buch neunzehn Schicksale. Schicksale, die symptomatisch für den Ersten Weltkrieg sind.

Literarisch nimmt sich auch der Franzose Pierre Lemaitre des Ersten Weltkriegs an. Er erzählt von einem sadistischen Militär und zwei einfachen Soldaten, die vom Schicksal zu einer fatalen Gemeinschaft zusammengeschmiedet werden. Für Wir sehen uns dort oben erhielt er sogar den renommierten Prix Goncourt.

Ähnlich wie in seiner vielbeachteten Collage Die Tagesordnung über den Anschluss Österreichs an Deutschland im Zweiten Weltkrieg hat der französische Dokumentarfilmer und Autor Eric Vuillard das Ganze auch in Ballade vom Abendland über den Ersten Weltkrieg getan. Erschienen in der Backlist-Reihe von Matthes und Seitz.

Einem anderen Aspekt widmet sich der Chef des Literarischen Quartetts im ZDF, Volker Weidermann. Er schreibt in Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen von der Räterepublik in  München. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg wurde in München die Räterepublik ausgerufen – und mittendrin so bekannte Dichter wie Ernst Toller, Erich Mühsam oder Viktor Klemperer.

Basierend auf einer historisch verbürgten Biografie spürt David Pfeifer in Die rote Wand dem Schicksal einer jungen Frau nach. Diese verkleidete sich als Mann und nahm an den Kämpfen in den Dolomiten teil. Viktoria Savs ist der Name der Frau, die tatsächlich damals im Alter von 15 Jahren im Großen Krieg kämpfte. Bei David Pfeifer wird diese besondere Episode wieder lebendig.

Auch wenn es kein Buch ist, möchte ich hier dennoch auch auf ein spannendes Projekt hinweisen. In 14 Tagebücher werden interaktiv Männer-, Frauen- und Kinderschicksale, basierend auf 14 Tagebüchern, interaktiv vorgestellt. Dieses lohnenswerte Projekt soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

Auch nutzen auffallend viele Schriftstellerin den erzählerischen Rahmen des Ersten Weltkriegs, um darin queere Liebe zu schildern, die gemäß den damaligen Konventionen natürlich weitgehend tabuisiert wurde. Im Krieg allerdings finden viele Paare zusammen, wovon die folgenden drei Romane erzählen:

Der französische Schriftstellerin Philippe Besson schildert in Zeit der Abwesenheit eine homoerotische Ménage a trois, die auch den berühmten Autor Marcel Proust umfasst und in der der Erste Weltkrieg den erzählerischen Hintergrund für die Dreiecksbeziehung bildet.

Aleksandar Hemon lässt in Die Welt und alles, was sie enthält einen jüdischen Apotheker in Sarajevo Zeuge des Attentats auf Franz Ferdinand werden. In der Folge wird er in den Krieg eingezogen, wo er auf den Schlachtfeldern in Galizien die Liebe seines Lebens kennenlernt, den muslimischen Osman Karišik.

Alice Winn schließlich erzählt in Durch das große Feuer von der Liebe von zwei englischen Schülern in einem Eliteinternat, die erst durch den Kriegsdienst ihre Liebe wirklich ausleben können.

Eine echte Wiederentdeckung ist das letzte Buch in dieser Reihe. Denn Krieg stammt aus dem Nachlass des französischen Literatur-Enfant-Terrible Louis-Ferdinand Céline und wurde erst im letzten Jahr publiziert. Darin dreht sich alles um den jungen Soldaten Ferdinand, der bei der Flandern-Offensive 1914 schwer verletzt wird und in ein Lazarett eingeliefert wird.

Einen satirischen Blick auf das Kriegsgeschehen wirft Jaroslav Hašek in Der brave Soldat Schwejk. Mit seiner bitteren Parodie des Kriegsgeschehens schrieb er tschechische Literaturgeschichte und erlaubt einen Blick in die Abgründe des Militärwesens.

Einen anderen Blick auf den Ersten Weltkrieg erlauben auch Yury und Sonya Winterberg. In Kleine Hände im Großen Krieg widmen sie sich den Kinderschicksalen, die der Erste Weltkrieg ebenfalls beeinflusste.

Von dem, was Giftgas, Grabenkämpfe und permanenter Druck mit einem Menschen anrichten können – und wie Heilung gelingen kann, davon erzählt auch J. L. Carr. In seiner großartigen Erzählung Ein Monat auf dem Land erzählt er von einem jungen Kriegsveteran der an etwas leidet, was man heute Posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Durch die Restaurierung eines Kirchengemäldes in einem verschlafenen englischen Dörfen kommt es langsam zur Heilung.

Den Abschluss dieser kleinen Sammlung möchte ich wiederum einem Historiker überlassen. Jörn Leonhard gelingt in Die Büchse der Pandora
eine umfassende Darstellung des Ersten Weltkriegs und seiner Dynamiken – was auch durch den Umfang von über 1100 Seiten detailliert möglich ist. Ein Buch zum Durcharbeiten, das aber auch wirklich gut unterhält und informiert. Genau der Anspruch also, den ein geschichtliches Werk in meinen Augen haben sollte.

Fazit

Natürlich kann und muss solch eine Auswahl immer Stückwerk bleiben. Zu groß, allumfassend ist dieser Erste Weltkrieg, als dass sich ein abschließender Blick darauf erlaubte. Gerne trage ich nach Anregung auch passende Neuerscheinungen oder andere Titel aus der Backlist in die Liste nach und ergänze diese. Schließlich nimmt das Thema für mein Empfinden in seiner Widerspiegelung in Sachbüchern, Romanen oder auch Filmen wieder eine größere Aufmerksamkeit ein. Man denke nur an den in einer scheinbar einzigen Einstellung gedrehten und mit drei Oscars ausgezeichneten Kriegsfilm „1917“ von Sam Mendes oder das Blockbusterkino, das auch zunehmend den Großen Krieg wieder als Hintergrund für Erzählungen nutzt, etwa in Patty Jenkins Neuinterpretation von „Wonderwoman“. Der Erste Weltkrieg, er ist es wert, dass man sich mit den Hintergründen und Auswirkungen dieses einschneidenden Ergebnisses befasst.

Wenn diese kleine Zusammenstellung hier einfach einen eigenen Zugang oder einen neuen Blick erlaubt, dann wäre ihre Aufgabe schon geschafft und ich würde mich freuen. Denn um mit den Worten von Wilhelm von Humboldt zu enden:

Nur wer seine Vergangenheit kennt, der hat eine Zukunft.

Ian McGuire – Nordwasser

Bei Ian McGuire wird es in Nordwasser im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig. Ein dunkler, ein derber und ein brutal guter Thriller rund um eine Expedition ins gefährliche Nordwasser.

Dabei fokussiert sich Ian McGuire in seinem Roman auf zwei gegensätzliche Charaktere, die sein Buch tragen. Da ist zum Einen der Harpunier Drax, ein Mann ohne Moral oder Gewissen. Seinen Gegenpart bildet der irische Arzt Sumner, der aus Verlegenheit als Schiffsarzt zur Nordwasser-Expedition dazustößt. Er trägt besonders an einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit, das mit der Besatzungszeit durch das englische Empire in Delhi zusammenhängt.

Vom Nordwasser zum Mordwasser

Geheimnisse, brutale Draufgänger, das Schiff als begrenzte Bühne, auf der die Charaktere aueinanderprallen. Schon in der Anlage ist Nordwasser sehr stark und verspricht einiges an Spannung, was das Buch dann auch tatsächlich einzulösen vermag.

Geschickt schafft es Ian McGuire, die brodelnde Atmosphäre auf dem Schiff in Worte zu fassen. Unter Leitung von Kapitän Brownlee wird das Nordwasser nämlich schnell zum Mordwasser (ein Kalauer pro Rezension sei mir erlaubt …). Nicht nur Robben und Wale werden nämlich von den Männern des Profits wegen abgeschlachtet. Auch bald findet sich die Leiche eines Schiffsjungen an Bord. Sumner beginnt nachzuforschen, wer den brutalen Mord an dem Jungen begangen hat.

So reichert der britische Schriftsteller seine dichten Schilderungen des Lebens an Bord und der Waljagd zusätzlich noch mit einem Whodunnit-Krimiplot an. Gerät ihm die Einführung seiner Figur Drax für meinen Geschmack zu plakativ, so findet McGuire schon bald in besseres Fahrwasser und entwickelt kontinuierlich seinen Plot und seine Figuren mit ihren Abgründen. Dabei funktioniert Nordwasser auch besonders über die Körperlichkeit.

Das Gegenteil von Sauber

Ian McGuire pflegt in Nordwasser keine klinisch-reines Grundattitüde, um es vorsichtig auszudrücken. Der Leser wird mit Unmengen von Blut, erschlagene Tiere, Scheiße, heimtückischen Morden, Ausschlag und diversen körperlichen Versehrungen konfrontiert. Nordwasser ist Survival of the fittest in Reinform.

Zartbesaitete Leser mögen sich mit Grausen abwenden oder argumentieren, dass alles ja so schmutzig und unappetitlich sei. Ich möchte dem entgegenhalten, dass diese Erzählung allerdings nur so funktionieren kann und muss. Der von McGuire so gebaute Erzählrahmen folgt dem Gesetz der Authentizität und bedarf genau deshalb dieser Schmutzigkeit auf allen Ebenen. Kategorien wie Sauberkeit oder ästhetische Schönheit in puncto Handlung und Plot sind bei diesem Thema fehl am Platz – diese bei Nordwasser einzufordern wäre lächerlich und deplaziert. Stattdessen macht dieser Thriller wieder sinnlich erfahrbar, wie es damals an Bord eines Walfängers und im Eis der Antarktis gewesen sein muss.

Dieses Aufrufen der Bilder und die geradezu atemlose Handlung, die in ihren Bann zieht – das ist großartig gelungen. Das Buch steht für mich in einer Reihe der großen Abenteuerliteratur. Die deutlichsten Brüder im Geiste sind Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad oder (natürlich) Moby Dick von Herman Melville. Aber auch die Erinnerungen Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle standen mir beim Lesen deutlich vor Augen. Auch die Jury des Booker-Preises sah das so. Sie nominierte 2016 das Buch für den Preis.

Ein Lob sei an dieser Stelle auch an den Übersetzer Joachim Körber ausgesprochen. Ihm gelingt es, die derbe Sprache, das nautische Vokabular und die großen szenischen Bilder, die McGuire entwirft, gut ins Deutsche zu übertragen, ohne dass viel vom Sound verlorengeht. Sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, die der Übersetzer aber sehr gut gemeistert hat.

Nordwasser ist ein waschechter Abenteuerroman, eine hochspannende Jagd nach Walen und letztendlich auch nach Erlösung, sowie das Duell zweier ungleicher Männer. Nordwasser ist wunderbar altmodisch und zugleich hochaktuell. Ian McGuire ist damit ein echtes Kunststück gelungen!

Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

Verlagsvorstellung | Verlag das kulturelle Gedächtnis

Bei meinem Besuch der Frankfurter Buchmesse verbrachte ich viel Zeit in der Halle 4.1. Neben den an den Katzentisch verbannten rechten Verlagen, Big Playern wie Suhrkamp oder Dumont  waren in dieser Halle auch die kleinen, unabhängigen Verlagen – auch Indie-Verlage genannt, beheimatet.

Eine echte Entdeckung förderte mein Besuch am Stand E40 in der Halle zutage. Dort waren nämlich die Bücher des Verlags Das kulturelle Gedächtnis ausgestellt. Schande über mich – aber bislang kannte ich diesen Verlag überhaupt nicht.

Grund genug, mit den Machern des Verlags ein Gespräch über ihre Arbeit, die verlegten Bücher und noch vieles mehr zu führen. Tobias Roth stand mir Rede und Antwort. Viel Spaß mit dem Gespräch!


Erzählt doch mal für alle die euch nicht kennen- was ist der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“?

Wir sind ein neuer, unabhängiger Verlag aus vier Kuratoren oder Gesellschaftern, wir machen gemeinsam Bücher, die wir nötig finden. Die Grundidee ist einfach, aber nicht ohne: alte Texte aus dem Gedächtnis schöpfen, die heute für uns brauchbar sind, die Themen berühren und behandeln, die uns heute auch umtreiben. Wir sind alle in der Buchbranche tätig, verschiedentlich, und im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis auch insofern unabhängig, als wir uns keine Honorare zahlen, möglichst wenige Kosten verursachen und unsere Arbeit offen halten für spontane Teilhabe; Gewinne bleiben im Verlag, ein Programm (nie mehr als vier Titel) soll das nächste tragen. Da diese Idee natürlich in der Bücherliebe wurzelt, bemühen wir uns zudem um die Schönheit unserer Titel. Der Verlag ist in diesem Sinne eine Machenschaft der Begeisterung und Liebe, die professionell geführt wird, und von gebündelter Erfahrung zehren kann.

Gab es ein auslösendes Moment oder eine bestimmte Fragestellung, die zur Verlagsgründung geführt hat?

Der Verlag ist buchstäblich am Küchentisch entstanden, und wenn man so will, spielt er sich auch nach wie vor an einem Küchentisch ab. Geselligkeit ist ein wichtiger Teil unsrer Vorgehensweise, auch unseres Zugriffs auf die Vergangenheit, wie ich finde. Es denkt sich schöner, wenn man gemeinsam denkt.

Nun befindet ihr euch auf der Auswahlliste für den neugegründeten Berliner Verlagspreis. Was bedeutet euch diese Nominierung?

Das war eine unglaublich freudvolle Überraschung! Es bedeutet uns sehr viel, dass der Zuspruch, den diese Nominierung darstellt, uns so prompt zuteil wird und unsere Arbeit bemerkt wird. Ich war total baff, als mich die Nachricht erreichte. Es ist wundervoll.

Wie findet ihr eure Bücher und Themen? Oder finden die Bücher am Ende euch?

Das kann ich kaum unterscheiden. Wir sind alle große Kreuzundquerleser, wir stehen mit Lesern im Austausch, und alle Vorschläge werden auf den Küchentisch geworfen und gemeinsam diskutiert, erkundet, befragt. Manchmal sucht man vom Thema her, manchmal ist der Titel da und offenbart im Gespräch sein Thema, seinen Blickwinkel auf das Heute. Und es ist ja das Wesen der Entdeckungsreise, dass man sich keinen Plan machen kann. Nach Kräften versuchen wir durchaus auch festzustellen, ob eine bestimmte Buchidee nur uns begeistert oder auch andere Leser begeistern kann.

Aktuelle Projekte des Verlags

Was ist euer aktuelles Projekt?

Gerade ist unser Herbstprogamm zur Frankfurter Messe erschienen, Günter Birkenfelds Roman Wolke, Orkan und Staub (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/birkenfeld/) und John Keats Versroman Endymion in der Erstübersetzung von Mirko Bonné (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/keats/). Etwas vor der Messe ist bereit die Menu-Sammlung Wohl bekam’s erschienen, die Moritz Rauchhaus und ich zusammengetragen und herausgegeben haben (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/wohlbekams/). Es ist eine Sammlung von einhundert Menus aus der Geschichte, vom Mittelalter bis in den Sommer 2018, die Speisefolgen, die zu bestimmten Anlässen verspeist wurden. Also keine Rezepte. Zu diesen hundert Menus haben wir hundert kleine Essays geschrieben, damit das Buch (ein uraltes, aber immer noch anspruchsvolles Ziel) zugleich unterhält und belehrt.

Was kann uns so ein Buch mit Menus über vergangene Zeiten erzählen?

Das Tolle ist, dass eine Menufolge, die in der Tat serviert worden ist, der Phantasie keine Grenzen setzt. Nicht nur kann man sich sofort ausmalen, wie es ausgesehen oder geschmeckt haben könnte, sondern auch, was da für Leute am Tisch sitzen, was für Leute währenddessen in der Küche arbeiten. Welche Temperatur herrscht in der Küche und wie weit spannen die Zulieferbetriebe für Nahrungsmittel ihre Fäden über den Globus? Es geht sofort los, man ist mitten in der Welt. Das Gute daran aber ist die Tatsache des Essens: wie weit die Phantasie auch mit uns durchgeht, so bleibt doch die Realität auf den Tellern. So ein historisches Menu ist zwar nur ein Detail der Geschichte – aber es ist die Geschichte dessen, was tatsächlich passiert ist. Essen hat einfach mit allem zu tun; die Weisheit „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, wird von unserem Buch gespiegelt: Wer schon einmal etwas gegessen hat, kann im Grunde etwas damit anfangen. Dazu kommt noch, dass die Fragen der Ernährung und der Nahrungsmittelindustrie Dinge sind, denen wir heute besondere Aufmerksamkeit zollen müssen.

Ich stelle mir die Vorarbeiten zu dem Buch sehr umfangreich vor. Gab es Schwierigkeiten oder Besonderheiten, die euch bei der Zusmmenstellung begegnet sind?

Die Recherche war natürlich sehr arbeitsintensiv. Wir sind durch Archive und Menukartensammlungen, durch alte Kochbücher und Zeitschriften, durch Memoiren und Briefwechsel, durch überwältigend spezialisierte Blogs. Das allermeiste musste erst transkribiert und dann übersetzt werden. Das Schwere war also auch das Schöne: so ein Buch gab es bisher in Deutschland nicht, es war eine ziemliche Pionierarbeit. Die größte Schwierigkeit aber bestand darin, Menus zu finden, die all unseren Kriterien entsprechen: ein relevantes Ereignis, also auch ein genaues Datum, ein genauer Ort, und eine restlos vollständige Speisenfolge. Wir haben lang gesucht, bis alles gepasst hat.

Bei „Wohl bekam’s“ fällt es direkt ins Auge. Daher meine Frage – wie wichtig ist euch das Aussehen und der bibliophile Charakter eurer Bücher?

Die Gestaltung unserer Bücher ist uns sehr wichtig, und zum Glück haben wir grandiose Gestalter an unserer Seite: nämlich 2xGoldstein, die in der Nähe von Karlsruhe sitzen, und das Studio stg in Berlin. Sie haben gemeinsam das Erscheinungsbild unsrer Bücher gestaltet und damit das Erscheinungsbild des gesamten Verlages. Einerseits kommen da traditionelle Elemente ins Spiel: der Kopffarbschnitt, die dezente Prägung für ein Verlagssignet, kein Schutzumschlag. Andrerseits ist die Aufmachung nicht nur modern und frisch im Allgemeinen, sondern auch im wahrsten Sinne fresh. Diese Kombination ist entscheidend, ist sprechend. „Wohl bekam’s“ und unsere Auswahl aus dem Grimmschen Wörterbuch (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/grimm/), die beide von 2xGoldstein sind, sind unsere bisher opulentesten Titel, zweifarbig gedruckt, „Wohl bekam’s“ zudem durchzogen von Icons und Illustrationen, weit über 700 Stück. Voltaires Theaterstück Der Fanatismus oder Mohammed (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/fanatismus/), das 2017 in unserem allerersten Programm erschienen ist, wurde prompt von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.

Teilhabe als Verlagsmerkmal

Nun haben es die Indie-Verlage im Wettbewerb gegen die Big Player mit ihren Werbeetats und Reichweiten natürlich immer ein bisschen schwerer. Wie kann man euch unterstützen?

In erster Linie kann man uns so unterstützen wie man jeden Verlag unterstützen kann: indem man unsere Bücher kauft und liest. Aber beim Kulturellen Gedächtnis geht es noch weiter, wir möchten ganz unmittelbar zur Teilhabe aufrufen; dazu kann ich auch auf unsere Homepage verweisen (http://daskulturellegedaechtnis.de/teilhabe/). Wir haben eine ganze Reihe von Komplizen, die uns helfen: Schauspieler, die für uns lesen oder etwas einsprechen, Korrekturleser und natürlich auch Ideengeber, die ihre Lesefrüchte teilen. Aber selbstverständlich kann man uns auch ganz einfach mit Geld unterstützen und ein stiller Teilhaber des Verlages werden.

Was sind künftige Projekte, die ihr in der Pipeline habt?

Der Herbst wird nun noch einen Schnellschuss bringen, eine Auswahl aus den Werken des Erasmus von Rotterdam, die wir aus gegebenem Anlass über den Sommer machen mussten (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/erasmus/). Das Büchlein im kleinen, handlichen Format wird am 5. November erscheinen. Erasmus hat ja die Ehre, dass sich die parteinahe Stiftung der AfD nach ihm benannt hat, und da sein Name so viel berühmter ist als seine Inhalte, haben wir eine kleine Auswahl gebastelt, in der man auf kleinstem Raum sehen kann, wie Erasmus für Menschlichkeit, Großzügigkeit, Frieden und Duldsamkeit eingetreten ist. Vor dem Hintergrund dieser Werte, die Erasmus vertritt, begrüßen wir natürlich die Namenswahl der AfD und hoffen, dass nun Erasmus umso fleißiger gelesen wird. Das nächste Großprojekt, das ansteht, ist eine Anthologie von Egon Erwin Kisch, die im Januar erscheinen wird. Sie trägt den programmatischen Titel „Klassischer Journalismus“ (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/kisch/). Kisch versammelt darin, nach den Gattungen der Zeitung geordnet, exemplarische Artikel. Er setzte einen Standard. Herausgegeben wird das Buch von Heribert Prantl, der die Auswahl einerseits kürzen und andererseits bis in unsere Gegenwart fortsetzen wird. Das ist so ein Fall: Gedanken der Vergangenheit entdecken, vermitteln, neu nutzbar machen. Wir hoffen, dass sich die Dringlichkeit solcher Operationen bezüglich des Themas Journalismus von selbst erklärt.

Das ist natürlich immer zu hoffen! Ich bedanke mich ganz herzlich bei Tobias Roth vom Verlag Das kulturelle Gedächtnis für unser Interview!

Olivier Rolin – Baikal-Amur

Ein Reisebericht

Tief in den Osten verschlägt es den französischen Autor Olivier Rolin in Baikal-Amur (Übersetzung aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller). In seinem Reisebericht erzählt er von der Reise auf der BAM, der sogenannten Baikal-Amur-Magistrale. Eine Reportage mit Schwächen, die zeigt, was dabei herauskommen kann, wenn man alte französische Männer in den Zug setzt …

Die Baikal-Amur-Magistrale

Die Zahlen der Baikal-Amur-Magistrale sind absolut beeindruckend. Die Bahnstrecke umfasst 4.287 Kilometer Schienenweg und durchmisst drei Zeitzonen. Seit 1989 ist die Strecke befahrbar, die im Westen in der Stadt Taischet beginnt und erst am Pazifischen Ozean endet.

Tausende Brücken, Bahnstationen und Tunnel liegen auf dem Weg, wovon Olivier Rolin erzählt. Diese Bahnstrecke forderte zahllose Tote, denn tausende Zwangsarbeiter aus den GULAGS wurden für die Bauarbeiten herangezogen. Vom (nichtvorhandenen) Andenken an diese Menschen berichtet der Franzose genauso, wie er im Buch sich an einer gesamten Beschreibung Russlands im Umbruch versucht.

Immer wieder kommt er mit Menschen ins Gespräch, die den alten Zeiten des Kommunismus und der Perestroika hinterhertrauern. Die tiefe Zerissenheit kann auch die landdurchmessende Bahnstrecke nicht heilen, wie Rolin schildert.

Seine Eindrücke und Skizzen entlang der Bahnstrecke werden von der Baikal-Amur-Magistrale als Leitmotiv zusammengehalten. Ansonsten berichtet Rolin oftmals assoziativ und ohne wirklich stringente Idee hinter seiner Momentensammlung. Mal sitzt er wie ein alternder Dandy im Restaurant und beobachtet die tanzenden Russen, mal durchstreift er Hotels mit klassischer Ostblock-Einrichtung.

Als pointierte Suche nach der russischen Seele kann man dieses Buch durchaus lesen. Ein Punkt, dem ich dem Autor aber nicht durchgehen lassen kann, und der mich immer wieder aufs Neue irritierte, ist das Menschenbild Rolins, insbesondere auf das weibliche Geschlecht bezogen.

Defizite in puncto Stil

Von einer Reisereportage erwarte ich eigentlich offene Augen und Ohren, unvoreingenommene Sinne, die mir nuanciert und nachvollziehbar die Geschehnisse und Begegnungen vor Ort plastisch schildern. In Baikal-Amur stolperte ich aber allenthalben über Stellen wie diese, in denen er seine Begegnungen festhält.

Es ist nachts um halb drei und die Hotelkraft an der Rezeption nimmt meinen Pass mit versteinerten Gesichtszügen (die zugleich speckig sind wie Schweineschmalz) sehr genau unter die Lupe.

Rolin, Olivier: Baikal-Amur, S. 22.

Mal kann im nicht einmal ein „recht hübsche asiatische Bedienung“ das Lokal erträglicher machen (S. 31), mal kann er erfreut feststellen, dass „die Bedienung freundlich und hübsch ist, mit einem prächtigen blonden Zopf und einer Stupsnase „á la russe““ (S. 72). Diese ganzen Beschreibungen lediglicher Äußerlichkeiten fand ich insgesamt gesehen zu platt und von einem unangenehmen Altherren-Sound durchzogen.

Aber auch die Männer erwischt Rolins ärmliches Beschreibungstalent:

Wieder im Zug. Um fünf Uhr früh werde ich von einem Mitfahrer auf dem Liegeplatz gegenüber geweckt, einer Art Jungbulle, vor Kraft strotzend, dicke Schenkel, dicke Arme, kurzärmliges Hemd, das breite Gesicht vom Bildschirm seine Tablets beleuchtet. 

Rolin, Olivier: Baikal-Amur, S. 117)

Das ist genauso einfach wie stilistisch arm (dicke Schenkel, dicke Arme, breites Gesicht – mir hätte der Lehrer früher so etwas aus dem Text gestrichen, aber gut, ich bin nun auch kein Reisereporter. Da sieht die Sache wohl etwas anders aus). Da helfen auch die wie mit einem Salzstreuer in Unmengen über den knappen Text gestreuten Zitate von Borges, Schalamov, Baudelaire oder Tschechow nicht viel.

Eher für Eisenbahn-Fans denn für Sprachästheten

Diese stilistischen Mängel mindern leider den Gesamteindruck des Buches erheblich, das ansonsten eine kluge Auseinandersetzung mit der zerrissenen Seele Russlands hätte sein können. Doch aufgrund der Kürze des Textes (nur 186 Seiten) für ein so umfassendes Thema und dem flaneurhaften Charakter des Buchs blieben bei mir die großen Erkenntnisse aus.

Ein Buch, das man schnell weglesen kann und das nicht dümmer macht. Recht viel klüger hat es mich auch nicht gemacht, aber Eisenbahn-Fans dürften sicher auf ihre Kosten kommen. Zudem ist das Büchlein wirklich schön gestaltet. Die Defizite im Inneren kann das allerdings für mein Empfinden nur unvollkommen kompensieren.