Tag „Social Network“

Von Ascari vom Leseratz-Buchblog wurde ich für eine tolle Aktion namens „Social Network Tag“ nominiert. Die Idee dahinter: Mit verschiedenen Social-Media-Plattformen verknüpft stellt man jeweils ein Buch vor, das die passende Voraussetzungen erfüllt:

Große Bücher müssen nicht unbedingt dick sein, davon bin ich zutiefst überzeugt. Bestes Beispiel ist der Titel „Der Trafikant“ von Robert Seethaler. Mehr aus Zufall von mir aus dem Programm von Kein&Aber angefordert war ich schon nach der ersten Seite in der komprimierten Schreibe des Österreichers drinnen. Dieses Buch enthält alles, was das Leben ausmacht und beleuchtet dabei sogar zwei höchst schwierige Zeiten: Zum Einen die Zeit des Erwachsenwerdens und zum Anderen die Zeit des Austrofaschismus.

Franz Huchel, so der Name des Helds, muss erkennen, dass mit dem Erwachsenwerden die Welt zwar unglaubliche Chancen bereithält, aber auch alles sehr viel komplizierter wird.
Unglaublich gut geschildert zeigt das Buch einen Weg für Widerstandskampf gegen Dinge auf, die nicht richtig erscheinen. Sigmund Freud tritt auf, eine erste Liebe kreuzt Franz‘ Lebensweg und nach ein bisschen mehr als 250 Seiten ist die Geschichte schon am Ende. Eine wahre Preziose!

Ich glaube ich wurde auf der Krimi-Couch zu diesem Buch inspiriert. Ein perfekter Sommerkrimi wurde mir versprochen – und genau das habe ich auch erhalten. Immer noch meine Empfehlung Nr. 1 wenn es um Sommer, Surfen, Krimi und ein fantastisches Buch geht. Die Geschichte von Boone Daniels, dem surfenden Detektiv-Dude, der die Wellen vor Kalifornien unsicher macht, ist einfach unvergleichlich lässig und lässt den Sommer auch in kälteren Jahreszeiten im Kopf entstehen.

Der Fall, den Boone in seinem ersten Einsatz klären muss, dreht sich um Menschenschmuggel im kalifornisch-mexikanischen Grenzland und fordert ihm große Zugeständnisse ab. Dabei will er doch nur einfach die gigantischen Wellen reiten, die sich Kalifornien nähern.
Einziger Wermutstropfen ist für mich, dass nach dem zweiten Boone-Daniels-Roman Pacific Paradise Schluss war und Don Winslow bislang noch keinen neuen Titel diesen coolen Detektivs nachgeschoben hat.

Generell finde ich das deutsche Buchdesign im Vergleich zu unseren Nachbarländern (z.B. der anglophone Bereich) sehr gelungen. Auch die Reihen von Verlagen finde ich ästhetisch sehr ansprechend, allen voran den Diogenes-Verlag (ja ich weiß, hier kann man geteilter Meinung sein. Mir gefällt die einheitliche Optik nicht nur im Regal ausnehmend gut).

Besondere Cover habe ich sehr viele im Regal – auf die Schnelle kommt mir gerade „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ in den Sinn. Dieses Cover aus dem Suhrkamp-Verlag veredelt den Pulitzer-Preis-gekrönten Inhalt des Buches.
Die asiatisch anmutendene Aufmachung des Buches entführt zusammen mit dem Scherenschnitt des Fischtrawlers gekonnt nach Nordkorea, wo dieses Buch spielt. Proportionen, Farbgebung und Schrift passen in diesem Fall perfekt zusammen, wie ich finde. In meinen Augen ein wirklich wunderschönes Cover!

Ich habe es vor ein paar Tagen in meinem Verriss schon geschrieben, aber „Ein Bulle im Zug“ von Franz Dobler war für mich wirklich nur ärgerlich. Wofür dieses Buch den Deutschen Krimipreis erhalten hat, vermag ich nicht zu sagen. Ich wünschte ich hätte die Entschlusskraft gehabt, dieses Buch abzubrechen. So reiht sich der Bulle im Zug ein in eine gottseidank kurze Liste von grottigen Titeln, die ich mir wirklich nicht noch einmal geben muss!

  

Charaktere aus einem Buch, mit denen ich mich gerne unterhalten würde? Eine schwierige Frage, bin ich doch meistens froh dass ich den Figuren nicht im täglichen Leben begegnen muss, mit denen ich in Büchern beschäftige. Zudem sind viele der Personen, die die Bücher bevölkern ärgerlich unterkomplex gestaltet. Tiefe und Widersprüchlichkeit findet sich eher selten in einem Buch, weshalb ich diese umso mehr schätze, die faszinierende Figuren aufbieten. An William Stoner, dem titelgebenden Protagonisten, der vom Bauernsohn bis zum Universitätsprofessor aufsteigt, fasziniert mich seine Duldsamkeit und seine Bescheidenheit. Mit ihm würde ich gerne einen Abend an einer alten amerikanischen Bar verbringen und mit ihm über das Leben reden.
Schließlich ist eine Frage, die sich William Stoner im Buch stellt eine zentrale: „Was hast du vom Leben erwartet?“

Der silberne Sinn“ von Ralf Isau ist solch ein Buch. Gelesen habe ich es das erste Mal im Alter von 14 Jahren und dann noch einmal 2 Jahre später. Ralf Isau war schon immer einer meiner Lieblingsautoren, doch mit diesem Buch hat er es geschafft meine Faszination noch einmal zu steigern. Das Buch richtet sich zwar eher an ein erwachsenen Publikum, aber schon damals hat das Buch einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Wie Isau in diesem Buch die Themen des Jonestown-Massakers, Empathie, den Reichstagsbrand und eine Expedition in den Dschungel von Französisch-Guyana miteinander verknüpft, obwohl die Themen eigentlich nicht zusammenpassen, das ist meisterlich.
Er erzählt von einer jungen Anthropologin, die im Auftrag ihres Dekans in den Dschungel von Französisch-Guyana aufbricht, um dort das Geheimnis der Weißen Götter zu erforschen – legendärer Ureinwohner Amerikas, die in der Lage sein sollen, Gedanken zu lesen.
Leider kam in den letzten Jahren nichts wirklich Bemerkenswertes im Stil dieses Romans oder im Stil der „Galerie der Lügen“. Sehr schade, da mich diese Bücher wirklich nachhaltig beeindruckt haben. Ich sollte sie wohl wieder einmal lesen, wenn sich Zeit fände.
Empfehlenswert sind seine Bücher aber auf jeden Fall, auch wenn „Der silberne Sinn“ schon über zehn Jahre auf dem Buckel hat.




Diese Frage lässt sich von mir kurz und bündig beantworten – ein solches Buch gibt es nicht. Klar bin ich immer wieder auf Buchverfilmungen gespannt, ans Kopfkino kommen diese meistens jedoch eh nicht heran. Deshalb klammer ich diese Frage aus!

So, nun aber zu meinen Nominierungen (der natürlich nur bei Zeit und Lust nachzukommen ist):

Nellys Leseecke

Books’n’Stories

Kaliber 17

Lyndsay Faye – Die Entführung der Delia Wright

Der Polizist von New York

Nachdem in Der Teufel von New York seine Bar in die Luft geflogen ist, Timothy Anstellung bei der neugegründeten New Yorker Polizei gefunden und ein spektakuläres Verbrechen aufgeklärt hat, ist einer der ersten Polizisten New Yorks nun zurück und stürzt sich mit „Die Entführung der Delia Wright“ Hals über Kopf in seinen zweiten Fall.

Von Abolitionisten und Sklaventreibern

Die Polizeibehörde ist erst ein Jahr gegründet und schon warten schwierige Aufgaben auf die Männer, die Verbrechen aufklären und die Bevölkerung beschützen sollen. Timothy hat sich das Vertrauen seines Chefs durch eine gute Aufklärungsquote erarbeitet und wird folglich bei kniffeligen Fällen eingesetzt.
Der Hauptfall, den Timothy dem Leser aus der Ich-Perspektive schildert, ist die titelgebende Entführung der Delia Wright.
Ihre Mutter bemerkt das
Doch mit der Aufklärung der Entführung von Delia und ihrem Sohn sticht Timothy in ein Wespennest, das ihn und seinen Bruder Val in einen ganzen Strudel aus Verbrechen und Ränken stürzt.
Timothy muss feststellen, dass der Kampf der Südstaaten gegen den Norden auch vor der farbigen Bevölkerung New Yorks keinen Halt macht. Sklavenjäger machen unverhohlen Jagd auf alle ehrbaren farbigen Mitbewohner und verdienen ein gutes Geld daran, unbescholtene Menschen in den Süden zu entführen und einen Reibach mit ihrem Schicksal zu machen.
Als er wider diese Praxis Partei ergreift wird der Polizist als Abolitionist gebrandmarkt und bekommt den Gegenwind von Kollegen und der Politik zu spüren. Im Polizeiapparat ist sein Name nicht wohlgelitten und Timothys Schicksal steht auf Messers Schneide. Und zu allem Überfluss ruhen auch die Widersacher aus dem Vorgängerband nicht und bringen Timothy und seine Freunde mehrmals in die Bredouille

Ein Duo infernale

Lyndsay Faye (c) Gabriel Lehner

Lyndsay Faye (c) Gabriel Lehner

Ich schrieb es schon in meiner Besprechung des ersten Bandes um Timothy Wilde – die Dynamiken die Lyndsay Faye in ihrer Reihe zwischen Timothy und seinem großen Bruder Val entfesselt, erinnern nicht von ungefähr an die Gebrüder Sherlock und Mycroft Holmes. Wo Timothy oftmals mit seiner undiplomatischen und direkten Art gegen Wände rennt, zieht Valentin im Hintergrund die Strippen. Mit seinem promiskuitiven, spitzzüngigen und allen Wassern gewaschenen Bruder hat die amerikansiche Autorin zwei Charakterköpfe geschaffen, die sich im Gedächtnis des Lesers verankern.

Wie sich diese zwei gegensätzlichen Brüder durch New York ermitteln und ihren Spuren folgen macht einfach Spaß zu lesen. Denn bei allem Ernst und aller Schwere des Themas würzt Lyndsay Faye ihre Erzählung immer mit einem guten Schuss Humor, der nicht deplaziert wirkt.
Insgesamt ist Die Entführung der Delia Wright ein komplexer Kriminalfall, der ganz unterschiedliche Handlungsstränge miteinander verknüpft, trotzdem aber immer spannend bleibt und mit neuen Wendungen zu überzeugen weiß. Das Thema der nordamerikanischen Sklavenjäger, das dem Titel zugrunde liegt, habe ich so noch nicht in vielen Büchern gelesen. Hier erhält man erhellende Einblicke in ein dunkles amerikanisches Kapitel.
Der neue Fall für Timothy ist seinem ersten Einsatz mindestens ebenbürtig und schafft es gekonnt, Historie mit Spannung zu verquicken.
Zu loben ist auch die Übertragung ins Deutsche durch Peter Knecht, der den ironisch-treibenden Duktus von Timothys Schilderungen gut ins Deutsche rettet. Auch gelingt es ihm die im Buch teilweise verwendete Gangsterspache Flash adäquat im Deutschen wiederzugeben.
So bleibt der Lesespaß erhalten – und wer mit den im Buch eingestreuten Flash-Floskeln nichts anfangen kann, der wird Glossar des Buches, das sich im Anhang befindet, fündig.
An dieser Stelle gibt es noch mehr Infos über das Buch und seine Autorin.
NorthupWeitergehende Medientipps seien an dieser Stelle noch zwei genannt: Zum Einen das im Buch auch mehrmals zitierte Buch 12 years a slave, das auch unter der Regie von Alexander McQueen zu einem Erfolg und mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Dieses Buch ist ein Bericht von Solomon Northup, der ähnlich wie Delia im Buch von Sklavenhändlern verschleppt und im amerikanischen Süden in die Sklaverei gezwungen wurde.
RipperstreetZum Anderen sei an dieser Stelle auch noch auf die famose BBC-Serie Ripper Street hingewiesen, die zwar 40 Jahre nach „Die Entführung der Delia Wright“ und in England spielt, dennoch aber auch die Atmosphäre der Bücher von Lyndsay Faye verströmt. Intrigante Bordellbesitzerinnen, Polizisten, die nicht immer fair spielen und gedungene Mörder in schäbiger Umgebung. Die Ähnlichkeiten zwischen Serie und Büchern ist immens – zur weitergehenden Beschäftigung empfohlen!

 

Andrew Brown – Trost

Aufstand in Kapstadt

Mit „Trost“ lag mir das erste Buch von Andrew Brown zur Rezension vor. Ein weiterer Krimi aus Südafrika, einem Land das eine boomende Krimiszene beherbergt. Autoren wie Roger Smith, Malla Nunn, Margie Orford oder Deon Meyer sind Autoren (letztere mit besonderem Bezug zu „Trost“, siehe unten) und Aushängeschilder einer höchst lebendigen Krimiszene. Und tatsächlich eignet sich Südafrika mit seinen Ethnien, historischen Spannungen und Problematiken so gut wie kaum ein anderes Land, um mithilfe des literarischen Spannungsromans die Verwerfungslinien des Staates zu ergründen. Andrew Brown beschert seinem Inspector Eberard Februarie einen zweiten Einsatz, nachdem dieser auf Deutsch schon in Schlaf ein, mein Kind ermitteln durfte.

Ein Mord in der Synagoge

Trost - Andrew Brown

Trost – Andrew Brown

Angesiedelt in einer nahen Zukunft, in der Spannungen zwischen Israel und Palästina eskalierte und diverse ethnische Verwerfungen die Nachrichten dominieren, fällt dem angeschlagenen Inspector Februarie ein Fall in die Hände, an dem er sich die selbigen nur verbrennen kann.

In einer Synagoge in Kapstadt wurde ein Junge in muslimischer Gebetskleidung geopfert und rituell aufgebahrt. Schnell bekommen die religiösen Scharfmacher auf beiden Seiten die Neuigkeiten spitz und die Lage droht zu eskalieren. Während sich die Situation auf der Straße zwischen Juden und Muslimen immer weiter zuspitzt, muss Februarie nachbohren, wer der geopferte Junge war. Wer hat Interesse an diesem öffentlichkeitswirksamen Mord und wer zieht im Hintergrund die Fäden? Dass er privat auch zahlreiche Probleme bewältigen muss, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.
Er stürzt sich verkatert in seine Recherchen und muss feststellen, dass die Spuren ganz nach oben in den Machtapparat weisen.

Ein solides Stück Krimikunst

Der Tafelberg in Südafrika [(c) Martin Reilly]
Hinter dem nichtssagenden Titel „Trost“ verbirgt sich ein solides Stück Krimikunst, das in klassischer Tradition einen Ermittler zeigt, der seinem Instinkt nachfolgt, egal welche Konsequenzen ihm dies auch einbringt. Geschickt verknüpft Brown immer wieder Skizzen des Aufstandes zwischen den verschiedenen Ethnien mit Februaries Fall und bringt am Ende sogar noch überraschende Aspekte in seine Erzählung ein.
Für zwei Cameo-Auftritte von anderen südafrikanischen Ermittlern hat Andrew Brown auch noch Platz gefunden. Die Ermittler Benny Griessel (Deon Meyer) und Riedwaan Faizal (Margie Orford) kreuzen auch die Wege von Eberard Februarie und tauschen einige Worte mit dem Inspector. Eine nette Idee, wie ich finde.
Insgesamt ist „Trost“ ein wirklich gut lesbarer und spannender Roman geworden, der sich im Spannungsfeld von Religion, Macht und Fundamentalismus bewegt.
Wer nun neugierig geworden ist, der kann hier noch gerne etwas in das Buch hineinschmökern:

Franz Dobler – Ein Bulle im Zug

Ein einziges Ärgernis

Was hätte es für ein spannender Roman werden können – ein Bulle sitzt in einem ICE, rast durch Deutschland, lernt spannende Menschen kennen und löst nebenbei noch ein kriminalistisches Puzzle und klärt für sich, warum er einen Jungen erschossen hat. Dazu noch das lesegenussversprechende Signet „Deutscher Krimipreis 2015“ – und der Boden für ein wahres Highlight war bestellt.

Der Boden mochte bestellt sein, doch der Ertrag in diesem Falle blieb leider aus. „Ein Bulle im Zug“ gleicht einem Zug der Deutschen Bahn, der nie pünktlich kommt, sämtliche Haltestellen verpasst und dann auch noch in der falschen Stadt ankommt – bei diesem Roman (ob hier wirklich von einem Krimi zu sprechen ist, möchte ich später im Text noch erörtern) passt leider nichts.

Die Handlung des Buchs, die sich der Leser selbst zusammenklauben muss, ist schnell erzählt:

Bei einer Razzia erschoss Robert Fallner einen jungen Gangster namens Maarouf. Die Waffe, die Fallner gesehen haben wollte, tauchte nicht auf und so wurde er vom Dienst suspendiert. Um seine Dämonen aus seinem Kopf zu vertreiben, beschließt er auf Anraten seiner Freundin Jacqueline einen alten Traum zu verwirklichen – mit einer Bahncard 100 quer durch Deutschland. Doch seine Dämonen lassen ihn nicht los und so begleitet Fallner der erschossene Junge auf seiner Reise.

Diskrepanz zwischen Klappentext und Text

Liest sich der Plot in der Theorie und auf dem Klappentext durchaus vielversprechend, so ernüchterte ich beim Lesen nach den ersten Dutzend Seiten dann schlagartig. Selten kam mir in letzter Zeit ein Buch unter, das ich so oft abbrechen wollte, wie „Ein Bulle im Zug“ (oder bei dem ich so oft die Notbremse ziehen wollte, um im Bild zu bleiben).

Franz Dobler - Ein Bulle im Zug (Cover)

Das Buch ist gleicht einem Stream of Consciousness, also einem Bewusstseinsstrom, bei dem sich der Protagonist ungefiltert treiben lassen kann und seine Eindrücke an den Leser weitergibt.

Dem Buch mangelt es an Struktur, luzide durchlebt Fallner ein Auf und Ab im Zug, Erinnerungsfetzen vermischen sich mit Fantasien, Spekulationen und Halluzinationen.

Das wäre alles noch irgendwie zu ertragen, wenn es nicht in solch einer flachen und dermaßen vulgären Sprache geschildert wäre, dass mein ästhetisches Empfinden manchmal schon arg strapaziert wurde. Natürlich muss ein Krimi auch einmal dahin gehen wo es weh tut – auch derbe Noir Romane eines Ken Bruen oder eines Ray Banks haben für mich einen großen Reiz. Doch Dobler gelingt es nicht mit seiner Sprache eine tiefere Botschaft zu evozieren. Stattdessen schimpft und flucht sich Fallner quer durch Deutschland und gleicht des Öfteren eines Tourette-Patienten auf Reisen.

Wirklich ein Krimi?

Auf dem Umschlag des Buches von Franz Dobler prangt das Label „Deutscher Krimipreis 2015“ – dessen ersten Platz das Buch gemacht habe. Doch in meinen Augen ist das Buch nicht wirklich ein Krimi, da mir im Buch das wesentliche Merkmal eines Spannungsromans fehlt – nämlich die Spannung selbst. Ein Betrachtungsroman wäre in meinen Augen der passendere Gattungsbegriff.

Und auch wenn der Protagonist als Polizist für die Ermittlerfigur des Romans eigentlich prädestiniert ist, so verschafft es Fallner zum Einen nicht (wie eigentlich keine Figur des Romans) den Leser für sich einzunehmen und zum Anderen irgendwelche Ermittlungen anzustellen, die den Leser bei der Stange halten könnten.

Natürlich könnte man entgegen halten, dass sich andere Ermittler wie beispielsweise Wolf Haas‚ Simon Brenner sich auch nur durch die Handlung treiben lassen – aber diese Romane bieten wenigstens Handlung und Spannungsmomente. Auch wenn sich Fallners ICE mit Spitzengeschwindigkeiten durch die Landschaft bewegt – im Inneren des Zugs herrscht Windstille. Diese Stille durchweht die meisten Seiten von „Ein Bulle im Zug“ und sorgt so dafür, dass zumindest bei mir des Öfteren Langweile aufkam.

Natürlich ist der Kriminalroman an sich ein mehr als weites Feld, doch bei aller kreativen Auslegung des Begriffs Krimi – dieses Buch fällt für mich bei dieser Genreeinordnung hinten über.

Keine zweite Chance

Wahrscheinlich war ich nicht in der Lage, dieses Buch intellektuell in seiner Tiefe zu verstehen – aber einen zweiten Lesedurchgang werde ich mir bei diesem Buch bestimmt nicht mehr antun. Schade um die vertanen Chancen!

Die vom Autor angekündigte Fortsetzung des Romans, an der er gerade arbeitet, wird zumindest bei mir keine Lektüre mehr werden. Und so bleibt das ernüchterte Fazit, dass dieser literarische Zug zumindest für mich noch ärgerlicher als die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn war!

Kurzkritiken

Alan Carter – Prime Cut

Krimis aus Australien sind in meinem Regal Mangelware. Abseits von Peter Temple und Konsorten besitze ich fast keine Krimis vom Roten Kontinent.
Umso besser dass Alan Carter nun einen Debütkrimi geschrieben hat, der dem Vergleich mit einem Meister wie Peter Temple durchaus standhalten kann. Aber der Reihe nach:
Der Roman spielt in einem kleinen Dörfchen Hopetoun an der Westküste Australiens, das dank seiner Erdschätzen als Minenstadt einen wahren Boom erlebt. Von überall reisen Hilfsarbeiter in das Städtchen und es herrscht eine gereizte Stimmung, in die das Auftauchen einer Wasserleiche recht wenig passt. Aufklärung ist vonnöten. Und diese soll durch den Ermittler Cato Kwong erfolgen.
Cato Kwong wurde nach einem Fauxpas ins Viehdezernat abgeschoben, obwohl er ein begnadeter Schnüffler ist. Mitsamt seines Vorgesetzten soll er nun in Hopetoun ermitteln und die Identität der Wasserleiche sowie deren Verscheiden aufklären.
Angereichert wird dieser Plot noch durch einen zweiten Plot, der von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht. In England ermordete einst ein Familienvater seine Familie. Stuart Miller sollte diesen Fall einst aufklären, doch der Mörder verschwand spurlos. Nun scheint in Australien, wo sich Miller als Pensionär niedergelassen hat, dieser Mörder wieder zugeschlagen zu haben. Parallel zu Kwong macht sich Miller an das Lösen seines alten Cold Cases.  
           
Ein klar strukturierter Plot, plastische und glaubwürdige Charaktere und eine stringente Schreibe machen diesen fast schon mustergültigen Krimi aus. Ein reifes Debüt von Alan Carter, das zeigt, dass er die Regeln für gute Krimis verstanden hat. Wie er die zwei Erzählstränge behandelt, wie er seinen kantigen Ermittlern Kontur verleiht, das ist mehr als nur gekonnt. Ein Schreiber beherrscht sein Handwerk, wenn ich über den Tod von Figuren irritiert und nachdenklich bin, wenn mich der Plot länger als zum Zuklappen der letzten Seite fesselt – alles das ist hier der Fall. 
Gut dass schon neue Fälle mit Cato Kwong darauf warten, ins Deutsche übertragen zu werden. Eine Krimireihe, die man im Auge behalten sollte!

Ray Banks – Dead Money

Wenn man auf fiese Noir-Krimis steht, die dahin gehen, wo es weh tut, dann sollte man definitiv den frisch gegründeten Polar-Verlag auf dem Radar haben. Nachdem mich die ersten beiden Publikationen nicht so wirklich vom Hocker hauen konnten (Eberhard Nembachs „Gypsy Blues“ doch noch etwas eher als Jörg Walendys „Tag der Unabhängigkeit„, obwohl beide Plots gar nicht schlecht klangen). Doch nun hat sich die Qualität mit dem ersten irischen Noir, den ich rezensieren durfte, schlagartig gebessert. Ray Banks ist ein schottischer Autor, der in Werbeankündigungen auch gerne mal als Kult-Autor bezeichnet wird, da ihm in seiner Heimat Schottland wohl großer Erfolg beschieden ist. Auch Kollegen wie Ken Bruen rühmen den schottischen Schriftsteller in höchsten Tönen. Nach „Dead Money“ kann man die Lobpreisungen für das Schreiben des ehemaligen Croupiers nachvollziehen, denn hier weiß jemand offenbar ganz genau, wie man auf den Punkt kommt.
In seinem Debütroman erzählt Banks von zwei Freunden, die füreinander durch die Hölle gehen. Nachdem ein Pokerspiel aus dem Ruder lief und Les Beale einen Mitspieler ermordete muss ihm sein bester Freund und Ich-Erzähler Alan Slater beim Entsorgen der Leiche helfen. Kompliziert wird es, als sich die Leiche als lebendig und die Kreditgeber Les‘ als sehr brutal erweisen …
In guter alter Noir-Manier tritt sich der Held immer tiefer in den Morast aus Schuld und Sühne und muss alle Kräfte aufbieten, um das mörderische Karussell zu stoppen.
Ein kleiner und höchst fieser Roman, der den Leser über seine 208 Seiten fesselt und mitnimmt. Kunstvoll verknappt schreibt Banks derbe-direkt und voll auf die Zwölf. Ebenfalls eine Empfehlung für alle Freunde guter Krimis, die auch etwas düsterer ausfallen dürfen.