Paolo Roversi – Milano Criminale

Milano Criminale stammt vom jungen Mailänder Krimiautoren Paolo Roversi, von dem bislang zwei Krimis um den gewieften Hacker Enrico Radeschi im List-Verlag veröffentlicht wurden (Die linke Hand des Teufels und Tödliches Requiem). Nett zu lesen waren beide Krimis, doch nun entschied sich der Ullstein-Verlag, ein anderes Werk des Italieners zu publizieren

Die rote Stadt

Milano Criminale ist die Lebensgeschichte zweier Rivalen und ein Bild der chaotischen 68-Jahre in Mailand, die als Ligera in die Annalen der Geschichte eingehen werden. Antonio und Roberto sind Weggefährten im Mailand der 60er Jahre, aufgewachsen in den Straßen und Gassen der Arbeiterstadt – doch schon bald bewegen sich ihre Viten diametral auseinander.
Während sich Roberto der Unterwelt Mailands andient beschließt Antonio sein Leben in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen. Er wird Mitglieder Polizei Mailands und macht fortan Jagd auf die Verbrecher der Stadt – und schon bald wird sich sein Lebensweg wieder mit dem von Roberto kreuzen …

Es ist eine klassische Ausgangslage, die Paolo Roversi in Milano Criminale zum Aufhänger seines Buches benutzt. Zwei Männer auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Das wäre so eine klassische Idee, doch das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Tatsache, dass der Kampf der beiden Charaktere Teil eines noch viel größeren Plots ist.

Roversi erzählt von verschiedenen Verbrechern und Polizisten, von Studentenprotesten, die den deutschen 68er-Revolten gar nicht so unähnlich sind, und vom Weg in den zielgerichteten Terror, der den Studentenaufständen erwuchs. Dies packt der italienische Autor in 460 kurz getaktete Kapitel, die durch das verwendete Präsens vorwärtspreschen und dem Leser ein umfassendes Bild der chaotischen Jahre in der roten Stadt Mailand vermitteln.

Leser, die an dem Film Carlos – der Schakal oder den Büchern James Ellroys Gefallen gefunden haben, dürfte auch Milano Criminale zusagen.

Ein starkes Stück Kriminalliteratur, dass sein Finale auch wirklich erst auf den letzten Seiten erlebt und das den Leser teilhaben lässt an den tödlichen Geschehnissen in der roten Stadt Mailand – sehr lesenswert!

Jörg Maurer: Unterholz

Auf der Alm, da gehts kriminell zu

Wer hat’s geschrieben: Jörg Maurer, Musikkabarettist und versierter Krimischriftsteller. Gewann bereits Preise für seine Kurzgeschichten und hat schon vier Jennerwein-Krimis geschrieben.

Worum geht’s: Diesmal sind wird im ungenannten Kurort auf der Wolzmüller-Alm zu Gast. Dort trifft sich eine klandestine Gruppe gedungener Gestalten, um über Themen wie Optographie und ähnliche nebulöse Themen gebildet zu werden. Während der Tagung verscheidet nun plötzlich eine der Teilnehmerinnen und die Gäste machen sich aus dem Staub. Kommissar Jennerwein muss erkennen, dass es auf der Alm zwar keine Sünde gibt, dafür aber offensichtlich Mörder. Sein Team versucht die Spuren der Toten zu rekonstruieren und Licht ins Dunkel um die Vorgänge auf der Wolzmüller-Alm zu bringen.

Warum sollte man es lesen: Jörg Maurer schafft den Spagat zwischen Lokalkrimi und Literatur mit Anspruch. Dennis Scheck äußert sich auf dem Umschlag positiv über den Autoren und adelt somit die Schreibe Maurers. Gekonnt unterhält der Autor mit Pointen (die in den meisten Fällen auch zünden) und hoher Sprachkunst. Zwar bleiben die Charaktere wie gewohnt etwas blass, doch dafür schlägt die Handlung Volten und speist sich aus zahlreichen Einzelsträngen, die insgesamt ein recht stimmiges Gesamtbild ergeben.

Was nicht geht: Das Buch lesen, ohne Spaß zu haben. Wie das Cover bereits suggeriert, nimmt das Buch nichts so richtig ernst, wahrt aber immer noch so viel Respekt, dass das Buch insgesamt ein veritabler Krimi bleibt.

Wem gefällt das: Den Lesern, die bereits Föhnlage, Hochsaison, Niedertracht und Oberwasser verschlungen haben. Und allen, die einen nicht bierernsten Sozialkrimi lesen wollen, sondern einfach mal für ein paar Stunden gut unterhalten werden wollen.

Roberto Costantini: Du bist das Böse

Italien mal anders

Wer hat’s geschrieben? Roberto Costantini, 61 Jähriger ehemaliger Unternehmensberater und Ingenieur, hat mit diesem Buch noch einmal einen beruflichen Wechsel gewagt und ist unter die Kriminalschriftsteller gegangen
Worum geht’s? Ein Mordfall, der zur Passion wird. Costantini zeigt in Du bist das Böse die zwei Seiten seines Ermittlers Balistreris. 1982 herrscht in ganz Italien WM-Euphorie, denn die Squadra Azzura spielt fantastisch. Da kommt dem jungen Commissario das Verschwinden einer jungen Angestellten des Vatikans denkbar ungelegen daher. Widerwillig ermittelt er in der sommerlichen Hitze und findet schließlich den Mörder. Nach ungefähr 200 Seiten springt die Handlung dann ins WM-Jahr 2006 und man ist Zeuge, wie sich Balistreri in einen deprimierten alten Ermittler verwandelt hat, der sich durch sein Leben schleppt. Doch schließlich muss er wieder ran, denn es hat den Anschein, als seien wieder junge Frauen in Rom verschwunden.
Warum sollte man es lesen? Vatikan, lebensfroher Ermittler, junge Frauen, die verschwinden? Hat man so ja schon mal alles gelesen, doch nicht so wie Roberto Costantini seinen Roman aufbaut. Seine in zwei Teile zerfallende Erzählung zeigt einen komplexen Kommissar in einem nicht minder komplex aufgebauten Kriminalfall. Da er schon im ersten Band seiner geplanten Trilogie mächtig vorlegt, darf man gespannt sein, was da noch alles kommt.
Was gibt es nicht? Ein simpler Roman mit einem sympathischen Filou als Ermittler. Gerade der zweite Teil des Romans ist deutlich düsterer als der Auftakt und so muss man schon gewaltig aufpassen ob der zahlreichen Charaktere und Namen der verschwundenen Frauen, damit man den Überblick über das große Ganze behält.
Wem gefällt das?: Alle, die Commissario Brunetti satt haben, keine Vatikanthriller mehr lesen wollen und die italienische Kriminalliteratur mal von einer anderen Seite kennen lernen wollen. Du bist das Böse ist alles andere als leichte Lektüre, dafür besticht der Roman durch einen komplexen Plot, bei dem sich Costantini schon anstrengen muss, damit die beiden Nachfolgebücher auch so gut werden!

Frank Stauss: Höllenritt Wahlkampf

So, nach einer kleinen Abstinenz geht es hier im Blog auch weiter, und zwar mit einem Sachbuch. Frank Stauss berichtet in Höllenritt Wahlkampf von einem Thema, das bei uns in Deutschland zwar nicht so mystisch überhöht wird wie beispielsweise in den USA, aber dennoch eigene spannende Facetten beinhaltet.
Mit Höllenritt Wahlkampf gewährt uns Frank Strauss, Werber und Wahlkämpfer, einen Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfes. In knapper und sehr prägnanter Sprache erzählt er aus seinem Leben und erklärt seine Faszination für ein Thema, das nicht jeden elektrisieren dürfte.
Man kennt als mündiger Bürger natürlich die einschlägigen Plakate und Fernsehspots für Parteien – doch wie es dazu kam und welche Überlegungen hinter den verschiedenen Kampagnen stehen – dies beleuchtet Frank Stauss mit seiner Erfahrung von über 20 geführten Wahlkämpfen. Er kämpfte u. a. Für Olaf Scholz, Hannelore Kraft, Klaus Wowereit und Al Gore.
Seine Faszination für das Wahlkämpfen merkt man dem Buch auf jeder Seite an – und dank seiner prägnanten Sprache machen die knapp 200 Seiten von Höllenritt Wahlkampf großen Spaß.
Das Hauptaugenmerk des Autors liegt auf dem Wahlkampf Gerd Schröders von 2005 – der die SPD von der eigentlich ungewinnbar erscheinenden Ausgangssituation in die Große Koalition brachte.
Dies ist alles sehr fundiert und zieht seinen großen Reiz gerade aus der unmittelbaren Nähe, die Frank Stauss seinem Leser erlaubt. Alle Pleiten und Erfolgscoups breitet er aus und beleuchtet, welchen Einfluss Charisma, Optik und Kompetenz auf einen siegreichen Wahlkampf haben.
Da das Buch mit seinen knapp 200 Seiten doch auch für weniger buchaffine Menschen ist, die sich für Politik und Wahlkämpfe interessieren, kann es auch gut als Geschenk vor dem kommenden Wahlkampf zwischen Peer Steinbrück und Angela Merkel dienen. Garantiert lesenswert!

Astrid Rosenfeld: Elsa ungeheuer

Skurrile Figuren, schwache Story

Also skurrile Figuren kann Astrid Rosenfeld ungeheuer gut: Nach den in Erinnerung bleibenden Figuren in ihrem ersten Roman „Adams Erbe“ legt die Autorin mit „Elsa ungeheuer“ ein neues Buch voller verschrobener und einzigartiger Charaktere vor. Leider bleibt dessen Story vor lauter Personen aber insgesamt etwas auf der Strecke.


In „Elsa ungeheuer“ wirken mit: Ein Brüderpaar, ein Murmeltier, die älteste Frau der Welt, ein versoffener Hotelier, eine leicht verhaltensgestörte Mutter, die junge, ungeheuerliche Elsa, eine Kunstsammlerin im Rollstuhl und zig weitere ausgefallene Personen. Diese bilden mit ihren Beziehungen und Animositäten untereinander das Grundkonstrukt von „Elsa ungeheuer“.
Und gerade was den ersten Teil des 278-Seiten starken Romans angeht: hier zeigt sich das Können von Astrid Rosenfeld. Leicht und mit einem angenehm dezenten Humor skizziert sie die Menage á trois in der oberpfälzischen Provinz. Man beobachtet Karl, den Ich-Erzähler, seinen Bruder Lorenz und die titelgebende Elsa, die zusammen im ersten Part des Buches einen Teil ihrer Kindheit erleben.
Doch leider bricht diese teilweise Idylle, die Rosenfeld zunächst aufbaut, ab etwa der Mitte völlig. Sie springt von der Kindheit der drei in die Gegenwart des Jahres 1999. Plötzlich wird Lorenz zum Künstler gepusht, Karl lebt vor sich hin und Elsa ist nach Amerika entschwunden. Dieser Bruch in der Erzählstruktur ist für mich nicht schlüssig und hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Eine großartige Handlung ist im zweiten Teil des Buches nicht mehr vorhanden, distanziert betrachtet man die erwachsen Gewordenen, die einem vorher am Herzen lagen und jetzt zu leblosen Charakteren geworden sind. Fort ist die Magie, mit der Astrid Rosenfeld ihren Protagonisten zunächst Leben eingehaucht hat.
So bleibt bei mir der fade Geschmack eines tollen ersten Teils und eines zweiten Teils, der zu wünschen lässt. Die Story konnte mich hier im Gegensatz zu Rosenfels Erstling „Adams Erbe“ zu keinem Zeitpunkt so stark fesseln, wie sie es bereits einmal geschafft hat. Skurrile Figuren sind zwar wieder vorhanden und machen großen Spaß, die Story inklusiv ihrer Brüche retten sie aber nicht.