Benedict Wells: Fast genial

Einmal quer durch die USA

Fast Genial ist ein rührendes Roadmovie, das sich mit den Themen Identität, Erwachsen werden und der Suche nach Glück und Erfüllung beschäftigt. Diese werden von Benedict Wells locker in seinem klar strukturierten Roman angerissen, während sich die Rahmenhandlung um den Teenager Francis Dean dreht, der eigentlich ein klassisches Loser-Dasein führt. Mutter mit schwerwiegenden psychischen Problemen, unbekannter Vater und Leben im Trailerpark.

Durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls in psychischer Behandlung befindlichen rebellischen Anne-May reift in ihm ein Plan: Nachdem seine Mutter ihm den Namen seines Vaters und die skurrile Hintergrundgeschichte zu seiner Zeugung offenbart hat, macht er sich mit Anne-May und seinem besten Kumpel Grover auf den Weg quer durch die USA, um seinen Vater kennenzulernen.

In klar strukturierten Kapiteln lässt Benedict Wells seine drei Helden in verschiedenen Städten Amerikas Halt machen und wechselt dabei ruhige, fast kontemplative Phasen mit schnellen Beschreibungen ab. Dies sorgt für einen ganz eigenen Rhythmus des Buchs und gefiel mir ausnehmend gut. Lustige Szenen wechseln sich genauso mit nachdenklich machenden Schilderungen ab und zeigen die Dynamiken innerhalb der Gruppe, ihre Sorgen und Wünsche.
Stellenweise erinnerte mich dies sehr an die Filme Vincent will meer und Friendship, doch das Buch bleibt immer eigenständig und souverän. Bereits Becks letzter Sommer von Benedict Wells hat mich tief berührt und ist eines meiner Lieblingsbücher geworden und nun hat er mit Fast genial das Kunststück wiederholt. Ein berührender Roman, der Depression mit Hoffnung verschmilzt und ein wirklich fieses Ende bereithält, das zahlreiche Interpretationen erlaubt!

Hugh Howey: Silo

Eine spannende Dystopie

Die Geschichte von Hugh Howey und seinem Roman „Silo“ zeigt eindrucksvoll, wie die digitale Revolution die Welt der Literatur ändert. Howey, bereits als Skipper, Buchhändler oder Bootsbauer tätig, hat seinen Romanerstling in den USA zunächst auf eigene Faust als E-Book veröffentlicht. Der Erfolg auf dem E-Book-Markt rief dann Verlage auf den Plan, das E-Book als Printprodukt zu publizieren und so wurden auch die Rechte ins Ausland verkauft. Und nun ist „Silo“ auch in deutschen Buchregalen anzutreffen und hat den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft.
Zudem hat sich der Piper-Verlag in Deutschland auch dazu entschieden, das Buch als zerstückeltes E-Book anzubieten. Dies ist eine gute Gelegenheit einfach mal unverbindlich in das Buch hineinzuschnuppern, da der erste Abschnitt des Buchs kostenlos heruntergeladen werden kann.
Howeys Roman entwirft eine Dystopie der Zukunft, in der die Menschen in einem riesigen Silo autark leben. Die Hintergründe des Silos und seiner Entstehungsgeschichte bleiben zu Beginn nebulös, erst allmählich erschließt sich der Leser Zusammenhänge und findet in diese Parallelwelt hinein. Ähnlich wie die junge Ingenieurin Juliette muss man die Hintergründe des Silos erkunden und stößt auf Ungereimtheiten. Dies ist sehr geschickt gelöst, da sich der Leser quasi notgedrungen gleich mit der jungen Juliette identifizieren muss und ihre Erkundungen begleitet.
Insgesamt bleibt „Silo“ sprachlich stets angenehm und kann sich zwar nicht mit einer herausragenden stilistischen Sprache überzeugen – schlecht ist die Prosa Hugh Howeys aber keinesfalls. Da ich gerade bei selbst publizierten E-Books immer recht skeptisch bin, was die Qualität des Produkts angeht, wurde ich bei „Silo“ angenehm überrascht. Es ist nicht verwunderlich, dass verschiedene Verlage die Vorzüge des Buchs erkannten und es als physisches Produkt veröffentlichten.
Das Buch ist originell und spannend und erinnerte mich von der Grundidee an den Film „Die Insel“ von Michael Bay – was dem Buch keinesfalls zum Nachteil gereicht.Die 544 Seiten sind klug gewählt und strukturiert. Wenn man möchte, kann man im Roman Bezüge und intertextuelle Verweise erkennen oder hineininterpretieren – man kann das Buch aber auch einfach nur als spannende Zukunftsvision lesen, die den Leser packt und manchmal frösteln lässt!

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Geschmackssichere Cover

Der steigende Absatz von E-Book Readern jeglicher Couleur hat auch ein anderes Phänomen mit sich gebraucht: Nachdem nun Bücher vom EPUB- bis hin zum PDF-Format auf Readern gelesen werden können, kann nun auch jeder halbwegs im Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm geschulte Laie zum Autoren werden. Ein Blick in die Verkaufscharts einschlägiger Onlineportale offenbart hierbei Grausiges:
Neben Titeln wie „In Liebe, dein Mörder“, „Und alles nur wegen Uschi“ oder „Zum Glück ein Pörßenel-Trainer“ stechen vor allem manche Cover der Werke ins Auge.
Egal ob grellbunt, Titelbilder mit Comic-Sans-Font oder Bilder, die wirken als hätten die Sprößlinge der Autoren diese mit Fingermalfarben oder Paint die Cover erstellt. Ästhetisch wertvoll ist meist kaum eines dieser Bücher und dürfte folglich auch von der Stiftung Buchkunst ignoriert werden.
Wer gerne einmal ein Panorama von selbsterstellten E-Book-Covern aus Übersee betrachten möchte, dem sei diese Webseite ans Herz gelegt. Der Blog sammel akribisch die schönsten (bzw. eigentlich eher abschreckendsten) Beispiele für das, was ambitionierte Hobbyautoren unter einem guten Cover verstehen.
Egal ob selbstgemalte Elfen im nonchalanten Lila-Grün Mix, kindliche Schrifttypen mit Neon-Hintergrundbeleuchtung oder wild zusammengestückelte Bildelemente, die nicht wirklich zusammenpassen.
Akribisch dokumentiert der Blog ein Kaleidoskop des visuellen Schreckens, bei dem man nicht weiß, ob es einen eher vor den Autoren oder den Leser solcher Machwerke gruselt. Unten angefügt findet sich eine kleiner Appetizer für solche lousy bookcovers, die zumindest mir keine Lust auf mehr machen!

Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte

Die Dialektik des Verbrechens

Für diesen Roman hätte Keigo Higashino ziemlich sicher einen Rüffel von S.S. Van Dine, jenes legendären Autor des Golden Age des Detektivromans, einstecken müssen. Denn mit „Verdächtige Geliebte“ verstößt der japanische Autor gegen ziemlich viele Regeln, die van Dine damals unter dem Titel „Twenty Rules for writing detective stories“ postulierte.
Ein Showdown zwischen zwei brillanten Köpfen, eine Liebesgeschichte als subtiler Hauptstrang, eine Mörderin und eine Leiche, die bereits zu Beginn des Romans feststehen? Als das wäre dem strengen Van Dine damals wahrscheinlich nicht untergekommen – doch Keigo Higashino zeigt, wie kreativ und befreiend Kriminalliteratur sein kann, wenn man sie aus einem starren Korsett der Regeln und Konventionen befreit.

Ein großes Duell

Er konzipiert „Verdächtige Geliebte“ als großes Duell: Die Liebe versus die Vernunft, Vertuschung einer Tat versus Deduktion, Physikprofessor versus Mathegenie. Dieses Buch der Antipoden ist dabei vielleicht nicht immer spannend, dafür fasziniert es ungemein.
Nach einer Kurzschlussreaktion steht Yasuko mit der Leiche ihres Ex-Manns in ihrer Wohnung da. Ihr Nachbar, der Mathematiklehrer Higashimi, hilft ihr nach der Tat aus Liebe bei der Vertuschung der Tat und entwickelt einen strategischen Plan, um den Verdacht von Yasuko zu lenken. Dieser Plan entfaltet sich sukzessive mit dem Fortschreiten des Buchs und sorgt für die subtile Spannung. Doch leider hat Higashimi bei seinem Plan nicht mit einem gerechnet – seinem alten Freund Yukawa, mit dem er zusammen in die Welt der Mathematik eintauchte, ehe sich dieser der konkreten Welt der Physik zuwendete. Sein Alter Freund unterstützt die Polizei bei deren Ermittlungen und versucht, die von Ishigami ausgestreuten falschen Spuren und Finten zu durchschauen, um den Mord zu sühnen.
Dies gestaltet sich manchmal äußerst handlungsarm, da die wahre Leistung in „Verdächtige Geliebte“ nicht physisch sondern eher mental erbracht wird. Dennoch ist der Roman Keigo Higashinos ein Faszinosum, da er fesselt obwohl er auf alle herkömmlichen Suspense-Mittel verzichtet. Nach 320 Seiten ist das Vergnügen auch bereits wieder am Ende, nicht ohne eine überraschende Schlusspointe und ein Ende, das wirklich auf den Punkt gesetzt ist.
So mag Verdächtige Geliebte zwar gegen ebenso etablierte wie mit der Zeit auch überkommene Regeln verstoßen, dies rechtfertigt die Lektüre allerdings durch einen innovativen Plot, der ganz auf’s Köpfchen setzt!

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Im Reich des Geliebten Führers

Der Roman von Adam Johnson könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: Die Welt schaut auf Nordkorea, das Land das hermetisch abgeschottet vom Geliebten Führer Kim Jong Un regiert wird und dessen außenpolitischen Drohungen die Nachbarstaaten alarmieren.

Während sich die Politik im Zaudern verliert hat Adam Johnson den Versuch unternommen, sich dem Land auf literarischer Ebene zu nähern – und wurde prompt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Sein Werk, im Original schlicht mit dem Titel „The Orphan Master’s Son“ versehen, wurde für den deutschen Buchmarkt von Suhrkamp Nova als „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ veröffentlicht, übersetzt von Anke Caroline Burger. Ebenso sperrig wie der Titel ist auch die Gesamtstruktur und seine Länge von über 680 Seiten – ein Wagnis, das in meinen Augen geglückt ist.

Der in meinen Augen ebenso falschen wie überflüssigen Unterscheidung zwischen E und U verweigert sich Das geraubte Leben des Waisen Jun Do konsequent und erlaubt es sich, einen brutalen Konflikt literarisch aufzulösen und sogar manchmal zum Stilmittel des Humors zu greifen.

Der Roman von Adam Johnson lässt sich vortrefflich mit einem Zitat aus dem Buch beschreiben:

Es gibt kein Wort dafür […] Es gibt kein Wort, weil es noch nie jemand getan hat.

Johnson, Adam: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, S. 384

Jun Dos Erlebnisse in Nordkorea

In „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ entwirft der amerikanische Autor zugleich die Charakterstudie eines nordkoreanischen Bürgers und die der nordkoreanischen Republik. Nicht von ungefähr erinnert der Name des Protagonisten Jun Do lautmalerisch stark an das amerikanische Wort für unbekannte Leichen – John Doe. Im Buch gerät der höchst durchschnittliche Genosse Jun Do in unterschiedlichste Verwicklungen und erfährt die Abgründe des menschenverachtenden totalitären Regimes um den Geliebten Führer.

Das Buch basiert auf eigenen Eindrücken des Autoren, der für den Roman extra nach Nordkorea reiste um seine Erzählung auf eigenen Beobachtungen aufbaute. Dies gibt dem Buch eine zusätzlich ernüchternde Note, wenn Johnson in Interviews zu seinem Roman bemerkt, dass er für das Buch die schwarzen Seiten Nordkoreas noch aufhellen musste. So rückt der Autor nämlich wieder in den Fokus, was wir bei allen medialen-politischen Berichterstattungen gerne vergessen: Es geht beim Nordkorea-Konflikt noch immer um die Menschen, deren Leid vom totalitären Regime einfach hingenommen wird.

Insgesamt ist Das geraubte Leben des Waisen Jun Do nämlich deprimierend durch und durch. Immer wieder muss Jun Do Gewalt ertragen, Verluste hinnehmen und sich an neue Situationen anpassen. Dies wäre an sich noch nicht unbedingt neu oder besonders literarisch – das Neue an dem Buch besteht in meinen Augen in seiner sperrigen Konstruktion. In zwei Teile aufgeteilt erzählt Adam Johnson manchmal etwas komplizierter als vielleicht nötig von der Entwicklung Jun Dos. Er flicht Rückblenden, parallele Stränge und kurze Propagandatext-Splitter zu einem großen Epos, der aufmerksame Leser verlangt. Ein Buch, das keine Zerstreuung, dafür aber Erkenntnis bietet.