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Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete

Kommt ein Mann in eine Bar. Was meist als Auftakt zu einem schale Witz dient, wird bei der argentinischen Autorin Mariana Travacio zum Ausgangspunkt eines Western, bei dem die Luft zu flirren scheint. Denn der, der bei ihr zu Beginn des Romans die Bar betritt, er ist kein Geringerer als Ein Mann namens Loprete.


Hätte dieses Buch einen Soundtrack, so müsste es der Klang eines düsteren und energisch flirrenden Gitarrentremolos sein, der über allem liegt, wovon Mariana Travacio auf den 120 Seiten ihres Romans erzählt, der von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde.

Dieses Tremolo wäre das, was der vibrierenden und staubig-unbehausten Grundstimmung ihres Romans klanglich am nächsten käme. Denn Ein Mann namens Loprete ist eine Neo-Western, der zugleich auch der Zeit enthoben scheint. Das beginnt schon bei der klassischen Ausgangssituation, des Mannes, der in eine Bar kommt, was bei Travacio allerdings in keinen Barwitz, sondern eine Bluttat mündet.

Ein Mann namens Loprete auf der Suche nach Pepa

Auf der Suche nach Pepa betritt ein Mann namens Loprete die Bar von El Tano, in der sich neben dem Besitzer noch Juancho und der Erzähler Manoel aufhalten. Die Gesuchte findet Loprete nicht, dafür allerdings ziemlich schnell den Tod, wovon Manoel fast schon schulterzuckend berichtet:

El Tano wollte helfen: Bleib bei uns. Wenn die Hitze nachlässt, machen wir uns alle auf die Suche nach ihr. Aber Loprete lehnte ab: Ich kann nicht warten. Wenn ich noch länger warte, ist Pepa endgültig verschwunden. El Tano widersprach: Hier gibt es nichts als Wüste, Amigo. Beruhig dich, wir gehen schon los. Und ich weiß nicht, ob es am Gin lag oder an etwas, das El Tano sagte, aber noch bevor einer von uns aufspringen konnte, hielt Loprete plötzlich ein Messer in der Hand. Er ging El Tano an die Kehle, und es wurde sehr schnell sehr hässlich. Die Hitze machte reizbar, und wenn der Nordwind wehte, kam so was bei uns schon mal vor.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 8

Nun ist Loprete tot und die drei Männer beschließen, den Suchenden kurzerhand zu begraben und vereinbaren Stillschweigen über den Mord respektive Unfall. Doch damit geht es in Travacios Roman erst los, denn plötzlich tauchen drei Männer hoch zu Ross auf, die auf der Suche nach Loprete bei El Tanos Bar Halt gemacht haben.

Männer suchen Rache

Mariana Travacio - Ein Mann namens Loprete (Cover)

Es handelt sich um die Brüder von Loprete, drei der insgesamt neun, die nun wissen wollen, was mit ihrem Bruder passiert ist. Und obschon El Tano nichts vom Tod des Mannes verrät, gelangen die Reiter doch an die Kenntnis, dass Juancho, El Tano und Manoel etwas mit dem Tod ihres Bruders zu tun haben.

Nachdem die Brüder unmissverständlich klar gemacht haben, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, treten El Tano und Manoel gemeinsam die Flucht vor den Brüdern an.

Als sich in Manoel aber die Erkenntnis verfestigt, dass die Lopretes auch mit dem Verschwinden seiner Eltern zu tun haben, verkehrt sich die Flucht ins Gegenteil. Manoel will Rache. Er dringt darauf, die Brüder auf ihrem Gut zur Rechenschaft zu ziehen für die Schmerzen, die sie ihm und seinem nächsten Menschen durch ihr Handeln immer wieder beschert haben.
Das Tremolo der Gitarre erklingt und man reitet zum Showdown, der nicht lange auf sich warten lässt.

Eine neue spannende Stimme aus Argentinien

Der unabhängige Pendragon-Verlag aus Bielefeld beweist mit Mariana Travacio einmal mehr sein Gespür für besondere Erzählstimmen aus Südamerika. Nach Nicolás Ferraros Ambár folgt nun ein Western, der aber auch viele Elemente eines Rachethrillers aufweist und der durch seinen Verzicht auf eine allzu konkrete Verhaftung in Zeit und Ort schon fast etwas Allgemeingültiges besitzt.

Dabei ist es die Kunst des Romans, dass Travacio viele eigentlich abgenutzten Motive des Westerns präsentiert, die man schon dutzendfach aus Romanen und Spaghettiwestern kennt, die sie sich in der Anlage dieses Rachekonzentrats aber nicht störend ausnehmen. Vielmehr passen sich die bekannten Motiven und Stimmungen organisch in den Roman ein.

Im Morgengrauen machten wir uns auf den Weg zu Miranda, wo die zehn Männer mit den Pferden und dem versprochenen Karren schon auf uns warteten. El Tano vergewisserte sich, dass nichts fehlte, dann ging er zu Miranda, um sich zu verabschieden. Gestern Abend haben wir deinen Wein getrunken, sagte er. Miranda klopfte ihm auf die Schulter, dann blieb er stehen und sah uns nach, wie wir sein Dorf verließen, um uns auf den Weg zu unserem zu machen.

El Tano, Mario und ich ritten vorneweg, gefolgt von Oliverio und seinen Männern. Bevor wir allzu weit entfernt waren, drehten wir uns auf El Tanos Geheiß um, alle 13 Mann, um Miranda, der immer noch vor seinem Zaun stand, ein letzte Mal zu grüßen. Einige hoben die Hand, andere nickten, El Tano hob seinen Sombrero. Dann wandten wir uns in Richtung Norden und sagen nicht mehr zurück.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 53

Mariana Travacios Western als Äquivalent zur Minimal Music

Das dreckige Dutzend plus eins hoch zu Ross, der Abschied, der Dialog der Männer über Nebensächliches, die Stille, die über allem liegt: man kennt es schon eigentlich zur Genüge, es passt aber eben doch, dieses Geschehen irgendwo in der kargen Wüstengegend, in der sich die — im besten Sinne — karg gestalteten Figuren Travacios bewegen.

Manchmal klingt es fast wie ein Drehbuch, wenn die Figuren miteinander ins Gespräch kommen, Kurze Dialoge, eine überschaubare Handlung, im guten Sinne einfache Figuren und ein auf den Kern des Konflikts zwischen den Lopretes und Manoel heruntergebrochener Roman – fast könnte man den Eindruck bekommen, dass die argentinische Autorin hier das Äquivalent von Minimal Music kreiert und einen Minimal Western erschafft.
Dass die Kapitel ebenfalls recht kurz sind (ganze 62 Kapitel auf 120 Seiten, die so manches Mal nur zur Hälfte beschrieben sind), es passt ins Konzept.

Fazit

Mit Ein Mann namens Loprete hat Mariana Travacio einen auf das Wichtigste reduzierten Western geschrieben, der sich einer allzu konkreten Verhaftung gekonnt entzieht und der zwar an die Werke andere wie Autoren wie beispielsweise Elmore Leonard erinnert, der aber trotz des munteren Gebrauchs bekannter Motive und Erzählmittel doch auch etwas Eigenes schafft.

Ergänzt um ein Nachwort von Jochen König ist hier eine neue Erzählstimme aus Argentinien zu entdecken, die sich neben anderen Stimmen von dort, wie beispielsweise Claudia Piñeiro oder Nicolás Ambar, wunderbar einpasst und die sich mit ihrer reduzierten Erzählweise eine ganz eigene Nische schafft.

Wieder einmal beweist der Pendragon-Verlag mit Mariana Travacio sein Gespür für Erzähltalente abseits des Mainstreams. Man darf gespannt sein, was hier noch folgt!

[Ein letztes Gitarrentremolo und dann: Abblende].


  • Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete
  • Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt
  • Mit einem Nachwort von Jochen König
  • ISBN 978-3-86532-910-3
  • 126 Seiten. Preis: 22,00 €

Gabrielle Filteau-Chiba – Die Ungezähmten

Was ist die schönste Natur wert, wenn doch der Mensch in ihr umhergeht und die Grundlagen der Natur und ihre Intaktheit bedroht? Das beschäftigt die kanadische Autorin Gabrielle Filteau-Chiba in ihrem Roman Die Ungezähmten, der nun in der Übersetzung von Katrin Segerer auf Deutsch erstmals vorliegt. Darin erzählt sie von einer Wildhüterin, die das Raubtier Mensch auf ganz eigene Art bekämpft.


Kamouraska, eine in der Provinz Québec gelegene Gemeinde. Hier versieht die Wildhüterin Raphaëlle Robichaud ihren Dienst in den Wäldern zwischen Flüssen, tiefen Wäldern und Ahornplantagen. Einsam lebt sie in einem Trailer und verzweifelt an der Aufgabe, der sie sich gegenübersieht.

Wie soll man die Wälder und die Natur beschützen, wenn doch Wilderer nahezu ungestört die Tierpopulation dezimieren, Konzerne Raubbau an der Natur betreiben und die Politik sich nicht wirklich für die Fragilität der Natur interessiert und lieber eine Chimäre der Wildnis Kanadas feiert? Raphaëlle zweifelt so manches Mal an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns, sieht sie sich doch einer Übermacht feindlicher Kräfte gegenüber. Als dann auch noch ihre frisch bei ihr im Trailer eingezogene Hündin Coyote fast in einer der Fallen eines besonders brutalen Wilderers landet, ist für die Wildhüterin endgültig das Maß voll.

Wer sind wir, wenn sich uns angesichts der alltäglichen Grausamkeiten nicht das Fell sträubt? Nichts weiter als selbst nur Tiere, Bestien ohne Herz und Verstand.

Und ich, die Wildhüterin, muss mit meinem orwellschen Titel leben und die Jagd. und Fallenindustrie behüten, muss maßlose Mörder laufen lassen, die unsere Wälder entvölkern. Als hätten die Pelzraubtiere nicht ihren Platz in der Nahrungskette. Heute Abend werde ich viel Wasser in meinen Wein gießen müssen.

Gabrielle Filteau-Chiba – Die Ungezähmten, S. 86

Sie bläst zum Kampf gegen die Wilderer – und bekommt Unterstützung von ungeahnter Seite. Bei ihren Recherchen zur Identität des gesuchten Wilderers stößt sie per Zufall auf das Tagebuch einer anderen Frau, in der Raphaëlle eine Seelenverwandte erkennt. So sucht sie nun nicht nur nach dem Wilderer, sondern auch jener Anouk, die in dem Tagebuch ihre Seele offenbarte und die auf Raphaëlle eine große Anziehung ausübt.

Reich an Themen

Gabrielle Filteau-Chiba - Die Ungezähmten (Cover)

Die Ungezähmten von Gabrielle Filteau-Chiba vereint einige Themen. Zuvorderst ist das Buch eine Hymne an die Schönheit der Natur dort im Grenzland zwischen Kanada und den USA. Ähnlich wie Tammy Armstrong zuletzt gelingt auch der französischsprachigen Autorin in ihrem Buch eine kraftvolle Hommage an Wald und Wild dort in Nordamerika – und eine Beschreibung der immensen Zerbrechlichkeit, die der Natur trotz ihrer scheinbaren Robustheit innewohnt.

Dann ist ihr Buch auch eine Rachegeschichte, die Erzählung einer Frau, die gegen männliche Dominanz, Selbstherrlichkeit und Brutalität aufbegehrt. Nicht umsonst lauten Titelüberschrift schon einmal „Privatjagd“, „Vendetta“ oder „Zahn um Zahn“. Die schon fast archaische Rache am Wilderer, der in Raphaëlles privateste Bereiche eingedrungen ist, kontrastiert Gabrielle Filteau-Chiba mit einer sanften queeren Liebesgeschichte, die sich zwischen der Wildhüterin und der Tagebuchschreiberin Anouk anbahnt und die damit einen Gegenentwurf zur männlichen Welt voller Gewalt darstellt.

Ergänzt wird das Ganze durch Illustrationen der Autorin, die sich immer wieder im Text finden, neben Tagebucheinträge und dem Aufglimmen von Poesie, die manchmal sogar an der Konkreten Poesie geschult ist.

Eine stilistische Mischung mit mangelhaft motivierter Erzählperspektive

Das ist eine reizvolle Mischung, bei der nur die Wahl der Perspektive nicht ganz aufgeht. So ist Gabrielle Filteau-Chiba mit der Erzähltechnik der Ich-Erzählerin ganz nah dran an ihrer Figur Raphaëlle – will dann neben der Einführung Anouks mithilfe deren Tagebuchs auch noch vom Wilderer erzählen, obwohl ja eigentlich Raphaëlles Blick auf die Welt der zentrale und bestimmende ist.

Das klappt nicht so ganz, da Filteau-Chiba diese Perspektive durch eine Mischung aus realistisch geschilderten Traumpassagen und der konkreten Erzählung des Schicksal des Wilderers in den Erzählfluss holen will. Dabei blieben zumindest bei mir Fragen ob der Verlässlichkeit dieser Perspektive.
Woher hat die Wildhüterin ihr Wissen über das Schicksal des Wilderers, wenn sie doch zugleich weit weg von diesem flieht? Was ist Vorstellung, was Traum, was Realität? Dieses Schwanken der Verlässlichkeit mag trotz aller erzählerischer Tricks wie etwa der klassischen Mauerschau in Form eines Briefs schlussendlich nicht so ganz funktionieren und hätte vielleicht noch einer anderen erzählerischen Lösung als der hier angebotenen bedurft.

Fazit

Von solchen Einwänden abgesehen ist Die Ungezähmten ein krafttvolles Buch, das Natur und das Eintreten für deren Schutz feiert. Mit der Wildhüterin Raphaëlle Robichaud gelingt Gabrielle Filteau-Chiba ein widerständiger und eigensinniger Charakter, dem man durch die Wälder und Pfade der kanadischen Natur gerne folgt und mit der man mitbangt, mag man diese Art von Rache im Roman auch nicht gutheißen. Unterhaltsam und mitreißend ist dieser Natur Noir-Roman aber auf alle Fälle.


  • Gabrielle Filteau-Chiba – Die Ungezähmten
  • Aus dem Französischen von Katrin Segerer
  • ISBN 978-3-423-28515-5 (dtv)
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Loraine Peck – Der zweite Sohn

Es ist schon ein paar Jahre her, da Benjamin von Stuckrad-Barre bei seiner Lesetournee zu seinem Buch Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen – Remix 3 in Augsburg Halt machte. Ein Thema, das ihn an jenem Abend umtrieb, war auch das der Autorenbiografien, mit denen viele Verlage ihre Schreibende aus dem Gros herausheben und aufpeppen möchten. So könne man in Autorenviten gerne einmal lesen, dass der Autor oder die Autorin als Blumengroßhändler, Leichenwäscher, Safariguide und Molekularbiologe gearbeitet hätte. Was solche kapriziösen Aneinanderreihungen von Tätigkeiten über die Qualität des Buchs selbst aussagt, das ist ja eher fraglich.

Von exzentrischen Autorenbiografien

Als ich nun Der zweite Sohn, das von Thomas Wörtche bei Suhrkamp herausgegebene Debüt von Loraine Peck in der Vorschau nebst Ankündigungstext sah, musste ich an von Stuckrad-Barres Worte damals in Augsburg denken. Denn diese Vita ist in ihrer Exzentrik gerade zu beispielhaft für das von Stuckrad-Barre bespöttelte Phänomen:

Loraine Peck war Porträtmalerin und Assistentin eines Magiers in Sydney. Nachdem sie einmal zu viel in zwei Hälften gesägt wurde, wechselte sie zum Blackjack an der Goldküste. Barkeeperin und Hummerverkäuferin in den USA führten zu einem Job in der Filmindustrie, bevor sie eine Karriere im Marketing in Australien, dem Nahen Osten, Asien und den USA einschlug.

Der Suhrkampverlag über Loraine Peck

Von Zauberei, Glücksspiel oder Hummern findet sich in Der zweite Sohn dann allerdings keinerlei Spur. Vielmehr ist das Buch ein klassischer Gangster-Thriller, der eine kriminelle Familie und deren Fehden in den Mittelpunkt stellt. Was mit Mario Puzos Paten auf dem Gebiet der italienischen Mafia begann, ist inzwischen wohl überall in verschiedenen Ausprägungen lokalisiert worden. Egal ob in Deutschland (etwa 4 Blocks oder Clemens Muraths Der Libanese) oder Down Under (hier wäre zum Beispiel die ebenfalls von Wörtche herausgegebene und wie Peck mit dem Ned Kelly-Award ausgezeichnete Candice Fox mit Hades zu nennen) – Unterwelt-Familien und deren Machenschaften faszinieren nach wie vor und sind ein fruchtbarer Boden für Thriller.

Eine kroatische Familie in Sidney

Das hat auch Loraine Peck erkannt, die ihre Geschichte im Umfeld einer kroatischen Einwandererfamilie in Sidney ansiedelt. Zusammengehalten von Vater Milan Novak verdient der Clan mit Fischgeschäften, Einwanderern und Drogendeals sein Geld. Rechte Hand von Vater Novak war bislang sein Sohn Milan. Doch dieser wurde bei der Leerung seiner Mülltonne vor dem eigenen Haus erschossen.

Loraine Peck - Der zweite Sohn (Cover)

Es ist nicht der erste Tote aus dem Gangmilieu. Schon zuvor starb ein serbischer Gangster – weshalb Novak annimmt, dass es sich beim Tod seines Sohnes um eine Vergeltungsaktion handelt. Serben und Kroaten können sich eh nicht ausstehen und führen die blutige Fehde aus dem Jugoslawienkrieg einfach auf einem neuen Kontinent fort. Und da nun seine rechte Hand tot ist, liegt für Milan Novak die Lösung auf der Hand. So soll sein zweiter Sohn, Johnny, für Vergeltung sorgen und den Tod seines Bruders sühnen. Doch dieser ist für das brutale Geschäft der Novaks eh nicht wirklich gemacht – muss nun aber eine eigene Lösung finden, um den Konflikt und den Rachewunsch der eigenen Familie zu befrieden.

Seinen Kampf um die Gunst seines Vaters und gegen rivalisierende Banden schildert Loraine Peck dabei nicht alleine aus dessen Perspektive. Sie wählt als Erzählerin auch Amy, die Frau von Johnny. Diese schildert ihren Blic auf das Geschehen und den Novak-Clan mit all seinem autochthonen und ausgrenzenden Denken und Verhalten. Schnell zeigt sich, dass neben dem vordergründigen Konflikt um Johnnys Rolle in der Familie Novak auch noch ein viel gravierenderer Konflikt herrscht – nämlich der um die Ehe von Amy und Johnny.

So muss sich dieser um die kriselnde Beziehung, die Rache seines Bruders und dann auch noch um die Durchführung eines riskanten Raubzugs kümmern. Da kommt dann leider die Charakterisierung der Figuren und die Originalität des Plots manchmal etwas unter die Räder.

Wenig originelle oder überzeugende Figuren

Denn das Personal von Der zweite Sohn wirkt bisweilen wie stark an der Grenze zur Parodie. Der irre Meth-Gangster mit Tattoos und Sprachfehler, die tumbe Gang aus Kroaten voller Muskeln und wenig Hirn, der beständig in seiner Unterwürfigkeit zu seinem Vater verharrende Held mit dem Herz am rechten Fleck, die Ehefrau, die mitsamt ihrem Kind gekidnappt und von ihrem Mann befreit werden muss. Oftmals liest sich Der zweite Sohn wie aus dem Setzkasten für derartige Thriller zusammengeklaubt – und altbekannt.

Vieles ist einfach cartoonesk vereinfacht, nicht alles schlüssig erklärt (so werden die anderen Müllabfuhr-Morde auch schnell eingeführt und dann wieder zur Seite geschoben) und wirken weder neu noch wirklich überzeugend. Da passt auch das Cover in seiner schwarz-weißen Einfallslosigkeit ins Bild, das wirkt, als sei es ganz am Ende eines langen Tages voller Coverentscheidungen und Diskussionen noch durchgewunken worden, um endlich Feierabend machen zu können.

Fazit

Und dennoch gelingt es Loraine Peck in ihrem Debüt auch, Spannung zu erzeugen. Sie beschreibt die Welt der kroatischen Familie Novak, den Kampf Johnnys gegen und mit der Polizei, andere Gangster und um seine Ehe durchaus mitreißend, wenn man sich an den vielen altbekannten Motiven oder allzu schablonenhaften Figuren nicht besonders stört.

Als fein nuanciertes Porträt einer kriminellen Familie in Down Under, deren Struktur und Funktionsweise funktioniert Der zweite Sohn überhaupt nicht. Auch ist Pecks Buch sicherlich kein Anwärter für einen Preis in Sachen Sprache und Figurentiefe. Aber ihr gelingt ein spannender und temporeicher, bisweilen arg cartoonesker Unterwelt-Thriller, der auch Fans von Candice Fox gut gefallen düfte und der sich durch seine beiden Perspektiven des Ehepaars Novak etwas von anderen Thrillern gleicher Bauart unterscheidet.

Dass Peck für ihr Buch den Ned Kelly-Award in der Kategorie „Debüt“ erhalten hat, geht in meinen Augen in Ordnung (Hauptgewinner im letzen Jahr war übrigens Chris Whitaker). Denn auch wenn ihr Buch wenig innovativ ist, so gibt Loraine Peck mit ihrem Buch Versprechen ab, die sie mit folgenden Büchern dann hoffentlich noch einlösen kann. Man darf gespannt sein!


  • Loraine Peck – Der zweite Sohn
  • Aus dem Englischen von Stefan Lux
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47229-3 (Suhrkamp)
  • 423 Seiten. Preis: 16,95 €

J. L. Carr – Ein Tag im Sommer

„Das war ein außergewöhnlicher Tag“, sagte Mrs Loatley. „Nicht so sehr wegen dem, was passiert ist, als wegen dem, was hätte passieren können. Dass es ein merkwürdiger Tag werden würde, habe ich schon gespürt, als ich aufgestanden bin. Den ganzen Tag habe ich mich schon so komisch gefühlt. Zuerst dachte ich, es liegt an den Holunderblüten, ihrem süßlichen Geruch; aber das war es nicht. Es ist etwas, das mich die ganze Zeit umgibt. Vielleicht die Hitze; andererseits habe ich ja schon andere heiße Tage erlebt. Nein, es ist etwas anderes.“

(Carr, J.L.: Ein Tag im Sommer, S. 281)

Nicht nur die werte Mrs Loatley wird an jenem Tag im Sommer aus den gewohnten Bahnen geworfen – nein das ganze englische Städtchen Great Minden steht Kopf. Und das hat auch einen Grund. An jenem Tag feiert man in der Kleinstadt Kirchweih. Zur Feier des besonderen Tages wird ein Jahrmarkt veranstaltet. Die SchülerInnen sind mit dem Kopf schon längst bei den abendlichen Festivitäten – und auch in der restlichen Dorfbevölkerung macht sich Unruhe breit.

Eine besondere Brisanz erhält der Tag durch das Auftauchen eines weiteren unerwarteten Gasts: im Zug nähert sich der Kriegsveteran Peplow Great Minden. Der Grund für seinen Besuch liegt in einer offenen Rechnung, die er im verschlafenen Städtchen begleichen will. Mit im Gepäck hat er eine Waffe und den Wunsch nach Rache.

Trotz dieser erzählerischen Grundanordnung sollte man keinen Krimi erwarten. Ein Tag im Sommer ist ein ruhiger Roman, der die drei Aristotelischen Einheiten von Handlung, Ort und Zeit fast durchgängig beachtet. Die knapp 300 Seiten gliedern sich in Morgen, Mittag und Abend und spielen nahezu ausschließlich in Great Minden. J. L. Carr springt immer von wieder von Dorfbewohner zu Dorfbewohner und liefert ein genaues Porträt der Bevölkerung des Ortes. Da ist ein junger Referendar, der mehr Arbeit in die zahlreichen Affären mit der Dorfbevölkerung steckt, als in seine Unterrichtsvorbereitung. Da gibt es frömmelnde Damen, voyeuristische Kriegsinvaliden, eine verliebte Friseurin und dergleichen mehr.

Möchte man spötteln, könnte man die Literatur J.L. Carrs auch als Manufactum-Literatur desavouieren. Hier wird ein England gezeigt, das nichts mit dem heutigen schnellen Leben und der Brexit-Welt gemein hat. Die Uhren ticken noch langsam, ein Jahrmarkt gilt als herausragendes Ereignis. Da das Buch aber tatsächlich aus dieser Zeit stammt, von der es erzählt, nämlich 1963, sind solche Vorwürfe hanebüchen.

Ein Tag im Sommer ist genauso wie das erste auf Deutsch veröffentlichte (und ebenso gut von Monika Köpfer übersetzte) Ein Monat auf dem Land eine wunderbare Wiederentdeckung. Eine nostalgische Entschleunigungslektüre, die darüberhinaus auch wunderbar in Form gebracht worden ist. Mit einem reduzierten und genau deshalb so stimmigen Cover, Lesebändchen, Vorsatzpapier und haptisch angenehmer Verarbeitung ein echter Treffer. Nicht nur als Sommerlektüre ein Gewinn!

Margaret Atwood – Hexensaat

Welch schönes Projekt: als Verneigung vor dem vor 400 Jahren verstorbenen Barden und ikonischen Dichter William Shakespeare schrieben beziehungsweise schreiben 8 Bestseller-Autoren unter dem Titel Shakespeare-Projekt Neuinterpretationen der Werke Shakespeares. Das Ganze erscheint bei uns nach und nach in schöner Ausstattung im Knaus-Verlag. Zu dem Autorenkreis zählen Größen wie Tracy Chevalier, Gillian Flynn, Howard Jacobson oder auch Jo Nesbø.

Als viertes Werk erschien nun das Werk Hexensaat der kanadischen Großmeisterin Margaret Atwood, das von Brigitte Heinrich ins Deutsche übertragen wurde. Grundlage ist Shakespeares Stück Der Sturm, der im Buch zum Prüfstein für den Regisseur Felix wird. Jener plante eigentlich eine furiose Inszenierung des Stücks, die ihn zum Gesprächsthema in der Theaterwelt machen und sein persönlicher Triumphzug werden sollte. Doch eine Intrige seines engsten Mitarbeiters verhinderte das. Gebrochen, durch den Tod seiner Frau und Tochter zerstört und von der Welt vergessen zieht er sich in eine bruchfällige Hütte zurück. Aufgeben will Felix dennoch nicht und sinnt auf Rache. Der Schlüssel hierfür ist eine Theatertruppe im Gefängnis, mit der er ebenjenen – wie könnte es anders sein – Sturm einstudiert, um sich an seinen Feinden zu rächen.

Folglich inszeniert Margaret Atwood eine Neuinterpretation jenes vielgespielten Werkes des Barden aus Stratford-upon-Avon, die auf drei Ebenen funktioniert. Da ist zunächst der klassische  Sturm mit seinen Motiven: der Insel, auf der Caliban, Prospero, Miranda und der Geist Ariel leben, der Schiffbruch, der neue Gestrandete bringt und all die Intrigen, die klassisch im Werk Shakespeares sind. Auch wenn man mit dem Opus des Barden nicht vertraut ist – durch einen raffinierten Kniff löst Margaret Atwood dieses Problem. Denn für seine Neuinszenierung muss Felix den Gefängnisinsassen jenes Werk auch erst einmal mit vielen – manchmal sogar etwas zu vielen – didaktischen Kniffen näherbringen. Neben dieser aktuellen Ebene ist da auch noch Felix selbst, der von der Welt vergessen gestrandet ist und nun seinen eigenen Sturm durchlebt und ein wahrer Prospero ist.

Margaret Atwood strukturiert ihre Neuinterpretation Hexensaat durch die klassischen fünf Akte nebst einem Epilog, der die Inhalt des Original-Sturms zusammenfasst und damit auch einen genauen Vergleich zwischen Interpretation und Originalquelle erlaubt. Insgesamt ein sehr gelungenes Remake (wenngleich Atwoods Gefängnisinsassen schon wirkliche Pappkameraden sind) – und ein frischer Zugang zu Shakespeares Werk, das den Staub von 500 Jahren locker wegpustet und vielleicht auch Atwood-Fans zu Shakespeare-Fans machen könnte und umgekehrt.