Kerstin Specht – Mittelberge

Das Aufwachsen eines jungen Mädchens in den 1930er-Jahren bis hinein in die Zeit der Wirtschaftswunderjahre beschreibt Kerstin Specht in ihrem Debüt Mittelberge. Was auf den ersten Blick nach einem schon dutzendfach verhandelten Plot klingt, wird bei Specht nicht nur sprachlich zu einem ein Ereignis!


Sie hat sich wahrlich Zeit gelassen. Denn auch wenn es sich eigentlich nicht geziemt, das Alter einer Dame zu nennen, so ist doch festzuhalten, das sich Kerstin Specht sechs Jahrzehnte Zeit gelassen hat, um nun pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag mit Mittelberge als Romanautorin zu debütieren. Endlich, so muss man nach der Lektüre des Buchs konstatieren, denn ihr Buch ist durchsättigt von literarischer, philosophischer und menschlicher Erfahrung, die aus jeder Seite des Buchs spricht.

Bislang war die Autorin als preisgekrönte Dramatikerin in Erscheinung getreten, schrieb vor allem Ende der 80er bis in die 1990er Jahre hinein Theaterstücke, die sich großen Erfolgs erfreuten. Sogar international wurden ihre Stücke gespielt, darunter von niemand geringerem als der Royal Shakespeare Company.
Es waren Stücke, die in der Tradition Marieluise Fleißers standen, in denen sie auf das kleinbürgerliche Milieu und ihre Heimat Oberfranken blickte.

Eine Dramatikerin wird zur Romanautorin

In ihrem Debütroman bleibt sie diesen Themen treu. Mittelberge spielt im Landstrich Nordoberfrankens zwischen Kronach und dem Ochsenkopf, wo die junge Sophie aufwächst. Bittere Armut, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Sadismus in der Schule sind Merkmale ihrer Lebenswelt, zu der sich bald auch die Auswirkungen der „Machtergreifung“ Hitlers gesellen.
Junge Menschen müssen in den Krieg ziehen und kehren nur selten oder stark versehrt zurück in ihre ländliche Heimat.

Hunger, junge Gefallene und die zunehmende Fanatismus sind auch dort im abgelegenen Landstrich kurz vor der thüringischen Grenze zu spüren. Und so erlebt Sophie mit eigenen Augen mit, wie das Dorf kurz vor dem Einmarsch der US-Alliierten den Hals aus der Schlinge ziehen und die ideologische Wende vollziehen will, indem die weißen Bettlaken nun Hochkonjunktur haben und ein ganzer Berg an weggeworfenen Hitlerporträts im Stauwehr der Kronach strudelt.

Der Stucker war gestern noch der größte Nazi. Jetzt ist er eine Kühlerfigur. Die Amis setzen ihn vorn auf ihren Jeep. Eine aufgespießte schwarze Spinne. Sie fahren ihn am hellen Tag durchs Dorf in den Wald, und man weiß nicht, was sie da mit ihm machen werden. Aber der Schmied, der zweitgrößte Nazi, der wird von ihnen gebraucht, um ihren Panzer zu schweißen. Dem werfen sie grüne Riesennetze vor die Tür, voll mit Dosenfleisch, Dosenananas, Dosenkaffee und Schokolade.
Dem Textilgeschäft Schober in Kronach haben die GIs aus Spaß in die Blumenkästen geschossen. Da hat es die Kästen aus den Halterungen gerissen. Es hat Erde geregnet und hundert Hakenkreuzanstecker, die man darin vergraben hat. Die GIs heften sie sich an die Brust. Panzern ihre Uniform mit Parteiabzeichen. Und freuen sich wie Kinder.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 112 f,

Die literarische Erschließung Nordoberfrankens

Kerstin Specht - Mittelberge (Cover)

Die Zeit mit den amerikanischen Besatzern spielt ebenso eine Rolle wie die dann beginnende Zeit des Wirtschaftswunders, die für Sophie auch mit ihrem eigenen Erwachsenenwerden zusammenfällt.

Mittelberge erscheint in einer Zeit, in der auch Franken literarisch wieder eingehender erschlossen wird. Die Titel von Martin Oswald, Annegret Liepold oder Nadine Schneider stehen für diese Entwicklung, zu der sich nun auch Kerstin Specht mit ihrem Roman gesellt.

Ähnlich wie Tommie Goerz‘ Roman Im Schnee ist auch Mittelberge die Beschau einer Lebenswelt, die heute allenfalls in Spurenelementen noch sichtbar ist. Die bittere Armut, die Abgeschiedenheit, die Rituale wie Hausschlachtungen oder die Hochzeit im schwarzen Kleid, die körperliche Arbeit im Steinbruch, die Fortbewegung allein per pedes oder die Zeit der Kinderverschickung während des Zweiten Weltkriegs – die von Kerstin Specht beschriebene Lebenswelt tritt in ihrem Roman noch einmal plastisch vor Augen, auch wenn sie schon wieder Geschichte ist.

Ein sprachlich ganz eigener Ton

Im Gegensatz zu Tommie Goerz Roman weist Mittelberge allerdings einen sprachlich raueren, einprägsameren und eigenen Ton auf. Eingebettet in das Erzählen, das mit seinen rhythmischen kurzen Sätzen und der wohldosierten Erzählökonomie besticht, ist der Text auch immer wieder von kurzen Gedichten und lyrischen Skizzen durchbrochen, die den Erzählraum weiter öffnen.
Zudem wendet Kerstin Specht neben stellenweise eingeflochtenen Zitaten aus der Literatur auch einen leichten Dialekt an, der ihr Erzählen noch anschaulicher und glaubhafter macht.

Der Mond ist aufgegangen. über allen Wipfeln ist Ruh. Im Haus beginnt die Unruhe. Sophie sucht ihre Schuhe und ihre Jacke. Der Vater wuchtet schon den Zentnersack Getreide auf die Schubkarre. Das eiserne Rad rumpelt über die Steine im Hof. Es soll lautlos vor sich gehen. Es geht nicht. Die Nachbarn dürfen nichts hören. Sie hören alles.
Sophie und ihr Vater laufen den Wiesenweg, dann den Waldweg hinauf. Erst leuchten die Kieselsteine weiß im Mondlicht wie bei Hänsel und Gretel. Die Krähen schlucken nur Luft und schreien nicht. Dann kommt der dumpfe dunkle Waldweg mit aufspringenden Wurzeln und quer liegenden Ästen. Dann ein See mit sumpfiger Umrandung, da hacken die Krähen in den Weg.
Der Vater verläuft sich. Die Adern auf seinen Armen werde immer dicker und die Beine des Kindes müde.
Endlich ein Schimmer Licht. Unten am Wasser liegt die Mühle. Der Vater klopft an die eichene Tür. Schlurfende Schritte. Der Müller schiebt sein Gesicht zur Tür heraus.

Kerstin Specht – Mittelberge, S. 88

Diese Sprache hebt den Plot um das Erwachsenwerden eines Mädchens im 20. Jahrhundert dann vollends über das Gros thematisch ähnlich gelagerter Romane hinaus. Die kurzen Kapitel funktionieren sowohl für sich als erzählerische Miniaturen, wie auch in ihrer Abfolge, die das Erwachsenwerden des Mädchens unter schwierigen Bedingungen nachzeichnen.

So wird aus diesem Roman ein eindringlich Leseerlebnis, ein Sprachfest, die Feier weiblicher Widerstandskraft und die logische Fortführung eines künstlerischen Werks, das Oberfranken und den Herausforderungen, denen sich die Landbevölkerung in vielfacher Hinsicht gegenübersah, nun in Form dieses Romans ein Denkmal setzt!

Fazit

Es ist ein Glücksfall, dass sich Kerstin Specht zu dieser gelungenen Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte entschieden hat (gewidmet ist Mittelberge ihrer eigenen Mutter, deren Foto auch das Cover ziert) – und dass das Buch beim unabhängigen Verlag Stroux Edition ein Zuhause gefunden hat, auf dass man nun tief in diese exemplarische Lebensgeschichte eintauchen und sich an der Sprachmacht seiner Autorin erfreuen darf!


  • Kerstin Specht – Mittelberge
  • ISBN 978-3-948065-50-8 (Stroux Edition)
  • 244 Seiten. Preis: 26,00 €

Patrick Ryan – Buckeye

Kuss und Krieg. In seinem Great American Novel Buckeye erzählt Patrick Ryan vom komplexen Miteinander zweier unterschiedlicher Paare in einer Kleinstadt in Ohio, das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs seinen Ausgang nimmt und das zeigt, wie sehr das Leben der Menschen immer wieder von Kriegen beeinflusst wurde.


Es ist nur ein kurzer Moment, der die Leben von Cal Jenkins und Margaret Salt aneinanderkettet. So sucht Margaret Cal, der im Werkzeugladen seines Vaters arbeitet, in der Hoffnung auf, dass der Laden über ein funktionstüchtiges Radio verfügt. Denn über das Radio verkündet US-Präsident Truman die Kapitulation Nazi-Deutschlands und damit das bevorstehende Ende der Kriegshandlungen, was Margaret in einer Art Übersprunghandlung zu einem Kuss verleitet.

Dieser Kuss steht am Anfang des Buchs und wird nicht nur Cal und Margaret, sondern auch ihre jeweiligen Partner*innen in ein Personengefüge spannen, das sich als erstaunlich tragfähig für einen über 650 Seiten langen Roman erweist.
Während Margaret das Kriegsende herbeisehnt, da ihr Mann Felix als Teil der Kriegsmarine in den Krieg involviert ist, wäre Cal gerne Teil jener Kriegsmaschinerie, in der er aufgrund eines verkürzten Beins keinen Dienst tun darf.

Ein Kuss zum Kriegsende

Patrick Ryan - Buckeye (Cover)

Stattdessen arbeitet er für seinen Schwiegervater im Werkzeugladen und vertreibt sich die Zeit mit Comics. Und dann ist da auch noch Becky, Cals Frau. Diese ist ein Medium, die immer wieder Botschaften aus dem Jenseits erhält, was sie zu einer gefragten Gesprächspartnerin in Bonhomie macht, insbesondere, da sie ihre Dienste gratis von zuhause aus anbietet.

Nicht nur verzweifelte Witwer und Hinterbliebene suchen sie auf, sondern auch dubiose Geschäftsmänner, was Cal immer wieder in ein Spannungsverhältnis zu seiner Frau bringt, die ihn nach einer letzten Eskapade nun auf die Couch verbannt hat. Und so ist der Nährboden bereitet für jenen initialen Kuss und die daraus folgende Affäre, die dramatische Folgen für die Beteiligten haben wird.

Buckeye ist ein clever komponierter Roman, der den Lebenswegen seiner vier zentralen Figuren und deren Kindern folgt. Neben allen zwischenmenschlichen Problematiken wie Eifersucht, Affären und versteckter Homosexualität ist es auch die Frage nach dem Zufall des Schicksals, der Patrick Ryans Roman nachgeht.

Der Mai kam. Er sortierte Scharniere und Schrankgriffe. Sortierte Unterlegscheiben. Nebenbei fragte er sich hin und wieder, wie sich sein Leben wohl gestaltet hätte, wenn er mit gleichlangen Gliedmaßen auf die Welt gekommen wäre und mit einer Mutter und Geschwistern, die noch lebten; und bisweilen – allein bei der Arbeit – fragte er sich, wie es wohl gelaufen wäre, wenn er nicht das erstbeste Mädchen geheiratet hätte, mit dem er ausgegangen war. Das konnte man natürlich nicht wissen, und allein schon beim Gedanken daran fühlte er sich furchtbar. Aber die Frage stellte er sich doch.

Patrick Ryan – Buckeye

Aber – oder vor allem – ist es auch die Allgegenwart des Krieges und seiner Folgen, die Buckeye gekonnt illustriert.

Die Allgegenwart des Krieges

Während Cal unbedingt in den Krieg ziehen möchte und seinen Beitrag leisten möchte, aber ausgemustert zuhause bleiben muss, ist sein Vater, ein Veteran, der immer wieder eigenwillige Briefe an die höchsten Ebenen der Politik adressiert, darüber mehr als froh.
Felix hingegen erlebt den Krieg in seiner ganzen Brutalität mit, als sein Kriegsschiff von einem Torpedo getroffen wird und den Zusammenhalt der Männer auf eine harte Belastungsprobe stellt.

Und auch die nachfolgende Generation wird vom Krieg nicht verschont. Hier wiederholt sich die Geschichte nicht als Farce, sondern als Tragödie und zeigt, wie die USA im Grunde bis heute immer wieder in Kampfhandlungen verwickelt sind, deren Opfer die Zivilbevölkerung bringen und ertragen muss…

Patrick Ryan setzt diese Linie nicht bis in die Gegenwart mit Irak- und Irankrieg fort, sondern lässt seinen dickleibigen Roman schon im Vietnamkrieg enden. Er muss aber auch gar nicht bis in die Gegenwart vordringen, um diese Belastung durch den Krieg selbst in den letzten Winkeln der USA, wie in seinem Falle dem ländlichen Idaho, zu illustrieren.

Buckeye ist ein starker Roman, der vor dem Hintergrund dieser zwei prägenden Kriege auf höchst unterschiedliche Schicksale blickt, die sich durch einen kleinen Moment der Euphorie verbinden und nie wieder lösen lassen. Ihm gelingt ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman, der bis auf wenige übersetzerische Unsauberkeiten (beispielweise verzehrte „Bärenklauen“ anstelle von gebackenen „Bärentatzen“) oder Anachronismen wie der „Griff nach der Barschaft“ auch im Deutschen zu überzeugen weiß.

Fazit

Wie das Schicksal zuschlagen kann, wie sich höchst verschiedene Leben doch zusammenfügen können, das illustriert Patrick Ryan mit Buckeye gekonnt. Sein Debüt wandelt auf den Spuren anderer amerikanischer Erzähler wie Nathan Hill oder Eric Puchner und unterhält dabei aufs Beste.


  • Patrick Ryan – Buckeye
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-98816-083-6 (park x ullstein)
  • 656 Seiten. Preis: 26,00 €

Eva Menasse – Alleinruhelage

Hinaus in die Wälder Brandenburgs begibt sich der neue Roman von Eva Menasse. Darin erzählt sie von einer Österreicherin in der ostdeutschen Waldeinsamkeit – und der Alleinruhelage, in der sich die Frau persönlich wie auch ihr Zuhause befinden.


Der deutsche Leser mag unverständig auf den Titel blicken, der einem von Eva Menasses neuem Roman entgegenscheint. Alleinruhelage, es ist einer dieser Austriazismen, die uns hierzulande völlig fehlen und die man in unserem Nachbarland besonders im Kontext von Immobilienanzeigen antrifft. Menasse selbst beschreibt den Begriff wie folgt:

Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten. Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage – wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf.

Eva Menasse – Alleinruhelage, S. 33

Dieses abgeschiedene Haus, das sich die Erzählerin zusammen mit ihrem Mann einst in der Nachwendezeit auf ehemaligem DDR-Gebiet sicherte, es hat die gewachsene Familie lange Zeit beherbergt. Früher war das Haus eine sogenannte Waldschänke, deren Umwidmung in ein Wohnhaus sich lange Zeit hinzog und vor diversen juristischen Hürden stand. Und doch wagte sich die namenlose Erzählerin mit ihrem Mann an den Umbau des Hauses und damit einen Start auf unbekannten Terrain, und das mit Erfolg. Denn für lange Zeit sollte das Haus einem Zuhause für ihre Familie werden.

Das Aufwachsen ihrer Kinder, die jährlichen Besuche von Freunden, das Miteinander mit den von ihr Sch’tis geheißenen Einwohner des kleinen Städtchens Vogelsang, die einen so anderen Dialekt sprechen, wie auch ihr Temperament dem der Erzählerin denkbar fern ist, das alles steht vor dem Satz, mit dem das Buch beginnt: Haus, ich verkaufe dich.

Rückblick auf ein Zuhause in Alleinruhelage

Eva Menasse - Alleinruhelage (Cover)

Fern sind nun die Zeiten, die sie sich im Lauf des Buchs noch einmal vor Augen ruft. Denn ihr Haus, das mit seiner Alleinruhelage für lange Zeit ein Rückzugsort war, sie will es verkaufen. Eine Trennung, der Wegzug der Kinder – vieles ist in eine neue Lebensphase getreten. Bevor diese mit der Veräußerung des Hauses auch sichtbar abgeschlossen ist, nimmt uns Menasses Erzählerin noch einmal mit zurück in alle Phasen, deren Zeuge das Haus in der ostdeutschen Provinz wurde.

Große Feiern mit Freundinnen, die den Widerwillen der anderen Datschenbesitzer hervorriefen, die beherzte Untertanmachung des nahegelegenen Sees mit einem Rückschnitt von Wasserpflanzen und Schilfrohr, pädagogische Herausforderungen durch ihre Kinder. All das besieht sie im Rückblick, wobei eine große Qualität von Alleinruhelage darin besteht, dass das ohne Larmoyanz, aber einen Wissen um die Endlichkeit der Stadien eines Lebens abgeht.

Menasses Buch ist von einer klarsichtigen Nostalgie durchzogen, die die Lektüre des Buchs zu einer kurzweiligen Angelegenheit und einer großen Freude macht. Die Perspektive der Zugezogenen auf einen Landstrich, der ihr sich nicht immer erschließt, ihr aber doch auch zu einem Herzensort wird, das arbeitet der Roman gelungen heraus.
Auch ist der Titel vortrefflich gewählt, weil diese Alleinruhelage in der Abgeschiedenheit nicht nur für das Haus gilt, sondern auch für die Erzählerin, die sich neu sortieren muss, nachdem sich so viele Bindungen gelöst haben, die sie Jahre lang eingesponnen hatten.

Fazit

Versetzt mit Zitaten aus Werken wie Meir Shalevs Mein Wildgarten oder Philip Roths Empörung entsteht ein kompakter, aber gedanken- und vor allem lebensreicher Text, mit dem die Erzählerin Abschied nimmt von einem Zuhause, vor allem aber einem Lebensabschnitt und eine Ort, der sich ihr nicht immer erschloss, der aber in ihr bleiben wird.

Deutlich knapper und leichter als ihr fast schon inkommensurables Magnus Opus Dunkelblum, mit dem sie zuletzt vor fünf Jahren literarisch von sich hören ließ, aber nicht weniger empfehlenswert ist dieser Ausflug in die österreichisch-ostdeutschen Beziehungen, die sich hier in Vogelsang vollziehen.


  • Eva Menasse – Alleinruhelage
  • ISBN 978-3-462-00262-1 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 224 Seiten. Preis: 23,00 €

Carl-Johan Vallgren – Deine Zeit wird kommen

In den Wäldern, da lauert die Gefahr. Mit seinem neuen Krimi Deine Zeit wird kommen nimmt der schwedische Autor Carl-Johan Vallgren mit in die düsteren Wälder Schwedens und erzählt von verlassenen Bunkeranlagen, verschwundenen Jugendlichen und einer verzweifelten Suche.


Auf dem deutschen Buchmarkt ist Carl-Johan Vallgren kein Unbekannter. Im Suhrkamp-Verlag erschienen schon vor über zwanzig Jahre Romane des schwedischen Autors. So tat er sich mit Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe auf dem Feld des historischen Romans um, lieferte dann mit Kunzelmann & Kunzelmann die Lebensgeschichte eines Konservators und Kunstfälschers, der mit vielen Tricks und Täuschungen das Nazireich überlebte und zum erfolgreichen Kunstexperten aufstieg.

Vor gut zehn Jahren erschienen dann zwei Krimis des Schweden bei Heyne und dem mittlerweile schon wieder eingestellten Label Heyne Encore. Sie erzählten vom drogensüchtigen Ermittler Danny Katz, der bei seiner Suche nach Verschwundenen und den Ermittlungen in einem Mordfall tief in die Abgründe der schwedischen Gesellschaft schaute.

Preis für den besten schwedischen Krimi 2024

Carl-Johan Vallgren - Deine Zeit wird kommen (Cover)

Nun, wiederum eine Dekade später, hat Carl-Johan Vallgren erneut im Suhrkamp-Verlag in dessen Krimiprogramm ein editorisches Zuhause gefunden. Deine Zeit wird kommen ist ein Krimi aus dem Jahr 2024, der in Vallgrens Heimat Schweden den Preis für den besten Krimi des Jahres errang.

Ähnlich düster wie in den beiden Bänden um Danny Katz blickt Vallgren auch hier auf ein Schweden, das weit weg ist von Midsommar-Helle und Astrid-Lindgren-Idylle. Sein Schweden ist ein waldreiches, menschenleeres, dunkles Land zwischen verlassenen Bunkeranlagen, heruntergekommenen Nerzfarmen und leerstehenden Sommerhäusern. Menschlich gesehen ist Vallgrens Welt auch nicht viel behauster, wie Deine Zeit wird kommen durchaus eindrucksvoll zeigt.

Alles beginnt bei ihm mit dem Fund einer Frauenleiche in einem Fluss im Jahr 1993. Geschoren und völlig abgemagert findet der Insasse einer nahegelegenen Psychiatrie nahe Falkenberg im Südwesten Schwedens die tote Frau, was die lokalen Polizisten um den ansässigen Kommissar Björling auf den Plan ruft. Zusammen mit seinem Kollegen Håkansson übernimmt er die Ermittlungen. Unterstützung gibt es aus dem fernen Stockholm, von wo aus die Ermittlerin Johanna zu den Polizisten stößt.

Verschwunden in den Wäldern Schwedens

Wo könnte die Frau gefangen gehalten worden sein? Wie kam sie in den Fluss – und wer könnte hinter dem Mord stecken? Während sich Johanna in die Vergangenheit der Region hineingräbt, durchsuchen Björling und Håkansson die Umgebung, was viele Touren durch Wälder, leerstehende Sommerhäuser und menschenverlassenen Bunkeranlagen dort in der Region bedeutet.

Unerwartet brisant wird der Fall durch das Verschwinden von Björlings Tochter. Diese wollte eigentlich mit ihrem Freund eine Kanutour durch die Wildnis unternehmen, gerät dabei allerdings in höchste Not, wie der dritte Erzählstrang des Krimis verrät. Fortan besteht nun also die Spannung nicht nur in der Frage, was es mit der Toten aus dem Fluss auf sich hat, sondern vor allem, ob Malin die Torturen überstehen wird…

Carl-Johan Vallgrens Krimi wirkt wie eine Weiterentwicklung eines Genres, das sich vor einigen Jahren noch größter Beliebtheit erfreute, an dem das Interesse nach den Hypewellen um Regio-Krimis, Domestic Noir und Cozy Crime aber wieder etwas abgeflaut ist: die Rede ist vom Schwedenkrimi, wie ihn vor allem Henning Mankell popularisierte.

Eine Vitalisierung des Scandinavian Noir

Dessen Kommissar Wallander feierte in Deutschland im Jahr 1993 seinen Einstand im Krimi Mörder ohne Gesicht – jenem Jahr, in dem auch Carl-Johan Vallgren seinen Krimi verortet. Tatsächlich verbindet Mankells Buchreihe und Deine Zeit wird kommen der Hang zum Scandinavian Noir, die Inszenierung Schwedens als dunkel-dräuender Ort, an dem das Verbrechen gedeiht und deutlich zu oft übersehen wird.

Zugleich kreuzt Vallgren die klassischen Krimielemente um die Ermittlung in Sachen der Frauenleiche mitsamt den typischerweise psychologisch vorbelasteten Ermittler*innen mit Suspense und Thriller, die aus der Gefangenschaft des Mädchens resultiert. Es ist ein Kniff, wie ihn beispielsweise auch schon der Däne Jussi Adler-Olsen in seinem Krimi Erbarmen anwendete und der aus den Ermittlungen eine Art Wettlauf gegen die Zeit macht.

Begleitet vom düsteren, zeittypischen Soundtrack von Nirvana stolpern, jagen und fliehen die Menschen hier durch die dunklen Wälder Schwedens, was einen großen Lesesog erzeugt und das Genre des Scandinavian Noir gehörtig vitalisiert.

Wer in dieser Sommertagen eine Abkehr von Sonne und Hitze sucht, dessen Zeit ist nun mit Carl-Johan Vallgrens Schwedenkrimi beziehungsweise Schwedenthriller definitiv gekommen!


  • Carl-Johan Vallgren – Deine Zeit wird kommen
  • Aus dem Schwedischen von Hanna Granz
  • ISBN 978-3-518-47551-5 (Suhrkamp)
  • 352 Seiten. Preis: 18,00 €

Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke

Der Roman als Jurte. In ihrem Debütroman Ein Königreich für eine Schnecke nimmt uns die die in Kanada lebende Autorin Maria Reva mit in ihre Geburtstland, die Ukraine. Sie erzählt von linksgewundenen Schnecken, entführten Junggesellen und einem Land im Krieg. Leider meint sie es dabei mit postmodernen Spielereien etwas zu gut…


Nach hundertdreiundneunzig Seiten ist Maria Revas Buch eigentlich am Ende angelangt, das macht zumindest das schriftgewordene ENDE denken, das den Text auch optisch beschließt. Eine Danksagung für Inspirationsquellen, unter anderem Lisa Hallidays Roman Asymmetrie und Deb Olin Unferth und ihr Roman Happy Green Family schließen sich an, nach biografischen Informationen und Anmerkungen zur verwendeten Schriftart ist Schluss mit dem Buch.

Doch da gibt es nur einen kleinen Haken. Auch wenn alles nach Ende aussieht, so weist Maria Revas Roman doch eigentlich noch weitere 275 Seiten auf, die dem Ende noch folgen sollen. Und auch der Text hat bis zu seinem vorläufigen Ende einige seltsame Wandlungen durchgemacht. Denn Revas Buch hört plötzlich nicht mehr auf den Titel Ein Königreich für eine Schnecke, sondern trägt den Titel Eine glückliche Familie ist nur ein vorgezogener Himmel, wofür sich die Autorin dann auch in der vorgezogenen Danksagung bei einigen Personen erkenntlich zeigt.

Wie das kam, dass das Buch plötzlich einen anderen Titel trägt, ist genauso wie das mitten ins Buch hineingepflanze Ende eine der vielen postmodernen Spielereien, mit denen Reva ihren Text auflädt. Denn ändernde Titel, Zwiegespräche mit einem Jurtenbesitzer, ein aus der Perspektive einer Schnecke geschildertes Kapitel oder die aus dem Text heraustretende Autorin sind nur einige Elemente in diesem Roman, der obgleich inhaltlich recht exzentrisch, zumindest auf der Erzählebene recht konventionell beginnt.

Drei Frauen, ein Bus und dreizehn Junggesellen

Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke (Cover)

Zunächst stehen zwei Frauen im Mittelpunkt des Romans. Jewa ist ein junge Frau, die sich dem Erhalt von Schnecken verschrieben hat. Einen Kleinbus hat sie zum mobilen Labor umgebaut, mit dem sie die ganze Ukraine bereist, um seltene Schnecken zu finden und diese mithilfe ihres rollenden Labors vor dem Aussterben zu bewahren. Das Geld für diese Missionen verdient sie bei sogenannten Liebestouren.

Diese Liebestouren werden von einer Agentur durchgeführt, bei der Junggesellen aus dem Ausland auf organisierten Touren in Kontakt mit ukrainischen Frauen gebracht werden, auf dass sie dort unter Zuhilfenahme von Dolmetscherinnen die Liebe ihres Lebens finden.
Auf die Liebe kann Jewa zwar verzichten, nicht aber auf das Geld, das ihr diese Liebestouren bescheren. Und noch eine zweite wichtige Begegnung beschert ihr die Liebestour, nämlich die Bekanntschaft mit den Schwestern Nastja und Sol.

Diese sind eigentlich auf der Suche nach ihrer Mutter, einer bekannten ukrainischen Aktivisten im Stile von Pussy Riot oder Femen. Sie ist verschwunden, weswegen die Schwestern einen waghalsigen Plan entwickelt haben.
Mithilfe von Jewa und ihrem mobilen Labor wollen sie Junggesellen entführen, um mit der spektakulären Aktion ihre Mutter auf sich aufmerksam zu machen oder wenigstens ihre Fährte aufzunehmen.
Doch aus den anvisierten hundert gekidnappten Junggesellen wird nicht nur eingedenk des mangelnden Platzes in Jewas Bus nichts, dreizehn Teilnehmer des Liebestouren können die drei Frauen dann aber doch in ihren Bus locken.

Die letzten Schnecken ihrer Art

Vollends wild wird diese Geschichte, als nun ein Bekannter Jewa auf die Existenz einer weiblichen Schnecke hinweist, die zur letzten noch lebenden Schnecke in Jewas Besitz, ein sogenannter Endling, passen könnte. Die außergewöhnliche linksgewundene Schneckenform macht die Tiere dergestalt außergewöhnlich, dass Jewa kurzentschlossen mit den Schwestern und den Entführten an jenen Ort aufbricht, an dem der Bekannte die Schnecke gesichtet hat.
Es ist ausgerechnet Cherson im Süden der Ukraine, die jede Minute im Begriff steht, in die Hände der heranrückenden russischen Truppen zu fallen. Doch davon lässt sich Jewa nicht aufhalten, schließlich geht es um das potentielle Überleben einer Schneckenart…

Ist der Plot von Ein Königreich für eine Schnecke mit seiner Engführung von Endzeit für die seltene Schneckenart und die Endzeit für die Ukraine schon extravagant genug, wird es durch den Entführungsplot noch einmal gesteigert. Doch es scheint, als hätte Maria Reva ein wenig der Mut verlassen, nur auf diese besondere Konstruktion zu vertrauen, weil sie diese Erzählung dann kurz vor Ende des ersten Buchs selbst implodieren lässt. Sie hinterfragt selbstkritisch die Tragfähigkeit ihrer Erzählanlage und biegt in einem zweiten Teil in eine völlig andere Richtung ab, als sie ihre Rolle als Schriftstellerin im Ausland reflektiert, die auf die Geschehnisse in ihrem Geburtstland schaut und hierzu einen Essay verfassen will, dessen Einreichung dem herausgebenden Magazin nicht ins Konzept passt.

Plötzlich will sie eine alternative Geschichte zu ihrer eigentlichen Erzählung um Jewa, die Schnecken, die zwei Schwestern und zehn Junggesellen schreiben, ehe dann ein Interview wieder die vierte Wand durchbricht und sich dem etwas rappeligen Ende des Buchs im zweiten Teil dann ein Dialog mit einem Jurtenmacher anschließt.
Das sind alles nette Spielereien, die den Fluss ihres Buchs unterbrechen, Ein Königreich für eine Schnecke in meinen Augen aber auch unnötig schwächen.

Zu viele Spielereien und erzählerisches Brimborium

Denn die ungewöhnliche Annäherung über die Schnecken und entführten Junggesellen ist eigentlich dazu angetan, einen interessanten Zugang zur Erzählung einer überfallenen Ukraine zu leisten, den man so noch nicht gelesen hat und der die Schrecken, das Groteske und die Falschheit dort vor Ort eindrücklich miterleben lässt (wodurch Ein Königreich für eine Schnecke auch an die jüngsten Erzählungen Serhij Zhadans und seinen großen Wurf Internat erinnert).

Alles weitere erzählerische Brimborium stört da eigentlich nur, auch wenn man argumentieren könnte, dass die konsequente Brechung des Erzählflusses auf stilistischer Ebene den Krieg nachbildet, der alle Normalität und Ordnung zerstört.
Und doch nimmt er in diesem Falle überwiegend nur den Fokus von der Wucht ihrer Geschichte weg, die gerade durch die Absurdität des Ganzen so gut geeignet ist, dem Wahnsinn der realen Welt erzählerisch zu trotzen. Hätte sich Reva mehr auf den Kern ihrer Geschichte verlassen, wäre Ein Königreich für eine Schnecke vielleicht noch ein besseres Buch geworden.

Eine weitere Perspektive auf Maria Revas Debüt gibt es in der Kulturzeit von 3sat, dort schildert die Literaturkritikerin Miriam Zeh ihre Perspektive auf den Roman.


  • Maria Reva – Ein Königreich für eine Schnecke
  • Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
  • ISBN 978-3-423-28548-3 (dtv)
  • 479 Seiten. Preis: 26,00 €