Monthly Archives: Mai 2018

Länderspecial Japan

Immer wieder bilden sich in meinem Lesen Muster, seien sie thematisch oder äußerlich bedingt. Ein solches Muster hat sich bei mir in den vergangenen Monaten mit japanischer Literatur herauskristallisiert. Begann das Ganze mit der Lektüre und Rezension von Haruki Murakamis neuem gehälfteten Roman Die Ermordung des Commendatore, setzte sich der sprichwörtliche japanisch-rote Faden mit der Lektüre weiterer Titel fort. Auf diese soll nun in diesem kleinen Special näher eingegangen werden:

 

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Das muss man erst einmal schaffen – im Text auf jegliche besondern Stilmittel verzichten, um dann einen Roman von solcher Tiefe und Vielschichtigkeit zu erzeugen. Die Autorin, der das gelungen ist hört auf den Namen Sayaka Murata und hat einen Roman mit dem Titel Die Ladenhüterin beziehungsweise im japanischen Original Konbini Ningen geschrieben. Die Übersetzung hat die Murakami-Expertin Ursula Gräfe besorgt.

In einem klaren, nüchternen und völlig frei von prätentiösem Stilwillen gehaltenen Ton erzählt Sayaka Murata dabei eine ungewöhnliche Geschichte. In einem sogenannten Konbini, einem 24-Stunden Supermarkt, arbeitet die Verkäuferin Keiko. Sie leidet unter völliger Gefühlsblindheit und imitiert die Verhaltensweise ihrer Kolleginnen. Ein perfektes Chamäleon, dem es an Herzensbildung mangelt. Im streng geregelten Umfeld des Supermarkts mit seinen zahlreichen Verhaltenscodes und Vorschriften geht sie völlig auf, im zwischenmenschlichen Umgang versagt sie und fällt aus den gesellschaftlichen Normen heraus. Die Arbeit ist ihr Ein und Alles und verleiht ihrem Leben Struktur. Acht Filialchefs des Konbini hat sie dabei schon kommen und gehen sehen. Doch eines Tages bekommt sie in ihrem Kombini einen neuen Mitarbeiter, der so ganz anders ist als alles, was Keiko Fukura so kennt.

Sayaka Muraka hat einen Roman über eine Frau geschrieben, die nicht arbeitet, um zu leben, sondern den umgekehrten Weg lebt. Ein Roman über die Frage der gesellschaftlichen Anpassung und der Herausforderungen, die die Gesellschaft an den einzelnen stellt. In Japan verkaufte sich dieses Buch über 650.000 Mal. Das ist mehr als beachtlich und nach der Lektüre kann man konstatieren, dass dieses Buch schon etwas hat, auch wenn es bei allem Verzicht auf schriftstellerische Finesse so schwer zu benennen ist. Außergewöhnlich!

 

 

Fuminori Nakamura – Die Maske

Kann aus einem schlechten Menschen ein guter werden? Oder verläuft unser Leben vorherbestimmt? Diese Frage steht am Anfang von Fuminori Nakamuras neuem Roman Die Maske, in der um den jungen Fumihiro kreist. Dieser wird von seinem Vater mit dem Ziel in die Welt gesetzt, ein Geschwür zu werden. Er soll für das Böse in der Welt sorgen und so das Erbe seiner Familie weitertragen. Doch Fumihiro will dieser Prädestination entgehen, gerade auch da er sich frisch in Miko verliebt hat. Das junge Mädchen weckt in ihm eine starke Anziehung und Liebe – für das Böse und dessen Ausprägungen ist da kein Platz. Doch so leicht entgeht man seiner Vorbestimmung nicht. Mit einem neuen Gesicht und einer neuen Identität will Fumihiro dem Schicksal entgehen – doch kann das wirklich klappen?

Fuminori Nakamura legt nach Der Taschendieb einen weiteren verrätselten Krimi vor, der den Leser oft zweifeln lässt. Der Japaner springt dabei zwischen der Vergangenheit und Gegenwart hin und her und webt ein Gespinst aus Anziehung, Täuschung und Niedertracht. Ein Buch zum Abschalten ist Die Maske nicht, auch wenn uns Nakamura erst scheinbar ganz einfach in seine Welt hineinlockt. Doch nachdem die erzählerische Tür hinter dem Leser zugefallen ist, sollte man sich besser vorsehen!

 

Hideo Yokoyama – 64

Ein hochspannender Roman – auch wunderbar gestaltet: Das ist der Thriller 64 des Japaners Hideo Yokoyama. Er erzählt in diesem Buch, an dem er 10 Jahre arbeitete, vom Pressedirektor Mikami. Dieser versieht im Pressebüro der Polizeibehörde in der Pröfektur D seinen Dienst. Er steht als Bindeglied zwischen der Presse und der Polizeibehörde, wird aber von beiden Seiten schikaniert und ausgegrenzt. Nicht leichter wird sein Job dadurch, dass seine Tochter verschwunden ist.

Und dann soll er auch noch alles für den Besuch eines ranghohen Polizeibeamten vorbereiten, der sich in Sachen 64 umtun will. Jener Fall treibt bis heute die Ermittler um, erinnert er sie doch an ihr größtes Versagen. 1989 wurde ein junges Mädchen entführt, der Erpresser entkam mit der Beute und ermordete das Mädchen. Die Angehörigen sind verzweifelt und der Polizei gelang es nicht, Ermittlungserfolge zu erzielen. Nun bringt die Nachricht der Polizeibehörde alles durcheinander – und plötzlich ist abermals ein Mädchen verschwunden. Mikami ermittelt zwischen den Fronten selbst und droht dabei zerrieben zu werden.

Das Buch überzeugt mit phasenweiser Hochspannung, mit einer genauen Zeichnung der Polizeibehörde, ihrer Dynamiken und ihrer Abgründe. Daneben gibt das Buch auch tiefe Einblicke in die japanische Mentalität und bringt jede Menge glaubhafter Figuren aufs Tapet.

Der Text wurde im Übrigen nicht aus dem japanischen Original, sondern von der englischen Übersetzung her ins Deutsche übertragen. Getan haben dies Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Ohne das Original zu kennen meine ich, dass sie ihren Job sehr gut erledigthaben.

 

David Schalko – Schwere Knochen

Gibt es einen österreichischen Sound in der Literatur? Und wenn ja, wie sieht der aus?

Ich würde sagen – auf alle Fälle ja! Mein sprachliches Bild der Alpennation wurde durch eigensinnige und genau deswegen so gute Autoren wie Thomas Bernhard oder im Speziellen Wolf Haas geprägt, Begeisterung quasi Hilfsbegriff. Die Sprache ist im Österreichischen immer blumiger, origineller und näher am gesprochenen Wort als im Deutschen. So zumindest meine Überlegungen in Bezug auf die Dichtomie von deutscher und österreichischer Sprache.

Wie aber komme ich nun auf ebenjene Fragen? Eigentlich ist es ganz einfach, denn ich war keine zwei Seiten weit im Roman Schwere Knochen von David Schalko fortgeschritten, da wusste ich – hier lese ich das Buch eines Österreichers. Auch ohne den Namen und den biographischen Klappentext des Buches (den ich freilich vorab kannte) war für mich von Anfang an klar: hier schreibt ein Österreicher. Der Sound ist unverwechselbar – was im vorliegenden Fall vor allem durch die Schwäche Schalkos für Eigennamen mit Artikeln erzeugt wird.

So dreht sich das Buch um den Krutzler, genauer gesagt Ferdinand Krutzler, auch der Nothilfe-Krutzler genannt. Mit Freunden bildet er ein im Wien der 30er Jahre eine Bande, die sogenannte Erdberger Spedition. Die Jungen sind Außenseiter und rutschen recht schnell von der halblegalen in die illegale Welt ab. Der Höhepunkt ihrer kriminellen Eskapaden trägt sich dabei just am Tag des Anschlusses von Österreich ans Deutsche Reich zu. Während sich die Alpennation auf dem Heldenplatz sammelt, räumen die Jungs die Wohnung eines Nazi-Kaders komplett aus. Ein echter Husarenstreich der Erdberger Spedition, der die jungen Männer um den Krutzler ins KZ bringt.

Dort tut sich vor allem der Krutzer als wendiger Überlebenskünstler hervor und traktiert und paktiert. Sowohl mit Aufsehern kann der Krutzler, als auch mit den Gefangen, die er auf Linie bringt. Doch das war nur der Anfang, denn nach dem Krieg wird in Wien aufgeräumt, als der Krutzler und seine Erdberger Spedition wieder auf freiem Fuß sind. Schon bald kennt die ganze Wiener Unterwelt den Namen von dem Krutzler – und fürchtet diesen zurecht.

Schwere Knochen ist ein wirkliches Epos. Ein Gangsterroman, ein Wien-Gemälde und ein nachtschwarzer Blick in die österreiche Halbwelt. Das Buch bildet den Abschluss einer Trilogie über die Gier; die beiden vorherigen Stücke sind die TV-Serien Altes Geld und Braunschlag. Dass der Abschluss dieser Trilogie nun als Buch statt als Serie vorliegt hat einen profanen Grund: die Kosten. Die Umsetzung dieses Buchs in einen Film wäre doch kostensprengend. Schließlich zeichnet Schalko über dreißig Jahre österreichische Geschichte nach,  blickt ins KZ und verschiedene Wiener Kneipen und schafft eine Art opulenten Wiener Paten.

Dies tut er mit einem bitterbösen Blick und einem Humor, der manchmal schon schwer an der Grenze des Erträglichen ist. Besonders hart neben der omnipräsenten Gewalt und den fragil-explosiven Figuren nehmen sich die Szenen im KZ aus. Wie hier über das Leid und das Morden geschrieben wird, das ist harter Tobak. Kaum erträglich, wenn man von Zebras liest und Schalko seinen Protagonisten nicht einmal ihre Würde lässt. Hier steht die Literatur der Realität in nichts nach – besonders erschütternd in Zeiten, in den österreichische Innenminister wieder davon sprechen, Flüchtlinge „konzentriert unterbringen“ zu wollen.

 

Schwere Knochen ist ein im Besten Sinne „österreichisches“ Buch. Grotesk, nachtschwarz, manchmal kaum erträglich und hinterfotzig.

Melissa Broder – Fische

Fragt man die unendlichen Weiten des Internets um Rat, welche Attribute mit dem Sternzeichen Fisch assoziiert werden, dann erhält man folgende Antwort:

Stärken

  • Selbstlosigkeit
  • Einfühlsamkeit
  • Geduld
  • Charme
  • Romantiker

Schwächen

  • Überempfindlichkeit
  • Labilität
  • Verschlossenheit
  • Beeinflussbarkeit
  • Umständlichkeit

 

Man verzeihe mir dieses Abgleiten in esoterische Gefilde, doch für die Besprechung des neuesten Buchs erscheint mir dies unerlässlich. Es handelt sich bei dem Buch um den Titel Fische der Amerikanerin Melissa Broder. Dieses Buch wurde mir als Überraschungspost vom Ullstein-Verlag zugeschickt – und ich habe mich wagemutig in die Lektüre gestürzt. Nach dem Buchende stehe ich nun vor der Mammutaufgabe, dieses Buch einzuordnen und zu erklären, warum es mir so gut gefallen hat. Eine Aufgabe, an der ich eigentlich nur scheitern kann.

Denn möchte man den Inhalt des Buchs wiedergeben, dann wird man dem Reiz, der von Fische ausgeht nicht gerecht. Im Gegenteil, schnell klingt eine Synopse dieses Buches wirr und allzu fantastisch. Jedem, der nach den nächsten Sätzen so empfindet, kann man es nicht verdenken: im Kern dreht sich das ganze Buch um Lucy und ihre Seelenwelt. Frisch von ihrem Freund getrennt, fällt Lucy in ein tiefes Loch aus Depressionen und Selbstzweifel. Ihre Halbschwester beauftragt sie halb aus Eigennutz, halb aus therapeutischen Gründen, ihre Villa in Venice Beach in Kalifornien zu hüten. Lucy willigt ein, zieht kurzzeitig in das luxuriöse Haus und besucht eine Therapiegruppe. Gemäß der alten medizinischen Weisheit, Gift mit Gegengift zu behandeln, stürzt sich Lucy kopfüber in Affären und spielt halb Tinder durch (dementsprechend unrühmliche Episoden inklusive). Doch dann lernt sie eines Abends beim Aufenthalt am Strand einen Schwimmer namens Theo kennen, der ein Geheimnis hütet. Er ist ein Meermann.

Zwischen Lucy und Theo entspinnt sich eine Amour fou, in der bald beide nicht mehr ohne den anderen können. Doch wie führt man eine Beziehung mit einem halben Fisch?

It’s a mad world

Klingt durchgedreht? Ist es auch, passt aber sehr gut zu Lucys sprunghaften und manchmal nahe am Borderline-haften Charakter, der Fische prägt. Das ganze Buch über beobachtet man Lucy bei ihren Versuchen, sich mit anderen Männern von ihrem Exfreund abzulenken – das ist manchmal peinlich, mal gnadenlos komisch, immer jedoch sehr direkt geschrieben. Alle Affekte, die positiven und negativen, die in der oberen Zusammenstellung aufgeführt sind, finden sich irgendwo im Laufe dieses Buchs wieder. Dabei gibt es Romantik genauso wie wankelmütige oder chaotische Szenen. Eine Warnung auch an dieser Stelle: wer empfindlich auf explizite Schilderungen reagiert, der sollte seine Finger (oder Flossen) definitiv von diesem Buch lassen. Von ihrer Menstruation bis zum Hundemord via Beruhigungstabletten – Fische ist ein Panoptikum an wahnsinnigen, peinlichen, erotischen und lustigen Szenen, die vom manchmal fast irren Charakter Lucys zusammengehalten werden.

Warum hat mich das Buch nun so erreicht, wie es es tut? Beschreiben kann ich das nur unzureichend. Ich schätze auf, dass ich nicht die primäre Zielgruppe dieses Buchs bin. Sicherlich kann man das Buch dafür hassen, wofür ich es schätze. Diese ganze Explizität, der ganze Borderline-Wahnsinn, die Oberflächlichkeit des kalifornischen Way of Life. Fische ist voll davon und schildert eine Welt irgendwo zwischen Tinderwahnsinn, Achtsamkeit und Avocado-Toasts. Aber je weiter ich las, umso mehr Facetten von Lucy erkannte ich aus meinem Leben und meinen Erfahrungen. Diese Unverbindlichkeit, diese stete Suche, dieses Gefühl von Authentizität – irgendwie verfing sich dieses Buch bei mir. Als allgemeingültige Empfehlung kann ich dies aber nicht gelten lassen, ich glaube, dass dieses Buch stark polarisiert und alle Leser zu unterschiedlichen Bewertungen herausfordern wird. Von meiner Seite aus gibt es eine klare Empfehlung, wenn man sich auf ein abgedrehtes Buch einlassen will, das sich irgendwo zwischen Girls und The shape of water einordnen lässt.

Broder, Melissa: Fische. Aus dem Englischen von Eva Bonné (erschienen im Ullstein-Verlag, ISBN 9783550050299, 21,00 €)

Backlist lesen: Wasserland

Warum immer nur das Neueste vom Neuesten lesen und in den Neuerscheinungsrausch verfallen? Auch die Backlist-Programme der Verlage bieten viele vergessene Perlen. In Zeiten, in denen Bücher maximal drei Monate in den Buchregalen verbleiben, ehe der nächste Schwung an Novitäten kommt, sollte man auch manchmal innehalten. Rückschau statt Vorschau ist das Motto – hierfür steht diese Kategorie. Eine solche Backlist-Perle möchte ich heute vorstellen, es handelt sich um den im Original 1983 erschienen Roman Wasserland von Graham Swift (Übersetzung aus dem Englischen von Erika Kaiser).

Das Buch ist eine Hommage an die Landschaft der Fens im Osten Englands, eine vom Wasser geprägte Natur. Der Fluss Ouse und viele weitere Nebenflüsse durchmessen diese Landschaft und prägen damit auch das Erzählen in Wasserland. Denn Graham Swift verschafft der mäandernden und chaotischen Natur des Wasser ein wunderbares Abbild in der Struktur des Romans. Er erzählt achronologisch, springt durch Themen, unterbricht den Lesefluss, umkreist Themen – genauso wie es ein Fluss in der Landschaft tut. Linear oder gar stromlinienförmig ist in Wasserland eigentlich nichts. Ausgangspunkt ist der Lehrer Tom Crick, der in seinen letzten Unterrichtsstunden von einem Assoziationsstrom zurück in seine eigene Kindheit in den Fens getragen wird.

Er erzählt dabei die Geschichte seiner Familie, die eng mit der der Fens verbunden ist. In dieser Familie gab es Bierbrauer, Kriegsheimkehrer, Liebe, Inzest und sogar einen Mord. Dieser bildet gewissermaßen den Auftakt des Erzählreigens. Denn als junger Mann findet Tom Crick die Leiche eines Freundes im Wasser vor der Schleuse, für die sein Vater als Wärter zuständig ist. Die damaligen Ereignisse und Zusammenhänge werden langsam während der Lektüre der knapp 500 Seiten offenbar.

Neben der wunderbaren Sprache und den Bildern, die das Buch heraufbeschwört, muss auch auf die Komposition dieses Buchs eingegangen werden. Kleine Leitmotive, klug eingesetzt, durchziehen Kontrapunkten gleich dieses Buch. So geben etwa das Wasser oder das ständige Vorkommen von Kreisen, die sich teils erst nach Jahrzehnten schließen, dem Buch Rhythmus und Struktur.

Nur ein Beispiel sei an dieser Stelle genannt. Tom Crick versieht seinen Dienst als Lehrer in England an einer ganz besonderen Stelle, die die Anfang und Ende des Erdkreises markiert. Die Rede ist natürlich von Greenwich – der Stelle des Nullmeridians, nach dem sich die Zeit und die geographischen Längengrade bemessen. Höchst symbolkräftig also dort, wo alles endet und wieder neu beginnt. Greenwich ist einer dieser Kreise, der das ganze Leben Cricks und seiner Schüler bestimmt oder bestimmen wird. Und dererlei Spielereien gibt es – mal versteckter, mal klarer – zuhauf. Man könnte alleine über die Symbolik ganze wissenschaftliche Arbeiten verfassen.

Fazit: Bierbrauer, Aale, eine Mord – Wasserland ist ein bilderreicher und prächtig schimmernder Erzählbogen allererster Güte. Ein sprachliches und kompositorisches Juwel, das ästhetischen Hochgenuss und sprachliches Breitwandkino bietet. Eine wirkliche Backlistperle, die unbedingt wiederentdeckt werden sollte. Und zudem ein Kandidat meiner ewigen Top10-Bücher – mehr muss man wirklich nicht sagen!

Das literarische Doppel: Madame Nielsen und Max Scharnigg

Manche Ideen für literarische Doppel liegen auf der Hand: bei den vorliegenden Büchern von Madame Nielsen und Monsieur Max Scharnigg ist das mal wieder der Fall. Alleine schon die Titel Der endlose Sommer und Der restliche Sommer laden zu Vergleichen ein. Und auch inhaltlich bieten die beiden Büchern viele Berührungspunkte.

Madame Nielsen erzählt in ihrem preisgekrönten Buch von einem Reigen Menschen, die einen endlosen Sommer erleben. Wer nun aber an durchtanzte laue Sommernächte, Familienfeste im Grünen und Strand denkt, der liegt falsch. In Nielsens Buch ist auch der Tod und die Endlichkeit stets präsent, pures Glück findet sich in diesem Buch nicht, eher ist das Buch ein melancholisches und sich seiner Endlichkeit bewusstes Requiem. Ganz besonders macht es dazu die Sprache, die die Dänin Nielsen verwendet. Denn diese ist nicht anders als endlos zu nennen. Unendlich scheinende Bandwurmsätze voller Kommata, verschwimmende Strukturen und eine sich selbst auflösende Syntax. Das ist experimentell und stellenweise wirklich anstrengend zu lesen (Übersetzung aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer).

Ganz anders ist da zunächst das Buch Der restliche Sommer von Max Scharnigg. Das Buch ist sehr zugänglich, setzt aber bei tieferer Betrachtung auch auf ein fast identisches Thema wie Madame Nielsen. Zudem ist bei beiden Autor*innen das handlungsentscheidende Sehnsuchtsland das Gleiche: Portugal.

Dänischer Sommer versus Deutscher Sommer

Auch bei Scharnigg gibt es einen Reigen von Figuren, die miteinander in Abhängigkeit stehen. Anders als bei Madame Nielsen aber bekommen die Figuren hier allesamt Kontur und werden lebendig. Es handelt sich bei diesen Personen um einen Kolumnisten, der als Benimmpapst einer Zeitschrift schriftliche Ratschläge gibt (Harald Martenstein lässt grüßen). Desweiteren gibt es eine Paartherapeutin, die selbst getrennt ist, ein hypochondrischer und larmoyanter Entwickler, eine junge Feministin und noch viel mehr. Die Personen treten alle durch ihre Handlungen in Wechselwirkung miteinander und erleben alle auf ihre Art einen besonderen Sommer. Max Scharnigg ist ein viel zu guter Autor, um hier aber in die Kitsch-Falle zu treten. Vergänglichkeit und Scheitern runden hier auf angenehm realistische Weise die gesamte Handlung, sodass kein literarischer Sonnenstich zu erwarten ist. Besonders gut gefällt mir auch die schriftstellerische Klasse Scharniggs, immer wieder prägnante Formulierungen und Wendungen zu finden, sodass seine Figuren wirklich vor das Auge des Lesers treten.

Man kennt das ja von einem Urlaub am Strand, an dem Lektüre in Buchform dabeihatte. Immer wieder rieselt einem Sand entgegen, wenn man das Buch daheim wieder aufklappt. Würde man Der restliche Sommer nehmen und ähnlich wie nach einem Strandurlaub verfahren – hier würden an allen Stellen tolle Bonmots und treffende Beobachtungen aus den Seiten rieseln. Ganz große Klasse!

Leicht, aber nicht zu leicht, tolle Formulierungen – so stelle ich mir Sommerlektüre mit Anspruch vor. Der Gewinner meines literarischen Doppels steht fest!