Einen Schauerroman alter Schule bietet der Argentinier Diego Muzzio in seinem Roman Goliaths Auge auf. Darin erzählt er vom Wahnsinn und seinen Facetten, die sich nicht nur in einer Edinburgher psychiatrischen Anstalt, sondern auch in einem Leuchtturm vor der argentinischen Küste zeigen.
Dass Diego Muzzios Werk auch eine Verbeugung vor den Werken Robert Louis Stevensons ist, das lässt sich schon feststellen, bevor die Handlung von Goliaths Auge wirklich begonnen hat. Denn gleich zwei Zitate aus Stevensons Klassiker Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind dem Buch vorangestellt.
Nicht nur, dass die Zitate aus dem Buch auf die Handlung einstimmen, auch ist die Schauergeschichte vom hoch angesehenen Doktor Jekyll und seiner zweiten Persönlichkeit, dem unberechenbaren Mr. Hyde das Lieblingsbuch des Psychiaters Dr. Pierce, der in einer Art Luxussanatorium für die Oberschicht an der Heilung besonderer Formen von Psychosen und Ähnlichem arbeitet. Er ist eine der beiden zentralen Figuren, um die Muzzios Roman kreist, die schon bald Besuch bekommt.
Dr. Pierce und Mr. Bradley
Es ist ein Ingenieur, der Dr. Pierce aufsucht, um ihm den Fall eines anderen Ingenieurs zu schildern, bei dem sich der Herr Unterstützung erhofft. Sein Name ist David Alan Stevenson, was natürlich gleich Assoziationen beim Psychiater weckt.
„Das ist kein Zufall, Doktor“. Die Stimme des Ingenieurs war tief und kräftig, sodass er sich angewöhnt hatte, beinahe zu flüstern, um ihre ungewollte Wucht zu dämpfen. „Robert war mein Vetter, auch wenn ich ihn kaum gekannt habe: Er war häufig krank und starb im Südpazifik bei den Wilden. Ich glaube fast, dass der Tod manchmal eine Erlösung ist.“
Diego Muzzio – Goliaths Auge, S. 14
Pierce erklärte, dass Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde eines seiner Lieblingsbücher sei. Zwar vergeude er normalerweise seine Zeit nicht mit Romanen, fügte er hinzu, aber für diesen hege er eine besondere Schwäche, weil er ein psychiatrisches Thema behandele: die Störung oder Spaltung der Persönlichkeit. Stevenson bemerkte nichts dazu.
Das Thema der Persönlichkeitsstörung wird besonders deutlich, da Stevenson einen zweiten, deutlich jüngeren Ingenieur mit nach Edinburgh gebracht hat. Dieser arbeitete wie Stevenson selbst für das schottische Northern Lighthouse Board, ein Komitee, das der Pflege der schottischen und der Isle of Man befindlichen Leuchttürme diene.
Im Auftrag der argentinischen Regierung sollte das Board auch Leuchttürme vor der Küste Patagoniens und Feuerlands warten, wofür man den jungen Ingenieur David Bradley entsandte, der sich um einen Leuchtturm namens Goliaths Auge kümmern sollte.
Der Wahn des Leuchtturmwärters
Doch irgendwas scheint bei diesem Einsatz katastrophal schiefgelaufen zu sein, denn Bradley wurde von der Mannschaft eines Bootes dem Wahnsinn nahe aufgegriffen und leidet seitdem unter einer völligen Verformung seiner Persönlichkeit. Katatonisch sind es nur noch Schwimmbewegungen, die der junge Mann ausführt, weshalb sich Stevenson von der Behandlung durch Dr. Pierce eine Linderung des Leids seines Kollegen erhofft.
Besonders interessant wird der Fall, da Bradley während seiner Zeit auf Goliaths Auge Tagebuch geführt hat, in das sich Dr. Pierce versenkt, um den Traumata und seelischen Verwundungen seines Patienten auf den Grund zu gehen. Doch schnell zeigt sich, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde vielleicht nicht nur in der Seele Bradleys wohnen…
Goliaths Auge ist ein Schauerroman, der fast als viktorianisch durchgehen könnte. Psychologie und die widerstreitenden Schulen in der Zeit nach Freud, das Eintauchen in die Erlebniswelt des Leuchtturmwärters und seiner erschreckenden Erlebnisse, dazu die psychischen Wunden des Ersten Weltkriegs, die sich in Edinburgh wie auch auf der anderen Seite der Weltkugel in den Figuren manifestieren, die Muzzio in den Mittelpunkt seines Romans gesetzt hat.
Bisweilen liest sich Goliaths Auge, als träfe Robert Louis Stevenson, auf Emma Stonex‘ Die Leuchtturmwärter, als träfe der Grusel eines frühen Carlos Ruiz Zafon auf den von Zafons katalanischen Landsmann Albert Sánchez Piñol und dessen Werk Pandora im Kongo – und das alles im Spannungsfeld der erstarkenden Psychoanalyse.
Zudem hat Muzzio auch seine englischen Klassiker sehr parat. Denn nicht nur, dass Robert Louis Stevensons Schreiben eine wichtige Rolle spielt, auch taucht ein schwarzer Albatros auf der abgelegenen Insel auf, der immer wieder den Leuchtturm und den Geist Bradleys umflattert.
Das weckt natürlich starke Assoziationen zum Gedicht The Rime of the Ancient Mariner von Samuel Taylor Coleridge, das Erika Fuchs für das Lustige Taschenbuch 1966 wie folgt ins Deutsche übertrug: „Weh mir Frevler, dass ich schoss, den Todesvogel Albatros“.
Und welches Büchlein findet sich dann auch tatsächlich im Leuchtturm wieder? Tatsächlich ist es ein Gedichtband mit Werken von Coleridge, zu dessen Lebzeiten Anfang des 19. Jahrhunderts eine Welle der gotischen Schauerliteratur übers Land schwappte…
Fazit
Es ist eine sehr anregende Mischung, die vor allem durch die zwei unterschiedlichen Erzählwelten des um die Anerkennung der Fachwelt ringenden Psychiaters in Edinburgh und das Tagebuch des Leuchtturmwärters mit seinem erstarkenden Wahn und der Verschiebung der Realität – schwarzer Albatros inklusive – die miteinander in Wechselbeziehung treten.
Zudem ist Muzzios Roman sehr konzentriert, bietet auf gerade einmal gut 200, von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übertragenen Seiten Grusel alter Schule, der sich gängigen Erzählmoden und Schreibtrends widersetzt (was bereits auf dem Cover gestalterisch schon wunderbar aufgegriffen wird).
Goliaths Auge ist ein Spiel mit Wahn und Wahnsinn – und eine Hommage an das Erzählen eines Robert Louis Stevenson, die wirklich gut funktioniert.
- Diego Muzzio – Goliaths Auge
- Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
- ISBN 978-3-86648-758-1 (Mareverlag)
- 205 Seiten. Preis: 22,00 €




