Prosa, die verweht wie Nebelschwaden über der Urft. Einmal mehr kehrt Norbert Scheuer zurück in die Eifel, um in Holunderholz über Erinnerung und die Anfälligkeit von Erinnerungsinstrumenten zu schreiben.
Wie bewahrt man Erinnerungen auf, wie nähert man sich der eigenen Geschichte? Judith Hermann schrieb mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit einen der meistdiskutierten Romane des Frühjahrs, der sich mit den Erinnerungen, dem Umgang mit dem familiären Erbe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Möglichkeiten, sich der Vergangenheit anzunähern, auseinandersetzt..
Norbert Scheuer folgt ihr thematisch nun nach und widmet sich mit Holunderholz ebenfalls diesen Themen.
Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter des Erzählers Johann. Mit ihrem Tod geht auch ein gewisser Strömungsabriss in Sachen Erinnerung und eigener Familiengeschichte einher. Doch die Erinnerungen seiner Mutter sind nicht ganz verloren, teilweise sind sie in Form von Notizheften konserviert.
Auch aus der Generation zuvor haben sich Aufzeichnungen erhalten, diese liegen dem Erzähler Johann in Form von Tonbändern eines Magnetophons vor. Doch obschon beide Erinnerungsmittel in schriftlicher und klanglicher Weise Zugang zum Denken und Erleben der früheren Generationen erlauben, sind sie auch beide keine sonderlich zuverlässigen Instrumente. Wo den Notizbücher zumeist eher der Ton lyrischer Notate und weniger zuverlässiger Erkenntnisse zu eigen ist, so ist es um die Tonbänder noch schlimmer bestellt.
Erinnerungen zwischen Notizheften und Tonbändern
Immer wieder brütet Johann überm Rauschen der Tonbänder, auf denen sich nur Fetzen von Gesprächen und Lautmalereien erhalten haben. Mit viel Akribie und technischen Basteleien versucht er, die Bänder zu retten, bei deren Übertragung und Flickschusterei auch unwillkürlich immer wieder eine Stück Vergangenheit verschwindet, wenn die Bänder im Übertragungsprozess Schaden nehmen.
Dennoch lässt sich Johann nicht entmutigen und versucht über das Abhören der Bänder ein Bild von der Nachkriegszeit dort in der Eifel zu erhaschen. Die kurzen Skizzen des den Bändern Abgelauschten fließen in den Text ein und geben in Schlaglichtern Eindrücke jener Zeit, die Scheuer auch in seinem vorletzten Roman Winterbienen eingehend erkundete.
Das Suchen nach einem angeblichen von den Amerikanern in einem Maar-See versenkten Schatz, Dorfgeheimnisse, ein explodierter Bunker in der Nachkriegszeit. Was an sich schon ein rechtes Kauderwelsch auf den Bändern wäre, wird größtenteils noch unverständlicher, da im ripuarische Dialekt gesprochen wird, der in der Gegend um den bei Scheuer literaturgewordenen Ort Kall gepflegt wird.
Wie ein Leitmotiv dieses inhaltlichen und klanglichen Durcheinanders gesellt sich noch der Klang einer aus Holunderholz geschnitzten Flöte, der auf den Bändern zu hören ist. So blitzt immer wieder die Vergangenheit durch den Klang der Tonbänder in die Gegenwart hinein. In den Text fließen diese kurzen verschriftlichten Klangstücke in Form von drehbuchartigen Skizzen ein.
Vom Fassen des Konkreten
Der Versuch des Fassens von Konkretem inmitten des Unkonkreten setzt sich auch in der Gegenwartsebene von Scheuers Roman fort. Denn beruflich arbeitet Johann als Programmierer in einer Firma, deren wichtigstes Softwareprodukt beunruhigende Fehlerbilder zeigt. Doch auch hier erweist sich die Fehlersuche als unerquickliche Angelegenheit. Ohne das Wissen seines absenten Kollegen und nur mit einer unzureichenden Dokumentation des schon fast palimpsestartigen Codes ausgestattet wird die Suche nach dem Fehler im System zu einer kräftezehrenden Angelegenheit, bei der nur die Arbeit mit dem Magnetophon des Großvaters und der regelmäßige, durch Schlafstörungen bedingte nächtliche Besuch der nahegelegenen Raststätte Pausen verheißt.
Vergangenheit und Gegenwart, Tod und Bewahrung, alles geht hier ineinander über. Zudem ist Holunderholz ein Roman, der fast beiläufig das Spektakuläre in das Gewöhnliche integriert. Die Explosion eines Bunkers in der Nachkriegszeit ist hier genauso zu nennen wie eine nicht minder spektakuläre Schlusswendung in Johanns Arbeitsbiografie, die Scheuer beiläufig in sein Erzählen einfließen lässt.
War es bei Judith Hermann das Bild der Grabung in der Erde, die ihr Suchen nach Vergangenem illustrierte, ist es bei Norbert Scheuer eher das Greifen nach Nebelschwaden, wie man sie im Urftland dort in der Eifel besonders im Herbst beobachten kann. Das Heraushören einzelner Tonfetzen inmitten des Rauschens der Tonbänder, die Suche nach dem schadhaften Fehlerzeilen inmitten eines hochkomplexen, immer wieder geflickschusterten Codes, auf verschiedenen Ebenen zieht sich dieser Versuch des Fassens von Konkretem durch Norbert Scheuers Roman.
Nicht ganz so zersplittert wie in seinem letzten Roman Mutabor ist sein Erzählen hier, das trotzdem wenig fasslich bleibt. Vieles ist nur hingetupft oder zerfasert beim Versuch es zu greifen. Ein letztes Beispiel wäre hier das Geheimnis von Johanns Mutter, das im letzten Teil aus Holunderholz fast so etwas wie einen Krimi macht, der dann doch keine allzu befriedigenden Antworten liefert.
Begibt man sich in Norbert Scheuers Erzählkosmos, dann kommt einem Vieles bekannt vor. Die Grauköpfe im Café des örtlichen Supermarktes, die die unglaublichsten Geschichten kennen, der Kneipenwirt Evros, dessen Geschichte im schon erwähnten Mutabor von Scheuer aufgegriffen wurde – mit Holunderholz schreibt der Eifeler Autor weiter an seiner literarischen Chronik des Städtchens Kall, das mit dem vorliegenden Band weiterwächst.
Fazit
Kann man eine Nebelschwade greifen oder den Ton einer Flöte festhalten? Natürlich nicht, aber man kann versuchen, ihn mit technischen Mitteln zu bewahren oder eben das Vergängliche in Literatur zu bannen. Norbert Scheuer probiert letzteres, indem er von ersterem in Holunderholz erzählt. So erschafft er einen Roman zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in dem die Zeitebenen und Themen ineinander übergehen. Der Unzuverlässigkeit von technischen Erinnerungsmitteln stellt er der die Möglichkeit der Literatur gegenüber und findet in der Suche nach dem Konkreten inmitten des Vergänglichen sein großes großen Leitmotiv.
- Norbert Scheuer – Holunderholz
- ISBN 978-3-406-85117-9 (C. H. Beck)
- 256 Seiten. Preis: 26,00 €





