Dieser Butler hat ein Geheimnis. Der Pendragon-Verlag und Übersetzer Stefan Weidle machen mit George Moores Albert Nobbs eine Novelle aus dem Jahr 1918, die eindrucksvoll zeigt, dass wir als Gesellschaft schon einmal weiter waren, als es heutige Diskurse um Geschlecht und Identität manchmal nahelegen.
Ein Floh ist schuld. Ohne diesen wäre Albert Nobbs größtes Geheimnis nie ans Tageslicht gelangt, so erzählt es uns George Moore in seiner Novelle aus dem Jahr 1918. Denn eigentlich ist Albert ein Etagenkellner von höchster Reputation, der seinen Dienst in einem Dubliner Hotel versieht. Doch nun soll er eines Tages – oder besser Abends – sein Bett mit einem Handwerker teilen, da sich kein freies Bett mehr im Hotel findet.
Höchst ungern gibt er sein Bett für den Handwerker frei, denn Albert hütet ein Geheimnis. Als er nun aufgrund eines Flohs, den sein Schlafgast in die Kammer importiert hat, wachgehalten wird, erkennt der Handwerker plötzlich Alberts großes Geheimnis: er ist nämlich eine Frau, wie er dem Handwerker gestehen muss.
„Sieben Jahre“, wiederholte Page erneut, „sieben Jahre weder als Mann noch Frau, nur ein Dazwischen.“
George Moore – Albert Nobbs, S. 31
Er hatte die Worte mehr zu sich selbst gesprochen als zu Albert, da er aber nun spürte, dass er sich unvorsichtig ausgedrückt hatte, hob er den Blick und las in Alberts Gesicht, wie tief er sie getroffen hatte, als spüre diese Ausgestoßene beider Geschlechter ihre Einsamkeit vielleicht noch tiefer als je zuvor.
Während Hubert noch darüber nachdachte, welche Worte er finden konnte, um Albert mit ihrem Schicksal zu versöhnen, murmelte diese: „Weder Mann noch Frau; doch bis zu meinem Tod hätte niemand je Verdacht geschöpft, hätten Sie nicht diesen Floh eingeschleppt.“
Doch was an sich als höchst ungewöhnlich gälte, steigert George Moore noch durch eine schöne Pointe. Der Handwerker ist nämlich ebenfalls eine Frau, die sich für ein besseres gesellschaftliches Auskommen auch als Mann ausgibt. Es sind zwei Figuren, die sich einer klaren geschlechtlichen Einordnung entziehen und doch ihren Weg gehen.
Keine Problematisierung, sondern gute Unterhaltung
Das Tolle an George Moores Novelle ist, dass er die Geschlechterscharade gar nicht weiter problematisiert, sondern sich vielmehr auf die Entwicklung seiner Figur konzentriert. Nach der unfreiwilligen Enthüllung bekommt Albert einfach das Personalpronomen „sie“ zugewiesen und weiter gehts in der Geschichte, die ja noch viel Spannenderes zu erzählen hat, als sich nur auf den geschlechtlichen Registerwechsel zu konzentrieren.
Denn dieser Albert Nobbs hat auch Wünsche und sieht sich nach einer Partnerin um, die ihm zu seinem Glück fehlt. Doch statt die passende Frau an seiner Seite entdeckt er plötzlich den Geiz in sich. Eifrig spekuliert er auf Trinkgeld und hortet es in seinem Zimmer, um damit Träume zu erfüllen, die immer weiter in die Ferne rücken.
Möchte man es kurz fassen, dann ist Albert Nobbs eine leichte Erzählung gegen allzu starre geschlechtliche Binarität, die manche Parteien dieser Tage wieder einfordern. Der Ire George Moore, der 1852 geboren wurde und der zeitweise in Paris lebte, wo er künstlerischen Umgang mit den Größen seiner Zeit pflegte, präsentiert mit Albert Nobbs eine Figur, die sich nicht nur in geschlechtlicher Hinsicht einer klaren Wertung entzieht, was seine Novelle umso interessanter macht.
Der Geschlechterwechsel ist frei von billiger Travestie-Komik oder überschwerer Metaphorik, stattdessen erzählt er sich einfach durch Alberts Leben und sein Vermächtnis, was Übersetzer und Entdecker Stefan Weidle in seinem Nachwort dann weiter einordnet.
Weidle, der mit Mary Shelleys Mathilda schon einmal sein Gespür für die Entdeckung vergessener Werke der englischen Literaturgeschichte unter Beweis gestellt hat, liefert eine frische Übersetzung der Novelle von 1918 und geht auf die spärlichen literarischen Spuren ein, die George Moore insbesondere hierzulande hinterlassen hat.
Am bekanntesten dürfte noch die Verfilmung des Buchs mit Glenn Close als Albert Nobbs aus dem Jahr 2011 sein, die den 1933 verstorbenen Künstler dadurch etwas dem Vergessen entriss. Mit der vorliegenden Ausgabe leisten der Pendragon-Verlag und Stefan Weidle einen weiteren entscheidenden Beitrag, um das Oeuvre des zeitweise Malers, Lyrikers, Kunstkritikers und Autors weiter in Erinnerung zu halten. Denn das da noch Einiges seiner Entdeckung harrt, auch das stellt Weidles Nachwort klar.
Fazit
Gerade dieser Tage ist die Lektüre von Albert Nobbs erhellend, zeigt sie neben aller Unterhaltung doch auch, dass Geschlecht mehr als nur Biologie und starre Kategorien sein kann. Sein Albert beweist mit seinem Leben jenseits fester Geschlechtergrenzen, wie locker und unverkrampft man sich nicht nur literarisch dieser Thematik nähern kann. Man sollte die Erkenntnisse dieser über hundert Jahre alten Erzählung nicht gering achten – auch unserer Gesellschaft würden Moores Erkenntnisse in so manch überhitzter Debatte guttun!
- George Moore – Albert Nobbs
- Aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Stefan Weidle
- ISBN 978-3-86532-967-7 (Pendragon)
- 100 Seiten. Preis: 20,00 €




