Ein furioses Fest der Sprache und die Studie eines jungen Mannes, dessen Vita noch heute Rätsel aufgibt. Jakob Wassermann wendet sich in seinem 1908 erschienenen Roman auf herausragende Art und Weise dem Schicksal Caspar Hausers zu und erzählt weit über den historischen Rahmen hinaus eine Geschichte von Identitätsfragen und Erwartungen.
Es war im Jahr 1828, da ein junger Mann in Nürnberg auftauchte, dessen Schicksal sich schon bald zu einer cause célèbre auswachsen sollte und dessen Name bis heute mythenumrankt ist. Kaspar Hauser war der Name jenes Kindes, der sich schnell zum Stadtgespräch in der fränkischen Stadt entwickeln sollte. Jakob Wassermann bannt diesen Vorgang in eine unvergleichliche Prosa, die seinen 400 Seiten starken Roman wie folgt eröffnet:
In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.
Jakob Wassermann – Caspar Hauser, S. 9
Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wusste, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.
Wie aus dem Nichts erscheint der Junge, aufgrund dessen Entwicklungsstand hinter seinem offensichtlichen Alter zurückgeblieben ist. Da er sich nicht nennenswert mitteilen kann, schießen die Spekulationen um das Nürnberger Findelkind schon bald ins Kraut. Woher kommt der Junge, ist er möglicherweise sogar adeliger Abstammung, dessen Existenz verheimlich werden sollte?
Ein Junge ohne Identität
Ein boulevardesker Erregungsschauer erfüllt die halbe Stadt. Dieser eignet sich als literarisches Ausgangsmaterial wunderbar für Jakob Wassermanns Roman, der sich an den verbürgten historischen Tatsachen rund um das Auftauchen des identitätslosen Jungen im Jahr 1828 orientiert.
In eine überaus reiche, historisierende Sprache gekleidet erzählt Wassermann von der Aufregung, die von Nürnberg bis ins benachbarte Ansbach reicht, ausgelöst durch die bloße Existenz Kaspar Hausers. Der Nürnberger Bürgermeister, das Appellgericht, Lehrer, Polizei und Professoren, sie alle sehen in ihm ein Faszinosum, das wahlweise befragt, studiert oder gebildet werden soll.
Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und Bedeutungsvolle bildvoll herauszauberte, so daß es Daumer zumute war, als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper, in den der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.
Jakob Wassermann – Caspar Hauser
Die Einwirkung unterschiedlichster Kräfte

Wie ein moderner Pygmalion oder auch Frankensteins Kreatur wirkt der Junge oftmals, den die oberen Teile der Stadtgesellschaft und weniger als menschliches Individuum denn als formbares Material begreifen. Der Zeit in einer Zelle in der Nürnberger Kaiserburg folgen weitere Stationen in den Häusern der Nürnberger Patrizier bis hin zu einem Aufenthalt in Ansbach, wo Hauser nach einem Mordanschlag in Sicherheit gebracht werden soll.
Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens operiert nämlich auch mit einem gewissen Suspense-Anteil, welcher sich ja auch durch den rätselhaften Tod begründet. Nachdem der Junge in Nürnberg bereits von einem unbekannten Attentäter verletzt wurde, ist es eine Stichverletzung im Ansbacher Hofgarten, beigebracht möglicherweise durch einen Fremden, an der Hauser fünf Jahre nach seinem Auftauchen in Nürnberg stirbt. Dies ergibt natürlich einen fruchtbarer Boden für Spekulationen ist. Wer wollte den Tod des Jungen, wer trachtete ihm nach dem Leben und wie glaubwürdig ist dieser Kaspar Hauser überhaupt?
Aus diesen Fragen zieht Jakob Wassermanns Roman seine Spannung, der seinen Caspar Hauser immer wieder in Kontakt mit verschiedenen Menschen bringt. Ein reicher Lord, der als Gönner auftritt, eine Dame, deren Begehren durch die bloße Anwesenheit Hausers in ihrem Haus geweckt wird oder Mitschüler, die Hauser begaffen und piesacken, als dieser in die Schule geschickt wird. Immer wieder wirken unterschiedlichste Kräfte auf den jungen Menschen ein, die allesamt etwas anderes in ihm sehen. Doch was Kaspar Hauser selbst ausmacht, wie sich eine Identität langsam herausbildet, während sein Umfeld Erwartungen und Wünsche auf Kaspar Hauser projiziert, das verleiht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens eine zeitlose Kraft.
Jakob Wassermann, ein vergessener Autor
Der 1873 im fränkischen Fürth geborene und heute etwas in Vergessenheit geratene Wassermann greift in seinem historischen Roman in die Vollen. Eine großes Figurentableau ergänzt er um Spannungselemente und reichert das alles mit einer altertümlich-gehobenen Sprache an, die in Sachen sprachlichen Schöpferkraft einem Thomas Manns in nichts nachsteht (der ebenso wie seine Kinder Klaus und Golo von Wassermanns Werk sehr begeistert war, wie der Germanist Gunnar Och in seinem Nachwort schreibt).
Es ist schade, dass Jakob Wassermann heute so vergessen ist, denn auch fast hundertzwanzig Jahre seit Erscheinen hat das Buch weder in sprachlicher noch inhaltlicher Hinsicht an Qualität eingebüßt. Vielschichtig zeigt Wassermann die Beladung eines Identitätslosen durch sein Umfeld und zeichnet die Lebensspanne seit seinem Auftauchen in Nürnberg bis zu seinem Tod in Ansbach mit ebenso großer Akribie wie auch Fabulierlust nach.
Durch die Neuauflage des Buchs in der Edition Moderne fränkische Klassiker durch den unabhängigen Ars Vivendi-Verlag aus Cadolzburg vor zehn Jahren ist ein Autor wiederzuentdecken, der mit seinen Werken wie Die Juden von Zirndorf oder Der Fall Maurizius zu den meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik zählte und dessen Werke 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft im Rahmen der Bücherverbrennung auf den Scheiterhaufen der Nazis landeten, ehe er selbst ein Jahr später völlig verarmt in Altaussee in der Steiermark verstarb.
Fazit
Die Zeitlosigkeit von Wassermanns Erzählens, die süffige Mischung aus historischem Roman, Spekulation und Bildungsroman, die Pflege und Dekonstruktion des Mythos des Kaspar Hausers, dazu noch die sprachliche Wucht, das alles macht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens zu einem Ereignis, das man sich weder als historisch Interessierter, als Franke noch als Literaturinteressierter entgehen lassen sollte. Es lohnt sich, Wassermann wiederzuentdecken!
- Jakob Wassermann – Caspar Hauser
- ISBN 978-3-86913-700-1 (Ars Vivendi)
- 402 Seiten. Preis: 22,00 €




