Category Archives: Historischer Roman

Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach zu ihnen: Redet mit den Kindern Israel und sprecht: Das sind die Tiere, die ihr essen sollt unter allen Tieren auf Erden. Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, wie das Kamel, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen. Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.

3. Buch Mose, Kapitel 11

Das Schwein als unreines Tier – sucht man die Ursprünge dieses Mythos, dann wird man im Alten Testament fündig. Bis heute hält sich dieses Bild, und das in mannigfaltiger Hinsicht. Sowohl in religiöser als auch in äußerlicher Hinsicht gilt vielen das Schwein als schmutzig. Es riecht stark, wälzt sich im Schlamm, verzehrt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Dass Schweine zu den intelligentesten Tieren im Tierreich zählen, das fällt dabei oft unter den Tisch.

Vom ambivalenten Verhältnis von Mensch und Tier erzählt auch der Franzose Jean-Baptiste del Amo in seinem Roman Tierreich (erschienen bei Matthes& Seitz). Er setzt fünf Generationen gascognischer Schweinezüchter in den Mittelpunkt seines Romans. Diese bewirtschaften zunächst einen kleinen Pachtbetrieb in Puy-Larroque, einem Dorf am Fuß der Pyrenäen. Doch schon bald geht das 19. Jahrhundert und damit das Zeitalter der Industrialisierung zuende. Doch nun setzt eine andere Industralisierung ein – die des Fleischs.

Von Schweinen und Menschen

Eindrucksvoll gelingt es Del Amo in seinem Buch aufzuzeigen, wie sich der Hunger nach Fleisch innerhalb nur weniger Generationen und Jahre exponentiell steigert. Setzt die erste Generation der Gascogner Bauern noch auf eine Co-Existenz mit dem Schwein, so wird am Ende des Buchs im Jahr 1981 eine schon fast pervers übersteigerte Schweinezuchtanlage stehen, in der die Tiere im Tagestakt werfen und zur Schlachtbank geführt werden.

Die Sublimation des Schweins vom bäuerlichen Nutztier bis hin zur reinen Mäst- und Schlachtmasse, das ist ein Thema, das in Tierreich grandios und ebenso erschütternd inszeniert wird.

Ebenso eindrucksvoll ist die Milieustudie eines Bauernhofs über die Zeit hinweg, die Del Amo mit höchster Akribie betreibt. Beginnend im Jahr 1898 zeigt er die Lebensverhältnisse der Bauern, das dörfliche Leben, das harte Ringen ums Überleben. Die Bewirtschaftung der eigenen Scholle, den kalten und effizienten Umgang der Menschen untereinander, der höchstens etwas Raum für Bigotterie lässt – all das liest sich unheimlich dicht und bildstark. Die Vorstudien für Del Amos Buch müssen von größter Genauigkeit und Detailverliebtheit gewesen sein. Anders ist dieses gekonnte Einfühlen in alle Lebensverhältnisse nicht zu erklären.

Die engen und düsteren Bauernstuben, den Wahnsinn des Schlachthauses 1. Weltkrieg, die industrialisierten Mastanlagen – stets findet der Franzose (Jahrgang 1981) Bilder, die sich einprägen und die den oder die Leser*in sicher nicht mehr so schnell loslassen. Del Amo verzichtet auf jede Art von Weichzeichner – was teilweise schwer erträglich ist, aber genau deswegen auch so gut ist.

An der Grenze des Erträglichen – und deshalb so gut

Menschen, die äußere Schönheit mit ästhetischer Schönheit gleichsetzen (oder verwechseln, wie ich meine), die dürften mit diesem Buch garantiert nicht glücklich werden. Zwar gelingt es Del Amo meisterhaft, gerade in der ersten Hälfte bis hin zum Ersten Weltkrieg, eine Natur zu schildern, die man in dieser Benennungsstärke und Dichte kaum in anderen Büchern findet. Doch damit erschlägt man eben nur einen Teil des Buchs.

Denn das entschleunigte Leben gerade vor dem Weltkrieg, es hält auch jede Menge Schmutz, Derbheit und Obszönität bereit. Konsequent naturalistisch schildert der Franzose all das, was bei uns als tabuisiert gilt – egal ob bei Tier oder Mensch. Das Sterben, Ausscheidungen, sexuelle Gelüste bei Mensch und Tier, Triebe und Abgründe – all das ist in Tierreich bis hart an die Grenze des Erträglichen (und manchmal auch darüber hinaus) ausgeführt. Da wird beschrieben, wie der Leichensaft einer aufgebahrten Leiche das Holzbett durchsickert, wie eine Mutter eine Fehlgeburt den Schweinen zum Fraß vorwirft und dergleichen mehr. Das lässt oftmals schlucken, auch wenn man ahnt, wie es in vergangen Zeit zugegangen sein muss.

Dass das alles noch vor dem Ersten Weltkrieg passiert und wir dann noch einen Sprung ins Jahr 1981 vor uns haben, lässt dann schon ahnen, dass hier konsequenterweise auch nicht alles schöner oder besser werden wird.

Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Jean-Baptiste del Amo schaut nicht weg, sondern eben genau hin. Unbarmherzig hält er seine Blick auf die Dinge gerichtet, auch wenn diese teilweise schwer erträglich sind. Die Unreinheit und Schmutzigkeit, die ja dem Schwein attributiert wird, sie ist hier konsequenterweise allgegenwärtig. Schweinisch eben.

Und das erwarte ich auch von guter Literatur, die nicht gefallen will, sondern unangepasst und unbequem ist. Sie soll mir Dinge zu zeigen, die nicht in meiner Komfortzone liegen, sondern die mich auch herausfordern und Dinge überdenken lassen, auch eben in ästhetischer Hinsicht.

Ein Feuerwerk der Sprache und Übersetzungskunst

Dass all diese oben beschriebenen Grausamkeiten und letzten Ende auch das ganze Buch dennoch so eindrücklich und genau sind, das hat auch einen ganz bestimmten Grund: die Sprache des jungen Franzosen, die bei ihm ein Instrument von größter Präzision ist. Ich kann mich an kein Buch in zurückliegender Zeit erinnern, das für alle Milieus, Zeiten und Ereignisse so einen guten sprachlichen Zugriff gefunden hat. Dass dem so ist, ist in genauso großem Maße natürlich auch der Übersetzerin Karin Uttendöfer zuzuschreiben. Wie sie den Sound und das teilweise hochspezielle bäuerlichen Sprachgewebe zu durchdringen vermag, das ist große Übersetzungskunst. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung war und ist da mehr als nur angemessen.


Ein Buch, das zugleich schweinisch und saustark ist. Eines, das ein sprachliches Kunstwerk ist. Und eines, das die Beziehung von Schwein und Mensch neu sehen lässt. All das ist Tierreich von Jean-Baptiste del Amo.

Kenah Cusanit – Babel

Zäh wie Sand

Besucht man berühmte Ausgrabungsstätten oder archäologische Fundstellen, so ist der Eindruck meist ernüchternd. Da bröckeln einige Bögen vor sich hin, im besten Falle sind noch ein paar Portale, Friese oder Häuser erhalten. Vom Glanz der damaligen Zeit zeugt kaum mehr etwas. Um sich Glanz und Gloria der damaligen Bauten vorzustellen, bedarf es einer elementaren Zutat: Fantasie. Ohne dieser Fantasie im Kopf des Zusehers bleibt der Steinhaufen doch nur ein Steinhaufen. Es braucht das Kopfkino, um sich aus der Realität hinein in eine Welt zu imaginieren, als diese Steinhaufen ganze Städte waren, die bewohnt und deren Kulturen wegweisend für künftige Entwicklungen waren. Ohne die Fantasie wären die Ruinen und Fundamente doch nur Ansammlungen von verwitterter Bausubstanz.

Ein Medium, das sich wie kein zweites eignet, wenn es darum geht, die Fantasie zu wecken und Kopfkino auszulösen, ist die Literatur. Die unbelebte Bausubstanz der Bücher, nämlich die Buchstaben, formen sich unter den Augen des Lesers zu Wörtern, Sätzen und im besten Falle zu mächtigen Bilderwelten. Und wenn sich dann die Literatur auch noch daran macht, eine vergangene Epoche mittels einer beschriebenen Ausgrabung aus dem Schlick der Vergangenheit freizulegen – was könnte da schon schiefgehen? So einiges, wie Kenah Cusanits Debüt Babel zeigt.

Koldewey in Babylon

Robert Koldewey (1855-1925) bei der Arbeit

So steht im Zentrum ihres Romans der Archäologe Robert Koldewey, einer der Begründer der archäologischen Bauforschung. Er ist im Zweistromland unterwegs, um im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft die Fundamente Babylons freilegen. Funde wie etwa das Ischtar-Tor haben im fernen Berlin für Aufmerksamkeit gesorgt – und so soll Koldewey nun den Beweis antreten: hat es den legendären Turm von Babel etwa gegeben? Mit seinen Mitarbeitern und Hilfsarbeitern macht er sich an die Ausgrabungen, die immer wieder durchkreuzt werden. Schließlich schreiben wir auch das Jahr 1913 und Europa steht kurz vor einer alles entscheidenden Zäsur.

Eigentlich ein hochspannendes Thema, das in der Bearbeitung von Kenah Cusanit allerdings zu Sand gerät, so zäh wie der, den Koldewey und Konsorten immer wieder durchwühlen. Selten las ich zuletzt ein Buch mit solcher Kürze (260 Seiten), durch das ich mich derart lange quälen musste.

Das liegt zum großen Teil daran, dass Kenah Cusanit ein Sachbuch mit einem Roman verwechselt. Die Autorin selbst ist Altorientalistin, was man auch diesem Buch in fast jeder Passage anmerkt. Es ist übervoll mit Fakten und Daten, was den Lesefluss ungemein hemmt. Länge von Mauern, Tiefe von Grabungsschächten, Sandschichten, Briefwechsel – am Ende von Babel könnte man selbst die ganze Ausgrabungsstelle wieder rekonstruieren.

So finden sich andauernd Stellen wie diese im gesamten Text:

Um den gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes nachvollziehen zu können, mussten sie mehrer Tunnel in die seitlich noch stehenden Erdschichten graben, wenn sie diese nicht noch einmal 21 Meter abtragen wollten. Dennoch war noch immer nicht geklärt, ob dieser Fußboden der älteste war oder ob sich darunter ein noch älterer befand. Grund genug, an einer Stelle den gut erhaltenen Boden Nebukadnezars, zumindest was den Fußboden betraf, eine Matroschka war. Fünf weitere Fußböden lagen darunter, alle mit Kalk weiß verputzt und säuberlich getrennt durch eine Schicht aus Sand und Lehm, der zweite Fußboden war ebenso von Nebukadnezar, der dritte Boden wies Stempel des assyrischen Herrschers Assurbanipal und seines Vaters Asarhaddon auf, vielleicht hatte der Sohn die Ziegel des Vaters wiederverwendet, dessen Stempel der vierte Boden trug; der fünfte war sehr zerstört, vermutlich durch Asarhaddons Vater Sanherib, infolge seines legendären Wutanfalls, als er die Stadt bis auf die Fundamente einebnen und den Turm in den Euphrat werfen ließ, die Ziegel des sechsten Bodens trugen keinerlei Inhabervermerke, sie waren die äußerste oder innerste Schicht der Matroschka, errichtet, als man noch nicht vorhatte, eine Matroschka daraus zu machen.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190

Abgesehen von den sprachlichen Schlampereien (gesamten Grundriss des gesamten Gebäudes? Viermal „noch“ plus ein „Dennoch“ in zwei Sätzen? ): wer möchte das wissen? Für ein Sachbuch mögen diese Informationen relevant sein, für einen erzählenden Text ist eine derartige Überfülle an für den Text nicht relevanten Daten schlicht ärgerlich. Alles wird ausdekliniert, bis ins letzte benannt, wie ein Klassenstreber, der in der Abfrage wirklich einmal zeigen möchte, wie akkurat er alles auswendig gelernt hat.

Faktenhuberei, schiefe Bilder – und eine Ente

Dass dieses System Methode hat, zeigt sich, wenn man nur ein oder zwei Sätze (die gerne einmal die halbe Seite überwuchern) weiterblickt.

Als sie den obersten Boden abgefegt hatten, war es nicht mehr zu vermeiden gewesen, auch den kleinsten Funden zu begegnen, auf diese zu achten, sie aufzulesen und jemanden damit zu beauftragen, sie zu säubern und in den Fundkatalog einzutragen. Aber nicht Buddensieg, denn Buddensieg war noch nicht auf der Grabung gewesen, sondern noch an der Technischen Hochschule im sächsischen Dresden eingeschrieben, wo er aber lieber mit Wetzel seine Zeit in einem Gesangsverein namens Erato verbrachte, der wie alle akademischen Chöre offenbar nur gegründet worden war, weil man als Schüler nie verkraftet hatte, bei den Thomanern in Leipzig nicht aufgenommen worden zu sein und nun für eine Aufnahme definitiv zu alt war. Im Chor zu singen, hatte Buddensieg erstaunlicherweise nicht dabei geholfen, seinen sächsischen Dialekt zu überwinden, mit dem er insbesondere Reuther raumgreifend auf die Nerven ging. Unmittelbar auf dem obersten Fußboden und von Buddensiegs Vorgänger zu inventarisieren, hatte ein goldener Ohrring gelegen, ein Knauf aus Silberblech, ein Rosenornament aus Stein, Onyxperlen, gravierte Muscheln und eine 1,5 Kilogramm schwere Ente aus Stein mit zurückgelegtem Kopf. Solche Enten waren als Gewicht in Gebrauch geween, die bisher schwerste jemals im Alten Orient gefundende Ente wog etwa 73 Kilogramm.

Kenah Cusanit: Babel, S. 190 f

Das ist natürlich eine höchst relevante Information, da möchte man natürlich gleich noch mehr wissen. Warum wog die Ente 73 Kilogramm? Wer hat sie gefertigt? Warum ist die Ente im Tempel nur 1,5 Kilogramm schwer? Gab es noch andere Tiere, die als Gewichte dienten? Aber keine Sorge, Kenah Cusanit liefert natürlich schon mit dem nächsten Satz.

In Assyrien waren Gewichte in Form von Löwen beliebt. In Babylonien und seiner Hauptstadt, der Stadt der Drachen und Löwen und Stiere, waren Gewichte in Form von Entenden beliebt. Die Löwen hatten hier eine andere Aufgabe. Sie schritten mit aufgerissenem Maul und bösem Blick demjenigen entgegen, der sich auf dem Teil der Prozessionsstraße dem Ischtartor näherte, der sich außerhalb der Stadt befand. 120 lebensgroße Löwenreliefs befanden sich auf den 180 Meter langen, hoch aufragenden Mauern nur dieses äußeren Teils der Prozessionsstraße, dessen abschrenkende Funktion sich auch in seinem Namen „Aiburschabu“ ausdrückte: „Nicht habe Bestand der heimliche Feind.“

Kenah Cusanit, S. 191

Sprachlich schluderig bis ärgerlich

Kenah Cusanit – Babel

Da bleiben wirklich keine Fragen offen. Hier erfahren Sie, was sie schon immer über die Welten des Alten Orients wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Mir bleibt da nur eine Frage: wo war das Lektorat? Gab es eines bei diesem Buch? Trockenes Dozieren, unnötige Abschweifungen, redundante Passagen. Und dann auch noch diese schiefen Sprachbilder und verunglückten Metaphern. Der ganze Text ist übervoll damit, nicht nur in den obigen Auszügen (Barrieren und sich selbst kann man natürlich überwinden, aber auch Dialekte? Legt man diese nicht eher ab? Was habe ich mir unter „raumgreifend auf die Nerven gehen“ vorzustellen?. Immer wieder finden sich Sprachbilder, die stutzig machen. Ein „gedankliches Stöhnen“, das ihm fast die Lippen passierte (S.12), ein „visueller Sinn“, der sich distanzieren muss, um wahrzunehmen (S. 41), all das ist doch zu sehr gewollt und zu wenig gekonnt. Der korrektere Titel des Buches wäre in meinen Augen wirklich Babbel gewesen.

Ich kann es mir nur damit erkläre, dass das Thema des Turms zu Babel mit der damit einhergehenden babylonischen Sprachverwirrung auch auf Kenah Cusanit und das Lektorat übergegriffen haben muss. Anders sind diese sprachlichen Kapriziosen nicht zu erklären.

Ein Buch wie eine schlechte Stadtführung

Es geht mit bei diesem Buch wie mit einem schlechten Reiseführer: die ganze Faktenhuberei, das Protzen mit angelesenem und studierten Wissen, all das sorgt für eine Überforderung, die den Blick auf das Ganze nur verstellt. Statt ein Gefühl für die damalige Zeit und das Leben zu wecken, vermag dieser Text nur trocken zu dozieren und niemals so etwas wie Empathie oder gar Kopfkino zu entfesseln.

Ein ödes Buch, zäh wie Sand und wirklich nur für Interessierte an der Archäologie des Vorderen Orients von Belang. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse kann ich selbst nicht nachvollziehen. Auch bei den preisenden Worte von Denis Scheck, das Buch sei allen deutschsprachigen Neuerscheinungen turmhoch überlegen, muss ich mich auch fragen, ob Herrn Scheck das gleiche Buch wie mir vorlag.

Stattdessen möchte ich an dieser Stelle lieber noch eine Empfehlung für ein wirklich interessantes und gut geschriebenes Sachbuch aussprechen. Es wäre ja schade, hier nur zu kritisieren, ohne noch eine Alternative aufzuzeigen.

In Die seltsamten Orte der Antike entführte Martin Zimmermann an ganz besondere historische Orte. Der Professor für Alte Geschichte an der LMU München bereist dabei sagenumwobene Orte wie etwa den Hängenden Gärten von Babylon oder dem Ort Etemenanki( besser bekannt als jener Turm von Babel).

Er erzählt von besonderen Stätten, Bräuchen und Bauten – fernab von Schulbuchwissen und Bildungsprotzerei wie Kenah Cusanit. Die bessere Wahl, wie ich finde.

Niklas Natt och Dag – 1793

Stockholm im Jahr 1793: im städtischen See Fatburen schwimmt eine grotesk zugerichtete Leiche. Zusammen mit dem Stadtknecht Jean Michel „Mickel“ Cardell ermittelt der Jurist Cecil Winge. Dabei setzt ihnen die knappe Zeit, die politische Kaste und die eigene Gesundheit mehr als zu. Ein außergewöhnlicher historischer Krimi, bei dem vor allen die Konstruktion überrascht.


Historische Kriminalromane gibt es ja wie Sand am Meer. Die Verschmelzung aus historischen Figuren, Orten und Kriminalplot erfreut sich großer Beliebtheit. Auch Niklas Natt och Dag hat sich dieses Genre ausgesucht und macht gleich im Titel klar, in welches Jahr er die Leser*innen mitnimmt. Das in die Jahreszahlen eingeprägte Stadtbild verrät dann auch, wo die Geschichte spielt, nämlich in Stockholm.

Mit großer Detailfreude schildert der Schwede die damaligen Lebensverhältnisse. Verdorbener Unrat in den Gassen, Säufer und Huren in den Schänken der Stadt, bittere Armut und eine abgehobene aristokratische Elite. Natt och Dag scheut sich nicht, seinen Wohnort mithilfe drastischer Bilder und viel Schmutz zu schildern. Glaubhaft gelingt es ihm, den Geist und Geruch der damaligen Zeit auf das Papier zu bannen (übersetzt von Leena Flegler).

Ein kriminalistisches Duo in Stockholm

In dieser Szenerie lässt er nun ein kriminalistisches Duo ermitteln. Da wäre Mickel Cardell, der im Kampf der schwedischen Krone gegen die Russen seinen linken Arm eingebüßt hat. Er schlägt sich als Stadtknecht und Rausschmeißer einer Schänke durch. Eines Abends wird er zu einer grausamen Entdeckung gerufen. Im Fatburen schwimmt eine Leiche, der sämtliche Extremitäten, sowie Zunge, Augen und Zähne entfernt wurden.

Um wen es sich bei der Leiche handelt und wer diese so zugerichtet hat – das interessiert auch Cecil Winge. Dieser arbeitet für die Polizeikammer im Hause Indebetou. Er leidet an Tuberkulose und befindet sich im Endstadium dieser Krankheit. Und auch sonst hat er nicht mehr viel zu verlieren, weshalb er sich mit großem Eifer in die Ermittlungen stürzt. Die Zeit ist knapp und Winges Vorgesetzter kann seine Ermittlungen nicht mehr lange unterstützen, da auch er kurz vor sein Abberufung steht.

Viel Druck also, den Natt och Dag seinem kriminalistischen Duo zumutet. Diese kämpfen sich unverzagt durch die Gassen, Gast- und Hurenhäuser und versuchen, dem Geheimnis des Toten aus dem Fatburen auf die Spur zu kommen.

Ein Krimi in vier Teilen

Dass dieser historische Kriminalroman über die übliche Mördersuche hinausweist, das verdankt das Buch einer schlauen Idee. Denn Natt och Dag teilt 1793 in vier Teile ein (Frühling, Sommer, Herbst und Winter). Der erste und letzte der vier Teile beschreibt die Ermittlungen von Winge und Cardell in den Gassen Stockholms. Die beiden Binnenstücke brechen aber mit dieser Erzählhaltung.

Im zweiten Teil sind nur Briefe enthalten, die ein junger Mann an seine Schwester schreibt. Diese Briefe scheinen mit der vorhergehenden Handlung erst einmal gar nicht zusammenzuhängen, bis sich relativ spät die Bezüge ergeben.

So ist das auch im dritten Teil. In diesem atmosphärisch dichtesten und erschütternden Stück des Romans wird die Geschichte der jungen Obstverkäuferin Anna Stina geschildert. Nachdem sie verleugnet wurde, findet sie sich im sogenannten Spinnhaus auf einer Gefängnisinsel wieder. Dort ist sie mit anderen Frauen eingekerkerter und muss jeden Tag ein bestimmtes Pensum an gesponnenem Garn vorweisen. Doch unerschütterlich keimt in ihr der Wunsch nach einem Ausbruch aus dieser sadistischen Welt.

Auch hier bleiben zunächst die Bezüge und Verbindungen zu restlichen Geschichte fraglich, ehe sie dann von Natt och Dag hergestellt werden. Dies liest sich außergewöhnlich und hebt durch diese Plotkonstruktion das Buch aus dem Gros der historischen Kriminalromane heraus. Zudem ist die Wahl Stockholms als Schauplatz gut gewählt, sind es doch überwiegend zeitgenössische Krimis aus der schwedischen Hauptstadt, die man sonst in den Buchregalen findet.

Das Setting wirkt frisch und unverbraucht, zudem kann der Krimiplot überzeugen, da er die ein oder andere überraschende Wendung bereithält. Insofern ein guter historischer Krimi eines Newcomers, für den ich eine Empfehlung aussprechen möchte!

Theresia Enzensberger – Blaupause

Eine hochspannende Zeit, ein entscheidender Wendepunkt im deutschen Design – und ein leider recht seelenloser Roman. Theresia Enzensbergers Debüt Blaupause über das Bauhaus in Weimar und Dessau.


In diesen Tagen jährt sich die Gründung des legendären Bauhauses zum 100. Mal. Viele berühmte Namen sind mit der Ideenschmiede verbunden, die einst in Weimar ihren Ausgang nahm: Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky oder der Leiter der Schule – Walter Gropius. Klingende Namen, deren Werke und Kreationen heute noch untrennbar mit ihren Schöpfern verbunden sind. Doch die Geschichte des Bauhauses ist eine der Männer. Bekannte weibliche Architektinnen oder Designerinnen? Da muss man schon lange überlegen. Während Männern am Bauhaus fast alles zugestanden wurde, sie sich ausprobieren und verschiedenste künstlerische Ausdrucksformen aneignen durfte, sah man Frauen eher in anderen Bereichen. Der Lehrer Johannes Itten drückt die Überzeugung der Fakultät der Ich-Erzählerin Luise gegenüber einmal so aus:

Schließlich höre ich ihn [Johannes Itten] sagen: „Keine Sorge Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen. Dort kannst du auch dein Talent für Farbgebung weiterentwickeln, das du ja schon unter Beweis gestellt hast.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 81
Holzspielzeug aus dem Baushaus: Entwürfe von Alma Siedhoff-Buscher (Bildrechte: Von chinnian – DSCF2582, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49721587)

Die Weberei – oder allerhöchstens das Design von Spielzeug und Kindermöbeln. Mehr wurde Frauen am Bauhaus selten zugestanden. Das muss auch Luise Schilling im Lauf des Buchs erfahren. Gegen den Widerstand ihres Vaters zieht es sie ans Bauhaus. Dort verliebt sie sich, lebt, webt und feiert. So könnte man den Inhalt von Blaupause schnell auf den Punkt bringen.

Weimar 1921, Dessau 1926

Das Buch teilt sich in zwei große Blöcke. Der erste spielt 1921 am Bauhaus in Weimar, der zweite dann sechs Jahre später am Bauhaus in Dessau. Die Erfahrungen, die Luise an beiden Orten macht, ähneln sich meist. Frauen werden nicht ernst genommen, ihre Entwürfe gelten weniger wert. Eine Szene im Bauhaus in Weimar zwischen ihr und einigen männlichen Mitschülern illustriert das recht eindrücklich:

Ich werde ungeduldig. „Habt ihr ausprobiert, was passiert, wenn ihr das Geländer erst bei der zweiten Stufe einführt?“, frage ich.

Die drei schauen mich überrascht an. Mein Herz schlägt schnell. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, aber die Lösung war so offensichtlich. „Bei der zweiten Stufe? Wie sieht denn das aus?“ fragt der Rothaarige. „Ja, großartig, das macht ja alles noch komplizierter,“ sagt der Kleine und schüttelt den Kopf. „Ich weiß es!“ ruft der Mützenmann. „Wir machen die erste Stufe zum Auftrittspodest. Dann müssen wir die Steigung nicht anpassen. Hier“, sagt er und kritzelt etwas auf das Papier. Die anderen beiden sind begeistert, der Rothaarige klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Aber genau das habe ich doch gesagt! Wütend wende ich mich wieder meiner schiefen, längst winzigen Kugel zu und beschließe, sie jetzt nur noch abzuschleifen, um so schnell wie möglich hier wegzukommen“.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 64 f.

Die Frauen machen die Arbeit und geben Impulse – und die Männer streichen die Meriten ein. So verkürzt könnte man die Erfahrung von Luise Schilling wiedergeben. Das ist – wenngleich etwas plakativ – ganz gut gelungen. Allerdings zeigt auch dieser Ausschnitt, woran das Buch für mich krankt. Es ist die Passivität Luises, mit der sie diese Kränkungen und Zurechtweisungen erträgt. Der Ton und ihr Verhalten ist oftmals sehr backfischig. Wird sie von ihren männlichen Kollegen geschnitten, sagt sie nichts. Wird sie in die Weberei abkommandiert, sagt sie nichts und grummelt in sich hinein. Finden ihre Entwürfe keine Anerkennung, so äußert sie darüber keinen Ärger, sondern akzeptiert auch das sang- und klanglos.

„Die Familie, bei der ich [ihre Liebschaft Jakob] wohne, würde sich wundern, wenn ich nicht nach Hause komme. Außerdem soll man im Winter nur die halbe Nacht zusammen in einem Bett verbringen, sagt Hanisch.“ Hanisch! Ich finde, Hanisch hat in meinem Schlafzimmer gar nichts zu suchen. Aber ich will nicht drängen, deswegen sage ich nichts. Jakob gibt mir einen kurzen Kuss. „Bis morgen, Schönste.“ sagt er, was mich besänftigt. Leise schließt er die Tür. Ich kann seine Schritte noch hören, dann wird es still

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 70

So lässt sich Luise von ihrer Affäre abspeisen und bleibt im treudoofen Modus. Auch an Silvester reagiert sie nicht anders und bleibt im stupiden Anhimmel-Modus. Feuer, Esprit, Emanzipationswillen? Bei ihr Fehlanzeige.

Charlotte richtet ihr jährliches Silvesterfest aus. Ich stehe herum und vermisse meine neuen Freunde. Während neben mir ein exaltierter Jüngling von irgendeiner neuen Theaterafführung erzählt, arbeite ich im Kopf alle Details meiner nächsten Begegnung mit Jakob aus. Und während um mich herum lautstark das Jahr 1922 eingeläutet wird, führe ich verschiedenste Szenarien für meine zukünftige Liebesgeschichte ins Feld. Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 73

Eine unrunde Figurengestaltung

Luise als Figur bleibt immer weit unter ihren Möglichkeiten, was mich bei der Lektüre wirklich störte. Diese Passivität, dieses naive Eia Popeia-Hoffen, auf dass sich schon alles fügen werde, es ist gerade im ersten Teil kaum zu ertragen. Im Zusammenwirken mit anderen Gedanken und Überlegungen Luises wirkt die Ausgestaltung ihrer Figur unrund

Ich finde Freiräume, die man sich innerhalb einer gegebenen Struktur schafft, oft spannender als das, was ohne Anhaltspunkt entsteht. Aber vielleicht ist das ein unbrauchbares Axiom, es ist durchaus möglich, dass diese Vorliebe eher etwas über meinen Mangel an Kreativität aussagt.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 27

Oder ein letztes Zitat, das die Naivität Luises kontrastiert.

Es entspinnt sich eine Diskussion, ob der Film ein dionysisches oder ein apollinisches Medium ist. Ich habe Die Geburt der Tragödie vor kurzem gelesen, aber ich habe keine Lust, mich zu beteiligen. Ich weiß auch nicht, ob man Nietzsches Kriterien überhaupt auf den Film anwenden kann.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 77

Hier zeigt Enzensberger ihre Heldin als hochgebildet, die in Diskussionen durchaus etwas beizutragen hätte – das aber oftmals auch nicht möchte und lieber im Schattte n . Zwar ist dieses Verharren in der vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle zeittypisch und – doch nimmt es es dem Roman auch viel an innerer Spannung, die ja vor allem aus starken Figuren heraus entsteht.

Wenn Theresia Enzensberger schon vom weiblichen Blick auf das Bauhaus und die damalige Zeit erzählen will, so eine unspannende Figur wählt, die kaum rebelliert oder die Grenzen weitetet, obwohl sie die Anlangen dazu hätte? Für mich ist das leider verschenktes Potenzial und macht einen Kritikpunkt des Buchs aus.

Viel Oberfläche, wenig Tiefenwirkung

Theresia Enzensberger - Blaupause (Cover)
Theresia Enzensberger – Blaupause

Ein anderer Punkt ist die Oberflächlichkeit, die dieser Roman immer wieder verströmt. Zwar reißt Theresia Enzensberger alles irgendwie an, zuende geführt wird in Blaupause allerdings kaum etwas. So schnuppert Luise im Bauhaus in alle Bereiche hinein, sieht einmal Schlemmers Triadisches Ballett. In Berlin kommt sie bei Kommunisten unter, auch ein Ausflug ins pulsierende und flirrende Nachtleben der 20er ist natürlich ein Muss. Allesamt werden diese Punkte alle einmal pflichtschuldig angerissen – doch genauer widmet sich Enzensberger den Handlungsstationen kaum. Alles gleicht einer Stadtrundfahrt, bei der alle relevanten Punkte angesprochen und kurz einmal gezeigt werden. Doch einen wirklichen Eindruck bekommt man von keiner dieser Handlungsstationen. Wer waren die Menschen am Bauhaus? Was trieb sie an? Wie hat sich das Leben damals angefühlt? Theresia Enzensberger kann keine tieferen Einsichten liefern, als nur an der bekannten Oberfläche zu kratzen.

Und ein letzter Punkt, der mir immer am Herzen liegt ist auch die Sprache – wenngleich dies auch ein reichlich subjektiver Punkt ist: während meine liebe Kollegin Birgit Böllinger auf Sätze&Schätze den sachlichen Tonfall des Textes lobt, finde ich genau diesen Tonfall etwas zu schnöde und seelenlos. Natürlich darf man sehr sich gerne eines sachlichen und nüchternen Stils bedienen wenn man vom Bauhaus erzählt, das ja wie keine andere Stilrichtung für das Schnörkellose steht. Doch in diesen Stil auch das Raffinierte, das Kunstvolle einfließen zu lassen, was ja auch das Bauhaus ausmacht – das hat mir in Enzensbergers Prosa gefehlt. Alles klingt doch recht austauschbar und nichtssagend. So etwas wie eine originäre Schreibe oder die Entwicklung eines eigenen Stils konnte ich in Blaupause nicht entdecken.

Ein weiblicher Blick auf eine männliche Kunstschule

Trotz dieser Kritikpunkte soll am Ende nicht der Eindruck zurückbleiben, dass Blaupause durch die Bank weg ein schlechtes Buch sei. Mir fehlte, wie oben schon angeführt, etwas die Seele und eine kunstfertige Ausgestaltung des Buchs, aber es hat auch seine starken Momente.

Der eindrücklichste Punkt an Blaupause ist für mich ist der weibliche Blick auf die Männerwelt Bauhaus, die sich bis in die Leitung der Anstalt durchzog (besonders stark die Schlusspointe des Buchs, ohne diese hier verraten zu wollen). In diesem entworfenen Ende ist das Buch stark. Doch kann das keinesfalls für die Schwächen der vorherigen 230 Seiten entschädigen. Das Buch ist schnell gelesen – aber auch relativ schnell wieder vergessen.

Eine große Empfehlung möchte ich dennoch an dieser Stelle aussprechen – und zwar für diese Dokumentation: Bauhausfrauen nimmt die weibliche Seite des Bauhauses in den Fokus. Anhand dreier Frauen, die ihren eigenen Weg einschlugen, allerdings immer im Schatten der Männer standen. Eine Dokumentation, die einiges gerade rückt und einen dringend notwendigen neuen Blick auf die Ideenschmiede ermöglicht

Bauhausfrauen: Screenshot aus der ARD-Mediathek

Und hier noch ganz klassisch der Link: https://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-frauen-am-bauhaus/doku/index.html

Herbert Kapfer – 1919 | Fiktion

Zeitgeschichte im Remix

Wie soll und kann man von Geschichte erzählen? Herbert Kapfer versucht sich in seinem Buch 1919 – Fiktion als eine Art literarischer DJ. Er sampelt verschiedenste Quellen und Augenzeugenberichte, um den Leser*innen die ganze Fülle an Ereignissen aus jenen Revolutionsjahren 1918/19 zugänglich zu machen. Eine sinnvolle Herangehensweise, denn anders ist diesem epochalen Wendepunkt in der deutschen Geschichte kaum beizukommen.

Zwar kennt man durch den Schulunterricht so manche Gedenktage und historische Personen. Auch das im letzten Jahr verstärkt einsetzende mediale Erinnern an die Ereignisse vor hundert Jahren hat einige historische Landmarken wachgerufen. Doch wie geballt Revolutionen, Räterepubliken, Kriegsnachwehen, Morde und politische Grabenkämpfe in dieser so kurzen Zeitspanne auftraten, das wird bei der Lektüre von 1919 eindrücklich erfahrbar.

Revolution, Anarchie, Räterepublik, Freikorps

Plakat zur Räterepublik in Bayern von Siegmund von Suchodolski: Raus mit euch! Bei ons gibt’s koa Anarchie!

Kapfer erzählt in fünf Teile aufgesplittet von den Ereignissen, die ausgehend vom Kriegsende 1918 zu jenen Revolutionsereignissen 1919 führten. Der Matrosenaufstand 1918 in Kiel steht am Anfang jener Ereigniskette, dem schon bald die Herrschaft von Arbeiter- und Soldatenräten im Deutschen Reich folgten. So ist die Räterepublik in Bayern und die Ermordung Kurt Eisners ein Thema im Buch, das einen großen Platz einnimmt. Auch andere spektakuläre Morde finden in Augenzeugenberichten Niederschlag – so etwa die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch eine militärische Truppe . Von Weimar bis Berlin, von München bis ins Baltikum reichen die Schauplätze, die Kapfer durch die Augenzeugenberichte und Tagebücher einfängt..

Dabei ist jedoch der Begriff der Autorenschaft im Fall von 1919 ein kniffliger Fall. Denn Kapfer selbst stellt im Nachwort seines Buchs klar

1919 setzt sich aus Texten zusammen, die zwischen 1918 und 1938 veröffentlich worden sind – ausgenommen die Zeilen von Heiner Müller. Alles ist Zitat, bis auf etwa fünfzig Wörter, die in der Titelei von mir eingefügt wurden. Orthographie, Interpunktion und Grammatik wurden unverändert beibehalten. Auslassungen, Umstellungen, auch innerhalb einzelner Sätze, nicht gekennzeichnet.

Kapfer, Herbert: 1919, S. 411

So ist 1919 eigentlich eine Collage voller Fremdtexte, bei denen die Kunst darin besteht, diese so miteinander zu verfugen und zu verzahnen, wie es Kapfer in seinem Werk tut. Dass er hierbei einige Kunstfertigkeit erlangt hat, das erklärt auch ein Blick in seinen beruflichen Werdegang. So leitete Kapfer bis 2017 die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im Bayerischen Rundfunk. Und auch als Buchautor sammelte er mit dieser Art von Erinnern und Erzählen schon Erfahrung. So verarbeitete er zusammen mit Lisbeth Exner bereits die Jahre 1914 und 1915-1918. Hierbei erzählten die Autor*innen, indem sie aus über 240 verschiedenen Tagebüchern zitierten und so durch Primärquellen einen unmittelbaren Eindruck des Ersten Weltkriegs und dessen Auswirkungen erschufen. 1919 ist da nur die konsequente Fortschreibung dieser Art von Erinnungsarbeit (wenngleich Lisbeth Exner hier nur als Mitarbeiterin im Nachwort Dank erfährt und nicht als Co-Autorin fungiert. Zudem erscheint das Werk nun bei Kunstmann statt bei Galiani).

Wie bei den anderen Büchern Kapfers drängt sich auch hier der Vergleich mit Walter Kemposwkis Echolot auf. Ganz ähnlich zu dem Mammutwerk Kempowskis fängt der Autor hier polyphon die Stimmen von ganz unterschiedlichen Zeitgenossen ein. Von Dada (Hugo Ball und Richard Huelsenbeck) über militärische Berichte (Ludwig von Reuter) bis hin zu den Romanen und Erinnerungen großer Literaten (Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam) reicht die Bandbreite in Kapfers Collage. So fließen auch Zeitungsmeldungen, Militärmeldungen und zeitgenössische Fotografien in das Werk ein. Den Mittelteil des Buchs bildet dann ein Theaterstück Karl Polenskes, der darin seinen Mitrat Silvio Gesell porträtiert und karikiert. Jener wollte nämlich in seiner Funktion als Finanzminister in der Münchner Räterepublik die Freiwirtschaftslehre einführen – ein Vorhaben, das Gesell eine Amtszeit von ganzen sieben Tagen bescherte.

Viele Quellen – viele Stimmen

Das alles verschafft einen umfassenden Eindruck jenes Revolutionsjahrs – und ist doch so Manches auch mühsam zu lesen. Einige Texte wirken frisch und manchmal gar von großer Komik (großartig beispielsweise Tollers Schilderung eines geplanten Flug nach Leipzig), andere sind durchaus anstrengend, besitzen einen antiquierten Stil, wirken manchmal zu nüchtern, dann wieder zu überladen. Ein einheitliches Lesegefühl stellt sich kaum ein, zu heterogen sind die Quellen, sowohl in thematischer als auch in inhaltlicher Hinsicht. Hier sprechen viele Quellen und somit auch viele Stimmen – die einen angenehmer, die anderen etwas gewöhnungsbedürtiger.

Kapfer verzichtet dabei auf eine Nennung seiner Quellen im Text. Erst im Anhang offenbart sich, von welchem Autor welche Zeilen stammen. Das ist manchmal ein reizvolles Rätselraten – mir wäre eine direkte Nennung der Quellen jedoch deutlich lieber gewesen. So ist man ständig am Zuordnen, muss schauen, von wem jetzt wieder die Rede ist, wer gerade erzählt, und wie das Ganze einzuordnen ist. 1919 fordert permanent und ließ mich oftmals pausenlos zwischen der Bibliographie im Anhang und dem eigentlichen Text springen.

Eine gefällige Präsentation von Zeitgeschichte im Stile eines Florian Illies oder Volker Weidermann ist 1919 somit weniger und will es auch nicht sein. Das Buch ist eine große Fundgrube für historisch Interessierte, ein Buch, das schon lange vergessene Gestalten wie einen Max Hoelz oder Eduard Stadtler wieder in Erinnerung ruft. Eine polyphone Collage, die versucht, das Revolutionsjahr 1919 mit all seiner Anarchie, seinen politischen Entwicklungen, seiner Bedeutung einzufangen- und das gelingt ihm auf alle Fälle!


Auch das Kulturjournal Titel, Thesen, Temperamente hat sich mit dem Buch und seinem Verfasser beschäftigt. Den Beitrag dazu findet man hier