Category Archives: Kriminalroman

Deon Meyer – Icarus
Wer hoch fliegt …
Bennie Griessel ist abgestürzt. Sein fünfter Einsatz wird zu seinem persönlichen Prüfstein, als der trockene Alkoholiker den Dämonen des Alkohols nicht länger entsagen kann. Der Tod eines Kollegen weckt im südafrikanischen Cop nämlich tiefe Verzweiflung, der er mit einem Rückfall in alte Gewohnheiten begegnet. Dabei bedürften die Kollegen gerade jetzt eines hellwachen Bennie, denn ein schwieriger Fall ist kurz vor Weihnachten aufgetaucht:
Per Zufall wird die Leiche von Ernst Richter entdeckt. Dieser Internet-Unternehmer hatte mit einem Start-Up Furore gemacht, mithilfe dessen er all denen ein perfektes Alibi versprach, die fremdgehen wollten.
Wer hat den schillernden Star der New-Economy-Szene auf dem Gewissen? Welche Geheimnisse aus Richters Leben kosteten ihn selbiges? Bennies Kollegen beginnen zu ermitteln, während dieser eher damit beschäftigt ist, auf den nächsten Schluck Alkohol hinzuarbeiten. Kann sich Griessel aus diesem Sumpf befreien und den Mörder Richters dingfest machen?
Im nunmehr fünften Fall für Bennie Griessel wagt der südafrikanische Starautor die radikale Kehrtwende – war doch Meyers Spezialität immer das Tempo und der Druck, unter den er seine Ermittler setzte. Mal hatte Bennie Griessel nur Sieben Tage, um einen Killer aufzuhalten, mal hetzte er sein Personal ganze 13 Stunden durch ganz Kapstadt auf der Suche nach einer jungen Frau. Nach den turbulenten Geschehnissen im Vorgänger Cobra tritt Meyer nun völlig auf die Bremse und nimmt das Tempo aus dem Thriller.
Wie von Meyer nicht anders gewohnt setzt er seinen Roman aus mehreren Strängen zusammen – diesmal lässt er einen Winzer seine Lebensgeschichte erzählen. Dies tut der Winzer allerdings ganz nach dem Motto Von hinten durch die Brust ins Auge und schlägt mit seinen etwas faden Erzählungen Volten. Doch selbst dem unbedarftesten Leser dämmert schon bald, wohin grob die Story führen wird, vor allem da schon recht früh im Roman Querverbindungen auftauchen.
Nur Bennie mag seinen Spürsinn für die Spuren nicht so richtig aufbringen und spielt in Meyers Gesamtensemble eher die zweite Geige. Während die Kollegen zwischen Apps, Tinder und außerehelichem Begehren herumirren, lässt Griessel den Spürsinn und sein Gefühl für Fälle sehr vermissen. Es dauert über dreihundert Seiten, ehe Bennie und die Ermittlungen in Schwung kommen, doch nach 430 Seiten ist schon wieder Schluss. Somit stellte sich diesmal dieser typische Meyer-Sog, der den Leser ins dunkle Kapstadt hineinsaugt und erst nach einem Parforce-Ritt wieder freigibt, nicht ein.
Hoffentlich drückt Meyer im Folgeband wieder mehr aufs Gas und lässt Bennie zu alter Stärke zurückfinden – es wäre ihm und der Reihe sehr zu wünschen. So ist Icarus leider nicht der stärkste Band der Reihe. Hoffentlich bekommt Bennie sein Leben wieder auf die Reihe und Meyer wieder das Tempo in seine großartigen Romane!
Adrian McKinty – Gun Street Girl
Zurück an der Front

Ein reiches Ehepaar wird erschossen in ihrem Anwesen an der Küste Irlands aufgefunden. Vom Sohn des Paares fehlt jede Spur, doch nach ein paar Tagen wird dieser am Fuße der Steilklippen aufgefunden. Ein Selbstmord oder ein geschickt getarnter Mord, bei dem etwas vertuscht werden sollte?
Für Sturkopf Duffy ist Ockhams Rasiermesser nämlich mehr als stumpf – die offensichtliche Lösung des Falls behagt ihm überhaupt nicht. Unbeirrt gräbt er immer tiefer und beginnt seine Nachforschungen, die ihm mächtige Feinde bescheren und ihn bis nach Oxford und London führen werden.
Inmitten von IRA-Bomben, Straßenschlachten und Anwerbeversuchen des MI5 versucht der katholische Bulle seinen Weg zu gehen, doch wird ihm dies noch einmal gelingen?
Sean Duffy im Piano-Modus
Musste Duffy in seinem letzten Fall unter Hochdruck operieren, hat ihm McKinty in seinem neuesten Fall eher wieder einen klassischen Krimi mit viel Ermittlungsarbeit auf den Leib geschrieben. Ausgehend von den Ereignissen rund um das erschossene Ehepaar gräbt sich der irische Ermittler Schicht um Schicht tiefer und stößt diesmal auf Amerikaner in Nordirland, Waffenschmuggel und Spuren, die gen England weisen.
Flott geht in diesem Falle diesmal kaum etwas, vielmehr muss Duffy immer wieder seine Ermittlungen neu ausrichten und alle Spuren hinterfragen. Doch das Schnüffeln wird in seinem neuesten Fall etwas leichter, da Duffy von Adrian McKinty sogar eine kleine Liebesgeschichte spendiert bekommt, die sein tristes nordirisches Dasein etwas erträglicher macht (plus diverse Wodka Gimlets und alles, was das Betäubungsmittelgesetz so kennt).
Adrian McKinty könnte in meinem Falle auch ein Rezept zur Herstellung von Brühe beschreiben, sodass es ein Genuss wäre, dieses zu lesen. Mit seiner Mischung aus Noir, der Geschichte Irlands und einer Einführung in die Popkultur der 80er Jahre verquickt er alles zu einem höchst unterhaltsamen Gesamtkunstwerk. Sein Sean Duffy ist ein gebrochener Charakter, dem die unverbrüchliche Sympathie des Lesers gehört, auch wenn für Duffy Gesetze und Richtlinien eher frei ausgelegt werden.
Ich bleibe dabei: Die Sean-Duffy-Reihe ist derzeit eine der besten in der Kriminalliteratur und McKinty einer der talentiertesten Schreiberlinge von der irischen Insel. Eine Pflichtlektüre für alle Leser, die gerne mal abseits ausgetretener Pfade wandeln!

Fuminori Nakamura – Der Dieb
Der japanische Dieb
Marie Hermanson – Der unsichtbare Gast
Die stehengebliebene Zeit
Martina kann und will nicht mehr – als Hotelangestellte ist sie in der sozialen Hackordnung ganz unten angekommen und muss für einen Hungerlohn buckeln und schuften. Durch ihre Eltern erfährt sie auch keinerlei Unterstützung, da kommt ihr die Begegnung mit ihrer alten Freundin Tessan ganz recht.
Diese erzählt ihr von einem reichlich dubiosen Dienst, dem sie nachgeht. Auf dem abgeschiedenen Gut Glimmenäs lebt sie als Hausmädchen einer reichen alten Dame, deren Verstand noch im Jahr 1943 weilt. Tessan hält die des Jahres 1943 Fassade aufrecht und sorgt für das Wohlergehen der Dame.
Fasziniert beschließt Martina, mit Tessan dem Gut einen Besuch abzustatten und findet alles tatsächlich so vor, als wäre das Jahr 1943 noch nicht vergangen. Martina findet bei Florence Wendmann – so der Name der Dame – ebenfalls Unterschlupf und ein Auskommen. Doch die Idylle, die sich die drei in diesem Sommer aufbauen, hält nicht lange vor: je mehr Gäste auf das Gut drängen, desto brüchiger wird die Fassade, die sich Florence, Martina und Theresa mühsam errichtet haben.
Marie Hermansons Roman Der unsichtbare Gast ist nach Himmelstal das zweite Buch aus der Feder der Schwedin, das ich lesen durfte und das mir ebenso gefallen hat wie das erste Buch der Autorin, das mir in die Hände fiel.
Hermansons schafft es sehr geschickt stimmungsvolle und atmosphärisch dichte Settings aufzubauen, bei denen die vermeintliche Idylle sehr schnell in Bedrohlichkeit umschlagen kann. War es in Himmelstal ein pittoreskes Schweizer Sanatorium, so bringt sie dieses Mal die Bedrohlichkeit eines schwedischen Bilderbuch-Gutshofes zum Vorschein. Warum lebt Florence Wendmann in der Welt von 1943? Wer sind die Charaktere, mit denen sie imaginär zu speisen pflegt? Was wollen die anderen Gäste, die sukzessive in die heile Welt des Guts eindringen?
Auf lediglich 240 Seiten schafft es die Autorin, langsam Neid und Missgunst in Glimmenäs einsickern zu lassen und fesselt die Leser mit kurzen Kapitel, durch die man auf der Suche nach Aufklärung hetzt. Ein Buch, das geschickt zwischen den Genres wandelt, das mal Agatha-Christie-Landhauskrimi, mal schwedische Bullerbü-Idylle, mal soziale Beobachtung ist.
Außergewöhnlich, gut und auf jeden Fall lesenswert!