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Ian McGuire – Nordwasser

Bei Ian McGuire wird es in Nordwasser im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig. Ein dunkler, ein derber und ein brutal guter Thriller rund um eine Expedition ins gefährliche Nordwasser.

Dabei fokussiert sich Ian McGuire in seinem Roman auf zwei gegensätzliche Charaktere, die sein Buch tragen. Da ist zum Einen der Harpunier Drax, ein Mann ohne Moral oder Gewissen. Seinen Gegenpart bildet der irische Arzt Sumner, der aus Verlegenheit als Schiffsarzt zur Nordwasser-Expedition dazustößt. Er trägt besonders an einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit, das mit der Besatzungszeit durch das englische Empire in Delhi zusammenhängt.

Vom Nordwasser zum Mordwasser

Geheimnisse, brutale Draufgänger, das Schiff als begrenzte Bühne, auf der die Charaktere aueinanderprallen. Schon in der Anlage ist Nordwasser sehr stark und verspricht einiges an Spannung, was das Buch dann auch tatsächlich einzulösen vermag.

Geschickt schafft es Ian McGuire, die brodelnde Atmosphäre auf dem Schiff in Worte zu fassen. Unter Leitung von Kapitän Brownlee wird das Nordwasser nämlich schnell zum Mordwasser (ein Kalauer pro Rezension sei mir erlaubt …). Nicht nur Robben und Wale werden nämlich von den Männern des Profits wegen abgeschlachtet. Auch bald findet sich die Leiche eines Schiffsjungen an Bord. Sumner beginnt nachzuforschen, wer den brutalen Mord an dem Jungen begangen hat.

So reichert der britische Schriftsteller seine dichten Schilderungen des Lebens an Bord und der Waljagd zusätzlich noch mit einem Whodunnit-Krimiplot an. Gerät ihm die Einführung seiner Figur Drax für meinen Geschmack zu plakativ, so findet McGuire schon bald in besseres Fahrwasser und entwickelt kontinuierlich seinen Plot und seine Figuren mit ihren Abgründen. Dabei funktioniert Nordwasser auch besonders über die Körperlichkeit.

Das Gegenteil von Sauber

Ian McGuire pflegt in Nordwasser keine klinisch-reines Grundattitüde, um es vorsichtig auszudrücken. Der Leser wird mit Unmengen von Blut, erschlagene Tiere, Scheiße, heimtückischen Morden, Ausschlag und diversen körperlichen Versehrungen konfrontiert. Nordwasser ist Survival of the fittest in Reinform.

Zartbesaitete Leser mögen sich mit Grausen abwenden oder argumentieren, dass alles ja so schmutzig und unappetitlich sei. Ich möchte dem entgegenhalten, dass diese Erzählung allerdings nur so funktionieren kann und muss. Der von McGuire so gebaute Erzählrahmen folgt dem Gesetz der Authentizität und bedarf genau deshalb dieser Schmutzigkeit auf allen Ebenen. Kategorien wie Sauberkeit oder ästhetische Schönheit in puncto Handlung und Plot sind bei diesem Thema fehl am Platz – diese bei Nordwasser einzufordern wäre lächerlich und deplaziert. Stattdessen macht dieser Thriller wieder sinnlich erfahrbar, wie es damals an Bord eines Walfängers und im Eis der Antarktis gewesen sein muss.

Dieses Aufrufen der Bilder und die geradezu atemlose Handlung, die in ihren Bann zieht – das ist großartig gelungen. Das Buch steht für mich in einer Reihe der großen Abenteuerliteratur. Die deutlichsten Brüder im Geiste sind Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad oder (natürlich) Moby Dick von Herman Melville. Aber auch die Erinnerungen Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle standen mir beim Lesen deutlich vor Augen. Auch die Jury des Booker-Preises sah das so. Sie nominierte 2016 das Buch für den Preis.

Ein Lob sei an dieser Stelle auch an den Übersetzer Joachim Körber ausgesprochen. Ihm gelingt es, die derbe Sprache, das nautische Vokabular und die großen szenischen Bilder, die McGuire entwirft, gut ins Deutsche zu übertragen, ohne dass viel vom Sound verlorengeht. Sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, die der Übersetzer aber sehr gut gemeistert hat.

Nordwasser ist ein waschechter Abenteuerroman, eine hochspannende Jagd nach Walen und letztendlich auch nach Erlösung, sowie das Duell zweier ungleicher Männer. Nordwasser ist wunderbar altmodisch und zugleich hochaktuell. Ian McGuire ist damit ein echtes Kunststück gelungen!

Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

Lucía Puenzo – Die man nicht sieht

Ismael, Enana und Ajo sind die, die man nicht sieht. Denn als Straßenkinder schlagen sie sich auf den Straßen von Buenos Aires durch. Im Stadtviertel Once leben die drei und passen gegenseitig auf sich auf. Besonders der kleine Ajo steht unter dem Schutz von Enana und Ismael. Ihr Einkommen bestreiten sie durch Einbrüche in Häuser. Ihr Pate ist dabei ein Wachmann, der die Kinder zu ihren Missionen schickt und ihnen die Diebesbeute abnimmt.

Dieser hat für die drei nun eine ganz besondere Mission. Mit Schleusern schickt er sie per Schiff nach Urugay. Dort sollen die drei für andere kriminelle Strippenzieher arbeiten. Diese wollen ebenfalls, dass sie als Einbrecher tätig werden und die Villen der Schönen und Reichen ausräumen.

Doch der geneigte Leser ahnt es an dieser Stelle schon – es wäre ja langweilig und unersprießlich, wenn bei diesen Raubzügen alles glatt laufen sollte. Wie der Zufall in die Planung pfuscht, das beleuchtet die argentinische Autorin Lucía Puenzo in ihrem neuen Roman mit Hingabe. Die perfekt geplanten Einbrüche scheitern an der Realität und setzen gefährliche Dynamiken in Gang, die für Enana, Ismael und Ajo lebensbedrohlich werden.

Oder wie es die Autorin auf Seite 195 einmal selbst ausdrückt:

Aber manchmal lief eben alles nicht nach Drehbuch.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 195

Apropos Drehbuch – damit kennt sich die 1976 geborene Argentinierin sehr gut aus. Neben den Romanen nimmt auch das Drehbuchschreiben in Puenzos Leben einen großen Raum ein. Über diese Tätigkeit kam sie dann zur Regie. So sorgte sie selbst für die Verfilmung eines früheren Romans (Wakolda) und gastierte mit ihrer filmischen Adaption ihres Romans Das Fischkind 2009 auch im Programm der Berlinale.

Wenn eine Drehbuchautorin einen Roman schreibt

Lucía Puenzo (Quelle: Acovarrubias05, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29055571)

Den filmischen Blick merkt man auch Die man nicht sieht an. Immer wieder schafft es Puenzo, einprägsame Szenerien zu entwerfen, über die die Psychologisierung ihrer Figuren prima funktioniert. Den Schwerpunkt legt sie in ihrer Erzählung aber eher auf die Handlung denn auf die tiefere Ausgestaltung ihrer Figuren. Vieles vom Personal im Roman bleibt schemenhaft, nur ihre drei kindlichen HeldInnen bekommen viel Raum. Immer wieder blitzt die Empathie durch, mit der Puenzo die drei SchicksalsgefährtInnen zeichnet. Wunderbar ist etwa eine Szene geraten, in der sich der kleine Ajo nächtens in die Fluten stürzt und zum ersten Mal die Gewalten des Meeres erlebt. Dann wird wieder klar, dass sich hinter den gewieften Einbrechern immer noch kleine Kinder verstecken, die von ihrer Umwelt nur als nützliche Helfer missbraucht werden, auf die man die Drecksarbeit bequem abwälzen kann.

Wegen dieser Schwerpunktlegung auf die Kinder würde ich auch davon absehen, den Roman als Krimi zu labeln. Natürlich zieht der Roman seine Spannung aus den Einbrüchen, was ja ein Urtopos der Kriminalliteratur ist. Doch bei allem Suspense – hier geht es eher um drei Kinder, die zufälligerweise in dieses Milieu gerutscht sind, und denen keine Wahl bleibt. Das Schicksal dieser Kinder zu zeigen, das ist es, worum es Lucía Puenzo hier geht.

Auch der Wagenbach-Verlag hat das erkannt und dem Buch den äußerst generellen aber eben auch durchaus treffenden Gattungsbegriff Roman auf den Umschlag appliziert.

Sprachlicher Durchschnitt vs. Handlungsdrive

Ein Wort an dieser Stelle sei noch zur sprachlichen Gestaltung dieses Romans verloren. Diese ist für mich nämlich ganz okay, aber nicht viel mehr als Durchschnittskost (Übertragung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter). Besondere Stilmittel, Sprachbilder oder raffinierte Metaphern sucht man in Die man nicht sieht vergeblich.

Stattdessen gibt es manchmal kleinere Irritationen im Text, wie etwa wenn von der Betäubung von Einbruchsopfern die Rede ist. Hier schleichen die Kinder mit Betäubungsgas durchs Haus und nähern sich ihren Opfern, um diese mithilfe des Gases in die Bewusstlosigkeit zu versetzen.

Sie hielt die Spraydose etwa zwanzig Meter vor seine Nase und sprühte ihm direkt ins Gesicht.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 194 f.

Dieses Kunststück möchte man dann doch ganz gerne einmal sehen. Auch ist es in der Ausgestaltung der Kinder nicht logisch, wenn Ismael, der sein Leben auf der Straße verbringt und folglich wenig Bildung genossen hat, plötzlich die „geheimnisvollen kyrillischen Buchstaben“ (S. 194) betrachtet. Woher der Junge weiß, dass diese Buchstaben kyrillisch sind, das bleibt wohl sein Geheimnis.

Solche kleinen Unebenheiten fallen allerdings nicht weiter ins Gewicht, da der restliche Text wirklich Drive besitzt und nach angenehmen 204 Seiten mit einer letzten, sehr passenden Schlussblende schon an seinem Ende angelangt ist.

Die man nicht sieht ist kein neuer Gipfel südamerikanischer Literatur. Dazu lässt das Buch für meinen Geschmack an Tiefgang und an Reflexionspotential vermissen. Zwei oder drei spannende Stunden bietet der neue Roman von Lucía Puenzo aber auf alle Fälle und sei deswegen hiermit gerne empfohlen.

 

Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Mythos Karl May: Philipp Schwenke erzählt in seinem Debüt vom Leben des Schöpfers von Old Shatterhand, Winnetou und Co.

Erreichte May mit seinen Erzählungen tausende von Leser*innen und berichtete farbig aus der ganzen Welt, so schaffte er es selbst nur einmal aus Radebeul, seiner sächsischen Heimat, hinaus. Von dieser Reise erzählt Schwenke in Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste.


„Hühnelchen, jetzt hör aber einmal auf!“, rief Emma

„Du musst das jetzt begreifen“, sagte Karl

„Natürlich stimmt es. Es geht hier um eine tiefere Wahrheit.“

(Schwenke, Philipp: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste, S. 367)

Die Wahrheit ist es, die Karl May in seinem Schaffen anstrebt, zumindest erklärt er das immer wieder seinen Zuhörer*innen, egal ob es sie gerade interessiert oder auch nicht. Dass es May dabei selbst mit der Wahrheit alles andere als genau nimmt, das zeigt Philipp Schwenke in seinem 600 Seiten starken Roman eindrücklich.

Lügner, Phantast, Bestsellerautor

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste (Cover)

Denn schon als jugendlicher Lehrer kam May mit dem Gesetz in Konflikt, wovon Schwenkes Prolog Zeugnis ablegt. Über 35 Jahre später begegnen wir ihm im Jahr 1899 wieder, diesmal als gealtertem Mann. Geläutert ist dieser allerdings nicht. Denn bald zeigt Schwenke in seinem Buch in der ganzen Bandbreite , welch ein Fantast dieser Karl May war und blieb.

Keines seiner Abenteuer erlebte der Sachse wirklich, seine Bücher waren alles große Phantasmen, bei denen für May die Grenzen zwischen Realität und Erdachtem fließend waren. So imaginierte er sich selbst als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und verkaufte die Illusionen seinen Leser*innen, die ihm fleißig glaubten und die Bücher verschlangen. Dass May bei seinen Abenteuern eigentlich immer auf eines Pferdesattel statt vor seinem Schreibtisch saß, hielt man zunächst eigentlich für kaum möglich.

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit

Doch was passiert, wenn ein solcher Schreibtischtäter mit seinen gedanklichen Kapriolen und Träumereien plötzlich mit der Realität konfrontiert wird? Das beleuchtet Schwenke in seinem Roman in allen Schattierungen. Diese reichen von komischen Szenen bis hin zu gefährlicher Scharlatanerie. Denn Schwenke verklärt May nicht, sondern zeigt seine Widersprüche und Abgründe. Dass dieser Mann heute noch trotz seiner Dreistigkeit verehrt wird, das verwundert. Denn eigentlich kann man May nichts anderes als einen Hochstapler nennen, der schon fast wahnhaft in seiner eigenen Welt lebte. Was ist Wahn, was ist Wirklichkeit? Bei Mays Trip durch Orient und Okzident verschwimmen die Grenzen.

Alles andere als ein wüstentrockener Text

Dass aus Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste dabei kein wüstentrockener Text geworden ist, verdankt das Buch einigen schlauen Entscheidungen von Philipp Schwenke. Da ist zunächst die Konstruktion des Buchs, die auf viele Kapitel setzt, die zeitlich hin- und herspringen. So wird die Haupterzählung von den Abenteuern Mays bei seiner Reise immer wieder durch Einschübe unterbrochen.

Seine Schilderungen erzählt Schwenke mithilfe der Erzähltechnik des auktorialen Erzählers, der immer wieder Bezüge herstellt und die Szenerien beschreibt, in denen wir gleich Karl May wiederfinden. Der dabei verwendete leicht historisierende Ton, der zugleich Karl Mays eigene Prosa mit Augenzwinkern karikiert, ist gut gelungen.

Karl May mit Humor

Auch setzt Schwenke ganz bewusst Humor als Stilmittel ein. Manches Mal desavouiert er seinen Großschriftsteller bei seinen Abenteuern. Dabei scheut er auch nicht vor der krachend-deftigen Inszenierung zurück. So zeigt er schon einmal Karl May mit heruntergelassener Hose oder lässt ihn als reumütigen Sünder unter einem Bett hervorkrabbeln. Diesen Humor muss man nicht teilen – aber viele von Schwenkes Einfällen haben mir durchaus ein Schmunzeln oder Lachen entlocken können.  Bei all den bleischweren und an ihrer eigenen Ernstheit tragenden Texten in letzter Zeit eine willkommene Abwechslung.

Wer so wie ich zu den Nachgeborenen zählt, denen sich der Mythos des sächsischen Autors nicht mehr wirklich erschließt, dem sei an dieser Stelle auch das Karl-May-Wiki ans Herz gelegt, das eventuell bei oder nach der Lektüre aufkommende Fragen umfassend beantwortet.

Fazit

Philipp Schwenkes Debüt ist eine gelungene Annäherung an den Mythos Karl May und dabei ein humorvoller und bisweilen wirklich witziger Unterhaltungsroman. Gerne gelesen und gerne empfohlen!


  • Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste
  • ISBN 978-3-462-05107-0 (Kiepenheuer Witsch)
  • 608 Seiten. Preis: 23,00 €

Claire Fuller – Bittere Orangen

Alles so schön heruntergekommen hier

Suchte man nach einem literarischen Äquivalent des Shabby Chic, so würde man mit Claire Fullers neuem Streich Bittere Orangen (Deutsch von Susanne Höbel) eindeutig fündig.


Sekretär im Shabby-Chic-Stil

Shabby Chic zeichnet sich ja dadurch aus, dass die Gebrauchsspuren des Interieurs als Merkmal von Klasse und Stil betrachtet werden. Das Marode, das Heruntergekommene gilt (in begrenztem Rahmen natürlich) als Qualitätskriterium, nach dem sich die ästhetischen Ansprüche richten. Somit tritt Shabby Chic offenbar der Behauptung des Philosophen Byul-Chung Han entgegen, der im Glatten das Charakteristikum unserer Gegenwart ausgemacht hat.

Hier sind die Gebrauchsspuren das Glatte, die Signatur, die durch ihren Makel so etwas wie Authentizität und Einzigartigkeit simulieren soll. Dass diese gewollte Unperfektion und der damit verbunde Wunsch nach Singularität (an dieser Stelle sei noch auf Andreas Reckwitz‘ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten hingewiesen) dabei schon wieder einen Massenmarkt mit serieller Beschädigung der Möbel und damit das genaue Gegenteil der gewünschten Distinktion geschaffen hat- geschenkt. Durch die Normierung des Makels und oberflächlichen Schadens entsteht damit dann doch wieder eine Oberflächlichkeit, die damit Byung-Chul Hans These stützt. Doch darum soll es hier eigentlich nicht gehen – sondern um das neue Buch von Claire Fuller.  Genug der Abschweifung!

Warum steht das Buch von Claire Fuller in der Tradition des Shabby Chic? Die Einordnung in diese Kategorie liegt schon aufgrund des gewählten Schauplatzes auf der Hand.

Verwahrlostes Haus

Denn Claire Fuller siedelt ihren neuen Roman im Herrenhaus namens Lynton an. Dorthin verschlägt es die junge Ich-Erzählerin Frances Jellico im Jahr 1969. Nachdem ihre Mutter verstorben ist, sucht sie Halt in einer neuen Aufgabe. Für einen Amerikaner soll sie eine Expertise des Gartens rund um das Herrenhaus vornehmen. Nachdem die Kriege und der Zahn der Zeit heftig an dem Haus genagt haben, ist es nun ihr Auftrag, die Schäden und Chancen am Haus zu dokumentieren und ihre Ergebnisse an den in Übersee weilenden Auftraggeber zu übermitteln.

Der Einfachheit halber bezieht Frances gleich in den oberen Stockwerken des Hauses Quartier und trifft auf zwei weitere Bewohner des heruntergekommenen Anwesens. Als eine Art Hausmeister lebt und arbeitet dort Peter zusammen mit seiner Freundin Cara. Im Laufe des Buches wird die Bande zwischen diesen drei Protagonistinnen immer enger. Mit unabsehbaren Konsequenzen für alle Beteiligten …

So viel zunächst zu den erzählerischen Grundpfeilern von Bittere Orangen. Doch mit der Nennung der drei Hauptfiguren habe ich die vierte und mindestens ebenso wichtige Figur in diesem Roman unterschlagen. Dabei handelt es sich um das Haus Lynton, das ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt und Frances, Cara und Peter ihre Spielfläche gibt.

Claire Fuller inszeniert ihr Lynton so, dass jeder Innenausstatter oder Fan von Lost Places feuchte Augen bekommen dürfte. Wie eine Art ruinöses Downton Abbey reihen sich im Haus Bibliothek, Esszimmer, Schlafgemächer und Dienstbotenzimmer aneinander und ermöglichen es, dass die drei bei ihren Streifzügen immer wieder neue Räume und Geheimnisse entdecken, abendliche Dinner im Kerzenschein in den heruntergekommenen Hallen inklusive. Höhepunkt ist die Orangerie, in der sie dann über die titelgebenden bitteren Orangen stolpern. Die Entdeckung der Orangerie und die weiteren Räume werden dann zu einem Wendepunkt der Beziehungen der drei Freunde.

Wie Enid Blytons Fünf Freunde tollen die Figuren durch das Haus und den umgebenden Garten. Sogar eine pflanzenumrankte Brücke gibt es, die das zum Haus gehörige Gewässer überspannt. Manchmal hat es durchaus den Anschein, als hätte Claire Fuller ihrem Roman Standardwerke für die englische Garten- und Baukunst zugrundegelegt. Aber sie schafft es, trotz dieses Settings alle Klischeeklippen sauber zu umschiffen.

Fans von Shabby Chic dürften durch Fullers Inszenierung dieser Ruine neue Ideen zur Ausgestaltung des eigenen Zuhauses bekommen (auch wenn man dafür hoffentlich nicht die Bibliothek derartig ruiniert, wie das im Lynton Anwesen der Fall ist).

Doch es gibt darüberhinaus noch einen zweiten gewichtigen Grund, dieses Buch in diese Mode einzuordnen.

Hausgäste mit Makeln

Denn die Verfallenheit des Hauses setzt sich in der Anlage der Charaktere fort und trägt zu deren Entwicklung bei. So ist Frances selbst bereits durch den Tod ihrer Mutter gezeichnet. Diese war über 30 Jahre der Fixstern in ihrem Leben und lässt sie nun mit diversen Problemen und Makeln zurück.

Aber auch Cara und Peter haben ihre Geheimnisse und Schwächen, die Claire Fuller geschickt im Laufe des Buches langsam lüftet. Sollbruchstellen, Makel – alle Figuren in Bittere Orangen sind davon betroffen. Besonders evident wird dies dann auch sukzessive auch in der Rahmenhandlung in der Gegenwart, die wie eine Klammer die Geschehnisse im Sommer 1969 umkränzt. Hier gibt es keine glatten Menschen, sondern im Gegenteil jede Menge (moralische) Verwahrlosung und Abgründe – was auch zusätzlich einen großen Reiz dieses Romans ausmacht. Nicht umsonst bedient sich Claire Fuller in ihrem Roman auch der Erzähltheorie des unzuverlässigen Erzählers. All das ist gut komponiert und mit viel Atmosphäre stimmig inszeniert.

Mag auch ihr Schauplatz und das Personal von Bittere Orangen mit Makeln und Sollbruchstellen versehen sein – der Roman selbst ist es nicht. Im Sinne von Byung-Chul Han kann man hier dann wieder von einem Roman sprechen, der das Glatte und den runden Lesegenuss in den Vordergrund stellt, ohne in Oberflächlichkeit abzugleiten. Das gelingt Claire Fuller ganz ausgezeichnet.

Fazit

Mit diesem Roman erschreibt sich die Britin Fuller in meinen Augen ihren Platz irgendwo zwischen Ian McEwan und J.L. Carr. Eine wirklich interessante Erzählerstimme von der Insel, deren Schaffen ich weiterhin aufmerksam im Blick habe, Shabby Chic hin, Chabby Chic her.