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Benedict Wells – Die Wahrheit über das Lügen

Zehn Geschichten aus zehn Jahren

Das Lügen und das Dichten sind Künste.

(Oscar Wilde)

Welche Zitat würde besser zum neuen Buch von Benedict Wells passen als dieses Zitat des irischen Nationalheiligen Oscar Wilde? Dichtung, Wahrheit und Lüge – in Wells Kurzgeschichten finden all diese Themen ihren Platz und sorgen für beste Unterhaltung.

Nach seinem großen Erfolg von Vom Ende der Einsamkeit hatte sich Wells rar gemacht. Zunächst gab es keine Ankündigungen für ein neues Werk – ehe dann die Ankündigung zu Wells fünftem Buch erschien. Dieser Band stellt ein Novum im Schaffen des jungen Autors dar – denn zum ersten Mal liegt kein abgeschlossener Roman, sondern eine Kurzgeschichtensammlung vor.

Wells ganz eigener Dekameron

Diese umfasst zehn Geschichten aus zehn Jahren – Wells ganz eigener Dekameron sozusagen. Zwei dieser Geschichten stammen aus dem Erzählkosmos vom eingangs schon erwähnten Vom Ende der Einsamkeit; eine Erzählung, nämlich Das Grundschulheim erschien bereits schon vorher im Sammelband Unbehauste.

Inhaltlich spannt Wells den Bogen weit, von der rätselhaften Auftaktgeschichte Die Wanderung bis hin zu einer sentimentalen Erinnerung einer alten Dame in Richard reicht die Spanne. Mal sind die Erzählungen mysteriös und leicht verstörend (Ping-Pong), ein andermal eine Hommage an die Star-Wars-Filme von George Lucas (Die Wahrheit über das Lügen). Das ist abwechslungsreich, gut geschrieben und wirklich unterhaltsam – wenngleich die Qualität der Geschichten schwankt.

Eine Tatsache zeigt auch dieser Sammelband wieder – Benedict Wells ist ein großer Melancholiker, der sich zwischen Dur und Moll am wohlsten fühlt. War in die Entwicklung hin zu einer gewissen Traurigkeit schon ab Fast genial spürbar, tritt sie hier erneut ganz offen zutage.

Die Wahrheit über das Lügen zeigt die Entwicklung eines Autors, der es schafft, den Kern seiner Geschichten freizulegen, ohne alles immer auszuerzählen. Stattdessen überlässt er vieles auch der Fantasie seiner Leser und begnügt sich mit minimalistischen Anlagen seiner Erzählungen.

Fazit

Wells ist mit seinem ersten Kurzgeschichtenband ein kurzweiliges, überraschendes und sehr unterhaltsamer Dekameron voller heterogener Erzählungen gelungen. Zum Zwischendurch-Lesen, zum Vorlesen, zum Gedanken-Fließen-Lassen – kurzum: gute Unterhaltung!

Maxim Biller – Sechs Koffer

Wenn man in die Printlandschaft und die Bloggospäre rund um den Deutschen Buchpreis 2018 schaut, dann scheinen sich fast alle einig: Maxim Billers Sechs Koffer ist ein Meisterwerk, ein preiswürdiger Kandidat für die Shortlist und sogar für höhere Weihen. Nach der Lektüre frage ich mich – haben all die Rezensent*innen ein anderes Buch als ich gelesen?

Die Ausgangslage zu Billers Miniaturdrama (nicht einmal 200 Seiten weist die Erzählung auf) ist sehr vielversprechend. Die Mitglieder der Familie Biller leben alle mit einer Ungewissheit. Ihr Vater bzw. Großvater, tschechisch der Tate, wurde nach einem Verrat hingerichtet. Er schmuggelte Uhren und Dollars in den Westen – bis ihn ein Tipp auffliegen ließ. Doch wer ist der Verräter, wer hat den Taten auf dem Gewissen? Niemand weiß es, und so beginnt der Enkel des Taten mit seinen Nachforschungen.

Wer spricht die Wahrheit? Wer ist der Verräter? Und welche Blicke eröffnen uns sechs unterschiedliche Perspektiven? Eigentlich ein hochspannender Ansatz, aus dem Biller allerdings leider überhaupt nichts erzeugen kann. Weder schafft er es, die unterschiedlichen Charaktere sauber herauszuarbeiten und klar zu machen, wer gerade erzählt, noch gelingt ihm, eine saubere Exposition zu kreieren, die in die Erzählung hineinträgt.

Mehrmals musste ich ansetzen, um in Sechs Koffer hineinzufinden. Wer ist nun wer, welcher Konflikt liegt dem Ganzen zugrunde, wer erzählt hier gerade? All das erschloss sich mir erst nach mehrmaligem Loslesen von Billers Geschichte. Neben einer sauberen Ausarbeitung und einem erzählerischen Plan fehlt diesem Buch Rhythmus und ein innerer logischer Fluß, der den Leser durch die Geschichte geleitet.

Zu kurz und skizzenhaft

Meist vertrete ich ja die Auffassung, dass viele Bücher stärker werden, wenn man sie kürzt, reduziert, eher auf ihren Kern fokussiert. Dass manchmal auch das Gegenteil der Fall ist, sieht man an Sechs Koffer. Billers Prosa ist gehetzt, vollgestopft wie ein muffiges und zu kleines Zimmer voller Nippes. Mit 50 oder 100 mehr Seiten hätte er in meinen Augen ruhiger ausarbeiten können, worum es ihm geht und seinen Charakteren mehr Spielzeit gönnen können. So bleibt keine Figur im Gedächtnis, alles verharrt angerissen und skizziert.

Dass man am Ende der Geschichte genauso schlau wie vorher ist, das ist da schon geschenkt.

Dafür, dass Maxim Biller in die Richtung anderer Autor*innen immer hart austeilt, ihnen Duckmäusertum, Bräsigkeit und „Schwanzlosigkeit“ vorwirft, da sie noch nichts erlebt hätten – dafür liefert er selber sehr schwach ab. Auch seine Sprache weiß leider nicht zu begeistern. Eine besondere Kreativität ist hier nicht erkennbar, störend für mich hingegen war so manches Mal ein Zuviel an (widersprüchlichen und) ungenauen Adjektiven. Ein Beispiel sei hier auf Seite 12 genannt:

Sollte Dima über seine fünf Jahre in Pankrác lachen? Sollten sie beide über den Tod ihres armen Vaters lachen, ihres geliebten, strengen und meistens viel zu großzügigen Taten?

(Biller, Maxim: Sechs Koffer, S. 12)

Für mich leider im Gegensatz zum Gros der Kritiker durch die Bank weg enttäuschend. Eine Zuerkennung des Deutschen Buchpreises 2018 für Sechs Koffer könnte ich leider nicht nachvollziehen.

Eine ebenfalls kritische Analyse und Einschätzung hat abseits von allen lobenden Bewertungen noch Marina Büttner von Literaturleuchtet geschrieben.

Steffen Mensching – Schermanns Augen

Wie kann das sein? Da schreibt Steffen Mensching den besten Roman des Jahres, ein epochales Gemälde von Europa und Russland in den 30er und 40er Jahren – und kaum einer bekommt es mit? Zeit wird es, das zu ändern – denn Schermanns Augen sind über 800 Seiten Literatur, die im Gedächtnis bleibt. Handlungssatt, bunt und berührend.

Steffen Mensching (Jahrgang 1958, geboren in Ost-Berlin) präsentiert sich auf seiner eigenen, grafisch gewagten Homepage mit der schönen Selbstbeschreibung Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur. Seit zehn Jahren steht er dem Theater in Rudolstadt als Intendant vor und ist damit offenbar noch nicht ganz ausgelastet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er es geschafft hat, diesen Ziegelstein von einem Buch neben seiner Tätigkeit am Theater zu produzieren (wenngleich Mensching laut Interviews über 12 Jahre an dem Buch saß). Die Vorarbeiten zu Schermanns Augen müssen immens gewesen sein, genauso wie die Arbeit mit dem Text selbst. Denn sein Buch ist ein 800-Seiten-Pfünder mit einem bemerkenswert dichtem Textgewebe voller Zeitkolorit, Personen und Anekdoten der europäischen Secession.

Secession und Straflager

Diese lässt Mensching in all ihrer pulsierenden Kreativität und Lebendigkeit wiederauferstehen. Geistesgrößen wie Karl Kraus mit seiner Zeitschrift Die Fackel, der Maler Oskar Kokoschka, Alma Mahler, der Komponist Arnold Schönberg oder der Architekt Adolf Loos – sie wurden zu Taktgebern der 20er und 30er Jahre und prägten in Zentren wie Berlin oder Wien den intellektuellen Rhythmus. Neben unzähligen weiteren kulturell prägenden Gestalten bekommen sie ihren Auftritt – in den Erinnerungen von Rafael Schermann.

Jener Schermann, eine in den buntesten Farben schillernde und glitzernde Figur, lässt wie in 1001 Nacht diese Zeit und zugleich Zeitenwende wieder auferstehen. Die Rahmenbedingung für seine Erzählungen sind dabei von ebenso großer Tristesse wie Bedrohlichkeit. Denn Schermann sitzt 1940 im Gefängnis Artek ein und erzählt in Verhören seine Lebensgeschichte.

Safranowka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebiet, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Bis 1935 ein verschlafenes Fünfzig-Seelen-Dorf, windschiefe Hütten und eine baufällige, als Getreidespeicher genutzte Kirche. Dann übernahm das NKWD die Siedlung. Fünf Jahre später lebten hier knapp tausend Häftlinge, Frauen und Männer. Schermann war jetzt einer von ihnen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Warum hat es Schermann in dieses Lager verschlagen? Und das größte Mysterium überhaupt- wer ist dieser Mann überhaupt, der die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen weiß? Welche Geheimnisse hütet der Sträfling?

Er wurde bei einem Halt auf freier Strecke aus dem Transport geholt. Zwei Sträflinge, die zum Beräumen der Gleise eingeteilt waren, schleppten den Ohnmächtigen in Begleitung eines Postens zum Schlitten des Depotverwalters Trufulski. Der lieferte ihn in der Krankenbaracke ab. Ein Greis. Obwohl erst sechsundsechzig. Nicht allein die unbegründete Verlegung, auch der Aufenthalt im Brygidki-Gefängnis, die Odyssee im Viehwagen, Lemberg, Kiew, Charkow, Gorki, Hunger, Durst und Kälte, die Arbeit im Sägewerk der Sondersiedlung Fediakowo hatten Spuren hinterlassen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Die Fragen, die die Herkunft und der Weg Schermanns ins russische Arbeitslager aufwirft, treiben nicht nur die Lagerleitung um. Auch Otto Haferkorn ist von dem polnischen Mitgefangenen fasziniert.

Dieser Otto Haferkorn stammt eigentlich aus Berlin, sitzt aber nun in Artek wegen einer Verurteilung nach Paragraph 58 ein. Als kapitalistischer Spion gebrandmarkt hat er eine ebenfalls eine turbulente und aufwühlende Lebensgeschichte hinter sich. Er dient als Übersetzer in den Verhören Schermanns. Denn als Einziger ist der im ganzen Straflager des Deutschen mächtig und wird so zum Mittler zwischen Lagerleitung und Schermann.

Ein unglaubliches Leben

Es entfaltet sich in der Doppelbiographie von Rafael Schermann auf der einen und Otto Haferkorn auf der anderen Seite ein Bilderbogen, der das 21 Jahrhundert mit all seinen Verwerfungen und Schizophrenien treffend bebildert.

Rafael Schermann bei der Arbeit (Von anonymous/unknown – [1] Narodowe Archiwum Cyfrowe NAC, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18712671)

Während Haferkorn als Schriftsetzer für eine sozialistische Zeitung tätig war, ehe er die Flucht in den Osten antrat, verdingt sich Schermann mit dem Gegenteil der mechanisch erzeugten Schrift. Als Schriftendeuter oder Psychographologe wird er zum bewunderten Star der Gesellschaft, macht die Bekanntschaft aller Reichen und Berühmten, die seine Fähigkeiten bestaunen. Schon als Angestellter einer Versicherung in der böhmischen Provinz gelang es ihm, schier Unglaubliches aus dem Schriftbild seiner Mitmenschen herauszulesen. Familiäre Hintergründe, Beruf, Zukunft – Schermanns Augen bleibt nichts verborgen. Seine Analysen gleichen Hellseherei.

Dieses Talent führt ihn in die Kreise der Wiener Secession. Berlin, sogar Amerika bereist der polnische Sherlock Holmes (so einmal die Schlagzeile einer Zeitung über Rafael Mauritzowisch Schermann). Immer ist er dabei umgeben von den wichtigen und einflussreichen Menschen seiner Zeit.

Einem Zirkuspferd gleich wird Schermann als Attraktion durch die Weltgeschichte gescheucht. Auch die Medizin findet Interesse an seinen Fähigkeit, der Arzt Oskar Fischer publiziert ein Buch über das Phänomen Schermann und seine schriftdeuterischen Fähigkeiten. Doch auch bei Otto bleiben Zweifel – ist dieser Mann nun ein Genie oder ein Hochstapler?

Überleben in Artek II

An seinem neuen Platz im Arbeitslager dient Schermanns Fähigkeit als Faustpfand für das Überleben. Denn im Mikrokosmus des Arbeitslagers, in dem Bäume nach 5-Jahres-Plänen gefällt werden müssen, ist es ein Kunststück, am Leben zu bleiben. Überlebensfeindliche Temperaturen um das Lager herum – und nicht minder gefährliche Mithäftlinge in Artek II. Eindrucksvoll zeigt Mensching, wie die Regeln eines solchen Arbeitslagers wirken. Denn nicht nur die sowjetischen Aufseher führen ein hartes Regiment – auch im Lager selbst hat sich eine ausgeklügelte Hierachie entwickelt. Berufsverbrecher, auch Urki genannt, haben unter der Führung des Lagerpaten ein ebenso brutales wie effizientes System zum Machterhalt entwickelt.

Nicht umsonst leitet Mensching seinen Roman mit einem Zitat Fjodor Dostojewskis ein. Es stammt aus dessen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Treffender könnten Titel und Zitat auch für Menschings Prosa nicht sein:

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt; ich glaube das ist die beste Defintion für ihn

(Fjodor Dostojewksi)

Dieses Überleben in Extremsituationen beleuchtet der Berliner Autor eindrucksvoll. Beeindruckend dabei, wie, abwechslungsreich und geradezu bestechend Mensching seine Prosa komponiert und rhythmisiert. Mit größter Sprachmacht durchmisst er sicher all diese unterschiedlichen Milieus, mit denen Haferkorn und Schermann im Laufe ihrer unterschiedlichen Leben in Berührung kommen

800 Seiten voller Abwechslung

Auf über 800 Seiten tritt auf keiner einzigen Seite ein Gefühl von Langeweile oder gar Stillstand auf. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Rahmenhandlung auf dem beengten Raum des Straflagers 47 spielt. Steffen Mensching gelingt das Kunststück, die Enge und die Atmosphäre voller depravierter Menschen und sozialem Druck zu schildern, und dabei seinen Plot maximal weit und frei zu erzählen. Das ist große Kompositionskunst!

So stilistisch vielfältig, so inhaltlisch vielstimmig ist auch sein Buch. Die Schauplätze reichen von Berlin bis an den Ural, von New York bis Lemberg. Mal ist das Buch ein geradezu barocker Geschichtsbogen in orientaler Tradition, mal trostloser GULAG-Roman. Mal Oral History, mal Märchenbuch. Mal Kultur, mal Politik, mal tief im Osten, dann wieder im Westen. Zudem ist Schermanns Augen auch eine Hymne auf das Schreiben, die Handschrift und all das, was sich damit ausdrücken lässt.

Ein Buch mit hohem Anspruch, allerdings nicht immer einfach zu lesen. Ein Register mit den vielen russischen Termini wäre schön gewesen. Auch erfordert Menschings Eigenart, im ganzen Buch bei den wörtlichen Dialogen auf Anführungszeichen zu verzichten, erhöhte Aufmerksamkeit vom Leser.

Ohne den dichten Buchsatz der Seiten mit Absätzen oder irgendwelchen anderen setzerischen Mitteln aufzulockern entsteht so ein Lesefluss, der keine Ablenkung verzeiht. Dass daneben auch das Personaltableau überbordend ist, scheint auch dem Verlag aufgefallen zu sein. Nicht umsonst liegt dem Buch trotz Leseband noch ein Lesezeichen bei, dass wenigstens das wichtigste Personal von Artek II noch einmal aufführt und ihre Rolle stichpunktartig benennt.

Ein Lob dem Wallstein-Verlag

Vielleicht kann nur ein kleiner unabhängiger Verlag wie der Wallstein-Verlag das Wagnis eines solchen überbordenden Buches eingehen. Im normalen Druchlauferhitzer des Buchmarkts mit den schnell auf Erfolg kalkulierten Titeln dürften Big Player nur abwinken. Zu speziell, zu umfangreich, zu überambitioniert. Gehts nicht auf griffiger und kürzer?

Nein geht es nicht. Hier hat ein Autor seinen Raum bekommen, den er zur maximalen Entfaltung genutzt hat. Der verlegerische Mut, auf Schermanns Augen zu setzen gleicht dem, den Rafael Mauritzowitsch Schermann und sein Übersetzer Otto Haferkorn im Roman immer wieder aufs Neue beweisen. Es sind große Worte, die ich an dieser Stelle gebrauche – aber (natürlich streng subjektiv gesprochen) ein anderer deutschsprachiger Titel diesem Buch Konkurrenz machen kann, halte ich für dieses Jahr nahezu augeschlossen.

Fazit

Dass Schermanns Augen nicht auf der Longlist oder Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 steht, ist ein Skandal. Denn etwas Vergleichbares auf diesem Niveau fand ich in diesem aber auch den letzten Jahren nicht auf dem Buchmarkt. Lob, Ehre und Preise diesem Buch im Dutzend! Ein Herzensbuch, dessen Empfehlung mir hier wirklich ein Anliegen ist. Ein verlegerisches Wagnis, das unbedingt belohnt werden sollte!

 

Quelle des Titelbildes: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1316062

David Whitehouse – Der Blumensammler

Erst neulich im Urlaub gewesen mit Freunden – und dabei auch über die Urlaubslektüre ausgetauscht. Im Gepäck überwiegend Krimis und Thriller. In meinem Koffer hingegen das neue Buch des Briten David Whitehouse (Jahrgang 1981) mit dem Titel Der Blumensammler (Deutsche Übersetzung von Dorothee Merkel). Die Reaktion eines Freundes nach meiner Zusammenfassung der erzählerischen Grundpfeiler: Etwas Langweiligeres könnte ich mir nicht vorstellen. Ein Buch über einen Mann, der Blumen sammelt. Öde

Und ja, das Blumensammeln hat keinen guten Ruf. Allzu spleenig ist das Hobby, viele sind damit wohl nur in der Schule im Heimat- und Sachkundeunterricht oder in Biologie in Berührung gekommen. Blumen bestimmen mithilfe des Schmeil-Fitschen, eines Bestimmungsbuches, bei dem man über einen Entscheidungsbaum die Pflanzen eingrenzen konnte. Oder als Höhepunkt das eigene Herbarium. Durch die Flora stiefeln, Blumen sammeln und dann zwischen den Seiten des verstaubten Lexikons die Blüten wochenlang pressen, bis diese so platt wie verdorrt sind.

Ich kann es dem Freund nicht verübeln, dass er da von einer trockenen und langweiligen Angelegenheit ausging. Doch Whitehouse Buch ist so ganz anders und zeigt, welche Faszination von Blumen ausgehen kann. Wer hat schon einmal von der Udumbara oder der geheimnisvollen Gibraltar-Lichtnelke gehört, nicht zu reden von einer schaffressenden Pflanze?

Drei unterschiedliche Männer und ihre Verbindungen

In seinem Buch begegnen wir all diesen Wunderwerken der Natur genauso wie drei Männern, die mehr verbindet, als es zunächst den Anschein hat. Da gibt es den Tatortreiniger Peter Manyweathers, der einen alten Brief entdeckt, der ihn zum Blumensammler macht. 20 Jahre später begegnen wir Dove, der eigentlich in London als Telefondisponent bei einem Rettungsdienst arbeitet. Er wird immer wieder von Flashbacks von Peter Manyweathers Leben heimgesucht. Und dann gibt es als Dritten im Bunde noch einen Professor, der bei einer waghalsigen Exkursion einen Flugschreiber rettet.

Erscheinen diese drei Erzählstränge zu Beginn noch völlig wahllos und unverbunden, so ordnet sich alles nach und nach zu einem logischen Ganzen. Die Frage, ob eine derartig komplizierte Erzähllkonstruktion nötig ist (die ich mir anfangs stellte) würde ich am Ende klar mit ja beantworten.

Fazit

Alles andere als trocken ist dieses Blumenbuch – es sind andere Adjektive, die für mich das Buch beschreiben. Berührend, kurzweilig, überraschend und exotisch. Neben den vielen Schauplätzen (Sumatra, Nairobi, Gibraltar, um nur einige zu nennen) thematisiert David Whitehouse auch die Faszination, die Pflanzen auf Menschen ausüben können, durchaus überzeugend. Würde man dieses Buch nur als Presse für ein Herbarium verwenden, so wäre das schade. Stattdessen sollte man das Buch auf alle Fälle lesen – und dann vielleicht sogar auf Pflanzenexpedition gehen!

Jo Nesbo – Macbeth

So viel sei zunächst vorausgeschickt – nein, der neue Roman von Jo Nesbo ist kein Harry-Hole-Roman. Und auch ein wirklicher Thriller ist das Buch nicht – vielmehr entstand das Buch im Rahmen des Hogarth-Shakespeare-Projekts, bei dem AutorInnen wie Anne Tyler oder Margaret Atwood sich den klassischen Stücken Shakespeares annehmen. Anschließend schreiben sie auf Basis dieser Werke eigene Romane, die das Geschehen in die heutige Zeit transportieren sollen.

Macbeth von Jo Nesbo

Bislang las ich einen Beitrag aus der Reihe, nämlich Margaret Atwoods Hexensaat. Sie knüpfte sich darin Shakespeares The Tempest also Der Sturm vor, den sie kurzerhand in ein Gefängnis erlegte. Jo Nesbo bleibt in Macbeth Shakespeares Originalschauplatz in Schottland treu. Er siedelt seine Erzählung in einer anonymen Stadt an,die eigentlich auch Sin City sein könnte. Ständig nieselt es, alles liegt im Halsbschatten und das Verbrechen hat die Stadt fest im Griff.

Dem Verbrechen entgegen stellt sich Macbeth. Mit seinem mobilen Einsatzkommando lässt er Dealer hochgehen und sorgt für Gerechtigkeit. Allerdings ist er auch selbst eine sehr fragile Figur. Der frühere Drogenkonsum ist ein Menetekel und zudem steht er unter dem Einfluss seiner Lady. Diese ist eine Kasinobesitzerin und verfügt über ebensoviel Einfluss wie Machtwillen. Sie bestärkt Macbeth darin, für seine Karriere sprichwörtlich über Leichen zu gehen. Und wer eine Ahnung vom Original Shakespeares hat, der weiß, wie das endet.

Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, Stehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn.

3. Akt, 2. Szene / Lady Macbeth

Eine gelungene Neuinterpretation?

Konnte mich Nesbos Version des klassischen Shakespeare-Stoffs überzeugen? Leider nein. Trotz der immer wieder im Text verwendeten Zitate Shakespeares (ins Deutsche übertragen von André Mumot) und der schönen Grundidee – so wirklich lösen kann sich Nesbo zu keinem Zeitpunkt von seiner Vorlage. Seine Charaktere tragen alle die Originalnamen, der Plot ist eine 1:1-Kopie von Shakespeares Stück. Und leider – für mich der wichtigste Punkt: Jo Nesbo vermag es auch nicht, dem Stoff etwas Neues abzugewinnen. Alles wird einfach nacherzählt – bei Shakespeare sind es drei Hexen, die Macbeth ihre berühmte Prophezeihung überbringen. Bei Nesbo sind es drei Abgesandte des lokalen Drogendealers. König Duncan wird einfach zu einem Polizeichef, aber sogar der Tod erfolgt bei Nesbo noch per Dolch. Mal erscheint Macbeth der Geist Banquos auf dem Thron, bei Nesbo taucht dieser dann einfach in einem Ampellicht auf und verwirrt den Titelhelden. Um es kurz zu machen: Für mich las sich die Neuinterpretation einfach wie eine etwas fantasielose Kopie des großartigen Originals, die man einfach nur anders angestrichen hat, ohne zu sehen, ob die Fläche darunter auch eine Bearbeitung verdient hätte. Schade drum.

Fazit

Nesbo hat sich nicht freischwimmen können vom Übervorbild Shakespeare – man kann es ihm angesichts der Vorlage nicht wirklich verdenken. Überzeugen kann er so leider aber ebenfalls nicht. Ich warte lieber auf einen neuen Harry-Hole-Krimi vom Meister und lese den Macbeth dann im Original.