Category Archives: Literatur

Ferdinand von Schirach – Terror

Der Weichenstellerfall

Der Fall, um den das Theaterstück Terror von Ferdinand von Schirach kreist, ist in der Theorie als sogenannter Weichenstellerfall bekannt. Ein Wagon rast ein abschüssiges Stück Schiene herab und droht in einen vollbesetzten Personenwaggon auf der Strecke aufzufahren. Dutzende Opfer wären die Folge – doch da gibt es eine Weiche, die man umlegen könnte. Am Ende der alternativen Strecke befinden sich allerdings 5 Gleisarbeiter, die man mit der Entscheidung, die Weiche zu stellen, ermorden würde.

Ferdinand von Schirach - Terror (Cover)

Genau dieses Dilemma überträgt von Ferdinand von Schirach in seinem Stück nun auf den Bundeswehrpiloten Lars Koch. Dieser hat eine Lufthansa-Maschine abgeschossen, in der 164 Passagiere saßen. Die Maschine befand sich in der Hand eines Geiselnehmers, der drohte das Flugzeug auf die vollbesetzte Allianz-Arena abstürzen zu lassen. 70.000 Opfer wären die Folge gewesen. Lars Koch hat nun den Tod der 164 Fluggäste gegen den von 70.000 Arenabesuchern in Kauf genommen und das Flugzeug gegen die Anordnung seiner Vorgesetzten vom Himmel geholt. In der Folge sitzt er nun auf der Anklagebank und der Leser beziehungsweise der Zuschauer des Theaterstücks befindet über das Urteil. Durfte Koch das Flugzeug abschießen und damit die Verfassung im vorliegenden Einzelfall aushebeln? Oder darf man kein Menschenleben gegen ein anderes aufrechnen? Am Ende entscheidet jeder Betrachter selber.

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Richard Flanagan – Die Unbekannte Terroristin

In den Fängen der Lügenpresse

In Zeiten, in denen das Wort der Lügenpresse aus dem öffentlichen Diskurs kaum mehr wegzudenken ist, Wahlschlachten eher über Gefühle denn über Fakten entschieden werden und die Manipulation ein probates Mittel zur Skandalisierung und Zuspitzung geworden ist, gießt dieser Roman des tasmanischen Schriftstellers Richard Flanagan Öl ins Feuer.

flanaganEr erzählt in Die unbekannte Terroristin von vier Tagen im Leben von Gina Davies, nach denen nichts mehr so ist wie es war. Davies – genannt die Puppe – verdingt sich in einem Striplokal in Sydney als Tänzerin. Inmitten der schmieriger Kunden und des heruntergekommenen Ambientes gilt ihr Augenmerk eigentlich nur dem Geld, das sie mehrt und mehrt. Doch dann macht sie die Bekanntschaft mit Tariq und beschließt aus einem Affekt heraus, die Nacht mit ihm zu verbringen, ohne zu ahnen, dass damit ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten wird. Continue reading →

John Williams – Augustus

Die Erfolgsgeschichte von John Williams mutet ziemlich kurios an. Zu Lebzeiten recht erfolglos brachte der amerikanische Professor und Schriftsteller nur vier Romane zuwege, darunter die Titel Stoner und Butcher’s Crossing. Der Erfolg blieb recht überschaubar und erst 20 Jahre nach seinem Tod avancierten die oben genannten Bücher zu Welterfolgen. Die einzige Ausnahme stellt sein letzter Roman Augustus dar, der ihm schon zu Lebzeiten den National Book Award einbrachte und die Kritik aufhorchen lies.

Genau 43 Jahre nach dieser Auszeichnung erscheint der Roman nun von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen bei dtv. Im Vergleich zu den beiden schon zuvor publizierten Romanen lässt sich hier konstatieren – dieser Roman fällt aus dem Rahmen. Nicht nur wegen des Topos, das von den amerikanischen Settings komplett abweicht, sondern auch von der Schreibweise her.

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Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Gaius Octavius Cäsar, der unter seinem Namen Oktavian beziehungsweise Augustus zu einem der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte wurde und diese entscheidend mitprägte. Für seine fiktive Biographie des Cäsaren wählt Williams die Form einer Collage. Chronologisch spannt der Autor den Bogen von den Jugendjahren Augustus über dessen Nachfolge des ermordeten Cäsars bis hin zu seinem Tod im Alter von 77 Jahren bei Neapel. Dabei lässt er Weggefährten und Augustus selbst in Briefen, Tagebüchern und Berichten erzählen. Viele der Protagonisten stehen in häufiger Korrespondez miteinander und berichten dabei von der Entwicklung Octavians hin zu Augustus. Dichter wie Vergil oder Horaz schreiben über ihn, Seneca und Cicero finden mit ihren Schriften auch Eingang in den Roman. Williams verwendet für seinen Roman sogar in den Text eingebaut Auszüge aus der Propagandaschrift Res gestae divi Augusti, die die Heldentaten Augustus‘ preisen.

Dies ist profund gestaltet, allerdings ist dieses Buch auch das forderndste aus Williams Feder. Die Lektüre von Augustus ersetzt ein ganzes Pro-Seminar der römischen Geschichte, so detailliert hat sich der Autor eingearbeitet. Neben den zahlreichen berühmten schon oben geschilderten Namen treten auch noch weitere historische Figuren wie der spätere Kaiser Tiberius oder Augusts Weggefährten wie Maecenas und Salvidienus auf. Da die Charaktere auch untereinander immer wieder schreiben, Tagebucheinträge an Erinnerungen montiert sind und das Personaltableau nahezu uferlos ist, braucht man für diese Lektüre schon jede Menge Konzentration bzw. Erinnerungsvermögen, um alle wichtigen Charaktere im Kopf zu behalten. Erleichterung verschaffen da die angefügte Zeittafel und das Who’s who im Alten Rom. Auch der angehängte aufschlussreiche Essay des Williams-Kenner Daniel Mendelsohns soll hier lobend Erwähnung finden.

Fazit: Zweifelsohne Williams‘ ambitioniertester Roman, dessen Lektüre einiges an Zeit bzw. Willen zur Einarbeitung verlangt. Wer dies mitbringt, wird mit einem kenntnisreichen und durchaus auch modernen Roman belohnt, der mit Gewinn (wiederzu-)entdecken ist!

Christian Kracht – Die Toten

Ein neues Buch von Christian Kracht ist immer ein Ereignis – der Rummel um seinen letzten Roman Imperium war immens und die Wogen der Debatten schlugen (in meinen Augen völlig ohne Grund) hoch. Nun hat Kracht seinen nächsten Titel Die Toten veröffentlicht – was kann das Buch?

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Nach der wahren und höchst kuriosen Lebensgeschichte des Kokovaren August Engelhardt, der mithilfe seiner Kokosnuss-Sekte die Welt retten wollte, taucht Kracht nun ein in die fiebrige Welt der Weimarer Republik und in die des japanischen Kaiserreichs.

Er erzählt vom Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli, der von Alfred Hugenberg, dem mächtigen Chef der UFA in Berlin, in einen wilden Plan eingespannt wird. Nägeli soll einen Film drehen – am besten mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle – der eine filmische Achse zwischen Deutschland und dem Japanischen Kaiserreich herstellen soll. Denn Hugenberg ist gewillt, den Streifen aus Hollywood die Stirn zu bieten – und Nägeli soll die Sache schaukeln …

Das Filmgeschäft in Berlin

Lotte Eisner, Charlie Chaplin, Siegfried Kracauer, Alfred Hugenberg – die Namen die Kracht in seinem neuen Roman auffährt, sind mehr als groß. Er führt direkt hinein ins damals boomende Filmgeschäft in Berlin, das Hollywood der Hauptkonkurrent war. Regisseure wie Fritz Lang sorgten für eine kreative Blüte in der Landes – und auch Kracht scheint diese Epoche beflügelt zu haben.

Die Sprache des Autors funkelt und blitzt – es ist ein Genuss dieses Geschichte zu lesen. Doch abseits von der kunstvollen Prosa bietet Die Toten eigentlich nicht viel außer jeder Menge Budenzauber. Nach der Beendigung der Lektüre überriss ich noch einmal die Handlung und hatte dabei das Gefühl, ein kunstvolles literarisches Baiser verzehrt zu haben, das recht schnell in sich zusammenfiel.

Die Rahmenhandlung des Romans ist für meinen Geschmack dann doch etwas zu banal (und auch etwas zu konstruiert), als dass das Buch länger im Gedächtnis bliebe oder in einen Literaturkanon aufgenommen werden müsste. Ein wunderbar geschriebenes Buch für Zwischendurch, aber große Kunst geht dann doch leider anders (und tiefer).

Noah Hawley – Vor dem Fall

Netflix-Afficionados könnte der Name dieses Autors schon bekannt vorkommen – denn als Headautor ist Noah Hawley für die grandiosen beiden Staffeln der Serie Fargo verantwortlich, die lose auf dem legendären Film der Coen-Brüder basiert. Auch für die Serie Bones-Die Knochenjägerin steuerte der amerikanische Drehbuchschreiber Skripte bei. Nun liefert Hawley als Autor auf dem deutschen Buchmarkt sein zweites Buch ab- Vor dem Fall heißt der Titel.

Vor dem Fall von Noah Hawley

Vor dem Fall von Noah Hawley

Darin erzählt er von einem Flugzeugabsturz, dessen Vorgeschichte und dessen Konsequenzen. Ein Privatjet mit einem Newsmogul und dessen Familie sowie weiteren illustren Gästen an Bord, stürzt auf dem Weg von Martha’s Vineyard nach New York ab. Den Absturz haben nur der per Zufall an Bord befindliche Maler Scott Burroughs und der Sohn des Newsmoguls überlebt, den Scott in einem Akt übermenschlicher Anstrengung stundenlang durch das Wasser zieht und damit rettet. Die Medien stürzen sich schon bald auf Scott und den Jungen und beleuchten den Hintergrund des Malers und ergehen sich in dubiosen Spekulationen.

Währenddessen bedrängen Scott auch die Ermittlungsbehörden, die erfahren wollen, was an Bord der Maschine wirklich geschah. Doch die Erinnerungen von Scott sind durch den Unfall wie ausgelöscht. Erst allmählich drängen diese Erinnerungen den Wrackteilen des Flugzeugs gleich an die Oberfläche.

Mit Vor dem Fall ist Noah Hawley ein toll komponierter Roman gelungen, der durch seine geschickte Montage die Spannung über die 446 Seiten zu tragen weiß. Stück für Stück enthüllt der Autor die Wahrheit, auch indem jede der an dem Flug beteiligten Personen eine eigene Rückblende erhält, wie z.B. die Stewardess oder der Leibwächter des Newsmoguls. Immer neue Facetten treten so zutage und machen das Bild des Absturzes immer runder. Daneben flechtet Hawley auch noch Bildbetrachtungen von Werken ein, die Scott Burroughs gemacht hat und erzählt in Rückblenden von dessen Leben. Dies ist handwerklich mehr als sauber gelungen – man merkt dem Buch deutlich Hawleys Herkunft vom Film an. Durch diese außergewöhnliche Montage und die filmische Erzählweise wird Vor dem Fall zu etwas besonderem und verdient eine Lektüre!