Category Archives: Literatur

Adventskalender – Türchen 21

Eine wunderbare Preziose und Wiederentdeckung verbirgt sich hinter dem heutigen Adventskalendertürchen – die Rede ist vom Büchlein „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr.

Dieses im Original 1980 erschienene Büchlein wurde nun vom Dumont-Verlag in einer wunderschön gestalteten bibliophilen Ausgabe herausgegeben, die Übersetzung hat Monika Köpfer besorgt. Der Titel des Buchs trifft nicht ganz zu, denn mehr als ein Monat auf dem englischen Land soll es dann für den Kriegsveteran und Ich-Erzähler Tom Birkin schon werden.

Dieser kommt ins verschlafene Dörfchen Oxgodby auf dem Land, hier gehen die Uhren noch anders. In einer Kirche soll er ein Deckengemälde restaurieren und freilegen – doch die Arbeit ist eigentlich nur Metapher. So behutsam wie er Schicht um Schicht an der Kirchendecke abträgt, so behutsam enthüllt J. L. Carr langsam die Details über das Leben seines Protagonisten. Seine Vergangenheit und seine Versuche sich ins Leben zurückzutasten verfolgt man gebannt und freut sich über Birkins neu erwachenden Lebensmut.

J.L. Carr benötigt nicht viele Worte oder Passagen und die Schrecken des Weltkrieges zu skizzieren, die zur Verunstaltung und den Leiden von Tom Birkin führen. Ebenso gelingt im die Gratwanderung zwischen Idylle und  Sentimentalität fernab von jeglichem Pilcher-Cornwall-Dramolett. Das Buch vermeidet jeden Kitsch, den man fürchten könnte und ist ein wunderbares Kleinod, das unter jedem Weihnachtsbaum gut aufgehoben ist!

Ian McEwan – Nussschale

Bauchgefühl

Wieder einmal überrascht Ian McEwan mit einem Roman, der einen Plot aufweist, den man so noch nicht gelesen hat. Dabei ist das Setting seiner Geschichte eigentlich mehr als verbraucht – man nehme einen Mann, seine Frau und packe dazu einen Geliebten, der zugleich der Bruder des Mannes ist. In dieser Dreier-Konstellation spielt sich nun alles ab, was der zwischenmenschliche Bereich so hergibt – Habgier, Neid, Wollust und mehr. Doch besonders wird dies alles erst durch den Erzähler, der sich nämlich im Bauch der Frau befindet. Aus der Sicht des Säuglings schildert Ian McEwan, wie in der Mitte der drei Charaktere ein tödlicher Plan entsteht, der schon bald eine rasche Eigendynamik entfesselt.

Stein des Anstoßes ist nämlich eine Immobilie, auf der John, der Vater des ungeborenen Kindes, sitzt. Eigentlich schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben, indem er einen unrentablen Lyrikverlag betreibt. Doch ein heruntergewohntes herrschaftliches Haus in guter Londoner Lage zählt zu seinem Besitz und das ist in Zeiten der rasenden Immobilienpreise ein Vermögen. Ein Vermögen, das Trudy und Johns Bruder Claude gut für sich brauchen könnten, möchten sie doch fortan zusammen ihr Leben leben und John daraus verbannen. Gift heißt die Lösung ihres Problems, und so muss der Säugling in Trudys Bauch hilflos mitansehen, wie seine Mutter nebst dem Geliebten ein tödliches Komplott spinnt, das für alle Beteiligten unabsehbare Konsequenzen haben wird.

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Nathan Hill – Geister

Die Geister, die ich rief …

Was für ein Buch – Nathan Hills Debüt Geister bringt es auf stattliche 864 Seiten und verlangt dem Leser einiges an Kondition ab. Ins Deutsche übertragen wurde der Titel vom Übersetzerduo Werne Löcher-Lawrence und Katrin Behringer. Erschienen ist es im Münchner Piper-Verlag.

In seinem Roman entfaltet Hill das Panorma zweier Existenzen – zum einen das des Englisch-Professors Samuel Anderson und zum anderen das seiner Mutter Faye Anderson-Andresen.

geister

Verbunden sind diese nicht nur durch ihre Herkunft, sondern auch durch ein Geheimnis, das Samuel nun endlich ergründen möchte. Eines Tages verließ seine Mutter einfach ihn und seinen Vater und verschwand ohne ein weiteres Lebenszeichen aus deren Leben.

Und nun tritt sie Jahre später mit einem Knall erneut in Samuels Welt. Sie wird nämlich gerichtlich dafür belangt, einen republikanischen Präsidentschaftsbewerber attackiert und mit Steinen beworfen zu haben. Da Samuel finanziell mehr als in der Klemme steckt, soll er nun eine alte Bringschuld für seinen Verleger einlösen und ein Buch über diesen Vorfall und damit über seine Erzeugerin schreiben. Er beginnt mit seiner Recherche, und dringt dabei auch tief ins Jahr 1968 vor. Damals versetzten die Studentenunruhen und Proteste ganz Amerika in Aufregung und im Leben von Samuels Mutter spielten sich entscheidende Dinge ab, die sie für immer prägen sollten.

864 abwechslungsreiche Seiten

864 Seiten, das klingt auf dem Blatt erst einmal nach einem wirklichen Ziegelstein von Buch. Doch Nathan Hill ist ein zu guter Schriftsteller, als dass er seine LeserInnen wirklich zu so vielen Seiten verpflichten wollte, wenn er nichts zu erzählen hätte. Seine Doppelbiografie zweier kantenreicher Persönlichkeiten liest sich ausnehmend kurzweilig, was auch der Montagetechnik des Romans geschuldet ist. Immer wieder springt er zwischen den Jahren 2011 und 1968 hin und her und variiert auch seine Schreibe.

So berichtet er von Computerspiel-Episoden, ersinnt eine Entscheide-Dich-Geschichte und liefert mit einer brillant choreografierten Schilderung der Antikriegs-Demonstrationen in Chicago 1968 den für mich überzeugendsten Teil der Geister ab. Diese variantenreiche Erzählweise macht den großen Reiz aus und sorgt dafür, dass man sich gut in Hills Protagonisten einfühlen kann.

Besonders sticht bei diesem Buch auch hervor, dass der junge Autor nicht alles zwangsläufig auserzählen muss.

Ein verheißungsvoller Literat macht sich warm

Entscheidende Passagen oder Schlüsselszenen spart er manchmal auch aus und überlässt deren Inhalt der Fantasie des Lesers. Immer wieder bringt er neue Facetten zum Vorschein oder legt den Fokus auf unterschiedliche Protagonisten (darunter auch Personen der Zeitgeschichte wie etwa Allen Ginsberg). Dies lässt aus diesem toll gestalteten Buch eine spannende und abwechslungsreiche Lektüre werden.

Ein großer amerikanischer Roman für diesen Herbst. Hier macht sich ein neuer Literat am Seitenfeld warm, der schon bald altgedienteren und etablierten Great-American-Novel-Schreibern den Rang ablaufen könnte!

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Ein kleines Dorf in Irland, getroffen von der Rezession. Dieses Dorf hat sich der Schriftsteller Donal Ryan erwählt, um hier einen Blick in den Kosmos der Dorfgesellschaft und damit im Endeffekt auch auf die Lage des Landes zu werfen. Ryan erzählt von Kindergärtnern, Bauarbeitern oder auch aus der Perspektive von Kindern, die einen ganz eigenen Blick auf das Dorfleben haben.

pressebild_die-gesichter-der-wahrheitdiogenes-verlag_72dpiDie Rezension hält das kleine irische Städtchen am Boden und das Bild eben jenen Dorfes wird von Bauruinen dominiert, die nach dem Platzen der Finanzblase nicht mehr weiter gebaut wurden. Der lokale Bauunternehmer hat seine Mitarbeiter ausgeschmiert und nun brodelt es im Dorf. Doch auch zwischenmenschliche Konflikte treten immer mehr zutage, sodass am Ende dieses Erzählreigens eine Entführung und sogar ein Mord stehen werden. Wie es dazu kam erschließt sich Stück für Stück aus den einundzwanzig Geschichten, die damit die Gesichter der Wahrheit bilden.

Nach seinem sehr guten Erstling Die Sache mit dem Dezember gibt es nun Nachschlag von Donal Ryan . Abermals kam die Übersetzerin Anna-Nina Kroll zum Einsatz, die den Titel The spinning wheel als Die Gesichter der Wahrheit ins Deutsche übertrug. Sie hat es recht gut geschafft, den Slang der irischen Landbevölkerung ins Deutsche zu übertragen. Chorisch berichten die Protagonisten Ryans, die meist kein Blatt vor den Mund nehmen und so Zeugnis vom Niedergang eines ganzen Landes geben.

Dass bei einundzwanzig Geschichten auf 240 Seiten keine große Tiefe oder Profilschärfe in puncto Figurenzeichnung zu erwarten ist, das ist klar. Dafür gelingt es Ryan aber schnell, von Geschichte zu Geschichte zu wandern und sein Spinnrad der Fiktion von Speiche zu Speiche zu drehen – ein Panoptikum des Niedergangs, schnell auf ein wenig mehr als 250 Seiten erzählt.

Benedict Wells – Spinner

Bekenntnisse eines Slackers

Jesper Lier ist ein Slacker, wie er im Buche steht. Mit seinen zwanzig Jahren ist er nach der Schule aus München ins große Berlin gezogen und lebt nun in der Hautpstadt in den Tag hinein. Sein Praktikum beim Berliner Merkur ist eigentlich nur lästiger Broterwerb, seine wahre Leidenschaft gilt der echten Literatur und damit seinem Romanprojekt Der Leidensgenosse. An diesem 1200-seitigen Mammutwerk schreibt Jesper nachts unter Zuhilfenahme von Tabak und Alkohol. Und er schreibt. Und schreibt. Und schreibt.

pressebild_spinnerdiogenes-verlag_72dpiWir beobachten Jesper nun eine Woche lang, von Montag bis Sonntag – eine Art Wochen-Ulysses. Sieben Tage lang taumelt Jesper durch die Stadt und sein Leben, zerrissen zwischen Familiengeburtstagen, Schreiben, Partys und dem Wunsch sich zu verlieben. Meist scheitern Jespers Pläne und man beobachtet den jungen Mann, wie er nichts Handfestes zuwege bekommt und antriebslos durch die Hauptstadt steuert. Sein Leben gleicht einer Bummelbahn auf abschüssigen Gleisen, und das bei einer sehr kurvigen Route. Continue reading →