Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben

In diesem Jahr ist Frankreich das Partnerland der in Kürze beginnenden Frankfurter Buchmesse. Ein Land, das mit einer erfreulich heterogenen Literaturszene aufwarten kann. Meine neueste Entdeckung ist hierbei Pierre Lemaitre, ein in Paris lebender Schriftsteller, der bislang überwiegend als Krimiautor in Erscheinung trat.

Sein nun im Taschenbuch erschienener Roman Wir sehen uns dort oben (Übersetzung Antje Peter) erzählt von einem ganz besonderen Triumvirat, das durch Geschehnisse in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs zusammengeschweißt wird. Da wäre zunächst der etwas unbedarfte Soldat Albert Maillard, der von seinem Vorgesetzten, dem Offizier Pradelle auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird, um den deutschen Truppen ein paar Meter Schlachtfeld abzujagen. Jener Pradelle selbst („ungestüm und primitiv“ so die Kennzeichnung auf S. 38) möchte mit diesem Manöver endlich noch die ihm seiner Meinung nach zustehenden Meriten verdienen, die ihm bislang versagt blieben. Der Dritte im Bunde ist der Soldat Edouard Péricourt, der in letzter Sekunde zum Retter Alberts wird, dabei aber fast mit seinem eigenen Leben bezahlt.

Dieses Beziehungsgefüge bildet nun die Grundlage zu Lemaitres mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman, der ein umfassendes Panorama der französischen Nachkriegsgesellschaft zeichnet. Während Albert und Edouard eine symbiotische Freundschaft schließen, nicht zuletzt um auch leichter überleben zu können, legt Offizier Pradelle einen steilen Aufstieg hin und avanciert zum hochdekorierten Kriegshelden.

Albert und Edouard eint der Hass auf diesen, da sie beide wissen, um welchen Preis Pradelle seinen Erfolg errungen hat. Sie beschließen, durch eine ausgeklügelte Masche Rache zu nehmen und ihrem Leid als Kriegsversehrte zu entfliehen. Hier zeigt sich das Talent Lemaitres, der weiß wie man spannend erzählt und Erzählbögen entwickelt, die die Geschichte tragen. Immer wieder wechselt er die Perspektiven von Albert zu Pradelle zu Edouard und so weiter. Das ist gut gemacht und treibt die Geschichte voran.

Mit einer Prise Dumas erzählt er von der französischen Nachkriegsgesellschaft, dem Leid und den Sorgen, die die Menschen mit sich trugen, trotz der Tatsache, dass Frankreich Kriegsgewinner war. Doch ein solcher Krieg kennt doch nur Verlierer, das wird bei Wir sehen uns dort oben eindringlich klar. Ein starkes Buch über ein auch nach einhundert Jahren immanent wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

 

Und an dieser Stelle noch ein Hinweis für alle Leser, die nun neugierig auf Pierre Lemaitre geworden sind: jüngst erschien der neue Roman Lemaitres mit dem Titel Drei Tage und ein Leben im Klett-Cotta Verlag. Eine Besprechung hier wird in Kürze folgen!

Die Legende der Bayerischen Buchpreisblogger*innen

Es begab sich aber, dass ein Ruf im Bayernland erscholl. Es sollte gekrönt werden, wer das beste Sachbuch und den besten Roman des Jahres verfasst habe. Die Häupter der Sieger sollten gesalbt werden an einem Ort, der da heißt Allerheiligen-Hofkirche.

Damit das Bayernland aber verharre in großer Neugier und Spannung, sollte die Entscheidung just erst an jenem Abend gefällt werden, an dem sich alle Autoren versammelten in den Heiligen Hallen der Residenz zu München. Zur Belohnung gab es für die siegreichen Schreiber neben finanziellem Ruhm auch einen königlichen Löwen, gemeißelt aus feinstem Porzellan, auf dass ein jeder sehe, dass der oder die Autorin es geschafft hat, das lesende Volk Bayerns von sich zu überzeugen (oder zumindest die jeweilige Jury).

Dies Spectaculum spielte sich so Jahr für Jahr ab, ehe der Ruf auch in bislang unbekannte Gebiete vorstieß – dieses Neuland, genannt Internet. In der hier angewandten Allegorie befindet sich dieses zerklüftete Neuland auf den Höhen stürmischer Gipfel inmitten der Alpen. Dort hausen wagemutige Männer und Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, willige Adepten durch die zerklüftete Landschaft der Literatur zu führen und ihnen besondere Genüsse abseits der Wege zu bieten. Sie hegen und pflegen die Bücher und Romane, die den Aufstieg auf die gefährlichen Bestsellerlisten verpasst haben oder diesen gar nicht antreten wollten. Gleich der Suche nach einem Edelweiß nehmen sie allerhand Unbill und stürmisches Wetter in Kauf, um ihren Leser in mühevoller Kleinarbeit Literatur zu zeigen, deren Lektüre mit mal größerem oder kleinerem Gewinn verbunden ist.

Da der Ruf des Bayerischen Buchpreises natürlich nun ein nicht alltägliches Erlebnis ist, versammelten sich nun drei besonders gewandte Bezwinger*innen dieses zerklüfteten Gebirges der guten Literatur und beschlossen, eine Seilschaft zu bilden. Zusammen, so der Plan, sollte man sich des Bayerischen Buchpreises annehmen, die Autor*innen und deren Werke prüfen und (im Falle des Lobes und der Anerkennung) ihren Ruhm auch ins Neuland hinauf tragen.

Die Seilschaft war schnell gefunden, das Triumvirat ward gebildet aus Birgit Böllinger von der Hütte Sätze&Schätze; Katharina Herrmann von der Klause 54 Books stieß zur Gruppe – und als Quotenmann (und zur Verteidigung gegen Steinschlag) wurde noch Marius Müller per Jodler aus seiner Kate Buch-Haltung zum Gespann gerufen, auf dass man tritt- und stilsicher wandle auf den Pfaden des Bayerischen Buchpreises.

Nach einer Ausstattung der drei königlich-bayerischen Buchblogger (Enzianschnaps, Ganghofer-Jutebeutel und Schnupftabak) stehen die drei Blogger nun bereit für die Route nach München, die am 7. November enden soll. Auf dem Weg bis dahin soll es auf ihren Blogs immer mal wieder Berichte und Rezensionen über die am Rand der Route gefundenen Trouvaillen geben. Auch Richtungsstreit, Diskussionen oder Umwege entlang der Route werden nicht ausgeschlossen. Für eine möglichst hohe Informationsdichte empfehlen die drei Literaturführer den regelmäßigen Besuch ihrer Berghütten in diesem Neuland. Zur Orientierung der literarischen Wanderwege wurde auch schon ein Wegweiser durchs Neuland gezimmert, er lautet #baybuch. Auch Brotzeitpackerln und aufmunternde Worte sind gerne gesehen. Bayerischer Buchpreis, mach dich auf etwas gefasst. Hollerei du Dudeljö!

 

Nobelpreis: Kazuo Ishiguro

(c) Nobelpreiskomitee/Schweden

 

Der 1954 in Nagasaki geborene Brite Kazuo Ishiguro erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Nach den Experimenten der letzten Jahre (2015 Svetlana Alexijewitsch, 2016 Bob Dylan) halte ich die aktuelle Wahl für eine gute Wahl, um den Preis wieder auf seinen Kern zurückzuführen – nämlich die Literatur höchstselbst. Nachdem man ja in den letzten Jahren vortrefflich stritt, ob jetzt Songtexte oder dokumentarisches Erzählen zu dieser Definition zählen, wie sie Nobel vorschwebte, hat man nun wieder einen traditionellen Romancier gekrönt.

Schade natürlich, dass es abermals keine Frau geworden ist, die mit dem 9 Million schwedischer Kronen dotierten Preis ausgezeichnet wird; in die engere Auswahl schien es dieses Jahr ja tasächlich nur Margaret Atwood geschafft zu haben. Wenigstens bekommt sie dieses Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels noch einen Preis, der für größere Aufmerksamkeit sorgen könnte. Dass die alten Bekannten Murakami, Roth oder Thion’go abermals verschmäht wurden, scheint schon zur Folklore des Nobelpreises zu zählen. Darüber kann man jammern, lohnen tut es sich auf alle Fälle nicht.

Eine feine Ironie ist es auch, dass ich just gestern Alles, was wir geben mussten aus meinem Bücherregal eine Etage tiefer räumte. Weniger als 24 Stunden später bekommt Ishiguro dann den Nobelpreis. Da bin ich auf alle Fälle schon einmal inspiriert, welche Bücher ich nächstes Jahr am Tag vor der Bekanntgabe des Siegers in meinen Regalen umstellen werden.

Zum Einstieg in den vielstimmigen Kosmos Ishiguros seien die Werke Alles, was wir geben mussten, Was vom Tage übrig blieb und Der begrabene Riese empfohlen. Viel Spaß beim Entdecken!

Abir Mukherjee – Ein angesehener Mann

Es gibt so Bücher, die nimmt man in die Hand, man liest die ersten Seiten und weiß – das passt einfach. Da stimmt die Sprache, die Charakterzeichnung und die Setzung der Kapitel. Der Plot entfaltet sich Stück für Stück, das Tempo ist genau richtig und die Schilderungen lassen farbige Bilder im Kopf entstehen. Dem Engländer Abir Mukherjee ist mit seinem Debüt genau eines dieser Bücher gelungen.

Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Sein Buch Ein angesehener Mann (schön rund ins Deutsche übertragen von Jens Plassmann) entführt direkt zurück nach Indien, und zwar im Jahr 1919. Der Ich-Erzähler Sam Wyndham ist frisch aus England eingetroffen, nachdem er seinen Dienst bei Scotland Yard quittiert hat. Die Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg und der traumatische Verlust seiner Frau haben ihn dazu bewogen, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen und in Kalkutta noch einmal neu zu beginnen. Als Captain versieht er seinen Dienst bei den Polizeistreitkräften im Schmelztiegel Kalkutta und wird schon auf den ersten Seiten des Buches mit  einem kniffligen Mord konfrontiert.

Ein wichtiger Berater des Lieutenant-Governors wurde in einer dunklen Seitengasse der Millionenstadt ermordet. In seinem Mund steckt eine Warnung an die englischen Besatzungskräfte. Der Gouverneur ist folglich alarmiert und erwartet von Wyndham und seinen Kollegen Ermittlungserfolge. Doch auch der Militärgeheimdienst steigt in die Ermittlungen ein und macht Wyndham Druck. Und dann ist da auch noch die indische Bevölkerung, die gegen die englischen Kolonialherren aufbegehrt und immer vehementer für Souveränität eintritt.

Abir Mukherjee macht in seinem ersten Buch auf Anhieb gleich alles richtig. Über den Plot transportiert Mukherjee viele Infos über die indisch-britische Geschichte und zeigt ein exotisches Indien, das aus vielen Widersprüchen besteht. Als Sohn indischer Einwanderer (seine Eltern stammen ebenfalls aus Kalkutta) ist er hierfür geradezu prädestiniert. Ihm gelingt es unaufgeregt, dieses brodelnde Indien, das zwischen dem Verlangen nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Stärke zerrissen ist so zu zeichnen, dass dabei die Krimihandlung nie zur Nebensache wird, sondern diese hervorragend ergänzt – oder mit anderen Worten: einfach ein stimmiger Krimi!

Von diesem Ermittler liest man gerne noch weitere Fälle!

Elena Ferrante – Die Geschichte der getrennten Wege

Die Geschichte der beiden neapolitanischen Freundinnen Lila und Elena geht weiter. Nachdem zunächst die Kindheit und dann die Jugend im Mittelpunkt der Romane standen (Meine geniale Freundin und dann Die Geschichte eines neuen Namens), widmet sich Elena Ferrante nun den erwachsenen Jahren der beiden Freundinnen.

Dabei trennen sich die Wege der beiden Freundinnen recht bald, wie schon der Titel andeutet. Im Vorgängerband zog es Elena zum Studium nach Pisa, wodurch sie sich ihrer Familie und dem dumpfen und gewaltgesättigten Milieu Neapels entzog. Auch nach ihrem Studium bleibt sie Neapel fern, denn sie beschließt zu heiraten. Pietro Airota lernte sie im Zuge des Studiums kennen – nun stehen Verlobung und Heirat bevor.

Lenùs geniale Freundin Lila hingegen bleibt im Rione wohnen und zieht ihr Kind groß. Die Hoffnung auf ein Studium musste sie bereits Jahre zuvor begraben, nun wohnt sie weiterhin am Ort ihrer Kindheit. Ihr täglich Brot verdient sie in der Wurstfabrik von Bruno Soccavo, wo sie sich zahlreichen Schikanen ausgesetzt sieht. Die Freundschaft zu Lena bleibt dabei auch ein Stück weit auf der Strecke – ganz aus den Augen verlieren sich die beiden hingegen nie, wie Elena Ferrante in diesem dritten Teil der Reihe zeigt.

Viel Zeitkolorit

Neben der Freundschaft ist in diesem Roman des Quartetts der zeithistorische Kontext besonders ausgeprägt. Die Kämpfe der Faschisten gegen die Kommunisten, die Studentenrevolten und die vielen wechselhaften Entwicklungen in der Italienischen (und auch europäischen) Geschichte sind hier so präsent wie nie zuvor. Dies ist angenehm, da diese Elemente Abwechslung und Spannung ins Geschehen bringen – etwas, das der Geschichte sonst schmerzlich fehlt.

Im Rione Neapels

Ließ schon Die Geschichte eines neuen Names viel Entwicklung und Dynamik vermissen, so setzt sich das bei Die Geschichte der getrennten Wege fort. Elena Ferrante schildert minutiös die Entwicklungen ihrer beider Hauptcharaktere, und vergisst darüber den Spannungsbogen ihrer Erzählung, der oftmals bedenklich durchhängt. Statt Esprit herrscht so leider so manches Mal Langeweile vor, gerade wenn Ferrante die monotone Arbeit Lilas schildert oder das Hausfrauendasein Lenùs zu ausführlich beschreibt. Das ist besonders schade, da die Erzählung wirklich Potential besitzt, dieses aber zu oft nicht abgerufen wird.

Die Emanzipationsgeschichte der beiden Freundinnen und ihre Freundschaft wäre mit ein paar Straffungen und dem Verzicht auf redundante Szenen deutlich kompakter und lesbarer ausgefallen, so aber bleibt eine etwas kleinteilige und zähe Episode dieses Quartetts, so mein Eindruck. Hoffnung bleibt mir auf den abschließenden Teil der Reihe (der ebenfalls wieder wie alle Bücher von Karin Krieger übersetzt werden wird). Die Geschichte des verlorenen Kindes soll im Februar 2018 erscheinen und die Geschichte, die nun abermals mit einem Cliffhanger endet, zu Ende führen. Seien wir gespannt!