Anthony Doerr – Memory Wall

Erinnerungen

Mit seinem Roman Alles Licht, das wir nicht sehen gelang es Anthony Doerr im letzten Jahr, mich tief zu bewegen und lang über seine Geschichte nachzusinnieren lassen. Umso größer meine Freude, als ich in der Vorschau des C. H. Beck-Verlags die Ankündigung zu einem neuen Roman bzw. einer neuen Novelle des Amerikaners entdeckte. Seit letzter Woche ist nun seine 132 Seiten starke Erzählung Memory Wall im Handel erhältlich, ins Deutsche übertragen wurde sie abermals von Werner Löcher-Lawrence.

Der Inhalt dieser Novelle lässt sich nur unzureichend beschreiben und soll an dieser Stelle auch nicht allzu vertieft ausgeführt werden. Die Grundfrage, die Doerr umtreibt, ist die Frage der Erinnerung. Woran erinnern wir uns und was machen wir mit unseren Erinnerungen? Bereits Karl-Ove-Knausgard vermerkte in seinem Roman Spielen: „Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit wichtig ist.“ Doerr treibt diesen Gedanken weiter und geht mit ihm in die Zukunft. Dort ist es Forschern gelungen – ähnlich wie beim Denkarium von Albus Dumbledore in den Harry-Potter-Bänden – die Erinnerungen von Menschen zu konservieren. Sie können die Erinnerungen abzapfen und diese in Kassetten abspeichern. Eine Kundin dieser neuartigen Technologie ist die greise Alma, die sukzessive der Krankheit Vergessen anheimfällt. Sie wohnt in Kapstadt in ihrem Haus, hat ihren Mann verloren und wird nur von einem Haushälter aus den Townships betreut. Sie flüchtet sich in ihre eigenen Erinnerungen, auf die es aber auch Kriminelle aus bestimmten Motiven abgesehen haben.

Alles Licht, das wir nicht sehen - Anthony Doerr

Anthony Doerr hat mit Memory Wall eine sauber gearbeitete und brillant ausgeführte Novelle vorgelegt, die ebenso fraktal wie unsere Erinnerungen ist. Aus mehreren Strängen setzt er seine kurze Geschichte zusammen, die verschiedene Stränge und Rückblenden zu einem Gesamtporträt verbindet, in das man sich schon nach kurzer Dauer einfindet. Die unerhörte Begebenheit, die eine Novelle gemäß der Goethe’schen Literaturtheorie besitzen sollte, ist Doerrs Fiktion von Erinnerungsspeichern und Erinnerungszapfen. Was sich hier nach einer Prise Philip K. Dick anhört, liest sich im Buch sehr einfühlsam, schön, und enthält viele Impulse, wie es beispielsweise hier deutlich wird:

Dr. Amnestys Kassetten, das South African Museum, Harolds Fossilien, Chefe Carpenters Sammlung, Almas Gedächtniswand – waren das nicht alles Versuche, der Vernichtung zu trotzen? Was sind Erinnerungen überhaupt? Wie können sie so zerbrechlich und vergänglich sein? (…) Die Erinnerung baut sich ohne klare, objektive Logik auf: Ein Punkt hier, einer dort, und dazwischen liegen viele dunkle Räume. Unser Wissen entwickelt sich ständig und unterteilt sich. Wenn Sie sich oft genug an etwas erinnern, können Sie eine neue Erinnerung schaffen: Die Erinnerung an das Sicherinnern.“ (Doerr, Anthony: Memory Wall, S.114 f.)

Den Inhalt von Memory Wall zusammenzufassen, gleicht einem Versuch, den Vorgang des Erinnerns in Worte zu fassen. Es ist kaum möglich, da auch jeder Leser etwas eigenes aus diesem Buch mitnehmen wird. Ein Buch über das Vergessen, über Fossilien, über Wunder im Leben und vieles mehr. Am besten einfach selber lesen und genießen!

Don Winslow – Way down on the High Lonely

Neal Careys dritter Einsatz

Drei Jahre sind vergangen, seit den turbulenten Ereignissen aus China Girl, die den jungen Privatdetektiv Neal Carey gefordert haben. Seitdem saß der Amerikaner im Reich der aufgehenden Sonne in einem buddhistischen Kloster fest, ehe nun Joe Graham auftaucht. Dieser ist Neals Mentor und hat ihn für die Bank rekrutiert, ein exklusives Unternehmen mit einer ebenso exklusiver Klientel. Für diese Bank soll Neal nun ein weiteres Mal auf ein Himmelfahrtskommando gehen. Der Sohn einer Hollywoodproduzentin wurde entführt und niemand weiß, wo sich das Kind und der Kindsvater befinden, der den Jungen gekidnappt hat.

Way down on the High Lonely - Don Winslow

Neal Carey No. 3

Ein Fall wie gerufen für Neal, der undercover ermitteln muss. Seine Spuren führen ihn schon bald in die tiefste Provinz nach Nevada, wo noch echte Cowboys und Ranger leben. Es scheint, als sei der Vater und der entführte Junge auf einer dieser Ranches untergekommen und würde sich dort vor der Welt verstecken. Neal Carey beschließt, sich auf dem Nachbargut einzuquartieren und die benachbarte Ranch in aller Ruhe auszukundschaften und zu unterwandern. Doch damit beginnen erst die Probleme, denn die Cowboys auf der entsprechenden Ranch scheinen fanatische Rassisten zu sein, die den Schwarzen, Juden und allen sonstigen Ethnien und Menschen den Kampf angesagt haben. Neal Carey muss sein ganzes kriminalistisches Talent aufbieten, um den entführten Jungen aus diesem Schlamassel zu befreien.

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Emanuel Bergmann – Der Trick

Immer mal wieder geschieht es, dass man in der ganzen Bücherflut über Preziosen stolpert, die man nicht unbedingt auf dem Schirm hatte, denen man aber eine möglichst große Leserschaft wünscht. Das im März neu erscheinende Debüt von Emanuel Bergmann fällt in diese Kategorie – erschienen ist es gleich als Hardcover bei Diogenes. Für ein Debüt spricht dies schon Bände – umso schöner dass das Buch auch alle Versprechen einlösen kann.

Von Prag bis nach Los Angeles

978-3-257-06955-6

Das Buch erzählt in zwei Strängen vom kleinen Mosche Goldenhirsch in Prag 1934 und vom kleinen Max Cohn, der dieser Tage in Los Angeles lebt.

Dessen Eltern haben sich nicht mehr viel zu sagen und stecken gerade inmitten ihrer Scheidung. Max nimmt dies alles sehr mit, sähe er doch seine Eltern am liebsten wieder zusammen. Die Rettung aus dieser verfahrenen Situation scheint eine alte Schallplatte zu sein, die Max im Gerümpel seines Vaters findet. Diese Schallplatte stammt vom Zauberkünstler Zabbatini, der in rätselhaftem Singsang von einem Liebeszauber berichtet, den er vollführen könne. Aber wie das mit alten Schallplatten so ist – an der entscheidenden Stelle hängt natürlich die Aufnahme. Für Max steht nun fest – er muss diesen Zabbatini finden, koste es was es wolle. Kurzerhand macht er sich auf die eigene Faust auf den Weg, den Zauberer zu finden. Doch wird Zabbatini die Magie noch einmal entfachen können?

Während Max nach dem Zabbatini sucht, erzählt Emanuel Bergmann derweil parallel von Mosche Goldenhirsch, den das Leben bald zu eben jenem Großen Zabbatini machen wird, der Max‘ Eltern verzaubern soll. Während der Nationalsozialismus in Deutschland um sich greift, wächst Goldenhirsch als Sohn eines Talmud-Gelehrten in Prag heran und beschließt, sich einem Zirkus anzuschließen. Langsam bewegen sich die beiden Stränge aufeinander zu und bringen Max und Mosche zusammen, die zwar Jahrzehnte trennen, die sich aber beide ähnlicher sind, als es zunächst den Anschein hat.

Magie, Humor, Drama

Seit Joachim Meyerhoffs Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke habe ich bei keinem Buch mehr so oft lachen müssen. Emanuel Bergmann hat ein tolles Gespür für Pointen, Situationskomik und humorvolle Dialoge. Das Aufeinandertreffen von Max und Mosche wird toll beschrieben und der deutsche Autor geizt nicht mit absurden Szenen. Doch was sich hier vielleicht nach überdrehtem Klamauk anhören könnte, ist es keinesfalls. Bergmann nimmt seine Figuren ernst und schafft es, im letzten Teil des Buchs noch eine todtraurige Ebene einzuziehen, die mich sehr berührte.

Sein Roman erzählt vom Zauber der Kindheit, als noch vieles möglich schien. Die Magie und die Kunst der Täuschung nehmen in seinem Roman einen großen Raum ein. Er erzählt vom zeitlosen Wunsch, seinen Träumen zu folgen und rührt damit genauso zu Tränen, wie er die Leser herzlich lachen lässt. Manchmal genügen nur kleine Andeutungen, dass der Leser weiß, was Sache ist. Sein Mosche alias Zabbatini erinnert passagenweise auch an Charlie Chaplins großen Diktator, gerade wenn Bergmann im letzten Drittel die prägenden Erlebnisse aus Mosches Leben schildert.

Mit Max und Mosche stellt er zwei schlitzohrige Helden in den Mittelpunkt, die den Leser für sich einzunehmen wissen. Der Trick ist ein buntes Buch, das viele Emotionen beim Leser zu wecken weiß. Ein großartiges und toll inszeniertes Debüt, das in den Bestsellerlisten landen sollte!

Elisabeth Herrmann – Totengebet

Vernau im Kibbuz

Eine junge Frau in einem Kibbuz in Israel in den 80er Jahren auf der Flucht. Ein Angriff auf den Berliner Rechtsanwalt Joachim Vernau – was verbindet diese Ereignisse?

Elisabeth Herrmann - Totengebet (Cover)

In Elisabeth Herrmanns neuem Krimi Totengebet sind die Beziehungen der Ereignisse zunächst genauso unscharf wie die Erinnerungen Vernaus an jene Nacht, die ihn in ein Berliner Krankenhaus brachte. Die Zeitungen machen mit Vernau als Helden von Berlin auf. Er soll einen jüdischen Mitbürger vor rechten Schlägern geschützt haben und dafür Läsionen in Kauf genommen haben. Doch Vernau misstraut den offiziellen Erklärungen, kommen ihm doch ganz andere Erinnerungsfetzen in den Sinn. Er erinnert sich an eine junge Frau namens Rachel Cohen, die ihn in dringlicher Mission aufsuchte und nach den nebulösen Ereignissen in jener Nacht spurlos verschwand. Vernau ahnt, dass hinter dem Auftauchen und Verschwinden der jungen Frau ein Geheimnis stecken muss, und so macht er sich auf eigene Faust daran, die Nacht zu rekonstruieren und den Spuren der jungen Frau zu folgen. Doch es scheint, als sei Rachel Cohen ohne Spuren verschluckt worden.

Die Geschichte, die sich hinter dem nichtssagenden Titel Totengebet verbirgt, ist reichlich verwinkelt. Elisabeth Herrmann lässt Joachim Vernau diesmal in ein Kapitel seiner Vergangenheit reisen, das er schon längst abgeschlossen glaubte. 1987 verdingte er sich nämlich mit ein paar anderen Freiwilligen als Helfer in einem Kibbuz in Israel. Die damaligen genossenschaftlichen Gemeinschaften boomten, und so half auch Vernau damals mit anderen Deutschen und Juden in einem solchen Kibbuz als Volunteer beim Pflanzen und Kultivieren der Wüste aus. Doch nicht nur Arbeit spielte damals eine Rolle, in jenem Sommer verdrehte auch eine israelitische Frau allen Männer im Kibbuz den Kopf. Wo liegt nun die Verbindung zwischen der Zeit der Selbstfindung im Kibbuz und dem Auftauchen der jungen Frau in Berlin?

Die Spur führt nach Israel

Ein Kibbuz in Israel in den 80er Jahren (c) Michael Coghlan
Ein Kibbuz in Israel in den 80er Jahren (c) Michael Coghlan

Der neue Fall von Joachim Vernau entfaltet sich erst langsam und spielt zu einem großen Teil in Israel. Wohltuend, dass sich Herrmann nicht in Wiederholungen ergeht und den gefühlt 3269. Krimi mit Bezug auf das Dritte Reich und den Nationalsozialismus schreibt, sondern sich einem anderen Thema aus der israelischen Geschichte zuwendet. Die Geschichte der Kibbuze und die Schilderungen des Lebens in Tel Aviv und auf dem Land in Israel besitzen einen ganz eigenen Reiz und sind durchaus originell zu nennen. Etwas aufgesetzt wirken hingegen die gelegentlich eingestreuten Seitenhiebe auf die AfD und den Rechtspopulismus – auch wenn einer der Charaktere hier für die BfD in den Berliner Senat möchte. Dieser etwas aufgepfropft wirkende Seitenstrang wollte sich für mein Empfinden nicht ganz harmonisch ins Buch einfügen.

Ansonsten bietet Elisabeth Herrmann nach dem Durchhänger Der Schneegänger wieder Krimikunst auf gewohnt gutem Niveau. Die konstruierte Handlung weiß zu unterhalten und mit einem exotischen Setting zu punkten.

Hier noch die Übersicht der bislang erschienen Krimis mit dem Berliner Anwalt Joachim Vernau:

Verstorben – Umberto Eco

Umberto Eco Copyright: Das Blaue Sofa / Club Bertelsmann

Umberto Eco
Copyright: Das Blaue Sofa / Club Bertelsmann

 

 

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco ist im Alter von 89 Jahren in Italien verstorben. Der Schriftsteller zählte zu den bekanntesten italienschen Autoren überhaupt und erlangte durch das Buch Der Name der Rose Weltruhm, wobei sicherlich auch die Verfilmung durch Jean-Jacques Annaud aus dem Jahre 1986 einen erheblichen Teil dazu beigetragen haben dürfte.

Ich selbst habe bislang nur zwei Titel des Autoren gelesen, eben jenen Namen der Rose und Ecos letztes auf Deutsch erschienenes Buch Nullnummer. Mit beiden Büchern wurde ich nicht so richtig warm, die Nullnummer entpuppte sich für mich genau als jene; auch beim Literarischen Salon im Theater Augsburg verriss ich jenes Buch (zu hanebüchen, redundant, langweilig, platt, etc.).  Besser gefiel mir da schon Der Name der Rose, auch wenn ich mit meinen damals 15 Jahren wohl noch etwas jung für den Titel war (viele philosophische Betrachtungen, lateinische Einschübe, etc.).

Auch wenn ich mit den beiden Titeln meine liebe Not hatte, so muss man doch konstatieren, dass die Originalität stets eine Triebfeder Ecos war. Schon lange vor den gerade so beliebten Serienkiller-Thrillern ersann er Motive, derer sich die Schriftsteller heute noch bedienen. Auch Verschwörungstheorien brachte Eco gekonnt in die Literatur ein und leistete damit für Kollegen wichtige Vorarbeiten.

Gerade diese traurige Nachricht vom Verscheiden des Semiotik-Professors wäre nun wohl mal wieder ein Grund, sich mit seinem literarischen Opus zu beschäftigen, hinterlässt er doch zahlreiche weitere große Werke, wie etwa Das Focaultsche PendelBaudolino oder Der Friedhof von Prag. Jener steht auch in meinen Regalen und  wird nun dank dieses traurigen Impulses wohl bald gelesen werden.