Jörg Maurer – Der Tod greift nicht daneben

Alles andere als ein Fehlgriff

Inzwischen muss man zu seinem Kommissar Jennerwein kaum mehr Worte verlieren, schließlich ermittelt die Kreation von Musikkabarettist Jörg Maurer in Der Tod greift nicht daneben bereits zum siebten Mal. Diesmal bekommt es der unauffällige Kommissar und sein dezimiertes Team (die Hälfte des Stammpersonals weilt auf diversen Fortbildungen über den ganzen Erdball verteil) mit einem wirklich vertrackten Fall zu tun. Wobei auch nur Jennerwein an einen Fall glaubt, alle anderen tun die Geschehnisse im Garten des schwedischen Nobelpreisjury-Mitglieds Bertil Carlsson als bedauerlichen Unfall ab. Dieser wurde von seinem eigenen schwedischen Häcksler in ein kleinteiliges Puzzle verwandelt.

Das Puzzle aus dem Häcksler

Jennerwein mag im Gegensatz zu seinen Vorgesetzten nicht an einen Unfall glauben. Und so lässt er das Knochenpuzzle des schwedischen Komitee-Mitglieds wieder zusammensetzen und stößt dabei auf ein grausiges Detail: Eine Hand ist abgängig. Für den bayerischen Kommissar ist somit klar, dass ein Verbrechen vorliegen muss. Bei seinen Ermittlungen stößt er dann schon bald auf ein schauriges Experiment, das in Rumänien seinen Ausgang nahm und heute im ach so beschaulichen Kurort in den Bayerischen Alpen für Tote sorgt. Jennerwein muss ganzen Einsatz zeigen, um den Fall in den Griff zu bekommen.

Gekonnte und bekannte Erzählweise

Ein Buch aus der Jennerwein-Reihe zu lesen ist immer wieder ein bisschen wie heimkommen in eine Atmosphäre und Umgebung, in der man sich als Leser schon auskennt. Viele aus den vergangenen Büchern bekannte Sidekicks (etwa das Bestatterehepaar Grasegger) oder humoristische Seitenhiebe kennt man aus den anderen Bänden. Allerdings muss man sie nicht zwingend gelesen haben, um an Der Tod greift nicht daneben seine Freude zu haben.

Jörg Maurer mutet seinen Lesern auch in diesem Band wieder einiges zu: der Plot schlägt mehrere Haken, zahlreiche Nebenhandlungsstränge durchziehen das Buch und auch literarisch tobt sich der Autor wieder voll und ganz aus: so erzählt z.B. eine Birke von ihrem Schicksal, ein Tagebuch spielt eine wichtige Rolle und bis nach Rumänien verschlägt es Jennerwein. Fast zur Gänze jedoch sind aus diesem Band die einleitenden Zitate oder etymologischen Erklärungen sowie die Fußnoten, die die bisherigen Bände zierten, verschwunden.

Fazit

Wer bei Maureres Fabulierlust am Ball bleibt, bekommt einen Krimi mit jeder Menge bayerischem Lokalkolorit geboten, der mit überraschenden Wendungen zu überzeugen weiß – gewohnte Maurer-Qualität eben. Wer dieses Buch in einer Buchhandlung oder Bibliothek in die Finger bekommt, der tut damit sicher keinen Fehlgriff!

Andreas Föhr – Wolfsschlucht

Tödliche Familiengeheimnisse

Im Mangfalltal wird es wieder wild und mörderisch, denn schließlich ermitteln die Polizeibeamten Wallner und Kreuthner in „Wolfsschlucht“ bereits zum sechsten Mal zusammen.
Diesmal sind  die Vorkommnisse, mit denen die beiden konfrontiert werden, noch ein wenig skurriler als bisher, wobei dies ja Kennern der Vorgängerbände beinahe reichlich unwahrscheinlich erscheinen sollte. Doch Föhr schafft es, indem er ein Bestattungsauto samt erschossenem Besitzer in den Fluten der Mangfall versinken lässt und ein Fahrzeug von einem Maibaum aufspießen lässt.
Bei beiden Ereignissen hatte der chaotische Kreuthner die Finger im Spiel, wie sich im Laufe des Buches herausstellt. Doch darüber hinaus verbindet die beiden Geschehnisse auch ein tödliches Geheimnis, das Föhr im Laufe des knapp 400-seitigen Romans routiniert auffächert. Dabei wird es auch für den ewig frierenden Kommissar Wallner persönlicher, als er es vermutet hätte.
„Wolfsschlucht“ ist wieder ein Fest für alle Freunde von spannenden Romanen und Liebhabern der bayerischen Mentalität. Genussvoll seziert Föhr (diesmal sogar mit ein paar verstreuten Fußnoten, für mich Reminiszenzen an den anderen großen bayerischen Krimischreiber Jörg Maurer) die Sprache und die Traditionen Bayerns. Und dies gelingt ihm auch wieder für Nicht-Bayern hervorragend lesbar.
Manche Szenen und Dialoge in „Wolfsschlucht“ sind dabei hart an der Grenze zum Slapstick, der Balanceakt zwischen Spannung und Humor gelingt dabei jedoch durchgehend. So ist der neue Roman mit Kreuthner und Wallner für alle Fans der Reihe genauso wie für Neulinge im Mangfall-Kosmos höchst empfehlenswert und sei hiermit gelobt!

Brendan Duffy – Augen des Waldes

Die Geheimnisse des Waldes

Brendan Duffy legt mit „Augen des Waldes“ einen schaurigen Roman vor, der in die amerikanische Wildnis entführt. In dieser Wildnis steht nämlich ein gigantomanisches verlassenes Haus, genannt „The Crofts“. Im Zuge der Wirtschaftskrise können die New Yorker Ben und seine Frau Caroline Tierney das Haus günstig erwerben und beschließen mit ihrer kleinen Familie zu den Quellen ihrer Herkunft zurückzukehren. Die Großmutter von Ben wohnte nämlich ebenfalls im angrenzenden Dörfchen Swannhaven. Und so machen sich Ben und Caroline daran, das heruntergekommene Anwesen wieder neu instand zu setzen und dem Herrenhaus neues Leben einzuhauchen.
Doch irgendetwas lauert in den dunklen Wäldern, die „The Crofts“ umgeben. Etwas da draußen lässt den Tierneys Warnungen zukommen und hinterlässt blutigen Botschaften, die der Familie schon bald klar machen, dass „The Crofts“ tödliche Geheimnisse birgt. Und auch das Dörfchen Swannhaven scheint ein solches dunkles Geheimnis zu hüten
Von Kirsten Riesselmann ins Deutsche überträgen liest sich „Augen des Waldes“ zunächst wie ein Schauerroman, bei dem das Grauen auf leisen Sohlen daherkommt. Mit einem stimmungsvollen Cover versehen stimmt das Buch den Leser schnell auf die menschenverlassene Szenerie in den amerikanischen Bergen ein. Brendan Duffy gelingt es, immer weiter an der Suspense-Schraube zu ziehen, ehe das Buch dann im letzten Drittel in die Thriller-Richtung kippt und den Leser in die Seiten hineinzieht. Dass der Autor als Verlagslektor Erfahrungen sammeln konnte, ehe er selber eine Geschichte hervorbrachte, merkt man dem Buch auf jeden Fall an.
„Augen des Waldes“ ist voller Atmosphäre und entwickelt gerade zum Ende des Buches hin einen immer stärkeren Sog, sodass man wirklich wissen will, welche Geheimnisse „The Croft“ und Swannhaven hüten. Wer an Thomas Willmanns „Das finstere Tal“ seine Freude hatte, sollte auch auf jeden Fall einmal dieses Buch in die Hand nehmen und sich von der Stimmung, die zwischen den Seiten herrscht, gefangen nehmen lassen. Eine wirkliche Empfehlung!
Wer jetzt neugierig geworden ist und mehr über den Titel wissen möchte, der wird hier auf jeden Fall fündig!

Ian McEwan – Kindeswohl

Down by the salley gardens …

Der britische Schriftsteller Ian McEwan legt mit Kindeswohl ein Buch vor, das zwischen Juristerei, Liebe, Musik und Verantwortung oszilliert. Sein neuer Roman ist zwar äußerlich nicht umfangreich (gerade einmal 220 Seiten zählt das von Werner Schmitz übersetzte Buch), dafür aber sehr gehaltvoll. McEwan erzählt von Fiona Maye, einer circa 60-jährigen Richterin, die am High Court als Familienrichterin ihren Dienst mehr als korrekt versieht. Von Kollegen für ihr brillant formulierten Urteile geschätzt, hat sie nicht nur in ihrem Gerichtssaal alles unter Kontrolle, bis sie sich eines Tages auf das Minenfeld der Liebe begeben muss. Ihr Mann beklagt das eingeschlafene Eheleben des Paares, weshalb er von Fiona das Eingeständnis einfordert, sich eine Geliebte nehmen zu dürfen. Zudem ist Fiona beruflich auch noch mit einem hochdiffizilen Fall eines siebzehnjährigen Zeugen Jehovas konfrontiert, der eigentlich einer Bluttransfusion bedürfte, diese aus Glaubensgründen jedoch ablehnt. Die geordneten Verhältnisse Fionas geraten zunehmend außer Kontrolle …

Komplizierte Frauengestalten sind ja die Spezialität Ian McEwans – und in Kindeswohl zeigt er seine Meisterschaft im Entwerfen solcher Figuren erneut. Seine Richterin Fiona Maye ist eine ambivalente Figur, der man gerne durch die Gerichts- und Gedankengänge folgt und die auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis des Lesers bleibt. Dem britischen Großautoren ist es auch hoch anzurechnen, dass in seinen fachkundigen Händen die Juristerei zu einer wunderbar zu goutierenden Prosa gerät. Ebenso wie die Gesetzgebung durchzieht die Musik den Roman unaufdringlich und verwebt so die akustischen, philosophischen, juristischen und amourösen Gedanken der Protagonisten zu einem dichten Netz, das auch allen Nicht-Juristin gerne empfohlen werden kann. Ein wunderbar geschriebener Roman mit einem nicht alltäglichen Thema, das durch die Schreibe Ian McEwans zu großer Literatur wird und den Leser grübelnd ob dem Gelesenen zurücklässt.

Mittlerweile gibt es auch eine Verfilmung mit Emma Thompson in der Rolle von Richterin Fiona Maye. Hier ein Trailer für einen Eindruck der Leinwandadaption:

Karine Tuil – Die Gierigen

Die Lügen der Anderen

Das Debüt der Französin Karine Tuil ist ein famoses Stück über Täuschung, Identität, Verrat, Begehren und gesellschaftliche Normen. Die Gierigen entführt den Leser von Frankreich nach New York. Dorthin hat sich Samir aufgemacht, um ein geachteter und reicher Staranwalt zu werden. Früher waren er, der Jude Samuel und Nina, die die Begehrlichkeiten der beiden Jungen auf sich zog, ein befreundetes Triumvirat.

Karine Tuil - Die Gierigen (Cover)

Nina und Samuel leben nun in Paris in bescheidenen Verhältnissen, während es Samir Jay Gatsby gleich getan hat und sich selbst neu erfunden hat. Eines Tages erfährt das Pariser Ehepaar vom Aufstieg Samirs und muss feststellen, dass sich Samir Teile von Samuels Identität zu eigen gemacht hat, um seinen Aufstieg zu begründen. Geschockt fordert Samuel eine Aussprache zwischen den Dreien, infolge der sich alle Verhältnisse umkehren und Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden, die ebendieses besser nicht mehr erblickt hätten. Eine große Katastrophe für alle Beteiligten nimmt ihren Lauf.

Karine Tuil hat einen Roman geschrieben, der deutlich mehr enthält, als der Klappentext verraten mag. Neben den Feldern der Identität und Herkunft behandelt sie auch Themen wie das Judentum und den Islamismus und die gesellschaftliche Stellung der Religion in verschiedenen Gesellschaften. Sie kreist permanent um die Lebensentwürfe der drei Hauptprotagonisten und wechselt die Perspektiven. Selbst jeder Nebencharakter wird von ihr noch mit einer Fußnote bedacht.

Sprachlich ansprechende Gesellschaftsanalysen

Neben dem klug komponierten Inhalt auffällt, ist die Art, mit der Karine Tuil ihre Erzählung über 400 Seiten vorantreibt. Die Autorin schaut unbarmherzig auf die Lebensentwürfe und leuchtet diese mit ihrem geschärften Sprachsensorium aus. So besticht Die Gierigen durch einen kraftvollen Sound (Übersetzung Maja Ueberle-Pfaff), der die Erzählung nicht nur trägt sondern auch vorwärts treibt.

Das Buch erinnert in manchen Passagen an die Theaterstücke Yasmina Rezas oder Der Vorname, da hier ähnlich unbarmherzig Lebensentwürfe seziert werden. Insgesamt ein kluges Buch, das mit den unterschiedlichsten Themen prall gefüllt daherkommt und dem viele Leser zu wünschen sind!