Tag Archives: Familie

Ivy Compton-Burnett – Ein Haus und seine Hüter

Dass Weihnachten nicht unbedingt immer ein Fest der Liebe und der Harmonie ist, das beweisen viele Familienfeste landauf, landab. Bei den Edgeworths in Ivy Compton-Burnetts Roman Ein Haus und seine Hüter ist das nicht anders. Doch hier stellt das wenig besinnliche Weihnachtsfest nur der Auftakt zu einem ganzen Reigen aus Konflikten, Ehen und Toden dar, der sich im Laufe des Romans entspinnt und der der Autorin dem Vergleich mit Jane Austen auf Drogen eingetragen hat, wie das Magazin Harpers Bazar einmal schrieb. In der vorliegenden Ausgabe der Anderen Bibliothek kann man sich davon überzeugen, dass der Vergleich durchaus zutrifft.


Nein, dieses Weihnachtsfest lässt sich wirklich nicht gut an. Schon alleine, dass sich die Kinder und der Neffe nicht rechtzeitig zum Frühstück einfinden wollen, erzürnt den Patriarchen Duncan Edgeworth. Dann noch eine kritikwürdige Predigt in der Kirche, eine Nachbarin, die die Familie heimsucht, um persönlich noch einmal die Weihnachtsbotschaft und die Erwartungen eines Besuchs der Mette vorzutragen. Und zu allem Überfluss ist da auch noch ein – zumindest in den Augen des Familienvorstandes – unziemliches Buch, das sein Neffe Grant als Geschenk erhalten soll, welches Duncan Edgeworth aber lieber in den prasselnden Kamin wirft, anstelle es dem jungen Mann zu überlassen.

Ein wenig besinnliches Weihnachtsfest

Die Zeichen in Ivy Compton-Burnett ursprünglich 1935 erschienenen Roman Ein Haus und seine Hüter stehen wahrlich nicht auf Harmonie und Besinnlichkeit. Dass die gereizte Stimmung der ersten Seiten weit über die Festtage hinaus andauern wird, das zeigt sich dann auch recht rasch im Lauf des Romans. Denn im Laufe der knapp 370 Seiten Romanhandlung kommt es zu einem ganzen Reigen an Konflikten und Reibereien, die den eingangs zitierten Vergleich mit Jane Austen auf Drogen gar nicht so abwegig erscheinen lassen.

Es ist schon unglaublich, was in diesem Haus vor sich geht!

Ivy Compton-Burnett – Ein Haus und seine Hüter, S. 249

Der erzählerische Motor, der diesen Roman beständig antreibt, sind seine Dialoge. Sie sind es, die über allem stehen und auch die äußere Handlung in den Hintergrund treten lassen, obschon auch hier eine ganze Menge in Compton-Burnetts Roman passiert. Diese Gespräche und Dispute dominieren alle Szenen und stehen auch in ihrer Anmutung in der der Tradition des viktorianischen Romans einer Jane Austen. Man debattiert, verlobt sich, lästert, streitet, pflegt Gerüchte, hütet Geheimnisse und redet aneinander vorbei.

Ivy Compton-Burnett in der Tradition von Jane Austen

Ivy Compton-Burnett - Ein Haus und seine Hüter (Cover)

Doch wo es etwa in Jane Austens stilprägendem Roman Stolz und Vorurteil mit dem Tête-a-tête von Elizabeth Bennet und Mr. Darcy noch relativ gemächlich zugeht, geht Ivy Compton-Burnett in die Vollen. Die 1884 in Middlesex geborene Autorin schafft es, im Laufe des Romans ganze drei Ehen des Familienpatriarchen Duncan Edgeworth durchzuexerzieren. Dazu kommen diverse Todesfälle, ein Mordverdacht, ein potentiell uneheliches Kind und noch einiges mehr, was in den Dialogen der Figuren zutage tritt.

Verschmähte Liebe, enttäuschte Hoffnungen und nicht immer glaubwürdige erzählerische Volten stehen im Mittelpunkt von Ein Haus und seine Hüter, das den Zerbröckelungsprozess einer Familie zeigt, die auch einmal über drei Seiten hinweg debattieren kann, wo nun das Porträt der verstorbenen Hausherrin zu platzieren ist.

„Ich bezweifle, dass es hilfreich ist, sich der Familie gegenüber taub zu stellen.“

„Der Familie“, sagte Duncan tonlos. „Wir sind überhaupt keine richtige Familie mehr. Es fehlt die Kraft, die uns miteinander verbunden hat.“ Er seufzte schwer. „Du machst es mir nicht gerade leicht, diesen Tag zu beginnen.“

Ivy Compton-Burnett – Ein Haus und seine Hüter, S. 112

Die Wiederentdeckung einer vergessenen Autorin

Zwar trifft der englische Titel A house and it’s head den Kern des Romans noch etwas genauer, da der herrische Hausvorstand Duncan Edgeworth mitsamt seiner immer neu ansetzenden Eheversuche das Gravitationszentrum dieses Romans bildet. Aber auch die deutlich offenere Variante der Haushüter im Deutschen hat seine Berechtigung, schließlich hat bewachen alle Mitglieder der Familie Edgeworth das Haus in unterschiedlichen Formen und hüten so ziemlich alles, außer ihre Zungen.

Das Haus wird hier zur Bühne des Misstrauens, des Verschweigens, der Geheimnisse und der Konflikte, was die drückende Enge dieses Romans immer wieder unterstreicht.

Mit Ein Haus und seine Hüter hat Ivy Compton-Burnett ein Werk geschrieben, das sich stark an die Tradition der viktorianischen Gesellschaftsromane anlehnt. Dieses Werk bildet den Auftakt zu einer erstaunlich produktiven Karriere, wie Hilary Mantel im Vorwort zu diesem Roman schreibt. Ganze achtzehn weitere Werke aus der Feder der 1969 verstorbenen Autorin sollten folgen, „die immer stimmiger und kraftvoller wurden, zugleich aber „den Gefahren einer allzu großen Leserschaft nicht ausgesetzt“ waren, wie ihr Freunde sagten. Ihr britischer Verleger schien ihre Arbeit nicht zu verstehen oder zu schätzen und unternahm nur wenig, um sie zu fördern“, so Mantel.

Fazit

Der herausgebenden Anderen Bibliothek unter Leitung von Nele Holdack und Rainer Wieland sowie Übersetzer Gregor Hens ist es nun zu verdanken, dass diese Gefahr der allzu großen Leserschaft jetzt deutlich zunimmt. Denn ihre deutsche Neuveröffentlichung macht es möglich, diese hierzulande reichlich unbekannte Autorin (noch einmal) neu zu entdecken und tief in diesen dialogstarken, nicht immer völlig plausiblen, aber doch in der Unterhaltungstradition von Jane Austen und Co. stehenden Roman einzutauchen. Die schlechte Laune und den Zwist an den Weihnachtstagen kann man dann einfach den Edgeworths überlassen, um nach der Lektüre selbst deutlich frohgemuter in die Feiertage zu gehen.


  • Ivy Compton-Burnett – Ein Haus und seine Hüter
  • Aus dem Englischen von Gregor Hens
  • 978-3-8477-0469-0 (Die Andere Bibliothek, Band 479)
  • 372 Seiten. Preis: 48,00 €
Diesen Beitrag teilen

Una Mannion – Sag mir, was ich bin

Wer bin ich und wo komme ich her? Diesen Klassiker der philosophischen Selbstbefragung verwandelt Una Mannion in einen Roman über Leerstellen im Leben, der sich spät noch zu einem Krimi mausert. Sag mir, was ich bin erzählt vom Verschwinden, vom Vermissen und von einem schlimmen Verdacht.


Mit Una Mannions neuem, von Tanja Handels übersetzten Roman ist es ein bisschen wie mit einem dieser Geschicklichkeitsspiele, mit denen man als Kind einst seine Motorik trainierte. Eine in einem flachen Kasten eingeschlossene Kugel galt es mit Drehungen und präzisem Kippen von außen durch ein Labyrinth oder eine durchlöcherte Strecke zu manövrieren. Ganz am Ende des Parcours wartete das finale Loch, in das die Kugel dann versenkt werden durfte. Liest man Sag mir, was ich bin, fühlt sich einiges wieder wie damals an, als die Kugel durch Schütteln, Rütteln und Ziehen bewegt wurde.

Una Mannion präpariert ihre erzählerische Strecke ebenfalls mit einigen Löchern und Schikanen, durch die sie ihre Leser*innen lotst, um dann auf den letzten Seiten ihren Roman zu einem eindrücklichen Ende zu führen. Mag sich auch mitten im Text manchmal ein Zweifel einstellen, ob das wirklich ein Krimi ist, wie die Shortlist-Nominierung für die diesjährigen Dagger Awards nahelegt, so lässt sich doch das Ende keinen Zweifel, wenn die literarische Kugel ins Ziel plumpst: ja, Sag mir, was ich bin ist (auch) ein Krimi. Davor ist es vor allem ein Parkour, durch den wir uns und vor allem Mannions Heldin Ruby sich bewegen müssen.

Unterwegs im erzählerischen Parkour

Una Mannion - Sag mir, was ich bin (Cover)

Zusammengesetzt aus verschiedenen Rückblenden und zeitlichen Sprüngen schält sich die Geschichte eines großen Verlusts heraus, der das Leben der Figuren in diesem Roman bestimmt. So verschwand am 8. Februar 2004 Deena, die Schwester von Nessa und Mutter von Ruby spurlos. Nach einer Schicht in einem Krankenhaus in Pennsylvania nicht mehr nachhause zurückgekehrt, verloren sich alle Spuren der jungen Frau und die Familie muss mit der fortan klaffenden Leerstelle im Familiengefüge irgendwie umgehen.

Nicht leichter wird das Ganze durch die Tatsache, dass Lucas, der Mann von Deena und Vater von Ruby beschließt, zusammen mit seiner Mutter und seinem Kind nach Vermont zu ziehen und alle Kontakte zu Deena und ihrer Familie zu unterbinden. Zuvor gab es einen Sorgerechtsstreit um das Kind, nun hat Lucas vollen Zugriff und schottet Ruby vollkommen ab.

Das verstärkt das Unwohlsein von Nessa, die schon zuvor die Beziehung ihrer Schwester mit dem extrem besitzergreifenden Lucas nicht guthieß. Mit dem jetzigen Kontaktabbruch aber erreicht das Ganze noch einmal eine neue Qualität, der bei Nessa die Alarmglocken schrillen lässt und bei Ruby den Wunsch weckt, doch irgendetwas über ihre Mutter zu erfahren, die in ihrem neuen Zuhause in Vermont totgeschwiegen wird.

Von familiären Leerstellen und der Frage der Herkunft

Una Mannion erzählt hauptsächlich aus Sicht von Rubys Tante Nessa und dem Mädchen selbst, wie es sich anfühlt, wenn da plötzlich eine Leerstelle im Leben klafft, die man weder aus kindlicher, noch aus Erwachsenenperspektive so recht zu verstehen mag. Wie Lucas seine Tochter indoktriniert und jegliches Informationsbedürfnis von Ruby zu unterdrücken versucht – und wie sich Deena nicht mit den neuen Gegebenheiten abfinden will, das ist stark gemacht.

Sag mir, was ich bin ist ein Roman, der vor allem aus seiner psychologischen Komponente seine Stärke zieht. Eindrücklich porträtiert Mannion ihre beiden weiblichen Figuren und schafft durch die achronologische, springende Erzählweise einen abwechslungsreichen Roman, der in seiner Beziehung von Ruby zu ihrem Vater in der Isolation Vermonts selbst Bezüge zu Shakespeares Der Sturm herstellt.

Ruby als Miranda, ihr Vater als auf einer Insel gestrandeter Zauberer Prospero und über allem die Frage, ob die Abschirmung der Tochter dem Schutz dient oder ob man diesem Zauberer in seinem abgelegenen Königreich misstrauen sollte. Auch aus dieser Parallele zieht der Roman seinen Reiz, der trotz der begrenzten Handlung zu fesseln vermag und vor allem am Ende unter Beweis stellt, warum sich dieser Roman beim Dagger Award 2024 in der Endauswahl fand.

Fazit

Immer wieder nährt Mannion durch die springende Erzählweise einen Verdacht, schubst sie uns in die eine oder andere Richtung, bietet Raum für Misstrauen und führt das Ganze dann zu einem schlüssigen Ende. Wie schon in ihrem ersten, ebenfalls im Steidl-Verlag erschienenen Roman Das Licht zwischen den Bäumen erweist sich Mannion auch hier als Zeichnerin familiärer Entropie, kindlicher Lebenswelten und schmerzender Leerstellen.

Leser*innen, die etwa die ruhigen aber psychologisch dicht gezeichneten Krimis von Tana French schätzen, dürften auch mit Una Mannions neuem Roman glücklich werden, die uns gelungen durch ihren literarischen Parkour führt.


  • Una Mannion – Sag mir, was ich bin
  • Aus dem Englischen von Tanja Handels
  • ISBN 978-3-96999-403-0 (Steidl)
  • 304 Seiten. Preis: 28,00 €
Diesen Beitrag teilen

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras

900 Seiten pralles Leben in Südindien. Über siebzig Jahre hinweg zeichnet der Autor Abraham Verghese in seinem Roman Die Träumenden von Madras Schicksale, gesellschaftliche Entwicklungen und jede Menge Medizingeschichte nach. So liefert der Roman Einsichten in eine Region, die im westlich geprägten Literaturmarkt kaum präsent ist.


Travancore, eine Region in an der Ostküste im Süden Indiens. Hier spielt der Großteil von Abraham Verghese voluminösen Romans Die Träumenden von Madras, der im Jahr 1900 einsetzt. Es ist das Jahr, in dem die Frau verheiratet werden soll, die später als Big Ammachi die Geschicke des Dorfzentrums Parambil leiten soll.

Doch bis es soweit ist, wird noch viel Zeit vergehen – und droht zunächst sogar die Hochzeit zu scheitern. Denn die von Heiratsvermittlern und dem Onkel des jungen Mädchens vorangetriebene Verheiratung steht auf der Kippe, als der künftige Ehemann vor dem Altar flieht, als er des 12-jährigen Mädchens ansichtig wird. Er, der schon einmal verheiratet war und bereits ein Kleinkind zuhause hat, soll nun ein weiteres Kind ehelichen? Diese Hochzeit wird durch viel Zureden trotzdem vollzogen – und soll sich entgegen aller Erwartungen tatsächlich als Glücksfall erweisen.

Denn nach einer langen Zeit der Eingewöhnung und des Kennenlernens finden Big Ammachi und ihr Ehemann zu einem gemeinsam Umgang dort in jenem Haus, das das Zentrum von Parambil bildet. Über 200 Hektar Wald und Anbaufläche umfasst das Gebiet, das von vielen Flüssen durchzogen ist. Fast überall kann man den Spaten in den laterithaltigen Boden stechen , um rostrotes, an Blut erinnerndes Wasser aus dem Boden quellen zu sehen.

Im Süden Indiens

Es ist eine reichhaltige Landschaft, in die Big Ammachi nun eintaucht und in der sie Stück für Stück Wurzeln schlägt.

Das Zuhause der jungen Braut und ihres verwitweten Bräutigams liegt in Tracanvore an der Südspitze Indiens, eingezwängt zwischen dem Arabischen Meer und den Westhats – dem langen Gebirgszug, der parallel zur Küste verläuft. Das Land ist geprägt vom Wasser, und seine Bewohner sind durch eine gemeinsame Sprache vereint: Malayalam. Wo das Meer auf weißen Strand trifft, schiebt es Finger ins Land, um sich mit den Flüssen zu vereinen, die sich die grün bedachten Hänge der Ghats herabwinden. Es ist die Phantasiewelt eines Kindes aus Bächen und Kanälen, ein Gitterwerk aus Seen und Lagunen, ein Labyrinth aus Altwassern und flaschengrünen Lotusteichen: ein riesiger Kreislauf, denn wie ihr Vater immer sagte, alles Wasser ist verbunden.

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras, S. 22

Doch das Wasser, es ist nicht nur Paradies, sondern bedeutet vor allem für die männlichen Nachkommen der Familie ihres Ehemanns Gefahr. Immer wieder finden Männern den Tod im Wasser und haben deshalb begonnen, dieses zu meiden.

Familien- und Medizingeschichte

Abraham Verghese - Die Träumenden von Madras (Cover)

Wieso dem so ist, das ist eine der großen erzählerischen Linien, die durch diesen mäandernden Fluss von Buch führt. Denn neben dem Leben und dem Vergehen der Zeit in Parambil macht vor allem die Medizingeschichte einen großen Teil dieses Romans aus.

Wie schon in seinem Bestseller Rückkehr nach Missing ist lässt sich auch hier der medizinische Hintergrund Abraham Verghese nicht leugnen, arbeitet er doch als Arzt und lehrt als Professor am Stanford University Medical School. Wie schon in seinem 2008 erschienen Vorgängerroman stehen auch hier Ärzte und Chirurgen eine große, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle.

So gibt es den schottischen Arzt Digby Kilgour, der sich zunächst im Madras der 30er Jahre seine medizinischen Sporen verdient und später in einem Leprosarium seine Berufung finden wird. Sein Schicksal verflicht sich mit der Familie von Big Ammachi, darüber hinaus bekommen es fast alles Figuren im Lauf des Romans mit schwierigen Entbindungen oder anderen medizinischen Notfällen zu tun.

Abraham Verghese trifft Gabriel Garcia Marquez trifft Noah Gordon

So liest sich Die Träumenden von Madras an vielen Stellen, als hätte Abraham Verghese Gabriel Garcia Marquez‚ Dorf Macondo nach Kerala verpflanzt und dazu noch Noah Gordon eingeladen, um die Schilderung von Medizingeschichte einfließen zu lassen.

Das Ganze verbindet sich so zu einem üppigen Roman, der mit vielen Schicksalen und Tiefschlägen, aber auch erhellenden Momenten dort im Süden Indiens aufwarten kann. Und auch wenn das Kastensystem, die Misogynie oder das Ende der britischen Kolonialherrschaft an einigen Stellen aufblitzen, hätte Die Träumenden von Madras tatsächlich in meinen Augen noch etwas mehr Zeitgeschichte und Kolorit vertragen.

Mahatma Ghandi etwa spielt fast überhaupt keine Rolle und grüßt nur einmal aus der Ferne. Stattdessen konzentriert sich Verghese eher auf das Schicksal des Ammachi-Clans mitsamt sämtlichen Volten und medizinischen Ereignissen. Erst ganz am Ende der fast 900 Seiten Saga aus der indischen Provinz rundet sich dann alles und erklärt auch die Konstruktion dieses Romans, die schlussendlich noch einmal für viel Wucht und familiäres Drama sorgt.

Fazit

Die Träumenden von Madras ist ein Roman, der eine Familie über verschiedene Generationen nachverfolgt, der zeigt, wie sich innerhalb von knapp achtzig Jahren die Gesellschaft und das Leben in Indien wandelten, welche Probleme das Land umtreiben und wie sehr auch die Medizin im Verlauf des 20. Jahrhunderts dazugelernt hat.

„Das ist Literatur! Literatur ist die große Lüge, die die Wahrheit darüber spricht, wie die Welt lebt!“

Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras, S. 295

Abraham Verghese erweist sich nach diesen Worten, die eine der Figuren im Gespräch über Moby Dick und die Frage nach dessen Fiktionalität ausruft, als großer Lügner. Mit seiner fiktiven Geschichte aus dem Süden Indiens erzählt er uns viel Wahrheit über ein Land, das trotz seiner immensen Größe und seines wachsenden Einflusses uns noch immer fern ist. Auch wenn sein Epos noch etwas mehr geschichtliche Wahrheit und an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Subtext vertragen hätte, ist Die Träumenden von Madras doch auch große Unterhaltung, die die Höhen und Tiefen des Familienclans von Big Ammachi mit Sinn für die Brüche im Leben der Figuren nachzeichnet.


  • Abraham Verghese – Die Träumenden von Madras
  • Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
  • 978-3-458-64393-7 (Insel-Verlag)
  • 894 Seiten. Preis: 28,00 €
Diesen Beitrag teilen

Anne Rabe – Die Möglichkeit von Glück

Von einer Familie kommt Anne Rabe in ihrem Debütroman Die Möglichkeit von Glück auf einen ganzen Staat und dessen Nachwirkungen, nämlich die DDR. Deren Nachwirkungen und den Wechselwirkungen von Staat und Bewohnern spürt dieser Roman mit schon fast essayistisch-soziologischen Zügen nach. Vom Kleinen kommt die Autorin so auf das Große – und zielt mitten hinein in unsere Gegenwart.


35 Jahre nach dem Mauerfall beziehungsweise der Wende gibt es wieder einen Boom an Texten und Analysen, die sich mit dem Osten Deutschlands und der Geschichte der DDR beschäftigen. Unlängst wurde Jenny Erpenbeck für ihren Roman Kairos der International Booker Prize zugesprochen – zum Erstaunen einiger Kommentatoren hierzulande. So war dieses Buch bei Erscheinen hierzulande für keinen der großen und aufmerksamkeitsstarken Preise, weder den Preis der Leipziger Buchmesse noch den Deutschen Buchpreis nominiert worden, traf aber nun international den Nerv der Kritikerjury.

Viel Aufmerksamkeit und mindestens ebenso viel Tadel fing sich auch die Historikerin Katja Hoyer mit ihrem Blick auf die DDR unter dem Titel Diesseits der Mauer – eine neue Geschichte der DDR ein. Und dem Germanisten Dirk Oschmann gelang mit dessen Erregung Der Osten – eine westdeutsche Erfindung ein veritabler Longseller, der dem Autor auch viel medialen Raum gab, um seine Thesen zu verbreiten.

Vom aktuellen Boom abgesehen ist die literarische und soziologische Beschäftigung mit dem untergegangenen Staat bis hin zu den Auswirkungen der Wiedervereinigung aber eine dauerhaftes. Oft sind es Bücher mit DDR-Bezug, die beim Deutschen Buchpreis gewinnen (man denke nur an Uwe Tellkamps Der Turm oder Kruso von Lutz Seiler).

Biografisch grundierte Blicke auf die DDR

Auch in Sachen Sachbuch erregt die Beschäftigung mit der DDR viel Aufmerksamkeit, etwa Steffen Maus Untersuchung des Lebens in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, das er 2019 durch die biografische Brille betrachtete. Der vielbesprochene Titel trug jenen Ort im Namen. in dem Mau selbst einst in der DDR aufgewachsen war, nämlich der Rostocker Stadtteil Lütten Klein. Und auch Ines Geipel blickte im selben Jahr biografisch gefärbt auf die DDR und ihre Nachwirkungen, indem sie in Umkämpfte Zone auch die eigene Biografie und Familiengeschichte als Anlass nahm, um mithilfe der Geschichte ihres Bruders auf den Osten und den Hass zu blicken, der sich dort nicht nur in Progromen wie dem von Hoyerswerda oder in Rostock Bahn brach und immer wieder bricht.

Oftmals werden solche Bücher auch als Erklärstücke für die latente Fremdenfeindlichkeit, die Tendenz zu autoritären Regimen und mehr gelesen. Auch Anne Rabes Buch, das mit Ines Geipel nicht nur die Herangehensweise über eine Familie, sondern auch den herausgebenden Klett Cotta-Verlag teilt, funktioniert neben dem erzählerischen Inhalt auch ein Stück weit als Erklärstück für jenen Landesteil, indem es ein Viertel aller Wähler bei einer Landratswahl vertretbar fand, einen einschlägig bekanntem Neonazi die Stimme zu geben.

Was da los im Osten sei ist eine Frage, die die Medien gerne stellen. Wer Die Möglichkeit von Glück gelesen hat, kann das zumindest ein wenig besser beantworten.

Ausgangspunkt ist wieder einmal eine Familie, die auf ihre ganz eigene Art unglücklich ist. Stine, die Erzählerin, blickt in diesem in Erinnerungs- und Betrachtungsfetzen erzählten Text auf ihre eigene Familie, in der die Lieblosigkeit zu einer hervorstechenden Eigenschaften zählt.

Zwar war die Mutter in der DDR Erzieherin, mit den heutigen pädagogischen Konzepten von Bedürfnisorientierung und Kindeswohl hatte die Erziehungsschule der Mutter aber überhaupt nichts gemein. Schläge, Lieblosigkeit, Sprechverbote und Gewalt waren Mittel, derer sich ihre Mutter bediente und die das Aufwachsen von Stine und ihrem Bruder Tim kennzeichneten.

Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir übere unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Anne Rabe – Die Möglichkeit von Glück, S. 26

Von der Lieblosigkeit in der eigenen Familie bis zu den Baseballschlägerjahren

Nun, da Stine selbst Mutter ist, blickt sie auf ihre eigene Kindheit, die Familie und die mannigfaltigen Brüche in diesem familiären Verbund. In Rabes Roman lässt sich eine glaubwürdige Linie ziehen von der Lieblosigkeit in der eigenen Familie über physischen und vor allem psychischen Schmerz in der Schulzeit bis hin zur omnipräsenten Gewalt der Baseballschlägerjahre. Auch der erste Amoklauf auf deutschem Boden, der sich 2022 an einer Schule im thüringischen Erfurt ereignete, fügt sich konsequent in Stines Nachdenken über die Verletzungen, die sie und mit ihr so viele andere Menschen in diesem System namens DDR erlitten haben.

Es sind solche Reflektionen und Erinnerungen, die verdichtet und verklebt die Stärke dieses Textes ausmachen.

Durch die Recherche über ihren eigenen Großvater in Archiven und Stasi-Unterlagenbehörden findet auch so etwas wie ein dramatischer Bogen und eine Entwicklung in diesen Text, den vor allem die starke Introspektion kennzeichnet. Die Verletzungen und Gewalterfahrungen im Kleinen werden hier auch zum Erklärmuster für einen Staat im Ganzen, der von der Bespitzelung der eigenen Bürger bis zur Inhaftierung von nicht-systemkonformen Bürger und Erschießung von Fluchtwilligen keine Unterdrückungsmöglichkeit ausließ.

Fazit

Mit diesem von Erinnerungssplittern und Erkenntnis gespickten Roman mit geschichtlich-soziologischer Tiefe gelingt es Anne Rabe, so etwas wie ein Bindeglied zwischen der Belletristik und den schon erwähnten Arbeiten etwa von Steffen Mau oder Ines Geipel herzustellen. Ein Roman, der auf interessante Art und Weise den Verletzungen einer Familie und deren Kind nachspürt, der in Zeiten des Erstarkens rechter Kräfte besonders im Osten Erkläransätze liefert und der sich nicht mit einfachen Wahrheiten begnügt.

Dass Anne Rabe mit diesem Debüt gleich für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert war, das ist folgerichtig, denn hier lässt eine Autorin zwar ihre Heldin zurücklicken, dieser Blick ist aber zugleich auch einer, der nicht nur die Brüche einer Familie und eines Staates nachzeichnet, sondern eben auch von hoher Aktualität und analytischer Kraft ist.


  • Anne Rabe – Die Möglichkeit von Glück
  • Büchergilde-Nr.: 175223
  • 384 Seiten. Preis: 24,00 €
Diesen Beitrag teilen

Tana French – Feuerjagd

Goldrausch im Hinterland von Irland. Davon gehen zumindest ein paar Figuren in Tana Frenchs neuem Roman Feuerjagd aus. Ihr gelingt ein eindrucksvoll ruhiger und dabei stets nervös vibrierender Roman, der sicher auf dem Grat zwischen Krimi und Roman balanciert.


Für ihren neuen Krimi wählt Tana French Figuren, die Leser*innen ihres vorhergenden Romans Der Sucher bekannt vorkommen durften. In jenem Roman erzählte sie die Geschichte des Polizisten Cal, der sich für seinen Ruhestand das kleine Dörfchen Ardnakelty im Westen Irlands aussuchte, wo er trotzdem nicht vor dem Unheil verschont blieb. Denn dieses klopfte in Form der jungen Trey an seine Haustür. Ihr Bruder war verschwunden, wovon die Dorfbevölkerung allerdings seltsam unberührt blieb. Allein seine Schwester Trey wollte die allgemeine Passivität nicht hinnehmen und setzt auf Cal als Retter in der Not, der im Lauf des Romans auch zu einer Art Vaterersatz für Trey wurde und mit Beharrlichkeit und Einfühlsvermögen das Rätsel um das Verschwinden des jungen Manns löste.

Tana French - Feuerjagd (Cover)

Nun, zwei Jahre später, steht Trey wieder vor Cals Haustür. Der Ersatzvater hat nämlich Konkurrenz bekommen. Aus dem Nichts taucht Johnny, der eigentliche Vater von Trey, auf dem heimischen Hof auf. Nach seiner Zeit in England ist er heimgekehrt und zeigt sich in puncto charakterlicher Festigkeit und Vertrauenswürdigkeit wenig geläutert. Mit im Gepäck hat er einen Engländer, dessen Vorfahren ebenfalls aus Ardnakelty zu stammen scheinen. Dieser erzählt von einer Goldader, von der schon seine Vorfahren Kenntnis hatten. Die Ader aus Gold soll das Land und den Fluss durchziehen dort in Ardnakelty durchziehen.

Während sich draußen der Landstrich unter der Sommersonne aufheizt, kommt es auch bald zu einem Wettlauf zwischen der Dorfbevölkerung und dem windigen Duo. Wer nimmt hier wen aus und wer spielt welches Spiel? Ist das wirklich möglich, ein Goldrausch wie einst am Klondyke nun im hügeligen Westen Irlands?

Inmitten der unübersichtlichen Gemengelage findet sich Cal, der feststellen muss, dass neben Dorfbewohner*innen und potentiellen Betrügern auch noch Trey ein eigenes Spiel spielt…

Spannungen im Ardnakelty

Wie schon in ihrem ersten Roman um Cal und Trey balanciert Tana French auch hier wieder traumwandlerisch sicher auf dem Grat zwischen Krimi und Roman. Lange Zeit braucht es, bis es zu einem Toten in ihrem Roman kommt. Spannend ist Feuerjagd aber auch ohne diese genretypische Zutat. Denn die irische Autorin schafft es wieder einmal mit psychologischem Feinsinn, die gefährliche Spannung zu schildern, die nach der Rückkehr von Treys Vater im Dorf Einzug hält.

Die meisten Bewohner*innen des Dorfs haben eine eigene Agenda und lassen sich nicht wirklich in die Karten blicken. Ob im Pub oder im Dorfladen – immer schwingt bei allen vordergründigen Aktionen immer noch eine zweite Ebene mit. Man belauert sich, traut sich nicht über den Weg – und in der Frage, wie das Zusammenleben dieser Menschen den Charakter des Dorfs formt, bekommt Frenchs Roman fast noch eine soziologische Komponente.

Sheila sieht sie an. „Das Dorf kennt keine Gnade“, sagt sie. „Sobald du dich mit denen anlegst, fressen sie dich bei lebendigem Leib. Du wärst verloren gewesen, so oder so.“

Tana French – Feuerjagd, S. 480

Psychologische Spielchen und Tricks

Die psychologischen Spielchen und Tricks, die vibrierende Spannung und dazu noch die gekonnt eingefangene Stimmung der glutheißen Tagen in den Bergen Irlands, das alles macht aus Feuerjagd einen packenden Krimi, der durch seine psychologische Stimmigkeit und die genaue Ausleuchtung der Figuren seinen Reiz entfaltet.

Wie schon im ersten Roman dieser Reihe, die hier im Entstehen begriffen ist, ist auch Feuerjagd wieder ein großartig inszenierter, ruhiger und doch untergründig aufgewühlter und aufwühlender Roman. Möchte man den vollkommenen Lesegenuss dieses Buchs erzielen, empfiehlt sich unter Umständen die vorhergende Lektüre von Der Sucher, nimmt das Buch an einigen Stellen doch Bezug auf die Geschehnisse dieses Bandes und verrät auch einige Details der vorangesetzten Handlung.

Doch auch ohne die Lektüre ist dieses von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann sauber übersetzte Buch mehr als empfehlenswert, steht hier doch das langsame Erzählen mindestens ebenso im Vordergrund wie die Handlung, die mich wie schon im ersten Band rund um Cal und Trey sehr gefangen genommen hat.

Fazit

Wieder mal gelingt Tana French ein spannender Roman, der in die Kategorie Krimi des Jahres fällt und der auch Verächtern dieses ansonsten gerne einmal recht blutrünstigen Genres auf den Geschmack kommen lassen dürfte. Plausibel gestaltete Figuren, Verzicht auf Metzeleien und Krawall, dafür viel untergründige Spannung, Atmosphäre und sozialer Scharfblick, das kennzeichnet Feuerjagd.


  • Tana French – Feuerjagd
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN 978-3-949465-10-9 (S. Fischer)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €
Diesen Beitrag teilen