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Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

… desto hässlicher der Fisch

So lautet der Originaltitel von Katya Apekinas Buch in ganzer Länge. Ursprünglich in Amerika in einem Kleinverlag erschienen, hat sich das Buch laut dem Suhrkamp-Verlag zu einem Überraschungserfolg in den USA entwickelt. Nun liegt das Buch in der deutschen Übersetzung durch Brigitte Jakobeit vor. Es erzählt auf formal interessante Art und Weise von einer Familie in Trümmern.


Heute kann ich leicht sagen, dass ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht, und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte mir nicht leisten, großzügig zu sein.

Apekina, Katya: Je tiefer die Wasser, S. 343

Katya Apekinas Buch gleicht einer Puzzleschachtel. Sie kippt dem Lesenden eine ganze Menge dieser Puzzlestückchen in Form von multiperspektivisch erzählten Kapiteln entgegen. An uns Leser*innen ist es dann, aus dieser Unzahl an Stimmen und Kapiteln die Haupthandlung zusammenzubasteln. Allzu schwer macht es die Autorin den Leser*innen dabei allerdings nicht.

Denn die Hauptarbeit in Apekinas Erzählung übernehmen Mae und Edith, zwei Schwestern. Am Anfang des Buchs lernen wir sie in New York kennen. Dort haben sie bei Dennis Unterschlupf gefunden, der als Schriftsteller in der Stadt lebt. Er hat die beiden Mädchen zu sich genommen, nachdem die Mutter der beiden einen Suizidversuch unternommen hat.

Sowohl der Suizidversuch ihrer Mutter als auch das plötzliche Auftauchen Dennis‘, der sich als Vater der beiden vorstellt, wirft die beiden Mädchen aus der Bahn. Abwechselnd berichten sie aus ihren Perspektive von ihrem neuen Leben und den zaghaften Annäherungen an ihren Vater, von dem sie bislang nichts ahnten.

Eine Erzählung wie ein Puzzle

Diese Grundkonstellation reichert Apekina mit zahlreichen anderen Stimmen an. So ergänzen Briefe von Dennis an Edith und Maes Mutter die Handlung, Freundinnen der Mädchen und von Dennis erzählen. Die Autorin springt auch von der erzählten Gegenwart im Jahr 1997 zurück in die Jahre 1961 und 1968 sowie nach vorne ins Jahr 2012.

Diese Vielzahl an Facetten der Geschichte glieder die russischstämmige Autorin darüber hinaus in vier Teile, die wiederum noch von zahlreichen Kapiteln unterteilt werden. Viele der erzählten Episoden sind dabei allerdings nicht einmal eineinhalb Seiten lang. Großes Chaos und erzählerische Konfusion? Nicht doch.

Gleicht Je tiefer das Wasser auch einem Puzzle, so ist es ingesamt gesehen doch eher ein 500- denn 2000-Teile Puzzle. Denn die Erzählung ergibt sich trotz der Fülle an Stimmen doch recht klar schon von den ersten Seiten an. Da Edith und Mae als Haupterzählerinnen fungieren, hat man einen klaren roten Faden, an dem man sich orientieren kann.

So richtig warm geworden bin ich mit dem Roman trotz dieser spannenden Erzählkonstruktion nicht wirklich. Zwar unterscheidet sich die Erzählstimme von Mae und ihrer älteren Schwester Edith etwas. Generell klangen mir aber die meisten Protagonist*innen viel zu ähnlich. Auch gelingt es Apekina nicht, ihnen Tiefenschärfe zu verleihen. Um die Familie herum werden alle Erzähler*innen zunehmend blass und hinterließen bei mir keinen großen Eindruck. Auch ist der Roman sprachlich nicht besonders herausragend, sodass das Buch in meinen Augen nicht über den Durchschnitt hinauskommt.

Regina Porter – Die Reisenden

Man kennt diesen unangenehmen Moment, wenn man bei fremden Menschen oder wahlweise sogar den potentiellen Schwiegereltern zu Gast ist. Gerne wird das willfährige Opfer zum richtigen Zeitpunkt zur Ahnengalerie geführt, die sich irgendwo im Hause befindet. Am besten in Petersburger Hängung sind sie dann an der Wand angebracht, dicht an dicht: Bilder von sämtlichen nahen und entfernten Verwandten. Urlaubsbilder, schon meist mit etwas Patina versehen. Kinderfotos, die den erwachsenen Zöglingen schon lange peinlich sind. Urlaubsfotos von Tante Gerda, Hochzeitsbilder der eigenen Großeltern. Verlobungsfotos von Onkeln und Tanten, in Sepia getränkte nostalgische Urlaubserinnerungen.

Die Fotos wollen kein Ende nehmen. Und dann ist da auch noch der Hausherr oder die Hausherrin, die sämtliche Fotos mit weitschweifigen Erklärungen versieht. Verwandtschaftsverhältnisse, Anekdoten aus Urlauben, peinliche Kindheitserinnerungen. Alles wird haarklein erzählt, man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Es dauert und dauert und schon nach fünf Fotos hat man eigentlich den Überblick verloren. Aber man ist ja ein netter Gast und heuchelt Interesse. Und schon geht es weiter und das nächste Foto ist an der Reihe.

Wer je in einer solchen Situation gefangen war, der kann sie schlecht vergessen. Natürlich ist eine Vergegenwärtigung der eigenen Familiengeschichte schön und gut, aber nicht immer ist diese sonderlich spannend oder für Außenstehende verständlich. Einen Anflug dieses Gefühls hatte ich auch bei der Lektüre von Regina Porters Roman Die Reisenden (übersetzt von Tanja Handels), dessen Veröffentlichung ich schon entgegenfieberte. Ein schillerndes Zeitpanorama und ein intimes Familienepos zweier gegensätzlicher Familien, von der Bürgerrechtsbewegung bis hin zur Obama-Ära. Das versprach der Klappentext sowie die lobenden Stimmen, die das Erscheinen begleiten.

Konnte die Autorin diese Versprechen einhalten? Wie sich meinen Einleitungsworten entnehmen lässt, ist dies leider überhaupt nicht der Fall. Aber warum ist das so? Hier mein Versuch einer persönlichen Analyse.

Die Erzählkonstruktion als Fluch und Segen

So erweist sich der von Regina Porter gewählte Erzählansatz zugleich als Fluch und Segen. Als Segen, weil sie immer wieder durch unterschiedliche Jahre hüpft und die Erzählung so merklich auflockert und das starre narrative Gefüge durchbricht. Auch stehen ihr mit den zwei unterschiedlichen Familien viele Möglichkeiten offen, um Entwicklungen, Moden und Schicksale zu beleuchten und zu spiegeln. Allerdings liegt hier auch die Krux des Romans. Denn jede der beiden Familien hat zahlreiche Familienmitglieder, die von Regina Porter recht unverbunden alle lang und breit in Episoden gewürdigt werden. So bekommen Enkel, Eltern und Großeltern in verschiedenen Lebensstadien in unterschiedlichen Jahrzehnten ihre Auftritte. Mal wieder auktorial erzählt, dann gibt es wieder für ein Familienmitglied eine*n Ich-Erzähler*in.

So weit so gut. Allerdings schafft es Regina Porter nicht im Ansatz, sich zu beschränken und sich auf dieses Personal zu fokussieren. Denn sie führt auch noch außerehelich gezeugte Kinder, deren Nachbarn, deren Kindern und noch weiter entfernte Figuren ein, die alle in ERzählungen vorgestellt werden. Da sie diese Schicksale und Sprünge durch die Jahre auch nur mit sehr dünnem literarischen Kleber verbindet (manchmal ist es auch nur ein Name aus der vorherigen Episode, der dann in der 20 Jahre später spielenden Geschichte wieder relevant wird). Die Bezüge müssen dann mühsam selbst im Text herausgesucht werden – oder man schaut diesen gelinde gesagt etwas komplexen Stammbaum auf dem hinteren Vorsatzpapier an).

Alles ist mit allem verbunden.

Der Wahnsinn hat Methode

Ich mag ja Literatur, die mich fordert und die es mir nicht allzu leichtmacht. Hier hatte ich allerdings das Gefühl, einer etwas wirren und reichlich unstrukturierten Erzählerin vor ihrer gigantischen Bilderwand zu lauschen. Sicher: alles ist mit allem verbunden oder um mit dem mehrfach im Text zitierten Hamlet zu sprechen: Mir scheint, der Wahnsinn hat Methode. Auch mag es viele Leser*innen geben, die Freude an dem detektivischen Suchspiel der versteckten Bezüge haben. Ich hatte diese leider zu keinem Zeitpunkt der Lektüre. Etwas mehr literarischer Kitt hätte es schon sein dürfen. Da helfen auch keine etwas wahllos im Buch eingestreuten Fotografien, die den Realitätsgrad erhöhen sollen.

Auch hatte ich mir von der politischen Komponente in diesem Werk mehr erhofft. Natürlich werden Begebenheiten wie die Ermordung Martin Luther Kings oder der Rassismus in Form des Green Books erwähnt. Der Vietnamkrieg spielt sogar eine große Rolle. Allerdings hat es sich damit auch schon. Der große Gesellschaftsroman und Kommentar zu den politischen Entwicklungen ist dieses Buch mitnichten. Hier wird etwas zu einem Ereignis hochgejazzt, das es leider in meinen Augen nicht ist.

Für mich ist Die Reisenden somit alles andere als das erhoffte erzählerische Highlight des Frühjahrs. Ein Roman wie eine dreistündige Beschau einer eklektischen Bildersammlung. Schade drum!

Alix Ohlin – Robin und Lark

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Alix Ohlin. Ebenso unterschiedlich wie die Anlagen und Temperamente der beiden Schwestern sind auch ihre Namen. Die eine Schwester, die als Erzählerin fungiert, heißt Lark, also Lerche. Ihr Widerpart trägt das Rotkehlchen im Namen, nämlich Robin. Doch was ist es, das Menschen bei allen vorhandenen Unterschieden zusammenhält? In ihrem Roman versucht sich Alix Ohlin an einer Antwort.


Alix Ohlin - Robin und Lark (Cover)

Dabei ist zunächst der Begriff der Schwestern etwas unpräzise. Eigentlich handelt es sich bei Robin und Lark um Halbschwestern, die durch ihre Mutter Marianne verbunden sind. Die Mutter erweist sich in ihrer Mutterrolle allerdings als ziemlich unfähig. Völlig überfordert mit den beiden Kindern obliegt es schon bald Lark, so etwas wie eine Mutter für die jüngere Robin zu sein. Dieser Rolle nimmt sie auch an und wird bis ins Erwachsenenalter immer eine Beschützerin von Robin sein.

Während Lark von Montreal in die USA zum Studium zieht, bleibt Robin daheim in der Nähe ihrer Mutter. Sie entpuppt sich schon bald als großes Talent am Klavier und investiert viel Zeit in die Perfektionierung ihres Spiels. Lark hingegen fühlt sich eher im visuellen Bereich zuhause. Mit großer Hingabe filmt und schneidet sie Material und wird bald zur rechten Hand eines Regisseurs. Immer mal wieder nähern sich die beiden Schwestern an, stoßen sich dann aber auch wieder gegenseitig ab. Stets ist aber da ein Band zwischen ihnen, das sie zusammenhält.

Eine konventionelle Herangehensweise

Alix Ohlin wählt für ihre Erzählung über die beiden Schwestern eine konventionelle Herangehensweise. Von der Geburt an wird aus der Sicht Robins der Werdegang der beiden so gegensätzlichen Frauen geschildert. Geschmeidig erzählt (und sehr gut von Judith Schwaab übersetzt) gibt es einen Bilderbogen dieser beiden Frauen.

Etwas Irritation löste bei mir die Bewerbung durch den Klappentext aus. Dieser rückt dramatisch das Verschwinden Robins auf einer Konzerttournee in den Mittelpunkt, bei dem Robin den Wunsch äußert, man möge nicht nach ihr suchen. Diese Begebenheit entpuppt sich im Buch dann allerdings als recht unspektakuläre Episode in der Buchmitte, der noch einige ähnliche Ereignisse folgen. Wer also auf eine dramatische Schnitzeljagd der einen Schwester nach der anderen gehofft hat, der sieht sich hier enttäuscht. In dem Falle würde ich zum ebenfalls dieser Tage ebenfalls bei C.H. Beck erschienenen Roman Long Bright River von Liz Moore raten. Alix Ohlins Erzählung erinnerte mich mit ihrem ruhigen Fluss und dem genauen Blick auf ihre Protagonistinnen eher an Donna Tartts Der Distelfink.

Persönlich hätte ich mir noch eine etwas aufregendere Gestaltung dieses erzählerischen Bogens gewünscht. Wenn die Erzählerin schon so eine begnadete Cutterin und Virtuosin in Sachen Filmschnitt ist, warum dieses Stilmittel nicht auch auf die Erzählung selbst übertragen? So bleibt die chronologische Erzählung etwas brav.

Fazit

Generell gesprochen lässt sich festhalten: Robin und Lark ist die Geschichte zweier gegensätzlicher Frauen, das neben den Fragen von familiären Zusammenhalt und Selbstbestimmung auch die Kunst der Musik und des Filmschnitts beleuchtet. Souverän erzählt gelingt Alix Ohlin in diesem Buch ein rundes und stimmiges Porträt eines unsichtbaren Beziehungsbandes, das Ohlin von der Kindheit bis ins mittlere Lebensstadium hinein beschreibt.

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Der erste Roman und gleich einmal ein nahezu vollumfänglich gelungenes Spitzenbuch. Dieser beeindruckende Husarenstreich gelingt dem Amerikaner Reif Larsen mit seinem Debüt Die Karte meiner Träume. Ein Buch, das zeigt, was Literatur zu leisten im Stande ist, wenn man sich ihrer ganzen Fülle bedient und sie ernst nimmt.


Es ist die letzte Seite dieses ebenso schönen wie verspielten Buchs, auf der sich die Losung des Romans versteckt hat. Inmitten eines großflächigen Gemäldes prangt die Postulat Alles ist Fiktion. Das lässt sich für Larsens Debütroman auch umdrehen, der den Beweis antritt, dass Fiktion alles sein kann. Fiktion kann Geschichten erzählen, andere Welten errichten und den Lesenden völlig seiner Umwelt entziehen. Mir erging es so im Laufe der Lektüre, die so bunt, so mitreißend, so clever konstruiert und so umwerfend gelungen ist, das ich ihr postwendend einen Platz in meinem ohnehin schon knapp bemessenen Buchregal freigeräumt habe. Hier lässt sich nämlich wieder der Zauber gut gemachter Geschichten erleben, den gelungene Bücher verströmen.

Solche gut gemachten Geschichten beinhalten ja immer einen Helden oder eine Heldin, der die Geschichte trägt und sich im besten Falle über das Buch hinaus im Kopf der Lesenden verankert. Larsen gelingt dies mühelos, indem er den Ich-Erzähler Tecumseh Sparrow Spivet ersinnt. Dieser Zwölfjährige ist ein mehr als außergewöhnliches Kind. Das beginnt schon beim Vornamen, den er mit seinen männlichen, ursprünglich aus Finnland stammenden Vorfahren teilt. Den Beinamen verdankt er der Legende, dass im Moment seiner Geburt ein Spatz gegen die Scheibe seines Elternhauses prallte und starb. Ebenso ungewöhnlich wie T. S.‘ Namensgebung ist die ganze Familie Spivet, die sich unter dem Dach des Farmhauses in Montana versammelt.

Eine sonderliche Familie

Da ist T.S. Spivets Schwester Gracie, mit der Tecumseh so gar nichts anfangen kann. Ähnlich schwierig ist die Beziehung des hochbegabten Jungen zu seiner Mutter, die er nur Dr. Clair nennt. Sie hat sich der Erforschung des Tigermönchs gewidmet. Doch zum Leidwesen der Koleopterologin konnte auch sie bislang noch keinen Beweis erbringen, dass jene Käferart tatsächlich existiert. Während sich T. S. ihr aufgrund der Forschernatur wenigstens etwas verbunden fühlt, kann er mit seinem Vater rein gar nichts anfangen. Dieser geht dem Tagewerk eines Farmers nach und wäre doch so gerne auch ein Cowboy aus alten Tagen.

Und da ist dann zuletzt – beziehungsweise eigentlich schon nicht mehr – Layton, der Bruder von T. S.. Jener Bruder starb bei einem Unfall mit einer Flinte in einem Stall des Farmhauses. Der genaue Tathergang liegt im Dunklen, niemand in der Familie thematisiert dieses Unglück näher.

Diese Familie, die dem gängigen Bild einer harmonisches und miteinander (re)agierenden Gefüges so gar nicht entspricht, sie ist die Heimstatt von T. S. Seine Leidenschaft für Karten und fürs Kartographieren, sie wirkt in dieser Umgebung so fremd, wie er sich selbst im Familienverbund führt. Und doch löst diese Leidenschaft große Ereignisse aus, die von einem Telefonanruf in Gang gesetzt werden, der T. S. auf den ersten Seiten des Buchs ereilt.

Ein Anruf aus dem Smithsonian

Dieser Anruf kommt aus Washington, genauer gesagt aus der Smithsonian Institution. Dort, in dieser bedeutenden Forschungseinrichtung, ist man auf T. S. Spivet aufmerksam geworden. Ein Forscher hat nämlich die Karten und wissenschaftlichen Darstellungen des Zwölfjährigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingereicht. Und dort, in der Forschungseinrichtung, die schon Größen wie Bohr oder Einstein besuchten, hat man nun entschieden: man möchte T. S. eine Ehrung in Form der Baird-Medaille zuerkennen. Doch dafür muss Tecumseh nach Washington reisen. Von Montana aus wirklich eine halbe Weltreise, selbst wenn man ein begnadeter Kartograph ist, aber weder Auto noch Führerschein besitzt.

Und so setzt sich die Handlung in Gang, die eine in drei Teile untergliederte Reise ist. Einmal quer durch den Norden bis in den Westen der USA. Auf diesen Roadtrip wagt sich Tecumseh ganz alleine, begleitet nur von seiner Kartographen-Ausrüstung, einem präparierten Spatzenskelett und dem Tagebuch seiner Mutter. Wird es Tecumseh gelingen, die Täuschung aufrechtzuerhalten und an die Baird-Medaille zu gelangen, obwohl alle von einem erwachsenen Preisträger ausgehen? Aus dieser Frage generiert das Buch einen Spannungsbogen, der von Tecumsehs Roadtrip unterstützt wird. Immer ist etwas in Bewegung, innerlich oder äußerlich, selbst wenn T.S. tagelang im selben Abteil eines Union-Pacific-Zugs sitzt.

Wie Reif Larsen diesen inneren und äußeren Roadtrip gestaltet, durchkomponiert und nachvollziehbar rhythmisiert, das ist große Kunst. Mal passiert fast nichts, wenn T. S. im Tagebuch seiner Mutter versinkt und erstaunliche Entdeckungen macht. Dann wird die Prosa ruhig, melancholisch. Dann treibt wiederum alles nach vorne, die Ereignisse überschlagen sich, und auch die Kommentierung des Geschehens am Rand des Buchs nimmt zu. In diesen Einwürfen meldet sich T. S. mit Gedanken und Anekdoten immer wieder zu Wort, zeichnet, um seine Überlegungen zu illustrieren. Das ist clever gemacht und wunderschön gestaltet. So entsteht auch ein Dialog im Buch selbst, Abschweifungen, Ergänzungen, verblüffende Theorien und wild überbordende Arabesken ergänzen die „normale“ Handlung.

Inhalt, Sprache, Metaebenen – es passt

Eine Figur nur über die Sprache zu gestalten, auf Äußerlichkeiten kaum einzugehen, sie nach der alten Weisheit Show, don’t tell zu zeichnen, das schaffen in dieser Intensität nicht viele junge Autoren. Reif Larsen gehört dazu – und wurde auch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié sehr stimmig ins Deutsche übertragen.

Wie Larsen Tecumseh nie beschreibt, sondern ihn einfach erzählen lässt, wodurch ein ungemein facettenreiches und stimmiges Bild eines hochbegabten, aber auch problembeladenen Jungen entsteht, das ist große Kunst. Zudem gelingt es auch, zahlreiche ambivalente Figuren und Situationen entstehen zu lassen, die eine Fülle von Interpretationen zulassen. Auch ich habe mich gerne auf diese Deutungsmöglichkeiten eingelassen. So habe ich in Die Karte meiner Träume ein großes Buch der Trauer und der Trauerverarbeitung entdeckt.

Die Katastrophe um Layton und die Flinte wird zunächst ja immer nur peripher berührt. Doch die alte Binsenweisheit, dass man auf einer Reise, egal wie weit sie führen mag, am Ende doch immer wieder nur bei sich ankommt, sie bestätigt sich auch hier. So steht am Ende für mich auch nicht die mögliche Baird-Medaille oder die Ankunft Tecumsehs in Washington als Ergebnis, sondern die Trauerverarbeitung, die während T. S.‘ Reise geschieht. Am Ende zeigt sich, was damals in jenem Stall wirklich passierte. Hier wird Trauer plastisch und erfahrbar, von den kleinsten, scheinbar nebensächlichen Details, bis zum großen Ganzen.

Am Ende mag die Konstruktion etwas ächzen und stöhnen. Aber nichtsdestotrotz ist hier ein Autor zu entdecken, der seine Buchlosung, dass alles Fiktion sei, ernst nimmt. Eine begeisternde, toll gestaltete und geschriebene Lektüre, die auch ein Jahrzehnt nach ihrem Erscheinen kein Gran an Qualität eingebüßt hat. Inhalt, Sprache, Deutungsmöglichkeiten, Metaebenen – hier werden all diese Versprechen nahezu vollständig eingelöst, die mir gute Literatur gibt. Ein beeindruckender Erstling, der mich begeistert zurückgelassen hat.


Bildquellen: Smithsonian Institut: Von David Bjorgen – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=523621

Buchseite und Cover: S.Fischer-Verlag

Preti Taneja – Wir die wir jung sind

Von den Schwierigkeiten einer geordneten Firmenübergabe, von Familienkonflikten und vom neuen Indien – davon erzählt Preti Taneja in ihrem Roman Wir die wir jung sind. Ein Buch, das mitten hineinführt in die Verwerfungslinien, die die indische Gesellschaft und Familien durchziehen (übersetzt aus dem Englischen von Claudia Wenner).


Eigentlich hätte alles still und leise abgehen können: Devraj Bapuji hat den Mischkonzern The Company groß gemacht. Bis nach Kaschmir erstreckt sich sein Firmenimperium, das Schwerindustrie, Hotelkomplexe, Textilfabriken und dergleichen mehr umfasst. Nachdem er den Zenit der Schaffenskraft überschritten hat, soll die Macht an seine Töchter übergehen. Drei an der Zahl, die nun bedacht werden wollen. Und dann gibt es auch noch Ranjjit Singh, seinen Begleiter aus alten Tagen. Auch er hat zwei Söhne, die in der Nachfolgeregelung bedacht werden wollen.

Eine komplexe Gemengelage, bei der Konflikte vorprogrammiert sind. Denn schon die drei Töchter Devrajs sind mehr als unterschiedlich. Studienaufenthalte im Ausland, verschiedene Talente und Temperamente und eine Tochter, die vor ihrem Vater gleich zu Beginn des Buchs ins Ausland flieht. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Söhne Singhs, die ebenfalls höchst unterschiedlich sind.

Sie alle eint die Situation der Nachfolge, die sie alle anders gestalten wollen. Für die einen ist die Nachfolge Bürde, für die andere Chance. Alle haben sie unter dem despotischen Devraj gelitten, alle sind sie andere Wege gegangen. All diese Wege führt Preti Taneja nun im Laufe ihres Buchs zusammen. Jedes der Kinder bzw. Stiefkinder wird in den sechs Großkapiteln des Buchs vorgestellt. Dazwischen flicht Taneja immer wieder Reflektion Devrajs ein, der über sein Schaffen, seine Töchter und die Kinder seines Begleiters Ranjit räsoniert.

König Lear reloaded

Die Folie, auf der Wir die wir jung sind erzählt wird, ist klar erkennbar. Shakespeares König Lear stand Pate für eine Neuinterpretation des Ganzen. Devraj als König Lear mit seinen drei Töchtern, Ranjit Singh als Graf Gloucester – die Anleihen sind deutlich. Auch die Handlung orientiert sich mit den Verbannungen, Intrigen und Machtkämpfen stark an Shakespeares Werk. Das geht soweit, dass sogar die in Shakespeares Stück grundierte Invasion Britanniens durch die Franzosen in Tanejas Buch aufscheint. Diesmal ist der Hintergrund allerdings der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der im Buch durch einen Hotelbau in dieser Region immer wieder thematisiert wird.

Dabei ist die Idee eines König Lear reloaded gewissermaßen nicht vollkommen neu. Zuletzt hatte auch Edward St. Aubyn im Rahmen des Shakespeare-Hogarth-Projekts eine Interpretation des klassischen Stoffs veröffentlicht. Bei ihm wurde Shakespeares Ausgangsstück zu Dunbar und seine Töchter. Dabei ist der Titelheld ein Medienmogul, der ebenfalls die Macht übergeben möchte. Dies versucht er mit zwei seiner Töchter, die ihn dann in ein Sanatorium abschieben. So kann es gehen.

Zugegeben, die Idee einer Neuinterpretation von König Lear hat auch ihren Reiz. Dass sie auch gelingen kann, hat zuletzt ebenjener Edward St. Aubyn mit seinem Werk eindrücklich gezeigt. In Preti Tanejas Fall funktioniert das Ganze für meine Begriffe aber nicht optimal. Denn wenn Tanejas deutscher Verlag das Adjektiv „episch“ verwendet, um ihr Buch anzupreisen, dann sollte man das wirklich ernst nehmen. Mit über 620 Seiten hat das Buch einen enormen Umfang, die für meinen Geschmack deutlich zu lang ist. Das jung im Titel könnte auf alle Fälle durch „lang“ ersetzt werden.

Wir, die wir lang sind

So nimmt sich Preti Taneja ausführlichst Zeit, ihre einzelnen Charaktere vorzustellen. Beginnend bei Ranjit Singhs Sohn Jivan wirft sie die Leser*innen gleich in die Handlung hinein. Langsam erschließen sich die Familienbeziehungen und das enorme Personengefüge. Hier ist es alles andere als leicht, den Überblick zu behalten. Denn C. H. Beck hat es leider versäumt, dem Buch ein Dramatis personae zu spendieren. Man muss schon enorm aufpassen, bei Kritik Sahib, Jivan Singh genannt Jon Singh, Jeet Singh, Kashyap, Devraj Punj, Gargi, Bubu, Radha und dergleichen mehr den Überblick zu behalten.

Neben den ungewohnten indischen Namen sind es auch die ständigen Anreden, Floskeln und ganze Sätze, die teilweise unübersetzt im Text stehen. Zwar ist ein Register der Termini angefügt, allerdings wurde ich des Blätterns mit der Zeit auch überdrüssig. Ganze Dialoge auf Hindi machten es mir so manches mal schwer, dem dramatischen Geschehen zu folgen.

Das größere Problem, das bei mir zu Problemen mit dem Buch führte, war das Fehlen von Spannkraft und Sogwirkung. Will mich ein Buch in eine andere Kultur mit einem anderen Weltsicht entführen, braucht es mir auch Widerhaken, die mich in die Geschichte hineinziehen. Charaktere, deren Konflikte ich nachvollziehen kann. Das gelang zum Auftakt bei Jivan noch gut, mit dem Fortschreiten des Buchs kam mir das alles aber belangloser vor. Ich konnte keine große Bindung zu diesen Figuren aufbauen, bei denen ich die Namen immer wieder durcheinanderwürfelte und langsam den Überblick verlor.

Deutliche Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch in dieser Hinsicht deutlich besser getan. Auch kommen mir bei allem privaten Hickhack und den Streitereien die zeitgenössisch-gesellschaftlichen Betrachtungen des heutigen Indien zu kurz. Zwar kreist Taneja immer wieder um die Frage, wie sich Frauen und Männer in der indischen Gesellschaft definieren. So ganz überzeugen konnte mich das Ganze leider nicht.

Viel Potential, wenig Überzeugendes

Literatur aus Indien habe ich ja nicht gerade auf meinem alltäglichen Lesemenü. Viel zu selten gibt es in den Buchprogrammen indische Stimmen – weshalb ich mich über solche Lesemöglichkeiten ja sehr freue. Leider gelingt es Preti Taneja in meinen Augen zu wenig, aus ihrem Ausgangsmaterial etwas zu machen. Mich hat da Jhumpa Lahiris Tiefland zuletzt deutlich mehr überzeugt, als das bei Wir die wir jung sind der Fall ist. Schade!