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Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Mit dem Debüt Außer sich der Berliner Dramaturgin und Theaterautorin Sasha Marianna Salzmann liegt ein Buch vor, das es mir nicht wirklich leicht gemacht hat und bei dessen Beurteilung ich nach wie vor schwanke.

Inhaltlich ist dieses Buch eine familiäre Spurensuche, eine Selbstfindung und ein Familienroman. Ausgangspunkt ist die Reise der Erzählerin Alissa nach Istanbul. Von dort erhielt sie nämlich eine Postkarte ihres Zwillingsbruders Anton, der in der Millionenmetropole am Bosporus verschwunden zu sein scheint. Von nun an operiert Salzmanns Roman auf zwei Achsen. Da ist zum Einen die Suche nach Anton im Moloch Istanbul und zum Anderen die Geschichte von Allissas und Antons Familie, die in Episoden erzählt wird. Von der Revolutionszeit ausgehend wird die Geschichte der Großeltern und eigenen Eltern bis zum Asyl in Deutschland ausgebreitet

Dabei verortet sie ihre Geschichte ganz konkret in der türkisch-deutschen Gegenwart: Gezi-Park-Proteste, Militär-Putsch, Asyl – all diese Themen spielen im Buch von Sasha Marianna Salzmann eine Rolle.

Mit ihrem ersten Titel gelang es der Autorin gleich, den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung zu erringen. Kein unbedeutender Erfolg, wenn man sich die Reihe der bisherigen Preisträger vergegenwärtigt. Namen wie Martin Mosebach, Arnold Stadler oder Zsuzsa Bánk finden sich auf dieser Liste – oder auch Reinhard Kaiser-Mühlecker. Dem österreichischen Autoren gelang im letzten Jahr etwas, das auch Sasha Marianna Salzmann auf Anhieb geschafft hat – der Sprung auf die Longlist (und nun sogar auf die Shortlist) des Deutschen Buchpreises – und das als einzige Debütantin in diesem Jahrgang.

Nur eingeschränkte Empfehlung

Trotz dieser Meriten kann ich das Buch nur eingeschränkt empfehlen. Ihre 365 Buchseiten packt Sasha Marianna Salzmann übervoll mit Themen und schafft so eine Sperrigkeit, die mich nach 150 Seiten das Buch abbrechen und noch einmal von vorne beginnen ließ. Wie hängen die ganzen familiären Fäden zusammen? Wie ist die Verbindung zur Suche nach ihrem Bruder in Istanbul?

Die Sprünge in der Erzählperspektive und Brüche in der Erzählstruktur machen die Lektüre nicht wirklich leicht, zudem erfordert Außer sich ein sehr langsames Lesetempo, um die komprimiert erzählten Verwicklungen und Verbindungen en detail zu erfassen. Für Leser, die eine konzise erzählte oder klar strukturierte Familiensaga suchen, ist dieses Debüt dadurch weniger geeignet.

Das Buch machte es mir zu keinem Zeitpunkt leicht – was an sich auch nicht schlecht ist. Bücher, die fordern und den Leser auffordern, zu hinterfragen und bedenken, können auch immer ein Gewinn sein. Doch ein weiterer Malus machte mir bei Salzmanns Debüt außerdem zu schaffen: keine der zahlreichen Figuren, die das Buch bevölkern, schaffte es, Empathie zu erzeugen. Alle Protagonistinnen leiden für meinen Geschmack an Überdramatisierung. Jede Figur ist dissoziativ, problembeladen, sperrig – so gelang mir kein Einfühlen in die Figuren und ihre Lebenswelten.

Dadurch bleiben für mich in der Endabrechnungen viele Punkte auf der Soll- und Haben-Seite dieses Debüts stehen. Aktuelle Schilderungen der Türkei und Asylschicksale, ein ambitionierter Plot und eine Autorin, die für die Zukunft viel verspricht – es bei diesem Buch aber noch nicht einlöst. Sperrige Figuren, ein zu viel an Dramatisierung, viele zurückbleibende Fragen. Damit ist Außer sich für mich ein zwar recht interessanter Titel, den ich aber nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises sehe (auch wenn, nachdem diese Kritik nun geschrieben war, die Jury das Ganze anders gesehen hat und Salzmann auf die Shortlist befördert hat. Ich als Jurymitglied hätte anders entschieden und statt dieses Buches Ellenbogen von Fatma Aydemir auf die Shortlist gesetzt).

Außer sich ist ein Buch, das sicher ein gespaltenes Echo bei den Lesern hervorrufen wird. Ich bin auf alle anderen Meinungen Mitlesender gespannt!

[Headerbild: (c) Matthias Ripp/Flickr]

Rodrigo Hasbún – Die Affekte

Hans Ertl war einst im Dritten Reich ein wichtiger Kameramann, der für Leni Riefenstahl drehte und spektakuläre Aufnahmen realisierte. So filmte er etwa Szenen unter Wasser und war damit der erste Kameramann, dem etwas Derartiges gelang. Doch im Nachkriegsmünchen ist der Filmemachter nicht mehr wohlgelitten, und beschließt deshalb, mit seiner Familie nach Bolivien zu ziehen.

Ein Projekt, das er vor Ort realisieren möchte, ist die Suche nach dem mystischen Städtchen Paititi im Dschungel Boliviens. Deshalb macht er sich mit einem Expeditionstreck und zwei seiner Töchter auf, um die versunkene Inkastadt aufzuspüren. Seine Frau und seine jüngste Tochter bleiben zu Hause.

Doch mit dieser Expedition setzt sich etwas fort, das bereits mit dem Aufbruch aus München begann – die Zersetzung der Familie Ertl. Die drei Töchter entfremden sich und bei der ältesten Tochter Monika wird dies in der Folge zu dramatischen privaten und politischen Verwerfungen führen, die sich so zunächst gar nicht abzeichneten.

Hasbún inszeniert diese Auflösung, indem sein Plot einer vielstimmigen Gestaltung folgt. In kurzen Kapitel erzählt er, aufgeteilt in zwei große Blöcke, von den verschiedenen Mitgliedern der Familie Ertl und ihrem Lebensweg. Immer wieder wechselt er den Tonfall und die Erzählperspektive (was die Unterscheidung der einzelnen AkteurInnen auch nicht immer leicht macht). Man liest in der Ich-Form, wird in Passagen mit Du angesprochen und auch die dritte Person ist häufig eine gewählte Erzählperspektive.

Dieser Gestaltungswillen beeindruckt, ist manchmal aber auch etwas zu viel des Guten. Insgesamt sind es für den knappen Umfang von  140 Seiten erstaunlich viele Themen, die Rodrigo Hasbún in Die Affekte packt. Radikalisierung, Auflösung von Strukturen, Suche nach Halt in Kunst – das alles steckt in diesem Buch, was es auch an mancher Stelle überfrachtet. Ein wenig mehr Entzerrung hätte dem Buch gut getan – so wirkt alles stark komprimiert und man muss wirklich genau lesen, um die Anschlüsse und Sprünge nicht zu verpassen.

Wem dieses Buch gefällt, empfehle ich zur weiterführenden und ergänzenden Lektüre den vor Kurzem im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman Telex aus Kuba von Rachel Kushner. Radikalisierung und Befreiung von überkommenen Strukturen durch die Jugend – beide Romane haben viel gemein und komplementieren sich wunderbar, wie ich finde.

[Hasbún Rodrigo: Die Affekte ; Deutsch von Christian Hansen, 124 Seiten | erschienen im Suhrkamp-Verlag, ISBN 978-3-518-42764-4, Preis: 18,00 €]

Gabriel Garcia Marquez – Hundert Jahre Einsamkeit

Dass dieses Buch in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, merkt man Hundert Jahre Einsamkeit wirklich nicht an. Zum halben Jahrhundert hat der Kiepenheuer&Witsch-Verlag dem Buch eine Neuübersetzung durch Dagmar Ploetz spendiert, die damit das Buch wieder neu aufpoliert, sodass alle Facetten des Romans funkeln dürfen.

Der 2012 verstorbene Nobelpreisträger erzählt in seinem Roman von hundert Jahren Einsamkeit, die der stete Begleiter des Buendias-Clans sind. Jener Clan begründete einst das Dörfchen Macondo tief in der Abgeschiedenheit Südamerikas. Die Generationen leben in dem Dorf und erleben viele Höhen und Tiefen mit. Marquez konzipiert seinen Roman dabei ganz klassisch, vom Aufstieg des Buendia-Clans über wirtschaftliche Erfolge bis hin zum Niedergang des Dörfchens reicht der Bogen, den der kolumbianische Romancier schlägt.

Der Buendia-Clan und das Dorf Macondo sind unlöslich miteinander verkettet und können auch als Allegorie auf Südamerika gesehen werden. Der Leser wird Zeuge des wiederkehrenden Besuchs von Zigeunern im Dörfchen; dank einer Bananenplantage kehrt Wohlstand in das Dörfchen ein – doch auch negative Ereignisse wie etwa politische Kämpfe oder die blutige Niederschlagung von Revolten treten auf.

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Annie Proulx – Aus hartem Holz

Bäume wohin man sieht – sie begegnen den Franzosen René Sel und Charles Duquet, als diese 1693 aus Frankreich nach Neu-Frankreich, später Kanada genannt, aussiedeln. Als Waldarbeiter sind sie in die neue Welt gekommen und durchstreifen auf den ersten Seiten des Buchs Urwälder, in denen man sich verlieren kann. Bäume ohne Ende, die auch dem Leser in Annie Proulx neuem Werk (das erste seit vierzehn Jahren) auf fast 900 Seiten ständig begegnen werden. Darunter sind Pflanzen wie Hemlocktannen, Weymouthkiefer, Kauribäume, Douglasien und viel mehr. Doch die wichtigsten Bäume des Buchs sind die Stammbäume, die Annie Proulx als gute Autorin über hunderte Seiten entwickelt und aufgehen lässt.

Ausgangspunkt und Keimzelle des Buchs sind die beiden schon eingangs erwähnten französischen Sieder René Sel und Charles Duqet, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Kanada gelangen. Beide beginnen mit der Rodung des Waldes und begründen Dynastien, die über hunderte von Jahren bestehen werden. Dabei sind die eingeschlagenen Lebenswege und -modelle ganz unterschiedlich. René Sel steht für den Brückenschlag zu den Ureinwohnern der Wälder Kanadas. Er zeugt mit einer Indianerin vom Mi’Kwam-Stamm Kinder und begründet so eine Stammbaum von Indianern und Mischlingskindern, die alle um ihren Platz in einer Welt kämpfen müssen, in der ihr Lebensraum immer rapider verschwindet.

Charles Duquet hingegen steht für den amerikanischen Traum, er sieht den Wald nicht als Lebensraum und Biotop, sondern als nachwachsendes Kapital, das seinen Lebensstil finanziert. Er erfindet sich als Unternehmer Charles Duke neu und denkt unternehmerisch, versucht seinen Absatz im Ausland zu steigern und ist eigentlich der typische Fall eines Selfmade-Millionärs. Auch er hat Kinder, die das von ihm geschaffene Holz-Imperium weiterführen und ausbauen werden, Niederlagen und Ernüchterung inklusive.

Diese beiden Grundstränge verfolgt Annie Proulx über 300 Jahre und verwendet zehn Kapitel, die verschiedene Zeitspannen umfassen. Immer wieder wechselt sie für ihre Kapitel vom Sel- zum Duquet-Strang und schafft so viel Abwechslung. Die Chronologie hält die Amerikanerin dabei ein, der Schwerpunkt des Buchs liegt aber eindeutig auf dem 18. und 19. Jahrhundert (die auch am meisten überzeugen), je näher es an die Gegenwart geht, umso spärlicher wird das Buch.

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John Wray – Das Geheimnis der verlorenen Zeit

Marcel Proust war auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der Engländer John Wray will nun ihr Geheimnis erkunden. Die verlorene Zeit steht im Mittelpunkt dieses Romans, der sich konsequent jeder Einordnung entzieht und der den Leser in eine Zeitschleife schickt. Von Tschechien über Wien bis nach Amerika geht die Reise, die Zeit und Raum durchmisst.

Der Hobbyphysiker und Gurkenfabrikant Znaim Toula entdeckte just das Geheimnis der verlorenen Zeit, um aber kurz nach dieser Entdeckung von einem Automobil auf die Hörner genommen zu werden. Seine beiden Söhne Waldemar und Kaspar entwickeln sich danach auf ganz eigene Art und Weise weiter und versuchen stets, das Erbe ihres Vaters zu entschlüsseln.

Neben diesem chronologischen Erzählungsstrang, der sich durch die Weltgeschichte und durch verschiedene Schauplätze arbeitet, gibt es einen zweiten Erzählstrang, der die Episoden aus der Familiengeschichte zusammenhält. Denn irgendwo in einem Appartement sitzt in einer Zeitschleife Waldemar Tolliver fest. Dieser schreibt an seine Liaison Mrs Haven Briefe, in denen er ihr und damit dem Leser erklärt, wie sie zusammenfanden und welche Geheimnisse der Tolliver-Clan so hütet.

Es könnte so schön mit diesem Roman sein – doch leider macht es John Wray dem Leser respektive meiner Wenigkeit sehr schwer. Dass er schreiben kann – das steht außer Frage. Doch wunderbare Passagen werden immer wieder von völlig konfusen Seiten durchbrochen, in denen Wray schwer verständliche Schilderungen, Briefe oder physikalische Erklärungen unterbringt oder seine Charaktere surreale Dialoge führen lässt.

Bei allem Willen zum Experiment und formalen Sich-Ausprobieren – das war für mich über die Länge des Buchs dann doch zu unlesbar.

Ärgerlich ist das vor allem, da unter allen Manierismen und erzählerischen Schlacken immer wieder eine tolle und faszinierende Geschichte durchschimmert. Das Potential einer außergewöhnlichen Geschichte ist ja da – doch John Wray verschießt leider sein ganzes Pulver, um diesen überlangen Roman zu etwas Besonderem zu machen. Und genau daran scheitert er dann eben, denn Dada, Physik und viel Zeitkolorit wollen hier nicht miteinander reagieren und nicht zu einer flüssigen Erzählung legieren.

So bleibt der Roman hinter den Erwartungen zurück – ein engeres Korsett hätte „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ gutgetan. In meinen Augen die bessere Wahl wenn es um Physik, Zeitgeschichte und Faszinosien geht – Reif Larsen mit Die Rettung des Horizonts.